Memoiren einer Grossmutter, Band II Bilder aus der Kulturgeschichte der Juden Russlands im 19. Jahrhundert

Part 11

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Hier in Helsingfors lebten wir fern von allem Jüdischen. In diesem Lande bestand nur eine kleine Gemeinde alter Soldaten, die noch seit der Zeit Nikolaus I. das Privilegium, hier zu wohnen, besaßen. Sie hatten eine kleine Synagoge und einen sogenannten Rabbiner, der zugleich Schochet (Schächter) war.

Eine Gemeinde »Nikolajewsker« Soldaten. Das sagt für die Eingeweihten genug. In den zwanziger Jahren hatte man die Juden auf alle mögliche Weise zum Heeresdienst, der fünfundzwanzig Jahre dauerte, herangezogen. Herangeschleppt! Galt doch infolge der Härte und Länge der Dienst für schlimmer als der Tod. Was Wunder, daß die ausgemergelten Juden sich in diesen Abgrund nicht bei Lebzeiten schleudern lassen wollten. Da man aber für die Ergreifung eines flüchtigen jüdischen Jünglings -- sie waren oft nicht älter als zwölf oder dreizehn Jahre -- 20-30 Rubel bezahlte, so fanden sich natürlich auch unter den Juden Subjekte, die ein Geschäft daraus machten, möglichst viel solchen Sündengeldes zu verdienen. Näherte sich so ein »Chapperl«[11] zum Beispiel einer Schneiderstube, so kam schnell ein guter Freund, um die Schneiderjungen zu warnen -- und alles floh rascher als vor der Pest, wo sich nur ein Versteck bieten wollte. Die Ergriffenen nannte man mit dem russischen Wort »Pojmeniky«, (Ergriffene).

In einem kleinen Volksliedchen heißt es:

Sitzen Schneider arim Tisch Oj, oj, oj nähen

Kimmt a giter Briderl Ün sagt die Chapperlach gehen!

Die Zahl dieser Volkslieder ist unendlich groß. Eine Reihe geradezu ergreifender Stücke ist in der trefflichen Sammlung von Günzburg und Marek zusammengestellt. Einige möchte ich aus meiner Erinnerung hierher stellen.

Wie es is bitter, Meine liebe Mitter, :|: A Schiffele auf'n grünem Gros:|: Asoj is bitter, meine liebe Mitter, M' tüt doch mir chappen, :|: Wie a Hås:|: Nit wejn i nit schrei, Meine liebe Mitter, :|: Nit ich bin dos allein.:|: Nemmt mir, ŭn vor meinem Herzen :|: Setz ich mir anieder und wein.:|: Wie es is bitter, meine liebe Mitter, :|: A Bäumele ohn Ritter (_Zweige_).:|: Asoj is bitter, meine liebe Mitter M' tut doch mir machen Far a Moskowiter.

Ein anderes Lied lautet:

As och ün' Weih zu jüdische Kinder, Sint sei hoben gesehen die Like Liwone[12]. Vün jener Zeit un hoben sei

Kein güt's, ün' kein N'chome[13] As mĕ führt jüdische Kinder zim Priom[14], Tüt doch zittern die N'schome[15]. Drüm beten mir dir Reboine schel oilom[16] Du sollst üns geben far unser Zar[17] a stickele Nichome.

Bitter is doch ünser leben asoj wie der Toit As mir darfen essen dem Jewonischen Broit[18] As mir darfen gehen in »schatnes«[19] gekleid't, Dus is doch ünsere bittere Noit. Der wos im Himmel, der versteht. Gott Gott worüm bist di dir vün üns pourisch[20]! Du weißt doch as mir nit kennen nicht hitten deine geseres[21] Dus is doch unsere bittere Breres[22], Drim betten mir dir Reboine schel oilom Du sollst üns moichel sein[23] auf ünsere Aweres[24].

Deine Struf tün mir doch M'kabel-b'ahwe[25] anzunehmen As me tüt üns Bort un Pees arobnehmen Tüt doch uns in Harzen klemmen As mir tün sich allein var üns schemen; Drüm beten mir dir Reboine schel oilom Di sollst ins vin gules arois nehmen.

