Mene tekel! Eine Entdeckungsreise nach Europa

Part 2

Chapter 23,338 wordsPublic domain

Die Boote wurden nicht durch Ruder, sondern durch kleine, aber sehr kräftige Electromotoren in Bewegung gesetzt und waren einer großen Geschwindigkeit fähig. Da man sich jedoch hier in einem gänzlich unbekannten Fahrwasser befand -- die mitgebrachten Karten erwiesen sich als veraltet -- und noch nicht wußte, auf welche Hindernisse man vielleicht stoßen werde, so hatte Willy den Befehl ertheilt, mit mäßiger Geschwindigkeit vorwärts zu fahren. Anfangs bot sich den Blicken nichts Bemerkenswerthes dar; niedere flache Ufer, mit Buschwerk bewachsen, dehnten sich zu beiden Seiten des mächtig dahinfluthenden Stromes aus; je weiter man aber kam, desto deutlicher drängte sich Allen die Gewißheit auf, daß hier im Laufe der letzten Jahrhunderte furchtbare Veränderungen Platz gegriffen hatten. Jeder Mann der Freilandflotte hatte sich mit der Ueberzeugung der deutschen Küste genähert, daß er ein reich bevölkertes, mit blühenden Städten und Dörfern bedecktes Land finden werde, gesegnet mit allen Errungenschaften einer zweitausendjährigen Cultur und namentlich von Hamburg, der großen und reichen Handelsstadt, hatten sich alle diese, aus dem Innern Afrika's stammenden Männer die glänzendsten Vorstellungen gemacht. Aber nichts von dem fand sich hier verwirklicht. Das ganze Land schien eine einzige trostlose Einöde, eine menschenleere Wüste zu sein. Auf den niederen Hügeln, die sich bei der Weiterfahrt zeigten, wucherte wildes Gestrüpp, das hier und da einzelne rauchgeschwärzte Reste uralter Ruinen mit tausend Ranken umklammerte und überwucherte. Nirgends ein menschliches Wesen, oder auch nur die Spur eines solchen. Schaaren flüchtiger Möven schienen das einzig Lebendige weit und breit zu sein. So hatte man diejenige Stelle des Flusses erreicht, an welcher sich, den Karten zufolge, der Hafen befinden sollte, der große berühmte Hamburger Hafen, der Stapelplatz unermeßlicher Schätze aller Welttheile. Was sich den Blicken hier darbot, war ein Bild grauenhafter Verwüstung und Verwilderung. Das weite Hafenbassin war mit einer grünen filzigen Masse bedeckt, durch welche sich die Boote nur mit Mühe vorwärts bewegten. Wo der Kiel diese Masse durchschnitt, stiegen faulige, pestilenzialische Dünste empor. Von dem Mastenwald, der einst hier zu finden gewesen, war nichts zu sehen, als die Wracks einiger großer Dampfer alterthümlicher Bauart, welche, dick mit Rost und Moder überzogen, an den verfallenen Quais lagen. Längs dieser Quais mußten vor Zeiten ganze Reihen prächtiger Paläste gestanden sein; davon legten noch die imposanten Ruinen Zeugniß ab, die sich in weitem Umkreise den Ufern entlang zogen.

