Melusine: Ein Liebesroman

Chapter 6

Chapter 63,922 wordsPublic domain

Schlaftrunkenheit heuchelnd, wandte sich Mely schwerfällig um und gähnte, wie Erwachende zu thun pflegen. »Gar nicht wahr,« sagte sie vorwurfsvoll, »das war viel länger als eine Stunde.«

»Neun Minuten mehr,« bestätigte Helene ernsthaft.

Lange konnte Mely in dieser Nacht nicht schlafen. Und sie wünschte es auch nicht. Die Nacht war so still, und ihre Sinne waren durch die Ruhe, wie durch das Erlebte so geschärft, daß sie die pfeifenden Atemzüge der Erdmann vom Nebenzimmer vernahm. Es war nichts Bestimmtes, an das sie dachte, kein verlockendes Phantasiebild, sondern eine unterdrückte Erregung hielt sie wach, eine bohrende Unruhe, die sie mit Spannung gegen die kommenden Ereignisse erfüllte. Alle anderen Lebensinteressen waren für sie unbedeutend geworden. Es war nicht der Mühe wert, darüber zu sinniren.

Als sie einschlief, war es drei Uhr und erst gegen elf Uhr vormittags wachte sie auf. Dann lag sie noch über eine halbe Stunde mit offenen Augen und mühte sich ab, einem Traum, der ihr entfallen, auf die Spur zu kommen. Sie lächelte in der Erinnerung an diesen Traum, aber sie wußte durchaus nicht, welcher Art er gewesen.

Nach dem Mittagessen verwickelte das Fräulein von Erdmann Vidl Falk in ein sinniges Gespräch über die Rubenssche Amazonenschlacht. Mely saß am Fenster. Sie war verstimmt, und die dicke Dame bemerkte es. Instinktiv erriet sie auch den Grund und war um so mehr bemüht, den jungen Mann in die Fäden ihrer Konversation zu ziehen.

Plötzlich sprang sie von ihrem Thema ab und sagte: »Ach, beantworten Sie mir einmal eine Frage: haben Sie sich schon einmal verliebt?« Und sie legte vorsichtig ihre Hand auf die seine. Ihre Ohrlappen waren röter als sonst. Dann lachte sie, während Falk seine Hand in Sicherheit brachte. »Wie er schaut! ach! – Sie sind erstaunt über meine Frage?«

»O nein, – oder vielmehr ja.«

»Reizend! O nein, oder vielmehr ja.« Und wiederum trällerte sie ihr Lachen wie eine Kadenz herunter. Falk runzelte die Stirn.

»Warum diese Falte?« fragte die allzulaute Dame; sie schmolz in Hingebung. »Fort damit, sie ist häßlich. Wie kann man ein so finsteres Gesicht machen, wenn man so schöne Augen hat. Nicht wahr, Fräulein Mirbeth? Finden Sie das nicht auch?«

Mely bejahte, dann verließ sie langsam das Zimmer, – zögernd, damit es nicht scheine, als ob sie dieser Scene wegen ging.

Die Erdmann bog sich ganz zu Falk hinüber. »Ich will meine Frage einschränken,« flüsterte sie. »Sagen Sie: sind Sie verliebt, sind Sie verliebt?« Es war ihre Gewohnheit, jede Frage oder jeden Ausruf zu wiederholen. Sie war jetzt erregt, und ihre Augen funkelten.

Falk errötete und lächelte kindisch. »Ich bitte Sie, Fräulein,« stammelte er. Seine Augen blitzten zornig.

»Nein, diese Jugend!« gellte die Dame spöttisch und schleuderte die geballte Serviette über den Tisch. Es entstand ein langes Schweigen.

»Merkwürdig,« sagte Falk; »wenn solche Verlegenheitspausen eintreten, bin ich nie derjenige, der sie unterbricht.«

Das Fräulein starrte ihn verblüfft an und bemühte sich, geheimnisvoll zu lächeln.

Als Falk allein war, befand er sich in einer Stimmung, in der ihn jedes Geräusch schmerzte. Wenn streitende Stimmen oder Gelächter von der Straße erschallten, schreckte er zusammen. Wenn ein Hund bellte oder ein Lastwagen rasselte, so versetzte ihn das in unbegreifliche Erregung. Besonders das Hundegebell nahm gar kein Ende.

