Memoiren einer Grossmutter, Band I Bilder aus der Kulturgeschichte der Juden Russlands im 19. Jahrhundert

Part 14

Chapter 143,564 wordsPublic domain

Es war 12 Uhr geworden. Die Einladungen zur Trauung an die Freunde und Bekannten waren in der Frühe desselben Tages verschickt worden, und einige Gäste fanden sich schon ein. Musik erklang und unsere Eltern traten mit ernsten Gesichtern, bewegten Herzens und tränenvollen Augen in den Hochzeitssaal, in ihrer Mitte die jugendliche, hübsch geschmückte, erregte Braut am Arm haltend. Meine Schwester war keine ausgesprochene Schönheit, aber ihre hohe Statur, ihr stolzes, hochragendes Haupt, die hohe Stirn und klugen Augen ließen auf ihren Verstand schließen. Der Ernst dieser Stunde war bei ihr, wie es schien, von einem romantischen Glanz umleuchtet und goß über ihre strengen Gesichtszüge die milde Hingebung und Ergebung, die wir in der letzten Zeit bei ihr vermißten. -- Mein Vater hatte inzwischen den Bräutigam in seinem Logis begrüßt, und er konnte meine Schwester mit Überzeugung versichern, daß der junge Mann ein liebenswürdiger Mensch sei. Unter den Klängen einer zu Tränen rührenden Musik, wie es bei ähnlichen Gelegenheiten üblich und passend ist, führten unsere Eltern die Braut bis in die Mitte des Hochzeitssaales, wo auf einem Teppich ein Armstuhl mit einer Fußbank stand, und mit tränenerfüllten Augen ließen sie die Braut aus ihren Armen darauf nieder. Sie blieb nachdenkend, in sich gekehrt, sitzen. Bange Erwartung, freudige Erregung, der Gedanke, sich fürs ganze Leben zu fesseln, durchtobten sie..... Ach! Ein Frauenleben!... Wieviel sagt doch dieses eine Wort ... Der Vater entfernte sich, die Mutter aber und wir alle, reich geschmückt, blieben in ihrer Nähe. Es dauerte auch nur kurze Zeit, als wir aus dem Vorzimmer den Bedienten melden hörten, daß der Bräutigam vorgefahren sei. Meine Mutter erhob sich und warf einen unruhigen, aber von mütterlichem Stolz erfüllten Blick auf die Braut, die blaß und starr vor sich hinsah. Sie sprach ihr nochmals mit zärtlichen Worten Mut zu und begab sich dann in den zweiten Salon, um die willkommenen Gäste zu empfangen. Der Vater trat ihnen schon im Vorzimmer entgegen, umarmte und küßte den Bräutigam und führte ihn ins zweite Zimmer zur Mutter, die nach damaliger Sitte weder durch einen Händedruck noch durch einen Kuß ihre Freude oder Zufriedenheit äußern durfte. Aber ihre Augen und ihre hastigen Worte sagten, daß sie zufrieden war. Der Bräutigam schien der zärtlichen Umarmung des Vaters und der freundlichen Worten der Mutter nur wenig zu achten; seine Augen suchten gierig und gespannt die, nach der sein Herz sich sehnte. Er sah über alle, die neben ihm standen, hinweg in den zweiten Salon, von wo ihm der Stern seines künftigen Lebens entgegenleuchtete. Die Festgenossen, geleitet von unserm Vater, gingen nun in das Hochzeitzimmer. Meine Schwester hatte sich von ihrem Stuhl erhoben und stand in ihrer ganzen Würde dem Bräutigam gegenüber, das Auge beharrlich auf ihn gerichtet, vor dessen Blick er die seinigen, wie ich denke, senken mußte, da sein Charakter nachgiebig, mild und friedfertig war und der ihrige zwar nur wenig Sentimentalität besaß, aber kernig gesund, kalt, hell wie der Wintertag war. Auch zwischen Braut und Bräutigam durfte selbst bei dieser feierlichen Gelegenheit kein Händedruck gewechselt werden. Ihre ganze Erscheinung jedoch wirkte auf ihn elektrisierend; er konnte sich kaum fassen und murmelte einige unverständliche Worte, worauf meine Schwester eine maßvolle Antwort gab. Es wurde dem Brautpaar gestattet, sich ins zweite Zimmer zu begeben, zunächst in Begleitung der beiderseitigen Eltern, die sich übrigens bald entfernten, damit die jungen Leute endlich _=ohne Zeugen=_ miteinander sprechen könnten. Wenn das Dictum: »Gekommen, gesehen, gesiegt« irgendwo berechtigt ist, so hier! Es verging kaum eine halbe Stunde, da traten die jungen Leute freudestrahlend in den Hochzeitssaal zurück.