»Das habe ich mir anders vorgestellt«, flüsterte Willy seinem Freunde zu, »ob's wohl in Thüringen bei Deinen Verwandten ebenso ausschaut?« -- Die Boote der Expedition befanden sich jetzt alle in engem Kreise versammelt, und Willy ertheilte den Befehl zur Landung. Fünfzig Mann wurden an der Landungsstelle als Reserve und zur Bewachung der Boote zurückgelassen. Die übrigen formirten vier Abtheilungen von je fünfzig Mann und drangen nach verschiedenen Richtungen in die Straßen der Ruinenstadt vor. Ehe sie sich in Bewegung setzten, kam eine kleine Abtheilung, welche der Commandant zur Untersuchung der alten Schiffe entsendet hatte, zurück. Die Leute zeigten auffallend verstörte Mienen und ihr Führer meldete, daß sich ihnen im Innern eines Wracks ein furchtbarer Anblick dargeboten habe. Haufen von Skeletten, manche davon noch die Klinge oder den Revolver in der Faust, lägen auf Verdeck und in den Cajüten, und der Anblick dieser mit grünem Schimmel halb überzogenen, vermoderten Ueberreste sei so grauenhaft, daß er einen Menschen um den Verstand bringen könne. Vor vielen Jahren müsse dort ein Kampf auf Tod und Leben stattgefunden haben, in dem die Schiffsmannschaft vermuthlich bis auf den letzten Mann ihr Ende gefunden.

Der Vormarsch der einzelnen Abtheilungen begann nun; bei derjenigen Truppe, welche der Commandant selbst führte, befand sich natürlich auch Kurt. Man wählte zunächst eine ziemlich breite, in südwestlicher Richtung sich hinziehende Straße, deren halb oder ganz verfallene Gebäude noch die Spuren einstiger Pracht deutlich zeigten. Der Boden dieser Straße war einst mit Asphalt oder einer ähnlichen Masse gepflastert gewesen; diese Masse hatte durch Frost und Hitze unzählige tiefe Risse erhalten, in denen der Same von Pflanzen aller Art Wurzel geschlagen hatte. So war der ganze Boden allenthalben mit Gestrüpp, Disteln und Schlingpflanzen überwuchert und das Vorwärtskommen ziemlich beschwerlich. Vor Zeiten hatten vierfache Baumreihen, zwischen denen in gewissen Abständen eiserne Laternensäulen sich erhoben, der Straße zur Zierde gereicht. Von diesen Bäumen hatten sich einzelne inmitten der allgemeinen Zerstörung frisch und lebendig erhalten, aber ihre Kronen hatten einen gewaltigen Umfang erreicht und ihre Wurzeln den Asphalt auf weite Strecken hin gespalten und in Schollen, wie Gletschereis, emporgehoben; die eisernen Candelaber jedoch waren von unten bis oben mit Waldrebe und wildem Hopfen dicht umsponnen. Obwohl überall eine unheimliche Stille herrschte und nirgends die Spur eines menschlichen Wesens zu erblicken war, so schien Vorsicht doch geboten, da man nicht wissen konnte, ob dieses Trümmermeer in Wahrheit unbewohnt sei und falls es Bewohner barg, so -- Kurt an der Seite seines Freundes dahinschreitend, hatte diesen Gedanken kaum ausgedacht, als eine vorausgeschickte Patrouille aus einer Seitengasse in Laufschritt quer auf sie zukam:

»Herr Commandant, da drin sind Menschen, wir haben sie deutlich gesehen,« rief der Führer athemlos. Sofort ließ Willy das Signal »Halt!« gebieten und drang dann selbst an der Spitze der Hälfte seiner Mannschaft in die bezeichnete Gasse vor.

Nachdem ein Schutthaufen, der den Eingang der Gasse wie eine Barrikade versperrte, erklommen war, sahen sie weit hinein in einen schauerlichen Engpaß zwischen verfallenen, hochaufragenden Häusern. Das Licht der Nachmittagssonne berührte nur die obersten Ränder der von Alter und Wetter geschwärzten Massen, die jeden Augenblick mit dem Einsturz zu drohen schienen. »Dort hinten standen sie,« begann der Patrouillenführer, »ich habe sie deutlich gesehen, obwohl es nur ein Moment war.«

»Wie sahen sie aus?« forschte Willy, indem er vergeblich mit vorgehaltener Hand die Dämmerung, welche in der Tiefe dieses Schlundes herrschte, mit den Blicken zu durchdringen suchte.

