Memoiren einer Grossmutter, Band II Bilder aus der Kulturgeschichte der Juden Russlands im 19. Jahrhundert

Part 10

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In jener Zeit lebten und wirkten in diesem »aufgeklärten« Kowno in einem anderen Teile der Stadt, drüben über der Brücke des Flusses Wilja, Menschen, die in ihrem ganzen Leben und Treiben unter dem Einfluß der veränderten Verhältnisse gerade auf die entgegengerichtete Bahn gedrängt wurden. Und sie fanden getreue Mitwanderer in den Juden der kleinen Städtchen des Gouvernements. Sie landeten in der Askese. Es waren kleine Leute, aber große Menschen! Groß in ihrem Talmudwissen, in ihrer Hochherzigkeit, Nächstenliebe und in der größten Tugend, der bescheidenen Selbstlosigkeit. Ihre Ansprüche auf Essen, Trinken und Kleidung setzten sie auf das geringste Maß herab. Ihre idealen Ziele aber waren riesengroß. Das Forschen, Schaffen, Grübeln in dem Talmud betrieben sie jetzt mit gesteigerter Gier Tage und Nächte hindurch.

Zunächst bestand diese Asketengruppe nur aus zehn Personen. Sie überwachten unermüdlich das junge, heranwachsende Proletariat, beobachteten ihr Lernen und ihr Leben und wiesen sie mit guten und strengen Worten zurecht. Mit gleichgestimmten, würdigen Männern gründeten sie später einen Verein, der sich die Predigt der Askese zur heiligen Aufgabe stellte. Jeder Lebensgenuß schien ihnen verächtlich. »Diese« Welt war ihnen nichts anderes als eine Übergangsstufe zu einem besseren, höheren, reineren Sein. Jeder Schritt, jede Handlung am Tage sollte deshalb wohl überlegt sein. Und dreimal des Tages müsse man Gott anflehen, daß er die unwillkürlich begangenen Sünden, selbst des Lauteren, vergebe.

Das jüdische Proletariat in seinem Getto, zermürbt vom Kampfe ums Dasein, drängte sich um diese Prediger. Besonders aber wurden die jungen Talmudisten und die »Orimbocherim« für diese Bewegung begeistert, hingerissen. Diese Strafpredigten fanden zuerst in der Dämmerstunde statt, und die Synagoge war von alten und jungen Zuhörern überfüllt wie am Vorabend zum Jomkippur. Alle weinten und flehten ob ihrer Sünden aus tiefster Seele zu Gott.

An der Spitze dieser Bewegung stand der berühmte Reb Israel Salanter (Liebkin), dessen Seelengröße an Hillel heranreichte. Er war hart gegen sich und voll unsäglicher Liebe gegen andere. Er kämpfte für die Einfachheit der Sitten. Aber die Askese sollte nie in einer Zerstörung des Lebens ausarten. Es war im Jahre 1855, da die große Choleraepidemie durch das Land verheerend zog. Das Volk fastete, um Buße zu tun, denn die unheimliche Krankheit galt als Gottesgeißel. Da Rabbi Salanter aber fürchtete, daß das Volk durch die selbstauferlegten Entbehrungen Schaden leiden könnte, trat er nach dem Morgengebet am Jomkippur in der Synagoge mit einem Stück Kuchen in der Hand auf den Almemor und aß vor allem Volke davon. Durch dieses Beispiel wollte er das Volk zu gleichem Tun ermuntern. R. Salanter war ein echter Lehrer des Volkes. Waren doch wunderbare Menschen seine Erzieher gewesen: Reb Hirsch Broide und Reb Sundel.

Von den Tugenden des Reb Broide weiß ich folgende Geschichten: Die ungepflasterte Straße, an der er mit seiner alten Mutter lebte, hatte einst ein schwerer Regenguß aufgeweicht. Reb Broide wußte, daß die alte Mutter trotzdem ihren täglichen Synagogengang nicht unterlassen würde. So machte er sich des Nachts daran, den Weg mit Ziegelsteinen auszulegen, daß seine Mutter trockenen Fußes in die Schul' gehen konnte. Ein anderes: Es erregte seine Verwunderung und war ihm zugleich ein Schmerz, daß die Bettler ihn gar nicht aufsuchten. Er meinte, daran könnte nur das Schloß an seiner Tür Schuld haben: es war zu fest. So entfernte er es eines Tages ganz. Der Gute: er ahnte nicht, daß die Bettler genau wußten, wie arm er selbst war. Sie mieden sein Haus, um ihn nicht zu beschämen.

