Chapter 10
Ihre brüske Art machte ihm heiß. Spöttisch erwiderte er: »Das Fräulein sind einfach zu bequem. Das ist zu plebejisch: sich sein Brot verdienen. Wie angenehm ist es, sich an die Tafel des reichen Mannes zu setzen und sich füttern zu lassen. Wenn man auch hin und wieder ein bißchen beschimpft wird, was schadet das.« Er wußte, daß sie alles gelassen hinnahm, nur seinen Spott nicht. Darum suchte er mit Innigkeit nach spitzen Wendungen und giftigen Anspielungen, bis Mely wie außer sich aufsprang und ihn mit den Blicken maß. »Genug! genug!« rief sie mit bebender Stimme.
Falk ging den ganzen Tag wie gebrochen umher. Den Nachmittag hindurch spielte er Billard im Kaffeehaus, dann Schach, endlich Karten. Erst tief in der Nacht kam er nach Hause. Sicherlich wacht sie noch, sagte er sich beim Zubettgehen. Sie hat gewartet, bis ich kam. Und mit Sehnsucht gedachte er ihrer Küsse. Hundert und hundert Mal hatte er diese Lippen berührt, mit Andacht oder mit heißem Verlangen, die sich jetzt nimmer für ihn öffnen sollten. Bei Tag hatte er sich in ein künstliches Gefühl des Befreitseins hineingeredet, aber jetzt, in der Stille der Nacht überfiel ihn der unerbittliche Schmerz des Verlustes.
Am Morgen kam der Bursche vom Oberst und brachte ein großes Paket. Falk war im Wohnzimmer, als sie es öffnete. Clodi, Dele, Rosine Malz und Frau Bender standen erwartungsvoll dabei. Er sah, wie ihr Gesicht strahlte, als sie die Geschenke, eins ums andere herausnahm und auf den Tisch legte. Sie konnte sich nicht finden vor Glück. Rasch kleidete sie sich um und eilte hinüber, um zu danken.
»Wie unzart von Fräulein Mirbeth, in Ihrer Gegenwart so über die Geschenke zu jauchzen,« sagte Frau Bender zu Falk, der stumm am Fenster lehnte.
Wieder verbummelte er den Nachmittag und den Abend. Er verschleuderte sein Geld, hielt Selbstgespräche auf den Gassen, wobei er weite, ausdrucksvolle Gesten und ein bekümmertes Gesicht machte.
Es war kalt und der Mond schien so hell wie in den Herbstnächten, als er heimging. Sein Inneres war wie ausgebrannt. »Ich bin zertrümmert,« sagte er oftmals für sich und schüttelte verwundert den Kopf.
In seinem Zimmer angelangt, kühlte er die Stirn mit kaltem Wasser. Viel tausend Stimmen schrieen in seiner Seele nach ihr. Sie betrügt mich, dachte er. Aber er entbehrte sie, wie ein Hungriger die Speise.
Aus seinem Zimmer schleichend, nahte er ihrer Schlafzimmerthüre. Er horchte lange, dann drückte er die Klinke. Es war nicht verriegelt und unhörbar trat er ein. Ohne sich zu rühren, blieb er lange Zeit an ihrem Bett stehen und lauschte ihren Atemzügen. Schwach fiel der Schimmer des Mondes auf ihre weiße Gestalt. Ruhig und ausgestreckt lag sie da und traumlos schien sie zu schlafen. Die Nase ist viel zu breit, dachte Falk, sogar jetzt läßt sich das erkennen. Dann beugte er sich nieder und küßte sie. Ohne sie geweckt zu haben, ging er wieder hinaus.
Den folgenden Tag über sahen sie sich kaum. Frau Bender und Helene benahmen sich etwas seltsam gegen ihn, und Rosine Malz zeigte ihm offen, daß sie ihn hasse. Überdies war sie fast den ganzen Tag hindurch im Begriff, über die Scherze der Frau Kremer züchtig zu erröten. Clodi allein sprach öfter mit ihm, ja, sie machte ihm ein wenig den Hof. Sie war unschuldig wie ein Vogel, wenn sie auch all die groben Anzüglichkeiten ihrer Mutter belachte. Sie verstand es, mit ihrem Lächeln jemand das Herz leicht zu machen. »Ein Gesicht machen Sie, als ob Sie Einen erschlagen hätten,« sagte sie zu Falk. »Lachen Sie doch! Marsch!« Und sie versuchte, ihn am Halse zu kitzeln. »Wissen Sie nicht, was mit Fräulein Mirbeth ist?« fragte sie ihn flüsternd. »Die sitzt jetzt oft stundenlang da und spricht und lacht nicht ...«
Einige Tage darauf ging Falk in Melys Zimmer. »Ich bitte dich, was hast du gegen mich?« begann er sogleich. »Sag mir alles, ich bin auf alles gefaßt.«
Sie lag in ihrem hyacinthenfarbnen Schlafrock auf der Ottomane und schaute unbeweglich zur Decke. »Ach, das ist doch sehr einfach,« sagte sie langsam, als er nicht aufhörte, sie zu bedrängen.
»Nun?«
Sie schwieg, sie schien sich zu besinnen. Dann erwiderte sie so weich, daß er den Inhalt ihrer Worte kaum begriff: »Ach, ich mag dich halt nimmer.«
Falk trat zurück und schlug erschüttert die Hände zusammen. »Das also!« – »Warum?« fragte er nach schier endlosem Schweigen.
