Memoiren einer Grossmutter, Band II Bilder aus der Kulturgeschichte der Juden Russlands im 19. Jahrhundert

Part 13

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Den Juden wurde der letzte Rest ihrer bisherigen Freiheiten genommen. Beschränkungen über Beschränkungen, die mit zeitweisen Verschärfungen und Milderungen noch bis heute fortdauern und deren Ende nicht abzusehen ist. Das Wohnrecht der Juden wurde mehr und mehr eingeengt. Der Aufenthalt in Petersburg und anderen Städten Rußlands wurde ganz verboten oder nur bestimmten Kategorien von Juden gestattet, z. B. den Kaufleuten erster Gilde, die dafür eine sehr hohe Gebühr an die Regierung bezahlen mußten und denen, die in Rußland ein akademisches Diplom erworben hatten.

Die akademische Bildung selbst aber wurde den Juden immer mehr erschwert, indem man zur Aufnahme in die Gymnasien nur eine geringe Anzahl zuließ und die wenigen, die dann trotz aller Hindernisse das Gymnasium absolviert hatten, bei der Einschreibung in die Hochschulen nochmals durchsiebte. Es ist begreiflich, daß diese Härten eine arge Korruption bei Juden und Russen zeitigen mußten. Alle nur denkbaren Mittel wurden von den Juden angewandt, um ihren Kindern den Eintritt in die Gymnasien und Universitäten zu ermöglichen und die brutalen Gesetze zu umgehen. Kam es doch später sogar so weit, daß jüdische Eltern für unbemittelte christliche Kinder das Schulgeld bezahlten, nur um so die Zahl der christlichen Schüler zu erhöhen und dann ihre eigenen Kinder noch in die Schule bringen zu können. Denn es durfte nur ein bestimmter Prozentsatz Juden aufgenommen werden.

Geld und Protektion spielten vereint die größte, ja oft einzig und allein eine Rolle bei der Entscheidung über die Aufnahme jüdischer Schüler. Welche Demoralisation sogar bei den kleinen Kindern diese Zustände im Gefolge hatten, läßt sich leicht denken. Oft fragten die kleinen Kandidaten einander schon bei Beginn der Prüfungen: »Wieviel gibt dein Vater...?« Und welche Erbitterung mußte das in die Kinderherzen tragen, daß die Reichen noch allenfalls manches für sich erlangen konnten, während die Armen ganz zurückstehen mußten. -- Das Geld war das Recht!

Und wenn es nun schon nach unendlichen Mühen gelungen war, einen jüdischen Knaben bis zur Reifeprüfung zu bringen, und wenn er diese sogar mit der höchsten Auszeichnung bestanden hatte, dann war er doch noch keineswegs sicher, auch in die Hochschule aufgenommen zu werden. Abermals trat die »Prozentnorm« in Wirksamkeit. Da die Zahl der jüdischen Studenten ebenfalls wieder abhängig war von der der nichtjüdischen Studierenden, so mußten beim Eintritt in die Universität wieder viele, viele Juden zurückbleiben. Und die Wahl des Berufes war und ist für den jüdischen Jüngling in Rußland keine Frage der Neigung und Fähigkeit oder der Absichten der Eltern, sondern einzig und allein des blinden Zufalls, der einige wenige zuläßt und die meisten ohne Wahl und ohne Rücksicht ausscheidet. Aus keinem andern Grunde, als weil sie Juden sind.

Wie in der Schule, so im Leben.

Die Atmosphäre um die Juden wurde düster und gewitterschwer. Sie wurden auf Schritt und Tritt auch von der niedrigsten Schicht der Bevölkerung verspottet und verfolgt. So erinnere ich mich einer für jene Zeiten charakteristischen Episode, die mein Mann in Minsk erlebte. Als er einmal auf der Straße ins Gedränge geriet, hörte er plötzlich neben sich einen kurzen Befehl: »Jud', fort vom Wege!« Er wandte sich um und erblickte einen Russen, aus dessen Zügen das Gift des Hasses quoll. Die Straße wimmelte von Juden. Da erhob mein Mann unzweideutig seinen Spazierstock und rief dem Antisemiten laut zu: »Was fällt Ihnen ein, so verächtlich zu reden; die Straße ist doch für jeden frei --!« In einem Augenblick war er von Juden umringt, die in ihrer Wut sofort Rache an diesem Menschen nehmen wollten. Der Antisemit machte sich aber schleunigst aus dem Staube.