»Mir schien es ein Mann und ein Weib zu sein, in Lumpen gehüllt, mit wirren Haaren. Sie flohen wie der Blitz, als sie uns erblickten.«

»Also vorwärts,« commandirte Willy, »wir müssen das Geheimniß ergründen!«

3. Capitel.

Ein Marsch durch Schutt und Sumpf. -- Bivouak in den Ruinen. -- Unheimliche Gestalten. -- Die Expedition wird belagert. -- Ein Nachtgefecht. -- Steinbombardement. -- Hülfe zur rechten Zeit.

Unter unsäglichen Schwierigkeiten drangen sie nun vor, ohne daß sich etwas Bemerkenswerthes gezeigt hätte. Die engen Gassen, durch welche man sich bewegte, waren mit Schutt aller Art bedeckt. Mühsam und unter steter Lebensgefahr mußten diese Hügel, die noch dazu mannshohes Gestrüpp bedeckte, überklettert werden. An anderen Stellen hinderten Canäle voll fauligen Wassers, die, in ihrem Laufe behindert, alles weithin überfluthet hatten, den Vormarsch, dann blieb nichts übrig, als mit unsäglicher Mühe einen weiten Umweg zurückzulegen, um schließlich auf den Resten eines morschen Brückenbogens vorsichtig, Mann für Mann, das andere Ufer zu gewinnen.

Mit einbrechender Dunkelheit, zu Tode erschöpft, erreichte man einen kleinen, leidlich gangbaren Platz, auf dem der Commandant mit seiner Mannschaft die Nacht zu verbringen beschloß. Wunderbarerweise hatte sich auf dem ganzen halsbrecherischen Marsche kein ernster Unfall ereignet; einige Matrosen waren wohl durch fallendes Mauerwerk leicht verletzt worden, aber diese Wunden waren ganz unbedenklicher Natur. Die Vorbereitungen zum Bivouak waren bald getroffen; aus vorgefundenen Holzresten nährten die Seeleute einige Feuer, welche gegen die Nachtkühle hinreichend Schutz gewährten. Dem mitgenommenen Proviant wurde tüchtig zugesprochen, nur an trinkbarem Wasser war fühlbarer Mangel und der Durst konnte nur theilweise durch einige Schlucke kalten Thee's, welchen Jeder in hinreichender Menge bei sich führte, befriedigt werden. Vorsichtshalber ließ Willy aus den umherliegenden Steinen und Balken eine Art Brustwehr rings um das Lager aufführen und an den Ausgängen des Platzes Doppelposten ausstellen. Als so für die Sicherheit der kleinen Schaar nach Möglichkeit gesorgt worden, streckten sich die beiden Freunde auf ihre Mäntel in der Nähe eines Feuers nieder und verfielen, ermüdet von den Anstrengungen des Tages, bald in festen Schlummer.

Einige Stunden der Nacht mochten so verflossen sein, als Kurt plötzlich erwachte. Die Feuer waren im Verglimmen, aber dafür war der Mond über den Giebeln der Häuser emporgestiegen und übergoß alles mit hellem Scheine, von dem sich die tiefen Schatten der vielfachen Winkel und Vorsprünge an den umliegenden Ruinen nur desto schärfer abhoben. Während der junge Mann so sinnend, den Kopf auf einem Arme ruhend, dalag, blieb sein Auge auf einem mehrstöckigen Hause ruhen, welches sich in der Entfernung von etwa fünfzig bis sechzig Schritten, seinem Lagerplatze gegenüber, erhob.

Flüchtig glitten seine Blicke über die leeren, schwarz gähnenden Fensteröffnungen, als er plötzlich erschreckt zusammenfuhr.

