Part 10
Dr. Lilienthal hielt sich einige Zeit in Brest auf und besuchte auch seinem Auftrag gemäß viele Chedarim. Er war entsetzt und niedergedrückt von dem verwilderten Aussehen der Melamdim, aber überrascht und entzückt von der semitischen Rassenreinheit der Zöglinge, insbesondere von ihren schwarzen, klugen Augen. Er war auch Zeuge einer Szene, die ihn tief bewegt hat, denn er überzeugte sich, von welch großer Wichtigkeit für jeden Juden, selbst für die ärmsten, der Unterricht der Kinder ist. Dr. Lilienthal besuchte eines Tages ein Stadt-Cheder und bemerkte, daß sowohl der Melamed, als auch die Schüler aufgeregt ein unbestimmtes Etwas erwarteten. Bald darauf trat in das Cheder ein ärmlich gekleideter Jude ein, der seinen Knaben im Alter von etwa sechs Jahren, in einen großen Talles[Q] ganz eingewickelt, auf dem Arm trug. Dem Vater folgte die Mutter auf den Fersen. Beide weinten vor Freude und aufrichtiger Dankbarkeit gegen Gott, daß er sie diesen schönen, bedeutungsvollen Augenblick hatte erleben lassen, ihren Sohn zum erstenmal in das Cheder bringen zu können. Die Schar der Schüler stürmte von draußen herein, um dem Vorgang gaffend beizuwohnen. Der Melamed rief den Fremden ein lautes Scholem aleichem (Friede mit euch!) entgegen, stand von seinem Sitz auf und nahm den Helden dieser Szene in seine Arme, seinen neuen Schüler. Nun wurde der Kleine auf den Tisch gestellt, und er weinte beinahe vor Überraschung und Aufregung. Hierauf setzte man ihn auf die nächste Bank, und da erhielt er vor allem Kuchen, Nüsse, Rosinen und Naschwerk, wovon die glückliche Mutter eine Schürze voll mitgebracht hatte. Alle Zuschauer gratulierten den glückseligen Eltern zum ersten Schulgang ihres Sohnes. Der Melamed setzte sich zu dem Kleinen, ergriff das auf eine Kartontafel aufgeklebte gedruckte Alef-Beis (Alphabet), legte es vor den Kleinen hin, nahm sodann das große Deitelholz zur Hand, und nun segnete er den Anfang des Unterrichts mit dem Wunsche ein: Der Junge möge zu Thora-Lernen (d. h. Gelehrsamkeit), zu Chupe (Trauung) und zu Maassim-towim (guten Taten) erzogen werden. »Amen« sagten die Eltern und alle Umstehenden. Hierauf zeigte der Melamed dem angehenden Schüler zum ersten Male das »Alef« (»A«), und nachdem der Junge das wie ein Papagei einige Male nachgesagt hatte, auch das »Beis« (»B«) und dann auch das »Gimel« (»G«). Die freudestrahlende Mutter hatte alle Anwesenden vergessen. Sie fühlte sich in den Himmel versetzt. Mit vollen Händen verteilte sie die mitgebrachten Leckerbissen, wobei ein Malach (Engel) dem künftigen Gelehrten für jeden Buchstaben das Beste und Schmackhafteste von der Höhe herab, gerade vor seine Nase warf. In solcher Weise begann der Knabe mit seinem sechsten Lebensjahr seine Schulpflicht zu erfüllen.....
Während seines Brester Aufenthaltes versammelte Dr. Lilienthal täglich viele junge Leute um sich, denen er von der Notwendigkeit sprach, sich westeuropäische Bildung anzueignen. Er gab ihnen nützliche Ratschläge, schilderte ihnen in schönen Bildern ihre eigene Zukunft als Männer der Bildung und gewann sich damit die Herzen der empfänglichen Jugend, die wohl auf religiösem Gebiete den Bräuchen der Eltern treu blieb, sonst aber neue Bahnen einschlug und sich immer mehr von den kulturellen Anschauungen der älteren Generation entfernte -- das charakteristische Merkmal der Lilienthalschen Epoche!
