Melusine: Ein Liebesroman

Chapter 9

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»Die Hühner haben Ihnen wohl das Brot gestohlen, weil Sie so unglücklich aussehn?« sagte Helene nach dem Mittagessen zu ihm, als sie allein waren.

»Ach ja –« seufzte Falk.

Da wurde Helene plötzlich ernst. »Ich meine so, Herr Falk: Entweder man liebt; und dann vertraut man, oder man liebt nicht – nun dann nicht. Das thut ein Mann, denk ich mir. Und wenn er nicht vertraut, geht er seiner Wege.«

Falk lauschte erstaunt und beklommen. Helene fuhr etwas träumerischer fort: »Die Liebe ist doch wie ein Spiegel. Ein noch so kleiner Splitter, und die ganze Scheibe hat den Wert verloren. Sehen Sie, – und dann das: ich gehe nie vor den Spiegel, wenn ich schlecht und nachlässig gekleidet bin. Wer hineinschaut, schaut wieder heraus. Ich weiß nicht, ob Sie mich verstehn, – vielleicht ist es auch dumm –« sie hielt errötend inne, und sagte dann, den Mund verziehend: »Ah bah! lirum, larum Löffelstiel!«

Falk sah sie verwundert an. »Sie sind wie ein Gedicht von Heine,« brummte er. »Sie berauben sich selbst der schönsten Wirkungen.« Er mußte sich gestehen, daß ihr jene Worte etwas Adelndes und Liebliches verliehen hatten. Seltsam erschien ihm, daß sie ihn getröstet hatte und aufgerichtet mit diesem ziemlich dunklen Gleichnis.

Doch als er ausging, war er wieder mißmutig und in gedrückter Stimmung. Er trank unter den Arkaden Kaffee und blieb Zeitung lesend sitzen, bis es dämmerte. Als er nach Hause kam, saß Mely allein im Wohnzimmer. Sie hatte ein Buch auf den Knieen, blickte aber, den einen Ellbogen auf das Knie gestützt, träumend zur Seite. »Was liest du denn da?« fragte er ziemlich hart, nahm das Buch und las den Titel: Mantegazza, Physiologie des Weibes. »Pfui, ein so schmutziges Buch liest man doch nicht!« rief er aus, und schleuderte den Band auf den Tisch.

Mely errötete und sah ihn ängstlich an. In diesem Augenblick wäre sie sicherlich bereit gewesen, mit ihm zu fliehen, wohin er wollte, ihm zu folgen bis an den fernsten Winkel der Welt, und sei es in Armut und Elend. Aber plötzlich wurde sie unfreundlich, runzelte die Stirn und gab ihm auf verschiedene Fragen keine Antwort. Dieser jähe Stimmungswechsel machte ihn ratlos. Sie selbst erschien dadurch um vieles älter und häßlicher. Alles Sanfte, Nachgiebige, Gute verschwand aus ihrem Gesicht und harte Linien entstanden. Umsonst forschte er nach dem Grund dieser Veränderung; statt Auskunft zu geben, erhob sie sich und ging hinaus.

Am Abend kam die Kartenlegerin. Frau Bender und das Fräulein von Erdmann hatten ihre Neugierde, Ereignisse der Zukunft zu erfahren, nicht bezähmen können, und Falks Zimmer wurde zum Quartier der Wahrsagerin gemacht.

Mely atmete auf, als Falk gegen acht Uhr von einem Besuch zurückkam. Er sah sie stumm an. Ich liebe dich, hätte er ihr zurufen mögen, alle Tage denk ich nur an dich, alle Stunden, und es gibt kein Licht als die Liebe.

Fräulein von Erdmann kam kichernd von der Kartenlegerin zurück. Sie stellte sich, als ob sie nicht im Entferntesten an die schönen Dinge glaube, die ihr geweissagt worden, aber schließlich konnte sie ihr Entzücken nicht mehr verbergen. »Eine geniale Person!« rief sie enthusiastisch. »Meine ganze Vergangenheit hat sie aufgedeckt, – es war staunenswert.« Falk beobachtete mit schwerem Herzen, wie jedes Wort, das sie sprach, eine feindselige Spitze gegen Mely enthielt, selbst wenn das Gesprochene sich in gar keiner Weise auf das junge Mädchen bezog. Aber der begleitende Blick und die begleitende Geste waren schon feindselig. Frauen verstehen es so gut, mit unsichtbaren Schwertern zu kämpfen. Alle sind ihr gram, dachte er. Und warum? warum? Und Mely sah ihn an mit einem Blick, der um Verzeihung bat, und der sagen wollte: Ich bin schuldig. Ich weiß, was du denkst, schien dann ein anderer Blick zu sagen, aber schon lange hassen sie mich, alle diese. Und wenn sie mich jetzt noch verachten werden, dann bist du die Ursache.

