Part 7
Ihr ganzes Trachten und ihre Mühe galten ihrem Sohne, meinem Schwiegervater. Er war der Mittelpunkt ihrer Gedanken und Bestrebungen, ihrer Sorgen und Wünsche. Sie hatte wohl noch eine Tochter. Aber ihr brachte sie wenig Interesse entgegen. Ihr ganzes Mutterherz gehörte dem Sohne, dem lichten Stern ihres mühevollen Lebens.
Meinen Schwiegervater hatte ich nur wenig Gelegenheit näher kennen zu lernen, weil er sehr oft auf Geschäftsreisen ging; und wenn er nach Hause zurückkehrte, nahmen ihn auch die Geschäfte ganz in Anspruch. Er war ein kluger Mann mit großen, talmudischen Kenntnissen; taktvoll gegen jedermann und seiner Frau gegenüber der liebenswürdigste Kavalier und geduldigste Ehemann. Seine Frau, eine gescheite, aber zugleich herrschsüchtige Gattin war von ihrer Allwissenheit überzeugt. Die allgemeine Achtung seitens aller Hausgenossen und die grenzenlose Vergötterung ihres Mannes unterstützten sie noch mehr in ihrem Selbstbewußtsein. Sie besaß Kenntnisse des Hebräischen, was ihren Stolz noch vergrößerte, um so mehr, als Bildung bei den Frauen nicht nur in Konotop, sondern in ganz Klein-Rußland damals zur Seltenheit gehörte.
Sie stand sehr spät auf. Wenn sie im Eßzimmer erschien, suchten entweder meine ältere Schwägerin oder ich ihr das Frühstück mit aller Aufmerksamkeit zuzubereiten. In diesem Augenblick schon setzte ihre Kritik ein. Sie kritisierte den ganzen Tag, und alle Stubenmädchen und Bediente erhielten ihr Teil sogleich während des Frühstücks. Nach dem Frühstück nahm sie auf einer Veranda Platz, von wo sie einer Fürstin gleich ihr ganzes Hab und Gut übersah und beherrschte. Und alle im Hause, männliche und weibliche Dienstboten zitterten bereits vor ihrer Stimme.
Außer einem Schwager und seiner Frau, der Schwägerin Kunze, einer ungewöhnlich guten und schönen Frau, waren die übrigen Mitglieder des Hauses ganz junge Geschwister meines Mannes, noch Kinder.
Das war die Umgebung, in der ich mein neues Leben lebte. Es war ein vornehmes jüdisches Haus. Hier bot sich mir die Gelegenheit, alles das, was ich im Elternhause gelernt hatte, weiter auszuüben und zu entwickeln: Gastfreundschaft, Armenpflege, Studium, Gottesfurcht und Verehrung der Eltern -- Tugenden, durch die wir Juden selig zu werden hoffen und die hier mit großem Eifer gepflegt wurden. Besondere Achtung und Verehrung empfand ich für meine Schwiegereltern deshalb, weil sie Waisenkinder wie Kinder armer Verwandten ins Haus nahmen, sie standesgemäß erzogen, sie verheirateten, und ihnen Geschäfte gründeten.
Auch der Sabbath wurde hier heilig gehalten. Aber ihn verschönte nicht jene Feierlichkeit, wie in unserem Elternhause. Der Freitagabend kam mir im Schwiegerelternhause gar nüchtern vor. Es störte meine Andacht, daß am Tisch von Geschäften die Rede war. Mein Schwiegervater unterhielt sich mit seinem Vater über neu gekaufte Pferde, ihre guten und schlechten Eigenschaften und ihre Krankheiten. Die jungen Leute -- mein Mann machte es nicht anders -- schliefen oft aus Langeweile bei Tisch ein, bis sie die Schwiegermutter lachend und neckend zum Tischgebet weckte... An Smiraus, die heiligen Sabbathlieder, dachte hier niemand. Man erfüllte zwar die Sabbathsitte ganz so wie sie vorgeschrieben war; man umging sie aber, wenn der Nutzen es forderte, auf eine schlaue Weise. Kam ein Geschäftsbrief am Sabbath an, so öffnete ihn der Schabbesgoj, und man las ihn dann ruhig durch.
