Mene tekel! Eine Entdeckungsreise nach Europa

Part 1

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Mene tekel!

Eine Entdeckungsreise nach Europa.

Von Arnold v. d. Passer.

Erfurt und Leipzig. Bacmeister's Verlag. 1893.

Alle Rechte vorbehalten.

Der Verfasser.

Buchdruckerei Albert Limbach, Braunschweig.

Vorwort.

Das Buch des genialen Amerikaners Bellamy, welches den socialistischen Zukunftsstaat im günstigsten Lichte schildert, hat zahlreiche Schriften zu Tage gefördert, die den entgegengesetzten Zweck verfolgen, nämlich den Socialstaat mit den düstersten Farben auszumalen und auf diese Weise Stimmung gegen die Socialdemokratie zu machen.

Bellamy sowohl als seine Gegner gehen indessen von dem nämlichen Punkte aus. Sie nehmen sämmtlich an, daß über kurz oder lang ein Moment eintreten werde, in welchem die capitalistische Gesellschaft ausgewirthschaftet haben und von der socialistischen abgelöst werden wird. Der Unterschied ist nur der, daß bei Bellamy das Experiment günstig, bei seinen Widersachern aber höchst unglücklich ausfällt.

Die eifrigsten Gegner der Socialdemokratie scheinen demnach selbst der Ansicht zu leben, daß die capitalistische Gesellschaft eines Tages am Abschluß ihrer Laufbahn angelangt sein werde, allerdings nur vorübergehend, um alsdann neu verjüngt aus der Asche des Socialstaates emporzusteigen -- und ihr Spiel von Neuem zu beginnen; diesmal natürlich nicht mehr genirt von den praktisch _ad absurdum_ geführten Bestrebungen der Socialdemokratie. Die Letztere wird, so hoffen sie, sich selbst vernichten und der ungestörten capitalistischen Entwicklung werde nichts mehr im Wege stehen.

Was hindert uns aber anzunehmen, daß dieser von den Gegnern der Socialdemokratie gewiß als sehr wünschenswerth angesehene Zustand einer gänzlich ungehinderten capitalistischen Wirthschaft schon früher eintrete, nicht herbeigeführt durch die Socialdemokratie selbst, sondern durch die mit Erfolg gekrönten Bestrebungen aller Jener, welche sie jetzt mit ihrer glühenden Feindschaft beehren und sie lieber heute als morgen gänzlich vernichten würden?

Nehmen wir einmal an, der Einfluß und die Beredsamkeit des Herrn Eugen Richter sei wirklich so groß, daß vor dem Runzeln seiner Brauen die Socialdemokratie in Staub zerfallen werde. Dann wird es selbstverständlich in jenem Momente, den Bellamy und selbst seine Gegner prophezeien, keine Socialisten geben und was alsdann eintritt -- das soll eben mein Buch schildern!

Vielleicht trägt es dazu bei, auch Anderen die Ueberzeugung beizubringen, die sich mir schon längst aufgedrängt hat, daß nämlich diejenigen, welche, wie Herr Eugen Richter, die Socialdemokratie bis aufs Messer bekämpft wissen möchten, weitaus staatsgefährlicher, als die ungestümsten Socialisten und zum mindesten ebenso culturfeindlich sind, als die schwärzesten Clerikalen.

Wenn die socialistische Bewegung, diese großartigste aller Culturströmungen, seit es eine Menschheit giebt, nicht schon bestände, sie müßte geradezu von Staats wegen geschaffen werden, um die Civilisation vor jenem Abgrunde zu retten, auf den wir, wenn es nach Herrn Richter geht, ohne Bedenken zulaufen.

Die capitalistische Productionsweise ist früher oder später dem Untergange geweiht; Sache der Gesellschaft ist es, Sorge zu tragen, daß diese Umwälzung sie nicht unvorbereitet treffe, daß das Volk erzogen werde für diesen Moment, und Niemand kann dieses Erziehungswerk vollziehen, als die Socialdemokratie. Wer sie daran hindert, ist entweder ein Wahnsinniger oder ein Verbrecher!

