Part 9
Und nun wollte das trotzige Schicksal, daß ich in nahe Berührung mit der schrecklichen Krankheit kommen sollte. -- Es war gegen Ende Mai, als wir von der Tante meines Mannes eine Einladung erhielten, sie in Kremenschuk, wo sie wohnte, zu besuchen. Wir nahmen unser ältestes Kind Lise mit auf die Reise nach dem Süden. Wir wurden dort mit großer Freude empfangen. Am vierten Tage unseres Aufenthaltes versammelten sich viele Verwandte und Bekannte, um mich, die angeheiratete Nichte, kennen zu lernen. Es war sehr lustig, und die Zeit verging uns auf die angenehmste Art. Am nächsten Morgen trat die Tante zu uns ins Schlafzimmer und kündigte uns an, daß die Seuche schon in Kremenschuk eingezogen sei, und mit Tränen in den Augen erzählte sie, daß manches Mitglied der gestrigen munteren Gesellschaft sich nicht mehr unter den Lebenden befinde. Mein Entsetzen war grenzenlos. Wir rafften unsere Sachen zusammen, und in einigen Stunden verließen wir traurig und tief erschüttert die Stadt.
Auf der ersten Poststation ließ man uns nicht mehr ins Wartezimmer hinein. Wir vernahmen von dorther das Stöhnen und Schreien eines in Schmerzen sich krümmenden Cholerakranken. So mußten wir für die Nacht draußen im Freien lagern. Es war eine Juninacht, warm und kurz. Um zwei Uhr morgens ging die Sonne auf. Doch uns kam diese Nacht wie eine Ewigkeit vor. Meine Angst und Beklommenheit steigerten sich noch, als mein Töchterchen Lisenka über Magenschmerzen zu klagen anfing. Mit zitternden Händen gab ich dem Kinde Medikamente, die wir von der Tante mitgenommen hatten. Gegen hohes Entgelt erhielt ich von den Bauern ein wenig warmes Wasser, womit ich dem Kinde Pfefferminztee bereitete, und bangenden Herzens erwartete ich den kommenden Tag. Endlich bekamen wir Pferde und setzten die Reise fort. Das Kind fühlte sieh besser. Die Schmerzen ließen nach, und als wir abends zu Hause eintrafen, war es wieder ganz munter.
In Luben erfuhren wir, daß die Cholera auch hier bereits wütete. Der Arzt kam und verordnete strenge Diät. Noch an demselben Abend erkrankte meine Schwester ganz unmittelbar und plötzlich, nachdem sie noch einige Augenblicke vorher an der Abendmahlzeit teilgenommen hatte. Ich war vor Angst einfach wie besessen, brach zusammen und mußte ins Bett gebracht werden. -- Meine Schwester genas. Aber ihr Kindchen, das sie selber nährte, steckte sie an, und es starb nach einem Tage furchtbarer Schmerzen.
Die Seuche verbreitete sich von Sebastopol über das ganze Land mit Riesenschritten, und tausende Menschen fielen ihr zum Opfer. Und es waren gar viele Verwandte und Freunde dabei.
Kein Wunder! Es konnte bei den damaligen hygienischen Verhältnissen nicht anders sein, bei dem vollkommenen Mangel aller Vorsichtsmaßregeln. Wie günstig mußten die Bedingungen für die Verbreitung der Cholera in den -=fünfziger=- Jahren des 19. Jahrhunderts gewesen sein, wenn noch jetzt, 1908, die Cholera den ganzen Sommer, Herbst und bis spät in den Winter hinein wütet und ihr so viele Menschen wie Fliegen auf der Straße zum Opfer fallen. Und doch liegt ein halbes Jahrhundert dazwischen, ein Zeitraum, in welchem gerade die westeuropäische Kultur nach dieser Richtung so große Fortschritte gemacht hat. Aber zwischen Westeuropa und Rußland besteht eine strenge Grenze, und der Fortschritt schleicht sich in Rußland nur auf Schmugglerwegen ein: St. Petersburg besitzt noch heute keine Kanalisation, und das Volk glaubt nicht an die kleinen verderblichen Bakterien, die im klaren Wasser leben sollen.
