Part 8
Uns Kindern gingen die schweren Tage der Buße nicht sehr nah, im Gegenteil, wir freuten uns der schönen Herbstzeit mit dem reifen Obst, das wir in großen Mengen vertilgten. Eine Schürze voller Früchte bekamen wir für einen Kupfergroschen, den uns die Mutter an jedem Tag schenkte, und der junge Magen nahm die Gaben des Herbstes geduldig auf. Auch bei uns im Garten waren die Früchte gereift und harrten hier der pflückenden Hand, der naschenden Mäuler. Die Baumzweige hingen zum Brechen voll und das Gemüse stand hoch in prächtigen Farben. Der Kohl wurde reif. Meine älteste Schwester verstand es trefflich, aus dem Strunk ein wie aus Talg gerolltes Lichtchen herzustellen. Sie putzte den Strunk, rundete ihn ab und steckte einen etwas in Ruß geschwärzten Holzsplitter an die Spitze, so daß es wie ein Licht aussah. Spät vor Abend gab sie dieses Lichtchen zum Anzünden bald der Köchin, bald dem Diener. Der Holzsplitter fing für einen Moment zwar Feuer, verlosch jedoch bald, worüber die besagte Person sich ärgerte. Wir Kinder sahen von der Ferne zu, kicherten und freuten uns über den gelungenen Spaß. Das wurden nun unsere Freuden, denn wir konnten uns nicht mehr solange im Freien aufhalten, es war bereits empfindlich kühl. Die Tage wurden kürzer und trübe. Wir gingen nicht mehr so frühzeitig in den Cheder. Wir mußten oft im Chederraum spielen, weil uns häufig der Herbstregen von der Straße scheuchte.
Im Hause wurde es stiller und stiller, die Eltern und die erwachsenen Geschwister wurden immer ernster, je näher der Monat Elul seinem Ende kam. Die Sorgen der Slichauszeit nahten. Schon ehe der Tag graute, wurden die Bußgebete verrichtet. Die Gebete sind oft so umfangreich, daß man z. B. am letzten Tage vor Rausch-Haschone (Neujahr) schon um Mitternacht beginnen muß, um überhaupt zu Ende zu kommen. Dieses Gebet nennt sich Sechor bris.
Das Neujahrsfest selbst gilt zwar als sehr ernst und heilig, wird aber als freudiger Feiertag betrachtet. Bei uns wurden allerhand Fladen gebacken, Konfitüren in Honig und Zucker vorbereitet, das Weißbrot wurde in Form von Kringeln gebacken, was symbolisch das runde Jahr darstellen soll. Die Frauen hatten zumeist weiße Kleider, die nur am Neujahrsfest und am Versöhnungstage angelegt wurden. Am Vorabend wurden viele Kerzen angezündet, über die die Frauen den Segen sprachen; die Stimmung ist zwar eine festliche, aber noch immer liegt etwas Trauriges, ein gewisser Ernst über den Gemütern. Beim Abendgebet in der Synagoge wird viel geweint. Ich entsinne mich, daß unser guter Vater vom Weinen heiser nach Hause zu kommen pflegte. Doch gewann die Festtagsstimmung bald die Oberhand, und mein Vater gab uns frohgemut den Segen und machte Kidusch (Segnen des Weines) in freundlicher Stimmung. Wir alle schütteten uns zuerst reichlich Wasser über die Hände, trockneten sie sodann ab, setzten uns stumm zu Tische und beteten still mit, während der Vater über die beiden großen Brote, die vor ihm bedeckt lagen, einen Spruch sagte; er schnitt eines von ihnen in zwei Teile, von dem einen Teil schnitt er eine Scheibe, die er in Honig tauchte und murmelte leise ein Gebet. Ehe er den ersten Bissen gegessen hatte, durfte weder er, noch ein anderer bei Tische sprechen. Nun bekamen auch die Kinder die Mauzes (die ersten Bissen Brot) mit Honig und dann wurde das reiche Abendmahl genommen. Obgleich es erst um neun Uhr abends begann, ging man doch gleich darauf zur Ruhe, um am nächsten Tage in aller Frühe ins Bethaus gehen zu können. Ich erinnere mich nicht, die Mutter oder die anderen Synagogenbesucher an diesem Morgen je gesehen zu haben, wenn ich auch noch so früh aufstand. Alle waren bereits beim Beten und sie kehrten erst um ein oder zwei Uhr mittags heim, erschöpft, aber in gehobener Stimmung -- das war die Wirkung der für diesen Tag bestimmten Gebete -- die erhabene Piutim-Poesie, die philosophischen Betrachtungen über das irdische, vergängliche Leben, der Gerechtigkeit und der gnadenvollen Nachsicht unseres einzigen Gottes, »der auf seinem Richterstuhl sitzt«, wie es in den Sprüchen heißt, »und Gerechtigkeit übt«.
