Chapter 8
Falk wandte sich endlich an Mely, während Helene ging, um zu erhorchen, ob Dr. Brosam nicht gekommen sei; er hatte es versprochen; selbst wenn es Mitternacht werden sollte, würde er kommen.
Mely hörte erst gar nicht auf ihn. Unablässig suchend, wanderte ihr Blick umher. Die Furcht, einen der Freunde und Bekannten des Obersts zu sehen, verzehrte sie. O warum bin ich mitgegangen, dachte sie, ich kann es nicht begreifen.
»Sie haben mir noch nie erzählt, welch ein Mensch dieser Herr Oberst eigentlich ist,« begann Falk. »Wenn ich Sie so beobachte, muß ich ihn für einen wahren Räuberhauptmann halten.«
»Nein, nein,« antwortete sie. »Er ist ein seelenguter Mensch. Ich glaube es wenigstens, ich werde selbst nicht klug aus ihm. Im Zorn ist er von maßloser Heftigkeit. Wie hat mich der Mann schon gequält! Die reinsten Schurkenstreiche hat er schon verübt an mir; und doch ist er dann wieder so liebevoll, so gut, ach es macht mich verrückt, darüber nachzudenken. Wenn Sie ihn kennen würden, Sie wären sicher begeistert von ihm, Sie würden mich für die größte Lügnerin halten.« Sie hielt inne, denn sie sah sich von Frau Lottelott belauscht. Ihr Blick richtete sich traurig in die Ferne.
Und plötzlich wurde dieser Blick starr. Die Augen öffneten sich unnatürlich weit und das tiefste Entsetzen lag in ihnen. Eine Totenblässe überzog ihr Gesicht und die Lippen bewegten sich. Erschrocken folgte Falk der Richtung ihres Blickes. Er sah nichts, als daß zwei neue Ballgäste, Doktor Brosam und Doktor Wendland angekommen waren. »Was ist Ihnen denn?« fragte er mit heiserer Stimme, während er wie hülfesuchend Frau Bender anschaute. »Der Hausarzt des Obersts,« stotterte Mely, beide Hände auf die Brust legend; »er darf mich nicht sehen, um keinen Preis.«
»Wer? wer denn?«
»Doktor Wendland.«
»Ja, aber was sollen wir thun?«
»Heimgehen, Frau Bender, ich bitte Sie darum, fort, nur fort.«
»Ja warum nicht gar!« kreischte Frau Lottelott mit einem drohenden und haßerfüllten Blick auf Mely.
»Natürlich gehen wir!« entgegnete Falk finster und mit einer ihm sonst fremden Entschiedenheit.
Die beiden Herren kamen näher. Mely stand mechanisch von ihrem Platz auf. Ihre Augen erweiterten sich noch mehr. Sie fühlte, wie ihre Gedanken stillstanden. Die Menschen um sie her wurden zu Schatten und schienen zu zerfließen. Ein Sausen entstand in ihren Ohren. Wie eine Ertrinkende umklammerte sie Falks Arm und er sah sie ebenso wahnsinnig lächeln, wie damals, als sie beide dem Oberst begegnet waren. »Frau Bender,« stammelte sie, »das dürfen Sie nicht verweigern, das können Sie nicht.« Und sie eilte fort, blindlings in einen der Nebensäle hinein.
Falk ging ihr nach. Erschöpft lehnte sie an einem der Wandpolster. Auch Frau Lottelott kam. Geifer floß von ihrem lippenlosen Mund. Frau Bender schleppte sich am Arm ihrer Tochter nach. Sie war schon zu heiß im Kopf, um zu begreifen, was vorging. »Gott sei den Gläsern und Tassen daheim gnädig,« murmelte Helene. Ihre Mutter pflegte, wenn sie betrunken war, alles Zerbrechliche zum Fenster hinauszuwerfen und danach weinte sie dann stundenlang.
Falk schaffte Melys Garderobe herbei. Sie ließ sich den Mantel von ihm überwerfen und den Shawl festbinden. Sie war schwach und sterbensmüde. Eine neue Sorge nagte bereits an ihr und sie fragte Frau Lottelott, ob sie noch hier bleibe.
Frau Lottelott bejahte verwundert.
