Mene tekel! Eine Entdeckungsreise nach Europa

Part 3

Chapter 33,352 wordsPublic domain

Unsagbar traurig war der Anblick dieser geistig und körperlich verkümmerten Menschen, aus deren Augen Hunger und Stumpfsinn sprachen. Die Fragen, welche man an sie richtete, beantworteten sie mit einem cretinartigen Lachen oder unverständlich blökenden Tönen. Nicht einmal den Namen, den ihre Stadt einst getragen, wußten sie anzugeben und dennoch sollte sich bald herausstellen, daß ihnen eine Erinnerung an längst vergangene Zeiten geblieben war, wenngleich in eigenthümlicher Form. Auf dem Platze, an dem die Expedition bivouakirte, erhob sich ein Denkmal eigener Art. Auf einem hohen Sockel aus Marmor standen da, in Erz gegossen, welches im Laufe der Jahrhunderte eine grünbraune Patinaschicht überzogen hatte, die überlebensgroßen Figuren zweier Männer in altmodischer Tracht. Der Eine von beiden, anscheinend der Jüngere, mit wallendem Haar und freien edlen Gesichtszügen, richtete die Blicke schwärmerisch gen Himmel, während der Andere, Aeltere, eine imposante Figur, klaren Auges mit der Ruhe des gereiften Mannes in's Weite sieht. Beide Gestalten hielten gemeinschaftlich mit je einer Hand einen Kranz; kein Name, keine Jahreszahl war auf dem verwitterten Steine mehr sichtbar. Als einige der Seeleute sich anschickten, dicht neben dem Denkmal ein Lagerfeuer zu entzünden, kam auf einmal eine seltsame Unruhe über die Eingeborenen. Mit ängstlichen Geberden drängten sie sich heran, wiesen auf das Denkmal und baten mit aufgehobenen Händen und flehenden Mienen, den Stein, auf welchem die Erzbilder sich erhoben, nicht zu berühren. Einer unter ihnen, ein Greis mit weißem Haar und Bart, in dessen Antlitz die Jahre unzählige Runzeln gegraben, wußte sich durch einige Worte und Geberden soweit verständlich zu machen, daß die Freilandleute endlich begriffen, das räthselhafte Monument gelte in den Augen der Unglücklichen als eine Art Heiligthum, dessen Berührung oder Beschädigung den Zorn überirdischer Mächte heraufbeschwören könne. Kurt, der hinzukam, trug Sorge, daß seine Leute in angemessener Entfernung von dem Denkmale ihre Vorbereitungen für das Bivouak trafen und stellte sogar eine Wache auf, welche jede Annäherung Unberufener an das Heiligthum des Ortes verhindern sollte. Die armen Menschen, als sie dies sahen, waren vor Freude fast außer sich; mit strahlenden Mienen, unverständliche Worte des Dankes ausrufend, drängten sie sich an Kurt heran, drückten ihm die Hände und küßten den Saum seines Rockes. Nachdem er sich mit Mühe ihrer Gunstbezeigungen erwehrt hatte, versuchte er, sich ihnen so gut als möglich verständlich zu machen. Er glaubte annehmen zu dürfen, daß der Ort, von welchem seine Familie stammte, hier in der Nähe liegen müsse; vielleicht war es sogar dieses Städtchen, in dem er sich just befand; vielleicht waren einige dieser unglücklichen Geschöpfe Sprößlinge desselben Geschlechtes wie er.

Aber umsonst waren alle seine Fragen und Zeichen; die Eingeborenen schüttelten die Köpfe oder stießen ein blödes Lachen aus; von den Namen, die er nannte, hatte augenscheinlich Keiner etwas gehört. Müde des nutzlosen Parlamentirens wendete sich Kurt endlich ab und ging seines Weges. Da trat jener Greis, wehmüthig anzuschauen in seinem zerlumpten Röckchen, auf ihn zu und bedeutete ihn mit dringenden Geberden, ihm zu folgen. Er führte ihn quer über den Platz durch mehrere Seitengassen, bis sie endlich draußen vor den letzten Häusern standen, wo eine mit niedrigem Gestrüpp bewachsene Fläche begann. Der Alte bog, diensteifrig voranschreitend, die Zweige der nächsten Stauden auseinander, und nun sah Kurt, daß er sich auf einem uralten, verwilderten Friedhofe befand. Im Schatten der niederhängenden Zweige lag da Stein an Stein, die Grabstätten verschollener Geschlechter, manche halb versunken in dem von Unkraut überwucherten Boden, alle mit Moos und Flechten überzogen und von Zeit und Wetter geschwärzt. Kurt's Führer schritt rasch und achtlos zwischen den Gräbern durch, bis er eine Stelle erreichte, wo an einer verfallenen Mauer unter Fliederbüschen ein Grabstein lehnte, grau und verwittert gleich den übrigen, aber mit halbverwischten Lettern, auf die der Alte schweigend mit dem Finger deutete. Kurt beugte sich zu dem Steine nieder und begann mühsam die Inschrift zu entziffern. Nach einigen vergeblichen Versuchen hatte er den Schlüssel gefunden, die Buchstaben reihten sich ihm zu Silben und Worten, und da stand der Name, den er selbst führte, wohl in etwas veränderter Schreibweise, aber deutlich erkennbar auf der Platte; ein geborstener Stein, ein versunkener Grabhügel war die einzige Spur, die er entdeckt hatte.