Einen Augenblick lang hatte er geglaubt, in einer Fensterhöhle die Umrisse einer menschlichen Gestalt bemerkt zu haben. Er blickte schärfer hin -- aber nichts Verdächtiges zeigte sich, und in der Ueberzeugung, sich getäuscht zu haben, sank er in seine frühere Stellung zurück. Dabei fiel aber sein Blick auf eine andere Fensteröffnung, und wiederum war es ihm, als sähe er dort eine Gestalt in schwachen Umrissen auftauchen und verschwinden. Und dort am nächsten Fenster, am zweiten, am dritten, überall das nämliche und jetzt flammte auch ein fahler Lichtschein in den Ruinen auf, von dem sich die Umrisse menschlicher Gestalten, in Lumpen gehüllt, scharf abhoben.

Es war kein Zweifel mehr: diese Trümmerstadt hatte eine Bevölkerung, die zur Nachtzeit aus ihren verborgenen Schlupfwinkeln hervorkam, als scheue sie sich, ihr Elend dem Tageslichte zu enthüllen. Entsetzlicher Gedanke! In diesem giftigen Moderdunst zu leben, weit und breit nichts als Tod und Verwüstung, in steter Gefahr, von diesen Massen begraben zu werden, die wie das gräßlich verzerrte Antlitz eines in tausend Qualen Dahingeschiedenen zum Himmel emporstarrten, eine furchtbare, versteinerte Anklage gegen die Sünden verschollener Generationen.

Kurt rüttelte seinen Freund aus dem Schlummer empor; während er ihm aber mit hastigen Worten seine Entdeckung mittheilte, kamen auch schon von den ausgestellten Posten Meldungen, welche besagten, daß sich überall in den in undurchdringliches Dunkel gehüllten Seitengassen unheimliches Leben zu regen beginne. Verwilderte Erscheinungen, langhaarig, halb nackt, mit Knitteln bewaffnet, tauchten allenthalben auf, zogen sich indessen beim Anblick der Wachen stets scheu wieder zurück. Die ganze Mannschaft war in einigen Augenblicken auf den Beinen und stand, die Waffen schußbereit in Händen, der Befehle ihres Commandanten gewärtig, in Reih und Glied. Noch war es ungewiß, ob die Eingeborenen feindselige Absichten hegten; Vorsicht war aber auf alle Fälle geboten und so ließ Willy zunächst die ausgestellten Posten zurückrufen, um seine kleine Streitmacht nicht zu zersplittern. Zugleich ließ er in Eile die niedere Brustwehr, mit welcher man am Abend das Lager umgeben hatte, erhöhen und verstärken und vertheilte dann seine Mannschaft derart, daß sämmtliche den Platz umgebenden Häuserfronten und Seitengassen nöthigenfalls unter Feuer genommen werden konnten. In diesen Häusern war es unterdessen furchtbar lebendig geworden. Kaum eine einzige Fensteröffnung, an der sich nicht jene verwilderten Gestalten gezeigt hätten. Die Scheu der dämonischen Gesellen schien, je mehr ihre Zahl wuchs, abzunehmen. Immer häufiger und immer länger zeigten sie sich; vielstimmiges, unverständliches Geschrei ertönte bald da, bald dort und man sah deutlich, wie Einzelne mit Feuerbränden in der Hand hin- und herliefen.

So verging wieder eine geraume Zeit und schon hoffte Willy, daß das nächtliche Abenteuer friedlich verlaufen werde. Gegen zwei Uhr Morgens berührte die Mondscheibe die Giebel der den Platz umgebenden Häuser, einige Minuten später war Alles rings in nächtliche Dunkelheit gehüllt. Die spähenden Augen der hinter ihrem Steinwall kauernden Männer gewöhnten sich nach und nach soweit an die Finsterniß, daß sie wenigstens auf zwanzig bis dreißig Schritte weit jede verdächtige Erscheinung hätten wahrnehmen können. Plötzlich raunte einer der Männer dem Commandanten in's Ohr: »Jetzt kommen sie!« Wie electrisirt fuhr Willy empor und beugte sich über die Schutzwehr; seine Augen suchten zuerst vergeblich die herrschende Dunkelheit zu durchdringen; da, mit einem Male war es ihm, als hätten sich seine Blicke geschärft, und deutlich sah er nun die dunkle gespenstige Masse, die schweigend in einem großen Ring von allen Seiten das Lager umgab. Sie standen Kopf an Kopf, Schulter an Schulter und Willy glaubte, ihre verzerrten wilden Gesichter, ihre fleischlosen Arme, ihre ekelhaften Lumpen zu sehen.