Wie anders war es in meinem Elternhause! Der Sabbath war wirklich heilig, und mein Vater glich an diesem Tage einem ehrwürdigen Rabbi! Nichts verriet in ihm den Geschäftsmann, und weder Freitag abends, noch den ganzen Sabbath durch fiel ein einziges Wort über geschäftliche Angelegenheiten; sogar Briefe, die an diesem Tage ankamen, wurden beiseite gelegt und erst am Abend geöffnet. Im Wengeroffschen Hause war man nüchterner. Die stille, verklärte, fromme Begeisterung, die an Feiertagen in meinem Elternhause herrschte, fehlte hier ganz. Sonst erinnerte mich die Art, wie das Haus eingerichtet war, stets an mein Elternheim: ebenfalls große Räume, kostbares Mobiliar, schönes Silbergeschirr, Equipagen, Pferde, Dienerschaft, häufige Gäste...
Ich las in Konotop sehr viel, hauptsächlich russisch. Die deutschen Bücher, wie Schiller, Zschokke, Kotzebue, Bulwer, die ich aus Brest mitgebracht hatte, waren schon alle durchgelesen, -- und jetzt kamen die russischen Bücher, welche die Wengeroffsche Bibliothek aufwies, an die Reihe. Ich las die Journale »Moskauer Nachrichten«, »die Nordbiene« usw. und unterrichtete meinen Mann, der äußerst lerneifrig war, in der deutschen Sprache. Sein Hauptstudium aber widmete er dem Talmud; jeden Montag und Donnerstag verbrachte er die Nacht mit seinem Rebben, über großen Folianten gebückt. Beim Tagesanbruch verließen sie erst das Studierzimmer.
Häufig saß er dort mit seinem Melamed, stundenlang auf einem niedrigen Schemel, von oben bis unten in einen großen Lappen, »Plachte,« gehüllt, das Haupt mit Asche beschüttet und tat »Goles abrichten« d. h. das Joch des Exils beklagen. Ein alter Brauch, den heute vielleicht von Tausenden Juden einer übt.
Seit unserer Verlobung erfüllte meinen Mann mehr und mehr eine mystisch-religiöse Stimmung. Er vertiefte sich in die heiligen Geheimnisse der Kabbala. Dieses Studium weckte allmählich in dem schwärmerischen Jüngling den heißen Wunsch, nach Libawitz, dem Sitz des Oberhauptes der Litauischen Chassidim, zu wallfahren. Dort müsse er vom Rebben eine erschöpfende Antwort auf alle qualvollen Fragen und Rätsel erhalten. Dort wollte er seine Jugendsünden bekennen und um Ablaß bitten.
Kaum vor zwei Jahren noch hatte mein Mann freie Ideen vertreten, -- was sogar zu Zwistigkeiten mit den Eltern geführt hatte. Nun verfiel er nach so kurzer Zeit in das Gegenteil und verlor sich in mystisch-ekstatischen Stimmungen.
Eines Morgens -- es war Purim -- während ich in der Wirtschaft tätig war, kam mein Mann zu mir in die Küche und erzählte mir freudestrahlend, aufgeregt, sein Vater erlaube ihm und seinem älteren Bruder in Begleitung ihres Rebben nach Libawitz zu reisen. Als Misnagdim-Tochter verstand ich nicht die Tragweite und den Ernst dieses Ereignisses. Zweifelnd fragte ich meinen Mann, ob es sein Ernst sei. Ich erhielt zur Antwort ein kurzes, aber vielsagendes »Ja«.
Man traf die Vorbereitungen. Und bald stand eine Kutsche mit drei kräftigen Pferden zur Abreise bereit.
Die Wandlung.
