Part 5
Mein Vater ließ sich gemütlich auf seinen Sitz nieder, legte seine prächtige Schnupftabaksdose mit dem roten Foulardtaschentuch auf den Tisch zu seiner Rechten und begann in der Hagade zu lesen. Er bat die Mutter, ihm die einzelnen Gerichte von den Tellern zu reichen, auch die jüngeren Herren folgten seinem Beispiel. Dann füllte die Mutter auf eine besondere Bitte des Vaters hin den Becher mit Rotwein. Die verheirateten Schwestern füllten hierauf auch ihren Männern die Becher, während unsere ältere, unverheiratete Schwester das Amt des Einschenkens bei uns Kindern und den anderen Tischgenossen, selbstverständlich auch beim Meschores, versah. Jeder der Herren bekam auf seinen Teller drei Schmure-Mazzes, zwischen denen sich bereits die Seroa, ein wenig von dem vorbereiteten Meerrettig, ein wenig Salat, Charausses, ein gebratenes Ei, ein Radieschen befanden. Das alles war mit einer weißen Serviette bedeckt. Der Vater nahm den Becher Wein in seine rechte Hand und sagte das Kiduschgebet[J] und leerte das Glas. Alle Tischgenossen folgten seinem Beispiel, nachdem sie Amen gesagt hatten. Meine Mutter füllte von neuem den Becher, die anderen Frauen taten es wieder für ihre Männer, während die Becher der anderen Tischgenossen mit süßem Rosinenwein gefüllt wurden. Dann nahm der Vater sein Gedeck mit allen darauf befindlichen Dingen in die rechte Hand, hob es in die Höhe und sprach dabei laut das Kapitel Ho lachmo anjo. Die männlichen Tischgenossen wiederholten den Satz bis zum zweiten Kapitel Mah-nischtano, den sogenannten vier Fragen, welche das jüngste Kind bei Tische zu fragen hat. Diese lauten: »Warum essen wir an allen Abenden des Jahres gesäuertes und ungesäuertes Brot, heute aber bloß ungesäuertes?« usw. (siehe Hagade). Der Vater beantwortete, mit bewegter Stimme aus der Hagade lesend: »Awodim hojinu.« ... »Knechte waren wir bei Pharao in Mizraim und hätte uns damals Gott der Allgütige in seiner Allmacht nicht erlöst, und wären wir nicht von dort ausgezogen, wären wir, unsere Kinder und Kindeskinder bis jetzt noch Sklaven gewesen, und wenn wir auch alle kluge Schriftgelehrte wären, so ist es dennoch unsere Pflicht, vom Auszug aus Ägypten zu erzählen.«
Bei diesen Worten brach der Vater immer in Tränen aus -- er konnte und durfte seinem Schöpfer gewiß aus vollem Herzen danken, wenn er seinen Blick über die schöne Tafelrunde schweifen ließ und die junge, hübsche Frau mit den blühenden Kindern, die kostbar geschmückt dasaßen, sah! Er durfte sich wirklich im Vergleich zu jener Zeit der Sklaverei als einen Fürsten betrachten.