Lautlos, eine lebendige Mauer, rückten sie Zoll für Zoll heran; man hörte ihre Tritte nicht, man fühlte ihre Nähe mehr, als man sie sah, und namenloses Grauen ging vor ihnen her. Ohne ein Wort zu verlieren, hatte sich jeder der Freilandleute auf seinen Posten gestellt und sich kampfbereit gemacht. Da flammte es hier und dort in den Häusern auf; einzelne Gestalten erschienen an den Fenstern, Feuerbrände hoch emporhaltend, deren Schein mit einem Male die ganze furchtbare Masse der Feinde erkennen ließ. In der nächsten Secunde ein Kampfgeheul aus tausend und abertausend Kehlen und wie eine Horde Tiger stürzten sie sich, armsdicke Knüppel in den Fäusten, auf die umzingelte Schaar. Eine furchtbare Salve empfing sie aus nächster Nähe; der niedrige Steinwall glich einem feuerspeienden Berge, aber nur zwei Secunden lang. Ein Geschrei, das nichts Menschliches an sich hatte, hallte in den Ruinen wieder, denn als habe sie die Erde verschlungen, war die Masse der Angreifer verschwunden; der Sturm war abgeschlagen.

Die Ruhe sollte indessen nicht lange dauern. Man sah in den Häusern den Schein von Fackeln aufleuchten und wieder verschwinden, man hörte Geschrei und Geheul. Plötzlich sauste ein faustgroßer Stein durch die Luft daher und fiel mitten im Lager nieder, ohne Jemanden zu verletzen. Ein zweiter, dritter, vierter folgten, die ihr Ziel nicht verfehlten; ein Matrose brach, am Kopf getroffen, lautlos zusammen, ein anderer schrie auf: ein Finger war ihm zerschmettert und das folgende Wurfgeschoß riß dem Commandanten den Revolver aus der Hand. Schüsse, welche nach den Fenstern abgegeben wurden, fruchteten nichts; die Steine wurden offenbar aus gedeckter Stellung mittelst Schleudern geworfen; das zeigte schon die große Gewalt und Sicherheit, mit der sie dahersausten. Nach einer Viertelstunde war ein großer Theil der Mannschaft mehr oder minder schwer verwundet und auch Willy blutete aus einer tiefen Kopfwunde. Unterdessen hatte die Nacht der Morgendämmerung Platz gemacht; das Bombardement endete plötzlich und schon athmete die hart bedrängte Schaar auf, als tausendstimmiges Geschrei ihr einen neuerlichen Angriff verkündete. Wer noch aufrecht stehen konnte, eilte, der Wunden nicht achtend, auf seinen Posten an der Schutzwehr, aber zehn Mann lagen bewußtlos oder sterbend inmitten des Lagerraumes. Aus allen Seitengassen quoll es nun unzählbar hervor. Die Schüsse, welche ihn empfingen, machten den Feind einen Augenblick stutzen, aber die Wucht der von hinten Nachdrängenden schob die vorderen Reihen unaufhaltsam vorwärts. Hie und da fiel Einer, von den Kugeln der Seeleute getroffen, aber dies hielt die große Masse nun nicht mehr auf. Im Nu hatte sie die Schutzwehr erreicht; riesige Knüppel sausten von allen Seiten auf die Bedrängten nieder und ein erbitterter Kampf, Brust an Brust, begann, dessen Ausgang kaum zweifelhaft sein konnte. Nach wenigen Minuten war die kleine Schaar der Vertheidiger, erheblich gelichtet, inmitten des Lagerraumes zusammengedrängt, wo sie, Rücken an Rücken, verzweifelt kämpfend, sich der Uebermacht zu erwehren suchte. In diesem Augenblick, als Willy, aus mehreren Wunden blutend, die Zahl seiner Leute zusammenschmelzen sah, ertönte aus einer der Seitengassen im Rücken der Angreifer ein Hornsignal. Einige Schüsse folgten, die Wuth der Angreifer ließ nach, und nachdem sie noch einige Augenblicke gezaudert hatten, wandten sie sich zur Flucht. Bald waren die Letzten in den Gassen der Trümmerstadt verschwunden, nur Todte und Sterbende bedeckten den Platz rings um das Lager. Die Streifcolonne, welche, angelockt durch das Schießen, sich durch alle Hindernisse bis hieher Bahn gebrochen, war gerade zur rechten Zeit gekommen.