Reb Sundel pflegte seine Studien in Feld und Wald, in Gottes freier Natur zu betreiben. Einmal bemerkte er, wie sein Schüler Salanter hinter ihm her kam. Er wandte sich zu ihm mit klugen Worten und schloß mit dem Satz: »Israel, beschäftige dich mit Strafpredigten und fürchte Gott.« Diese Worte gruben sich dem Jüngling tief in die Seele und bestimmten sein ganzes Leben. Sein Amt[9] in Wilna legte er bald nieder, um seiner idealen Bestimmung nicht untreu werden zu müssen.

Wenn die Chassidim gegen die Schwermut eiferten, so wandte sich sein Wort gegen den Übermut der Freude. Der Chassidismus lehrte, Gott mit Freude zu dienen, die Strafprediger dagegen forderten, Gott im Ernste zu dienen. Die Schwermut hemmt die höhere Eingebung, behaupten die Chassidim. Die Freude führt zum Leichtsinn, entgegnen die Strafprediger. Die Tat bringt die Erlösung, lehrte Rabbi Salanter, und er wurde nicht müde, die Gemeinde zu Werken der Liebe aufzurufen. Wohltätigkeit und Reue sind die Stützen der Welt. Wenn ein Mensch nur eine Stunde am Tage in der Reue zubringt und ein einziges Mal vor Verleumdung sich durch die Reue hütet, hat er schon eine große Tat vollbracht. Die Wirkung seiner Rede war überwältigend. Aber der Reiz dieser reinen Persönlichkeit war wie ein Zauber. Man wird es begreifen, daß das Rabbinat von Litauen durch das Anwachsen der Bewegung in Schrecken geriet. Man fürchtete, daß die Predigt der Askese zu einer Sektenbildung führen könnte, die das Judentum streng verbietet. So gingen die Rabbiner zu den Strafpredigern selbst und traten ihnen entgegen. Das gab oft verwunderliche Kämpfe, für die die Aufklärung freilich nur Spott hatte. Lebten doch in Kowno die ersten Adepten der Lilienthalschen Bewegung.

Unter ihnen war eine der markantesten Erscheinungen der jüdische Dichter -=Abraham Mapu=-, der dort ein bescheidenes Leben führte und durch Unterrichten in der russischen und deutschen Sprache sein Brot verdiente. Er war ein stiller, anspruchsloser Mensch, seinem ganzen Wesen nach ein Lehrer, der erst in seinem kleinen Studierstübchen auflebte und zu jenem Mapu wurde, den die jüdische Welt als ihren -=ersten=- großen hebräischen Belletristen ehrt. Eine wunderbare Seele lebte in diesem so unscheinbaren Gettojuden. Aus den schmalen, krummen Gäßchen des Ansiedlungsrayons mit all ihrem Elend und ihrer Armut, aus der dumpfen schwülen Atmosphäre des Gettolebens trug ihn seine Phantasie in die große, glänzende Vergangenheit seines Volkes, und voll Begeisterung schrieb er seinen ersten Roman: »-=Ahawath Zion=-«[10], die Zionsliebe, und zeigte dem jüdischen Leser an diesen Schilderungen den Kontrast zwischen ihrem gegenwärtigen trostlosen Dasein und der ehemaligen Pracht und Größe des jüdischen Lebens auf dem eigenen Boden.