Von Brest reiste Dr. Lilienthal sodann nach Wilna, um auch dort seine Mission zu erfüllen. Eine Deputation der Gouvernementsstadt Minsk begrüßte ihn und lud ihn zu sich ein. Dr. Lilienthal leistete der Einladung Folge und ging nach Minsk, wo er von den angesehensten Juden mit den größten Ehren empfangen wurde. Gleich nach seiner Ankunft wurde eine Assiphe (allgemeine Versammlung) einberufen, in der er wichtige Fragen beantworten sollte. Die Herren S. Rapaport und O. Lurie führten in der Versammlung das Wort. Die wichtigste Frage war: Was beabsichtigt der Minister für Volksbildung eigentlich mit der Reform? Sollten am Ende alle Juden Rußlands lediglich zur Taufe vorbereitet werden? Dann würden sich alle Juden wie ein Mann gegen diese Reformen auflehnen und sie zum Scheitern bringen. Denn nähme man dem Juden seine Religion, so wankte der feste Boden unter seinen Füßen und er sei verloren. Seine eigenen Kinder würden sich gegen ihn empören. Dr. Lilienthal war entsetzt. Er schwur bei einer Sepher-Thora (heiligen Rolle), daß er den Juden Volkstum und Religion erhalten wolle und die Taufe verabscheue. Vor Aufregung weinend, versicherte er immer wieder, daß er nur das Beste für die Juden anstrebe. Schließlich gelang es ihm, die Versammelten zu beruhigen.
Auch nach der Stadt Woloschin, in der damals die Jeschiba (Talmudische Hochschule) in höchster Blüte stand, kam er in Erfüllung des ministeriellen Auftrages.
Jeschiba ist eine Lehranstalt für erwachsene Jünglinge, die in dem Talmudwissen bald zur höchsten Stufe gelangt und zur Rabbinerstelle reif sind. Solche Talmudlehranstalten gab es damals drei, in Woloschin, in Mir und in Minsk. Für diese Anstalten wird noch bis jetzt von der gesamten Judenschaft gesammelt. In einer jeden dieser Anstalten bekamen dann mehr als 200 Jünglinge ihren Unterricht. Ein besonders großes Gebäude mit einigen großen, geräumigen Zimmern! Ein »Haupt«, eine Art Direktor, ein großer Talmudist, ein religiöser, kluger, sehr ehrlicher Mann leitet diese Anstalt, während viele Melamdim -- erprobte Talmudisten -- den jungen Leuten Unterricht erteilen. Das Kontingent der Schüler besteht aus allen Klassen des jüdischen Volks, meistens aus der mittleren Klasse, deren bares Kapital das geistige Vermächtnis ausmacht. Diese leben meistenteils auf Kosten der Anstalt. Junge Leute aus reichen Kreisen sind hier auch zahlreich vertreten, meist sind es schon verheiratete Männer, die, Väter einiger Kinder, auf eigene Kosten hier leben. Mein Vater selbst hatte schon drei Kinder, während er in der Woloschiner Jeschiba das ganze Jahr »lernte«. Nur zu den Feiertagen kam er nach Hause.
In Woloschin musste Lilienthal, um die Gemüter zu besänftigen, wiederholt beschwören, daß er allen Bestrebungen, die Juden der Taufe näher zu führen, fern stünde. --------
In aller Stille nahm unter den Juden Rußlands die Kulturbewegung ihren Anfang. Die Jugend regte sich energisch; die geistige Arbeit begann. Es kostete wenig Zeit und verhältnismäßig geringe Mühe, die angedeuteten Reformen durchzuführen. Eine erfrischende Luft wehte durch die jüdische Gesellschaft der Stadt Brest, wie aller anderen russisch-jüdischen Orte.
Ich habe schon erzählt, wie groß der Jubel meiner Schwager über die bevorstehenden Reformen war. Aber sie mußten an sich halten, um sich nicht zu verraten und meine Mutter nicht zu verletzen, die ihr prophetisches Urteil über diese Wandlung hatte. Indessen waren meine Schwager nicht die einzigen in Brest, die sich für die westeuropäische Kultur begeisterten. Es gab auch eine Gruppe von mehr als 20 jungen Männern, welche die Lilienthalsche Bewegung sehr ernst nahmen und in ihrem Kreise eifrig für die Sache wirkten -- stießen sie auf einen beschränkten Menschen, so waren sie der Ansicht, daß es schließlich auch genügen würde, wenn dieser wenigstens eine Adresse in russischer Sprache schreiben könnte.
