Part 14
Und nun führten uns jeden Tag die Bewohner der Mansarden, der Keller der entlegensten Teile der Stadt ihre acht- bis zehnjährigen Töchterchen zu und baten, sie in die Schule aufzunehmen. Wir kauften auf Abzahlung drei Nähmaschinen, engagierten eine Schneiderin mit einem Gehalt von zwanzig Rubeln monatlich, eine Wäschenäherin mit zehn Rubeln monatlich und eine Korsett- und Miedernäherin mit dem gleichen Gehalt. Wir kauften mehrere hundert Meter vom einfachsten Kattun, alles nötige Nähzeug, einige Plätteisen, Scheren usw.
Der Tag, an dem wir diese bescheidene Anstalt eröffnen sollten, rückte heran. Wir fanden uns alle zur bestimmten Stunde in den Schulräumen ein. Frau Kaplan, die selbst die Schneiderkunst mehrere Jahre in Königsberg gelernt hatte, schnitt von einem großen Stück Stoff mehrere einzelne Teile ab und verteilte sie unter die versammelten Mädchen, und der Unterricht in den drei Klassen nahm seinen Anfang.
Es währte nicht lange, so meldeten sich mehrere Damen und junge Mädchen bei uns und boten ihre Dienste an. Die jungen Mädchen erteilten den Kindern unentgeltlichen Unterricht in der russischen Sprache und im Rechnen; auch ein Melamed für den Unterricht im Hebräischen wurde von uns engagiert, der täglich unterrichtete, während die Lektionen in der russischen Sprache nur zweimal wöchentlich stattfanden.
Aber das vernachlässigte wilde Äußere unserer Schützlinge gab uns keine Ruhe, und unser nächster Wunsch, sie anständig gekleidet zu sehen, ging bald in Erfüllung.
Schon nach kurzer Zeit hatten wir die Genugtuung und Freude, unsere sechzig Mädchen sauber gewaschen, mit kurzgeschnittenen Haaren in einfachen, reinen Kleidchen und Schürzen bei ihrer Arbeit fleißig beschäftigt zu sehen.
Auf meinen Vorschlag hin wurden diesen Kindern des Volkes die kernigen, praktischen Lebensregeln unserer Weisen: »Pirke Abot« (Sprüche der Väter) beigebracht.
Ich war oft bei diesen Vorlesungen zugegen, und es bereitete mir viel Freude zu sehen, mit welchem Interesse und Verständnis die Kinder diesen Ausführungen folgten.
Dank der warmen Teilnahme der Bürger der Stadt Minsk, die mit Spenden und Beiträgen unsere Schulkasse unterstützten, waren wir bald imstande, nicht nur für den Unterricht der Mädchen, sondern auch für die Ernährung dieser armen, ausgehungerten Wesen zu sorgen.
Die Kinder lernten sehr schnell und verfertigten bald nützliche Kleidungsstücke. Im Verlauf eines Jahres brachten sie es so weit, daß vornehme jüdische und christliche Damen ihre Toiletten in unserer Werkstatt anfertigen ließen.
Im Herbst des ersten Jahres veranstalteten wir zugunsten unserer Schule ein Fest, das uns zweitausend Rubel brachte. Die Feste wurden zu einer ständigen Einrichtung bis auf den heutigen Tag.
Beide Gewerbeschulen, die für Knaben und die für Mädchen, existierten lange Zeit ohne alle Privilegien und Rechte. Doch gelang es uns mit der Zeit, für beide Schulen gewisse Rechte vom Ministerium für Volksaufklärung zu erlangen, so das Wohnrecht in Großrußland. Das Zeugnis, das der Handwerker nach Absolvierung der Schule erhielt, gab ihm das Recht, in ganz Rußland sein Gewerbe auszuüben. Ich selbst habe eine Weißnäherinnenprüfung bestanden, als ich nach Jahren das Wohnrecht in Kiew erlangen wollte.
Von jetzt ab standen unsere Minsker Schulen unter dem Schutz und der Aufsicht der Direktion der Volksbildung. Die Regierung protegierte diese Schulen von Anfang an, weil sie durch die Einführung der russischen Unterrichtssprache auch hier ihre russifizierenden Tendenzen fördern konnte.