Einige Tage nach diesem Vorfall ließ der Gouverneur Petrow meinen Mann zu sich bitten und begrüßte ihn mit folgenden Worten: »Wie ich höre, sind Sie in der Stadt mehr Befehlshaber als ich selbst. Vielleicht wollen Sie überhaupt meinen Posten übernehmen?« Mein Mann bedankte sich höflich und versicherte dem Gouverneur stolz und mit vornehmer Ruhe, er sei mit -=seiner=- Stellung als Direktor der Kommerzbank sehr zufrieden und verlange keine andere.

Nur die hohe Stellung meines Mannes und seine Verbindungen in der Beamtenschaft verhinderten einen schlimmen Ausgang dieses Vorfalles. Jeder andere würde ihn schwer gebüßt haben.

Solche und ähnliche Episoden wiederholten sich immer häufiger. Sie waren die Vorboten jener blutigen Ereignisse, die nicht mehr lange auf sich warten ließen.

Und »Pogrom« war das neue Wort, das die achtziger Jahre geprägt hatten... Die Juden von Kiew, Romny, Konotop und anderen Orten mußten zuerst das Furchtbare erleben; sie waren die ersten, die wehrlos von den wilden Massen des heimischen Pöbels überfallen und auf die roheste Weise niedergemacht wurden. Die Zeitungen, hauptsächlich aber Privatbriefe, brachten ausführliche Nachrichten über das Vorgefallene und verbreiteten eine unglaubliche Panik --

Das war der Anfang... Ein vielfaches Echo erscholl aus allen Enden Rußlands. Unter den Juden herrschte Niedergeschlagenheit und die Verzweiflung.

Doch verharrten sie nicht lange in dieser trostlosen Starrheit und rafften alle ihre Kräfte zusammen, um sich gegen den Feind zu wehren. Sie sahen ein, daß Gott ihnen nur dann helfen würde, wenn sie sich selbst helfen -- und sie trafen Maßregeln und Vorbereitungen für die Zukunft, unerschrocken, mutig, an die Worte aus der »Megilath Ester« denkend: »Kaascher -- owadeti, owodeti« -- »Sowieso sind wir verloren, daher wollen wir uns doch wehren!«

In der Stadt Minsk herrschte eine düstere Stimmung. Der Handel stockte. Die Juden verließen ihre Geschäfte. Man sah sie durch die Straßen eilen, hastig, unruhig, mißtrauische Blicke um sich werfend. Sie waren auf ihrer Hut und hätten im Falle eines Pogroms verzweifelt gekämpft. Die Luft war geladen. Jeden Augenblick erwartete man die Explosion.

Die jüdischen Marktweiber, die zu mir ins Haus kamen, erzählten voll Schrecken und Entsetzen von den Roheiten und den Drohungen der Bauern, die zweimal wöchentlich ihre Ware zum Minsker Markt brachten. Die Bauern sprachen öffentlich von einem baldigen Überfall und von der Ermordung aller Juden.

Mein Mann brachte ebenfalls Schreckensnachrichten aus seiner Bank, die Kinder aus der Schule. Die judenfeindliche Stimmung wuchs mit jedem Tage. Und es kam dahin, daß sogar kleine Straßenbengel sich erdreisteten, die Fensterscheiben bei den angesehensten Familien von Minsk mit Steinen einzuwerfen und den Juden verächtliche Worte und Schimpfreden nachzurufen.