Man beeilte sich zu frühstücken; es geschah in großer Gesellschaft und in sehr munterer Weise. Schon sammelte sich die Menge der geladenen Gäste; und da es im späten Herbst war und der Tag kurz, so mußte man eilen. Unterdessen war es drei Uhr geworden. Im Hochzeitssaal wurde getanzt, und die Braut auch in den Wirbel hineingezogen, was nach den damaligen Begriffen ganz in der Ordnung war. Der Bräutigam bat sich die Erlaubnis aus, im Tanzsaal zu bleiben; es wurde erlaubt, aber nicht für lange! Unsere Mutter zeigte sich bei ähnlichen Gelegenheiten viel milder als der Vater. Sie setzte sich in einen Winkel des Hochzeitssaales und bat ihren künftigen Schwiegersohn, neben ihr Platz zu nehmen.

Eine Stunde mochte in Tanz und Lust vergangen sein, da mahnte meine Mutter den Bräutigam, daß es Zeit sei, zu gehen. Er tat es mit einer sehr langen Verbeugung und einem Lächeln gegen die Braut. Und nun fing die Zeremonie des sogenannten Besetzens und Bedeckens an, die darin besteht, daß man Brautkranz und Schleier vom Kopfe der Braut herunternahm, und die Frauen und die Freundinnen die Haare der Braut, die eigens heute zu kleinen Zöpfchen geflochten waren, auflösten und über Hals und Nacken breiteten, wobei die Musik nur stille Töne anschlägt. Die noch vor einer kleinen Weile so lustig tanzende Hochzeitsgesellschaft wurde still. Eine traurige Stimmung umhüllte alle. Der Batchen oder Marschalik -- wie man diese Kasualienredner damals nannte -- erinnerte die Braut, daß der heutige Tag für sie einen Lebensabschnitt markiere; sie trete in ein neues Stadium und dieser Tag solle ihr heilig wie der Versöhnungstag sein. Sie sollte Gott anflehen, ihr die Sünden zu vergeben. Der damalige Jude glaubte, daß die Eltern die Sünden eines jeden Kindes bis zu seiner Vermählung vor Gott zu verantworten haben. Nach der Hochzeit ist aber jedes Kind selbst für sich verantwortlich. Bei meiner Schwester bedurfte es keiner Ermahnung! Ihre Tränen flossen reichlich und innig. Nach dieser Rede kam, in Begleitung der Eltern und Gäste, geführt von dem Ortsrabbiner, der Bräutigam in den Hochzeitssaal, nahm von der vorbereiteten, mit Hopfen und Blumen gefüllten Platte den Schleier, und auf die Aufforderung des Rabbiners bedeckte er damit das Haupt der tiefbewegten Braut. Bei dieser Handlung bestreuten ihn alle Umstehenden mit Hopfen und Blumen, und unter lauten Glückwünschen, Umarmungen und munterer Musik verging noch eine gute halbe Stunde, in welcher man die Braut von der schweren Brauttoilette befreite, ihr ein leichtes, lichtes Kleid anlegte, eine leichte Mantille überwarf und den Schleier auf dem Kopf zurechtlegte und befestigte. Nun ging es in die Synagoge, jedoch nicht wie jetzt in Equipagen, sondern zu Fuß durch die oft sehr schmutzigen Gassen. -- Die Trauung wird von den Juden als öffentlicher Akt betrachtet und muß daher unter freiem Himmel vollzogen werden. Das Volk soll Braut und Bräutigam sehen können, vielleicht weiß jemand, daß einer der Brautleute schon verheiratet ist!