Es dunkelte, als er, von der Stadt zurückkommend, Mely im Korridor traf. Sie stand vor dem Spiegel und richtete das Haar. Sie trug den grüngrauen, großgeblümten Schlafrock, der ihr Gesicht noch bleicher erscheinen ließ. Es war, als wünsche sie mit diesem Kostüm zu sagen, daß es ihr gleichgültig sei, ob sie den Leuten gefalle oder nicht.

»Ich mache Kaffee, Fräulein Mely,« sagte Falk. »Wollen Sie mittrinken? In meinem Zimmer natürlich. Wir laden auch Frau Bender und Helene dazu ein.«

Mely, die zuerst gezögert hatte, war jetzt freudig dabei. Falk ließ das Zimmer heizen und stellte einen Topf Wasser auf den Spiritusapparat. Als er nach einiger Zeit ins Wohnzimmer trat, saßen Mely und Frau Bender dicht bei einander, und Frau Bender weinte. Sie sah dabei scheu nach ihm, und er hatte das Gefühl, als ob man soeben von ihm gesprochen hätte. Mely stützte den Kopf in beide Hände und sah unbeweglich auf die Tischplatte. Falk rührte sich nicht mehr von der Stelle. Indem er das junge Mädchen ansah, ohne mit den Lidern zu zucken, stieg Zweifel auf Zweifel in ihm auf. Woran er zweifelte, das wußte er nicht. Es war der dunkle Ingrimm eines Menschen, der betrogen zu werden fürchtet, während er bereit ist, sich hinzugeben mit ganzer Seele.

Er sagte nichts, sondern ging, nachdem er sich etwas erstaunt geräuspert hatte, in sein Zimmer zurück und zündete die Lampe an. Bald darauf kam Mely. Sie sah bestürzt aus, und als bereue sie ihre Zusage, blieb sie unentschlossen an der Thüre stehen. Falk, gleichfalls befangen, schob einen Fauteuil zum Ofen und lud sie mit einer Handbewegung zum Sitzen ein. »Helene kommt gleich,« sagte Mely, gleichsam sich selbst entschuldigend. »Frau Bender hat zu viel Arbeit.«

»Warum hat denn Frau Bender geweint?« fragte Falk, mehr um ein Gespräch anzuknüpfen, als aus Neugierde.

Das junge Mädchen lächelte schwermütig und schüchtern. Ihr Blick, sonst ein wenig unstät, war plötzlich sanft und ruhig geworden. »Ich weiß das wirklich nicht,« sagte sie, und Falk bemerkte, wie sie immer noch erstaunt war über das Benehmen dieser Frau. »Sie sagte, – doch wie kann ich Ihnen das erzählen!«

»O bitte –!«

»Nun gut. Sie lobte Sie, – Sie seien so gescheit und so ein herzlicher Mensch – diesen Ausdruck gebrauchte sie – und ich möchte doch ein wenig lieb zu Ihnen sein. Später bereuen Sie es sonst, sagte sie zu mir. Gar gern läuft das Glück vorbei, auf Nimmersehen. Ja, und auf einmal brach sie in Thränen aus.«

Falk erwiderte nichts darauf. Er blickte an Mely vorbei, aber er sah doch, daß ihr Gesicht rot war; nur konnte er nicht unterscheiden, ob es der Widerschein des roten Lampenschirms oder natürliche Färbung war. Eine schwüle Dämmerung herrschte in dem kleinen Gemach und es war sehr still. Am Kaffeekessel zuckten die blauen Spiritusflämmchen und schlugen manchmal gleich Wellen empor. Das Wasser begann zu sprudeln, und Falk ging, um die Flamme zu löschen. Er verrichtete diese Dinge mit ironischer Wichtigkeit. In seinem Innern hatten sich, während er jetzt den Kaffee bereitete, alle trüben Stimmungen geklärt; sie waren zerflattert. Er war Mely dankbar, – doch weshalb? Vielleicht für ihre Offenheit. Denn ein Geständnis lag in dem, was sie ihm mitgeteilt; daran zweifelte er nicht.

Als Helene eintrat, knixte sie spöttisch, nahm Platz und sah mit wohlwollendem Ernst umher. »Hübsch – stimmungsvoll!« sagte sie und plötzlich lachte sie in ihrer hölzernen Art. »Nein, – wie Sie dastehen und kochen!« rief sie und schlug die Hände zusammen. Diese Lustigkeit hatte bei ihr stets etwas Unglaubwürdiges.