»Und kommen Sie mit den Herren zusammen?«
»Mit wem? Ach so! freilich, ich hoffe.« Sie lachte mit überreizter Koketterie.
»Wollen Sie das verschweigen? Bitte, liebste Frau Lottelott, sagen Sie nichts, daß ich da war. Ja?«
»Beruhigen Sie sich nur,« entgegnete die magere Dame kühl.
»Helene, du bist meine bravste Tochter,« sang Frau Bender mit feuchten Augen und umarmte das Mädchen. Mit verstörtem Lächeln sah Mely zu. Sie schlug den Shawl um die untere Hälfte ihres Gesichts und erleichtert aufseufzend durcheilte sie schnell, beinahe laufend, den Tanzsaal. Helene und Frau Bender folgten, erstere mit verbissenen, unzufriedenen Mienen. Sie schaute sich vergebens nach Doktor Brosam um, den sie so gern getroffen hätte.
Falk ließ die drei Damen in eine Droschke steigen, bezahlte den Kutscher und machte sich dann auf den Heimweg.
Die Nacht war kalt und windstill. Die Straßen waren ausgefüllt mit Schnee. Er schlug eine falsche Richtung ein, änderte aber den Weg nicht, trotzdem er es bald bemerkte. Die Stille that ihm wohl, auch die Kälte. Er dachte nichts Bestimmtes, er hatte nur das Gefühl, einer Bedrängnis entronnen zu sein. Er suchte sich ein Bild des Obersts zu konstruiren und glaubte, durch Melys Angst verleitet, auf einen grausamen Despoten schließen zu müssen. So entstand in seiner Phantasie ein Bösewicht mit rollenden Augen und einem hämischen Grinsen. Damals an der Maffeistraße hatte er ihn kaum gestreift mit den Blicken, da er nur für Mely Augen gehabt.
Klirr, klirr, tönten seine Schritte auf dem Schnee. Ja damals hatte es begonnen: die Unruhe in ihm, das Suchen nach dem Geheimnis. Er blieb stehen und gedachte ihrer herzzerreißenden Angst an diesem Abend. Schleier auf Schleier schien sich zu heben vor seiner Überlegung. Aber er fürchtete die Klarheit. Scham und Verzweiflung erfüllten ihn.
In immer größerer Erregung und immer schnellerem Tempo ging er der Heßstraße zu. Als er am Hausthor angelangt war, zitterte er vor Ungeduld, mit ihr abrechnen zu können. Denn daß sie ihn belogen, galt ihm für unwiderlegbar. Er sprang die Treppen hinauf, immer vier Stufen auf einmal nehmend und vergaß völlig, daß es nachts ein Uhr war und Mely doch wahrscheinlich schon schlief.
Jedoch er traf sie noch wach. Sie hatte auf ihn gewartet. Frau Bender lag schon im Bett und Helene schlief auf dem Divan. Die Lampe stand auf dem Tisch, ohne Sturz und der Zylinder hatte eine schwarze Rauchkrone. Die Gardinen waren zurückgezogen und das Mondlicht lag mattschimmernd auf den Dielen. Perlend und gleißend breitete sich die schneebedeckte Straße aus.
Mit offenen Haaren kam Mely ihm entgegen und reichte ihm die Hand. »Wie unglücklich war ich!« sagte sie.
»Warum?«
»Nun weil ... weil Sie so lange nicht gekommen sind. Nicht böse sein, – ich kann nicht du sagen.«
»Pst!« machte Falk und deutete mit den Augen auf Helene. Ein freudiger Rausch war über ihn gekommen. Gleich der leichten Spreu waren die finstern Gedanken verweht. Ihr liebliches, gütiges Lächeln demütigte ihn. »Ich liebe dich unaufhaltsam,« flüsterte er inbrünstig und drückte ihre Hand, daß sie einen Schrei unterdrückte. Dies »Unaufhaltsam« klang ihr ungewohnt und deshalb erregte es in ihr die Vorstellung einer großen, übermächtigen Liebe. Ihr Inneres war erfüllt von seinem Bild wie der Tempel von dem Geist der Gottheit, der er geweiht ist. Bisweilen betete sie für ihn. Doch niemals und unter keinen Umständen hätte sie ihm dies gestanden. –
Am nächsten Tag war sie bettlägerig. Nach dem Mittagessen ging Falk in ihr Zimmer. Sie schien nicht erfreut über seinen Besuch. Er setzte sich an den Bettrand. »Du fürchtest wohl Frau Bender? Aber ich hatte zu sehr Sehnsucht, dich zu sehen.«
Sie schaute ihn ungläubig an. »Ich habe einen schrecklichen Traum gehabt,« sagte sie. »Ich habe geträumt, der Oberst hätte alles entdeckt und dann –«
»Und dann –?«
»Er stand auf dem Fenstersims und schrie fortwährend nach der Polizei. Seltsam, wie?« Sie lachte.