»Er öffnet dem das Tor, der daran mit aufrichtiger Reue pocht, der im Gericht seinen Zorn unterdrückt, mit Huld und Milde sich als Richter schmückt. Er, der Sühnung aller Schuld gewährt, der seine Huld lässet walten. Er zürnt nur kurze Zeit und ist groß an Langmut. Er ist gütig dem Bösen wie dem Guten. Er, der ausharrt, bis sich der Frevler fromm bekehrt.«
Mein Vater pflegte bei Tische mit den jungen Leuten diese Stellen des Gebetes singend zu wiederholen; und sie weinten dabei ...
Das Nachmittagsschläfchen am ersten Neujahrstag unterließ man, denn an diesem Feiertag sollte mehr gebetet als gegessen und geschlafen werden. Man ging zum sogenannten Taschlich, d. h. man begab sich zum Fluß, wo man ein kurzes Gebet verrichtete und die Sünden gleichsam von sich abschüttelte und ins Wasser warf. Dieser Gebrauch wurde von meinem Vater nicht ernst genommen und deshalb beteiligte er sich nicht daran. Vom Flusse begab man sich wieder in die Synagoge, wo das Vorabend- und Abendgebet verrichtet wurde. Zu Hause zündeten die Frauen wieder die Kerzen an, der Vater kam aus der Synagoge, erteilte uns wieder den Segen und machte über den Becher Wein Kidusch und Schechejone über eine Frucht (Segenspruch über eine Frucht, die man im Laufe des Sommers noch nicht gegessen hat). Meine Mutter kaufte gewöhnlich hierzu eine Wasser- oder Zuckermelone oder eine Ananas. (Diese Früchte waren in unserer Gegend sehr selten). Nach dem Abendbrot, das ebenfalls sehr früh genommen wurde, begaben sich alle zur Ruhe, um am nächsten Morgen frühzeitig in der Synagoge mit dem Beten beginnen zu können, das wieder bis nach ein Uhr währte. Der nächste Tag ist ein Fasttag, der Zaum Gdalja heißt. Alle fasteten. Niemand fiel es ein, zu murren und so quälte man sich auch den dritten Tag. Darauf folgten die zehn Bußtage (Asseres jemei Tschuwe), die zwischen Rosch-Haschono und Jom-Kippur (Versöhnungstag) fallen, und mit dem heiligen Versöhnungstag ihren Höhepunkt und ihr Ende erreichen.
Mit ehrfurchtsvollem Schauer gedenke ich noch heute des Erew-Jomkippur (des Vorabends des Versöhnungstages) in unserem väterlichen Hause, da unsere frommen Eltern alle Sorgen um die weltlichen Dinge vergaßen und nur im Gebete lebten. Schon als der Vortag dämmerte, rüstete man sich, um Kapores zu schlagen. Jeder Mann nahm einen Hahn, jedes Weib nahm eine Henne, man hielt dieselben bei den Füßen, man betete ein eigens dazu bestimmtes Gebet. Am Ende schwingt der Beter dreimal das Geflügel um seinen Kopf und wirft es dann von sich; dieses Geflügel wird geschlachtet und gegessen.