Einmal wurde an der Entreetüre unserer Wohnung, die zu ebener Erde lag, stark geklopft. Das Mädchen öffnete die Tür und sah erstaunt einen kleinen Gassenjungen vor sich. Dreist, mit einem frechen, herausfordernden Gesichtsausdruck, ohne die Mütze zu ziehen, fragte er nach dem Namen der Herrschaft. Als das Mädchen ihm unseren russisch klingenden Namen und unseren russischen Vornamen nannte, wiederholte er noch einmal ungeduldig seine Frage: »Ich will wissen, ob hier Juden oder Christen wohnen!« Nachdem er die gewünschte Antwort erhalten, schrie er wütend in die Wohnung hinein: »Judenpack, na, warum protzt ihr denn mit russischen Namen --« und lief davon.

In allen Schichten der Bevölkerung glimmte der Haß gegen die Juden, die sich unter den feindlichen, gehässigen Blicken wie unter geschliffenen Messern bewegten.

Die Juden in Minsk rüsteten sich zum Kampf und ihre Häuser wurden Kriegszelte. Jeder nach seiner Art, wie es ihm am leichtesten war: einer besorgte sich starke Stöcke -- »Drongi« genannt --, der andere mischte Sand und Tabak, um dieses Zeug dem Pogromgesindel in die Augen zu werfen. Jungen von acht Jahren, Mädchen von zehn nahmen Teil an den schrecklichen Vorbereitungen, »waren mutig, unerschrocken auf den Straßen«. Es kam, daß ein solcher Held seiner besorgten Mutter zurief: »Sei ruhig, wenn die Kazappes kommen, uns zu töten, so hab ich auch ein Messer!« Bei diesen Worten griff er in seine Tasche und holte sein kleines Messer, das er für zehn Kopeken gekauft hatte, hervor.

Im eigenen Hause fühlte man sich nicht mehr sicher. Die christliche Dienerschaft, die seit längerer Zeit bei uns im Dienst war, wurde plötzlich unhöflich und herausfordernd, so daß wir uns vor diesen Hausfeinden zu sichern gezwungen waren. Jeden Abend, nachdem die Dienerschaft zur Ruhe gegangen, nahm ich alle Messer und Hämmer aus der Küche und verschloß sie in einem Schrank in meinem Schlafzimmer, und ohne daß es die Dienerschaft merkte, richtete ich jede Nacht vor der Eingangstür eine Barrikade aus Küchenbänken, Stühlen, einer Leiter und anderen Möbelstücken auf. Dabei lächelte ich wehmütig, denn ich glaubte nicht, daß wir uns im Falle eines Pogroms auf diese Weise wehren und retten könnten. Doch ich baute diese Barrikade immer von neuem, und frühmorgens stand ich als die erste auf, um alles wieder in Ordnung zu bringen, damit die Dienerschaft unsere Angst nicht merke.

Doch zu einem Pogrom kam es in Minsk nicht. Diese Stadt wurde zufälligerweise, oder vielleicht nicht zufälligerweise, verschont.

So gab es in jenen achtziger Jahren, als der Antisemitismus in ganz Rußland wütete, für einen Juden nur zwei Wege: entweder auf alles, was ihm jetzt schon unentbehrlich geworden war, im Namen des Judentums zu verzichten -- oder die Freiheit und alle Möglichkeiten, wie Bildung, Karriere, d. h. die Taufe. -- Und Hunderte von den aufgeklärten Juden gingen den letzten Weg. Aber die Meschumodim dieser Zeit waren nicht Täuflinge aus Trotz (l'hachis), sie waren auch nicht, wie die Marannen in früherer Zeit, die in Kellern ihren Gottesdienst abhielten, diese Meschumodim waren Verneiner alles Religiösen -- sie waren Nihilisten --.

-- Es komme der größte Zadik und sage, daß er den Mut und das Recht hätte, von einem jungen Menschen, der ohne jede Tradition, fern vom Judentum aufgewachsen, zu fordern, er solle im Namen dieses ihm unbekannten und leeren Begriffes auf alles verzichten, was die Zukunft ihm bieten könnte, auf Glück, Ehre, Namen. Zu fordern, daß er diesen Versuchungen widerstehe und sich in die Finsternis und Enge eines Provinzstädtchens zurückziehe und ein armseliges Dasein friste. Er sage, ob er das Recht und den Mut dazu hätte, denn -=ich hatte ihn nicht=-!