Was nun mein Buch anbelangt, so erlaube ich mir, noch einige Bemerkungen über dessen Inhalt vorauszuschicken. Ich erblicke in dem Freilandstaate, wie er vorläufig von Herrn Hertzka projectirt ist, noch lange kein Ideal; nehme aber die Möglichkeit an, daß er sich nach und nach auf rein socialistischen Grundlagen zu einem solchen ausgestalten könne. Auf jeden Fall dürfte er besser und vernunftgemäßer eingerichtet werden, als andere uns näher liegende Staatengebilde.

Daß meine Freilandleute hie und da Gebrauch von ihren Waffen machen, wird man ihnen wohl, angesichts des Umstandes, daß es nur im Zustande der Nothwehr geschieht, verzeihen. Wenn mein Büchlein auch nur einen einzigen Gegner der Socialdemokratie _zum Nachdenken_ -- mehr beanspruche ich nicht -- veranlassen sollte, so hat es seinen Zweck erfüllt.

Obermais bei Meran, Neujahr 1893.

Arnold v. d. Passer.

1. Capitel.

Ein Fest am Victoria-Nyanza, Anno 2398 n. Chr. -- Die Bewässerung der Sahara. -- Der Freilandstaat in Gefahr. -- Verlassene Colonien. -- Eine Volksabstimmung. -- Das verödete Weltmeer. -- Ein Riesencanal. -- Die Flotte des Freilandstaates.

Die große Volkshalle in Thomasville am Victoria-Nyanza-See, der Metropole des Freilandstaates, war am Abend des 17. März 2398 bis auf das letzte Plätzchen gefüllt. Von den Eisensparren des riesigen domartig gewölbten Raumes hingen in anmuthigen Bogen Guirlanden herab, durchwirkt von den Kelchen tausender und abertausender buntschillernder tropischer Blumen; in zauberischem Glanze wogte von der Kuppel hernieder ein Strom bläulich-weißen elektrischen Lichtes auf die unzählbare, festlich gekleidete Menge, welche den Klängen eines fünfhundertköpfigen Sängerchores lauschte. Wie Gesang himmlischer Heerschaaren fielen in die imposante Tonfülle plötzlich hundert liebliche Kinderstimmen ein, dann schloß sich brausend und rauschend der Klang einer unsichtbaren Orgel an, und in mächtigen Accorden endete das Musikstück, gefolgt vom Beifallssturm der tief ergriffenen Menge.

Nach einer Pause, während welcher die allgemeine Erregung wieder erwartungsvoller Stille Platz gemacht hatte, betrat der erste Präsident der wissenschaftlichen Academie zu Thomasville, der in weitesten Kreisen berühmte und gefeierte Professor Bellmann, die in der Mitte des Orchesterraumes errichtete Rednerbühne und seine kraftvolle Stimme drang in wohlgesetzter Rede bis in die fernsten Winkel des colossalen Raumes. Er besprach zunächst die Ursache des heutigen, an allen bewohnten Stätten des Continentes gleichzeitig gefeierten Festes. Heute vor 500 Jahren, am 17. März 1898 hatten jene weitblickenden und hochherzigen Männer, welche von Europa herübergefahren waren, um im Herzen Afrika's den Freilandstaat zu gründen, den Boden des dunklen Welttheiles betreten. Ihnen ist es zu verdanken, daß Afrika jenen Namen schon seit Jahrhunderten nicht mehr verdient, daß es vielmehr allen Anspruch erheben kann, der »glückliche« Welttheil genannt zu werden. Und nun schilderte der Redner in kurzen Umrissen die Geschichte der letzten fünfhundert Jahre, wie das kleine, am Keniagebirge unter Schwierigkeiten und Hindernissen aller Art gegründete Gemeinwesen, Dank den richtigen und humanen Grundsätzen, von denen es geleitet wurde, immer mehr und mehr sich entwickelte und aufblühte, wie seine Grenzen sich ausdehnten, und wie es endlich so weit kam, den ganzen großen Continent von der Küste des Mittelmeeres bis hinab zum Cap der guten Hoffnung und Millionen friedlicher, gesitteter Menschen zu umschließen.