Auch die Herstellung des Jaum-Kippur-Lichtes war eine heilige Pflicht. Schon ganz früh am Erew-Jomkippur kam die alte Gabete Sara (Gabete nannte man alte Frauen, deren selbstgestellte Lebensaufgabe es ist, fromme Werke zu unternehmen für Kranke, Arme und eben Verstorbene) mit einem ganzen Packet Tchines -- kleine Gebetbücher nur für Frauen in jüdisch-deutsch geschrieben -- und einem ungeheuer großen Knäuel Dochtfaden und einem großen Stück Wachs. Meine Mutter pflegte vorher nichts zu essen, bis das Licht fertig war, denn mit nüchternem Magen ist jeder Mensch geneigter zu weinen, und sein Gemüt ist weicher. Meine Mutter und die obengenannte Sara fingen die Arbeit damit an, daß sie viele Tchines ans dem Packete unter heftigem Weinen sagten; dann erst nahm man den Knäuel Docht zur Hand, Sara legte ihn in ihre Schürze, stellte sich gegen die Mutter in einer Entfernung von einem Meter ungefähr, gab das Ende des Fadens vom Knäuel meiner Mutter und zog ihn auch zu sich. Nun fing meine Mutter mit weinender Stimme an, die Namen aller ihrer verstorbenen Familienmitglieder zu nennen und erinnerte dabei an ihre guten Taten, und für jeden wurde ein Faden vom Dochtfadenknäuel weiter gezogen, bis alle erwähnt waren und ein gehörig dicker Docht entstand. Auf solche Art wurde auch aller lebenden Familienmitglieder gedacht. Es war auch Sitte, wenn jemand sehr gefährlich krank wurde, den Friedhof mit dem Dochtfaden nach allen vier Enden abzumessen und dann diesen Faden zum Docht für Wachskerzen zum Jom-Kippur zu gebrauchen.
Den halben Tag verbrachte man noch munter, aber schon in feierlicher Stimmung; man aß nach Vorschrift viel Obst und betete hundert Broches (Segenssprüche). Dann ging es ans Baden und Waschen. Man kleidete sich in weiß, um gleichsam rein und würdig vor den ewigen Richter zu treten. Beim Vorabendgebet (Minche) muß man sich schon 35mal an die Brust schlagen, wobei die Tränen reichlich fließen. Die Männer ließen sich noch vom Synagogendiener die sogenannten Malkes auf den Rücken schlagen. Ich erinnere mich, daß sie alle mit rotgeweinten Augen aus der Synagoge kamen, und das rechtzeitig gerichtete Abendmahl wurde in stummer Feierlichkeit genommen. Die jungen Leute und wir Kinder waren erfüllt von einer bangen Erwartung; alle schwiegen unter dem Druck von etwas Unsagbarem und Schwerem. Beim Tischgebet rannen die Tränen, deren sich keiner erwehren konnte. Nach Tisch legten alle die Schuhe ab, und die Männer zogen ihre langen weißen Kittel über die Kleider. (Dieser weiße Kittel ist beim Juden das Totenhemd, in welchem er begraben wird.) Ein Silberstoffgürtel und ein Silberstoffkäppchen vervollständigten die Tracht, und nun ging man, einen Mantel um die Schulter, in die Synagoge; das drittemal an diesem Tage. Ehe man fort ging, segnete, der Vater jedes Kind und Enkelkind, selbst das kleinste, das noch in der Wiege lag, mit Worten voll Innigkeit und Inbrunst, und ihm, sowie den Kindern, denen er die Hände aufs Haupt legte, flossen die Tränen reichlich die Wangen herunter. Selbst das Dienstpersonal kam herbei und blieb an der Schwelle stehen -- alle weinten und baten einander »Mauchel sein«, d. h. um Verzeihung. Auch meine Mutter bat mit bewegter Stimme um Nachsicht, wenn sie im Laufe des Jahres ihre Untergebenen beleidigt oder gekränkt haben sollte. Dieses Hervorsprudeln der edlen Gefühle adelte die Seelen und gab ihnen Weihe und Frieden. Und das Bewußtsein, daß Gott die Sünden vergeben werde, stärkte den Willen, nun ein neues, geläutertes Leben zu beginnen.