Und so gingen auch meine Kinder den Weg, den so viele andere gingen. Der erste, der uns verließ, war Simon.

Als wir es erfuhren, schrieb mein Mann unserem Kinde nur folgende Worte: »Es ist nicht schön, das Lager der Besiegten zu verlassen.«

Seinem Beispiele folgte mein Herzenskind Wolodia, der sich nicht mehr unter den Lebenden befindet. Nachdem er die Maturitätsprüfung in Minsk glänzend bestanden hatte, reiste er nach St. Petersburg, um dort an der Universität sein Studium zu beginnen. Er erschien in der Universitätskanzlei und wies seine Papiere dem Beamten vor, der über die Aufnahme zu entscheiden hatte.

Für die Juden herrschten große Beschränkungen. Es wurden nur diejenigen aufgenommen, die eine goldene Medaille bei der Abgangsprüfung erhalten hatten, und auch von diesen nicht alle, sondern nur bis zu zehn Prozent der Gesamtzahl der Studenten. Der Beamte gab die Papiere meinem Sohne mit den barschen Worten zurück: »Das sind nicht Ihre Papiere!« Als mein Sohn ihn erstaunt ansah, fügte er noch bestätigend hinzu: »Sie haben sie irgendwo entwendet; Sie sind ja Jude und in Ihren Zeugnissen steht kein jüdischer, sondern ein russischer Name >Wladimir< verzeichnet.« Noch an demselben Tage mußte der tiefgekränkte, in seiner Würde verletzte Jüngling St. Petersburg verlassen, denn als Jude durfte er, ohne Student zu sein, dort keine vierundzwanzig Stunden verbleiben. Noch einige Male mußte der Junge in dieser Angelegenheit nach Petersburg reisen, stets mit dem gleichen Erfolg, bis er den verhängnisvollen Schritt tat -- und sogleich in die Liste der Studenten eingetragen wurde. Und ähnlich erging es auch manchen anderen Kindern.

Die Taufe meiner Kinder war der schwerste Schlag, den ich in meinem Leben erlitten habe. Aber das liebende Herz einer Mutter kann so viel ertragen -- ich verzieh und schob die Schuld auf uns Eltern.

Allmählich verlor dieses Leid für mich die Bedeutung eines persönlichen Erlebnisses, immer mehr wurde es zu einem Nationalunglück. Ich betrauerte nicht nur als Mutter, sondern auch als Jüdin das ganze jüdische Volk, das so viele edle Kräfte verlor.

Aber es haben sich in jener finsteren Periode nicht alle aufgeklärten Juden zu den Fremden verirrt -- es waren unter ihnen viele, die den Weg zum Judentum zurückfanden und die unter dem Einfluß der letzten Ereignisse sich zusammenschlossen. Ja, es entstand als Reaktion auf den Antisemitismus die Gesellschaft der »Chowewe Zion« (Palästinafreunde), gegründet von Dr. Pinsker, Dr. Lilienblum und anderen.

Nach den Ereignissen der letzten Zeit war mein Mann lange niedergeschlagen, verkümmert und erst als sich ihm Gelegenheit bot, seine Kräfte in den Dienst des jüdischen Volkes zu stellen, kam von neuem ein Geist freudigen Schaffens über ihn.

Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts begann in Rußland die Arbeiterfrage in den Vordergrund zu treten und gewann allmählich an Bedeutung und Interesse.