Wer wet ünser Herausnehmer ün ünser Ausleser sein As mir seinen tief in goischke Händ arein, Dus is doch ünser Schmarz ün Pein, Drüm beten mir dir Reboine schel oilom Di sollst ünser Herausnehmer ün Ausleser sein.

Silber in Gold tün doch die sdatozikes[26] var üns legen As der Prijomschick[27] soll sugen mir tün var Soldaten ja toigen (taugen) Asoi tüt doch vün ünsere Vaters un Mütters nit trückenen sere Oigen. Schabossim ün Jomim toiwim tün sei tun varbringen. Chaleschen[28] tüt doch ünser Harz vün dem groißen Gerasch[29] In der Heim hoben mir doch gehat vün Cholev ün vün Dwasch[30] As m' leint den bitteren Ukas[31] Tor sach kein junger Mann nit weisen auf der Gaß.

Toit wünschen mir sich gewiß, as mir darfen sich bucken zum Naczalniks[32] Füß As der Naczalnik tüt a Geschrei Paschol[33] müssen mir es annehmen far zuckersüß.

Jom Noroim[34] tun mir doch schauffer[35] blosen As men leient op dem bitteren ukas tien mir doch zilaufen wie die Hasen Af Felder ün af Wälder tün mir sich zuspreiten wie di Grasen, Drum beten mir dir Reboine schel oilom Du sollst üns vün goles[36] araus losen.

Sich dieser »Gesere« zu entziehen, gab es nur für die Reichen das bekannte Mittel -- die Rubel --, für die Armen aber nur einen Weg: Da nur die Nichtverheirateten zum Militärdienst ausgehoben wurden, mußten die Knaben eben schon im frühesten Jugendalter verheiratet werden. Nicht selten führte man die Kleinen vom Spielplatz hinweg unter die »Chuppe«.

Damals war es auch, daß sich im Volke das Gerücht verbreitete, die Regierung wolle jüdische Mädchen in die Staatsfabriken nehmen. Vielleicht war dieses Gerücht entstanden, um die zögernden Eltern von Mädchen gefügig zu machen. Sie waren natürlich jetzt um so schneller bereit, ihre unerwachsenen Töchter mit unerwachsenen Knaben zu verheiraten.

Diese »Chapperei« wurde bei den Juden »Behules« genannt.

Es war ein geradezu unnatürlicher Zustand. Und in jener Zeit ist auch wohl der Grund gelegt worden für die Degeneration eines großen Teils der russischen Judenheit. Diese halbwüchsigen Mädchen wurden -=Mütter=-. Mütter von Kindern, deren Väter noch halbe Kinder waren. Aber die armen Eltern brachten auch diese Opfer. Der Mensch mochte gefährdet sein! Aber der Glaube, das Judentum durfte nicht leiden!

War es doch unvermeidlich, daß der Heeresdienst die Beachtung all der jüdischen Bräuche, dieses heiligen Erbes, ausschloß. Das waren noch die Glücklicheren, denen es beschieden war, in Städte mit einer jüdischen Gemeinde zu kommen, wo sie wenigstens mit ritueller Kost von der Gemeinde versorgt wurden.

Nur einen Vorteil gewährten diese schweren Militärjahre: Waren diese jüdischen Soldaten nicht den unerhörten Anstrengungen und den Brutalitäten ihrer halbvertierten »Vorgesetzten« erlegen und hatten sie mit heilem Körper die fünfundzwanzig Jahre ihres Dienstes überstanden, so durften sie überall in Rußland wohnen. Dieser Vorzug brachte sie bisweilen in günstigere Verhältnisse, so daß sie nicht selten später reiche Leute wurden. Aber der größte Teil von ihnen hat es nicht so weit gebracht.

In einer Gemeinde Nikolajewsker Soldaten mußte ich nun leben. Nach Wilna--Helsingfors!