Nicht ohne Interesse ist es, daß unter den Juden die Epidemie ungleich weniger verbreitet war als unter der übrigen nichtjüdischen Bevölkerung. Ihr Leben war durch das Gesetz geregelt, war einfacher und entsprach mit seinen zahlreichen Waschungen, den strengen Speiseverboten wesentlich mehr allen hygienischen Forderungen.
Ich selbst litt furchtbar, wurde immer schwächer und lag tagelang apathisch und melancholisch zu Bett. Mein Gemüt war unter dem Eindruck der letzten Erlebnisse erschüttert.
Und so kam der Juli. Eines Tages erhielt meine Schwester die frohe Nachricht von der Ankunft ihres Mannes. Wir freuten uns alle herzlich auf sein Kommen; und diese freudige Erwartung brachte einen freundlichen Schein in unser so düsteres Leben. Während der Anwesenheit unseres Schwagers Abraham Sack, der ein munteres, heiteres Wesen besaß, verlor sich meine Schwermut ein wenig, und ich atmete freier auf. In den zehn Tagen seines Aufenthaltes bei uns führten wir alle unser altes normales Leben. Er verreiste voll Hoffnung auf eine Besserung seiner materiellen Verhältnisse. Mit ihm verließ die Freudigkeit wieder unser Haus. Ich verfiel von neuem in trübe, melancholische Stimmung. Meine Schwester blieb zurück und wartete weiter und harrte von Tag zu Tag, von Woche zu Woche auf Nachrichten. Sie litt unsäglich und fürchtete schon das Schlimmste. Aber Gott hat Erbarmen. Je größer die Not, um so näher die Hilfe. Der langersehnte Brief kam an. Er war an mich adressiert und enthielt ein Schreiben für mich, ein zweites für Schwester Kathy. Mein Schwager berichtete von der glücklichen Wendung in dem Gange seiner Geschäfte, die ihm nunmehr endlich gestatteten, seine Frau wieder zu sich zu nehmen. Unsere Freude hatte keine Grenzen. Wir jauchzten den ganzen Tag vor Glück, und meine Schwester vergoß Tränen der Rührung und Dankbarkeit. Ich half ihr beim Packen, und in kurzer Zeit war sie zur Abreise fertig. Ich begleitete sie mit meinem Mann bis nach Poltawa, wo wir ihr halfen, eine elegante Equipage mit drei guten Pferden zu kaufen, einen Kutscher und eine jüdische Köchin mieteten und sie sodann weiterbeförderten.
Meines Schwagers Hoffnungen hatten sich erfüllt. Er war ein reicher Mann geworden. Das war eine der großen Schicksalswendungen, die das Kriegsjahr 1855 mit sich brachte, das Jahr, in dem das launische, verschleierte Weib Fortuna das Rad der Menschenschicksale in Rußland in rascherem Tempo rollen ließ und mit einem mächtigen Stoß alles Obere zu unterst, alles Untere zu oberst kehrte.
Meines Schwagers Genius führte ihn immer höher und höher, sein Selbstvertrauen gab ihm Beharrlichkeit in seinen Bestrebungen. Und auch die Zeit war günstig. Alexander II. hatte den Thron bestiegen. Eine neue Ära war angebrochen. Tüchtige und ehrliche Menschen konnten sich jetzt in Rußland auf allen Gebieten betätigen. --
-- Wir blieben in Luben bis 1859. In diesem Jahre übernahmen die drei großen »Otkupscheriki« -- der Großvater und der Vater meines Mannes und Herr Kranzfeld -- die Konzession auf die Akzise des Branntweinmonopols -- eine Pachtung, die sich auf das ganze Gouvernement Kowno erstreckte. In diesem Unternehmen erhielt mein Mann einen hohen Posten. Er wurde Chef des Bureaus.