Nun folgten die Psalmen, die als Hallelgebet zusammengefaßt sind, dann nach oftmaligem Händewaschen die Erklärung, warum wir an diesem Abend die vielen bitteren Kräuter essen. Es ist zur Erinnerung daran, daß unsere Vorfahren reich an Bitternissen waren, und daß sie, durch die Wüste ziehend, keine andere Erquickung hatten als bittere Kräuter. Hierauf brachen die Herren die mittlere der drei Mazzen entzwei, legten die eine Hälfte unter das Polster zum »Aphikomon« (Nachspeise) und die andere Hälfte verteilten sie in kleinen Stücken unter die Tischgenossen als »Mauze« (der Jude betet vor dem ersten Bissen Brot, vor jeder Mahlzeit). Dann aß man vom Meerrettig: erstens zu Moraur, der in Charausses getunkt so rasch als möglich verschluckt wird, da dies ohne Mazzen geschehen muß. Dann der Kaurach, wieder eine Portion Meerrettig zwischen zwei Mazzesstückchen gelegt. Für jeden Brauch wird zuvor ein bestimmtes Gebet gesprochen. Mit einem Wort, man bekam an diesem Abend den Meerrettig gehörig zu spüren; und wir mußten mit Tränen in den Augen zugeben, daß das Leben unserer Vorfahren in Ägypten bitter war. Später wurden Radieschen und Eier in Salzwasser getaucht; das mundete schon besser, und endlich kam das Abendbrot an die Reihe, das mit Pfefferfischen begann, dem eine fette Brühe mit Mazzemehlklößchen folgte und das mit einem feinen frischen Gemüse endete. Dann bekam jeder Tischgenosse ein Stück von dem aufbewahrten Aphikomon. Nun wurden die Becher aufs neue mit Wein gefüllt. Man goß sich Wasser über die Hände, was man »Majim Acheraunim« nennt (letztes Wasser), wobei ein kleines Gebet verrichtet wurde; und nun schickte man sich an, das Tischgebet zu sagen, womit gewöhnlich einer der Herren bei Tische als Vorbeter beehrt wurde. Am Schluß des Gebetes fiel die ganze Tischgesellschaft mit einem lauten »Amen« ein; und nachdem jeder für sich leise das Nachtischgebet mitgebetet hatte, wurden erst die Becher geleert. Und jetzt begann der zweite Teil der Hagade. Zum vierten Male füllte man die Becher. Diesmal wurde auch die große silberne Kanne gefüllt, die in der Mitte der Tafel aufgestellt und für den Propheten Elia bestimmt war. Dieser Brauch findet in den kabbalistischen Schriften seine Erklärung. Nach der kabbalistischen Lehre ist alles, was man in paarweiser Zahl ißt oder trinkt (sogenannte kabbalistische Suges) schädlich oder es kann zum mindesten schädlich wirken. Daher muß bei der Sedermahlzeit zu den vier Bechern, die getrunken werden, noch ein fünfter gefüllt werden.
Wir Kinder glaubten fest an die Volkssage, daß der Prophet Elia ungesehen hereinkomme und an dem Becher nippe. Wir blickten daher unverwandt nach der Kanne und wenn sich die äußerste Schicht an der Oberfläche leise bewegte, waren wir überzeugt, daß der Prophet anwesend war und uns überrieselte es kalt und heiß. Sämtliche Becher wurden gefüllt, und der Vater befahl dem Diener, die Tür zu öffnen. Nun begann man das Kapitel »sch'fauch chamos'cho« zu rezitieren; hierauf folgten die Schlußkapitel des Hallel. Und zum Schluß das allegorische Liedchen »chadgadjo, chadgadjo«, »Ein Zicklein, ein Zicklein«. Mit diesen und ähnlichen Versen fand der Sederabend seinen Abschluß. Jeder hatte seinen vierten Becher Wein ausgetrunken. Auf den Gesichtern aller Tischgenossen sah man die Abspannung und Erregtheit infolge des ungewohnten Weingenusses. Meine älteren und jüngeren Schwestern verließen eine nach der anderen die Tafel, ehe noch die Verse zu Ende gesungen waren, was nicht als Verletzung der Religion oder der Hausdisziplin galt. Mich aber hielt etwas zurück, das ich mir um nichts entgehen lassen wollte. Es war Schir haschirim, das Hohe Lied, das Lied der Lieder Salomos, von dem ich jedes Wort, jeden Ton mit meiner ganzen Seele aufnahm. Die herrliche Verschmelzung von Tönen und Worten wirkte auf das Kindergemüt berauschend; ich lauschte entzückt. Das ganze Lied wurde im Rezitativ in sieben Tönen gesungen, wobei sich mein älterer Schwager David Ginsburg besonders auszeichnete, und hat sich so lebhaft, so unvergeßlich meiner Seele eingeprägt, daß ich den Anfang noch heute, an meinem späten Lebensabend, auswendig kann. Was gäbe ich darum, noch einmal in meinem Leben das Lied so schön singen hören zu können! Auch meine Mutter pflegte gewöhnlich noch bei Tische zu bleiben.