Bald kam auch Frau Bender zurück und Helene ging, um sich prophezeien zu lassen. Falk fand es interessant, zu beobachten, in welcher Stimmung ein jeder zurückkam. Frau Bender war hoffnungsselig und voll gutem Glauben. Sie erzählte kindlich froh, daß sie noch in diesem Jahr zu ihrem Mann nach Amerika reisen würde. »Aber noch bevor wir dies Haus verlassen,« fügte sie hinzu, »wird eine weibliche Person darin sterben.«

»Uchh!« machte Fräulein von Erdmann schaudernd.

Falk wollte lächeln, aber es gelang ihm nicht. Ein kühler Strom, flüchtig und frostig, ging über seine Augen. Helene trat ein. Sie allein erzählte nichts, und machte ein skeptisches Gesicht. Jetzt erhob sich Mely. Sie schleppte sich mehr hinaus, als sie ging, und wenn auch Falk ihr Gesicht nicht sah, war er überzeugt, daß sie die Augen geschlossen haben müsse. Unter den Zurückbleibenden herrschte fortwährend jene Spannung, etwa wie unter Leuten, die sich vor Gespenstern fürchten, trotzdem Alle, Frau Bender ausgenommen, ungläubig erscheinen wollten und sich Mühe gaben, ihr inneres Erstarrtsein zu verbergen.

Falk hatte Herzklopfen als er Mely kommen hörte. Sie schüttelte bloß den Kopf, als sie sich setzte und sagte zusammenfahrend, als ob es kalt sei im Zimmer: »Gar nichts hat sie mir mitteilen können. Das Eiweiß im Wasser ist ganz zu Boden gesunken, und hat gar keine Figuren gebildet. Und die Karten waren ganz wirr.« Wieder fuhr sie zusammen und häkelte den Kragen ihres Hauskleids zu.

»Soll ich auch mitthun?« fragte Falk, sich belustigt umsehend, als handle es sich um einen vortrefflichen Scherz. Alle bejahten lebhaft. »Sie werden sich köstlich amüsiren!« rief Fräulein von Erdmann, indem sie bemüht war, Mely ihre Geringschätzung zu zeigen. »Gehen Sie nur, Sie Zigeuner! Marsch!« Und mit frivol gespitzten Lippen blies die dicke Dame bedächtig den Rauch ihrer Zigarre von sich.

Als Falk sein Zimmer betrat, saß die Kartenlegerin am Tisch und schlürfte Thee. Er sah ein Gesicht, das einem Stück Felsen glich, wenn lange Zeit das Wasser darüber hinweggespült wurde, so daß es ganz gefurcht und grünspänig aussieht. Das Weib mischte die Karten und sagte mit fremdländischem Accent: »Aach ... Liebe, die vorübergeht.« Sie sprach ihr fremdes Deutsch im Münchner Dialekt, und wandte oft übertriebene, phrasenhafte Worte an, so daß ein halb komisches, halb beängstigendes Gemisch von Gravität und prophetischer Würde entstand. »Sie haben es verstanden, arm zu bleiben,« sagte sie dann kopfnickend. »Die Aß und der Bub, – Schellenkönig, – großes Herzeleid ist über Ihnen, wie eine schwangere Wolke. Grün Zehner und rot Sechser – durch ein großes Gebirge werden Sie fahren, und zwar im August dieses Jahres. Ein schwarzhaarigs Mädel steht bei Ihnen. Sie sehnt sich recht sehr nach Ihnen, von ganzem Herzen liebt sie Ihnen, – aber Lug und Trug ohne Ende ist dabei und Thränen und Kummer –«