Ich weiß nicht, was bei dem Rebben vorgefallen war, denn nie sprach mein Mann von diesem traurigen Erlebnis; ich weiß nur, daß ein Jüngling voll Hoffnung und Begeisterung die Seinigen verließ und zu dem Rebben wallfahrtete, wie zu einem Heiligen, der einzig und allein die Macht besitzt, den Schleier von den großen Geheimnissen zu heben... und daß er ernüchtert zurückkehrte. Die blaue Blume, auf deren Suche er, so manchem anderen gleich, auszog, fand er nicht sonnenbeglänzt am Rande einer reinen, erfrischenden Quelle, sondern welk und unähnlich dem Bilde seiner Träume. Nicht Verzweiflung, sondern eine ruhige Trauer legte sich über sein Wesen. Der Zauber schwand und mit ihm das Interesse und die Inbrunst, die er im letzten Jahre den religiösen Gebräuchen und Pflichten entgegengebracht hatte. Und es begann das Sichlossagen von all dem, was bisher teuer und nahe war, so nahe, daß es mit dem Menschen verwachsen und in sein Blut übergegangen zu sein schien. Nicht plötzlich, nicht auf einmal kam es zum Vorschein -- nur allmählich und leise, so leise, daß man es zuerst kaum merkte... Mein Mann verrichtete immer noch seine Gebete. Auch das Lernen mit dem Rebben dauerte fort. Ja, sogar das nächtliche Sitzen und Arbeiten über den Folianten hörte nicht auf... Aber das liebende Herz eines Weibes, das zu lauschen versteht und die leiseste Regung wahrnimmt, kann nichts täuschen... Das war nicht mehr das lebhafte Interesse des Forschers und Suchers, nicht mehr das inbrünstige, heiße Beten, das sich zur Ekstase erhebt, in welcher sich der Mensch Gott nahe fühlt und mit ihm redet ... Nein, es war eine tote Erfüllung der Pflicht. Jung und unerfahren, wie mein Mann war, verstand er es nicht, den goldenen Mittelweg zu finden. Von Enthusiasmus und religiöser Begeisterung zur vollkommenen Ernüchterung war bei ihm ein Schritt. Er tat ihn und betrat den entgegengesetzten Weg, den viele Juden bereits gegangen waren. Mein tiefreligiöses Gemüt erfaßte sogleich diese Wandlung. Es wurde mir gar schwer zumute. Ich ahnte schon damals all die Kämpfe, die mir in den nächsten Jahren bevorstehen sollten.
Die Erfüllung der religiösen Pflichten ohne die religiöse Überzeugung wurde meinem Manne auf die Dauer lästig. Er fing allmählich an, sie zu vernachlässigen. Die Eltern merkten es bald. Es entstand eine Spannung zwischen ihnen und dem Sohn. Die erste Auseinandersetzung erfolgte, als mein Mann sich den Bart schneiden ließ. Die Eltern waren darüber ungehalten und machten ihm bei dieser Gelegenheit schwere Vorwürfe, auch wegen der Vernachlässigung anderer religiöser Gebräuche, die sie bisher stillschweigend geduldet hatten.
Damals kam es auch zum ersten Konflikt zwischen mir und meinem Mann. Ich beschwor ihn, der Eitelkeit nicht nachzugeben und den Bart weiter wachsen zu lassen. Er fühlte sich verletzt, wollte nichts davon hören, erinnerte an seine Herrenrechte und forderte von mir Gehorsam und die Unterwerfung unter seinen Willen... Das war ein scharfer Stich für mein zartfühlendes Herz; der blaue Himmel meines Eheglücks trübte sich...
In dieser Zeit wurde ich Mutter. Der Wunsch meiner Eltern und Schwiegereltern ging in Erfüllung: Gott schenkte mir einen Sohn. Es war der erste Enkel und Urenkel männlichen Geschlechts. Die Freude war groß.
Es war eine schwere Stunde, aber die Liebe und die Sorgfalt halfen mir darüber hinweg. Im Getto hatte man ganz besondere Mittel, um der kreißenden Frau die Geburt zu erleichtern. Die erste Bedingung war, daß niemand im Hause außer der Hebamme und der ältesten Frau von der bevorstehenden Geburt erfahren durfte. War aber die bevorstehende Niederkunft bekannt, so war man sicher, daß sie lange dauern würde und gefährlich werden konnte. Neunmal wurde die Kreißende um den Eßtisch herumgeführt. Dann mußte sie dreimal über die Schwelle ihres Zimmers hin und her gehen. Alle Schlösser an den Schränken, Kommoden und Türen, sogar die Hängeschlösser an der Speisekammer wurden aufgeschlossen. Alle Knöpfe an der Leibwäsche der Kreißenden wurden aufgeknöpft, alle Knoten wurden aufgebunden. Dann, so glaubte man in der naiven Symbolik des Volkes, müßte auch das Kindchen leichter entbunden werden.