Bei den Juden galt seit Jahrhunderten die Arbeiterklasse, die größtenteils aus Unwissenden bestand, als niedere Klasse, und kein Wunder, daß sie von einem Volke, das die Bildung am höchsten ehrt, bei dem die geistige Aristokratie alles gilt, gering geschätzt wurde. Redensarten, wie: »Er versteht >Chumisch< (die 5 Bücher Moses) wie ein Schuster, wie ein Schneider« usw. haben sich eingebürgert und wurden sehr oft angewandt. Es kommt noch heute in jüdischen Familien nicht selten vor, daß der Vater in die Heirat seiner Tochter oder seines Sohnes nicht einwilligen will, wenn er erfährt, daß in der Familie Schneider oder Schuster sind. Trotz aller modernen Ideen gilt noch heute bei der großen Mehrheit auch der aufgeklärten Juden der »Jiches«[39] sehr viel.

Nun drang in die Finsternis, in die dumpfen, dunklen Behausungen dieses dritten Standes ein lichter Strahl und weckte auch diese Zurückgebliebenen zum neuen, schöneren Leben. Auch unter ihnen begann eine geistige Gärung.

Diesen Tendenzen des Proletariats kam das vermögende, vornehme Judentum entgegen und schonte keine Mühe und kein Geld, seine Bestrebungen zu unterstützen.

Die neuen Ideen fanden in unserem Hause eine begeisterte Aufnahme, und mein Mann faßte den Plan, eine dreiklassige Gewerbeschule für Knaben in Minsk zu begründen. Gedacht, getan! »Ojmer w'ojße,« wie der Hebräer sagt.

Er zog den Rabbiner Chaneles zur Mitarbeit heran und ersuchte die jüdische Gemeinde, von der Taxe auf Koscherfleisch eine bestimmte Geldsumme zu dem Unternehmen beizusteuern. Das übrige notwendige Geld sollten Mitglieder durch monatliche Beiträge zusammenbringen.

Mit welchem Eifer ging mein Mann an die Arbeit! Jede freie Stunde widmete er jetzt der »heiligen Sache«. In dieser Schule sollten anfangs die folgenden Handwerke gelehrt werden: Schlosserei, Tischlerei, Schmiederei. Daneben sollte auch in den Elementarfächern Unterricht erteilt werden, dem Programm der Volksschulen entsprechend.

Man mietete ein Haus und richtete es mit dem Notwendigsten ein. Meinem Mann gelang es zu seiner großen Freude, das Inventar sehr billig und oft umsonst zu erhalten.

Die jüdische Bevölkerung von Minsk war sehr zufrieden. Von den wohlhabenden Juden erklärte sich jeder bereit, mit einer Geldgabe das gute Werk zu fördern. Nicht ohne Grund sagten unsere Weisen schon: »Jisroel rachmonim bne rachmonim« -- »Die Kinder Israel sind barmherzig und Kinder der Barmherzigen«.

Es wurde ein Vorstand aus den fortschrittlichen vornehmen Juden der Stadt gewählt, die meinen Mann zum Vorsitzenden ernannten.

Alles war bereit, und man begann mit der Aufnahme der Kinder. Den Vorzug hatten Waisenkinder und Kinder sehr armer Eltern. Es wurden über sechzig Knaben angenommen.

Man richtete Internate für die ganz Armen und Obdachlosen ein; zuerst aßen die Kinder bei den Bürgern der Stadt -- jeden Tag wurden sie bei anderen Leuten untergebracht. Doch mit der Zeit fanden sich Mittel, um eine Köchin zu mieten, und die armen Kinder bekamen dreimal täglich in der Schule zu essen. An Wochentagen waren die Mahlzeiten sehr einfach, doch frisch und gesund -- Suppe, ein Stück Suppenfleisch, Grütze. Aber am Freitag abend und am Sabbat wurde der Tisch festlich gedeckt und die Kinder bekamen ein echt jüdisches traditionelles Mahl. Am Sabbat wurde nicht gearbeitet. Es war ein Festtag, an dem die Knaben auch in ihrer Synagoge beteten.

Diese Schüler, meistens Kellerbewohner waren magere, blasse Kinder, mit großen, klugen, schwarzen Augen. Sie waren natürlich nur schlecht gekleidet. Aber sie arbeiteten und lernten mit Lust. Ich kam öfters in die Schule, um mich an dem Anblick der arbeitenden Kinder zu erfreuen.