Diesem Romantikerwerk folgte ein wuchtiger, satirischer Tendenzroman: »-=Ajit Zabua=-«, ein grimmer Protest gegen die althergebrachten Formen der jüdischen Art. »-=Ajit Zabua=-« begeisterte die Jugend und empörte die Alten. Es erhob sich ein Sturm gegen Mapu und sowohl er wie sein Werk wurden verpönt, verspottet, verfolgt. Aber Mapu fand seine begeisterten Anhänger unter der jüdischen Jugend. Er war ein Kämpfer für die Aufklärung der Juden. Aber er kämpfte mit ganz neuen, bisher nie gebrauchten Mitteln -- mit echter Poesie. Er gab der Jugend -=neue=- Gedanken. Er wies ihnen neue Wege, eröffnete ihnen neue Horizonte und Lebensmöglichkeiten. So manches Talent wurde durch ihn angeregt und zu hebräischen Dichtungen begeistert.

Wir hatten oft Gelegenheit, den versonnenen Mann in unserem Hause zu sehen. Er gab meinem ältesten Sohne Unterricht im Deutschen und Russischen. Aber er stellte sich auch zu einem gemütlichen Plauderstündchen ein. Mein Mann verehrte ihn sehr; und es war immer eine Lust, der angeregten Unterhaltung zu lauschen.

Unser Leben in Kowno gestaltete sich anfänglich sehr angenehm. Mein Mann fühlte sich hier in seinem Element, und obwohl mich die neuen Sitten zuerst befremdet hatten, so gefiel mir doch mit der Zeit die Geselligkeit und der freie, einfache, zugleich doch vornehme und harmlose Verkehr der beiden Geschlechter miteinander. Meine Verlegenheit schwand allmählich, und ich nahm gerne teil an den oft veranstalteten Jours-fix, beobachtete, schaute zu und amüsierte mich auch. Je nach der Stimmung.

Ich trug noch immer meinen »Scheitel«. Alle übrigen Frauen, auch die älteren in unserem Kreise, hatten sich längst davon befreit. Ich fühlte mich unbehaglich. Aber der Gedanke lag mir fern, dem Beispiel anderer Frauen zu folgen, obwohl ich wußte, daß mein eigenes Haar mich nur schmücken konnte. Es dauerte aber nicht lange, so forderte mein Mann die Entfernung des Scheitels. Ich müsse mich den Sitten der Gesellschaft anpassen, um mich nicht dem Spotte auszusetzen.

Ich erfüllte seinen Wunsch jedoch nicht und trug die Perücke noch lange Jahre.

Geschäftlich ging es uns in Kowno nicht gut. Es war die Zeit (1859), in der es in Russisch-Polen und Litauen im Volke zu gären anfing. Der polnische Aufstand bereitete sich vor. Die Geistlichkeit begann unter dem Volke die Abstinenz (trezwost) zu predigen -- also eine Agitation gegen den Branntwein; und da der Gewinn unseres Geschäftes an einen ausgiebigen Branntweinverbrauch gebunden war, so drohte uns jetzt der Ruin. Die monatliche Pachtsumme von 120000 Rubel, welche die Konzessionäre der Staatskasse zu zahlen verpflichtet waren, konnten sie bald nicht mehr entrichten. Die drei Familien: Kranzfeld, Gorodezki und Wengeroff, die an dem großen Unternehmen teilnahmen, wurden materiell vernichtet. Mein Mann hätte wohl noch seine Existenz als Angestellter leidlich sichern können. Aber sein Großvater wollte nicht, daß er in einem Geschäft, in dem er einmal Herr war, eine abhängige Stellung annehme. Er gehorchte und wurde brotlos.

Die politische Propaganda in Polen riß auch die jüdische Jugend mit sich fort. Sie nahm Teil am Aufstand, als ob es ihre eigene Sache und ihr Vaterland wäre, für das sie kämpften. Ungehört verhallten die Warnungen des berühmten Rabbiners Meisel in Warschau, der die Juden beschwor, zur jüdischen Fahne, d. h. der Thora, zurückzukehren: sie gingen in den Kampf -- für Polen!