Meine Mutter ermahnte mich dann mehr als einmal, zu Bette zu gehen. Ich aber bat, noch bleiben zu dürfen, was sie mir für ein Weilchen auch gestattete. Als sie aber bemerkte, wie müd und abgespannt ich war, erfolgte eine zweite Ermahnung, und ich wiederholte meine frühere Bitte noch inständiger. Meine Stimme war wahrscheinlich dabei so innig, daß ich die Erlaubnis erhielt. Ich gab mir Mühe, nicht müde zu scheinen und kroch auf einen im Winkel stehenden großen Armstuhl und hörte mit wahrem Seelengenuß dem Gesange zu. Bis zum Schluß hielt ich es aber nicht aus, und ich erwachte erst auf meinem Lager, als meine Njanja mich entkleidete und zurecht legte. Ich wurde dabei munter, schlief aber bald wieder in der seligsten Stimmung ein und erwachte am Morgen mit der gleichen frohen und vergnügten Laune. Alles im Hause war festlich geschmückt; überall feierliche, herrliche Osterstimmung! Draußen strahlte der Frühlingssonnenschein vom heiteren Himmel herab. Die Luft war mild und warm. Die ganze Natur schien ein festliches Kleid angelegt zu haben, wie wir alle im Hause. O goldene Kinderzeit im Elternhause, wie schön bist du! --------
Zum Tee bekam ich Mazzen und Butter. Man zog mir ein neues Kleidchen an, und ich lief hinaus zu den Nachbarkindern, die mich auf der Wiese bereits erwarteten. Wir hüpften und tanzten und sangen: »Der Frühling ist da, der Sommer ist gekommen, huha! huha! huha! huha!«
Die Frauen und Männer des Hauses waren bereits seit dem frühen Morgen in der Synagoge zum Gottesdienste, wo das Gebet um Tau heute gesprochen wurde, ein Gebet, welches das konservative, jüdische Volk noch immer inbrünstig betet, wiewohl es seit fast 2000 Jahren außer dem Bereich seiner nächsten Interessen liegt, daß das Korn auf dem Felde durch den Himmelstau gedeihen möge, das Gras durch das reiche Tropfen des Taues saftig werde, der Most gerate und nicht sauer werde. Dieses Gebet wird nach der alten Tradition also weiter gebetet, und zwar wie die meisten jüdischen Gebete, halb singend, wobei die Frauen mit den Tränen nicht sparen.
Ein Volk, behauptete Lord Beaconsfield, das zweimal jährlich den Himmel um Tau und Regen für die Felder anfleht, wird gewiß noch einmal sein eigenes Land besitzen.
Das zeigt, wie tief die Liebe zum Ackerbau und zur Scholle den Juden im Blute sitzt, gebietet doch das jüdische Gesetz, erst einen Weingarten zu pflanzen; sein Feld zu bestellen, dann ein Haus zu bauen und dann erst zu heiraten!
Gegen ein Uhr kamen alle Synagogenbesucher nach Hause. Da fanden sich auch schon Gäste ein, welche ihre Jomtow -- (Feiertags-) Besuche machten und mit allerlei Süßigkeiten und mit Wein bewirtet wurden.