Während sie den Rückweg antraten, gab er sich Mühe, seinem Führer deutlich zu machen, daß er, wenn möglich, ein noch lebendes Mitglied jener Familie zu sehen wünsche, deren Name er auf jenem Steine gelesen habe. Es war nicht ganz leicht, dem Alten das zu verdolmetschen, aber endlich bemerkte Kurt doch zu seiner Freude, wie ein Schimmer von Verständniß in den Augen seines Begleiters aufleuchtete. Der Greis nickte lebhaft mit dem Kopfe, als Kurt seine Frage wiederholte, ergriff dann seine Hand und zog ihn in ein Seitengäßchen hinein, das von einer Reihe elender baufälliger Hütten gebildet wurde. Hier bog er, nachdem sie etwa hundert Schritte zurückgelegt hatten, in einen Thorweg ein, hinter dem sich ein enger von geschwärzten Mauern eingefaßter Hof aufthat. In einem Winkel dieses düsteren Raumes führte eine schmale zerbröckelnde Stiege in das obere Stockwerk hinauf. Eilfertig kletterte der Alte hinan; offenbar war er es gewöhnt, derartige Wege zurückzulegen; Kurt folgte zögernd; die ganze Excursion fing an, ihm Bedenken einzuflößen und unwillkürlich griff er in den Gürtel, wo sein Revolver stak. Oben angelangt, traten sie in ein kleines, ganz kahles Gemach, und kaum hatte Kurt einen Schritt über die Schwelle des unheimlichen Raumes gethan, als er entsetzt zurückfuhr. Vor ihm, von einem Strohhaufen, erhob sich eine Gestalt, die nichts Menschliches mehr an sich hatte. Ein unförmlicher Wasserkopf, aus dem stiere, glanzlose Augen hervorquollen, ein zahnloser, weit offen stehender Mund, so wankte das Gespenst mit gellendem Lachen auf ihn zu. Er roch den muffigen, ekelhaften Dunst der Lumpen, sah wie ein Paar fleischloser Arme mit spinnenartigen Fingern nach ihm tasteten und ein Grauen überfiel ihn, wie er es nie zuvor gekannt hatte. Als er wieder zu sich kam, stand er allein draußen auf der Gasse; der Alte war verschwunden, aber aus dem unheimlichen Hause gellte ihm noch schauerliches Lachen nach. Scheuen Blickes sich umschauend, eilte er mit großen Schritten dem Ausgange der Gasse zu. Als er den Lagerplatz erreichte, hatte die Mannschaft soeben abgekocht und er sah nun, wie die Eingeborenen, angezogen von dem Dufte der brodelnden Speisen, sich gierig herandrängten und sehnsüchtige Blicke in die dampfenden Kessel warfen. Der Vorrath der Expedition an Conserven aller Art, der unterwegs noch durch reiche Jagdbeute vermehrt wurde, war ansehnlich genug, um den armen, hungrigen Leuten manch saftigen Bissen zukommen lassen zu können und die Art, in welcher diese verkümmerten Geschöpfe ihre Dankbarkeit bezeigten, war wirklich rührend.

