Mene tekel! Eine Entdeckungsreise nach Europa

Part 4

Chapter 42,885 wordsPublic domain

Zur Erläuterung dessen muß ich auf eine noch weiter abliegende Zeit zurückgreifen. Im Verlaufe des neunzehnten Jahrhunderts hatte sich die Industrie zu einer noch nie vorher erreichten Höhe aufgeschwungen. An Stelle der kleinen Handwerksbetriebe des Mittelalters war zuerst die Manufactur getreten, d. h. jene Gattung von Großbetrieben, in welcher jeder Arbeiter jahraus, jahrein nur einen ganz bestimmten Theil eines Productes herstellte, in denen also eine weitgehende Arbeitstheilung herrschte, die Geschicklichkeit des Arbeiters aber immer noch ausschlaggebend war für die Beschaffenheit des fertigen Productes. Ein großer Theil der einst selbständigen Handwerker war schon damals zu Lohnarbeitern geworden, deren Existenz von den Fabrikanten abhängig war; in ganz rapider Weise aber begann sich dieser Umwandlungsproceß zu vollziehen, nachdem der Fortschritt in den Naturwissenschaften zu der Erfindung zahlloser Arten von Maschinen geführt hatte, welche die Herstellung der Producte ganz unabhängig machten von der Tüchtigkeit des Arbeiters und mit ungeheuren Massen Waaren aller Art den Weltmarkt überschwemmten. Die Zahl der besitzlosen Lohnarbeiter schwoll zu einer solchen Höhe an, daß ihr gegenüber diejenige der Besitzenden fast verschwand, und diese Masse wurde noch fortwährend vermehrt durch solche Handwerker, welche den Wettkampf mit der im Großen arbeitenden Industrie nicht auszuhalten vermochten und ihre Selbständigkeit verloren. Auf der einen Seite standen also die Besitzenden, ein kleiner Bruchtheil der Gesammtheit, welcher allen Grund und Boden, alle Rohstoffe, Gebäude, Maschinen sein Eigen nannte, und deshalb den Nutzen der gesammten Arbeitsthätigkeit und aller menschlichen Erfindungen einheimste, während auf der anderen Seite die ungeheure Masse der Besitzlosen stand, denen nichts geblieben war, als ihre Arbeitskraft, von deren Verkauf sie ihr Leben fristete. Je mehr sich aber das Maschinenwesen vervollkommnete, desto krasser gestaltete sich dieses Mißverhältniß. Die Arbeit an den Maschinen vereinfachte sich derart, daß ein Weib oder schließlich ein Kind genügte, um das zu verrichten, was ehedem die Thätigkeit von zwanzig Männern erheischt hatte. Die Fabrikanten entließen also ihre Arbeiter und behalfen sich mit Frauen- und Kinderarbeit, die ihnen weit billiger kam. Dadurch entstand nicht nur ein Heer von Arbeitslosen, die meistens bis zur tiefsten Stufe menschlichen Elends herabsanken, sondern es wurde auch der Lohn der noch in Arbeit befindlichen Männer auf ein Minimum herabgedrückt, so daß diese Unglücklichen auch bei angestrengtester Arbeit von früh bis in die Nacht nicht mehr im Stande waren, sich und die Ihrigen mit den nothwendigsten Lebensbedürfnissen zu versorgen. Diese Zustände hatten aber noch Anderes im Gefolge. Die Arbeiterfamilie löste sich gänzlich auf in dem Augenblicke, als die Frau ihrem häuslichen Wirkungskreise entzogen und in die Fabrik versetzt wurde; der Schulbesuch der Arbeiterkinder wurde vernachlässigt, Wohnung und Kost der Proletarier sank zu einer menschenunwürdigen Stufe herab und die Prostitution begann in erschreckender Weise um sich zu greifen.

Waren diese schreienden Uebelstände schon fühlbar in solchen Zeiten, in denen die Industrie in Flor stand und es an Arbeit meistens nicht fehlte, so wurden sie noch weit fühlbarer, sobald, in Folge der allzueifrigen Production, die Preise der Waaren sanken, der Handel stockte und zahlreiche Fabriken den Betrieb einstellten. Das Heer der Arbeitslosen, der ohne Nahrung und Obdach Umherirrenden, wuchs dann lawinenartig an und schreckliche Leiden kamen über die Arbeiterbevölkerung.