Zehn Jahre nach der Begründung der Mädchenschule veranstalteten wir eine Ausstellung der von unseren Schülerinnen verfertigten Gegenstände. Das vornehmste Publikum der Stadt, Juden und Christen, fanden sich ein, und sogar der Gouverneur, Fürst Trubetzkoi, beehrte uns mit seiner Gegenwart. -- Es war wieder ein schöner Tag in meinem Leben!
Die Mädchen, vor kurzem noch verarmte, elende, verwilderte Kinder, standen jetzt in dem festlich geschmückten Ausstellungsraum da, schmuck, rein, gesund und umgeben von den Höchsten und Vornehmsten der Stadt, die ihre Arbeiten bewunderten und lobten.
Den Armen und Zurückgesetzten gab unsere Schule die Möglichkeit, redlich und anständig ihr Brot zu verdienen, sie gab ihnen Gesundheit, Frische, Jugend und vor allem die menschlichen Rechte. Vielleicht kommt bald der große Tag wieder, wo die jüdischen »Bal meloches«, Arbeitsleute, auf gleicher Stufe mit den Gelehrten des Volkes stehen werden. Wie in den Zeiten unserer Tanaïm und Amoraïm, wo Rabbi Jochanan Schuhmacher, Rabbi Jizchok und R. Jehuda Schmiede, R. Joseph Zimmermann, R. Schimon Weber, R. Hillel Holzhauer, R. Hunna Wasserschöpfer, R. Jichah Köhler, R. Jose und R. Chanina Schuhflicker auf öffentlichem Markt, R. Nehunja Brunnengräber waren. Ihr Handwerk hinderte sie nicht, talmudische Vorträge zu halten...
Mit Tränen im Auge sah ich unsere jüdischen Kinder, und eine stille Freude war in mir, denn ich wußte in diesem Augenblick, daß Gott unsere Mühe und Arbeit gesegnet hat.
Trotz der großen Geldgaben, der monatlichen Beiträge unserer Mitglieder und der Erträgnisse der Feste reichten unsere Mittel nicht aus, und wir arbeiteten mit einem Defizit. Da kam zu uns die Nachricht, daß Baron Hirsch in seinem Testament mehrere Millionen Rubel für die Gewerbeschulen der russischen Juden hinterlassen hätte. -- Es klang wie ein Märchen. Doch bald wurde es Tatsache. Aus Petersburg kam zu uns ein Bevollmächtigter des Hauptkollegiums der Vertrauensmänner, und nach Erledigung gewisser Formalitäten erhielten beide Schulen eine ständige Unterstützung -- jede einige tausend Rubel jährlich --, die bis auf den heutigen Tag bezahlt wird.
Nach Jahren begegnete ich manchmal fremden jungen Mädchen in der Straße, die mich mit besonderer Freundlichkeit begrüßten und mit meinem Namen ansprachen. Als ich sie dann etwas erstaunt nach ihrem Namen fragte, erhielt ich zur Antwort: »Madame Wengeroff, ich bin doch Riwke oder Malke usw., aus der Werkstatt --,« und ich brauchte eine gute Weile, um in dem fast wohlhabend aussehenden Mädchen die kleine zerlumpte, elende Riwkele zu erkennen!