Mein Wanderlied konnte ich wieder singen. -- Wir liquidierten unser Geschäft in Luben, packten unser Hab und Gut zusammen und gingen nach Kowno.
Ehe ich aber von meinen weiteren persönlichen Lebensschicksalen weiter erzähle, will ich zuerst noch einmal vom Jahre 1855 sprechen, das nicht nur im Leben ganz Rußlands, sondern speziell für die Juden den Beginn einer neuen Epoche bedeutet. Es ist das Jahr der Thronbesteigung Alexanders II.
Alexander II.
Und Gott sprach: Es werde Licht, und es ward Licht! Die Sonne ging golden auf und weckte mit ihren erwärmenden Strahlen alle verborgenen Keime zur Blüte und zum Leben: Alexander II. bestieg 1855 den Thron. Dieser edle, feinsinnige Fürst gemahnte an die Sprüche des königlichen Psalmensängers (Ps. CXIII, 7, 8 und PS. CXVIII, 22):
»Er richtet empor aus dem Staube den Armen, aus dem Kehricht erhöht er den Dürftigen, daß er ihn setze neben die Edlen, neben die Edlen seines Volkes.
Der Stein, den die Bauleute verwarfen, ist zum Eckstein geworden.«
Alexander II. hat diese Worte tatsächlich in Erfüllung gebracht, indem er hochherzig 60 Millionen leibeigner Bauern vom Frondienste befreite und auch uns Juden die drückendsten Fesseln löste. Er öffnete uns die Tore seiner Residenzen, so daß ein Schwarm jüdischer Jünglinge sich in die Hauptstädte ergoß, um an den Universitäten den Durst nach westeuropäischer Bildung zu stillen.
In dieser glänzenden Periode geistiger Blüte durfte und konnte sich der geknechtete Geist der Juden wieder nach Herzenslust recken und strecken. Der Jude nahm jetzt an der freudigen Aufregung des großen Volkes teil, an dem Aufschwunge der schönen Künste, an der Entwicklung der Wissenschaften und trug damit sein Scherflein zu dem geistigen Gut des Landes bei. Die Wirkungen der Reform der vierziger Jahre zeigten sich bereits nach zwei Dezennien. Es gab da schon eine Reihe jüdischer Professoren, Ärzte, Ingenieure, Schriftsteller, Musiker, Bildhauer, die auch im Auslande Anerkennung fanden und ihrem Lande Ehre machten.
Für die Emanzipation der Juden in Rußland sind Generalgouverneur von Neurußland und Bessarabien Graf Alexander Strogonow und Generalgouverneur von der Krim Graf Woronzow in den Jahren 1856-1858 energisch eingetreten[8]. Sie äußerten ihre Meinung in der Antwort auf die Anfrage der eingesetzten Kommission (der Vorsitzende dieser Kommission war Graf Kisselew) zur Lösung der Judenfrage in Rußland wie folgt:
»Wenn die Juden auf das einheimische Volk einen schlechten Einfluß ausüben sollten, so ist es doch nicht ratsam, sie im Nordwesten Rußlands, auf dem kleinen Teil des Einheimischen zu lassen. -- Unserer Ansicht und Erfahrung nach wäre es doch rationeller, diese wenigen Millionen Juden Rußlands auf das ganze große Reich zu verteilen und sie damit unschädlich zu machen. Ich bin auch nicht weit von der Meinung entfernt, daß unser einheimisches Volk von den Juden so manches Gute, wie den Handel und die Enthaltsamkeit vom Trinken, Bescheidenheit im Essen, lernen könnte. -- Es ist unrecht, unserer Meinung nach, diesem historisch ältesten Volke alle Rechte zu rauben, die das einheimische Volk besitzt, und zu gleicher Zeit alle Pflichten zu fordern, Geld und Menschenmaterial zum Schutz und Trutz des Landes gegen die Feinde aufzubieten! Nicht mit Strenge kann und soll man Fehler eines Volkes aus dem Wege schaffen. Wir wollen wie die westeuropäischen Staaten den Juden erst die Gleichberechtigung geben, dann wird ihr angeblich unmoralisches Wesen sich bessern können. Die Befreiung vom Drucke, vom Elend wird schneller wie alle repressiven Mittel helfen. Sie sind von allen höheren Ämtern im Lande ausgeschlossen, so müssen sie notgedrungen zum Handel greifen, manchmal auch zum Betruge. Daß sie aber fleißig, befähigt, beharrlich in ihrem religiösen alten Glauben sind, kann niemand leugnen.« Die Kommission antwortete, daß sich in den westeuropäischen Staaten viel weniger Juden finden als in Rußland; auch wären sie viel gebildeter. Hier habe man noch Schwierigkeiten, den Juden die Bildung beizubringen.