Es klopfte und Helene kam. Sie machte große Augen und ein strenges Gesicht, als sie Falk gewahrte. Sie beachtete Mely nicht, sondern stellte eine gleichgültige Frage in die Wand hinein und ging wieder. Dann läutete es im Korridor und Mely fuhr zusammen wie bei einem Böllerschuß. Falk bemerkte wohl ihre Aufregung; er stand auf und verabschiedete sich traurig von ihr. Er suchte sein Zimmer auf und wanderte rastlos auf und ab. Wieder läutete es, und jemand ging in Melys Zimmer. Er legte das Ohr an die Wand, um zu erhorchen, wer drüben sei, aber er hörte nichts. Dann fragte er die Magd in der Küche mit erheuchelter Gleichgültigkeit, wer geläutet habe. Der Doktor Wendland sei es gewesen. Falk verzog den Mund und versank in finsteres Sinnen. Später kam Melys Schwester und als Falk sie erblickte, erwachten plötzlich all seine Zweifel und bedrängten ihn schwer. Sie hat gelogen, dachte er. Daß sie ihre Schwester verleugnet, ist unbegreiflich, aber es ist doch klar, daß sie lügt.
Nach dem Abendthee saß er allein bei Frau Bender. Unvermittelt wandte er sich mit der Frage an sie: »Was halten Sie eigentlich von Fräulein Mirbeth? Und von diesem Herrn Oberst, d. h. welch ein Verhältnis ist das? Was halten Sie davon?« Er that als interessire ihn das nur als Klatsch, als wolle er kein eigenes Urteil fällen und frage darum bei Andern.
Doch Frau Bender machte ein verlegenes Gesicht und sagte, fein lächelnd: »Ach Sie wissen doch selbst, was man darüber spricht. So ein Mann –!«
»Nun – und was spricht man denn?« erwiderte Falk ungeduldig und zornig und wurde weiß wie eine Wand. Das erschien ihm über alles wichtig: was man sprach. Das erschien ihm in diesem Augenblick entscheidend.
Frau Bender hatte die Lider gesenkt und fältelte an einem Puppenkleidchen. »Mein Gott, ein alleinstehendes und noch dazu armes Mädchen, es ist bedauerlich,« sagte sie bekümmert. »Und was für ein Leben führt sie drüben! Wie drangsalirt er sie oft mit seiner Eifersucht und seiner grenzenlosen Willkür. Manchmal, wenn ein Brief kam, oder wenn ihr Name draußen genannt wurde, war sie einer Ohnmacht nahe vor Herzklopfen. Und doch kann ich den Mann eigentlich nicht verurteilen. Sie ist ja furchtbar herb und eigenwillig und – ach, Herr Falk – ich kann Ihnen nur als Freundin raten, lassen Sie es nicht zu tief gehen.«
Ein namenloser Schreck ergriff ihn. Bald bunt, bald dunkel waren die Gegenstände um ihn. Flehend starrte er Frau Bender an. »Wissen Sie denn etwas Bestimmtes?« fragte er rauh.
»Wer kann da entscheiden? Schließlich sind ja alle darüber einig, daß – es ist ja doch nicht anders möglich, die Männer sind eben so. Umsonst thun sie nichts. Wir haben erst gestern im Club darüber gesprochen ...«
»Ja, aber was? Was denn um Gotteswillen?«
Frau Bender antwortete nicht gleich. Sie riß die Reihfäden aus ihrem Puppenkleidchen und sagte errötend: »Man hält sie eben für die Geliebte des Obersts.«
Falk schwieg. Er schluckte ein paar Mal hintereinander und atmete mit Mühe. »Ach – wirklich!« machte er dann, scheinbar sehr verwundert, und plötzlich lachte er aus vollem Herzen. Frau Bender sah ihn bestürzt und langsam begreifend an. In vielen Dingen war sie eine feinfühlige Frau. Und dies äußerte sich besonders darin, daß sie jetzt nicht zu trösten, oder zu widerrufen versuchte. Als er sich erhob, und ihr höflicher als sonst gute Nacht wünschte, sah sie ihm lange voll mütterlicher Güte nach.