Die Wöchnerin wurde natürlich aufs sorgsamste gepflegt. Am ersten Tage bekam ich nur Schleimsuppe und Tee mit geröstetem Weißbrot. Am zweiten Tage begann die spezifische Wöchnerinnenschwelgerei. Schon früh am Morgen wurde Tee mit der besten Sahne gereicht. Nach zwei Stunden kam jene »Trianke« an die Reihe, jene Haferschleimsuppe, von deren Zubereitung ich besonders bei der Behandlung von Brustkranken sprach. Die Alte reichte sie mir immer mit den Worten: Dieser Teller Suppe, mein Kind, wird dir deine Eingeweide und deine Brust stärken und heilen. -- Nach weiteren zwei Stunden mußte ich eine fette Hühnersuppe mit etwas Huhn zu mir nehmen. Bald folgte wieder eine »Trianke«. Die war aber wieder anders hergerichtet. Sie bestand aus gekochtem Honig, der einige Tage im Warmen offen gestanden hatte, und war mit einem spirituosen Auszug von Gewürzen, wie Kalhan, Badjan, Muskatnuß, Kaneel, Nelken, Zimt, Feigen, Johannesbrot übergossen. Ein Glas von diesem Nektar -- und man schlief köstlich. Beim Erwachen hatte man meist starken Durst, der mit Tee kräftig bekämpft wurde. Natürlich fehlten Butterzwiebacke nicht. Nach weiteren zwei Stunden gab es Pflaumenkompott mit Mandeltorte, zum Vorabend wieder Hühnersuppe mit Huhn. -- Diese Schwelgerei dauerte acht Tage. In besonderen Fällen wurde sie bis zu vier Wochen fortgesetzt. Es war eine feststehende Anschauung bei den alten Frauen: solange nicht ein ziemlich großer Topf mit Hühnerknochen gefüllt war, d. h. solange die Wöchnerin nicht eine bestimmte Anzahl von Hühnern verzehrt hatte, war sie immer noch als Wöchnerin zu betrachten.
Nach der allgemeinen Sitte kamen im Laufe der ersten Lebenswoche meines Sohnes jeden Abend mehr als zehn Knaben mit dem »Behelfer« (Hilfslehrer) zu mir ins Zimmer, um die erste »Parsche« (Teil) des Krias Schema (Abendgebet) herzusagen. Dieses geschah nach dem Glauben der frommen Juden zur Behütung des Neugeborenen vor den bösen Mächten. Die Kinder erhielten jedesmal nach dem Gebet Rosinen, Nüsse, Äpfel und Kuchen und der »Behelfer« nach Verlauf dieser Woche eine Geldgabe.
Zu dem gleichen Zweck der Behütung des Neugeborenen wurde bei den Juden kabbalistische Gebete, »Schemaus« genannt, über dem Kopfe der Wöchnerin an der Wand angeheftet, ein zweites Blatt an der Tür und ein drittes zwischen die Kissen des Kindes gelegt. In der letzten Nacht vor dem »Briß« (Beschneidung) wurde das Kind am meisten behütet -- man nannte sie die »Wachnacht«. Am Vorabend der rituellen Zeremonie pflegte der »Mohel« das Messer in einer Scheide und häufig ein kabbalistisches Werk zu bringen, und die Hebamme legte beides unter die Kissen des Neugeborenen. Wenn nun das Kind gerade aufschluchzte, so bemerkte gewöhnlich die Hebamme bedeutungsvoll: Er weiß schon, was kommen wird. Lächelte er aber im Schlaf, so hieß es, daß der »Malach« (gute Engel) mit ihm spiele.