Sie wurden aber in ihren Hoffnungen betrogen. Das stärkere Rußland siegte. Kosaken jagten durch Polen, und ihre Nagaikas schonten die Juden nicht. Aber sie mußten noch mehr erdulden. Sie, die ihr junges Blut vergossen hatten und unerschrocken, opfermutig in den Reihen der Kämpfenden gestanden, blieben die Verachteten. Man ließ sie fühlen, daß sie -=nur Juden=- seien. Wieder einmal hatte das jüdisch-polnische Sprichwort sich bewahrheitet: »Jak bida, to do Zyda, po bidzie za drzwi Zydze« -- »Wenn die Not kommt, geh zum Juden, Not vorbei -- Jude raus!«

Das Frühjahr kam. Es wurde wieder still im Lande. Aber es war nicht die Ruhe im Genusse erfüllter Wünsche und Forderungen, die lächelnde Ruhe des Sieges. Es war jene unheimliche Stille, die in stummen Worten von Entsetzen, von Blut und Verbannung erzählt.

Und wir -- wir standen vor dem Nichts. Nun hieß es, von neuem anfangen und Brot suchen. Zum Glück bot sich meinem Manne bald eine Beschäftigung beim Telegraphenbau in Wilna. Er zögerte nicht lange und ging dorthin. Ich blieb mit den drei Kindern vorläufig in Kowno zurück. Nach kurzer Zeit konnten wir ihm nach Wilna folgen.

Wilna.

Wilna, die einstige Residenz Litauens, war damals eine große Stadt mit imposanten Staats- und Privatgebäuden, einem alten Rathaus, einem Theater und großartigen, meistenteils gotischen, katholischen Kirchen, unter denen sich die »Ostrobrama« durch besondere Pracht und durch ein Portal von hohem künstlerischen Wert auszeichnete. Durch dieses Tor durfte weder Christ noch Jude mit bedecktem Haupte gehen. Oft sah man dort die Gläubigen im Vorübergehen auf die Knie fallen. Die meisten frommen Juden vermieden es, diesen Weg zu gehen, obwohl sich das Tor im Mittelpunkt der Stadt befindet.

Dank der reichen Magnaten, die auf ihren Gütern in der unmittelbaren Nähe Wilnas wohnten und kommerzielle Verbindungen mit der Stadt pflegten, blühte die Industrie in der Residenz.

Die Stadt trug zu jener Zeit noch ganz den polnischen Charakter; überall herrschte die polnische Sprache und die ganze Lebensweise war durch polnische Sitten bestimmt!