Mely hatte sich mit Helene unterhalten, und als diese gegangen war, lag sie da, träumend, und ganz ihren Träumen hingegeben. Es wurde still in der Pension, aber sie hatte kein Bedürfnis zu schlafen.
Gegen elf Uhr öffnete sich die Thür leise und Falk trat ein. Er sah sie nicht an, sondern ging an ihrem Bett vorbei zum Sopha und lehnte sich in dessen Ecke zurück, so daß er ganz im Schatten saß.
Mely richtete sich halb auf, stützte den Kopf in die Hand und wandte schmerzlich befremdet das Gesicht dem Sopha zu. In dumpfer Betrübnis starrte sie zu Falk hinüber. In Wahrheit, dies ist qual-, qualvoll, ging es ihr durch den Kopf. Die Furcht, ihn zu verlieren, legte sich jäh wie schwere Müdigkeit in ihre Glieder.
Nach diesem langen Schweigen stellte er sich vor das Bett und sagte barsch und gehässig: »Du hast mich belogen.«
»Ich – hätte gelogen?« Eine flüchtige Blässe ging über Melys Gesicht.
»Also –; jetzt bitte ich dich um Wahrheit. Und wäre sie noch so furchtbar, verschweige sie nicht. Sieh, ich verspreche dir, daß ich kein Wort des Vorwurfs sagen werde: nichts. Ganz still will ich fortgehen; ich will mich nicht mucksen. Nur die Wahrheit. Ich kann diese Leiden nicht länger tragen.«
»Aber mein Gott, was denn?« flüsterte Mely, und ihr Gesicht war ganz aufgelöst in Bangnis.
»Dies: bist du frei von Schuld? Ist dir der Oberst nicht mehr, als, – wie soll ich sagen, du verstehst mich doch!«
Melys Gesicht verfinsterte sich. Sie preßte zornig die Lippen zusammen, und dann sagte sie kalt: »Ich bitte Sie, Herr Falk, verschonen Sie mich doch damit. Ich will nichts hören.« Sie streckte sich aus im Bett und blickte zur Decke.
Falk setzte sich auf den Bettrand und sagte traurig: »Ich werde ja sterben, wenn es wahr ist. Wenn ich dich nicht so liebte, daß du mir alles bist, die Luft und der Schlaf, und die Erinnerung und die Ruhe, weiß Gott, ich machte nicht viel Umstände. Aber du bist mir teuer, ich schwöre dir. Ich kann nimmer arbeiten und nichts. (Er schüttelte langsam den Kopf.) Das ist keine Eifersucht, denn ich kann mir vorstellen, daß ich diesen drückenden, heißen Schmerz des Argwohns noch hätte, selbst wenn ich aufgehört hätte, dich zu lieben ... Wer kann das begreifen!«
Eine lange Pause entstand. Dann richtete sich Mely auf und griff schüchtern nach seiner Hand. Sie bohrte ihren Blick förmlich in den seinen, und diesen Blick vergaß er nie: so reich war er an Verzweiflung und Mutlosigkeit. Sie sagte weich und bedachtsam: »Schau, warum soll ich dich denn anlügen? (Wie froh und beglückt war er über dies plötzliche Du!) Das könnte doch keine ewige Lüge bleiben. Du willst nicht sehen, wie einfach alles ist. Weshalb kannst du nicht mir vertrauen? Weshalb mußt du auf das Geschwätz der Leute horchen? Es ist mir so gleichgültig geworden, was die Leute sagen, – ach!«
Unaufhörlich hatte sie ihn bei diesen Worten angeschaut. Und ihre Augen waren so sehr erfüllt von Treuherzigkeit und Offenheit, daß Falk erleichtert aufseufzte. Er drückte ihre Hand und schwieg einige Zeit, wie überlegend. »Nun gut, ich glaube dir,« sagte er endlich. »Und ich will dir glauben, ohne Zweifel und Argwohn bis in alle Zukunft. Aber das will ich dir sagen: wenn du mich getäuscht hast – und du weißt ja, alle Lügen kommen ans Licht, – wenn du mich betrogen hast, werde ich zuerst dich erschießen und dann mich.« Wie romanhaft klingt das, dachte er bei sich. Aber Mely lächelte zustimmend, und ihre Lippen öffneten sich ein wenig, als sehnte sie sich, geküßt zu werden. Ihr Wesen hauchte eine wilde, beengende Glut aus. »Liebst du mich denn auch wirklich?« fragte Falk. Und als ob sie einer Eingebung folgte, erwiderte sie rasch: »Bitter.« Er sah sie erstaunt an und senkte den Kopf.