4. Capitel.

Eine neue Expedition wird ausgerüstet. -- Deutschland eine Wüste. -- Ein Grab im Thüringer Walde. -- Kurt findet seine Verwandten. -- Was aus Schiller und Goethe geworden.

Nach den Vorgängen jener Mainacht war das Expeditionscorps wieder an Bord der Flotte zurückgekehrt. Man hatte die Opfer des nächtlichen Kampfes bestattet und die Blessirten in sorgsame Pflege genommen. Auch eine Anzahl verwundeter Eingeborner war auf den Schiffen untergebracht worden und es war seltsam zu sehen, mit welch' grenzenlosem Erstaunen diese verwilderten Menschen es hinnahmen, als man sie wusch, auf reinliche Lager bettete, ihre Wunden verband und ihnen stärkende Labung reichte. Die Genesenen wurden, mit Kleidern und Nahrungsmitteln reich beschenkt, nach einigen Tagen wieder heimgeschickt, und als wieder ein solcher Transport im Hafen an's Land gesetzt werden sollte, fand man das Ufer bedeckt mit Hunderten, welche in unzweideutiger Weise ihre friedlichen Gesinnungen zum Ausdrucke brachten. Es wurden Unterhandlungen angeknüpft, was um so leichter möglich war, als die Sprache der Einwohner sich als ein uraltes, aber immerhin verständliches Idiom erwies, das den Seeleuten aus Freiland bald geläufig wurde. Aber unmöglich war es, aus den Andeutungen jener Menschen ein Bild zu gewinnen über die Ursachen der entsetzlichen Veränderung, welche sich in ihrem Lande zugetragen hatte. Sie wußten von nichts; so weit sie und ihre Eltern und Großeltern zurückzudenken vermochten, war Alles so gewesen, wie heute. Es war ihnen unbekannt, wer die Stadt erbaut hatte, in deren Trümmern sie ihr elendes Leben fristeten, sie wußten ebensowenig, wer sie zerstört hatte. Ihrer Aussage nach war das Land auf viele Meilen im Umkreise eine Wildniß und ähnliche Trümmerstätten allenthalben anzutreffen. Wovon sie lebten? Das wußten sie beinahe selbst nicht. Auf ausgehöhlten Baumstämmen fischten sie in der Elbe, sie sammelten Muscheln und Seethiere am Strande des Meeres, sie stellten Fallen in den Wäldern und lauerten in der Haide auf allerlei niederes Gethier. Etwas Ackerbau schienen Einige von ihnen auch zu treiben, aber nur in allerprimitivster Form. Im Großen und Ganzen stand ihre Cultur etwa auf der Höhe derjenigen, welche die meisten Stämme Centralafrika's am Ende des 19. Jahrhunderts besessen hatten. Die Hoffnung, vielleicht im Innern des Continentes noch Reste der alten Cultur zu finden und Aufschluß zu erhalten über die Räthsel, die sich hier darboten, bewog den Flottencommandanten, eine neue, größere Expedition auszurüsten, welche die Aufgabe erhielt, ihren Weg quer durch das einstige deutsche Reich zu nehmen, die Alpen zu übersteigen und an einem bestimmten Punkte der italienischen Küste wieder mit der Flotte zusammenzutreffen, welche bis auf ein kleines Reservegeschwader, das für alle Fälle vor der Elbemündung kreuzen sollte, ihre Rückfahrt durch den Canal und die Enge von Gibraltar in's Mittelmeer antrat.