Ich hatte große Mühe, unter solchen Bedingungen eine rituelle Küche zu führen: Das Fleisch mußte stets aus der Stadt geholt werden und ich selbst mußte die Küche besorgen, weil ich mich auf eine christliche Köchin nicht verlassen wollte. Und wie sich erst die Schwierigkeiten vor Pesach häuften, kann nur eine religiöse Frau und eine gute, echt jüdische Wirtin begreifen.

Aber über alle diese Schwierigkeiten hinweg half mir der heiße Wunsch, die Tradition für die Kinder zu erhalten und vor allem die Liebe, die warme, treue Liebe zu meinem Manne. Nicht umsonst sagt das Volk: »Mit einem geliebten Manne auch übers Meer.«

Wir suchten nach einem jüdischen Lehrer für die älteren Kinder, konnten aber keinen finden. So kam es, daß mein Mann selbst dem älteren Sohne Unterricht erteilte. Aber er war kein Lehrer, hatte wenig Geduld und vergaß sich oft. »Du Esel, was wird aus dir werden?« schrie er ihn oft an, wobei es nicht selten zu Handgreiflichkeiten kam. Auf das Kind konnte diese Behandlung nicht ermunternd und anspornend wirken; die Stande wurde ihm zur Qual. Ich mußte oft dazwischen treten und die Aufregung besänftigen. Der Unterricht hörte bald auf, und wir bemühten uns, einen jüdischen Soldaten, der in der Festung wohnte, als Lehrer zu engagieren. Aber leider wollte er auf unseren Vorschlag nicht eingehen.

Dieser jüdische Soldat, der uns vom Kapitän Sommer als ein Heiliger geschildert wurde, war eine so ungewöhnliche und interessante Erscheinung, daß ich von ihm etwas ausführlicher sprechen muß. Religiös, bescheiden, schweigsam und still führte er ein fast asketisches Leben. Sowohl seine Vorgesetzten wie auch seine Kameraden sprachen von ihm als von einem göttlichen Manne. Er wurde von allen mit besonderer Auszeichnung behandelt. Trotz der bevorzugten Behandlung, die er erfuhr, vernachlässigte er aber nie die Dienstpflichten, erschien stets pünktlich auf dem Exerzierplatz und war eifrig im Dienst. Die übrige Zeit verbrachte er über Taldmudfolianten gebückt, in seinem eigenen Kämmerchen, das ihm bewilligt worden war.

Seine Nahrung bestand in Schwarzbrot, »Kwas« (einem kohlensauren, alkoholfreien Getränk), Kartoffeln und Hering. Aus religiösen Gründen aß er nie aus dem gemeinsamen Kessel. Am Sabbath erhielt er Urlaub, nach der Stadt zu gehen, um dort einmal ordentlich zu essen.

Seine Talmudkenntnisse waren tief und bedeutend; und nicht selten saß mein Mann bei ihm, von dem niemand etwas Näheres wußte, der nie etwas von seiner Herkunft verraten wollte, in seinem winzigen, ungeheizten Stübchen und diskutierte mit ihm. Mein Mann zählte diese Stunden auf der einsamen Insel zu den interessantesten. Er kehrte von dort stets in guter Laune zurück und erzählte mir voll Bewunderung von diesem einsamen Menschen, der als Arkadius Petrow im Regiment bekannt war.

Den Unterricht meines Sohnes übernahm er nicht, er schlug unsere Bitte ab, mit der Begründung, daß es ihm zu viel Zeit rauben würde.

* * * * *

Es vergingen ein und ein halbes Jahr. Friedlich und angenehm floß unser Leben unter dem kalten und abgelegenen Himmelsstrich dahin.

Der Bau der Kaserne näherte sich seinem Ende, und mein Mann sah sich nach einer anderen Beschäftigung um.

Er ging nach St. Petersburg. Ich blieb wieder einmal allein mit den Kindern zurück -- Es war Dezember -- kurze, finstere Tage, welchen jene stürmischen nordischen Winternächte folgten. Es war eine traurige Zeit für mich!