Schon seit Jahrhunderten waren die großen Wildnisse des Innern erschlossen und die Negerbevölkerung hatte sich so culturfähig gezeigt, daß aus ihrer Mitte seither eine große Zahl vortrefflicher Künstler und Gelehrter hervorgegangen waren. Die grausamen Sklavenjagden vergangener Zeiten lebten nur noch wie halbverschollene Sagen in der Ueberlieferung der jetzigen Generation. An den großen Seen, wo früher blutige Schlachten zwischen den sich befehdenden Stämmen geliefert worden waren, breitete sich eine Kette anmuthiger Ortschaften aus und als Perle unter ihnen die prächtige, glanzvolle Hauptstadt Thomasville, dem großen Utopisten des Reformationszeitalters, Thomas Moore, zu Ehren so genannt. Die Sahara hatte die Bewohner von Freiland ebenso wenig in ihrem Culturwerk aufzuhalten vermocht, als die riesigen Urwälder am Aruwimi, welche Stanley einst mit seinen halbverhungerten Schaaren durchzog. Erstere war schon seit zweihundert Jahren in ihrer ganzen Ausdehnung bewässert und jetzt ein unabsehbares Fruchtgefilde, mit reizenden Palmenhainen geschmückt, die sich in den kühlen Fluthen der Canäle spiegelten, von denen das Land allenthalben durchzogen wurde. Viele hunderte blühender Städte und Dörfer lagen jetzt dort, wo einst der Samum mit den Gebeinen verschmachteter Karawanen sein Spiel getrieben hatte. Der Urwald am Aruwimi aber war schon längst in einen Riesenpark verwandelt, von Straßen und Eisenbahnen durchzogen und nicht mehr von Canibalen und Zwergen, sondern von schöngebauten, hochcultivirten Menschen bewohnt. Fast ungestört hatte sich dieses großartige Culturwerk im Laufe der Jahrhunderte vollzogen; erst langsam, dann schnell und immer schneller. Nur ein einziges Mal, gegen Ende des 20. Jahrhunderts, schwebte der Freilandstaat in Gefahr, vernichtet zu werden, nicht durch die Schaaren der Eingeborenen oder der räuberischen Araber, sondern durch große bewaffnete Expeditionen, welche von Europa aus abgesendet worden waren, um dem jungen Gemeinwesen die Oberhoheit und die Gesetze der alternden Staaten jenseits des Mittelmeeres aufzuzwingen.

Damals kam es zwischen der Küste und den großen Seen zum Entscheidungskampfe, in dem die Begeisterung der Freiland-Schaaren einen glänzenden Sieg davontrug. Das war der erste und letzte Versuch gewesen, die Schrecken des Krieges in das friedliche Staatswesen im Innern Afrika's zu tragen; immer weiter und weiter schob es seine Ansiedlungen gegen die Küsten vor und gegen Mitte des 23. Jahrhunderts fanden die Freilandbürger, daß diese Küsten in ihrer ganzen Ausdehnung fast menschenleer waren. Die einst mit so großen Opfern gegründeten und unterhaltenen europäischen Colonien waren aus unerfindlichen Ursachen verlassen und dem Ruine preisgegeben worden; nur an jenen Punkten, wo die europäische Cultur einst den festesten Fuß gefaßt hatte, wie in Unteregypten, in Algier und am Cap der guten Hoffnung, lebte noch in den Ruinen verfallener Städte ein kümmerliches entartetes Geschlecht, das noch einige Reste alter Cultur sich bewahrt, und dessen europäische Abkunft sich nicht gänzlich verwischt hatte.