Sie erzählte ihm von der neunjährigen Gefangenschaft im Kloster. Dann habe sie der Oberst zu sich genommen. »Seine Frau lebte damals noch, und er hat sie auf Händen getragen. Als sie starb, war der Mann ganz wahnsinnig. Er tobte und schrie: ›Nehmt mich auch gleich mit, nehmt mich mit,‹ als man den Sarg forttrug. Aber acht Tage später gab er mir schon zu erkennen, daß er in mich verliebt sei. Er war ganz frivol und – kurz und gut, ich bin davongelaufen. Ich war dann ein halbes Jahr bei armen, armen Verwandten in Thüringen. Die niedrigsten Dienstleistungen mußte ich verrichten. Und obendrein zahlte ich noch Logis. Ich hatte gar kein Geld mehr, und es ging mir sehr schlecht.«
»Nun, und dann?«
»Ja, eines Tages kam er und holte mich. Ganz aus freien Stücken. Ja, denk dir, das hätt ich bald vergessen. Wie ich so in Not war, bat ich ihn brieflich um Geld. Da ließ er mir durch seinen Advokaten mitteilen, wenn ich mich nochmal unterstünde, ihn zu belästigen, würde er mich wegen Erpressung belangen. Denk dir!«
»Aber du hättest doch zu stolz sein müssen, um zu schreiben –«
»Ach –! Kurz, schließlich kam er und –«
»Du gingst mit ihm? Wirklich?«
»Ich war so froh. Das Elend hatte mich fast aufgerieben. Er reiste dann mit mir nach Italien und das war doch wieder sehr nett.«
»Und seitdem hat er nichts mehr gesagt?«
»Nein.«
»Nie wieder hat er das von dir verlangt?«
»Nie.«
»Aber warum bist du denn neulich –?«
»Ach, wir haben eben gestritten wie immer.«
»Und warum diese Angst vor ihm, diese mörderische Angst?«
»Er ist entsetzlich eifersüchtig. Wenn ich nicht thu, was er wünscht, läßt er mich im Stich. Und wenn er mich im Stich läßt, bin ich verloren.«
Leise, ganz leise regte sich das Mißtrauen aufs Neue in Falk. Aber dieses frische Mißtrauen war anderer Art. Es stützte sich auf Thatsachen, darauf, was sie selbst erzählte. Er hörte gar nicht auf, zu fragen, immer wollte er Einzelheiten wissen, und wo er einen Widerspruch vermutete, war seine Art zu fragen, ganz die eines Untersuchungsrichters, und sein Wesen war verstört und nervös. Tag um Tag hätte er ihre Vergangenheit kennen lernen mögen. Hundertmal fragte er nach denselben Dingen, und sie ermüdete nicht in der Beantwortung. Offenbar fand sie es gut und vernünftig, daß er alles zu wissen begehrte. Wenn sie so erzählte, arglos und heiter, herrschte stets ein bitterer Zwiespalt in seiner Seele. Er glaubte ihr und glaubte ihr nicht. Er sagte sich, es sei undenkbar, daß ein Mensch, und sei er der raffinirteste Heuchler, sich derart verstellen könnte, und andererseits folterte ihn das Abenteuerliche, Sprunghafte ihres Lebens und jene Verschlossenheit, die sich bisweilen an ihr kundgab, der rasche Wechsel ihrer Stimmungen, das oft Herausfordernde ja sogar Bösartige und Versteckte ihres Wesens. Besonders wurde er die Empfindung nicht los, daß alles, was sie berichtete, bis zu einem gewissen Punkte wahr sei. Von da an begann jedoch die Dunkelheit. Je mehr er sie liebte (und von Stunde zu Stunde nahm seine Liebe zu), je mehr zweifelte er an ihr. »O,« sagte er im Verlauf der Nacht zu ihr, »ich möchte nur ein einziges Mal zusehen, wenn du mit Jenem allein bist. Nur fünf Minuten lang.«
Er blickte sie forschend an, aber sie lächelte. Es gibt kein Wort für die Art dieses Lächelns. Es war ein keusches Lächeln.