Die Entwicklung der Dinge brachte es mit sich, daß die Juden auch auf dem Gebiete des Handels und der Industrie einen ungeahnten Einfluß gewannen. Niemals vorher und nachher kannten die Juden in St. Petersburg ein so reiches und vornehmes Leben wie damals, da die Finanzgeschäfte in den Residenzen zum guten Teil in ihren Händen lagen. Es entstanden jüdische Bankhäuser. Es wurden Aktiengesellschaften gegründet, die Juden leiteten. Die Börsen- und Bankgeschäfte nahmen unerwartete Dimensionen an. Hier auf der Börse fühlte sich der Jude in seinem Element. Die Börse schuf oft über Nacht reiche Leute. Aber auch so mancher stürzte in die Tiefe. Diese Art geschäftlicher Tätigkeit war in Rußland etwas Neues. Von den Juden aber wurde sie geradezu genial erfaßt, selbst von denen, deren Erzieher nur der Talmud gewesen. --
Gegen Ende der fünfziger Jahre erfuhr das alte Branntweinmonopol »Otkup« eine Einschränkung, die zugleich in mancher Beziehung eine Verbesserung war. Hatten sich seit Beginn des vorigen Jahrhunderts viele Kaufleute, Juden, Russen und Griechen, an diesem Geschäft bereichert, so entwickelte sich jetzt das Akzisesystem, das in dem vollständigen Branntweinmonopol der Regierung landete. Schon die Einführung der Akzise machte das Geschäft für die Unternehmer unlohnend. Mit dem Monopol der Regierung hörte die Privatinitiative vollständig auf. Da wandten die jüdischen Kaufleute ihr Kapital anderen Erwerbszweigen zu und entwickelten eine große Tätigkeit besonders auf dem Gebiete der Eisenbahnkonzessionen. Hier fand ihr nüchterner und reger Geist ein dankbares Feld. Großer Gewinn belohnte ihre Mühe und brachte große Kapitalien in ihre Hände. Die völlig neue Beschäftigung erheischte freilich eine Lebensweise, die von der altgewohnten bedeutend abwich. Die jüdische Religion und die Tradition kamen ins Gedränge. Mit dieser Tätigkeit ließ es sich eben kaum noch vereinen, daß die jüdischen Angestellten wie einst das Studium des Talmuds pflegen und alle religiösen Vorschriften getreulich beobachten konnten. Die Bezeichnungen »Akzisnik«, d. h. ein beim »Otkup« oder bei der Akzise Angestellter, und »Schmin-Defernik«, das ist ein Angestellter beim Bahnbau (chemin de fer), waren gleichsam Spitznamen geworden. Und die altjüdische Gesellschaft mußte die Nichtbeachtung der überlieferten Gebräuche bei diesen jungen Leuten ebenso dulden wie bei den jüdischen Bankbeamten, die den Sabbath und die Feiertage zu ignorieren gezwungen waren und auch nicht -=eine=- Stunde mehr am Tage dem Talmud widmen konnten und -- wollten.
Ein Volksliedchen gibt diesen Zuständen humoristischen Ausdruck:
Un akzisne junge Lait Sainen varschait: (_ausgelassen_, _liederlich_) Golen (_rasieren_) die Bärdelach Un reiten auf Ferdelach Geihen in Galoschen Un essen ungewaschen.