Am Tage blieb mir nicht viel Zeit zum Nachdenken übrig. Da war ich beschäftigt mit der Wirtschaft und den Kindern. Aber in den Nächten, in den endlosen, einsamen Nächten lag ich stundenlang mit weitgeöffneten Augen und horchte auf das Sausen des Windes, auf das Heulen der hungrigen Wölfe, die der wilde Sturm widerstandslos von den festgefrorenen Ufern ins Meer jagte. Die Stimmen wurden mir inzwischen so vertraut, daß ich mit ihnen plauderte und ihnen mein Weh und Leid klagte -- Und tausendstimmig kam die Antwort -- Zuerst ein Gemurmel wie Klagen, Weinen und Stöhnen -- so herzzerreißend, daß ich darüber mein eigenes Weh vergaß. Allmählich beruhigte sich die See und plötzlich entstiegen den Tiefen tausend lustige, fröhliche zarte Töne und erklangen durch die Lüfte wie silberne Glocken.

So ging die Zeit dahin. Endlich, nach einigen Wochen -- wie ewig lang kann eine Woche sein! -- kehrte mein Mann aus Petersburg froh und zufrieden zurück, denn er war dort in einem neubegründeten Bankhaus als Leiter angestellt worden. Wir blieben aber noch bis zur endgültigen Vollendung des Baues der Kaserne in der Festung Sweaborg.

Der Frühling kam.

Am dritten Tage des Peßach segnete mich Gott mit einer Tochter, die ich Sina nannte. Es waren schwere, schwere Stunden.

Die Kaserne wurde fertig; sie sollte von der Festungsbehörde übernommen werden. Zu diesem Zwecke kamen aus Petersburg die beiden Teilhaber des Unternehmens: Herr Hessin und Herr Klonski, ein älterer Herr, der meinen Mann nach guter, patriarchalischer Sitte mit »du« ansprach. Trotzdem mein Mann damals 35 Jahre zählte, nahm er keinen Anstoß an dieser ungezwungenen Anrede, denn der Respekt vor dem Alter war ihm in Fleisch und Blut übergegangen.

Heute wäre ein solches Benehmen einem jungen Menschen gegenüber fast ausgeschlossen. Ein Blick würde den freien »Alten« belehren, daß er den der -=Jugend=- gebührenden Respekt vergaß.

Mein Mann ging nach Petersburg. Wieder einmal blieb ich allein mit den Kindern, lange, unendlich lange, zehn Monate.

Während dieser Zeit wurde mein ältester Sohn Barmizwah. Er erhielt Tefilin, die er von nun an jeden Tag zum Beten anlegte. Sein Eifer im Lesen steigerte sich mehr und mehr, und ich mußte meine Zustimmung geben, daß er jeden Tag in der Konditorei der Stadt Zeitungen lesen durfte. Die Besucher dort waren immer verwundert, daß so ein kleiner Junge die russischen, deutschen und französischen Blätter so flink durchlesen konnte; er erzählte mir alle Neuigkeiten.

Und wieder einmal stand ich mit meinen Kindern reisefertig da. Wir bestiegen den Dampfer, der uns nach Petersburg bringen sollte, und machten es uns in der Kajüte bequem. Auf mein Verlangen wurde uns dort das Mittagessen serviert -- es war eine üppige Mahlzeit, die wir aber nur halb genießen konnten, denn die Fleischspeisen, die ja nicht koscher waren, genoß ich nicht, und ein Blick von mir genügte, daß auch die Kinder sie unberührt ließen.

Wir waren 24 Stunden unterwegs und gelangten ermüdet nach Petersburg.

* * * * *

Petersburg.

In den siebziger Jahren unter der Regierung Alexanders II. war Petersburg in seiner höchsten Blüte. Der Hauptteil von Petersburg, wo das bewegteste und eleganteste Treiben herrscht, ist der Newsky Prospekt und die Morskaja. Hier entwickelte sich vor unseren Augen Tag und Nacht das russische Straßenleben, in dem sich die ganze russische Natur widerspiegelt. Um jede Tageszeit ein anderes Bild, stets ganz eigenartig und sehr interessant.