Man darf nicht vergessen, daß die Kenntnisse meiner Schwager und ihrer Zeitgenossen in den europäischen Sprachen jener Zeit sehr begrenzt waren und in Lesen, Schreiben, ein wenig Russisch und Polnisch bestanden. Die deutsche Sprache war ihnen geläufiger. Sie hatten eine Ahnung von der klassischen Literatur dieser Sprachen und mancher Wissenschaften. Die niedere, jüdische Klasse aber verstand weder zu schreiben, noch zu lesen oder eine europäische Sprache zu sprechen; sie sprachen ein dürftiges Polnisch, und ein Kauderwelsch von Deutsch und Russisch wurde von der jüdischen Kaufmannschaft notgedrungen gebraucht; während der Pöbel ein Gemisch von Polnisch, Russisch, Lettisch sprach, dessen sie sich auf den Märkten mit den Dorfbewohnern bedienten.
Tiefgreifend konnten die Umwälzungen erst werden durch die Begründung in neuem Geiste geleiteter Rabbinerschulen. So entstanden die Schulen in Wilna und Schitomir. Die ersten Schüler waren zumeist junge Leute, die sich alle Mühe gegeben hatten, bei Eröffnung der Schulen aufgenommen zu werden. Nur selten war ihnen der Eintritt in diese Schulen ohne Kämpfe in der Familie möglich. Wem es nicht leicht wurde, der riß sich von Weib und Kind los und flüchtete sich nach Deutschland, wo er oft mit harter Not Medizin, Pharmacie, Philologie oder anderes mit glänzendem Resultate studierte. Die Stadt Rossieni in Kurland kann mehr als 10 solcher Ritter vom Geiste nennen, Ärzte, Juristen, Apotheker, Philosophen und Dichter, die teils in Rußland, teils im Auslande studiert hatten. Noch jetzt lebt und wirkt in Rußland ein Professor der orientalischen Sprachen, der seine Jugend beim Talmudfolianten verbracht hat und sich später in dieser Weise ausgebildet hat. Freilich er und seine Kinder sind getauft. Auch den jüdischen Astronomen Ch. S. Slonimsky haben seine bedeutenden, talmudischen Kenntnisse nicht gehindert -- vielleicht haben sie sogar dazu beigetragen, in der Mathematik berühmt zu werden. -- Die Mehrzahl der Zöglinge in den neuen Rabbinerschulen waren früher Talmudisten. Sie lernten leicht, und die meisten erhielten beim Abgang von der Schule die goldene Medaille, ebenso diejenigen, die später die Universität besuchten! Das Studium des Talmuds ist eben eine in jeder Hinsicht gute, geistige Übung, wozu noch die Wißbegier, der temperamentvolle Charakter und der geistige Schwung des damaligen Juden kamen. --------
Einen Tag nach dem Besuch bei Dr. Lilienthal finden wir die jungen Leute, meine Schwager, in ihrem Studierzimmer nachdenklich beieinander sitzend. »Die Bücher werden schon zu finden sein«, sagte mein wißbegieriger, älterer Schwager. »Wir müssen nur darauf bedacht sein, vom Talmudlernen Zeit für unser neues Studium zu erübrigen, ohne die Aufmerksamkeit der Eltern zu erregen ...«, worauf der andere in seiner phlegmatischen Weise antwortete: »Ja, gewiß! Wenn du zu studieren beginnst, halte ich auch mit.« Dr. Lilienthal hatte ihnen in erster Linie das Studium der russischen Sprache empfohlen; dann, als gleichfalls sehr wichtig, Naturgeschichte, sowie die deutsche Literatur.
Einige Zeit darauf gab es mehrere störende Zwischenfälle, die der Komik nicht entbehrten. Meine Mutter war seit dem Besuche der jungen Leute bei Dr. Lilienthal fest überzeugt, daß ein neues, fremdes Element in ihr Haus, ebenso wie bei den anderen Juden in Rußland, eingezogen sei, wobei das Wort Gottes wirklich hintenangesetzt werden sollte. Und sie ward sehr traurig. Unauffällig, aber scharf beobachtete sie das Verhalten und die Handlungen der jungen Leute. Die Schwager hatten sich die nötigen Lehrbücher verschafft und zu studieren begonnen, was natürlich auf Kosten des Talmudstudiums geschehen mußte. Äußerlich blieben sie ruhig und schienen sich wie gewohnt, mit dem Talmud zu beschäftigen. Doch konnte ein aufmerksamer Beobachter unter den großen Talmudsfolianten nicht selten einen Band von Schillers oder Zschokke-Werken entdecken; im letzteren erfüllte besonders die idyllische Lebensweise Engelberts die jüdische Jugend mit Begeisterung, während die Prinzessin von Wolfenbüttel -- zumal bei den jüdischen Frauen -- Sympathie und Mitleid erregte. Und Schillers Marquis Posa galt allen jüngeren Männern als Vorbild. Die nüchterne, russische Grammatik war auch zur Hand, und in der Büchersammlung fehlte auch eine Naturgeschichte nicht.