Alle Seelen der Großen, die sich in die Synagoge zu Kolnidre begaben, und der Kleinen, die zu Hause blieben, waren himmelwärts gerichtet. Der eine Gedanke hielt alle im Bann, dass an diesem Abend die große Abrechnung mit den sündigen Menschen beginne. In der Synagoge, die von vielen Kerzen hell erleuchtet war, bei dem feierlichen Kolnidregebet vor offenem Oren kodesch (heilige Bundeslade) mit den Seferthoras (heiligen Rollen) wurde mit tief bewegtem Herzen in der einmütig reuevollen Stimmung der betenden Gemeinde jede Beleidigung, die man einander während des ganzen Jahres angetan, zurückgenommen, jede Kränkung verziehen; auch den Andersgläubigen vergab man jede Beleidigung und Unbill. Jeder Jude wollte sich von der Sünde befreien und erkannte an diesem Abend eindringlicher als sonst seine Ohnmacht, die Ohnmacht des Menschen in dem großen Weltall und dem Schöpfer gegenüber mit den Worten: »Wir Menschen sind in Gottes Händen wie Ton in des Töpfers Hand.... wie der Stein in des Bildhauers Hand.... wie das Silber in des Goldschmieds Hand.... er formt nach seinem Willen alles.«
Nachdem die Eltern zur Synagoge gegangen waren, scharten wir Kinder uns um die älteste Schwester Chasche Feige, unsere liebevolle Schützerin und Lehrerin. Sie betete das Abendgebet. Wir standen andächtig neben ihr und wichen nicht von der Stelle. Ich hörte sie schluchzen und mir wurde so bange zumute. Das ganze Haus lag in tiefer Stille und die Wachskerzen knisterten geheimnisvoll. Ich sah im Geiste, was im Himmel vor Gottes Thron vorging, wie die vereinten Stimmen der Menschen um Gnade flehten, und selbst die Engel in Furcht und Schrecken vor dem Allerhöchsten dastanden. Aber der Herr prüfte in seiner Gnade das Herz der Gerechten und gab seine Gnade denen, die aufrichtig die begangenen Sünden bereuten.
Um neun Uhr hieß sie uns schlafen gehen. Uns war aber so schwer ums Herz, daß wir sie baten, sich zu uns zu setzen. Und sie saß solange, bis wir einschliefen.
Am folgenden Tag war die Stimmung der Synagogenbesucher noch ernster, den weltlichen Dingen vollends entrückt; am Tage des Gerichts, am großen, heiligen Jom-Kippur, sind die Gebete von einem feierlichen Ernst. Gott der Herr sitzt selbst zu Gericht über die Sünden der Menschen, die in einem Buch mit des Täters Hand verzeichnet sind. Hier aber, in der Synagoge, wird mit zerknirschtem Herzen unter Tränen der so bedeutungsvolle Unessane-taukeff keduschas hajom gelesen. Die Engel zittern und rufen: »Das ist der Tag des Gerichts!« Die große Posaune wird geblasen. Und es wird bestimmt, wer im künftigen Jahr leben soll oder eines natürlichen Todes sterben oder meuchlings umkommen, wer verarmen oder reich, erhöht oder erniedrigt werden soll. Aber Reue, Gebet und Wohltaten befreien von bösen Geschicken. Was ist der Mensch? »Er kommt aus der Erde und kehrt zur Erde zurück. Einem zerbrochenen Scherben gleicht er, dem Staubfaden einer Blume, die verwelkt; dem Gras, das verdorrt, dem Rauch, der spurlos dahinfliegt, einem Traum, der entschwindet.....«
Im Hause sah es bei uns trübe aus; die Fensterläden waren geschlossen, die Zimmer nicht geräumt, die irdenen mit Sand gefüllten Töpfe standen noch da, in denen die Stümpfe der Wachskerzen von gestern abend langsam brannten und die Luft mit einem schweren Duft erfüllten.