Acht Uhr morgens. In den Straßen von St. Petersburg dominiert die Jugend, die aus allen Enden der Stadt in ihre Schulen eilt. Die Schulzeit in ganz Rußland beginnt um 9 Uhr und währt bis 3 Uhr nachmittags, nur mit einer einstündigen Unterbrechung von zwölf bis eins.

Da eilen die kleinen und großen Gymnasiasten in ihren Uniformen in Grau und Silber. Die Studenten in Schwarz und Blau mit goldnen Knöpfen, die breitrandigen Mützen keck auf die Seite geschoben. Die Mädchen in ihren schlichten braunen Kleidern mit schwarzen Schürzen, die, aller Mode spottend, nach einer streng vorgeschriebenen Fasson angefertigt sind... äußerlich alle gleich aussehend. Sowohl die Schüler wie die Schülerinnen haben einen Ranzen, der nach Vorschrift der Schulbehörde auf dem Rücken getragen werden muß.

Unterwegs einander begrüßend, laute Reden führend, eilen sie aneinander vorbei, jeder seinem Ziele zu, lustig, übermütig.

Die Lastwagen, die des Morgens die elegantesten Straßen durchziehen, lenken die Aufmerksamkeit auf sich. Den mit Kot und Schmutz bedeckten Wagen zieht ein großes, plumpes Pferd, das seit Jahr und Tag keine Reinigungsbürste auf seinem Fell verspürt hat. Die zentnerschwere Last mit einer zerlumpten und zerfetzten Plane bedeckt. Wagen und Pferd warten nur auf den wohltätigen Regen, der sie einmal von dem Schmutz befreit. Ganz dem Wagen und dem Pferde angepaßt ist der ungepflegte Kutscher mit seiner grünen Mütze und dem an den Ärmeln zerrissenen Schafpelz, der ihm zugleich als Kleid und Schlafdecke dient.

Zwölf Uhr mittags. Von der Peterpaulkirche schlägt die Stunde, von der Festung ertönt ein Kanonenschuß. Die Leute auf dem Newsky-Prospekt ziehen mechanisch die Taschenuhren hervor, um sie zu richten. Die Straßen bieten wieder ein anderes Bild: Gouvernanten, Bonnen, die russischen »Nianias« (Kindermädchen) und die ausgeputzten Ammen in ihrer Nationaltracht führen die Kinder durch den schönen breiten Newsky spazieren.

Um vier Uhr nachmittags beginnt in Petersburg der Korso, der besonders im Winter ein prächtiges Bild bietet. Was für ein Luxus kommt bei diesen Fahrten zum Vorschein! Die herrlichsten Schlitten, die seltensten Rassepferde, die ausgesuchtesten Toiletten und kostbarsten Pelze dürfen da Revue passieren.

Der Korso bewegt sich vom Nikolaibahnhof durch den Newsky, die große und breite Morskaja bis zur »Poztelujewbrücke«. Der Weg ist so breit, daß drei Schlittenreihen bequem nebeneinander fahren können. Alles prächtige, weite Schlitten (hauptsächlich Privatschlitten), innen mit Schafpelz und Teppichen ausgeschlagen, ein schwarzes Bärenfell als Decke. Über die Pferde sind blaue, rote, grüne, manchmal weiße Netze gebreitet. Silbernes Geschirr. Der Kutscher ist meist von ungewöhnlichem Umfang, da sein gepolsterter Mantel (»Jarmak«) von Schulter zu Schulter fast einen Meter breit ist. Es ist ein Oberkleid, festgeknöpft mit einem roten, grünen, blauen oder weißen Gürtel, entsprechend der Farbe des Netzes. Dieses Oberkleid deckt den Kutscher und nimmt die Hälfte des Schlittens ein, so daß es aussieht, als säße der Kutscher auf den Knien seiner Herrschaften. Auf dem Kopf eine vierkantige gepolsterte, rotsamtne Mütze, mit Pelzbesatz und Goldschnur geschmückt. Weiße oder gelbe lange Handschuhe mit Stulpen ergänzen diese so eigenartige Tracht der Petersburger herrschaftlichen Kutscher.