* * * * *
Der Prozeß der Europäisierung der jüdisch-russischen Massen ist, so sehr er auch das alte Gefüge des Gettos zerstörte und bei den Schwachen und Widerstandslosen eine vollkommene Zerrüttung herbeiführte, im wesentlichen doch nur als ein Umwandlungsprozeß zu betrachten. Wie konnte es auch anders sein! Ein Geist, der seit Jahrhunderten in die straffe Zucht des Talmuds genommen war, der über den Alltag hinaus nach dem höheren Gesetz strebte, der in höchster Anspannung zwischen Recht und Unrecht zu scheiden sich geübt hatte; ein Gefühlsleben, das sich in milden, verklärten und sinnigen Gebräuchen ausgelebt und in den stillen Gärten der Haggadah von der Herbheit des Alltags seine Erholung gefunden hatte --: der Reichtum dieser psychischen Werte konnte unmöglich durch die neue Bildung einfach verschüttet werden. Im Blute liegende Kultur, verfeinert und höher gezüchtet durch die Jahrhunderte, suchte und fand ein neues Gebiet ihrer Betätigung, eine neue Heimat in der Kunst. Freilich waren es nur wenige, die Bildner von starker Qualität wurden. Aber die Tausende und Abertausende junger Schriftsteller, die um die sechziger Jahre zum Lichte drängten, die vielen Empfinder, Nachempfinder und Genießer all der künstlerischen Schöpfungen Europas bewiesen immer nur das eine: daß wohl das Gebiet des persönlichsten, leidenschaftlichen Interesses ein anderes geworden war; daß aber die seelischen Antriebe die gleichen waren wie seit Jahrhunderten. Wer die Dinge in dieser Auffassung sieht, dem werden sich Erscheinungen wie Antokolski nicht mehr als Wunder darstellen. Künstler gab es eben immer im Getto. Es mußte aber eine geistige Freiheit kommen, um den Schöpferwillen zu entbinden, die Knebel von den Händen zu lösen. Antokolski war der Sohn eines armen Schankwirtes aus dem Vororte Antokol bei Wilna. Schon früh war seine ungewöhnliche Begabung aufgefallen. Er schnitzte Holzfiguren, machte Siegel, deren Griffe allerlei Gestalten wiedergaben. Noch als kleiner Junge schnitzte er in eine Brosche aus Bernstein die Ganzfigur des Generalgouverneurs Nasimow, die sprechend ähnlich war, obwohl der Knabe den Gouverneur nur mehrmals flüchtig von der Ferne gesehen hatte. Aufsehen erregte eine Holzschnitzerei, die die Überraschung einer Marannenfamilie in einem Keller beim Szederabend darstellte. Die ganze Tragik dieser Situation war festgehalten. Der Tisch war umgestürzt, die Haggadahs, das Geschirr, die Leuchter, die Kerzen, Weinflaschen alles wirr durcheinandergeworfen. In einem Winkel standen die Männer aneinandergepreßt. An eine Wand war eine Frau gelehnt, einen Säugling auf dem Arm haltend. Man fühlte, daß sie nicht zu atmen wagte.
Es war klar, daß dieses ungewöhnliche Talent im Getto verkümmern mußte, wie so viele dort verkümmert waren. Da nahm sich ein Herr Gerstein in Wilna des jungen Mannes an und verschaffte ihm, als er heranwuchs, die Möglichkeit, nach Petersburg zu gehen. Das war eine lange Reise auf einem Leiterwagen. Brot und Hering waren des Jünglings einzige Nahrung. In Petersburg wurde der berühmte Schriftsteller Turgenjew auf ihn aufmerksam, der ihn zu sich heraufzog, ihm die Bildung seiner Zeit vermittelte und ihm den Weg zu den einflußreichen Männern der Stadt ebnete. Ich hatte das große Glück, den jungen Meister kennen zu lernen, als er an seinem gewaltigen Werke, Iwan Grosny, Iwan der Schreckliche, arbeitete. Wegen des Umfanges der Arbeit hatte sich Antokolski an den akademischen Rat um Gewährung eines größeren Ateliers gewandt. Aber ihm wurde nur eine Mansarde im dritten Stock angewiesen, die nur auf einer schmalen Hintertreppe zu erreichen war. Er mußte sich mit dem schlecht erhellten niedrigen Raume bescheiden. Aber das Werk wuchs und wuchs. Und alle, die es werden sahen, wurden begeistert. Ich denke noch heute jener fast leidenschaftlichen Erregung, die mich beim Anblick dieses Werkes packte. Mein Schwager Sack, der mit Antokolski befreundet war, hatte mir den Zutritt zu seinem Atelier ermöglicht. Das Werk war noch im Tonmodell. Aber mir war, als stand ich nicht vor einem toten Gebilde, sondern vor dem Leben. Hinter der harten Stirn sah man die großen Gedanken werden, die rücksichtslos auf ein Ziel lossteuern. Beide Arme waren auf die Sessellehnen gestützt, so daß man glaubte, daß Iwan jetzt aufspringen müßte; die Bibel, die auf seinen Knien liegt, würde herabgleiten, und bald würde seine machtvolle Hand die Paliza, den adlergeschmückten Stab erheben und seine Eisenspitze einem Aprichnick (Gardist) durch Stiefel und Fuß jagen.