Aus dieser Zeit stammt auch ein Scherzlied Michael Gordons: »Ihr seid doch Reb Jüd in Poltawa gewesen«, das in einer launigen Melodie bald weit über die Grenzen Rußlands bekannt wurde.
Zwei Worte sagte meine kluge Mutter.
»Zwei Dinge kann ich gewiß sagen: ich un mein >Dor< (Generation) wellen gewiß als Juden leben und sterben; unsere Einiklach (Enkel) wellen gewiß nicht als Juden leben und sterben. Nor wos von unsere Kinder wet weren, kenn ich nit >raten< (erraten, voraussehen).« Die beiden ersten prophetischen Behauptungen haben sich teilweise erfüllt, die dritte geht auch in Erfüllung, denn unsere Generation stellt eine Art Zwitterding dar.
Hingerissen von dem unaufhaltsam vorwärtsdringenden Strom der neuen westeuropäischen Bildung, haben wir selbst im vorgerückten Alter uns bemüht, auf mannigfachen Gebieten der Wissenschaft und in fremden Sprachen uns Kenntnisse anzueignen.
Während aber andere Völker und Nationen von den modernen und fremden Strömungen und Ideen nur aufnehmen, was ihrem Wesen entspricht und dabei ihre Individualität und Eigenart bewahren, lastet auf dem jüdischen Volke der Fluch, daß es das Fremde und Neue sich fast nie anders aneignet, als indem es sich vom Alten, von seinem Eigensten und Heiligsten lossagt.
Wie wirbelten im Gehirn der jüdisch-russischen Männer die modernen Ideen chaotisch durcheinander! Plötzlich, mächtig, unaufhaltsam drang der Geist der sechziger und siebziger Jahre in das jüdische Leben hinein und zerstörte seinen bisherigen Charakter. Rücksichtslos sagte man sich vom Alten los. Die alten Familienideale schwanden, ohne daß neue aufkommen konnten.
Bei den meisten jüdischen Frauen jener Zeit hatten Religion und Tradition derart ihr innerstes Wesen durchdrungen, daß sie ihre Verletzung fast wie einen physischen Schmerz empfanden und deswegen einen schweren Kampf in ihrem engsten Familienkreis zu bestehen hatten.
In dieser Übergangsperiode wurde der Mutter, der natürlichen Erzieherin ihres Kindes, das Recht der Erziehung nur für jene Zeit zugebilligt, in der das Kind nichts als schwere Opfer und schwere Pflichterfüllung erfordert. Sobald aber die Zeit der geistigen Erziehung heranrückte, da wurden die Mütter brutal beiseite geschoben, da endeten ihr Walten und ihre Sorge um das Kind. Die Frau, die an den Traditionen noch mit jeder Fiber ihres Wesens hing, wollte sie auch ihrem Kinde beibringen: die Sittenlehre der jüdischen Religion, die Traditionen ihres Glaubens, die Weihe des Sabbaths und der Feiertage, die hebräische Sprache, das Lernen der Bibel, dieses Buches aller Bücher, dieses Werkes aller Zeiten und Völker. Diesen ganzen Reichtum wollte sie in schönen und erhabenen Formen ihren Kindern übergeben -- zugleich mit den Ergebnissen der Aufklärung, zugleich mit dem Neuen, das die westeuropäische Kultur gebracht hatte. Aber auf alle Bitten und Einwände erhielten sie von ihren Männern stets die gleiche Antwort: »Die Kinder brauchen keine Religion!« Vom Maßhalten haben die jüdischen jungen Männer jener Zeit nichts gewußt, und sie -=wollten=- auch nichts davon wissen. In ihrer Unerfahrenheit wollten sie unvermittelt den gefährlichen Sprung von der untersten Stufe der Bildung gleich zur obersten machen. Manche verlangten von den Frauen nicht nur Zustimmung, sondern auch Unterwerfung, -- sie verlangten von ihnen die Abschaffung alles dessen, was gestern noch heilig war. Alle modernen Ideen, wie Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, in der Gesellschaft predigend, waren diese jungen Leute zu Hause ihren Frauen gegenüber die größten Despoten, die rücksichtslos die Erfüllung ihrer Wünsche forderten. Es gab erbitterte Kämpfe innerhalb des bis jetzt so patriarchalischen und beschaulich dahinfließenden Familienlebens. Gar manche Frau wollte nicht nachgeben. Sie ließ ihrem Manne volle Freiheit außerhalb des Hauses, verlangte aber im eigenen Hause die Ehrung der alten, lieben Bräuche. Daß dieses Doppelleben nicht auf die Dauer möglich war, begreift sich leicht. Der Zeitgeist siegte in diesem Kampfe; und blutenden Herzens gaben die Schwächeren nach. Wie das so kam bei den anderen und bei mir, davon will ich in den nächsten Kapiteln erzählen.