Dieser Expedition schlossen sich die beiden Freunde selbstverständlich an. Wollte doch Kurt auf seinen Plan, die Spuren seiner Vorfahren ausfindig zu machen, nicht ohne Weiteres verzichten. Allerdings waren die Schwierigkeiten, welche sich seinem Vorhaben entgegenstellten, keine geringen. Wie konnte er hoffen, unter den wilden Horden, welche dieses Land bevölkerten, diejenigen Aufschlüsse zu erhalten, auf welche er mit Sicherheit gerechnet hatte? Merkwürdige Ueberraschungen waren es denn auch, welche ihm und seinen Genossen auf ihrer Entdeckungsreise durch Europa zu Theil werden sollten.

Achthundert Mann stark war die Expeditionstruppe durch menschenleere Wüsten und Wälder bis an den Saum des Thüringer Waldes vorgedrungen, ohne auf etwas Anderes zu stoßen, als auf verlassene Stätten einstiger Cultur und halbwilde Stämme, welche nomadisirend die Wildniß durchzogen. Kümmerliche Spuren von seßhaften Ansiedlungen, deren Bewohner kleine Strecken öden Grundes mit Erdäpfeln und Haidekorn bestellt hatten, fanden sich hie und da in den Wäldern verstreut, immerfort bedroht von räuberischen Ueberfällen der Nachbarn oder von Angriffen wilder Thiere. Mit jedem Tagesmarsche wurde es den Mitgliedern der Expedition immer klarer, daß ganz Deutschland, vermuthlich ganz Mitteleuropa, aus unbekannten Gründen eine Stätte des Elends und der Verzweiflung geworden, daß hier eine uralte, zweitausendjährige Cultur für immerdar untergegangen sei. -- Eines Tages rückte die Colonne in ein uraltes Städtchen ein, welches zwar nicht, wie die meisten anderen Plätze, aus einem chaotischen Gewirre von Ruinen bestand, aber doch in seinem Aeußern ein trostloses Bild tiefsten Verfalles darbot. Die meistens einstöckigen Häuser längs der ziemlich breiten Straßen waren, wie es schien, noch zum Theile bewohnbar; das Elend und der Hunger aber grinsten aus den von Lumpen umflatterten Fensteröffnungen; übelriechender Rauch drang hie und da in's Freie aus nothdürftig verhängten und brettervernagelten Rissen und Spalten. Die Straßen waren mit Gras bewachsen, während längs der Häuser Haufen von Unrath aller Art lagerten; augenscheinlich waren die Bewohner gewöhnt, alles, was ihnen in ihren Behausungen lästig wurde, auf die Gasse zu werfen. Im Gegensatze zu den Eingeborenen, welche die Expedition auf ihrem Marsche bisher angetroffen hatte, zeigten sich die Bewohner dieser Stätte nichts weniger als scheu. Anfänglich erschienen sie wohl nur an den Fenstern und Thüren ihrer Häuser; später aber kamen sie auch auf den von den Freilandleuten zur Rast ausersehenen Platz und standen in dichter Reihe gaffend rings um das Feldlager der seltenen Gäste. Das Elend, welches auf ihnen lastete, kam da so recht an's Licht des Tages.

Es waren keine wilden, unheimlichen Gesellen, wie die, welche in den Trümmern des alten Hamburg hausten, aber der Eindruck, den ihre aus Flicken und Fetzen zusammengesetzte altväterische Kleidung, ihre eingefallenen Wangen, ihr blödes Lächeln hervorrief, war noch weit ergreifender.