»Hören Sie auf!« unterbrach sie Falk, mühsam lachend. Mit blöden Augen schaute ihn die Alte an. –

Im Wohnzimmer angelangt, war er sehr heiter. Er berichtete die komischen Einzelheiten in dem Gebahren der Seherin, und seine Lustigkeit wurde zum Schluß förmlich betäubend. Er fühlte, wie Mely seinen Blick zu erhaschen suchte, wie sie ängstlich und vorwurfsvoll, ihn nicht aus den Augen ließ, aber um keinen Preis hätte er sie jetzt anschauen mögen. Seine Empfindungen waren verzerrt, sein Herz war wie zersprungen.

Da bemerkte er, daß sie das Zimmer verlassen hatte. Zuerst achtete er nicht darauf, aber auf einmal verlor er die Ruhe und die Besinnung und ging hinaus, um sich in seinem Zimmer einzuschließen. Doch wanderte er, seinen Vorsatz vergessend, im Korridor auf und nieder. Er hatte Sehnsucht nach ihr und wünschte heiß, sie küssen zu dürfen. Er klopfte leise an ihrer Thür. Als er keine Antwort erhielt, drückte er auf die Klinke, aber sie hatte den Riegel vorgeschoben. Er flüsterte ihren Namen, und immer erregter werdend, klopfte er schließlich heftig an die Thüre.

Ohne daß er sie nahen gehört, stand plötzlich Helene hinter ihm. »Was thun Sie!« sagte sie streng.

»Gehen Sie hinein, Helene,« antwortete er finster. »Ihnen wird sie öffnen. Ich weiß bestimmt, daß sie jetzt drinnen liegt und weint, aber es ist mir unverständlich, unfaßbar!«

Eindringlich rief Helene Melys Namen. Falk trat ein wenig zurück in die Dunkelheit. Mely öffnete und ließ Helene ein. Es war finster in ihrem Zimmer.

Am nächsten Morgen saßen die beiden Mädchen lange Zeit bei einander. Er hörte, daß sie sich dutzten, und ein beklemmendes Gefühl hinderte ihn stundenlang am ruhigen Nachdenken. Gegen Mittag kam der Diener des Obersts, ein läppisch aussehender Soldat mit einem Brief für Mely. Falk saß am Klavier. Während er weiterspielte, sah er genau, wie das junge Mädchen erbleichend das Papier durchlas, es dann hastig zerknitterte und in die Tasche steckte. Er trommelte ein wildes, sinnloses Fortissimo und schlug krachend den Deckel zu.

»Herr Falk interessirt sich außerordentlich für Sie,« sagte Frau Bender, die in der Küche am dampfenden Herd stand, zu Mely. »Er ist so unglücklich und klagt mir fortwährend sein Leid. Sie müssen ihn trösten und aufrichten, Fräulein Mirbeth.« Die kleine Frau lächelte fröhlich und rührte emsig ihr Kartoffelgemüse. Finster sah Mely auf den Schnee hinaus, der schon allenthalben mit Ruß bedeckt war. Begierig hörte sie zu, als wünsche sie selbst, daß die Liebe in ihrer Brust ertötet würde. »Ich bin so elend,« sagte sie mit unstätem Blick, als Frau Bender fertig war, »ich sollte mich eigentlich ins Bett legen.«

»Thun Sies doch.«

»Ich muß hinüber zu Herrn Oberst.«

Als sie fortging, stand Falk im Korridor. Ohne ihn anzusehn, schritt sie vorbei, matt lächelnd. Sie grüßte ihn, aber ganz leichthin, ganz in die Luft hinein rief sie das Adieu.

Zuerst stand Falk wie betäubt. Dann eilte er ihr nach und sich über die Treppenbrüstung beugend, rief er flehend hinunter: »Der Brief –?«

Sie blickte empor: erstaunt, fremd und kühl. Dann lachte sie kurz auf und ging weiter. Falk sah immer noch auf den Punkt, wo sie gestanden. Er sah noch ihr bleiches Gesicht hinter dem schwarzen Schleier und die funkelnden, von schwerem Feuer erfüllten Augen. Nie war sie ihm so schön, so unnahbar und so hassenswert erschienen.