Gar bald dampfte der wohlriechende Kaffee aus den Tassen.

»Wie wir jetzt beisammen sitzen, – das ist komisch,« meinte Helene. »Gerade, als ob wir uns schon ewig kennen würden. Wenn jetzt wer Fremdes käme und zusähe, – er müßte uns für Geschwister halten, – oder so was Ähnliches,« fügte sie hinzu, wieder spöttisch werdend. »Derweil ist der eine aus Norden, der andere aus Süden und der dritte vielleicht aus der Hölle.«

»Ich bin doch hoffentlich nicht der Dritte?« fragte Falk unwirsch. »Was Sie da sagen, ist übrigens ganz gut. Aber seltsam, während Sie reden, habe ich immer das Gefühl, als dächten sie bei sich: ach was, die sind ja doch nicht wert, daß ich was Ordentliches rede.«

»Ja, – ja!« bestätigte Mely eifrig.

»Das wäre sehr keck von mir,« gab Helene obenhin zurück.

»Wie verschieden sind Sie von Ihrer Mutter,« fuhr Falk fort. »Sie haben keinen Zug von ihr. Aber man kann Ihnen Glück wünschen zu dieser Mutter, – eine ideale Frau.« Weshalb diese Hymne? fragte er sich gleich darauf etwas beklommen. Man muß abwarten. Dieselbe Frage hatte sich Mely gestellt.

In der Küche rief Frau Bender nach ihrer Tochter, und Helene huschte davon.

»Ich fühle mich jetzt ganz glücklich,« sagte Mely, tief aufatmend. Und dann sah sie scheu zu Falk hinüber, ob er sie nicht verspotte. Sie begegnete seinem nachdenklichen, fast grüblerischen Blick, der sie zu durchdringen schien. Oder nein, er schien nur zu fragen: bist du wirklich so, wie du jetzt scheinst? Ist dies dein wahres Wesen? O, ich möchte in deine Seele sehen – so redete dieser Blick – wie auf den Grund eines klaren Sees.

Falk rückte ihr näher. Sein Schatten fiel auf sie, so daß sie förmlich begraben war in Dunkel. Nur ihre Augen glänzten daraus hervor mit einem feuchten, perlenden Glanz und mit einem kindlich bangen Ausdruck. Nach einer langen Pause sagte sie mit unsicherer Stimme: »Ihr Amor da droben hat ja keinen Kopf mehr.«

Er lächelte. »Das ist natürlich. Wissen Sie denn nicht, daß man in der Liebe den Kopf verliert?«

Sie schaute ihn verwundert und erschreckt an. Diese Verwunderung, dieses Erschrecken, all das war kindlich. Es erregte ihm ungefähr folgende Empfindung. Als Kind hatte ihm die Mutter bisweilen von der märchenhaften Pracht erzählt, die bei dem oder jenem reichen Manne herrschte. Genau das zweifelnde Entzücktsein und die furchtsame Sehnsucht, die er damals empfunden, fand er jetzt bei ihr.

»Sie sind immer so still,« sagte Mely. »Sie reden so selten. Und wenn ich dann was sage und Sie überlegen so lange, da mein’ ich dann immer, ich hätte eine Dummheit gesagt.« Sie hielt inne, wie um zu prüfen, welchen Eindruck ihre Worte machten. Dann fuhr sie fort: »Ich denke mir, Sie müssen immer recht allein gewesen sein. Es hat sich vielleicht Niemand um Sie gekümmert –? Nicht?«