Erst gegen zwölf Uhr bekamen wir Kinder unseren Tee und das Frühstück, das aus Kapores (kaltem Huhn) und Weißbrot bestand und zugleich unser Mittagsmahl bildete. Dann fanden sich bald unsere Gespielinnen ein, und die schwere Trauer wich von uns Kindern allmählich. Mit der Dämmerung regte es sich wieder im Hause. Die Zimmer wurden wieder in Ordnung gebracht, man deckte den Teetisch, zündete viele Kerzen an und bereitete einen Becher Wein und ein geflochtenes Wachslicht zur Awdole vor. Je dunkler es draußen wurde, um so lichter ward es im Zimmer. Der Samowar (Teemaschine) brodelte bereits einladend auf dem Tisch, als die Synagogenbesucher um sieben Uhr nach Hause kamen. Sie waren alle erschöpft vom Fasten und Beten, aber keiner nahm etwas zu sich; man wartete geduldig, bis der Vater und die anderen sich gewaschen und gekämmt hatten, da dies am Morgen zu tun, verboten war. Dann machte unser Vater Awdole, d. h. er betete über den Becher Wein, und da erst setzten sich alle an den Tisch, der mit kalten Speisen und Kuchen reich besetzt war. Ohne Rücksicht darauf, daß der Magen während 24 Stunden nicht einmal einen Tropfen Wasser bekommen hatte, füllte man ihn jetzt mit süßen, saueren, bitteren und gesalzenen Speisen. Und der Magen nahm Speise und Trank geduldig auf. Jede Spur von Erschöpfung oder Müdigkeit war nun verschwunden, und die Gesichter strahlten vor innerer Ruhe und Zufriedenheit. Nun hatte man diesen schweren Tag für ein ganzes Jahr hinter sich. Auch wir Kinder empfanden den Unterschied zwischen dem gestrigen und dem heutigen Abend. Ich war nie zu lustig oder gar übermütig und liebte die Einsamkeit, aber die drückende Stimmung des Erew-Jomkippur und des Erew-Tischeb'eaw marterten mich arg.
Nachdem alle den ersten Hunger gestillt hatten, wurde man sehr heiter, und unser Vater, an der Spitze der Tafel in den großen Armstuhl gelehnt, begann die erhabenen Stellen aus den Gebeten des Tages halb singend vor sich hin zu sagen. Die jungen Herren stimmten ein, auch der Vorbeter der Synagoge, ein guter Freund unseres Hauses, fand sich gewöhnlich bei uns ein, und man erfreute sich an den poetischen Gesängen aufs neue. Man blieb nicht selten bis lange nach Mitternacht in heiterer, gehobener Stimmung, und keinem fiel es ein, nach den Strapazen des Tages sich zur Ruhe zu begeben, wiewohl man sich am nächsten Morgen schon mit dem ersten Tagesanbruch wieder im Bethaus einfinden mußte, um, wie es heißt, die Verleumdungen des Satans vor dem Allerhöchsten zu vernichten. Der Satan könnte sonst zu Gott, dem Schöpfer sagen: »Sieh, Herr, du hast deinem Volk gestern die Sünden vergeben, und heute hat sich kein einziger eingefunden, dein Haus ist leer!«