Im Innern war er wie zerstört. Beständig spielte ein geringschätziges Lächeln um seine Lippen: eine Maske, die ihn tröstete. Er konnte die Geringschätzung gegen das, was ihm zugestoßen, durchaus nicht in sich finden. Nun ist sie dort drüben, dachte er, und sie genießt den Triumph, so vortrefflich gut mit mir gespielt zu haben. Dann stellte er Betrachtungen an, wie er sich als charakterfester Mensch zu benehmen habe. Er wollte ihr seine Verachtung zeigen und die Liebe tief verschließen. Vor allem machte ihn das Grundlose dieser Veränderung verwirrt. Hart und böse war sie ihm erschienen, obwohl er das vor sich selbst zu verbergen und sie zu entschuldigen trachtete.

An diesem Tag kam viel Besuch. Frau Kremer, eine alte Freundin Frau Benders kam mit ihrer Tochter Clodi von Köln, ferner eine Cousine Helenes, namens Rosine Malz. Die ersteren wollten vier bis fünf Tage, die letztere einige Wochen bleiben. Frau Kremer brachte Heiterkeit mit. Sie war dick und rund, lachte beständig, und nichts war ihr so heilig, als daß sie es nicht zu einem Witz mißbrauchte. Diese Witze waren meist so geartet, daß Rosine Malz purpurrot wurde, Frau Bender die Hände zusammenschlug, Clodi kicherte und »aber Mama« rief und Helene niedergeschlagen den Kopf schüttelte.

Am Abend gingen alle ins Theater. Falk war in seinem Zimmer und lag mit dem Oberkörper auf dem Bett. Er hatte die Hände unter dem Kopf verschränkt und starrte in die Höhe, in den zitternden Lichtkreis, den die Flamme auf die Decke warf. Zum hundertsten Mal rief er sich all das zurück, was Mely schuldig der Lüge erscheinen ließ, und je mehr er nachdachte, um so mehr ward er überzeugt von ihrer Schuld.

Auf jedes Geräusch lauschte er, und er verfolgte es, wenn es sich langsam verlor. Aber es wurde acht Uhr, und sie kam nicht. Er erhob sich und ging schnell auf und ab. Da läutete die elektrische Glocke, und er wußte: sie war es. Er legte sich wieder, scheinbar gleichgültig sinnend, aufs Bett und mit klopfendem Herzen vernahm er ihre nahenden Schritte. Als sie anpochte, rief er mit wohlvorbereiteter Nachlässigkeit: herein!

Wiederum fiel ihm zuerst das gänzlich Verstörte ihres Wesens auf. Wohl empfand er eine flüchtige Freude darüber, daß sie kam, aber zugleich gewann eine so große Trauer Macht über ihn, daß er völlig abgewandt von Mely auf das schauerliche Geheul des Windes horchte und sich nicht einmal erhob, um sie zu begrüßen.

»Guten Abend,« sagte sie leise und furchtsam.

»Wo warst du so lange?« entgegnete Falk, ohne sich zu bewegen. Er starrte immer noch auf die Decke.

Mely seufzte tief und schlug ihren Schleier zurück. »Du weißt es doch,« sagte sie mit jenem schwermütigen Tonfall, der ihn unfähig machte, ihr länger zu zürnen. Er sträubte sich gegen den Einfluß ihres Wesens, ihres Wortes, aber umsonst. Alles ist berechnet bei ihr, dachte er, alles ist Verstellung, – aber dennoch, eher hätte er ihre Verzeihung erbetteln, als ihr Vorwürfe machen mögen. Er gehörte zu jenen Menschen, die wenn sie lieben, jede Züchtigung, jede Demütigung zu vergessen wünschen.

Plötzlich aber, als er aufgestanden war und ihr entgegentrat, fiel sie ihm um den Hals und stammelte fassungslos: »O, ich mag dich so gern!«

»Mely!« rief er aus und drückte sie an sich. Quälend und überaus besorgniserregend war ihm die Verstörtheit ihres Wesens. Beglückt zugleich und bestürzt durch das Ungewisse, Finstere, vor dem er stand, küßte er sie brennend heiß. »Bist du denn wirklich mein Schatz?« fragte er, zitternd am ganzen Körper.