Am Vorabend der Beschneidung meines Sohnes gaben wir den Armen ein Mahl, wie es bei den vornehmen Juden vor einem Briß und einer Hochzeit Sitte war. Den Tag vorher sandte man den Synagogendiener »Schames« in die Armengegend und lud die Armen formell ein -- sogar die Straßenbettler wurden mit »zur Wachnacht gebeten«. In einem großen Raume des Hauses, das die Gastgeber bewohnten, stellte man einige Reihen langer Tische auf, an denen die Gäste Platz nahmen. Zuerst wurden die Männer und dann gesondert die Frauen bewirtet. Die Speisenfolge selbst wurde mit der Zeit ebenfalls typisch. Und so befand sich auf jedem Platz eine »Bulke« (Weißbrot), daneben ein Glas Branntwein und ein Stück »Lekach« (Lebkuchen); sodann folgten Fische oder Heringe, Braten und Grütze. Große Krüge Bier standen auf den Tischen. Man trank nach Belieben. Der Wirt, die Wirtin und ihre Kinder bedienten selbst die Gäste. Vor einer Hochzeit kamen auch die Braut und der Bräutigam zu der Armen und nahmen die übliche Gratulation -- »Maseltoff« -- entgegen. Die Armen benahmen sich gewöhnlich mit Anstand. Die Mahlzeit verlief nach allen Vorschriften der Religion. Zuerst wusch man sich die Hände. Dann wurde das Gebet gesprochen. Am Schluß wurde mit »M'sumon gebenscht« -- es waren ja mehr als drei Leute da, an unserer Tafel sogar mehr als zweihundert. Nach dem Tischgebet gingen die Männer unter Segen- und Dankessprüchen. Dann kamen die Frauen an die Reihe. Vor dem Fortgehen erhielt noch jeder Arme ein Almosen.
Zu unserer Familienfeier bekamen wir liebe Gäste von auswärts: den Vater meiner Großschwiegermutter -=Reb Abraham Selig Selensky=- und seine Frau aus Poltawa. Das war ein kluger, vornehmer, religiöser, sehr alter Mann, der alte -=Selensky=-, der sich in Poltawa einer sehr großen Popularität erfreute. Es war noch einer vom alten Schlage, den der Geschäftseifer nicht hinderte, den Talmud stets fleißig zu studieren und die religiösen Pflichten streng auszuüben. Seine vier Söhne erhielten bereits europäische Bildung, haben es aber verstanden, das Neue zu erfassen und es in sich zu verarbeiten und gleichzeitig dem Alten nicht zu entsagen. Der älteste unter ihnen war ungewöhnlich sprachkundig, der zweite Hofmaler, der dritte Rechtsanwalt und der jüngste ein berühmter Talmudist. Dieser Talmudist war dermaßen fromm, daß er sich nicht dazu entschließen konnte, seinen langen Bart schneiden zu lassen. Er trug ihn stets in einer Halsbinde halb versteckt, um nicht ausgelacht zu werden.
Doch ich wollte ja vom Briß sprechen. Schon früh am Morgen traf die Hebamme ihre Vorbereitungen für das Bad. Denn das Baden vor der Beschneidung ist eine ganz besonders feierliche Zeremonie. Das Kind wird sehr frühzeitig gebadet. Das Wasser darf nicht sehr warm sein, denn das Kind durfte nicht erhitzt werden. Sonst würde in der damaligen Anschauung nach der Operation eine Blutung eintreten. Beim Baden waren immer eine große Menge alter Frauen zugegen. Galt es doch als ein verdienstliches Werk, über das Kind zwei Hände voll Wasser zu schütten. Bei dieser Prozedur ließen die Frauen eine Silbermünze in das Wasser gleiten. Sie war für die Hebamme bestimmt.