Der Bräutigam wurde bald nach dem »Bedecken« mit Musik -- ein Marsch wurde gespielt -- vor die Synagoge geführt, wo er unter den dort aufgestellten Baldachin gestellt wurde. Und die Musikanten begleiteten nun auch die Braut unter die »Chuppe« mit demselben Marsch. Die Braut wurde von den »Unterführerinnen« (Brautschwestern) an die linke Seite des Bräutigams gestellt; die Musik schwieg. Die Zeremonie der Einweihung des Brautpaares begann. Der »Schammes« (Synagogendiener) füllte ein Glas mit Wein, über den den Segen zu sprechen, ein geachteter Mann beehrt wurde. Bei einem bestimmten Satze hielt er inne. Der Synagogendiener übergab dem Bräutigam den Trauring, den dieser in die Höhe hielt, und mit den gesetzlichen Worten in bestimmtem Rhythmus: »Hare ad mekudesches li betabas sukedas Mausche w' Isroel« steckte er den Ring auf den Zeigefinger der rechten Hand der Braut. Dann rezitierte der den Wein segnende Mann die sogenannten »schiwo broches« -- die 7 Segenssprüche -- auf die schönsten Tugenden und edelsten Regungen des Menschenherzens, wie Liebe, Freundschaft, Treue, Bruderschaft des Ehepaares. Dann wurde die »ksube« (Heiratsurkunde) vorgelesen. Diese lautete wie folgt: »Dieser Herr N. heiratet dieses Frauenzimmer N. Er verpflichtet sich, ihr Mann zu sein, sie zu ernähren, standesgemäß zu kleiden und sie zu beschützen. Sie bekommt von dem Herrn N. dreißig Goldmünzen.« Die »ksube« wird der Braut hier unter der »chuppe« überreicht. Nachdem das Gebet über den Wein zu Ende gesprochen war, mußten Bräutigam und Braut aus dem Glase trinken. Das Glas aber legte man auf die Erde, und der Bräutigam mußte es mit dem Fuße zerstampfen! Die Hochzeitgesellschaft rief »Masel tow« (Gut Glück), und das Brautpaar trat Arm in Arm den Heimweg an, von der rauschenden, betäubenden Fanfarenmusik und dem gesamten Publikum begleitet, wobei besonders die älteren Weiber einen Reigen dicht vor dem Brautpaar tanzten, denn als größte »Mizwe« (d. h. gottgefällige Tat) galt: »M'ssameach chosen wekalo« (d. h. Braut und Bräutigam belustigen!). Sie tanzten bis zu unserem Hause. Dort schwieg die Musik und nun galt es, zu sehen und zum Teil zu bewirken, daß die Braut zuerst über die Schwelle trete. Ein alter Aberglauben lehrte nämlich, daß, wer von dem Ehepaare zuerst über die Schwelle tritt, durchs ganze Leben die Oberhand im Eheleben behalten würde. Sämtliche Frauen nahmen ihren Schmuck ab und legten ihn hier auf die Schwelle; darüber sollte das neuvermählte Ehepaar schreiten. Hier bei uns vollzogen sich alle diese Bräuche in gemütlicher Ordnung, während es bei dem einfachen Volk bei dieser Gelegenheit sehr oft zu einem Handgemenge kam, in dem bald die Verwandten der Braut ihrem Schützling den Vortritt zu erkämpfen suchten, während ihrerseits die Verwandten des Bräutigams dasselbe Manöver übten.