Es war jedenfalls das gewaltigste Werk, das die Bildhauerei in Rußland gezeitigt hatte. In allen Gesellschaften wurde davon gesprochen, bis schließlich das Gerücht von diesem Werke bis zu Kaiser Alexander II. kam. Auch er wollte es sehen. Da fuhr den professoralen Stümpern der Schrecken in die Knochen. Sie baten den jungen Künstler, das Modell in einen größeren Raum bringen zu lassen. Denn sie fürchteten, der Kaiser könnte ahnen, wie engherzig sie den jungen Künstler behandelt hatten. Antokolski lehnte ab. Angeblich, weil er sein Modell nicht gefährden wollte. Auf der schmalen Treppe könnte es beschädigt werden. Aber auch sein Künstlerstolz bäumte sich auf. Sollte doch der Kaiser sehen, daß Großes auch im Niedrigen wachsen könnte. So wurde denn die Treppe hastig mit echten Teppichen belegt und mit exotischen Pflanzen geschmückt. Der Kaiser fühlte sich zwar auf diesen labyrinthischen Wegen, deren Ausgang man nicht recht sah, unbehaglich. Aber als er in die Mansarde des Künstlers trat, riß ihn das Werk in den Bann. Er reichte dem Künstler die Hand, lobte ihn und dankte ihm. Bald darauf erhielt Antokolski den Titel Professor.
* * * * *
Ungleich größer war die Zahl der reproduzierenden Künstler. Die Musik war ja im Getto immer beliebt. Wohl konnten die Kleßmorim nicht nach Noten spielen, aber in ihr ungefüges, wildes Spiel legten sie ihre ganze Seele. Und sie wußten zu ergreifen. Die Chasonim hatten auch nie Musik studiert. Allein ihr regelloser, den Sinn der Gebetsworte bis in die letzten Feinheiten interpretierender Gesang gab doch Weihe, Andacht und -- Zerstreuung. Es gab nicht viel Abwechslung im Getto. Und ein neuer Chason -- und es gab solche, die von Stadt zu Stadt mit ihrer Truppe wanderten -- war ein Ereignis. Er stillte auch jene Bedürfnisse, denen heute Operetten und Konzerte dienen. Auch der Badchen, der Troubadour der Familienfestlichkeiten, der mit seinen ernsten und lustigen »Grammen« die Zuhörer in Stimmung brachte, war im letzten Grunde doch auch ein Künstler. Verfolgt man die große Schar der ausübenden Musiker, die jetzt die ganze Welt überschwemmen, und weiß man die verdrehten Namen nur richtig zu stellen, so wird man bei den meisten Kleßmorim, Chasonim, Badchonim unter ihren Vorfahren finden. Von einem, der jetzt Musikmeister an der Kaiserlichen Oper in Moskau ist, will ich hier erzählen. Die Geschichte ist eben typisch.