Es verging kein Tag, ohne daß mein Mann die Schule besucht und mindestens eine Stunde dort verweilt hätte. Rabbiner Chaneles beschäftigte sich sehr viel mit dieser Anstalt und unterrichtete selbst die Kinder unentgeltlich in der Bibel und in anderen Fächern.

So verging ein Jahr. Die Schule hatte gute Erfolge. Mein Mann und Rabbiner Chaneles veranstalteten einen offiziellen Akt, um den Jahresbericht über ihre Tätigkeit abzustatten.

Man lud zu dieser Feierlichkeit den Gouverneur Petrow ein und mehrere Regierungsbeamte, die Direktrice des Mädchengymnasiums, Madame Buturlina, und die Lehrer der oberen Klassen, wie auch die vornehmsten Damen und Herren der jüdischen Gesellschaft.

Mein Mann las den Bericht vor, und die ganze Gesellschaft folgte mit wahrem Interesse seinen Ausführungen. Es geschah zum erstenmal, daß in den Räumen einer -=jüdischen=- Schule Juden und Christen einträchtig und in feierlicher Weise die Angelegenheiten des heranwachsenden jüdischen Proletariats besprachen.

In der großen Tischlerwerkstatt waren die Schüler -- Knaben im Alter von 11-13 Jahren -- versammelt; sie erweckten durch ihr elendes Äußere in den Gästen das wärmste Mitleid.

Als der offizielle Teil des Aktes vorbei war, wandte ich mich an die reichen Damen und sagte ihnen, daß es unsere heilige Pflicht sei, für das tägliche Brot und eine angemessene Bekleidung dieser armen Knaben zu sorgen. Meine Aufforderung hatte den gewünschten Erfolg.

Am nächsten Tage lud ich einige Damen zu mir, und wir berieten unser Vorhaben. Wir bildeten vor allem einen Damenverein; ferner sandten wir einige hundert Briefe an die jüdischen Damen mit der Bitte, unserem Verein beizutreten. Wir baten sie gleichfalls um neue oder abgetragene Wäsche und Kleidungsstücke, wie auch um kleine Geldspenden für unsern Zweck.

Schon in den nächsten Tagen kamen ganze Sendungen Kleidungsstücke. Für das Geld, das wir zu diesem Zweck erhielten, kaufte ich den Kindern wollene Handschuhe und sogenannte »Baschliki« -- Kapuzen. Alles, was an Stoffen in meinem Hause war, wurde zusammengesucht, und die Bonne meiner Kinder saß mehrere Tage an der Nähmaschine und verfertigte die Baschliki. Ich empfand eine wahre Freude, wenn ich während meines Spazierganges den Kindern in warmen Mützen und Handschuhen begegnete. An diesen Kapuzen erkannte das Volk die Angehörigen dieser Schule, die man in der ersten Zeit »Wengeroffs Werkstatt« nannte.

Die Beiträge der Mitglieder liefen pünktlich in die Schulkasse ein, und wir hatten nun die Möglichkeit, den Kindern außer den Mahlzeiten in der Schule auch neue, gediegene Kleidung aus grauem, starkem Baumwollstoff zu verschaffen.

Es war eine große Genugtuung für meinen Mann, als einige Generationen von Lehrlingen, die die Schule mit einem Diplom verlassen hatten, überall, wo sie angestellt wurden, als gute Handwerker gelobt und anerkannt wurden. Diese ersten Handwerker zerstreuten sich im ganzen Lande; viele gingen aus Litauen nach Großrußland, wo sie als Handwerker das Wohnrecht erhielten. Es waren die ersten jüdischen Handwerker im nordwestlichen Ansiedelungsrayon, die eine systematische Ausbildung sowohl in ihrem Fach, als auch in der Bibel und in den Elementarfächern wie Lesen, Schreiben, Rechnen genossen hatten.

Die Zeiten waren noch so nahe, in denen der Handwerkerlehrling vor allem bei seinem Meister als Hausknecht dienen mußte und jahrelang hungerte und darbte, bis er etwas vom Handwerk lernte. Jetzt konnte er in gesunden Verhältnissen sich ruhig und systematisch zum guten Arbeiter heranbilden.