Aber auch die Besitzenden waren in solchen Zeiten nicht auf Rosen gebettet. Das verwickelte Getriebe der ganzen Wirthschaftsmethode, in welcher die Concurrenz die einzige Triebfeder war, stellte einen überaus empfindlichen Mechanismus dar. Ein geringfügiges Ereigniß konnte genügen, um unzählige Existenzen zu vernichten; Niemand, auch der Reichste nicht, durfte sicher sein, daß ihn der nächste Tag nicht in die Reihen der Besitzlosen hinabschleudern werde. Seit Mitte des neunzehnten Jahrhunderts machte sich nun in den Arbeiterkreisen eine Bewegung bemerkbar, welche auf eine Umwandlung dieser wahnsinnigen Productionsweise in eine vernünftigere abzielte. Man erkannte in dem Umstande, daß sich alle Behelfe zur Erzeugung von Producten, d. h. Grund und Boden, Maschinen, Werkzeuge, Rohstoffe &c., im Privatbesitz Einzelner befanden, somit die große Mehrheit der Bevölkerung von diesen Productionsmitteln getrennt war, die Grundursache der verderblichen Wirthschaft. Das Heil Aller, so lautete die Parole, liege darin, daß an die Stelle des Privatbesitzes an den Productionsmitteln, der Allgemeinbesitz trete. Die Partei, welche dieses Ziel anstrebte, nannte man die socialistische, oder socialdemokratische und ihre Anhänger waren von Seite des Staates und der besitzenden Classen allerhand Bedrückungen und Gewaltmaßregeln ausgesetzt. Die sociale Frage aber, deren Lösung sie auf ihre Fahne geschrieben hatte, war nachgerade die brennendste von allen geworden; sie beschäftigte alle Gemüther, hielt die Parlamente in Athem, setzte Tausende von Federn in Bewegung und bemächtigte sich aller Gebiete des öffentlichen Lebens. Wie hundert Jahre früher der Bürgerstand um seine Erlösung aus den Fesseln des Absolutismus gekämpft hatte, so suchte jetzt die große Masse des Proletariats nicht allein sich selbst, sondern die ganze Welt zu erlösen von einer täglich ungesunder werdenden Productionsweise, von einer wirthschaftlichen Knechtschaft, deren Druck zwar am empfindlichsten auf den untersten Volksschichten ruhte, welche aber auch den oberen Ständen in immer unangenehmerer Weise fühlbar wurde. Die Socialdemokratie hatte in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts aus bescheidenen Anfängen, trotz aller Hindernisse, welche ihr der Staat in den Weg legte, eine großartige Organisation geschaffen, welche sich über die ganze civilisirte Welt erstreckte und Millionen begeisterter Anhänger in ihren Reihen zählte. Diese ungeheure, ein und derselben Parole folgende Masse verhielt sich indessen durchaus streng in den Grenzen der bestehenden Gesetze. Aber mit unverwüstlicher Zähigkeit strebte sie unausgesetzt darnach, politische Rechte zu erringen, wo ihr dieselben versagt waren, oder ihre Wünsche und Beschwerden in den gesetzgebenden Körpern zur Geltung zu bringen, dort wo sie Vertreter in die Parlamente entsenden durfte. Nicht zufrieden damit, unablässig an der materiellen Hebung des Arbeiterstandes zu wirken, bestrebte sie sich auch, stets eingedenk des Wortes: »Bildung ist Macht«, das geistige Niveau ihrer Anhänger zu heben und dies war ihr mit Hülfe unzähliger Vereine, Bibliotheken, Zeitschriften, Flugblätter u. s. w. bereits am Ausgange des neunzehnten Jahrhunderts so gut gelungen, daß das durchschnittliche Bildungsniveau der Arbeiter dasjenige der Kleinbürgerschaft merklich überstieg und daß sie im Stande waren, aus ihren Reihen Schriftsteller, Journalisten und Redner auf den politischen Kampfplatz zu schicken, welche den Geisteskoryphäen der Bürgerschaft, des Adels und der Geistlichkeit nichts nachgaben. Mit ungeheurer Kraftanstrengung und eiserner Energie hob sich die Arbeiterschaft aus tiefstem Elende zu einer geistigen und sittlichen Höhe empor, welche sie befähigen mußte, in jenem Momente als zielbewußte, politisch reife Macht aufzutreten, in welchem die Zügel den schlaffen Händen der besitzenden Klassen entfallen würden. _Je tüchtiger und reifer die Arbeiterschaft in diesem Augenblicke war, desto leichter und schmerzloser mußte sich die unvermeidliche Umwälzung vollziehen._