»Ja ja,« antwortete Mely hastig und gleichsam angstvoll und drückte ihn mit bebenden Armen an sich. »Warum liebst du mich?« fragte sie, indem sie schmerzlich und kummervoll zu ihm aufsah. »Das möcht ich wissen. Es ist doch nichts an mir. Es gibt doch so Viele!«

»Was ist vorgegangen mit dir!« rief Falk erschrocken.

»Nichts, nichts,« erwiderte sie kaum hörbar. »Horch nur, wie der Wind rast.«

»Lieber, süßer Schatz, was ist mit dir? Was hast du für einen Kummer? Schau, ich weiß, du verbirgst mir etwas, du hast ein Geheimnis. Komm, vertraue mir, sei gut, sag es mir.«

Sie schüttelte den Kopf. »Es ist nichts, gewiß nicht. Warum bist du so mißtrauisch?«

»Du hast Wein getrunken?« forschte er nervös.

»Ja, – weshalb?«

Er verfiel in langes Grübeln. Mely beobachtete ihn unruhig. Dann nahm er ihre Hand. »Mely – hättest du den Mut, mit mir zu sterben?«

Sie entzog ihm ihre Hand. »Ach geh, den Unsinn!« erwiderte sie stirnrunzelnd.

Förmlich gepeitscht von Argwohn und Zweifel, folgte er ihr ins Wohnzimmer. »Was war das für ein Brief, den du heute bekommen hast?« begann er, und setzte sich zu ihr auf den Divan.

Sie lächelte versteckt. Er drängte, aber sie weigerte sich. Sie zog die Sache zuerst ins Scherzhafte, aber schließlich wurde sie finster und ungehalten. Falk hätte in den Boden sinken mögen vor Scham und Bitterkeit. Er versuchte, zärtlich zu sein, sie zu versöhnen. »Was hattest du heute Mittag?« fragte er sie schüchtern, doch mit verhaltenem Zorn.

»Da fragst du noch?« gab sie gehässig zurück.

»Nun?«

»Ich liebe nur einen Mann, den ich bewundern kann,« sagte sie entschieden. »Aber wie kann ich das, wenn du so weibische Sachen machst. Du spionirst, du horchst, du bringst mich ins Gerede, du beschwörst den niedrigsten Klatsch herauf, – du hast gar keine Achtung vor mir.«

Falk stand am Fenster und sah hinaus. »Sie macht mich wahnsinnig,« flüsterte er vor sich hin. »Überhaupt, was ist das für ein Sturm heute? Was soll das bedeuten? Die Welt ist in Aufruhr, das ist klar, klar. Finster ist die Nacht. Ich wollte, ich wäre da draußen. Vielleicht irgendwo auf der Landstraße, wo es stürmt und regnet, oder im tiefen Wald, nur nicht in diesem Zimmer. Ich hasse sie bitter.« Diese wirren Worte entfielen ihm ganz unbewußt. Alles Gegenwärtige war ihm traumhaft und verschleiert, und er suchte seine Gedanken von dem Wirrsal, das in seiner Seele herrschte, abzulenken. Gift ist die Liebe, dachte er. Und doch, den Staub hätte er von den Dielen geküßt, wenn sie jetzt ein gutes Wort gesprochen hätte. All seinen Argwohn vergaß er im Nu, wenn sie zürnte.

Als um elf Uhr Frau Bender mit ihren Gästen heimkehrte, entstand eine geräuschvolle Lustigkeit. Frau Kremer hörte nicht auf, Falk und Mely mit Anzüglichkeiten zu verfolgen. Mely wurde immer verlegener; bang und traurig flehte sie Frau Bender mit Blicken um Hilfe. Clodi schalt ihre Mutter und ging zu Mely. Sie ergriff die Hand des jungen Weibes und legte den rechten Arm ihr um den Hals. Clodi hatte ein gutes Gesicht, in welchem zwei kindlich schalkhafte, treuherzige Augen saßen. Mit einem Lächeln, voll von Verwunderung, Freude und Dankbarkeit sah Mely zu ihr auf.

Frau Bender spielte mit Falk Halma. Sie verlor stets und geriet darüber in große Aufregung.