In dem Zimmer, in dem die Beschneidung stattfindet, werden schon früh um 10 Uhr zwei große Kerzen in hohen Leuchtern angezündet. Auf einem besondern Tisch sind die Utensilien des Briß hergerichtet. Eine Flasche Wein, ein Becher, der mindestens den Inhalt von einundeinerhalben Eierschale fassen muß, ein Teller voll Sand, eine Büchse mit Puder, das aus altem verfaulten Holz besteht. Gegen 10 Uhr kommen schon die ersten Gäste an. Der Mohel ordnet an, daß das Kind jetzt gewickelt werden soll. In den reichen Häusern wurde für diese Windeln die feinste Leinwand verwendet. Das Kind erhält ein Mützchen auf den Kopf, wird in ein seidenes Steckkissen getan und mit einem Deckchen aus ebenso feiner Seide zugedeckt. Für das Wickeln vor der Beschneidung war eine ganz bestimmte Methode üblich. Eine Windel wurde dreieckig gelegt. Die Händchen des Kindes wurden gerade an die Körperseiten angelegt und mit je einer Ecke der Windel umschlungen. Das feine, mit Spitzen besetzte Hemdchen wurde über dem Leibe des Kindes in einem breiten Saum hochgeschlagen. Dann wurde das Kind in eine große Windel gepackt, um die ein sehr langes und breites Wickelband so fest herumgeschlungen wurde, daß das Kind wie eine Mumie aussah. Nur die Füßchen blieben frei, damit dem Kinde nicht zu heiß würde, weil ja jede starke Erhitzung die Gefahr der Blutung gäbe.
Wehmütig blickte ich mein Kind an, das nun das Opfer für sein Volk darbringen sollte. Ich preßte es an mein pochendes Herz. Aber bald nahm mir die Hebamme das Kind fort und reichte es der ältesten und würdigsten Frau, die neben dem Bett stand. Sie wiegte es ein paarmal auf ihren Armen und reichte es dann der nächststehenden Frau, die es auch mehrmals hin und her schaukelte, um es dann weiterzugeben. So wandert das Kind von Arm zu Arm, bis es schließlich der Gevatterin überreicht wird. Sie tritt mit dem Kinde bis an die Schwelle des Zimmers, in dem der Akt vor sich gehen soll. Sobald die Festversammlung des Kindes ansichtig wird, rufen die Herren ihm ein Boruch Habo »Gesegnet sei der Kommende« zu. Der Gevatter (Quatter) übernimmt dann das Kind und reicht es dem Sandik (Syndikus), der, in einen großen Tallis gehüllt, auf einem Lehnstuhl Platz genommen hat. Seine Füße stehen auf einem Holzschemel. Dann spricht der Mohel ein ergreifendes Gebet. Er fleht Elijahu, den Schutzengel der Beschneidung, den wundertätigen Schirmer der Juden in Not und Fährde, um seinen Beistand an. Und nun folgt die eigentliche Beschneidung. Ein heftiger Aufschrei des Kindes. Und während der Mohel den Segen über den Wein spricht und dem Kinde den Namen gibt, hört man noch das leise Wimmern des Kindes, das sich erst dann manchmal beruhigt, wenn ihm der Mohel mit dem kleinen Finger ein paar Tropfen Wein auf die Lippen gibt. Vielfach ist es Sitte, daß bei den einzelnen Akten nach der Beschneidung beim Segen über den Wein, beim Namengeben und beim Schlußgebet je ein anderer Herr mit der Ehre, das Kind halten zu dürfen, ausgezeichnet wird. -- Die Zeremonie endet damit, daß der Gevatter das Kind wieder der Gevatterin überreicht. Glückstrahlend nimmt dann die Mutter das Kind in Empfang, und das kleine Kerlchen darf nun an der Mutter Brust wieder seine genußreiche Ruhe finden. Er ist nun in den Bund Israels aufgenommen und ein Nachkomme des Patriarchen Abraham. Die Gäste bleiben noch lange bei einem Festmahl zusammen, gilt doch diese Szude als ein ganz besonders heiliges Mahl.
Ist die Beschneidung glücklich vorüber, -- und ich erinnere mich eigentlich nie eines traurigen Zwischenfalles -- dann ist die Macht der bösen Geister gebrochen. Nach drei Tagen war bei meinem Kinde die Wunde geheilt. Diese glückliche Heilung wurde wieder durch ein Festmahl gefeiert. Und bald konnte nun die mütterliche Sorgfalt sich ganz der körperlichen Pflege ihres Kindes widmen.