»Da haben Sie recht,« erwiderte er mit so langsamer Stimme, als könne er nicht Raum genug finden, um all die Dankbarkeit durchhören zu lassen, die er für ihre Worte hatte. »Und solche Leute, die immer allein sind, verlieren dann allen Maßstab für sich. Ich hatte wohl einen Freund, aber eines Tages mußte ich Geld von ihm leihen und dann ging das so in die Brüche, sehen Sie.« (Warum sage ich das? dachte er. Ich will mich nur putzen: will nur zeigen, daß ich für diese Geldborgerei ein feines Gefühl habe.) »Eine Zeitlang hab ich so gut wie gehungert, das dürfen Sie glauben. Kaum, daß ich manchmal Brot hatte. Denken Sie, was ich vor ein paar Monaten für eine sonderbare Leidenschaft gehabt habe. Jeden Mittag besuchte ich den nördlichen Kirchhof, und sah mir im Leichenhaus die Toten an. Ich hatte dafür das größte Interesse. Ich studirte den verschiedenen Gesichtsausdruck bei den verschiedenen Leichen, und wenn ich mich in Not befand, war es mir eine Wohlthat, stets ein Bild des Todes vor Augen zu haben. Aber das entsetzt Sie?«

»Wissen Sie, was ich zuerst gedacht habe, wie ich Sie kennen lernte?« sagte Mely. »Ich hielt Sie für einen großen Weiberfeind. Erinnern Sie sich, wir sprachen einmal bei Tisch von Schopenhauers Aufsatz über die Weiber, und Sie waren so begeistert dafür –«

»Ach ja, wie dumm war das!« rief Falk errötend und ärgerlich. »Aber das ist wahr, ich habe mich einmal gefürchtet vor der Liebe. Das glauben Sie nicht?«

Mely wandte sich ab, wie um eine Veränderung in ihren Zügen zu verbergen. »Was haben Sie?« fragte Falk, zitternd vor Besorgnis, ihr wehe gethan zu haben. »Bitte, sehen Sie mich an!« Und er ergriff ihre Hand und bedeckte die Finger mit Küssen. Sie seufzte lange, wie Jemand, von dessen Rücken eine gar schwere Last gehoben wird.

»Sagen Sie mir, wie ist das mit dem Oberst?« fragte Falk. »Das müssen Sie mir genau erzählen. Wollen Sie?«

»Nicht jetzt,« entgegnete Mely betrübt und enttäuscht. »Was ist da auch zu sagen. Ich hänge von ihm ab, denn ich bin arm. Deshalb muß ich nett und freundlich gegen ihn sein. Ich muß repräsentiren und das Haus in Ordnung halten, – aber jetzt ist ja das alles vorbei. Wir haben uns schon vor der Begegnung neulich ganz zerkriegt. Mehr war es nicht, das dürfen Sie mir glauben.«

»Mehr war es nicht,« wiederholte Falk sehr langsam. Die Art, wie sie die Aufklärung gab, der Ton, in dem gleichsam die Bitte lag, ihr nicht zu mißtrauen, entfachte seinen Argwohn plötzlich und lebhaft. »Und was wollen Sie jetzt beginnen?« fragte er.

Mely schwieg. Sie lächelte sonderbar kühl. Weshalb dann diese Furcht vor Jenem? grübelte Falk, gleichsam seinen Argwohn hätschelnd.

Es läutete draußen, und das junge Mädchen fuhr erschrocken zusammen und lauschte regungslos. Bald darauf wurden Stimmen laut: Begrüßungen, staunende Ausrufe des Wiedersehens. »Das sind Lottelotts,« sagte Mely. »Die Frau ist schrecklich. Sie hat den Wahn, eine geistreiche Frau zu sein und ist, o! so ungebildet. Sie ist klein, dürr und frech: sie schreit beständig, und wenn sie lacht, hört man es bis auf die Straße. O, sie haßt mich. Mich hassen überhaupt alle Menschen. Auch Helene haßt mich.«

Falk beugte sich so weit zu ihr hinüber, daß ihre Wimpern sich fast berührten. Sie blickten sich Auge in Auge, und er stammelte mit dem Mut der Schüchternen: »Du – hast – mich.« Verwirrt ließ Mely den Kopf sinken. Vor lauter Scham lachte sie, – lautlos. Sie öffnete den Mund, die Zähne schimmerten hindurch, und sie stieß den Atem aus, aber dies Lachen war nicht hörbar. Falk ließ sie nicht aus den Augen. Das that er aus Feigheit vor der Wirkung seiner Worte. Nur einer Bewegung des Halses hätte es bedurft, und er hätte sie küssen können, aber wie ungeheuerlich, wie vermessen erschien ihm jetzt ein solches Beginnen! »Wann werden Sie reden? wann endlich reden?« flüsterte er völlig unmotivirt. »Wirst du denn immer schweigen?«

Mely war wie gelähmt. Ihr war, als müßte das Gewand über der Brust zerspringen. Wenn es eine Freude gibt, die zugleich die beklemmendste Angst ist, so war es diese. In einem Augenblick übersah sie ihr vergangenes Leben, und sie hatte dabei ein Gefühl wie Jemand, der ermüdet von einer großen Reise nach Hause kommt und rasten kann.