Man denke sich diesen ganzen »Chuppegang« (Trauungszug) mit allen oben geschilderten Szenen bei Regenwetter unter freiem Himmel, wo wenige von den Tanzenden Schirme besaßen. Da gab es schlumpige Weiberröcke und Pantoffeln, und die arme Braut mußte laut die bittersten Vorwürfe hören, da sie, wenn es zu ihrer »chuppe« regnete, wohl naschhaft gewesen sein und aus den Kasserollen geleckt haben mußte. --

In großem Gedränge kamen die Brautleute zu Hause an, wo das junge Paar in sein Zimmer geführt wurde und bei Tee, Bouillon und Leckerbissen sich von den Strapazen des Chuppeganges erholte. Es war auch hohe Zeit! Denn das Brautpaar fastete bis nach der Trauung. Man nannte die erste Bouillon, die man dem Brautpaar gab, die »goldene Suppe«. Nur die intimeren Freundinnen und die Brautschwestern wurden in das Zimmer der Brautleute hineingelassen. Die übrigen Gäste verabschiedeten sich, um sich zwei Stunden später zum Abendbrot, das sich »chuppewetschere« nannte, einzufinden. Bei diesem Mahle führte die Gesellschaft allerlei leichtsinnige Gespräche, die nicht der Frivolität entbehrten. Nach der luxuriösen Mahlzeit, die mit einer grossen Zecherei endete, blieb die Gesellschaft noch bei Tisch sitzen. Es war Brauch, dass der Bräutigam das Mahl durch eine talmudische Rede (Drosche) würzen musste. Nun wurden die »Droschegeschenke«, d. h. Hochzeitsgeschenke, von den Verwandten, Eltern und Freunden den Neuvermählten dargebracht. -- Der »batchen« trat wieder in Aktion. Aber er zeigte sich jetzt von einer gemütlicheren Seite. Er mußte das Publikum mit allen möglichen Possen und improvisierten Anekdoten in Versen unterhalten, auf jeden Gast, je nach der Spende, ein launiges »Wörtchen« sagen, und endlich auch dem Brautpaar Scherze, aber auch bittere Wahrheiten in humoristischer Form erzählen. Unter diesen Batchonim gab es oft geniale Leute. Einer, Sender (Alexander) Fiedelmann, hat eine köstliche Sammlung seiner launigen Verse hinterlassen. Fiedelmann hat in Minsk »gewirkt«, während in Wilna ein gewisser Motche Chabad und Elijokum Batchen beliebt waren.

Der »batchen« stellte sich auf einen Stuhl und rief mit lauter Stimme, das ihm eingehändigte Hochzeitsgeschenk in die Höhe haltend, den Namen des Gebers und pries mit vielen Übertreibungen den Wert und die besonderen Qualitäten des Geschenkes. Seine »Chochmes« brachte er in singenden Rezitativen vor, wobei die angeheiterte Tischgesellschaft herzlich lachte. Diese Possen dauerten bis spät in der Nacht. Das Tischgebet wurde gesagt, das mit den »schiwo broches« über einem Becher Wein endigte, von dem man dem Brautpaar zu nippen gab. Dann kam der sogenannte Koschertanz an die Reihe. Die Braut unter ihrem Schleier setzte man in die Mitte der Brautschwestern, von denen eine ein seidenes, viereckiges Taschentuch in der Hand hatte. Der »batchen« forderte einen der Herren auf, mit der Braut zu tanzen, wobei die Brautschwester einen Zipfel des Tuches der Braut in die Hand gab und den zweiten Zipfel dem Tänzer reichte. Auf diese Weise machten sie zweimal die Runde und der Batchen rief: »Schon getanzt!« und die Braut setzte sich wieder zwischen die Brautschwestern. Auf solche Weise tanzte die Braut mit allen anwesenden Herren. Das dauerte bis spät nach Mitternacht. Die arme Braut aber durfte den Schleier nicht lüpfen.... Endlich, vor Tagesanbruch, mahnte die große Müdigkeit zur Ruhe. Ein jeder suchte sich irgend ein Plätzchen und nickte selig ein. Am nächsten Morgen wurde es spät Tag. Die Braut blieb in ihrem Zimmer, bis meine Mutter und die älteren Schwestern in Begleitung einer einfachen Frau, der sogenannten »Gollerke«, kamen. Diese Frau war mit einer großen Schere bewaffnet und nahm auf der Mutter Geheiß dreist den armen Kopf meiner Schwester in Besitz, lehnte ihn gegen ihre Brust, und unter ihrer mörderischen Schere fiel bald eine Strähne des schönen Haares nach der andern vom Kopf meiner Schwester -- wie das Gesetz es befiehlt! Nach kaum 10 Minuten war das Lamm geschoren. Man ließ ihr nur ein wenig Haar über der Stirn, um es besser nach hinten streichen zu können. Denn es durfte keine Spur von ihrem eigenen Haar zum Vorschein kommen. Dann bekam sie eine glatt anliegende seidene Haube, an der sich vorn ein breites, seidenes Stirnband in der Farbe des Haares befand, wodurch nach damaligen Begriffen das Haar sehr gut imitiert wurde. In den frommen jüdischen Häusern, wie dem meiner Eltern, hat man die altjüdischen Bräuche, die mit der Zeit als Gesetz betrachtet wurden, möglichst streng beobachtet. Der Braut wurde ein hübsches, kokettes Häubchen aufgesetzt, wenn auch darunter das jugendliche Gesicht bedeutend älter erschien. Man führte sie in den Salon, wo bereits alle Herren des Hauses und viele Gäste versammelt waren. Die Brautschwestern bedeckten ihr Gesicht mit einem weißen, seidenen Tuch, und wer ihr Gesicht zum ersten Male unter der Haube sehen wollte, mußte ein Almosen für die Armen geben; auch der Bräutigam und die beiderseitigen Eltern mußten es tun. Da gab es verschiedene Meinungen über ihr verändertes Aussehen, und bald war ein gemütlicher Streit im Gange. --