»Noch etwas muß ich dir gestehn,« flüsterte sie bang. »Aber ich fürchte mich.«
Wie ein kalter Hauch überlief es Falk. Er fühlte, wie unwahr seine Versicherung gewesen sei, daß er ihr vertraue. »Was ist es? Sag es, sag es!« murmelte er schnell und ungeduldig.
»Aber du wirst böse sein.«
»Gewiß nicht, Schatz,« beteuerte er, und küßte sie so heiß, als wisse er bestimmt, daß er sie nach ihrer Eröffnung nimmer küssen werde.
»Ich wag es nicht,« flüsterte sie und schmiegte sich eng an ihn an. Ihr warmer Leib raubte ihm fast die Besinnung.
»Sei doch nicht kindisch,« sagte er, mitergriffen von ihrer Furcht.
»Aber du versprichst mir, nicht bös zu sein?«
Er zögerte. »Ich verspreche es.«
»Auch nicht zu schimpfen?«
»Auch nicht zu schimpfen.«
»Also: – Ich habe eine Schwester, die ich verleugnen muß, und die ich dir gegenüber schon verleugnet habe.«
»Ah –« machte Falk erleichtert und ein wenig enttäuscht. »Aber was soll das für einen Zweck haben. Sie selbst nennt dich ja ihre Schwester. Neulich fragte sie mich, ob du zu Hause seist.«
Mely schwieg erblassend. »Ja, sie beneidet mich, die Arme, und ich kann doch nicht mehr für sie thun, als _er_ mir erlaubt.«
»Das ist peinlich,« sagte Falk verstimmt.
»Was?«
»Ach, alles das.«
»Bist du bös?«
»Nein, Schatz.«
»Wirklich nicht?«
»Nein nein, wie sollt ich auch, du armer Schatz.«
»Wie gut bist du, wie gut,« stammelte sie, ihr erglühendes Gesicht an seiner Brust verbergend.
»Wirst du morgen noch im Bett liegen müssen?« fragte Falk. »Du hast mir noch immer nicht gestanden, was dir eigentlich fehlt.«
»Ja, – – ich bin eben krank.«
»Krank! _Wie_ krank, wo krank?«
»Verstehst du mich nicht? Ich habe so viel zu leiden durch – – ach verstehst du nicht? Jetzt wieder. Deshalb muß ich das Bett hüten.«
»Ich – begreife aber nicht,« sagte Falk ratlos. Als er aber sah, wie sie voll Scham lächelte, verstand er plötzlich und schloß sie erregt in die Arme. Er war erschüttert, daß sie ihm dies offenbarte. Er schaute ihr lange in die Augen, die so kohlschwarz waren, und die so durchdringend leuchteten wie seltnes, kostbares Gestein. Er konnte sich nicht enthalten, sie zu küssen, sie immer und immer wieder zu küssen, zwanzig Mal, hundert Mal. Und alles vergaß er dabei, wie auch sie alles vergaß: den vergangenen Tag und den nächsten Tag, und die kommenden Tage und alle Zukunft mit ihren Sorgen. Unbewegt und voll Glück waren die gegenwärtigen Stunden. Sie glichen einem tiefen, stillen See, in dem sich der lichte Himmel spiegelt und der dadurch hell erscheint, so dunkel und geheimnisvoll er auch in Wahrheit sein mag.