Das Mittagmahl bestand aus den vier traditionellen Gängen: dem obligaten, gefüllten Indian-Hals, den schmackhaftesten und besten Gemüsearten, welche die Osterzeit bot, und wovon ein armer Jude an diesem Feiertage bloß träumen kann. Diese fetten, süßen Gerichte, wozu noch die Pfefferfische und die üppigen Knödel (Klößchen) kamen, steigerten den Durst auf das höchste. Es wurde reichlich darauf guter, alter Schnaps, Rotwein, endlich auch Apfelkwas getrunken. Nach Tisch gab es ein allgemeines Schnarchen in allen Schlafzimmern, Küchen, auf dem Heuboden, während wir Kinder uns auf den Wiesen und Feldern, die bei unserem Hause lagen, in völliger Freiheit tummelten und mit den Nachbarkindern um Nüsse spielten. Diese absolute Ruhe im Hause dauerte bis sechs oder sieben Uhr. Um diese Stunde wird Tee getrunken. Nach dem Tee gingen die Herren ohne ihre Frauen spazieren, die Frauen gingen ebenfalls mit ihren Freundinnen in die frische Luft, und dann begab man sich in die Synagoge zum Abendgebet, doch heut begann das Sphirezählen.[K]
Meine Mutter ging nicht in die Synagoge, da, wie gestern am Vorabend, der Sedertisch hergerichtet werden mußte. Dieser zweite Abend hatte für uns Kinder auch sein besonderes Interesse. Es war üblich, die Kinder auf jede Art wach zu halten, vor allem, damit das jüngste Mitglied der Familie nach der Vorschrift die vier Kasches (Fragen: warum essen wir heute ungesäuertes Brot usw.) noch stellen konnte, und dann, um an diesem Abend das Geschichtsdrama des Auszuges der Juden aus Ägypten ausführlicher als es die Hagade tut, mit den älteren und jüngeren Hausgenossen zu besprechen. Man gab uns Äpfel und Nüsse zum Spielen. Wir waren sehr vergnügt und blieben bis zum Schlusse des Seders wach. Die Tafel war wie gestern reich besetzt. Aber manche Speise -- besonders der Salat -- trug den Charakter des Müden, Verwelkten. Bloß der frisch geriebene Meerrettig verbreitete seinen scharfen Duft.
An dieser zweiten Sederfeier wartete man nicht mehr mit Ungeduld, wie an der ersten, auf das Abendessen, weil alle noch satt waren von dem üppigen Mittagsmahl. Das Nachtmahl wurde erst gegen zehn Uhr abends fertig, da am Tage nichts gekocht werden durfte und erst mit Eintritt der Dunkelheit, wenn Sterne am Himmel zu sehen sind, mit der Bereitung des Abendessens begonnen wurde. Es bestand lediglich aus einer Brühe oder aus einem Borscht (Suppe aus roten Rüben) und gekochtem Geflügel. Braten gab es nicht, weil die Seroa, das Symbol des Brandopfers, auf dem Tische stand. Der Vater fragte an diesem Abend gewöhnlich mit Ungeduld nach dem Essen, da noch vor Mitternacht der Aphikomon gegessen und die Sederfeier beendet sein muß. Die Einzelheiten waren die gleichen wie am vorigen Abend, wenn sie auch weniger feierlich und schneller aufeinander folgten; und es gelang auch in diesem Tempo, das Aphikomon noch vor der Mitternachtsstunde zu verspeisen. Nach Schluß der zweiten Hälfte des Seders wurde wieder das Hohelied bis weit über Mitternacht hinaus gesungen, das ich aufrecht sitzend bis zum Schluß anhörte.
Die folgenden vier Tage heißen Chaulhamaued (Werktage, Halbfeiertage, an denen das Leben fast wie an einem gewöhnlichen Tage hinfließt und fast alles gestattet ist). In unserem Hause freilich glich das Leben dem an gewöhnlichen Feiertagen: es kamen viele Gäste zum Tee, zum Mittag- und Abendessen.