Es war ganz selbstverständlich, daß damals jede Mutter ihr Kind selbst stillte. Bevor die Mutter dem Kinde die Brust reichte, wurden jedesmal einige Tropfen zur Seite abgedrückt, weil Aufregungen, Kummer und Sorgen die ersten Tropfen vergiftet haben könnten. Die Entartung der Saugflasche war in das Getto noch nicht eingedrungen. Hatte eine Mutter zu wenig Nahrung, so steckte sie dem Kinde einen Schnuller in den Mund. Sie tat Weißbrot, im Notfalle Schwarzbrot mit einem Stückchen Zucker, nachdem sie es ordentlich durchgekaut hatte, in ein Läppchen und band es mit einem Faden zu. Ganz wunderliche Methoden gab es, um schreiende Kinder zu beruhigen. Das Kind wurde gebadet und nach dem Abtrocknen von der zumeist alten und erfahrenen Wärterin auf ein großes Kissen gelegt. Dann wurde der Leib mit Provenceröl tüchtig eingerieben, das linke Füßchen mit dem rechten Händchen über dem Bäuchlein des Kindes so zusammengedrückt, daß Ellenbogen und Knie nebeneinander kamen. Das gleiche Manöver wurde mit dem linken Händchen und dem rechten Füßchen vorgenommen. Dann wurden die Beinchen gestreckt und die Arme fest an den Körper gelegt. So wurde das Kind in die Höhe gehoben und für einen Augenblick mit dem Kopf nach unten geschaukelt. Alsdann wurde das Kind auf den Bauch gelegt, Rücken und Füßchen zart gestrichen. Mochte das Kind auch aus Leibeskräften geschrien haben, es wurde still.
Noch viel drastischer war die folgende Methode. Wollte noch so wildes Hin- und Herschaukeln der Wiege, die meist zwischen zwei am Kopf- und Fußende angebrachten Stricken frei schwebte, nichts helfen, so trug die Wärterin das Kind in die Küche, schaukelte es zunächst auf den Händen, und hob es dann für ein paar Minuten über den Herd in den Schornstein, wobei sie unverständliche Worte murmelte. Und wirklich: das Kind wurde ruhig, vorausgesetzt, daß die Wärterin nicht vorher vergessen hatte, Pfeffer und Salz in zwei kleine Beutelchen zu tun oder im Notfall in ihre Hand zu schütten und damit mehrmals um das Kind herumzugehen. Manchmal genügte dieses Umkreisen des Kindes schon allein, um es zu beruhigen. Sicher aber war es ein Mittel gegen den bösen Blick, der besonders dann zu fürchten war, wenn fremde Leute ein schlafendes Kind betrachteten. Ein anderes »unfehlbares Mittel« war, daß die Mutter sich auf ein Knie niederlassen mußte, während das Kind dreimal zwischen den Beinen hin und her geschoben wurde.
Leider aber gab es viele Kinder, bei denen die Unruhe schon der Beginn einer Krankheit war. Kam ein Kind nicht vorwärts, blieb es mager und schwach, dann stellten die alten erfahrenen Weiber die Diagnose: Rippküchen. Die Rippen des Kindes fingen zu dörren an. Ich glaube, das muß wohl so eine Krankheit sein, die man heute als englische Krankheit bezeichnet. Diese Kinder weinten natürlich sehr viel. Und um der Ursache dieser Unruhe zu begegnen, wußten die wohlweisen Weiber ein kräftiges Mittel. Sie legten das Kind aufs Bett und nahmen ein Rollholz, um das man in jenen Zeiten die Wäsche zu wickeln pflegte, legten dieses Rollholz auf die Rippen des Kindes und schlugen mit einem gekerbten dicken Brett, mit dem man ansonstens über das umwickelte Rollholz fuhr, neunmal darauf. Das war ein hartes Mittel, aber es half, wenn man die richtigen Beschwörungsworte wußte. Die bösen Geister liefen dann davon.