Wiederum läutete es. Beide achteten nicht darauf. Nach kurzer Zeit wurde an der Thür gepocht, und das Dienstmädchen kam herein. »Es ist Jemand da vom Herrn Oberst,« sagte sie. »Das Fräulein Mirbeth möchte sofort hinüberkommen.«

Nachdem die Magd wieder hinausgegangen war, stand Mely auf und blickte verstört umher. Ist es denn möglich? dachte sie. Freilich, jetzt hat er Angst, mich ganz zu verlieren, da er mich mit einem Andern gesehen. Aber darf ich denn das thun, – hinübergehen? Was nützt es, ich muß. Ich kann ja nicht verhungern. Er kann machen mit mir, was er will. Ich bin arm. So überlegte sie in stummer Qual.

»Sie gehen ja doch nicht hinüber,« sagte Falk, indem er sie gespannt anblickte.

»Ich muß,« wiederholte sie laut. »Was nützt es, wenn ich dableibe? Frau Bender kann mich nicht ernähren. Niemand fragt nach mir. Bald komm’ ich wieder, sobald es geht.« Und sie wollte fort. Aber Falk vertrat ihr behend den Weg. Er schaute sie an, – lange Zeit. Seine Lippen zitterten, als ob er reden wollte. Mely hielt seinem Blick Stand. Sie ließ die Arme schlaff herunterhängen, und eine herzliche, tiefe Betrübnis lag in ihrem Gesicht. Dann nickte sie flüchtig und ging.

Falk warf sich aufs Bett, bedeckte die Augen mit den Händen, und verblieb so fast eine halbe Stunde lang. –

Als er ins Wohnzimmer kam, stellte man ihm Herrn und Frau Lottelott vor. Frau Bender war etwas kühl, doch er bemerkte es nicht. Sehend und doch nicht sehend, ging er umher. Er hörte wohl, daß die Leute um ihn herum sprachen, aber was sie sprachen, verstand er nicht. Eine weiche Rührung hatte ihn überfallen, eine milde, gleichsam opferfreudige Stimmung. Wenn er an die Zukunft dachte, geschah es so: es wird nicht lange währen, dies alles. Flüchtig wird es sein, wie der Winterschnee, gewiß. Aber es ist schön. Es ist ein schöner, schöner Traum.

»Wo ist denn Fräulein Mirbeth heute?« fragte Frau Lottelott ein wenig schnippisch und rümpfte die Nase. Falk wurde aufmerksam.

»Der Herr Oberst hat sie rufen lassen,« erwiderte Frau Bender mit einem vielsagenden Blick.

»So, – der Herr Oberst!« –

Dies kurze Zwiegespräch versetzte Falk in wilde Aufregung. Er sah, wie Herr Lottelott geheimnisvoll grinste und wie sein rotes Biergesicht einen Ausdruck gutmütigen Bedauerns annahm. Die Worte, die gefallen, waren harmlos, aber es lag alles darin, was ihn bedrückte mit schwerer Wucht.

Er setzte sich ans Klavier und spielte: einen Marsch, einen Walzer, eine Schubertsche Sonate ... er spielte polternd, ungraziös und viel zu schnell.

XI.

Als Mely zurückkam vom Oberst – das war gegen zehn Uhr – fiel Falk zunächst die große Blässe ihres Gesichts auf. Sodann war ihr Blick so unstät, so unsicher flackernd, so verdüstert, wie er es noch nicht an ihr beobachtet hatte. Oder suchte er all das blos und war es in Wahrheit gar nicht vorhanden? Auch verletzte ihn die übertrieben liebenswürdige Art, mit der sie Frau Lottelott anredete, und er sagte sich: das thut sie aus Furcht. Sie fürchtet offenbar die böse Zunge dieser Frau und will sich nun durch Zuvorkommenheit bei ihr einschmeicheln. Es erregte ihn, daß er sie mit solchen Augen beobachtete, die auch den kleinsten Umstand nicht übersahen. Selbst wenn er mit Andern sprach, achtete er nur auf sie. Immerfort hörte er, was sie sprach, und er fühlte es schmerzlich, daß sie sich heute gesucht lustig gab. Sie wollte unbekümmert scheinen und unterhaltend sein. Er hatte das Gefühl, als hätte sie Wein getrunken, um sich zu betäuben. Er witterte etwas Dunkles, etwas Lichtscheues hinter dieser Heuchelei. Oft blickte sie nach ihm, aber er wich ihrem Blick aus und sie, die es bemerkte, schloß dann jedesmal für zwei, drei Sekunden die Augen.