Viele Mühe machte das Bewachen der Schmure, der Mazzes und Gefäße. Mehr als einmal gab es Ärger mit den Bediensteten, die oft die Geschirre verwechselten. Ich erinnere mich eines Falles: es war am Erew-Jomtow (Vor-Feiertag) der letzten zwei Festtage des Pesachfestes. Eine stattliche Anzahl von Hühnern und »Indians« (Puten) lagen koscher gemacht, d. h. nach ritueller Vorschrift gewässert und gesalzen, da erschien meine Mutter in der Küche, nahm ein großes Messer und untersuchte, ob nicht etwa ein Hafer- oder Gerstenkorn, womit das Geflügel gemästet wurde, irgendwo stecken geblieben war als Chomez, so daß das Geflügel für Passah unbrauchbar wäre. Und richtig! Sie fand ein Haferkorn in der Kehle eines Indianvogels, womit nun alle seine Leidensgefährten gerichtet, d. h. also Chomez waren und nicht mehr verwendet werden durften. Meine Mutter war deswegen sehr ärgerlich, sah die Köchin mit vorwurfsvollen Blicken und triumphierender Miene an und rief: »Da hast du die Bescheerung, du ungeschicktes Ding! Wo hattest du deine Augen? Du warst wahrscheinlich blind beim Koschermachen des Geflügels? Du hättest es auch jetzt nicht bemerkt. Ich danke Gott für die Gnade, daß ich das Haferkörnchen gefunden habe, sonst hättest du uns alle mit Chomez gefüttert!«
Mühe und Kosten waren nun umsonst gewesen, das ganze Geflügel wurde beseitigt und anderes mußte geschlachtet, geputzt und koscher gemacht werden! Man denke sich den Ärger der Mutter und Hausfrau! Der Tag war vorgerückt, die Speisestunde nah! Nichtsdestoweniger milderte ihren Ärger ein Gefühl freudiger Befriedigung, weil Gott sie vor einer Sünde bewahrt hatte. Ist doch die strenge Beobachtung aller Pesachvorschriften für den frommen Juden um so bedeutungsvoller, als ihre Verletzung mit frühzeitigem Tod bestraft werden soll. So wurde denn das Todesurteil an ebensoviel Hühnern und Indianvögeln vollzogen, obwohl sie im Hofe laut dagegen protestierten!
Es geschah auch einmal in diesen Tagen, daß der Diener der Köchin eine gewöhnliche Mazze statt der Schmure-Mazze zum Fischkochen gab. Eine Viertelstunde vor Tische ordnete die Mutter die schmackhaft gekochten Fische auf der Schüssel und erkannte das Versehen. Meine Mutter geriet in Zorn und Ärger, und der Diener bekam seine wohlverdienten Vorwürfe zu hören. Der Vorfall erfüllte das ganze Haus mit Lärm und gerechter Wut; und weder die Eltern, noch der Melamed haben die so appetitlichen Fische berührt! Der Vater, die Mutter, der Melamed aßen bloß von den Schmure-Mazzes, hatten auch besonderes Geschirr, während die übrigen Hausgenossen die gewöhnlichen Mazzes verzehrten.
Nun kam der letzte Tag des Osterfestes. Die achttägige Quälerei mit dem Essen, den Speisezubereitungen, die man in unserem Elternhause so geduldig und pietätvoll ertragen hatte, war zu Ende. In der Dämmerstunde des letzten Tages machten sich die Jungen im Hofe der Synagoge den Spaß und schrien: »Kommt zum chomezigen _=Borchu=_!« (Das erste Wort des Abendgebetes.)
Mein Vater kam von der Synagoge heim und machte, am Eßtisch stehend, Awdole, d. h. er weihte die kommenden Werktage mit einem Becher Wein ein und dankte Gott dafür, daß er Fest- und Werktag, Licht und Finsternis von einander geschieden hat. Am Schluß des Gebetes leerte er den Becher, goß den Rest auf den Tisch, nachdem er an der mit Nelken gefüllten wohlriechenden Dose gerochen, die Finger gegen das geflochtene, brennende kleine Wachslicht gehalten hatte und durchleuchten ließ und löschte dann im Rest des Weines das Licht aus.