Kowno.
Ich war sehr froh, daß das Schicksal uns 1859 wieder nach Litauen brachte, wo das Leben großzügiger, inhaltreicher, und die Juden intelligenter waren. Wir siedelten uns in Kowno an, das damals ein kleines, schönes Provinzstädtchen war. Juden bildeten den Stamm der Bevölkerung. Sie sprachen hier ein Gemisch von Hebräisch und Deutsch. Das preußische Grenzstädtchen Tauroggen war nicht fern. So kam es wohl, daß ihre ganze Lebensweise von deutscher Art nicht unwesentlich beeinflußt wurde.
Während in den übrigen Städten Litauens die jüdische Tradition noch völlig unberührt blieb, hatte sich in Kowno allmählich der Zwang der Überlieferung gelockert. Als wir nach Kowno kamen, war die Aufklärung dort in vollem Gange, und die neuen Ideen fanden ihre begeisterten Vertreter. Es herrschte in den vorgeschrittenen jüdischen Häusern, zumeist bei den reichen Kaufmannsfamilien, deren Väter und Söhne in geschäftlicher Verbindung mit Deutschland standen und häufig über die Grenze kamen, der Abfall. Man behielt eigentlich nur noch die koschere Küche bei.
Der Sabbath wurde von den Männern nicht mehr heilig gehalten und unterbrach den Eifer der Geschäfte nicht. War der Jude früher nach den Worten Heines durch die ganze Woche ein Hund, der sich erst am Sabbath als Prinz und am Sedertisch des Pesach als Herrscher entzauberte, so lebten die Männer der zweiten Generation eigentlich das ganze Jahr wie die Hunde; ohne Ruhe und Rast, immer in Sorgen und Arbeit. Der Geist stieg nicht empor in himmlische Sphären, und der Körper raffte nicht mehr in der strengen Ruhe des Sabbaths seine in der Arbeit der Woche verlorenen Kräfte zusammen. Es war eine seltsam gemischte unruhige Stimmung am Sabbath. Die Frauen, die ja ihrer ganzen Natur nach zäher am Alten hängen, pflegten ja noch am Freitag Abend Sabbathlichte anzuzünden und das Gebet zu sprechen. Aber der aufgeklärte Herr Gemahl steckte sich seine Zigarette daran an, und ihr sonst so friedliches Gesicht verzog sich zu einem schmerzlichen Lächeln. Mit derselben Herzlichkeit, mit der der Hausherr einst die Sabbathengel begrüßt hatte, hieß er jetzt seine Freunde willkommen, um mit ihnen Préférence zu spielen. Der Kidduschbecher stand zwar mit Wein gefüllt auf dem Tisch. Aber niemand nippte daran. Er war zu einem Symbol geworden. Aber die gefüllten Pfefferfische -- so weit ging die Abtrünnigkeit nicht, um auch sie vom Freitag-Abendtisch zu verbannen. Die Barches blieben auch erhalten. Nur daß eben die Dienerin sie fein säuberlich geschnitten auf dem Brotkorb servierte. An die Stelle der Sabbathlieder, der Semiraus, traten Humoresken, Anekdoten -- das ganze Gebiet des jüdischen Witzes. Das Kartenspiel aber durfte sich weit über die Mitternacht hinziehen. Denn keine Chewra t'hillim erwartete die Herren am frühen Morgen zum Gebet. Und die christlichen Bedienten konnten ruhig schlafen gehen. Denn der Sabbath hinderte die Männer nicht, die Kerzen selbst zu löschen. Am Samstag stand man früher auf als gewöhnlich. Es war ein Tag vor dem Sonntag, und da gab es im Geschäft besonders viel zu tun. Aber auch am Sonntag wurde fleißig gearbeitet. Denn ein letzter Rest nationalen Trotzes hielt doch alle ab, diesen Tag etwa festlich zu begehen.