* * * * *
Es war an einem Nachmittag, als mein Freund N. Friedberg mit zwei Jungen, von denen der ältere sieben, der jüngere sechs Jahre zählte, zu mir ins Schreibzimmer trat und sie mir mit den Worten: »Das sind die Kinder von Badchen Fidelmann« vorstellte. Es waren blasse, magere Knaben, die mich mit ihren kohlschwarzen Augen wie Kaninchen anblinzelten. »Ich möchte, daß sie Ihnen vorspielen. Sie wollen sie doch spielen hören, und ich hoffe, dadurch Ihr Interesse für sie zu gewinnen.« »Gut,« sagte ich, »ich werde mein Möglichstes tun.« Unterdessen lief der ältere hurtig ins Vorzimmer, brachte die zwei kleinen Geigen samt dem Notenheft, eine Schule, welche nur kleine, polnische Lieder und Tänze enthielt, die mir gut bekannt waren. Der ältere fiedelte mir kreischend eines und das andere davon vor; ich horchte auf die bekannten Melodien und war froh, als das Spiel zu Ende war. Nun begann der Jüngere mit Eifer zu spielen -- seine Äuglein funkelten, seine Gesichtszüge belebten sich, und ich folgte ergriffen den raschen Bewegungen der kleinen Hand und beobachtete sein ausdrucksvolles Gesichtchen. Die Prüfung war beendet. Ich sagte Herrn F., daß ich und meine Freunde für das Unterrichtshonorar -- monatlich acht Rubel -- gutsagen würden. Somit wurden die Kinder in Frieden entlassen, um schon am nächsten Tage mit dem Unterricht zu beginnen, den sie hatten abbrechen müssen, da der Lehrer ein größeres Honorar verlangte. Mein Freund F., selbst ein hervorragender Musiker, entdeckte bei dem Jüngeren Talent. Die Jungen, besonders der kleinere, lernten eifrig. Ich hatte meine Freude daran. Außer der Musik ließ ich sie bei dem jüdischen Melamed in der Bibel, im Schreiben, im Russischen unterrichten. Nachdem sie ein Jahr Unterricht gehabt, waren meine Hausgenossen, die zuerst stets davonliefen, gern bei den Prüfungen zugegen. Selbst mein Mann fing an, sich für das Spiel des Kleinen zu interessieren.
Es pflegte oft zu geschehen, daß der Kleine den Korb mit Lebensmitteln zu mir in die Küche brachte, da die Mutter am Freitag keine Zeit hatte, ihn mir selbst zu bringen. Ich schalt ihn deswegen, er solle sich nicht unterstehen, durch die Gassen den Korb zu schleppen. »Ich hoffe zu Gott,« sagte ich, »daß du ein großer, berühmter Mann werden und in Kutschen fahren wirst und will nicht, daß jemand dich mit dein Korbe sieht.« Er antwortete: »Für Euch, Madame Wengeroff, kann ich alles tun.« Drei Jahre waren vergangen. Der Kleine hatte gelernt, was sein Lehrer ihm in der Musik bieten konnte. Da es einen andern in Minsk nicht gab, beschloß ich gemeinsam mit Herrn F., ihn nach Petersburg zu senden. Ich schrieb an meine Schwester, Exzellenz Sack, sie möge sich des Knaben, von dem ich ihr schon bei meiner Anwesenheit in Petersburg erzählt hatte, annehmen.
Es mußte Geld für die Reise und die erste Zeit seines Aufenthaltes in Petersburg beschafft werden. Wir veranstalteten ein Konzert, worin auch mein Schützling Ruwinke, später »Roman Alexandrowitsch« auftrat. Das Konzert hatte den gewünschten Erfolg. Nun trafen wir Anstalten zu seiner Abreise.
An seiner Ausstattung beteiligten sich die verschiedensten Personen. Er erhielt sogar eine silberne Uhr von Herrn Syrkin, seinem zweiten Protektor, über die er sich ganz närrisch freute.
Als er Abschied nahm, ermahnte ich ihn, sich auch im Glück seiner alten Mutter und all seiner Gönner in Dankbarkeit zu erinnern. Ich bat ihn auch, bald über seine Aufnahme in das Konservatorium zu berichten, worauf er naiv sagte: »Woher werde ich denn eine Briefmarke nehmen?« Ich gab ihm einen Rubel für Briefmarken. -- Er hat ihn für diesen Zweck nicht verwendet.