Fast alle Staaten der civilisirten Welt sahen sich wohl oder übel durch die immer gewaltiger anschwellende Bewegung genöthigt, ihr Augenmerk den socialen Mißständen zuzuwenden, was sie bisher gänzlich verabsäumt hatten. Man versuchte von Staats wegen das oft überaus traurige Loos der arbeitenden Klassen zu bessern; man gründete Krankenkassen, Unfalls- und Altersversicherungskassen für die Arbeiter, man stellte Gewerbeinspectoren an, welche die Thätigkeit in den Fabriken und anderen Gewerben überwachen und Mißbräuche abstellen sollten, man baute Arbeiterhäuser, Volksküchen u. s. w., aber man verfuhr dabei in den meisten Fällen mit einer so pedantischen Engherzigkeit, daß der Nutzen aller dieser Anstalten ein sehr mäßiger blieb und die berechtigten Forderungen der Arbeiter dadurch nicht befriedigt wurden. Gleichwohl schien es zu jener Zeit, als sollte sich die Umwälzung in der wirthschaftlichen Productionsweise, welche von der Socialdemokratie angestrebt wurde, auf friedlichem Wege und sehr langsam vollziehen, denn einerseits wurde die capitalistische Gesellschaft durch die Macht der Verhältnisse immer mehr und mehr in eine Bahn gedrängt, auf der ihre Umgestaltung nach dem Sinne der Socialdemokratie nur noch eine Frage der Zeit sein mußte, und andererseits wäre eine gewaltsame Auflehnung gegen die furchtbaren Machtmittel des Staates heller Wahnsinn gewesen, eine Erkenntniß, welcher sich selbst die radicalsten Führer der socialen Bewegung nicht verschließen konnten.

So standen die Dinge zu Beginn des letzten Decenniums im neunzehnten Jahrhundert, als ein unvorhergesehenes Ereigniß die friedliche Entwicklung der Gesellschaftsreform für unabsehbare Zeit verhinderte.

Im Jahre 1892 erschien in der Hauptstadt des deutschen Reiches ein Büchlein, welches ungeheueres Aufsehen machte und in Hunderttausenden von Exemplaren verbreitet wurde. Der Titel dieses verhängnißvollen Büchleins war: »Socialdemokratische Zukunftsbilder«, der Verfasser: einer der ersten Redner des Parlaments, Eugen Richter, welcher an der Spitze der sogenannten freisinnigen Partei stand und ein erbitterter Feind der Socialdemokratie war. In diesem Buche schilderte er mit glühender Phantasie die Schreckensbilder, denen Deutschland entgegengehen werde, falls es jemals der Socialdemokratie gelingen sollte, ihre Pläne zur practischen Ausführung zu bringen, d. h. den socialen Staat an Stelle des capitalistischen in's Leben zu rufen. Mit gieriger Hast wurden die, in den düstersten Farben gehaltenen Schilderungen vom deutschen Publikum verschlungen; die Wirkung war eine ungeheure. Mit _einem_ Schlage war der ganze erschreckliche Abgrund, dem das Vaterland entgegentaumelte, vor den bestürzten Blicken enthüllt; Tausende und Abertausende, von Entsetzen übermannt, für ihre eigene, wie für die Existenz ihrer Familien zitternd, verlangten ungestüm Hülfe und Rettung von der Allmacht des Staates. Der Kaiser schwankte; noch konnte er sich nicht entschließen, zu dem früher oft angewendeten Mittel gewaltsamer Unterdrückung zu greifen.