Als man diese überraschende Entdeckung gemacht hatte und inne geworden war, daß, soweit das afrikanische Festland reichte, der Entwicklung des Freilandstaates nichts mehr im Wege liege, wurde allgemein das Verlangen laut, den Ursachen dieses Umstandes auf die Spur zu gehen.

Von den Küsten abgeschlossen, hatte das junge Staatswesen bisher sein ganzes Augenmerk lediglich auf seine innere Entwicklung und Festigung gerichtet und keinerlei Versuch gemacht, mit außerafrikanischen Völkern in Verkehr zu treten. Hatten die ersten Ansiedler-Generationen noch einige Beziehungen zur alten Heimath unterhalten, so war auch dieses lose Band im Laufe der Zeit gänzlich gelöst worden. Seit mehr als 200 Jahren war nur hie und da eine dunkle Kunde von Europa und seinen Zuständen ins Innere des afrikanischen Continentes gedrungen, und so war es leicht begreiflich, daß jetzt das Verlangen sich regte, das Versäumte nachzuholen und neue Beziehungen zu dem alten Mutterlande herzustellen. Eine Flotte sollte gebaut und ausgerüstet werden mit der Bestimmung, die Haupthandelsplätze der anderen Welttheile, namentlich Europa's, aufzusuchen und über die Zustände dortselbst genau Bericht zu erstatten.

Diesem Verlangen widersetzte sich jedoch die Oberleitung des Staates sehr energisch und zwar aus schwerwiegenden Gründen. Noch waren die Kräfte des jungen Staatswesens bei Weitem nicht derart entwickelt, daß dasselbe gegen jede Einwirkung von außen her als gefeit angesehen werden konnte. Noch war die Hauptmacht des Staates im Innern des Welttheiles concentrirt; an den Küsten existirten nur vorgeschobene Posten, welche für den Fall, daß von Europa aus wiederum feindselige Absichten zur Durchführung gelangt wären, der Vernichtung fast mit Sicherheit ausgesetzt waren, noch lagen weite uncultivirte, oder nur dürftig bevölkerte Länderstrecken zwischen dem Innern und der Küste und große, die Thatkraft und den Fleiß der Bevölkerung auf Generationen hinaus in Anspruch nehmende Culturaufgaben waren zu bewältigen. Ihre Hauptaufgabe erblickte die oberste Staatsleitung indessen darin, einen etwaigen Rückfall des Freilandstaates in die veralteten Geleise der capitalistischen Productionsweise unter allen Umständen unmöglich zu machen und sie fürchtete vielleicht nicht mit Unrecht, daß die Eröffnung von Handelsbeziehungen zu den alten Staaten im Stande sei, in dieser Hinsicht unberechenbare Gefahren herauf zu beschwören, denen auf alle Fälle vorläufig aus dem Wege gegangen werden müsse, und zwar umsomehr, als Afrika bis zu diesem Augenblicke alles was seine Bewohner bedurften, selbst zu produciren befähigt war. Mit dieser vielleicht etwas engherzigen Ansicht befand sich die Freiland-Regierung -- zum ersten Male seit ihrem Bestande -- in Widerspruch mit einem großen Theile der Bevölkerung, aber die Gründe, welche sie leiteten, wurden dennoch von der Mehrheit als einleuchtend anerkannt und der Regierungsantrag, die Expedition nach Europa bis zum Jahre 2398, dem fünfhundertjährigen Jubiläum von Freiland, zu verschieben, fand bei der allgemeinen Volksabstimmung die Majorität für sich. Man war entschlossen, keine von Europa aus etwa angeknüpften Beziehungen zurückzuweisen, aber ebenso entschlossen, von sich selbst aus derartige Beziehungen vor dem genannten Zeitpunkte nicht aufzusuchen. Wenn die Anhänger der Expeditionsidee aber nun gehofft hatten, daß von Europa oder anderen Welttheilen aus früher oder später ein Versuch gemacht werden möge, mit dem immer schöner aufblühenden afrikanischen Staate in Verkehr zu treten, so hatten sie sich gänzlich getäuscht. Seltsamerweise unterblieb ein solcher Annäherungsversuch und von allen Küsten Afrika's kam jahraus, jahrein die Meldung, daß das weite Weltmeer öde und verlassen daliege, daß auch am fernsten Horizonte nicht die Spur eines Segels zu entdecken sei. Inzwischen ging die Cultivirung Afrika's mit Riesenschritten vorwärts, und als die ersten 500 Jahre seit der Gründung des Freilandstaates sich ihrem Ende zuneigten, war der einst so unwirthliche Erdtheil von einem Ende bis zum anderen ein Garten, ein Paradies, geschmückt mit allen Errungenschaften menschlicher Arbeit und bewohnt von Millionen zufriedener gesitteter Menschen.