Und er erzählte ihr die Geschichte von Romeo und Julia, der sie atemlos lauschte. Und als er fertig war, stieß sie heftig hervor: »Und glaubst du, daß ich dich nicht so lieben könnte, wie Julia?« Schluchzend drückte sie den Kopf in die Kissen, und auch Falks Augen standen voll Thränen. Er suchte sie empor zu ziehen, aber schließlich legte er seine Wange an die ihre und flüsterte leidenschaftlich: »So hingebend? Alles könntest du von dir werfen? Ganz mir gehören?«
Noch tiefer drückte sie den Kopf in die Kissen.
Es war spät, und lange küßte er sie zum Abschied.
XIII.
Eine jener unbehaglichen Stimmungen herrschte in der Pension, die wie eine ansteckende Krankheit um sich greifen. Fräulein von Mahnke zog aus. Sie räumte und rumorte schon seit Tagen. Der Korridor glich einem Feldlager.
Falk saß im Wohnzimmer am Fenster – Melys Lieblingsplatz, und faßte den Vorsatz, an sie zu denken, oder von ihr zu träumen. Aber kein glückliches Bild erschien ihm. Alle Gewißheit des Besitzes und der Liebe verging, und wie eine Wunde empfand er frisch und deutlich den Zweifel an ihr.
Später setzte sich Frau Bender zu ihm. Sie frug nach Mely. Falk erwiderte, sie sei zum Oberst, um drüben zu diniren.
Ganz unvermittelt begann Frau Bender von dem Oberst zu sprechen. Sie pries ihn, hob ihn in den Himmel. Es gibt eine feine Art, einen Menschen zu verkleinern: man findet die tadellos, die er haßt. So verkleinerte Frau Bender Mely Mirbeth. Aber sie wollte nicht eigentlich Böses. Sie sah auch nicht die Übel voraus, die sie verursachte. Es war lediglich der unwiderstehliche Drang in ihr, derjenigen Person, mit der sie gerade sprach, Recht zu geben, oder ihr zu schmeicheln, indem sie einem Verdacht Nahrung gab.
»Ich leide sehr,« sagte Falk. »Ich taumle herum wie in der Finsternis. Was ist sie und was will er, der Andere –? Es frißt mir das Herz ab.« Er war erbittert über sich, daß er vor dieser Frau in Klagen ausbrach; er glaubte, daß er dies in der Hoffnung, beruhigt zu werden, thue. In Wahrheit jedoch wollte er nur seine Zweifel bestätigt hören. Gierig horchte er.
»Wenn ich offen sein soll,« meinte Frau Bender, »so muß ich sagen, daß ich nicht glaube, alles dies sei harmlos. Bedenken Sie doch, wie die Männer sind. Der Herr Oberst ist ein Lebemann, und halten Sie es für möglich, daß er alles umsonst thut für ein Mädchen, gegen die er doch eigentlich keine Verpflichtung hat –? Ich nicht.«
Falk zuckte scheinbar gleichgültig die Achseln, während durch seinen Hals eine scharfe Glut bis in den Magen ging. Bei den letzten Worten war Fräulein von Erdmann hereingekommen. »Ah! Sie sprachen von Fräulein Mirbeth –?« rief sie mit blitzenden Augen. Falk empfand einen stechenden Schmerz, als rücke nun die Gewißheit näher und näher.
»Noch einmal rate ich Ihnen, Herr Falk,« fuhr Frau Bender unbeirrt fort, »als Freundin, – als gute Freundin – lassen Sie ab. Es ist ein Unglück für Sie und für Fräulein Mirbeth.«
Falk schwieg. Die Erdmann betrachtete ihn zärtlich und lispelte kopfschüttelnd: »Wie kann guter Samen auf so schlechten Acker fallen!« Der junge Mann blickte sie drohend an, und trommelte aufgeregt auf die Fensterscheibe.
Unbemerkt von allen war auch Helene ins Zimmer geschlüpft. Die Arme verschränkt, stand sie am Tisch und musterte Falk mit stolzen Blicken. Er begegnete ihren Augen und war gedemütigt. Sie ist klug, dachte er. Sie glaubt hoch über mir zu stehen. Sie verachtet mich, daran zweifle ich nicht. Auch die eigne Mutter verachtet sie und alle andern, die in diesem Hause sind.
Zerflattert war Melys Bild vor seinen Augen, und wenn er an sie dachte, sah er nur das schlaue, verschlagene Weib, die Überlisterin des Mannes, die Betrügerin.