Den folgenden Tag über sprachen Mely und Falk fast nichts zu einander. Mely war von übertriebener Lustigkeit und spielte mit Dele und Clodi. Pitt mußte über den Stock springen und die Katze suchen, und das jüngste Kätzchen wurde, angethan mit Puppenkleidern und einer Pierrot-Mütze, auf dem Tisch spaziren geführt. Das unglückliche Tier machte die größten Anstrengungen, sich seines Kostüms zu entledigen, und darüber herrschte nun großer Jubel. Die Katzenmutter sah mit funkelnden Augen, leise brummend zu und war beständig gegen Pitt in Angriffszustand. Die Erfinderin aller tollen Streiche war Clodi, in der viel von der Laune ihrer Mutter steckte. Fräulein von Erdmann kam öfters mit feierlichen Schritten ins Wohnzimmer, um durch ihr Erscheinen dem Lärm zu steuern. Aber es war nutzlos. Unbeirrt durch das Geschrei und Gelächter, spielte Falk ein schwermütiges Adagio, ein Chopinsches Lamento und den Trauermarsch aus der Asdur-Sonate. Bald wurde er von Clodi vertrieben, die sich den »Leichenchor« verbat, am Klavier Platz nahm und einen Walzer spielte. Und sie spielte ihn so, daß man lächeln mußte in innerer Sorglosigkeit. Groß und durchdringend ist der Zauber der Jugend.

Auf alle war Falk eifersüchtig: auf Clodi, auf Dele, auf den Hund und auf die Katze. Ihm schien es, als ob sich Mely nur deshalb so sehr dem Spiel hingebe, um ihm ihre Gleichgültigkeit zu zeigen. Und es war auch so. Sie that es aus Trotz.

Es dämmerte und der olivenfarbne Abenddunst lag auf der Straße. Da kam sie zu ihm ins Zimmer. Er konnte nicht sprechen vor Trauer und Beklommenheit. Aber als er ihr etwas spöttisches Lächeln sah, sagte er: »Siehst du, du wirst mich krank machen.«

Sie lachte hart. Dann aber veränderte sich der Ausdruck ihres Gesichts, und sie sah ihn an, als ob er in viel größerer Ferne stünde und sie sich im Ungewissen befände, ob er es denn wirklich sei. »Ach,« sagte sie, »sie machen dich schlecht. Sie wenden alles an, mich von dir abzuziehen.«

Sie schwieg, denn er hatte ihr den Rücken zugedreht und sie mußte sein Gesicht sehen können, wenn sie ihm so etwas sagte.

»Ich muß jetzt fort,« erwiderte Falk mit gleichgültiger Stimme. »Kannst du mitgehn? Wir gehen in den Theesalon ...«

Mely brauste unwillig auf. »Was fällt dir ein? Du weißt doch, daß ich nie mehr mit dir auf der Straße gesehen werden darf. Er ahnt schon ohnehin etwas –«

»So! – Na, das ist ja gleich. Ich lechze nicht so sehr nach deiner Gesellschaft. Empfiehl mich deinem Hund und den Katzen. Adieu, Fräulein.«

Sie machte eine verächtliche Bewegung mit den Lippen und ging. Aber Falk blieb zu Hause. Zuerst faßte er den Entschluß, den Abend über in seinem Zimmer zu bleiben, doch das konnte er nicht ertragen. Er mußte sie sehen, er mußte sie reden hören, wenn gleich sein Herz von Bitterkeit gegen sie erfüllt war. Er unterhielt sich mit Rosine Malz, die ihm viel dümmer vorkam als andere Mädchen dieses Schlags, und später mit Fräulein von Erdmann. Er spielte den Liebenswürdigen und versuchte nicht ohne Glück, witzig zu sein. Er hoffte dadurch Mely zu reizen.

Und als es Nacht war und alles schon stille, kam sie zu ihm. »Ich habe Jemand im Korridor gesehn,« flüsterte sie unruhig und gequält.

Er ging hinaus und that, als suche er etwas. Er öffnete die Wohnzimmerthür, die nur angelehnt war – er erschrak darüber – und spähte hinein. Im Finstern sah er Helene am Fenster stehen. Sie setzte die Kerze in Brand und blickte ihn kalt an. Offenbar weiß sie jetzt alles, dachte er. Sie erschien ihm hinterlistig und katzenhaft.