Aber es wurde anders: Nach dem polnischen Aufstande im Anfange der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts wurde Generalgouverneur von Wilna der berüchtigte Murawiew. Mit beispielloser Grausamkeit hat dieser Mann das Polentum in seinem Bezirk auszurotten und das ganze Land zu russifizieren versucht. Er war gefürchtet, aber er fürchtete sich auch. Er lebte in seinem Palast wie ein Gefangener. Selbst der Schornstein in seinem Arbeitszimmer war vermauert. Er schlief in seinem Arbeitszimmer und dort wurde auch vor seinen Augen auf einer Spiritusmaschine sein Essen bereitet. Er lebte in solcher Abgeschiedenheit, daß das Gerücht sich bilden konnte, er existiere überhaupt gar nicht. Er war ein Gespenst des Schreckens, eine mythische Person. Eine kleine Episode. Jüdische Arbeiter besserten das Dach seines Palastes aus. Dabei unterhielten sie sich über die Frage, ob es überhaupt einen Gouverneur Murawiew gäbe. Die Antwort mußte gefunden werden. Und als sie gerade oberhalb des einzigen Fensters des Murawiewschen Arbeitszimmers zu tun hatten, ließen sie an einem starken Seil den Lehrjungen herunter, damit er durch das Fenster in das Zimmer hineingucken könne. Als der Junge nun vor dem Fenster schwebte, erblickte ihn der Gouverneur, der im ersten Moment furchtbar erschrak. Denn er glaubte, daß auf raffinierte Weise ein Attentat geplant sei. Er schlug Lärm. Der ganz entsetzte Lehrjunge wurde abgeschnitten. Als Murawiew den zitternden, halbwüchsigen Knaben nun vor sich stehen sah, mußte er lachen und er entließ den Kleinen ruhig, ohne ihn die Ruten kosten zu lassen. -- Häufig kam es allerdings nicht vor, daß Murawiew Milde walten ließ. Die Henkersknechte kamen unter seiner Herrschaft nicht zur Ruhe. Es war ein fast alltägliches Ereignis, daß unter Trommelwirbeln unglückliche Menschen zum Richtplatz geführt wurden. Immer fand sich dabei eine große Menschenmenge ein, die von Schmerz und Mitleid, oft auch von Wut und Ingrimm ergriffen, den armen dem Tode Geweihten das Geleit gaben. Wir saßen eines Morgens am Teetisch, als dumpfe Trommelklänge uns aufschreckten. Ans Fenster eilend, sahen wir auf einem von einem einzigen Pferde gezogenen primitiven Wagen drei Männer zur Richtstatt fahren. Das Gefährt bestand aus einem auf vier Rädern ruhenden Brett. Darauf stand eine Bank mit einer Lehne und einer Tafel, auf der die Namen der sogenannten Verbrecher verzeichnet waren. Dieses Fahrzeug nannte man den Pranger. Es bewegte sich durch die Straßen bis zu dem großen Marktplatz, wo ein Galgen errichtet war, an dessen Fuße das Fahrzeug halt machte. Die Henkersknechte mußten die schon vor Furcht halbtoten Delinquenten stützen, um sie zum Gerüst zu führen. Dort wurden ihnen Säcke über die Köpfe und die Schnur um den Hals geworfen und mit einem einzigen Zuziehen der Schnur wurde die Hinrichtung aller drei vollzogen. Mit Schaudern und Entsetzen sehe ich noch heute die baumelnden Körper in Todeszucken vor mir und werde den Anblick wohl nie vergessen können. -- Daß unter der Herrschaft dieses Gestrengen und in der Erinnerung an die zahllosen Opfer des polnischen Aufstandes das erregte Volk in trüber Stimmung lebte, begreift man leicht. Alle -- Christen und Juden -- trugen Jahre hindurch Trauerkleider. Es galt als ein Verbrechen, selbst bei festlichen Gelegenheiten, im Theater oder bei Konzerten in hellen Kleidern zu erscheinen. Wagte es aber jemand, so konnte er sicher sein, daß sein Anzug von einem polnischen Patrioten mit Petroleum begossen wurde.

Als wir nach Wilna hinkamen, hatte die Stadt noch ihr altes Gepräge. Politisch eine Stadt des stolzen Polentums; kulturell -- so weit es die Juden betrifft -- eine Hochburg jüdischer Geistesaristokratie.

Die jüdische Gesellschaft in dieser Stadt, die das jüdische Athen von Litauen genannt wurde, bestand aus vielen vornehmen, reichen und meistenteils noch sehr konservativen Familien und aus einer kleinen Gruppe Fortgeschrittener -- den Vertretern der neuen Ideen. Diese Aufgeklärten verhielten sich aber kleinlaut und wagten nicht, wie in Kowno, rücksichtslos gegen die Tradition aufzutreten. Denn hier in Wilna besaßen die Alten die Autorität. Ihren Führern, wie Reb Elia, dem Wilnaer Gaon, Reb Akiba Eiger, hat die Nachwelt den Ehrentitel der »Patriarchen« beigelegt. Diese Namen lebten in ihrem ganzen Glanze in der Erinnerung der Juden fort. Wilna, die Stätte der Talmudgelehrsamkeit, die Stadt der großen Gemeinde mit ihren zahlreichen Lehrhäusern (Bothemidraschim) und dem berühmten Schulhof, wo Hunderte alter und junger Männer Tage und Nächte den Talmud studierten -- dieses Wilna wirkte erdrückend auf die Modernen; und sie wagten sich nicht mit ihrer »aufgeklärten Irreligiosität« in die Öffentlichkeit.

Die neue Umgebung übte einen sehr günstigen Einfluß auf meinen Mann aus; und ich freute mich zu sehen, wie er ohne Zwang, nur innerem Bedürfnis folgend, sich wieder dem Talmudstudium zuwandte und auf dem Irrwege, den er betreten hatte, ein Stück zurückging. Er unterrichtete jetzt selbst unseren Sohn Simon in der hebräischen Sprache, las mit ihm die Bibel und die Mischnah, was er in Kowno nie getan hätte; er beschloß auch, den Jungen in die Rabbinerschule zu geben.