Nun war man von allem Zwang, den das Pesachfest trotz aller Herrlichkeiten auferlegte, befreit, und der Frühling mit seinen Freuden, den lustigen Spielen im Freien nahm für uns Kinder seinen Anfang. Im Hause gab es noch lange Zeit Arbeit, ehe das Pesachgeschirr bis auf den letzten Topf und die letzte Schüssel aus allen Ecken und Winkeln zusammengetragen und wieder fortgestellt war. Schimen, der Meschores, holte abends die großen Kisten vom Boden herunter und packte alles ein, so daß am folgenden Tage keine Spur mehr von dem mit soviel Mühe veranstalteten Pesach zu sehen war. Selbst die übriggebliebenen Mazzes durften nach der Vorschrift nicht gegessen werden; in manchen jüdischen Häusern pflegte man eine einzige, große, runde Mazze an einem Schnürchen an die Wand zu befestigen, die zur Erinnerung das ganze Jahr bis zum nächsten Pesach hängen blieb. Gleich nach dem Feste wurden die verschiedenen Arten von Grützen untersucht, ob sich nicht in der achttägigen »Schonzeit« etwa Milben entwickelt hätten, da es um diese Zeit in unserer Gegend schon sehr heiß war. Bei uns freilich wurde die vorjährige Grütze nicht mehr gegessen. Wir warteten, bis es wieder frische Grütze gab -- sich chodisch-essen war für diesen Brauch der terminus technicus.
Die ersten Frühlingswochen verliefen in unserem Hause in der gedrückten Stimmung der Sphirezeit (von Ostern bis Pfingsten), während der jede Freude, jedes Spiel verboten ist. Konzerte und Theater zu besuchen, eine Hochzeit zu feiern oder auch nur ein neues Kleid oder neue Schuhe anzulegen, selbst bei drückender Hitze ein Flußbad zu nehmen, war in meinem Elternhause streng verpönt. Nur am Freitag durfte man, nachdem der halbe Tag vorbei war, ein warmes Reinigungsbad nehmen. Alle Schmucksachen, wie Perlenschnüre und die gestickte Stirnbinde wurden beiseite gelegt. Man trug einfache, alte, abgenützte Kleider. Meine Eltern und meine Geschwister enthielten sich während der Sphirezeit im Gegensatz zu ihrer sonstigen Gewohnheit aller Späße, und sie lachten und scherzten fast nie. Meine Mutter versprach uns oft viel Nüsse, wenn wir sie erinnern wollten, jeden Abend Sphire zu zählen. Das Erinnern war überflüssig, denn sie vergaß nie zu zählen, wie viele Tage und Wochen in der Sphire abgelaufen sind. --------
Der Frühling hatte für mich einen besonderen Reiz. Die Wiesen, die in der Nähe unseres Hauses lagen, lockten. Den ganzen Morgen sprang ich in der heitersten Laune umher und pflückte eine Butterblume nach der anderen und freute mich über jede junge Blüte. Ich wand mit Hilfe meiner steten Begleiterin Chaie, der Klempnerstochter, aus diesen Wiesenblumen Kränze, für die ich noch vom Ufer des nahen Flusses viele zarte Vergißmeinnicht holte. Wir bekränzten uns die Köpfe und gingen so geschmückt nach Hause. Oft unternahm ich in Gesellschaft armer Nachbarskinder Streifzüge in die Gebüsche, welche den hohen Berg neben unserem Hause umgaben und zahllose hochrote, wilde Beeren bargen. Aus diesen machten wir lange Schnüre und schmückten uns damit. Bei diesen Streifzügen vergaß ich oft, nach Hause zurückzukehren, und meine Mutter geriet in Unruhe und Sorge um mich. Alle waren bereits bei Tisch, und ich war immer noch nicht heimgekehrt, und man mußte mich suchen.