Da kamen die Reichstagswahlen von 1895, und die socialdemokratische Fraction, bisher sechsunddreißig Mitglieder zählend, wuchs auf fünfzig an; es kamen die Wahlen des Jahres 1900 und mit _einem_ Schlage ward die Socialdemokratie zur mächtigsten Partei des Parlamentes, in dem sie nicht weniger als neunzig Mandate ihr Eigen nannte, während die sogenannten Ordnungsparteien, in zahllose Fractionen und Fractiönchen gespalten, dieser ehernen Phalanx gegenüber in ohnmächtiger Verwirrung dastanden. Ein Todesschrecken erfaßte die ganze Bourgeoisie, den Geld- und Geburtsadel, die Geistlichkeit aller Confessionen und nicht zum Mindesten den Kaiserhof selbst. Es schien, als stünde das jüngste Gericht vor den Thoren, und der Ruf nach Hülfe vor dem drohenden Untergange wurde lauter und eindringlicher als je. Noch stand ja der Regierung die große, herrliche, in hundert Schlachten und Gefechten siegreich gewesene Armee zur Verfügung, auf die man sich fest verlassen konnte, wenn es galt, die schwer bedrohte Gesellschaftsordnung zu retten. Die Regierung, von allen Seiten bestürmt, zögerte nun auch nicht mehr länger, energische Maßregeln zu ergreifen.

Am Morgen des 10. April 1900 prangten an allen Straßenecken Berlins große Zettel, welche die Auflösung des Reichstages und die Abschaffung des allgemeinen Wahlrechtes für die neu auszuschreibenden Reichstagswahlen ankündigten. Zugleich erfuhr man, daß sämmtliche socialistische Abgeordnete beim ersten Morgengrauen durch starke Abtheilungen von Militär und Schutzleuten aus ihren Wohnungen abgeholt und in geschlossenen Wagen unter Kavallerie-Eskorte nach Spandau transportirt worden wären.

Die erste Wirkung war die eines lähmenden Schreckens, welcher das Volk in der Hauptstadt urplötzlich ergriffen zu haben schien. Anfänglich blieb Alles ruhig, aber die Straßen im Centrum der Stadt füllten sich von Stunde zu Stunde immer mehr mit den von den Vorstädten hereinströmenden Volksschaaren. Alle Geschäfte, alle Fabriken stellten ihre Thätigkeit ein, und die dort beschäftigten Arbeiter vergrößerten die durch die Straßen wogenden Massen. Aber auf dieser ganzen ungeheueren Menge lastete ein dumpfes Schweigen; nur flüsternd ward die Kunde von dem, was geschehen, von Mund zu Mund getragen; man ahnte, daß Schreckliches folgen werde, aber Niemand hatte den Muth, das Losungswort zu geben. So wurde es Mittag; mit klingendem Spiele kam, wie alltäglich, die Wache zur Ablösung der Posten am Schlosse und den anderen öffentlichen Gebäuden dahergezogen. Die Menge stand unbeweglich wie eine Mauer, und wie das Grollen der See, wenn der erste Windstoß über sie hinfährt, so begann beim Anblick des Militärs ein dumpfes Murren und Brausen in der hunderttausendköpfigen Masse. Erst der Versuch, diese lebendige Mauer mit Gewalt zu durchbrechen, brachte Bewegung in dieselbe. Zwei Minuten später war die Abtheilung Soldaten über den Haufen gerannt, entwaffnet, wer sich zur Wehr setzte, niedergemacht; das erste Blut war geflossen und der Anblick desselben berauschte das Volk. Der Aufruhr hatte begonnen! Aus den Riesengebäuden der Kasernen ergossen sich die bereit gehaltenen Regimenter in die Straßen und vertheilten sich nach dem schon vorher festgestellten Plane, während aus den Nachbarstädten bereits Zug auf Zug, vollgepfropft mit Truppen, zur Hülfe herbeisauste. Fünf Tage und Nächte lang wogte der Straßenkampf von einem Ende der Residenz bis zum anderen. Auch das Volk erhielt Verstärkung; Tausende von Bauern und Fabrikarbeitern zogen von allen Seiten zur Unterstützung herbei, aber das Ringen war, trotz allen Heldenmuthes der Insurgenten, vom Anfang an durch die Ueberlegenheit der Waffen und der Disciplin zu Gunsten der Truppen entschieden. Auch die anderen blutigen Aufstände, welche an zahlreichen Orten des Reiches emporloderten, wurden bald niedergeschlagen; die letzten Schaaren der Freiheitskämpfer flüchteten in die Wälder und Gebirge an der böhmischen Grenze und führten dort noch Monate lang einen erbitterten Guerillakrieg gegen die sie verfolgenden Soldaten und Gensdarmen.