Meine Schwester blieb auf Kosten der Eltern mit ihrem Manne bei uns wohnen. Seine Eltern reisten, nachdem sie ihr viele hübsche Präsente zurückgelassen hatten, nach ihrer Heimatsstadt Saßlaw zurück.

Und ein junges Paar lebte das alte Leben....

Nur noch diese Schwester wurde in der hier geschilderten Weise verlobt und verheiratet. Schon meine Verlobung, zwei Jahre später hatte ein wesentlich verschiedenes Gepräge, hatte doch die Reform unter der Regierung Nicolaus I. die jüdische Lebensweise stark beeinflußt.

Die Veränderung der Tracht.

Es will mir scheinen, daß es kein Zufall sein kann, wenn heute das Wort »Tracht« fast ganz aus dem Wortschatze verschwunden ist. Es ist eigentlich nur noch in der Schriftsprache üblich. In der Umgangssprache ist es kaum noch zu hören. Es hat dem Worte »Mode« weichen müssen. Darin scheint mir aber mehr zu liegen als ein nur rein äußerlicher Ersatz des einen Wortes durch ein anderes. Es liegt Psychologie, Zeitpsychologie in diesem Wandel. Sollte es wirklich nur ein Zufall sein, daß das Wort »Mode« zumeist in einem ganz prägnanten Sinne gebraucht wird? Bezeichnet es ursprünglich nur, daß irgendein Etwas -- ein Kleidungsstück, ein Buch, ein Kunstwerk zu einer bestimmten Zeit besonders beliebt ist, so hat es jetzt seinen Hauptsinn in der Vorherrschaft einer besonderen Kleidung! Die Frühjahrsmode schlechtweg bezeichnet die neue Form, die die Kleidung im Frühjahr hat. Und wenn wieder »eine neue Mode herauskommt«, so denkt man lediglich an eine neue Tracht. Mit dem Begriff Mode ist uns wie durch eine feste Ideenverbindung der Begriff des schnellen Wechsels verknüpft. Was modern ist, will nur den Erfolg eines Tages haben. Mode und Tracht stehen zueinander wie hastige Abwechslung und Dauer.

In einem Punkte freilich finden die Begriffe »Mode und Tracht« eine gewisse Einigung! Sie haben beide einen imperatorischen Charakter. Sie zwingen unter ein Joch. Und wenn auch dem einzelnen Menschen ein Spielraum für die Betätigung seines individuellen Geschmacks bleibt, so fordert das Gesetz der Tracht doch Einheitlichkeit und Uniformiertheit.