Durch Vermittlung meiner Schwester und die Fürsprache Anton Rubinsteins erhielt er vom Gouverneur Grosser die Aufenthaltserlaubnis und unentgeltliche Aufnahme ins Konservatorium. Er trat in die Violinklasse von Professor Auer ein und studierte mit dem besten Erfolge so lange, bis er seiner Militärpflicht zu genügen hatte. Vorher mußte er noch eine Gymnasialprüfung ablegen, um nicht als einfacher Soldat zu dienen. Bei dieser Vorbereitung kamen ihm die vornehmsten Studenten zu Hilfe; für seine übrigen Lebensbedürfnisse sorgten Frau Sack und Frau Anna Tirk, in deren Häusern er oft mit großer Anerkennung spielte. Er trat in das vornehmste Gardekürassierregiment ein und trug die malerische Uniform, den reich mit Tressen besetzten Hut. Man räumte ihm zwei Zimmer in der Kaserne ein und gab ihm einen besonderen Bedienten. Er wurde mit Schonung von seinen Vorgesetzten behandelt und gewann durch sein Spiel die Herzen der Obrigkeit. Um seinen täglichen Übungen zuzuhören, kamen die höchsten Herrschaften, und wenn es ihm einfiel, ihnen seine Laune zu zeigen, verwies er sie ins Nebenzimmer.
Zur selben Zeit besuchte ein französisches Orchester Petersburg und gab seine Konzerte bei Hof; nun galt es, ein Petersburger Orchester nach Paris zu senden. Da wurde Roman Alexandrowitsch die Ehre zuteil, als erster Geiger dabei zu fungieren. Noch im Militärdienste, in der glänzenden Uniform, spielte er im Palais vor dem Präsidenten Carnot mit großem Erfolge und bekam von ihm einen kostbaren Brillantring. Er beendigte sein Studium im Konservatorium. Während der Militärzeit konzertierte er in Petersburg, Düsseldorf und Berlin.
Der Tod meines Mannes.
Leise und tückisch schlich sich das Gespenst des Todes an unser Heim heran. Mein Mann fühlte sich von Tag zu Tag schlechter. Es stellte sich bei ihm ein Herzleiden ein, das die Aufregung im Geschäft nur immer verschlimmerte. Er sollte nicht mehr lange unter den Lebenden weilen. Aber ich ahnte damals noch nicht, -=wie=- nahe sein Ende war.
In den letzten Jahren seines Lebens wurde er still, milde und verfiel in die mystische Stimmung der Jugendzeit, da er sich in die Lehren der Kabbala vertiefte. Ich fühlte, wie er mich beneidete, daß ich mir durch alle Stürme unseres Lebens mein gläubiges Gemüt erhalten hatte --
Er empfand die mystischen Regungen aber dennoch als eine Schwäche. Und er schämte sich ihrer im Stillen. Mich ließ er jetzt gewähren und hatte keinen Hohn mehr für meine religiöse Auffassung und mein Tun. Ja es kam sogar vor, daß er an Feiertagen -- er selbst ging nicht beten -- zu mir in die Synagoge kam, um, wie er sich verlegen entschuldigte, nach mir zu sehen -- Seine Besuche hatten aber eine tiefere Ursache: es war ein Zwang der Seele, der ihn ins Bethaus trieb. Die Atmosphäre der feierlich versammelten betenden Juden zog ihn an.
Er kam ins Schwanken. Die einmal eingeführte Lebensweise mochte er nicht ändern. Die Jugenderinnerungen wurden aber doch immer mächtiger, immer stärker und schlugen ihn in Bande. Die Tradition, die ihm im Blute lag, war eben doch stärker als aller moderne Sturm und Drang...
Diese innere Zerrissenheit kam immer mehr zum Vorschein, oft ganz unvermittelt. Einmal gaben wir ein Abendessen, zu dem sechzig Personen geladen waren. Mein Mann war die ganze Zeit gut gestimmt, unterhielt sich mit allen und spielte den liebenswürdigen Wirt. Es war schon spät in der Nacht, als die Gäste unser Haus verließen. Plötzlich, wie aufgewühlt von einem großen Schmerz, rang mein Mann die Hände und rief: »Ach, sechzig jüdische Kinder saßen hier beieinander und aßen treife!«
Und so erfüllte sich die Prophezeiung meiner Mutter! -- Diese Stimmung gewann wieder Macht über viele Männer dieser Generation. Denn in den heiligen Stunden, da sie sich selbst zu offenbaren wagten, fühlten sie den Riß, der durch ihre Seele ging. Der Rausch verflog, die Erinnerungen der Jugend rieben sich den Schlaf aus den Augen und heischten schmeichlerisch ihr Recht. Das Alte nahm sie gefangen. Die neue Zeit lockte.