Aber der Satan soll über das auserwählte Volk nicht triumphieren. Und so fanden sich denn die Frommen alle in der ersten Morgenstunde im Gotteshaus ein[P], wenn auch nur für kurze Zeit, da bloß ein Alltagsgottesdienst stattfand. Mein Vater ging gleich von der Synagoge fort, um einen Essrog (Citronenähnliche Frucht) und einen Lulow (Palmenblatt) zu kaufen; und froh gelaunt kehrte er heim, wenn es ihm gelang, einen völlig fehlerfreien Essrog -- einen sogenannten »Mibuder« zu finden. Ein solches Stück kostete im Jahre 1838 5-6 Rubel, da zu jener Zeit der Transport der Früchte aus Palästina, wo sie nur in geringer Zahl wuchsen, mit viel Schwierigkeiten und Gefahren verbunden war. Nichtsdestoweniger erhielt jeder der jungen Männer unseres Hauses je einen Essrog für sich. Eine jede dieser wohlriechenden, prächtigen Früchte wurde sorgfältig in weichen Hanf gebettet und in einem Silbergefäß aufbewahrt. Diese Früchte werden im Verlaufe der acht Feiertage des Laubhüttenfestes (Sukkoth) beim Morgengebet benützt. Die Palmenblätter, Myrten und Weidenzweige, die der Vorschrift gemäß dazu gehören, standen in einem großen, mit Wasser gefüllten, irdenen Krug. Und im Hause wurde es wieder hell und heiter. Man aß, trank, lachte, plauderte nach Herzenslust. Ich hörte oft sagen, daß in den vier Tagen vom Jom-Kippur bis Sukkoth die Sünden des Juden nicht unter Kontrolle stehen, und von Gott nicht angerechnet werden.
Viele der Scherze galten den »Sogerkes«. In den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gehörte es noch zu den Seltenheiten, daß im einfachen Volke eine jede Frau hebräisch zu beten verstand. Das Bedürfnis jedoch, am Samstag und besonders an den heiligen Feiertagen zu beten, war groß. Aber es gab auch lesekundige Frauen, die ihre Kenntnisse industrialisierten. Für eine kleine Belohnung beteten sie an den erwähnten Tagen in der Synagoge den Frauen die Gebete vor. In Ermangelung einer solchen Frau mußte jedoch in den kleineren, jüdischen Städtchen ein Mann in der Mitte der Frauenabteilung der Synagoge in ein Faß kriechen und von diesem Schutzwall aus -- von den Weibern umgeben -- die Gebete vorlesen. Wie man sich denken kann, gab es dabei oft komische Szenen, und für die Anekdotenbildung war das Faß ein unerschöpflicher Born....
Die Vorleserin nannte man »sogerke« und den Mann »soger«. Diese beiden mußten mit _=weinerlicher=_ Stimme die Gebete vorsprechen, um das umstehende Weibervolk zum Weinen anzuspornen. Unter den Zuhörerinnen befand sich in unserer Gemeinde die Frau eines Fleischers, die schwerhörig war. Sie bat die Vorleserin, sie möchte etwas lauter sprechen, dafür würde sie von ihr eine große Leber bekommen. Jene aber gab ihr mit tränender, weinerlicher Stimme im Gebetsingsang zur Antwort: »Wie mit der Leber, so ohne die Leber.« Das umstehende, unwissende Weibervolk aber glaubte, daß diese Worte zum Gebet gehörten und alle riefen mit weinerlicher Stimme: »Wie mit der Leber, so ohne die Leber.«
Nach einem bestimmten Abschnitt begab sich eins dieser Weiber nach Hause und traf unterwegs eine zweite Frau, die in die Synagoge zurückkehrte. Diese fragte, welches Gebet jetzt dort gesagt werde. »Nu ... das Gebet von der _=Leber=_.« Die eine: »Im vorigen Jahre hat man doch so etwas nicht gesagt.« Die andere: »heint efscher, weil ein Schaltjahr ist!« ...
Uns Kindern bot sich in den nächsten Tagen eine Reihe schöner Aussichten. Mein Herz pochte freudig in Erwartung der kommenden Dinge.