In früheren Zeiten hatte die Tracht freilich auch die Aufgabe, bestimmte Gruppen von Menschen voneinander zu differenzieren. Die Pariser Mode hatte noch nicht alle feineren und gröberen Nuancen verwischt. Jeder Volksstamm, jede scharf abgesonderte Klasse von Menschen hatte ihre eigene Tracht; man wollte nicht in den großen Menschheitsbrei untertauchen, sondern sofort erkannt werden als das, was man ist. So bekam die Tracht den Charakter des Zähen, Stabilen, Traditionellen, und die Gloriole der Ehrwürdigkeit umleuchtete sie.

Nur so kann man verstehen, wie der im Jahre 1845 veröffentlichte Ukas der russischen Regierung auf die russischen Juden wirkte, welcher die Juden zwang, ihre alte Tracht abzulegen und sich der modernen zu fügen.

Die Wirkung auf die große Masse war so furchtbar wie die einer Katastrophe. Eine wilde Erbitterung war die Folge. Und nur das Gefühl der eigenen Ohnmacht, der Wehrlosigkeit, die Golusangst ließ diese Erbitterung nicht zu rasender Wut sich steigern. Wären die Juden damals stark, organisiert, mächtig gewesen, so hätte die Veränderung der Tracht zu Aufständen und Revolutionen geführt. So aber blieb es bei schmerzhafter Resignation. Man trauerte um die eigene Tracht wie um einen lieben Toten. Und tiefer blickende Geister begriffen bald, daß die Anpassung an die modische Kleidung nur der erste Schritt sei auf dem Wege tiefer greifender Assimilationen, die nicht nur die Lebenshaltung, sondern auch Kulturanschauungen und die überlieferten Lehren einer spezifischen Religion, Sitte, Gewohnheit und der Bräuche des jüdischen Volksstammes würden ummodeln müssen. Der Ukas wurde als »Gesere« bezeichnet; nicht als eine von den vielen Geseraus, die das jüdische Volk überfielen, sondern als die »Gesere« schlechtweg. Viele waren der Ansicht, daß das jüdische Gesetz -- Jehorek wéal ja'wor (man muß sich opfern) -- unter diesen Umständen erfüllt werden müsse. Allein die russische Regierung kümmerte sich wenig um jüdische Gesetze, um die erregten Debatten in den Gemeinden, um die Trauer und das Wehklagen der Frommen, sondern setzte kurzerhand eine Frist fest, nach deren Ablauf alle Juden in Rußland, Männer und Frauen, sich nur in europäisch-russischer Tracht durften sehen lassen. Und diese Frist war natürlich sehr kurz bemessen. So mußte denn die jüdische Bevölkerung von ihrer liebgewordenen Tracht lassen. Und wer wie ich den hastigen Wandel der Moden durch viele Jahrzehnte miterlebt hat, und wie ich oft hat erkennen müssen, daß die Tyrannin Mode nicht immer gerade die Ästhetik als Genossin hat, der muß gestehen, daß das Opfer der alten Tracht in manchem Belange die Aufgabe einer nicht nur hygienischen, sondern auch recht kleidsamen Tracht war.

Die Männer trugen ein weißes Hemd, dessen Ärmel durch Bändchen geschlossen wurden. Am Halse lief das Hemd in eine Art Umlegekragen aus, der aber nicht gesteift und gestärkt wurde. Auch am Halse war das Hemd durch weiße Bändchen geschlossen und es wurde in der Art der Schleifenbindung besondere Sorgfalt aufgewandt, wie auch ein gewisser Luxus bei der Auswahl des Stoffes für diese Krawatten ähnlichen Bändchen entfaltet wurde. Selbst ältere Herren aus vornehmen Häusern ließen eine leise Koketterie bei dem Schlingen dieser Schleifen häufig erkennen. Erst später kamen breite, schwarze Halstücher auf. Aber in den Familien, die Gewicht auf die Tradition legten, waren diese Binden verfehmt, und daß sie als »goijisch« bezeichnet wurden, zeigt schon die starke Empfindlichkeit an, mit der selbst so kleine und doch eigentlich recht harmlose Abweichungen von der üblichen Tracht aufgenommen wurden.