Mein Mann wurde immer stiller und einsamer. Die einzige Leidenschaft seiner letzten Lebensjahre war die Pflege der Blumen, die er mit väterlicher Sorge betreute. In seinen Mußestunden beschäftigte er sich auch gern mit der Holzschnitzerei und Kupferstecherei. Aber das tat seinen Lungen nicht gut.
Bis zum letzten Augenblick seines Lebens vertrat er die Interessen seiner Stammesgenossen. Sein Eifer kannte keine Grenzen, wenn es galt, ihnen zu helfen, irgend etwas Nützliches für sie durchzuführen. Da half nicht mein Warnen und Flehen. Er arbeitete dann ohne Rücksicht auf den bedrohlichen Zustand seiner Gesundheit. Jedes jüdische Ungemach traf ihn wie ein eigenes. Und ein Unrecht, das anderen mehr als ihm galt, gab ihm den Tod.
Der Bürgermeister der Stadt Minsk war damals der Graf Czapski, ein vornehmer, gebildeter Mann von echt europäischer Kultur, dessen einziges Ziel es war, Minsk zu europäisieren. So führte er die Straßenbahn ein, ließ ein prächtiges Schlachthaus bauen, die Straßen pflastern u. a. m. Er gab Hunderttausende Rubel für diese Zwecke aus -- nicht nur vom Gemeindegeld, sondern er legte auch große Summen aus seiner eigenen Tasche zu. Für seine eigene Person war er einfach und sparsam. Sein Essen und seine Kleidung waren schlicht, ja dürftig. Doch rechnete Graf Cz. bei der Ausführung seiner großen Pläne nicht mit den Mitteln der Bürgerschaft, die in der Mehrheit arme Leute waren und die Ausgaben nicht tragen konnten. Das Resultat seines Eifers war eine städtische Schuld von 200 000 Rubeln, und diese sollten selbstverständlich die Bürger begleichen. Es war eine überschwere Last, die vor allem den Juden aufgebürdet wurde. Mein Mann hielt es für eine Ehrenpflicht, gegen dieses Ansinnen anzukämpfen.
Er arbeitete genaue Aufstellungen für die Ausgaben der letzten Jahre aus, die seine Ausführungen stützen sollten. So ausgerüstet begab er sich in die letzte Sitzung der Stadtduma -- deren Mitglied er seit 12 Jahren war. Trotz meiner Beschwörungen und verzweifelten Bitten!
Mein Mann hielt eine zweistündige Rede, die einen starken Eindruck machte. Sie wurde in den Blättern abgedruckt und war das Tagesgespräch in der Stadt. Aber schon am folgenden Tage brach er zusammen.
Am dritten Tage -- es war ein Freitag -- ging mein Mann zum letztenmal in die Bank, kam aber bald zurück und ließ unseren Hausarzt holen. Der Arzt beruhigte uns, daß es nur eine vorübergehende Schwäche sei. Zwar ahnte ich das Furchtbare schon, doch ließ ich mich gern täuschen.
Mein Mann teilte mir mit, daß er zum Abendessen einen Geschäftsfreund eingeladen hätte und bat mich, gute jüdische Fische vorzubereiten. Der Abend verlief sehr gemütlich, die Kinder spielten auf Vaters Wunsch Klavier und Cello. Die eleganten Räume waren festlich erleuchtet und zum letzten Male herrschte in unserem Heim Sabbathstimmung.
Aber mein armer Mann hatte keine Ruhe, es hielt ihn nicht auf seinem Platze. Er sprang auf und ging hastig in der Wohnung herum.
Er sah auf die spielenden Kinder, auf die schönen Räume, und ich merkte, daß in aller Unrast ein Hauch des Glückes über seine flammenden Wangen strich. -- Gott hatte ihm noch eine frohe Stunde vor seinem Hinscheiden gegönnt.
Der Gast nahm Abschied von uns und lud mich ein, mit den Kindern zu ihm nach Libau zu kommen.