Mein Vater ließ seit dem Besuche bei Dr. Lilienthal keine Gelegenheit unbenützt vorübergehen, von ihm und seiner wichtigen und großen Aufgabe zu sprechen. Es tat ihm ordentlich wohl, mit jedem Gast und besonders mit den jungen Leuten, meinen Schwagern, die großartigen Reformen zu erörtern. Er geriet in Eifer bei solchen Gesprächen, lobte, daß endlich auf dem Gebiete des Unterrichts der jüdischen Jugend Ordnung geschaffen werden sollte, grollte aber doch, daß Dr. Lilienthal so gottlos gesprochen habe, daß man die früher erwähnten Talmudabschnitte der jüdischen Jugend entziehen müsse, und man sich gegebenenfalls nicht nach den Talmudgesetzen richten solle.
... Es war eines Morgens in dem denkwürdigen Sommer des Jahres 1842, als meine Schwager, ohne zu ahnen, daß jemand sie hören könnte, die neuen Bücher aus ihrem Versteck holten, auf den offenen Talmudfolianten legten und im Vereine mit dem dritten, Reb Herschel, einem Melamed aus der Kehila Orlo, der genial war und große talmudische Kenntnisse besaß, laut schreiend über einen Satz im »Don Carlos« disputierten. Um einer immerhin möglichen Überraschung vorzubeugen, lasen und sprachen sie genau in derselben singenden Weise, in der sie sonst den Talmud zu lernen pflegten. Meine Mutter schien seit dem Erscheinen Dr. Lilienthals wie von einem Gespenst verfolgt, und nun wollte sie in das Studierzimmer der jungen Leute gehen in der Hoffnung, sich überzeugen zu können, daß ihre quälenden Gedanken doch unbegründet seien, und daß der Teufel in Gestalt Dr. Lilienthals sich doch noch nicht völlig ihrer Schwiegersöhne bemächtigt hätte. Sie blieb unten an der Treppe, die zum Studierzimmer führte, lauschend stehen. Dann stieg sie die Treppe hinan, blieb wieder stehen, lauschte und hörte mit Freude, wie fleißig drin gelernt wurde. Als sie aber das Ohr der geschlossenen Tür näherte und aufmerksamer horchte, erfaßte sie Schreck und Erstaunen. Ein furchtbarer Ausdruck von Enttäuschung und Ärger verstörte ihre Gesichtszüge. Von »Omar abaje«, mit welchen Worten viele Traktate des Talmud beginnen, hörte sie nichts. Bloß Marquis Posa, Herzog Alba usw.
»Sind es also wirklich nur die sündigen Büchlech, mit denen sich die jungen Leute befassen?« dachte sie mit einem großen Weh im Herzen.
Es verstrich eine geraume Zeit, ehe meine Mutter sich fassen konnte. Dann ergriff sie mit zitternder Hand die Klinke, öffnete die Tür und blieb wortlos vor Ärger auf der Schwelle stehen. Beim Geräusche der sich öffnenden Türe wandten die drei Überraschten die Köpfe um, und sie hätten sicherlich aufgeschrieen, wenn ihnen der Atem nicht versagt hätte. Ihre erste Bewegung war, daß sie sämtliche Bücher unter den Tisch gleiten ließen; sie wollten ja der Mutter nicht trotzen. Es tat ihnen sogar weh, daß diese »Büchlech« ihr soviel Kummer bereiteten. Allein der Reiz des Neuen, das Anziehende im Studium der fremden Sprachen und der Wissenschaften nach dem Einerlei des Talmudlernens war von einem unwiderstehlichen Zwange. Meine Mutter gewann zuerst wieder die Herrschaft über sich und rief laut: »O Himmel, ich soll in meinem eigenen Hause das Wort Gottes so verhöhnt sehen! In demselben Nigen (Tonfall), in dem ihr den Talmud lernt, verhöhnt ihr ihn jetzt durch das Lesen dieser apikorssischen (abtrünnigen) Büchlech!! Und auch Ihr, Reb Herschel, Ihr habt es auch nötig?! Was wollt Ihr damit in Eurer Kehile Orlo machen! Ihr wollt auch ein Apikaures (Abtrünniger) werden, wie meine jungen Leute?« Sie war bei dieser Rede so aufgeregt, daß ihre Füße ihr schier den Dienst versagten. Die jungen Männer blieben stumm; ihre nach links dem Fenster zugewendeten Köpfe waren unbeweglich. Da keine Antwort, folglich auch kein Widerspruch kam, beruhigte sich die Mutter einigermaßen, und sie entfernte sich schweigend.