Schon lange vor diesem Zeitpunkte war eine Riesenarbeit in Angriff genommen worden, welche den Zweck hatte, den Victoria-Nyanza direct mit dem Meere in Verbindung zu setzen: ein Schifffahrtskanal, für die größten Seeschiffe passirbar, wurde vom Westgestade des Sees bis zum Congo angelegt, der Riesenstrom selbst in seiner ganzen Länge vom Meere bis zum Einfluß des Aruwimi, dessen Unterlauf selbst einen Theil des großen Canals bildete, regulirt und canalisirt und als die Freilandflotte, bestehend aus 50 stattlichen Schiffen neuester Construction, auf dem Victoria-Nyanza zum Auslaufen bereit lag, war der Canal, durch den sie ihren Weg zum Meere nehmen sollte, bis auf den letzten Nagel in der letzten Schleuse fertig. Am morgigen Tage, so schloß Professor Bellmann seine Rede, werde der Präsident des Freilandstaates unter großen Feierlichkeiten diesen letzten Nagel eigenhändig einschlagen und die Flotte sodann augenblicklich ihre Reise nach den europäischen Küsten antreten. »Ausgerüstet mit dem Besten, was die vereinte Arbeit der Freilandbürger geschaffen, wird sie, begleitet von unseren Segenswünschen, hinausfahren bis zu dem Gestade des alten, für uns schon fast verschollenen Mutterlandes und den Bewohnern desselben die Kunde überbringen, daß hier in Afrika die Nachkommen jener vor fünf Jahrhunderten gelandeten Ansiedler ein mächtiges blühendes Gemeinwesen sich geschaffen haben, in dem Jeder die Früchte seines Fleißes voll und ganz genießen kann, in dem man nur aus den Ueberlieferungen einer fünfhundertjährigen Vergangenheit noch weiß, daß die Menschheit einst in Reiche und Arme geschieden war, und daß es Zeiten gab, in denen der Mensch seinen Nebenmenschen verhungern ließ, während er selbst in Ueberfluß schwelgte.«

»Diese Zeiten sind, für unsere Gesellschaft wenigstens, auf immer vorbei und mit berechtigtem Stolze können wir hinweisen auf die Früchte unserer segensreichen, selbstgeschaffenen Institutionen. Und sollte man jenseits des Meeres noch immer nicht den Segen derartiger Einrichtungen kennen, so möge unsere Flotte dort den Keim legen zu einer neuen besseren Zukunft, auf daß nicht bloß dieser Erdtheil, sondern das ganze Erdenrund des Glückes theilhaftig werde, das wir schon längst genießen.«

So schloß Professor Bellmann unter rauschendem Beifall seine Festrede.