Die Sonne neigte sich dem Untergange zu, da bemerkte Kurt, wie zuerst Einzelne, dann immer mehr und mehr Eingeborene sich in die Nähe des Denkmals begaben, dort auf die Kniee sanken und in betender Stellung verharrten. Die Menge vergrößerte sich durch Zuzug aus den umliegenden Häusern und Gassen und endlich mochten wohl mehrere Hundert beisammen sein, welche ihre Andacht vor dem Standbilde verrichteten. Als der letzte Sonnenschimmer verschwunden, schlichen sich die Betenden still davon und Kurt sah ihnen, in Gedanken versunken, lange nach. Er hatte nicht bemerkt, daß Willy zu ihm getreten war, bis er beim Klange seiner Stimme emporfuhr:

»Sie glauben, daß die Männer da oben zwei Brüder aus göttlichem Geschlechte vorstellen, die vor vielen hundert Jahren vom Himmel herabstiegen, um den Menschen das Licht zu bringen. Die Schlechtigkeit der Menschen aber zwang sie, in ihre himmlische Heimath zurückzukehren. Nun beten diese Armen zu ihnen, immer in der Hoffnung, daß die Göttergestalten einmal wiederkehren und ihnen das verschwundene Paradies zurückbringen.«

5. Capitel.

Die Alpen in Sicht. -- Eine Schlappe der Expedition. -- Im deutschen Urwald. -- Das Leben in der Pfahlbauhütte. -- Kurt und Waltraut. -- Die Memoiren des Urahnen.

Nach zweimonatlichem Marsche sahen die Expeditionstruppen in der Ferne die blauschimmernde Kette der Alpen auftauchen, die sie mit Jubel begrüßten; schien es doch Jedem von ihnen, als sei nunmehr der größte Theil ihrer schwierigen Aufgabe gelöst. Jenseits dieser Berge begann ja die Zone eines südlicheren Himmels, schimmerte das blaue herrliche Mittelmeer, und weiter hinaus grüßte die Heimath, das schöne, sonnige Afrika. Ehe man den Fuß der Berge erreichte, waren indessen noch Hindernisse zu überwinden, welche von Tag zu Tag an Zahl und Größe zunahmen. Mächtige pfadlose Urwälder dehnten sich meilenweit vor der Truppe aus, die waldfreien Strecken aber bestanden aus unübersehbaren Sümpfen, in denen man nur einzeln, Mann für Mann, vorzudringen vermochte. Dazu kamen fast täglich die Angriffe kriegerischer Eingeborener, denen gegenüber man fortgesetzt auf der Hut sein mußte. Es waren kräftige, hochgewachsene Menschen, die sich ihrer primitiven Waffen mit großer Geschicklichkeit und einem an Wildheit grenzenden Ungestüm bedienten, auch jedem Versuche, friedliche Beziehungen anzuknüpfen, entschieden abhold waren.

Am 26. Juli gegen Abend wurde die Colonne, als sie auf schmalem, sumpfigem Pfade einen Hohlweg passirte, von allen Seiten mit Heftigkeit angegriffen. Ein Hagel von Pfeilen, Wurfspießen und Steinen ergoß sich von den mit undurchdringlichem Urwald bedeckten Höhen auf die Expeditionstruppen, die sich in einer verzweifelten Lage befanden. Jeder Zusammenhalt löste sich auf; der einzelne Mann wehrte sich seiner Haut, so gut und so lange er konnte, aber dieser Widerstand gegen einen fast unsichtbaren Feind war von Anfang an ein hoffnungsloser. Als die Nacht hereinbrach, war es einem Theil der Expedition gelungen, sich mit Zurücklassung des Gepäcks aus dem unseligen Hohlwege zu retten; an zweihundert Mann aber fehlten und von ihnen fanden sich erst im Laufe des nächsten Tages etwa dreißig Versprengte, meistentheils verwundet, bei der Truppe wieder ein. Kurt war bald nach Beginn des Gefechtes, von einem Keulenschlag getroffen, bewußtlos zusammengesunken, und als er, mit dumpfem Schmerz in allen Gliedern und verzehrendem Durste, wieder zu sich kam, war es finstere Nacht. Er wollte rufen, aber zugleich fiel ihm ein, daß vielleicht Feinde in der Nähe sein könnten und so schwieg er und kroch vorsichtig dem Waldrande zu, um hinter den lang herabhängenden Tannenästen Schutz zu suchen. Mit der Morgendämmerung setzte er seinen Weg im Schatten des Waldes fort, so lange es ihm seine sinkenden Kräfte erlaubten. Durch das dichteste Unterholz, über vermoderte Baumstämme, durch Sumpf und Gestrüpp, immer angstvoll spähend nach dem Feind, der unvermuthet jeden Augenblick auftauchen konnte, so hastete er vorwärts, ohne recht zu wissen, wohin. Stunde auf Stunde verrann; die Sonne mußte schon hoch am Himmel stehen, aber in die Nacht des Urwaldes spielte nur hie und da schüchtern einer ihrer Strahlen an den wettergrauen Stämmen herab. Mit dem letzten Reste seiner Kräfte erreichte Kurt endlich gegen Mittag eine Quelle, die unter einem Felsblock munter hervorrieselte und gänzlich erschöpft warf er sich neben ihr in's Moos. Sein Provianttäschchen war ihm glücklicherweise nicht abhanden gekommen, ein Stückchen der stärkenden Conserven, welche es enthielt, genügte vollauf, seine Kräfte neu zu beleben.