Die Beinkleider reichten nur bis zum Knie und waren gleichfalls durch Bänder unten verschnürt. Die Strümpfe waren von weißer Farbe und ziemlich lang. Den Fuß bekleideten niedrige Lederschuhe, die aber keine Absätze hatten. Die Stelle des Rockes vertrat der lange Chalat -- der aus kostbaren Wollstoffen bestand. Die niedere Klasse trug an Werktagen Kleider aus Demi-cotton, an Festtagen aus Rissel -- einem billigen Wollstoff --, während sich die Armen im Sommer mit Nanking, einem Baumwollstoff mit schmalen, dunkelblauen Streifen, im Winter mit grauem, dickem Tuch bekleideten. Dieser Chalat war sehr lang und reichte fast bis auf die Erde. Allein der Anzug wäre nur unvollständig gewesen, wenn nicht über die Hüften ein Gürtel herumgeschlungen wäre. Auf diesen Gürtel wurde besondere Sorgfalt verwandt; galt er doch für die Erfüllung eines religionsgesetzlichen Gebotes. Er sollte sinnfällig den reinen Oberkörper von dem mehr unreinliche Funktionen ausübenden Unterkörper scheiden. Besonders am Sabbath und an den Feiertagen wurde mit dem Gürtel ein besonderer Luxus getrieben. Selbst Männer niedrigen Standes pflegten zur Weihe der Feste einen seidenen Gürtel zu wählen.

Die Kopfbedeckung der Armen war an Wochentagen eine Mütze, die an beiden Seiten Klappen hatte, die meistens aufgeschlagen waren, im Winter aber über die Ohren heruntergezogen werden konnten. An der Stirnpartie hatten diese Mützen ebenso wie an den Seitenflächen dreieckige Pelzflecke. Diese Mütze nannte man »Lappenmütze«. Ich weiß nicht, woher dieser Name stammt; vielleicht gaben die Ohrenklappen diese Bezeichnung, vielleicht aber hat auch die Ähnlichkeit mit der Kopfbedeckung der Lappländer diesen Namen gezeitigt. Unter dieser Mütze trug jeder Jude, welchen Standes oder Berufes er auch sein mochte, ein Sammetkäppchen, das eigentlich niemals vom Haupte verschwand, galt es doch fast als ein schweres Vergehen, b'kalaus rosch, mit entblößtem Haupte umherzugehen. Natürlich wurde dieses Käppchen vom Kopfe auch nicht entfernt, wenn man bei Nachbarn zu Gaste war.

Sommer und Winter trugen die Wohlhabenden eine Zobelmütze, die »Streimel« hieß. Sie war hoch, lief spitz aus und war eine, wenn nicht immer mit Zobel, so doch mit teuren Pelzstreifen besetzte Sammetmütze. Unter diesen Mützen lugten die Pejes hervor, breite Haarsträhnen, die sich fast bis unters Kinn hinschlängelten. Als besonders schön galten gekräuselte Pejes und es war ein edler Ehrgeiz, nicht nur der glücklichen Besitzer von lockigem Haar, sondern auch der Straffhaarigen, lieblich geringelte Pejes zu besitzen. Die Pejes waren direkt ein Requisit des denkenden Menschen. Eine ernsthafte Diskussion war gar nicht möglich, ohne daß die Männer mit dem Zeigefinger die Pejes drehten. Und nun gar beim Lernen des Talmuds war dieses Spiel eine fast automatische Beschäftigung. Man zog die besten Gedanken gewissermaßen aus den Pejes. Und ich habe so manches Mal die Empfindung gehabt, als habe das Talmudstudieren seine Intensität, seine logische Schärfe deswegen verloren, weil die Pejes dem grübelnden Forscher nicht mehr zur -- Hand sind.