Es verging nicht lange Zeit, da überraschte sie meinen älteren Schwager allein bei dem neuen Studium. Es war am frühen Morgen desselben Sommers. Der Berg in der Nähe unseres Hauses stand noch in düsterem Nebel. Ich befand mich zufällig im Hof und sah meine Mutter aus dem Hause kommen. Sie ging zum großen Tor hinaus. Ich folgte ihr. Sie machte einige Schritte an dem Gitter des Blumengartens entlang, der sich an dem Hause befand und blieb erstaunt stehen. »Wer steht dort?« sprach sie wie zu sich selbst -- oder war es an mich gerichtet? Sie machte noch ein paar Schritte und sagte mit lauter Stimme: »Doch, doch, ich glaube David (mein älterer Schwager) ist es! Was tut er dort?«, rief sie aus und näherte sich rasch dem Winkel des Gartens, wo eine große alte Pappel stand. Sie hatte sich nicht geirrt: es war David. Mein Schwager hatte nur einen leichten Chalat (Schlafrock) an, dessen Gürtelenden lose übereinander geworfen waren, statt zu einer Schleife gebunden zu sein; seine Brust war entblößt, das Haar zerzaust, eine Peje (Ohrlocke) war ganz hinter das Ohr geraten, während die andere sich auf der Wange wie eine kleine Schlange bewegte; das schwarze Sammetkäppchen zeigte reichliche Spuren der Daunenkissen, die nackten Füße staken in den Pantoffeln. Der Morgennebel lag auf der vor Kälte und Nässe zitternden Gestalt. Die rechte Hand arbeitete kräftig, sie beseitigte die Rinde der Pappel und holte kleine Insekten heraus, die mein Schwager nicht ohne Ekel in ein Kästchen mit einem Glasdeckel warf. Der Anblick muß recht komisch gewesen sein, denn meine Mutter rief halb verwundert, halb belustigt: »Wos tust du do?«
»Gur nischt« (gar nichts), gab er lakonisch zur Antwort, ohne sich in seiner Arbeit stören zu lassen.
»Wos is do im Kästchen auf der Erd?« fragte die Mutter weiter.
»Gur nischt!« meinte der überraschte Naturforscher.
»Warum biste so früh do?« forschte meine Mutter.
»Früh! S'es gur nischt früh!« antwortete der junge Mann in der Hoffnung, sich so aus der Affaire zu ziehen. Aber das nützte nichts, denn die Mutter beugte sich über das Gitter und entdeckte nicht ohne Ärger auch ein Buch neben dem Kästchen. Nun begriff sie, daß beides einem und demselben Zwecke diente, und sie verwünschte im Stillen Dr. Lilienthal. Ein verzweifelter, vielsagender Seufzer entrang sich dem tiefbetrübten Herzen meiner armen Mutter. Sie blieb eine Weile starr, die Dinge vor sich anblickend. Dann wandte sie sich nach rechts und trat in den Garten. Der halbnackte Naturforscher erriet ihre Absichten und suchte rasch das Weite, indem er alles als Beute zurückließ. Bei der Flucht verlor er einen Schuh, die anderen notwendigen Kleidungsstücke hielt er mit beiden Händen fest. Meine Mutter näherte sich rasch der Pappel, blickte in das Kästchen und entdeckte darin zu ihrem unbeschreiblichen Erstaunen eine gewöhnliche Fliege, einen Maikäfer, ein Marienkäferchen (»Gottes Kühele«), eine Ameise, einen Holzwurm und noch viele andere Insekten auf Stecknadeln gespießt. Sie traute ihren Augen nicht, und ihr Achselzucken deutete mehr als gesprochene Worte es hätten tun können, auf die Frage hin: »Wozu braucht ein Mensch solches Gewürm?