»Was haben Sie denn heute Schönes erlebt, Mely?« fragte Helene, indem sie sich vor Frau Lottelott den Anschein zu geben versuchte, als stehe sie den Interessen dieser jungen Dame völlig fern.

»Ja, Sie sind so übermütig; das ist man an Ihnen gar nicht gewohnt,« setzte Frau Bender hinzu, und ein Leuchten aufrichtiger Freude ging über ihre seltsam verschwommenen Züge.

»Bin ich auch!« antwortete Mely burschikos. Sie lachte. Dies Lachen schien aus ihrem Magen zu kommen. Sie bog sich dabei etwas vor und zog die Schultern in die Höhe. Warum herrscht nun diese feindselige Stimmung zwischen uns? dachte sie im gleichen Augenblick mit Beziehung auf Falk. Wir haben ja noch kein Wort miteinander gesprochen. Das Herz wurde ihr schwer und zitterte gleichsam in ihrer Brust. Wieder schloß sie die Augen und als sie sich von Frau Lottelott beobachtet sah, gähnte sie.

»Sie haben Schlaf, gnädiges Fräulein,« sagte der Mann der Frau Lottelott – er war in der That sonst nichts – »Sie sehen auch schlecht aus. Ich habe eine vorzügliche Idee für Sie. Wie wäre es, wenn sie Kephirmilch trinken würden?« Herr Lottelott hatte zwei Schwächen; die eine, daß er das Familienoberhaupt, die andre, daß er den Arzt spielen wollte.

Seine Frau verhöhnte ihn erbarmungslos. Sie liebte es, ihn vor Andern zu blamiren, damit alles Licht auf sie, als auf die kluge Frau eines dummen Mannes falle. Dabei war sie noch wie ein junges Mädchen in ihn verliebt.

Mely lächelte dankbar. »Warum kümmern Sie sich eigentlich um mich?« fragte sie so traurig, daß Falk erstaunt aufhorchte. Was mochte in ihr vorgegangen sein? Er erschien sich roh und verständnislos, und er machte eine Geste der Selbstverachtung, wobei ihn Helene ironisch anschielte. Ohnmächtig sah er zu, wie sich die Empfindungen in seiner Seele kreuzten, wie sie stritten, wie es aufkochte in seinem Innern und wie es stürmte. Bis zu dieser Stunde hatte er sich treiben lassen von einer ihm verborgenen Macht. Er hatte das süße Bewußtsein, daß er Mely teuer sei, gleichsam nur geduldet in sich, weil es wohlthuend für ihn gewesen war. Nun aber wurde er mit Schrecken gewahr, wie der Gedanke an dies Weib Besitz genommen hatte von seinem ganzen Körper, von seiner ganzen Seele. Nichts Anderes hatte Raum daneben.

Er bekam Kopfschmerz und verließ das Zimmer. Das fortwährende Gelächter der Frau Lottelott that ihm weher als Keulenschläge. Es war kein Lachen, sondern glich einer Folge von schrillen Schreien, einem epileptischen Krampf.

Er ging durch die Küche auf den Balkon und blickte in die besternte Winternacht. Auf der Theresienstraße rollten Pferdebahnwagen.

Er hörte ein Rauschen von Kleidern hinter sich und wandte sich um. Mely war es, die in der finsteren Küche stand und zu ihm hinblickte. Er sah nur einen dunklen Schatten, und auch sie gewahrte nur Umrisse. – ›Warum bist du eigentlich herausgegangen? Ich konnte es nicht mehr aushalten und mußte dir folgen.‹ – ›Nur an dich denk ich hier; drinnen bin ich gestört. Dich lieb ich, dich lieb ich.‹ – ›Ich weiß, daß du mich liebst, und noch tausendmal mehr lieb ich dich: aber sagen kann ich es nicht.‹

So redeten sie zu einander, aber ohne Worte. Es war ein stummes Zwiegespräch in der Finsternis.