In den Schlitten Damen und Herren, in die kostbarsten Pelze eingehüllt. Hier und da saust mit einer unheimlichen Schnelligkeit ein »Lichatsch« vorbei -- ein Einspänner mit einem kleinen Schlitten, nicht größer als ein Sessel. Man sieht nicht mehr als einen Biberpelz, darüber ein kleines kokettes Pelzmützchen.

Das Publikum fährt so nahe aneinander vorbei, daß nicht nur kurze Grüße ausgetauscht werden können, auch Fragen und Antworten fliegen hinüber und herüber. Man verabredet Rendezvous und tauscht Komplimente aus.

Der glitzernde, knirschende Schnee, das Wiehern der Pferde, das leise Rauschen der seidenen Stoffe, das Lachen und Plaudern des Publikums, die Pracht und der Luxus der Schlitten und seiner Insassen -- das gibt ein Bild, das nicht nur den Fremden, sondern auch den Einheimischen stets von neuem fasziniert.

* * * * *

Mit der Übersiedelung nach Petersburg ging ich einer Zukunft entgegen, die an Ereignissen und Veränderungen die Vergangenheit, die Gegenwart und alle Erwartungen übertraf.

Das Milieu, in das wir in Petersburg kamen, bestand aus vornehmen, gebildeten Leuten, bei denen meistenteils Reichtum und Luxus herrschten, und die ein fast sorgloses Dasein führten. Trotzdem die Petersburger jüdische Gesellschaft eine große, prächtige Synagoge besaß und zwei Rabbiner hatte, -- einen modernen studierten und einen orthodoxen -- trennte sie doch vieles von jüdischer Sitte und jüdischer Tradition. Die Vornehmen übernahmen gar manche fremde Tradition und feierten fremde Feste, wie Weihnachten. Von den eigenen Feiertagen hielt man nur noch zwei Feiertage: Jom Kippur und Peßach. Aber sie wurden »modern« gefeiert. Manche kamen ruhig in einer Equipage in die Synagoge und speisten am Jom Kippur während der Pausen.

Das Peßachfest hielt sich selbst in den vorgeschrittensten Kreisen. Es blieb ein Fest der Erinnerung. Freilich nicht an den Auszug aus Ägypten, sondern an die eigene Kindheit in den kleinen litauischen Städtchen. Der Sederabend wurde gefeiert, aber auf eine sehr abgekürzte Art. Sogar die getauften Juden mochten sich vom Sederabend nicht trennen. Veranstalteten sie auch kein besonderes Mahl in ihrem eigenen Hause, so ließen sie sich doch gern in ihren Bekanntenkreisen bei den -- noch nicht Getauften einladen. Es sah recht feierlich aus. Die Hausfrau im höchsten Staat, die Kinder sorgsam angezogen, die Gäste in Frack und weißer Binde. Den Tisch schmückte ein Stoß Mazzaus, die auf einem Tablett aufgehäuft waren. Eine Schüssel mit Eiern, mit grünem Salat und Radieschen war hergerichtet. An gutem Wein fehlte es natürlich nicht. Und doch zogen die Herren meistens den »Zmukim« (Rosinenwein), vor, der sie so stark an das Elternhaus erinnerte. Von Gebeten und der ganzen Reihe alter, symbolischer Bräuche nahm man Abstand. Das Gespräch dauerte zwar auch bis Mitternacht. Aber es galt nicht dem Auszug aus Ägypten, sondern Tagesfragen, Zeitungsneuigkeiten, Börsengeschäften. Das Mahl war recht reichhaltig und fing natürlich mit den Eiern an, die in Salzwasser genossen wurden. Dann folgten gefüllte Pfefferfische, Fleischbrühe mit schmackhaften Klößchen und Putenbraten. Es war ein gemütliches Souper mit einigen Eigenheiten, mehr aber nicht. Mit dem Sederabend hatte es eigentlich nur noch den Namen gemeinsam. Auf dem Tisch lag keine Haggadah, sie lag irgendwo in einer alten Holzkiste friedlich bei den vergilbten Talmudexemplaren, der Bibel und alten hebräischen Büchern. Die Fragen wurden nicht gestellt. Die Hände hatte man sich zu Hause mit parfümierter Seife gewaschen. Und beim Weintrinken legte man weiter kein Gewicht darauf, ob es gerade nur vier Becher waren. Natürlich trat das Préférencespiel an die Stelle des Benschens.