Nach längerer Rast erhob sich der Flüchtling wieder. Die Hoffnung, seine Kameraden einzuholen, mußte er vorläufig aufgeben und auf's Geradewohl wanderte er weiter, einem ungewissen Schicksal entgegen.

Die Sonne war bereits im Sinken, als er sich am Ufer eines bis in unabsehbare Ferne sich ausdehnenden Seespiegels sah. Von menschlichen Behausungen war weit und breit keine Spur zu entdecken; was hätten sie wohl auch anders bergen können als Feinde? Der Flüchtling wandte sich dem Ufer entlang und suchte sich, nicht ohne Mühe, seinen Weg zwischen Schilf und Urwald. Plötzlich drangen seltsame liebliche Klänge an sein Ohr. Vom See herüber, aus dessen Fluth mannshohes Schilf hervorwucherte, tönte der Gesang einer hellen Frauenstimme, als sei eine Nixe emporgestiegen aus der Tiefe. Ein uraltes, längst verschollenes Volkslied war es, was diese Stimme sang, und leise verhallten die Klänge über dem See. Einige Augenblicke blieb Alles still, dann kam es wie leise Ruderschläge durch das wehende Schilf heran und mitten aus dem grünen Dickicht lugte mit einem Male ein wunderliebliches Mädchenantlitz, umflossen von lichtblondem Haar, das lang und aufgelöst über die Schultern herabfiel. Wie einen Geist starrte Kurt die holde Erscheinung an, die ihm so wundersam bekannt und doch wieder so fremd vorkam, und bittend hob er die Hände; wenn ihm Hülfe werden sollte in seiner verzweifelten Lage, so kam sie von diesem Wesen, das der Himmel selbst zu seiner Rettung in die Wildniß des deutschen Urwaldes geschickt haben mochte.

Mit fliegenden Worten sprach er von seinem Schicksal, seiner Flucht durch die pfadlosen Wälder und als er beweglich bat, ihm Schutz und Obdach gewähren zu wollen, da sah er es seltsam aufleuchten in den großen dunklen Augen, die so fest und doch fragend auf ihn gerichtet waren, er wußte, daß er verstanden und erhört worden. Mit ein paar Ruderschlägen trieb das Mädchen ihr Fahrzeug dicht an's Ufer und winkte ihm stumm mit den Augen einzusteigen. Einige Minuten später schwammen sie draußen auf der Seefläche. Das Mädchen stand im Rücktheil des Fahrzeuges und handhabte die Ruder mit Kraft und Geschicklichkeit; unverwandt war ihr Blick auf den See hinausgerichtet, während Kurt die Augen nicht abwenden konnte von der schlanken lieblichen Gestalt. Der Oberkörper der Schifferin war knapp umschlossen von einem Gewand aus feinem, fast schwarzen Pelze, welches Hals und Nacken sowie die Arme bis über die Ellbogen hinan frei ließ. Vom Gürtel bis über die Knie herab fiel in Falten ein kurzes Kleid aus ähnlichem Stoffe; von seinem Saume bis zu den Knöcheln, welche niedliche Schuhe aus Rehleder umschlossen, war das schön geformte Bein nackt. Die blonden Haare bildeten einen seltsamen Gegensatz zu den großen dunklen Augen, die von langen, ebenso dunklen Wimpern beschattet wurden. Weibliche Anmuth und selbstbewußte Kraft sprachen aus jeder Bewegung des biegsamen Leibes. Ohne ein Wort zu wechseln, waren sie so geraume Zeit dahingefahren; schon begann sich die Dämmerung leise über den See zu legen, da hielt das Mädchen einen Moment inne und deutete mit der Hand auf eine dunkle Masse, die aus der Fluth emporragte:

»Meines Vaters Hütte! -- Hier bist Du sicher!« --

* * * * *

Seit mehr als Monatsfrist lebte Kurt in der Hütte des Pfahlbauers am Ammersee und kaum merklich begann schon der Herbst seine ersten Boten in die Wald- und Seeeinsamkeit zu senden. An jenem Sommerabend, als die Beiden an der Hütte landeten, hatte sie der Pfahlbauer mit verwunderten Mienen zwar, aber schweigend empfangen und dem Flüchtling die Hand zum Willkommgruße dargereicht. Dann hatte er ihn in den Wohnraum geführt, ihn zum Sitzen eingeladen und gutmüthig mit lächelndem Antlitz zugesehen, wie sein Gast über den Imbiß herfiel, den das Töchterlein eilfertig herbeigetragen hatte. Seit jener Stunde war Kurt kein Fremdling mehr in der Hütte, und ihm, der gewohnt war, in der glanzvollen Metropole am Victoria-Nyanza die Errungenschaften einer hoch entwickelten Cultur zu genießen, flogen in dieser Wildniß die Tage mit einer traumhaften Schnelligkeit dahin. Der alte Günther, eine hohe, kraftvolle Gestalt, dem der schneeige Bart weit über die Brust herabfloß, nahm ihn fast täglich mit hinaus auf die Jagd oder zum Fischfang; in den übrigen Stunden des Tages gab es stets Arbeit in Hülle und Fülle und die Abendstunden vergingen nur allzu schnell im traulichen Geplauder auf der Bank vor der Hüttenthür, wo man weit hinaussehen konnte über die goldigschimmernde Fluth bis hinüber zu der blauen Alpenkette; die liebsten Stunden aber waren dem Flüchtling jene, welche er mit der blonden Waltraut zusammen im Kahn verbringen durfte. Die Hütte auf mächtigen Eichenpfählen an einer seichten Seestelle errichtet, war auf allen Seiten von Wasser umgeben und der Nachen, auf dem Kurt hierhergekommen, war daher das Verkehrsmittel, dessen man sich bedienen mußte. Am Südrande des Sees, umgeben von einem festen Zaune, war ein Stück Urwald gerodet und in Acker und Wiesfeld verwandelt. In wohlgefügter Blockhütte standen daselbst zwei Kühe, das werthvollste Besitzthum des Pfahlbauers und fast täglich gab es dort für Waltraut dies oder jenes zu schaffen, wobei ihr die Hilfe Kurts nicht unwillkommen schien. So zutraulich und herzlich aber auch Waltraut, schier wie ein Schwesterlein, sich ihm gegenüber zeigte, so scheu und zurückhaltend wurde ihr Benehmen, sobald er sich hinreißen ließ, einen wärmeren Ton anzuschlagen, ihre Hand zu fassen oder gar scherzend den Arm um ihre Hüfte zu legen. Er selbst aber, voll des redlichsten Willens, die ihm erwiesene Gastfreundschaft heilig zu halten, zwang sich mit Macht, die immer mehr in ihm aufsteigende Leidenschaft niederzukämpfen.

Die letzten warmen Herbsttage mit ihrem geheimnißvollen duftigen Schleier aus Nebel und Sonnengold waren vorübergegangen; in der Nacht hatte sich ein grimmiger Sturmwind aufgemacht und fuhr, Regenschauer vor sich her treibend, über die blaugraue Fluth, daß sie in langgestreckten schweren Wogen aus der nebligen Ferne gegen die Hütte heranzog. Drinnen aber in dem engen Bau war's gar behaglich, denn von den Resten der untergegangenen europäischen Cultur hatte sich gerade noch genug in diesen Räumen erhalten, um das Leben in der Unwirthlichkeit des Urwaldes erträglich zu machen. So saßen sie an einem der Winterabende, während draußen der See schon allmählich zu erstarren begann, gar traulich beisammen; Kurt erzählte seinen Freunden von den Wundern Afrika's und als er geendet, erinnerte er Vater Günther, daß ihm dieser unlängst bei einem Jagdausfluge versprochen habe, ihn über die Ursachen der großen Catastrophe, welche das alte deutsche Reich getroffen und seine fast zweitausendjährige Cultur zerstört hatte, aufzuklären. Der Alte nickte mit ernster Miene, nahm den qualmenden Kienspahn aus der Mauerfuge und verließ schweigend das Gemach. Nach einigen Minuten kehrte er zurück und legte ein in Leder gebundenes Buch auf den Tisch, welches jenen dumpfen modrigen Geruch verbreitete, der alten Schriftwerken eigen ist. Voll brennender Neugier schaute Kurt auf das Buch, das ihm Aufschluß geben sollte über eine in Dunkel gehüllte Geschichtsepoche.