« Sie erschrak aber förmlich, als sie das Buch in die Hände nahm und darin neben den Erklärungen auch die Abbildungen von einigen Insekten erblickte. Der Zufall wollte es, daß ihr Blick auf einem »häuslichen Insekt« haften blieb, das gemütlich hingestreckt dalag -- sie schüttelte sich vor Ekel. -- Daß die jungen Leute Deutsch und Russisch lernen wollten, leuchtete ihr am Ende ein. Sie begriff schließlich das Vergnügen an Lektüre, sie selbst war in der hebräischen Literatur sehr belesen; allein, daß sich jemand und gar ihre Schwiegersöhne dafür interessierten, wie sich die Ameise fortbewegt, oder wieviele Füße der Maikäfer oder welche Augen ein grüner Wurm hat, das konnte sie nicht verstehen! Sie ergriff die Trophäen des am frühen Morgen gewonnenen Treffens und kehrte auf demselben Wege ins Haus zurück, den wenige Minuten vorher der flüchtige Held genommen und auf dem er den einen Schuh als Zeichen seiner Niederlage zurückgelassen hatte. Sie nahm auch den Schuh mit, brachte alles ins Speisezimmer und plazierte alles auf dem Fensterbrett. Inzwischen war mein Vater aufgestanden; als er von der Sache erfuhr, lachte er herzlich. --
Solche Szenen spielten sich nicht bloß in unserem Hause ab: alle anderen Genossen meiner Schwager hatten ähnliche oder noch größere Schwierigkeiten und Unannehmlichkeiten zu erdulden. -- Meinem Schwager David waren solche Verfolgungen doch zu bunt geworden. Als man ihn einmal zum Mittagessen rief, meldete er sich krank, und er reiste noch an demselben Abend, ohne irgend jemand, selbst seiner Frau, etwas zu sagen, zu seinem Vater, der Rabbiner war, nach Semjatitcz, einem Städtchen in Polen. Dort hielt er sich einige Zeit auf; darüber freuten sich im Anfang meine Schwestern und meine Eltern, denn sie wußten ihn nun fern von der stetig anwachsenden Lilienthalschen Bewegung. Später hatte man große Mühe, ihn zur Rückkehr nach Brest zu bewegen.
Meine Schwager suchten nun nach Mitteln, solchen Szenen, wie ich sie oben geschildert habe, vorzubeugen, und sie wählten sich ein stilles Plätzchen, das zwischen den Hügeln, unserem Hause genügend fern, lag. Dort versammelten sich die Gesinnungsgenossen, um über manches Buch zu debattieren, Beschlüsse über die brennende Frage der Bildungsbestrebungen zu fassen. Trotz alles fleißigen Bemühens und einer ungewöhnlichen Wißbegierde unter dieser Jugend ging in der ersten Periode aus Brest doch keine einzige hervorragende Persönlichkeit hervor, obgleich wir den großen Verdiensten meiner Schwager und ihrer Zeitgenossen Gerechtigkeit widerfahren lassen und sie als Pioniere, die manche Wege ebneten, bezeichnen müssen: Hierdurch wurde der kommenden Generation die Möglichkeit zu studieren bedeutend erleichtert und manches Vorurteil beseitigt.
Die erwähnten drei jungen Leute waren wohl die ersten in Brest, welche ihre jugendkräftigen Hände nach dem Apfel der Erkenntnis, den ihnen Lilienthal reichte, ausstreckten und ihn mit Lust ergriffen. Mein älterer Schwager bemühte sich trotz seines großen Fleißes und aller Fähigkeiten vergeblich, die Stelle, wo er in den Apfel beißen sollte, zu finden -- an seiner asiatischen Erziehung scheiterten alle europäischen Versuche. Er hätte mit seinen talmudischen Kenntnissen viel Höheres für sich und die Gesellschaft leisten können. Mein jüngerer Schwager konnte vom Apfel genießen und ward in kurzer Zeit ein nach damaligen Begriffen gebildeter Mann, während Reb Herschel, der Melamed, nach dem erwähnten Apfel der Erkenntnis seine plebejischen Hände ausstreckte, ihn ergriff und einen tiefen Biß tat.... Es dauerte nicht lange, so verwandelte er sich aus einem »Orler Menschen« in einen interessanten, gebildeten Herrn Hermann Blumberg. Mit einem Worte: die jüdische Jugend von Brest genoß von dem Apfel der Erkenntnis mehr oder weniger; aber ein jeder hat doch davon gekostet, und der Samen, den Dr. Lilienthal in Brest ausgestreut, hat je nach der Beschaffenheit des Bodens ansehnliche Früchte getragen. Die ersten Bildungspioniere in Brest beherrschten nur das erste Dezennium jener Epoche und waren zur kulturellen Unfruchtbarkeit verdammt, da sie leider, wie ich mich erinnern kann, sich als Muster unter den Weisen des alten Griechenlands Epikur und seine Ethik erwählt hatten....