Hier in Wilna traf ich mit meiner Schwester Helene, die ich während des Brautjahres gepflegt und noch leidend zurückgelassen hatte, zusammen. Sie lebte hier als verheiratete Frau mit ihrem Manne und ihren Kindern. Die Freude des Wiedersehens war groß, aber sie währte nicht lange.

Unsere pekuniären Verhältnisse wurden von Tag zu Tag schlimmer; bis sich mein Mann entschließen mußte, anderswo eine Beschäftigung zu suchen. Er ging allein nach Petersburg, wo er bei unserem Schwager Sack, der dort in reichen Verhältnissen lebte, brüderlich aufgenommen wurde. In diesem Hause verkehrten Kaufleute großen Stils; und durch ihre Vermittlung fand sich bald für meinen Mann eine Beschäftigung. In der Festung der Hauptstadt Helsingfors am Finnischen Meerbusen, in Sweaborg, sollte eine Kaserne gebaut werden. Bei diesem Unternehmen erhielt mein Mann eine gute Anstellung. Im März 1866 ging er dorthin, und noch im Frühjahr desselben Jahres folgte ich ihm mit den Kindern nach Helsingfors.

Da wir in Helsingfors in der Festung wohnen sollten, erwachte in mir die Sorge um den Unterricht für meine beiden älteren Kinder, und ich beschloß, sie nach Mitau zum Rabbiner zu bringen. Ich wandte mich schriftlich an ihn. -- Er ging auf alle Bedingungen ein und versicherte mich in seinem Antwortschreiben, die Kinder würden in seinem Hause eine durchaus moderne, europäische Bildung erhalten. Diese Aussicht beunruhigte mich aber, und ich schrieb ihm wieder, ich hoffe, daß er trotz der modernen Erziehung eine koschere Küche führe, andernfalls könnte ich ihm die Kinder nicht anvertrauen. Ich erhielt einen befriedigenden Bescheid und ging an die Ausführung meines Planes. Ein seltsamer Zufall vereitelte jedoch mein Vorhaben: Ich setzte mich mit den beiden Kindern in einen falschen Zug, stieg ein paarmal um und kam statt nach Mitau in eine mir völlig unbekannte Stadt, und erfuhr zu meinem großen Ärger, daß ich mich Wilna näher als dem Ziel meiner Reise befand. Dieser Zufall war entscheidend, und meine Kinder kamen nicht in die Schule zum Mitauer Rabbiner. -- Kleine Ursachen, große Folgen.

Der verabredete Termin des Zusammentreffens mit meinem Mann, der uns nach Petersburg entgegenkommen sollte, rückte heran. Es blieb mir keine Zeit übrig. Ich trat daher sogleich die Rückreise nach Wilna an. Bald trafen wir in Petersburg zusammen. Ich erzählte meinem Mann die Geschichte mit den falschen Zügen. Er lachte und freute sich, daß wir nun doch alle beisammen blieben. Am nächsten Tage bestiegen wir den Dampfer, der uns nach Helsingfors bringen sollte.

Und wiederum blühte die Hoffnung auf bessere Zeiten.

Helsingfors.

Wir gelangten nach der Festung Sweaborg. Fremdes Volk, fremde Sitten und Gebräuche. Eine fremde Sprache! Ich verstand weder Finnisch noch Schwedisch und konnte mich mit der einheimischen Dienerschaft nur durch Vermittelung des einzigen russischen Angestellten verständigen. Aber schon nach Verlauf von zwei Monaten gelang es mir, mit Hilfe der Ollendorfschen Methode so viel zu erlernen, wie ich notwendig brauchte.