»Diese Schrift hat mein Urahne niedergeschrieben, als er vor vielen hundert Jahren aus seiner Heimath in Thüringen an die Gestade dieses See's flüchtete,« sprach der Alte mit einer gewissen Feierlichkeit, »es ist eine traurige Geschichte voll Blut und Thränen, die Dir Aufschluß geben wird, wie ein großes blühendes Reich durch den Unverstand der Menschen in eine Wildniß verwandelt wurde. Wir haben das Buch aufbewahrt wie ein Heiligthum und kein menschliches Auge, außer den unsrigen, hat noch darauf geruht. Waltraut soll es uns vorlesen, denn meine Augen taugen nicht mehr zu solchem Geschäft und Dir sind die krausen Schriftzüge der Vorzeit nicht geläufig.« Neue Kienspähne wurden in Brand gesetzt, Waltraut nahm das Buch und begann.

6. Capitel.

Deutschland am Ende des neunzehnten Jahrhunderts. -- Socialdemokratische Zukunftsbilder und ihre Folgen. -- Der Staatsstreich des Jahres 1900. -- Untergang der Socialdemokratie.

»Eine wilde schreckliche Zeit liegt hinter mir. Ich bin Zeuge von Ereignissen gewesen, an die ich noch jetzt, wo seitdem schon Jahre verflossen sind, nur mit Schaudern zurückdenken kann. Alles Bestehende habe ich zusammenbrechen sehen, ein mächtiges Reich in Trümmer fallen und die Menschen sich zerfleischen wie wilde Thiere. Mit Entsetzen habe ich erkannt, daß es kein Zufall war, der all' den Jammer über mein armes Vaterland brachte; eigenes Verschulden der verblendeten Menschheit hat das Geschick heraufbeschworen, dem nun Alles, was Jahrhunderte geschaffen, zum Opfer gefallen ist. Rechtzeitige Erkenntniß, gepaart mit ein wenig gutem Willen, hätte uns vor dem Abgrunde bewahren können. Aber es war, als seien Alle mit Blindheit geschlagen. In der unersättlichen Gier nach Reichthum taumelten die Menschen vorwärts, der Warnungsrufe nicht achtend, immer dem Ende zu, das auch mit Schrecken gekommen ist, just als sie es am weitesten entfernt glaubten. Ich habe die Aufzeichnungen, die ich in der schrecklichsten Zeit meines Lebens machte, gesammelt, in der Erwartung, daß einst kommende Geschlechter eine Lehre aus denselben ziehen werden. Die Ereignisse, welche dem allgemeinen Zusammenbruch vorausgingen und die ich nur theilweise selbst erlebte, stelle ich in Kürze an die Spitze meiner Aufzeichnungen. Und somit beginne ich:

Gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts war Deutschland das mächtigste Reich der Welt. Unzählige reiche blühende Städte und freundliche Dörfer bedeckten seinen Boden; sein Heer und seine Flotte war bewundert und gefürchtet, deutsche Kunst und Wissenschaft galten der übrigen Welt als glänzende Vorbilder, und was deutsche Arbeit in rastlosem Wetteifer schuf, ging als vielbegehrte Waare hinaus bis in die fernsten überseeischen Länder. Auf dem Kaiserthrone saß ein junger thatkräftiger Herrscher, der es mit kluger Mäßigung verstand, die ungeheuere ihm zu Gebote stehende Macht nur zur Wahrung des Friedens in die Wagschaale zu werfen und eine Schaar blühender Söhne schien ihm auf unabsehbare Zeit hinaus Glück und Bestand seines Hauses zu verbürgen.

Wohl fehlte es nicht an dunklem drohendem Gewölke, das von Zeit zu Zeit emporstieg, aber stets verstand es die Kunst der Staatsmänner, die Gefahren, welche von rachsüchtigen oder neidischen Nachbarn drohten, wieder zu beschwören; der Respect vor der großartigen Wehrkraft Deutschlands und seiner Verbündeten that aber stets das Meiste zur Erhaltung des Friedens. Für weit bedenklicher indessen hielt man die Gefahr, welche dem Reiche von Innen drohte.