Selbstverständlich war auch der Verkehr der beiden Geschlechter miteinander ein wesentlich anderer geworden. Man veranstaltete Tanzabende, an denen nicht nur die Jugend, sondern auch die verheirateten Frauen und Männer unserer Generation teilnahmen. Daß junge Mädchen von solchen Zusammenkünften in Herrenbegleitung nach Hause gingen, war ganz selbstverständlich geworden; und es ergab sich bei diesen Sitten von selbst, daß in den Häusern, wo erwachsene Mädchen waren, auch junge Herren verkehrten. -- Auch in den Gesprächen herrschte ein freierer Ton. Jene Innigkeit, mit der man einst die Eisches chajil (die Heldenfrau) besungen hatte, wurde verdrängt von der aufflackernden Begeisterung für die Operettendiva, die gerade das Tagesgespräch hergab. Der Zynismus war der neuen Generation nicht fremd geblieben.
Das Talmudstudium hörte natürlich in diesen fortschrittlichen Kreisen vollständig auf. Nur hier und da setzte ein Romantiker, der vom Alten nicht lassen konnte, sein Talmudstudium weiter fort und ließ auch seine Kinder im Talmud unterrichten. Bei den »Gebildeten« kam das nur selten vor.
Sogar unter den ganz Frommen sahen manche Eltern die Notwendigkeit der europäischen Bildung für ihre Kinder ein und erlaubten ihnen, in der Residenz zu studieren. Eines aber forderten sie von ihren Söhnen unbedingt: sie sollten »koscher« essen. Diese absonderlichen Verhältnisse werden durch manche Anekdote illustriert.
So geschah es einmal, daß sehr fromme Eltern ihren Sohn zum Studium nach Petersburg sandten. Ein christlicher Freund, der nach einiger Zeit in die Residenz fuhr, sollte nun nachforschen, ob der Sohn wirklich sein Versprechen halte. Nach seiner Rückkehr beruhigte er die Eltern und versicherte sie, daß der Sohn nur »koscher« speise -- er selbst war bei ihm zum Mittagstisch. »Was haben Sie denn bekommen?« fragten die Eltern interessiert. -- »Einen Hasen,« antwortete der Freund, »aber er war koscher, denn Ihr Sohn erzählte mir, daß er vom jüdischen Schlächter (Schochet) geschlachtet sei.«
Die Zustände, von denen ich hier spreche, waren natürlich nur für die Schichten bezeichnend, die man so gemeinhin die »oberen« zu nennen pflegt. Wer weiß, an welche Stelle sie rücken, wenn einst die gerecht waltende Geschichte die Rangordnung feststellen wird!... Allein gewaltige Kulturumwälzungen wühlen nicht gleich das ganze Volkstum auf und durcheinander. An der Kruste mögen die Prozesse des kulturellen Abbaues und des Anbaues schneller und sichtbarer vor sich gehen. In der Tiefe vollzieht sich das Umsetzungswerk oft überhaupt nicht, meist in seltsamen Formen. Immer aber ungleich zögernder!
So war es auch in Kowno!
* * * * *