Das Strafgericht, welches folgte, war schrecklich; die überall eingesetzten Kriegsgerichte verfuhren mit draconischer Strenge, und bald lag die Ruhe des Friedhofes über dem aus tausend Wunden blutenden Vaterlande.

Einige Monate später trat der, nach dem neuen Wahlgesetze, dem ein engherziger Census zu Grunde gelegt worden war, gewählte Reichstag zusammen. Natürlich war kein einziger Socialdemokrat mehr in demselben zu erblicken. Was die Waffen begonnen, sollte nun die Gesetzgebung vollenden: die gänzliche Niederwerfung, nein! Ausrottung der Socialdemokratie. Alle »Ordnungsparteien« halfen bereitwilligst der Regierung bei diesem Werke. Sämmtliche Arbeiterblätter wurden unterdrückt, die Arbeitervereine aufgelöst, jeder politisch Verdächtige festgenommen. In letzterer Beziehung gingen übereifrige Polizeiorgane sogar so weit, daß Herr Eugen Richter, am nämlichen Tage, an welchem der Reichstag den Regierungsantrag einstimmig annahm, Herrn Richter wegen seiner Verdienste um die Vernichtung der Socialdemokratie bei Lebzeiten schon ein Denkmal zu setzen, -- daß Herr Eugen Richter am nämlichen Tage bei einem Haare auf den Schub gekommen wäre. Gleichzeitig ging man auch daran, den Arbeitern durch Erschwerung ihrer Existenz den »Brodkorb«, wie man sich ausdrückte, höher zu hängen. Hunger und Elend sollte die gefährliche Masse mürbe machen. Zuerst wurden sämmtliche Gewerbeinspectorate abgeschafft, die Bestände der Krankenkassen, Unfallversicherungs-, Invaliditäts- und Altersversicherungskassen eingezogen und zur Gutmachung jenes Schadens verwendet, den der Aufstand verursacht hatte.

Den Arbeitgebern wurde vollständig freie Hand gelassen in Bezug auf Verwendung weiblicher und jugendlicher Arbeiter, sowie schulpflichtiger Kinder; die Beschränkungen der Arbeitszeit, sowohl bei Tage, wie bei Nacht, wurden aufgehoben -- mit einem Worte: Alles, was vor dem großen Aufstande an Schutzmaßregeln zu Gunsten der Arbeiter und _aus Furcht vor der Socialdemokratie_ geschaffen worden war, wurde rückgängig gemacht.

Zu Anfang des Jahres 1901 war das große Werk gethan: _Die Socialdemokratie hatte aufgehört zu existiren, der ruhigen Entwicklung der capitalistisch organisirten Gesellschaft stand nichts mehr im Wege_, denn auch in allen übrigen civilisirten Staaten hatten sich ähnliche Vorgänge abgespielt. Zum ersten Male seit langen, langen Jahren athmete der friedliche Bürger wieder beruhigt auf. Herr Eugen Richter aber stand auf dem Gipfel einer Popularität, gegen welche selbst die seines einstigen Feindes Bismarck verblaßte.

7. Capitel.

Die weitere Entwicklung der capitalistischen Gesellschaftsordnung. -- Arbeiter und Bauern im Jahre 1970. -- Die oberen Zehntausend im 20. Jahrhundert. -- Krisen und Kartelle. -- Die letzte Actiengesellschaft. -- Bellamy's Prophezeiung. -- Was Herr Eugen Richter gesäet hat.