Trotz des rauhen Nordens und des siebenmonatlichen strengen Winters lebte hier in Helsingsfors ein munteres, lebenslustiges, intelligentes Volk, Schweden und Finnen. Äußerlich sind diese beiden Nationen leicht voneinander zu unterscheiden. Während die Finnen, Männer wie Frauen, einen robusten vierschrötigen Typus mit blondem Haar, Kartoffelnase und kleinen Äuglein darstellen, sind die Schweden hochgewachsen mit feinen, edlen Gesichtszügen, wundervollem, starkem, blondem Haar und gesunden, großen, weißen Zähnen. Die Bevölkerung lebte hier sehr bescheiden. Trotzdem die Lebensmittel sehr billig waren, bestand ihre Mahlzeit gewöhnlich aus Hering, gekochten Kartoffeln und Schwarzbrot. Dieses Schwarzbrot wurde nach der Landessitte sowohl vom Volk wie von der Bürgerklasse im Herbst gebacken und ein Vorrat für den ganzen Winter vorbereitet. Es hatte eine runde Form; in der Mitte war ein Loch. Man zog sie alle auf eine Schnur und hängte sie so zum Trocknen auf. Diesem trocknen Schwarzbrot, so behauptet die Bevölkerung, verdankt sie ihre gesunden, schönen, weißen Zähne.

Auch die Wohlhabenden in der Stadt führten eine äußerst bescheidene Lebensweise, und ihre Mahlzeiten waren auch nicht viel üppiger. Dafür wurde aber in anderer Hinsicht geradezu Luxus getrieben: im Punkte Bildung und Vergnügungen kannte man in Helsingfors keine Sparsamkeit. Die Stadt, die nur zwanzigtausend Einwohner hatte, besaß zwei Theater, drei Leihbibliotheken, komfortable Hotels und zahlreiche Cafés.

Es war ein freies, stolzes Volk, das hier lebte, stolz besonders den Fremden -- Russen -- gegenüber, die es »rüssene Pergele« (Russenteufel) nannte. Wenn man einem Bettler ein Almosen gab, so drückte er wohl dankbar dem Geber die Hand. Ein Droschkenkutscher aber lehnte fast immer das Trinkgeld stolz ab.

Auch geistig war die Bevölkerung fortgeschritten, interessierte sich für das, was in der großen Welt vorging. Nie kehrte ein Bauer, der die Ware in die Stadt brachte, ohne seine Zeitung »Soimele« (»Finnland«) aufs Land zurück.

Unsere Wohnung war in einer Kasematte und bestand aus vier kleinen, dunklen Räumen, deren Wände aus mächtigen, wohl zwei Meter dicken Granitsteinen zusammengefügt waren. Wunderlich war unser Schlafzimmer. Es hatte ein Fensterbrett, auf dem ein Tisch und Stühle Platz hatten. Freilich war es für andere Zwecke bestimmt. Während eines Krieges sollte da ein weniger friedliches Möbel stehen: eine Kanone! Aber einen Vorzug hatte dieses Schlafzimmer: von dem Fenster gab es eine herrliche Aussicht auf den Finnischen Meerbusen mit seinen dunklen, waldigen Ufern. Hier war mein Lieblingsplätzchen. Hier pflegte ich mit den Kindern zu sitzen, bei einer Handarbeit auszuruhen. Hier konnte ich träumen, stundenlang auf das weite Meer schauen und seinem ewigen, geheimnisvollen Murmeln lauschen.

Wir wohnten in der unmittelbaren Nähe des Kommandanten und der Offiziere, mit denen wir auch bald bekannt wurden und die bald in unserem Hause verkehrten.

Einer von ihnen erklärte sich bereit, meinen älteren Sohn in der russischen Sprache zu unterrichten. Mein Mann warf sich eifrig auf das Studium des Finnischen und Schwedischen und machte bald so große Fortschritte, daß er sich der beiden Sprachen in geschäftlichen Angelegenheiten bedienen konnte. Daneben lernte er mit der Tochter englisch. Die beiden älteren Kinder besuchten eine französische Schule in der Stadt. Jeden Tag mußten sie über das Meer fahren.

Ich war stolz, so viel Wißbegier bei meinem Manne und der heranwachsenden Jugend zu sehen, stolz, glücklich und doch zugleich auch traurig, denn der Lerntrieb erstreckte sich nicht auf das, was mir vor allem heilig und wert war.