Gleich nach dem Frühstück wurde die Laubhütte besichtigt, eine geräumige, längliche, hohe Laube mit großen Fenstern, die das ganze Jahr unbenützt blieb. Sie mußte daher erst gewaschen, geschmückt und wohnlich gemacht werden, und der Diener ging sogleich ans Werk.
Während der nächsten drei Tage bis Sukkoth hatten wir frei; man lernte, studierte nicht, und selbst das tägliche Beten wurde, wie mir scheint, zum großen Teil von den jungen Herren etwas vernachlässigt. Unseren Chederbesuch hatten wir schon seit Rausch haschono ganz eingestellt, da die Ferien für die jüdische Jugend bis zum Monat Cheschwan (von September bis Oktober) dauerten.
Am Tage des Erew-Jomtows wurden alle im Hause befindlichen Teppiche in die Laubhütte zusammengetragen, mit denen die jungen Leute unter des Vaters Leitung die Wände behängten. Man holte Spiegel, brachte die Möbel aus dem Eßzimmer und selbst der Kronleuchter durfte nicht fehlen. Am Vorabend vor dem ersten Festtag legten alle festliche Gewänder an. Die Kerzen der großen silbernen Leuchter wurden von unserer Mutter und den jungen Frauen angezündet, und sie verrichteten ihr stilles, frommes Gebet, worauf wir uns alle mit großem Behagen auf die Stühle um den Tisch setzten und die geschmückte Sukke (Laubhütte) bewunderten. Ihre bewegliche Decke war vorher schon beseitigt und durch Tannenzweige ersetzt worden. Es sah wundervoll seltsam aus. Die vielen brennenden Kerzen, die bunten Teppiche, die hohen Kristallspiegel, die grüne Tannendecke und der nächtlich blaue Himmel, der mit seinen silbernen, funkelnden Sternen so freundlich durch die Zweige hereinblickte, verliehen dem Raum eine märchenhafte Pracht.
Die Mutter, festlich gekleidet und mit kostbarem Geschmeide, saß mitten unter ihren verheirateten und unverheirateten Töchtern, die alle reich geschmückt waren. Dann kamen die Männer aus der Synagoge heim und es gab das köstliche, patriarchalische Familienbild der damaligen Juden an der Tafelrunde. In ihren langen, schwarzen Atlasröcken (Kaftans), den breiten Atlasgürteln, den kostbaren, hohen Zobelmützen und ihren strahlenden, jungen Gesichtern sahen sie wahrlich besser aus, als die Jugend von heute im Frack und weisser Binde mit den blasierten, gelangweilten Mienen. Der Vater erteilte uns den Segen; alle wuschen sich die Hände, beteten und nahmen ein Stück Barches, die in Honig getaucht wurde. Das Abendbrot, das mit Pfefferfischen eröffnet und mit Gemüse beschlossen wurde, war beendet. Viele, denen die herbstliche Abendluft zu kühl wurde, verließen die Sukke; einige blieben noch plaudernd sitzen.
Am darauffolgenden Morgen, am ersten Feiertag, wurde in der Synagoge ein besonders feierlicher Gottesdienst abgehalten, und es war wieder ein imposanter Anblick, als die Männer, Reihe an Reihe auf ihren Plätzen stehend, mit dem grünen, schlanken Palmenblatt in der rechten und der duftenden, goldgelben Ethrogfrucht in der linken Hand, den Lobgesang Hallel sangen und dann den Rundgang Hakofes, der Kantor voran, in der Synagoge machten.
Gegen ein Uhr kehrten alle nach Hause zurück, und nun kamen zum Festtag viele Gäste, denen man Wein und Süßigkeiten vorsetzte. Den Nachmittag verbrachte jeder nach eigenem Belieben. Die einen schliefen, die anderen gingen spazieren. Aber keiner vergaß, daß man sich schon um fünf Uhr in der Synagoge zum Vorabendgebet einfinden mußte. Der zweite Tag unterschied sich fast gar nicht von dem ersten.