Was ich hier schildere, waren die neuen Sitten einer feinen, dünnen Oberschicht der Petersburger Juden.

Die Mehrheit jedoch war der alten hergebrachten Religion, der Tradition treu geblieben, und darunter waren nicht wenige, die zur Elite der jüdischen Gesellschaft gehörten.

In dieser Umgebung zu leben und von ihrem Einfluß unberührt zu bleiben, erforderte eine Charakterstärke und eine religiöse Festigkeit, wie sie mein Mann leider nicht besaß. Mich hätte es unberührt gelassen, mich hätte mein starker Glaube, meine Erziehung und die religiöse Innigkeit, mit der ich an jüdischer Sitte hing, vor der Untreue bewahrt. Ja, stolz wäre ich umhergegangen unter all den Schwachen. Stolz und glücklich, daß ich noch im Besitz all des innigen Reichtums war, den jene längst verloren hatten. Und ich hätte sie wegen ihrer Armut bedauert.

Und doch hatte ich gerade hier in Petersburg, wo die Juden sich von so vielen jüdischen Bräuchen lossagten, oft Gelegenheit zu beobachten, wie stark das Zusammengehörigkeitsgefühl trotz allem unter den Juden entwickelt war: Wenn Juden irgendwo in der Provinz in einem Streit mit der Behörde unterlegen waren, so wandten sie sich nach Petersburg um Unterstützung; und niemals sparte die Petersburger jüdische Gesellschaft Geld und Zeit, um die Sache ihrer Stammesgenossen zu vertreten. Man appellierte und setzte die höchsten Instanzen in Bewegung, damit den bedrängten Juden ihr Recht werde; und dieser Eifer war allen natürlich und selbstverständlich. Nicht umsonst ist ja das Solidaritätsgefühl der Juden in der ganzen Welt sprichwörtlich geworden. Sogar die meisten getauften Juden machten dabei keine Ausnahme. Ja, es gehörte geradezu zum guten Ton in der Petersburger jüdischen Gesellschaft, wohltätige Anstalten für die Juden zu gründen, wo Hunderte von Kindern Unterkunft, Erziehung und Bildung erhielten. --

Es ging bei uns ähnlich zu wie in so vielen anderen Familien, in denen der Kampf um die Tradition gekämpft wurde. »Der Mann, der Verdienende, der die Pflicht hat, die Seinigen zu versorgen, besitzt auch das größere Recht, er ist der Herr im Hause, er kann bitten, darf aber auch fordern,« hieß es dort. Auch mein Mann -=bat=- zuerst, und als er damit sein Ziel nicht erreichte, -=forderte=- er die Erfüllung seiner Wünsche. Er wurde despotisch und verlor jedes Maß.

Mit seinem schlichten, ruhigen, ehrlichen Wesen, mit dem grenzenlosen Vertrauen, das er den Menschen entgegenbrachte, paßte er nicht hinein in das Großstadtleben, in dessen Hasten und Streben und Ringen. Trotz seiner Kenntnisse und Fähigkeiten ging es ihm in pekuniärer Hinsicht nicht gut, und in dem Riesenunternehmen, an dem er teilnahm, konnte er nicht vorwärts kommen. Das schmerzte und quälte ihn. Denn frisch noch lebten in seiner Erinnerung die Zeiten, da er ein großer Herr war, reich und vornehm. Wenigstens in seinem Hause, im eigenen Familienkreise wollte er Entschädigung haben für diese Ungerechtigkeit. Hier wollte er ganz Herr sein -- und er war es auch im vollsten Sinne. Es genügte nicht, daß ich ihm volle Freiheit außerhalb des Hauses ließ. Ich mußte mich selbst und mein Haus »reformieren«.