Er redete Mely die Furcht aus. Sie hörte nur halb auf ihn, denn sie lauschte beständig auch auf die leisesten Geräusche vom Flur und von der Straße. Als er wiederum bat, ihm den Brief zu geben, stieß sie ihn gereizt zurück. Er sprang auf und ballte drohend die Faust. Dann wanderte er erregt auf und ab und schleuderte eine Untertasse zu Boden, daß sie klirrend zerbrach. Mely lachte boshaft und geringschätzig. Das brachte ihn außer sich. Er stellte sich vor sie hin und sagte gehässig, mit funkelnden Augen: »Ich weiß, daß du etwas verbirgst und ich schwöre dir, daß ich es erfahren werde. Hüte dich!«

»Die lächerlichen Drohungen!« erwiderte Mely gleichgültig und ruhig. Sie erhob sich, um zu gehen.

»Du wirst bleiben!« rief er mit unterdrückter Stimme und mühsam an sich haltend. Er packte sie bei den Schultern und warf sie mit voller Kraft in den Fauteuil zurück. Wie gelähmt blieb sie sitzen. Ihre Augen leuchteten in grünlichem Glanz. Und Falk redete zu ihr: erst in verzweifeltem Trotz, dann mit einer Sanftmut, die mit Selbstverachtung zu kämpfen schien (weil er sich nachgiebig zeigte, da er doch ein Recht zu zürnen hatte), und immer leiser sprach er, ungereimte Dinge, Versicherungen seiner Liebe, seiner Ehrlichkeit, das Eingeständnis seiner Heftigkeit und seines Mangels an Vorsicht. Die Leidenschaft verzehrte ihn, und der Wunsch, sie weich zu stimmen, machte ihn selbst weich. Wäre sie ihm jetzt um den Hals gefallen und hätte Verzeihung erfleht, so hätte er sie geküßt und hätte großmütig verziehen, aber die ungestüme Liebe wäre zusammengesunken wie ausgekühlte Asche.

Sie aber erwiderte gar nichts. Sie saß da, schaute stets auf denselben Punkt, und als er fertig war, sagte sie, als hätte sie von seiner langen Rede nichts gehört: »Ich will jetzt hinaus.«

»Bitte,« erwiderte er höflich. Er _sagte_ das nur, denn er hatte nicht den Willen, sie gehen zu lassen. Er glaubte nur, daß sie milder gestimmt, oder vielleicht stutzig gemacht durch seine Einwilligung, doch bleiben werde. Aber sie wollte in der That fort und da vertrat er ihr den Weg. »Wenn du mich nicht gehen läßt, ruf ich um Hülfe,« flüsterte sie, schwer atmend. Da lachte er höhnisch, und schaute sie mit einem Blick voll Wut, Hohn und Haß an. Aber sie wagte nicht, ihm ins Gesicht zu schauen. Das also ist die Liebe, dachte er, innerlich frierend. »Geh! geh! ich will dich nimmer sehn!« rief er ihr zu und wandte sich ab.

»Helene weiß alles,« sagte sie, als er am andern Morgen in ihr Zimmer kam. Er schämte sich, daß er zu ihr gegangen. Er wußte, daß es feig, schwach und unmännlich war, aber wie eine nimmersatte Feuersbrunst wütete die Liebe in ihm. Sie hatte ihn beleidigt, er aber wollte nichts, als ihre Verzeihung.

Er achtete ihrer Worte nicht. »Ich muß mit dir reden,« sagte er streng, um sie über den Grund seines Kommens zu täuschen.

»Nun?«

»Ich will, daß du dich vom Oberst lossagst.«

»So? Du bist sehr freundlich.«

»Ich kann die Zweifel und diese Angst nicht mehr ertragen. Es ist schimpflich für uns beide. Mach ein Ende, Mely. Nur dann kann ich bei dir ausharren.«

»Ach, dieses Geschwätz!« rief Mely heiter. »Ich habe dir schon gesagt: ich kann nicht, und das muß dir genügen.«

»Du kannst nicht? Wie viel Tausende müssen ihr Brot verdienen und thun es willig.«

»Ich bin krank, du weißt es.«

»Ach –!«

»Also: ich kann nicht und damit fertig.«