2. Capitel.

Europäische Reliquien. -- An der Elbemündung. -- Im Hafen von Hamburg. -- Ruinenstadt und Todtenschiffe. -- Eine Begegnung mit Eingeborenen.

Ohne an irgend einem Punkte der europäischen Küsten zu landen, war die afrikanische Flotte durch den atlantischen Ocean und den Canal bis in die Nordsee gesegelt und schwamm in einer windstillen Frühlingsnacht, angesichts der deutschen Küste, ihrem ersten Ziele, der Elbemündung, zu, um im Hafen von Hamburg vor Anker zu gehen. Der Mondschein lag hell auf der weiten Wasserfläche, über der ein leichter nebliger Dunst wallte, kein Laut war weit und breit hörbar als das leise Gurgeln und Klatschen der Wellen am Kiel und das dumpfe, gleichförmige Dröhnen der mächtigen Schiffsmaschinen. In weiter Ferne, kaum unterscheidbar, streckte sich der schwarze dünne Streifen der norddeutschen Küste hin, aber vergebens spähte der Blick nach einem freundlichen Lichtscheine; dunkel und glanzlos lag das Land, soweit die Augen es erfaßten.

An der Brüstung eines der majestätisch dahingleitenden Schiffe lehnten zwei junge Seeleute, mit gespannter Aufmerksamkeit zu jenem dunkeln Streifen in der Ferne hinüberlugend.

»Kein Licht weit und breit! Weder ein Leuchtthurm noch eine Bake! Das scheint mir eine nette Wirthschaft zu sein!« brummte der Eine, eine hochgewachsene schlanke Gestalt.

»Die Hamburger sind vermuthlich auf unseren Besuch nicht gefaßt, oder die Lootsen hier zu Lande kriechen mit den Hühnern in's Bett«, erwiderte sein Kamerad, »Deine Verwandten, Kurt, liegen gewiß auch längst in den Federn!« -- »Kannst Recht haben, Willy, wenn sie überhaupt existiren«, sprach wieder der Erste, »bin auch verdammt neugierig, was sie für Augen machen werden, wenn der Vetter aus Afrika daherkommt!«

»'S ist mir nur nicht recht klar«, meinte Willy, »wie Du ihre Spur finden willst in dem Lande, wo wir keinen Menschen kennen!«

»Das ist vielleicht nicht so schwer, als Du glaubst. In meiner Familie haben sich viele Reliquien aus Europa erhalten, aus jener Zeit, als die Gründer unseres Staates diesen Erdtheil noch nicht verlassen hatten. Ein Urahne meines Vaters hatte noch in Europa eine Art von Familienarchiv angelegt, in welchem er alle Erinnerungsstücke seiner Familie, sowie seines eigenen Lebens sammelte. Dieses Archiv, welches schon damals einen Schatz an werthvollen interessanten Handschriften, Portraits und Andenken aller Art umfaßte, brachte er mit nach Afrika und es ist seitdem in unserer Familie heilige Pflicht geworden, dasselbe zu erhalten und nach Möglichkeit zu vermehren. 'S war für mich auch stets ein Hauptvergnügen, in diesen Schätzen zu wühlen. Wie ich nun aus einem Tagebuch eines meiner Vorfahren ersah, stammt unsere Familie aus Thüringen. Nach unserer Landung werde ich mir gleich Urlaub erbitten, um mit dem ersten Blitzzuge dorthin zu reisen. Wenn Du Lust hast, Willy, so kannst Du mich begleiten.« »Einverstanden, alter Junge«, rief Willy, »und wenn Du in Thüringen ein hübsches Bäschen findest, so überläßt Du sie mir, das bedinge ich mir aus.«