Unter solchen günstigen Bedingungen blühten die Kinder auf. Sie lernten eifrig und machten große Fortschritte.

Doch das Budget reichte leider nicht aus. Unser Damenverein beschloß, die Bürger von Minsk auf angenehme Weise zu Beiträgen heranzuziehen und veranstaltete ein Herbstfest, an dem auch viele Nichtjuden, sogar der Gouverneur, teilnahmen. Das Fest brachte uns an zweitausend bis dreitausend Rubel, und wir veranstalteten seitdem jeden Herbst von neuem diese Feste, stets mit großem Erfolge. Wir brauchten aber für unsere Zwecke immer mehr Geld, und nicht selten beglich mein Mann das Defizit aus seiner eigenen Tasche.

So existierte die Schule schon etwa acht Jahre unter der Leitung meines Mannes. Ein gelungener Tanzabend brachte in die Kasse des Damenvereins über dreitausend Rubel. Bei der nächsten Sitzung machte mein Mann den Vorschlag, bei dieser Kasse eine Anleihe zu machen, da die große Kasse leer sei -- dieser Antrag stieß auf Widerspruch. Mein Mann legte, dadurch gekränkt, das Präsidium nieder. Es war ein Schlag sowohl für meinen Mann wie für mich -- uns wurde ein wichtiger Lebensinhalt geraubt.

Aber gottlob prosperierte die Schule auch ohne uns; sie entwickelte sich mit jedem Jahre und existiert bis auf den heutigen Tag.

In dieser Zeit kam ein großes Unglück über die Stadt. Es brach ein Brand aus, der mehr als zwei Millionen Rubel Schaden anrichtete. Unsere Wohnung samt allen Möbeln und neuen Schränken, voll mit kostbaren Kleidern und Pelzen, wurde vernichtet. Wir waren froh, mit dem Leben davonzukommen. Durch Flammen und Rauch bahnten wir uns mit den Kindern den Weg nach einem entlegenen Teil der Stadt, wo unsere Freunde wohnten, die uns gastfreundlich bei sich aufnahmen. Der Schrecken jener Nacht erschütterte mich sehr. Ich wurde sehr krank und mußte zur Kur ins Ausland reisen. Ich nahm die Kinder nach Wien mit.

Die Gewerbeschule hatte nur wenig durch diesen Brand gelitten.

* * * * *

Ich kehrte erst nach drei Jahren nach Minsk zurück. Wir bezogen unser eigenes Heim, das mein Mann in unserer Abwesenheit hatte bauen lassen. Ich brachte aus Wien eine ganz neue Einrichtung mit; und unser Haus sah vornehm und gemütlich aus. Unser Leben gestaltete sich sehr angenehm.

Nicht lange nach meiner Rückkehr erschien bei mir eine Frau Kaplan, eine sehr gescheite Dame, eine »Gabbete«, die für die Not des jüdischen Volkes großes Verständnis hatte und auch einen starken Drang, dieser Not abzuhelfen. Sie schlug mir die Gründung einer Gewerbeschule für Mädchen vor, einen Plan den ich mit Begeisterung aufnahm. Ich drückte dankbar ihre Hand, und damit war unser Bund geschlossen.

Und von diesem Augenblick an fühlte ich, wie mein Leben wieder einen Inhalt, eine intensivere, ich möchte sagen religiöse Färbung erhielt.

Wir gingen sofort an die Arbeit. In den nächsten Tagen mietete Frau Kaplan eine Wohnung für die Schule. Wir wählten dann ein Damenkomitee aus jungen Frauen und wandten uns ebenso, wie bei der Begründung der Knabenschule, an die jüdischen Bürger von Minsk mit der Bitte, sich mit Beiträgen an dieser Sache zu beteiligen. Für die ersten Ausgaben jedoch veranstaltete ich ein Liebhabertheater. Die Einnahme brachte etwa die Hälfte der nötigen Summe.