Die Lage der arbeitenden Classen begann nun eine unsagbar traurige zu werden. Die Fabrikanten, durch keine Rücksicht mehr gebunden, erniedrigten die Löhne weit unter das bisherige Niveau, erhöhten aber andererseits die Arbeitszeit bis zur äußersten Grenze. In rücksichtslosester Weise nutzten sie vornehmlich die Arbeitskraft der Frauen und Kinder aus; vom zartesten Alter angefangen, wurden die Kinder in die Fabriken getrieben, die ihnen weder zum Spiele noch zur Schule Zeit übrig ließen; die Wöchnerinnen, kaum daß sie entbunden hatten, schleppten sich wieder zur Maschine heran. Während die Arbeitszeit der Frauen und Kinder beständig anwuchs, lungerten große Schaaren arbeitsloser Männer auf den Straßen umher, bereit, für den geringsten Entgelt jede beliebige Arbeit zu übernehmen. Von einem eigenen Heerde, von einem Familienleben wußte der Arbeiter nichts mehr; die jämmerlichen, schmutzstarrenden Löcher, in denen er mit Weib und Kindern und »Schlafgängern«, wie die Häringe zusammengepfercht, seine Nächte verbrachte, verdienten den Namen menschlicher Wohnungen nicht. Seine Nahrung war gänzlich unzureichend, einem menschlichen Körper die nöthigste Kraft, die er verausgabt, wieder zu ersetzen; seine Kleidung bestand in Lumpen; er kannte nicht die Wohlthat eines erfrischenden Bades, eines Spazierganges in Wald oder Feld, er wußte nichts von Unterhaltung oder Zerstreuung, er bekam nie mehr ein Buch oder eine Zeitung in die Hand; _wenn er Arbeit hatte, so war er ein Sclave, bekam er keine, so wurde er zum Vagabunden_. Als die ersten Decennien des zwanzigsten Jahrhunderts vollendet waren, war aller Orten eine Arbeitergeneration herangewachsen, welche derjenigen vor dem großen Aufstande in keiner Beziehung mehr glich. Der Arbeiter von 1890 war, der großen Mehrzahl nach, intelligent, wißbegierig, belesen und in körperlicher Beziehung ziemlich gesund und kräftig; im Jahre 1930 war die Arbeiterschaft im Großen und Ganzen bereits sowohl körperlich als geistig tief gesunken. Die schwächlichen strapazirten Frauen hatten noch schwächlichere, ungesunde Kinder zur Welt gebracht, die beinahe ohne Pflege und ohne Unterricht aufwuchsen, schon frühzeitig bei endloser einförmiger Arbeit in den Fabriken verblödeten und die Keime unheilbarer Krankheiten einsogen.

Der Durchschnittsarbeiter von 1930 war ein schwaches, engbrüstiges, schwindsüchtiges Individuum, das mit eingefallenen Wangen und schlotternden Knieen zur Arbeit wankte und seine wenigen Freistunden in dumpfem, apathischem Brüten verbrachte. Der Proletarier von 1970 aber, zu einer Zeit wo der menschliche Erfindungsgeist die herrlichsten Triumphe gefeiert und Wunderwerke der Technik vollendet hatte, der Proletarier von 1970 war ein Geschöpf, das Mitleid und Entsetzen gleichzeitig einflößte. Einen entsetzlichen Umfang hatte insbesondere die Prostitution angenommen. Die Löhne der Arbeiterinnen waren so niedrig, daß sie, um leben zu können, direkt auf die Prostitution angewiesen waren. Die Fabrikanten rechneten von vornherein darauf, daß die Frauen und Töchter der Arbeiter den Ausfall in ihren Einnahmen durch Verkauf ihres Körpers decken würden, aber die Schaaren dieser Unglücklichen waren nur ein Bruchtheil des ungeheuren Heeres Jener, welche sich gänzlich dem Schandgewerbe ergeben hatten. Zu Tausenden füllten diese Geschöpfe die Straßen der Vorstädte, und auch die unerbittlichste Polizeistrenge vermochte sie nicht ganz aus den eleganten Vierteln zu verdrängen.