Zu meinen Lieblingsplätzchen gehörte der einsame Heuboden, wo das duftende junge Heu in Massen aufgehäuft lag. Ich grub mir da eine Art Höhle und setzte mich hinein. Hier spielte ich mit meinem Lieblingskätzchen, lehrte es auf den Hinterbeinen stehen und sitzen, wickelte es in meine Schürze, zog es am Ohr und schrie hinein: »Kätzele, willst du Kasche?« (Brei). Und das gemarterte Tierchen riß sein Ohr aus meiner Hand los, schüttelte sich, was ich als »Nein« deutete; dann nahm ich das zweite Ohr und schrie hinein: »Willst du vielleicht Kugel?« (ein fettes Sabbathgericht). Und das Kätzchen stieß ein lautes Miauen aus, welches ich als ein »Ja« deutete. Aber bei diesem Spiel hielts mich nicht lange, ich beugte mich über die Bretter vor, und warf den Pferden durch die großen Öffnungen in den Stall Haufen Heu gerade vor ihren Köpfen herunter, das sie gierig verschlangen.
Um meinem Schlendrian und dem freien Herumwandern in den Bergen, durch Feld und Gebüsch und dem gefährlichen Hocken auf dem Heuboden ein Ende zu setzen, beschloß meine Mutter, mich in den Cheder zu geben (Volksschule), und mich dem Melamed (Volksschullehrer) anzuvertrauen, bei dem meine ältere Schwester hebräischen Unterricht hatte.
An einem schönen Nachmittag mitten im eifrigsten Spielen wurde ich plötzlich von meiner Mutter, die am Fenster stand, ins Eßzimmer gerufen. Da saß bereits, meiner harrend, Reb Leser, der Melamed, und meine Mutter sagte, sich zu ihm wendend: »Das ist meine Pessele, morgen kommt sie mit Chaweleben (meine Schwester) zu euch in den Cheder.« In meiner Schüchternheit wagte ich es kaum, meine Augen zu ihm zu erheben. »Aber dein Kätzele darfst du in den Cheder nicht mitbringen«, sagte Reb Leser zu mir. Diese Worte waren gerade nicht dazu angetan, mich für ihn einzunehmen. Der Reiz des Neuen, der in dem Chederbesuch lag, war mir damit zur Hälfte genommen. Ich blieb verstimmt sitzen und dachte, was wohl jetzt mit meinem Kätzchen und den anderen Herrlichkeiten werden solle. Ich hörte, wie Reb Leser zur Mutter sagte: »Also Dienstag wird sie der Behelfer in den Cheder abholen.« Er wünschte »gute Nacht« und verschwand in der Dämmerung. Und nun hieß es Abschied nehmen von den lustigen Spielen mit Chaie, des Klempners Töchterlein, das so hübsche Töpfchen mitzubringen pflegte, mit Peyke, die im Puppenspiel so erfinderisch war und Jentke -- wie oft saßen wir dort, am Ende des großen Gartenzaunes auf dem großen Holzklotz so traulich beisammen und erzählten uns traurige und heitere Märchen, daß wir bitter weinen oder herzlich lachen mußten! Es schnitt mir ins Herz, das alles aufgeben zu müssen. Allein meine Neugierde, den Schauplatz meines neuen Lebens zu sehen, tröstete mich ein wenig. Die Mutter riet mir, bald nach dem Abendessen schlafen zu gehen, um zu gleicher Zeit mit meiner Schwester am frühen Morgen aufzustehen und zusammen in den Cheder zu gehen. Mein Schlaf war diese Nacht nicht so ruhig wie sonst! Ich war sogar früher auf den Beinen, als meine Schwester. Die Njanja mußte mich zuerst waschen und ankleiden, ich mußte sogar auf meine Schwester warten.
Der erste Schultag!....