Er hatte kaum ausgesprochen, als ein heftiger Stoß das Schiff in allen seinen Theilen erzittern ließ. Die Freunde eilten der Commandobrücke zu, von wo aus die Stimme des Capitäns in den Maschinenraum hinabgellte: »Halt! Rückwärts! Langsam!« -- »Was ist los, Capitän?« rief Willy hinauf. -- »Wir sind aufgefahren«, tönte es zurück, »es muß eine Untiefe im Fahrwasser sein, verdammt, daß man uns keinen Lootsen schickt!« Inzwischen war das Zeichen zum Halten auch den anderen Schiffen gegeben und eiligst untersucht worden, ob das Schiff beim Anlaufen etwa Schaden gelitten. Alles fand sich im besten Stand, aber der Commandant der Flotte war doch der Ansicht, daß es rathsamer sei, auf dem Platz bis zum Morgen zu verharren und vor der Weiterfahrt das unsichere Fahrwasser genau zu untersuchen. Alles verwunderte sich indeß, daß in unmittelbarer Nähe der Elbemündung, an einer sicherlich viel befahrenen Route, kein einziges Warnungssignal diese gefährliche Stelle bezeichnete. Der Vorsicht halber und um einen etwaigen Zusammenstoß mit anderen Schiffen zu verhüten, ließ man das electrische Licht nach allen Seiten weithin über die See spielen, aber die Sorge war unnütz, das weite Meer war wie ausgestorben und nicht einmal eine Fischerbarke kreuzte, soweit die Blicke reichten. Also wurden die Anker ausgeworfen, die in geringer Tiefe Grund fanden und der Morgen abgewartet.

Das Erste, als der Morgen kam, war, Boote auszusetzen und das Fahrwasser nach allen Richtungen hin abzulothen. Das Ergebniß war kein besonders erfreuliches. Ueberall, wo man auch das Senkblei hinabließ, fand man in der Tiefe von wenigen Metern Grund, nirgends aber genügendes Fahrwasser für die Schiffskolosse der afrikanischen Flotte. Es war kein Zweifel mehr: die Elbemündung, einst die Einfahrtsstraße unzähliger Schiffe jeder Größe, war total versandet und nur noch mit Booten zu befahren. Kopfschüttelnd hatte der Commandant diese Meldung vernommen und dann die Capitäne der übrigen Schiffe zu sich beschieden, um Rath zu halten. Das Ergebniß der Berathung war endlich, daß zwölf wohlbemannte Boote, mit Waffen und mit Proviant auf zehn Tage versehen, in See gelassen wurden, um die Räthsel, welche sich hier darboten, womöglich zu lösen. Es braucht kaum erwähnt zu werden, daß die beiden Freunde Willy und Kurt sich ebenfalls bei der Expedition befanden, ja dem Ersteren war sogar die Ehre zu Theil geworden, mit dem Befehle über die kleine Flotille betraut zu werden. Mit sichtlichem Eifer und in erwartungsvoller Stille trafen die zur Einschiffung bestimmten Männer ihre Vorbereitungen. Alle waren gespannt auf die Entdeckungen, welche sich ihnen darbieten sollten, gar mancher aber konnte sich eines unbestimmten bangen Gefühls nicht erwehren.

Am 1. Mai 2398 setzte sich um 11 Uhr Vormittags die Expedition in Bewegung. In jedem der zwölf Boote befanden sich einundzwanzig Mann; es waren also, ohne die beiden Freunde, gerade zweihundertundfünfzig vortrefflich bewaffnete und geschulte, kräftige Männer bei der Expedition, eine Macht, mit der man gegebenen Falles auch ernsten Eventualitäten schon mit einiger Zuversicht in's Auge sehen konnte. Signalapparate von äußerst sinnreicher Construction, deren jedes Boot mit sich führte, ermöglichten es außerdem, sich mit der vor der Barre ankernden Flotte im Falle der Noth auf sehr weite Distanzen zu verständigen. Drei Boote bildeten die Vor- und drei die Nachhut der Flotille, während zwischen beiden Abtheilungen, einige hundert Meter von einer jeden entfernt, das Gros der Expedition, sechs Boote stark, einherfuhr.