»Ich finde kein Licht,« sagte endlich Mely leise und mühsam, als müsse dies Hinträumen nun beendet werden. »Ich möchte ein Glas, um Wasser zu trinken.«

»Kommen Sie, ich will Ihnen meine Kerze geben,« versetzte Falk ebenfalls leise, wie wenn er ein Geheimnis verriete. Und Mely folgte ihm willig. Er zündete Licht an in seinem Zimmer und schloß dann die Thüre. Sie ließ es geschehen.

»Wann kommst du wieder, wann werden wir wieder allein sein?« stammelte Falk, wie trunken von diesem Du.

»Nie mehr!« erwiderte sie heftig.

Bestürzt und unwillig trat er zurück.

»Ach, es ist ja nicht möglich!« stieß sie jammernd und leidenschaftlich hervor.

»Wenn du nicht kommst – – dann –!« Er stand an der Thür und breitete die Arme aus, wie um zu verhüten, daß sie ging. In der Rechten hielt er das Licht. Wie groß sind seine Augen und wie leuchten sie, dachte Mely.

»Sehen Sie, Frau Bender hat mir heute Abend schon Vorwürfe gemacht, daß ich so lang allein bei Ihnen war. Ich kann ja nicht und darf es nicht!«

Er blickte sie fassungslos an, und sie flehte: »Bitte, lassen Sie mich hinaus jetzt.«

Falk ließ die Arme sinken und öffnete die Thüre. Finster blickte er zu Boden, und Mely eilte hastig zum Wohnzimmer, wo man lustig plauderte. Ihr Körper war kalt wie Stein, und ihre Wangen glühten wie Kohlen. Sie saß taub unter den Gesprächen der Leute. Sie sah nur immer Falk an, wenn sie sich unbeobachtet glaubte, und sie sah sein finsteres Gesicht und wie er die Augen nicht erhob vom Boden. Da regte sich Angst in ihr. Sie suchte einen Beschluß zu fassen und einen Ausweg zu finden, und die Unfähigkeit dazu verursachte ihr große Qual. Ich muß mit ihm reden, das ist klar, dachte sie. Alles muß ich ihm sagen, wie mir zu Mut ist. An diesen Gedanken klammerte sie sich mit aller Kraft.

Unter den Lottelotts entstand ein Streit. Sie wollte noch Bier trinken, und er wollte heim. Er schalt sie eine Säuferin, und sie schalt ihn Esel. »Ich weiß, wie du heimgehst,« sagte sie wütend. »Unterwegs nimmst du alle Wirtshäuser mit, die an der Straße liegen. Sumpf und Stumpfsinn ist dein Vergnügen.« Lottelott lächelte Frau Bender entschuldigend an und hörte nicht auf, sich mit beschäftigter Miene den Kopf zu kratzen.

Helene beendete den Streit mit der ihr eigenen Entschiedenheit. Sie erbot sich, Bier zu holen, und stand gleich auf, um das Glas in der Küche mitzunehmen. Falk fühlte die Verpflichtung, sie zu begleiten, und folgte stillschweigend. Draußen ließ ihn Helene hochmütig an. »Nun, – Sie bemühen sich gar zu mir herab – o!« Baß erstaunt thuend, hob sie die Hände. Sie trug ein knallrotes Kleid, das Falk wie abgestimmt erschien zu ihrem ganzen Wesen. Er wußte ihr nicht zu antworten. Für ihn war sie halb Kind, halb Greisin, und nie wußte er sich ihr gegenüber zu benehmen.

Sie hatten schon die Korridorthüre geöffnet, als Mely nachkam. »Ich will mitgehen,« sagte sie mit müder Stimme. »Es ist mir zu heiß im Zimmer.« Sie schritt mit Helene die Stufen hinab, und Falk, der seinen Mantel um die Schultern geworfen hatte, tappte mit der Kerze hinterdrein. Aber bald stand Mely still und drückte die Hand aufs Herz. Falk blieb neben ihr stehen, und Helene ging, ohne auf sie zu achten, weiter.