»Mein Gott, da kommt so vieles zusammen,« sagte sie immer noch weich, gleichsam flehend. »Deinetwegen und meinetwegen.«
»Du hast also dein Herz von mir abkommandirt? – Ja, du hast mit mir gespielt,« murmelte Falk, ohne Hoffnung, dies ertragen zu können. »Wie dumm war ich doch! Wie ein Hündchen hing ich an dir. Ich habe dir meine Liebe stets auf dem Servirbrett zugetragen.«
»Das war das Unglück, ja. Übrigens, was hat es für einen Zweck? Es ist doch hoffnungslos. Bis es einmal soweit käme, bin ich eine alte Schachtel.«
»O ich könnte treu sein. Ich habe das Zeug dazu. Selbst die alte Schachtel könnte mich nicht hindern, treu zu sein. Aber du hast nur gespielt, das ist klar ... Alles hab ich auf dich gesetzt, die Zukunft, das ganze Leben. Und nun hast du mich zerstört. Du betrachtest mich nie mit deinen eigenen Augen, sondern immer mit denen anderer Leute, mit Helenes Augen oder so. Du hast mich nie geliebt, nie geliebt.« Der Schmerz verschloß ihm die Kehle. Immer noch ausgestreckt lag Mely da und rührte sich nicht.
»Wirklich? Ist es denn wirklich wahr?« begann Falk wieder und näherte sich ihr. »Sag doch! Ich will ja gehn, wenn du es jetzt wiederholst. Ist es denn wirklich wahr?« Er redete mit heiserer, trauriger Stimme, aber keine Silbe war mehr aus ihr herauszubringen. »Sag, soll ich gehn?« fragte Falk. »Sprich nur ein Wort und ich bleibe. Sag ja, und ich bleibe. Willst du? Willst du?« Aber sie blieb stumm und nagte bloß an ihrer Unterlippe. Da ging er.
Als er draußen war, erhob sich Mely und wanderte mehr als zwei Stunden lang auf und ab. Oft standen ihre Augen voll Thränen. Sie blieb an diesem Abend in ihrem Zimmer.
Falk besuchte das Fräulein von Erdmann und führte mit ihr tiefsinnige Gespräche über den Wert des Lebens, wobei er zur absoluten Verneinung gelangte, wie Viele vor ihm. Aber die Dame, die jetzt in ihrem Äußern wie in ihrer Umgebung die Spuren eines immer größeren Verfalls zeigte, wollte davon nichts hören. Sie stritt für die Lebensfreude und für die Liebe und ließ den jungen Mann merken, daß er alle Gluten jungfräulicher Leidenschaft bei ihr finden könne, wenn er nur zu begehren verstehe. Sie versperrte sogar die Thüre, um ihn zum Dableiben zu zwingen. Ihr Feuer berührte Falk sehr peinlich. Aber er und alle, die in diesem Hause wohnten, sahen sie versinken in Armut und Erbärmlichkeit und es hatte Scenen gegeben, wo sie von Fremden gar sehr gedemütigt worden war. Deshalb bemitleidete er sie und benahm sich rücksichtsvoll. Zum Schluß allerdings tischte sie ihm ein paar Anekdoten auf, die Zeugnis ablegen sollten von dem lockern Leben, das im Hause des Obersts Thewalt geführt wurde.
Frau Bender traf er an diesem Tag in großer Niedergeschlagenheit. Ihr Sohn hatte aus Chicago geschrieben, daß der Vater mit einer fremden Frau lebe. Das hätte sie an sich nicht zu Boden gedrückt, aber er schickte auch kein Geld mehr. Sie war in Not. Fräulein von Erdmann konnte nicht zahlen, auch Falk war im Rückstand. Das ganze Hauswesen war zerrüttet. Frau Kremer war abgereist und mit ihr war der letzte Rest von Heiterkeit fortgezogen.
»Lottelotts kommen auch nicht mehr,« sagte Frau Bender beim Thee. »Sie haben mich durch Helene wissen lassen, sie könnten nicht mit einer Person wie Fräulein Mirbeth an einem Tisch sitzen.«
Falk brauste auf.
»Ja sehen Sie, man erzählt sich eben sehr viel,« fuhr die Hausfrau bedauernd fort. »Auch Fräulein von Erdmann hat verzichtet, beim Mittagstisch zu erscheinen. Und warum ist Fräulein von Mahnke ausgezogen? Nur deswegen. Ich muß ihr kündigen, ich bin es meinen Kindern schuldig.«
Falk erbleichte bis in die Lippen. »Das werden Sie aber unterlassen, Frau Bender –! So viel Zartheit, – um Gottes willen!«
Frau Bender versuchte einzulenken. »Ich glaube ja alles Gute von ihr, obwohl – – Persönlich ist sie mir ja lieb und Helene hat sie sehr gern, – aber urteilen Sie doch selbst. Früher, – was für Zwistigkeiten waren das stets zwischen ihr und dem Oberst. Er hat ihr Dinge gesagt und geschrieben, daß sie zu stolz sein müßte, ihn anzureden, – und nun, mit welcher Andacht spricht sie von ihm. Welche Fülle von Geschenken –«
»Lassen Sie uns eine Partie Halma spielen, Frau Bender,« unterbrach sie Falk, bis in die tiefste Seele erzitternd. Helene summte jenen bekannten Gassenhauer aus Rigoletto vor sich hin, der von der Unverläßlichkeit des Frauenherzens handelt.
Heute gewann Frau Bender.
Ich muß handeln, dachte Falk, ich muß mir Beweise verschaffen und dann, – Gott sei mir gnädig. Er wollte sich nicht eingestehn, daß er sich fürchtete vor Beweisen. Alles zitterte an ihm, beständig tastete er mit der Hand an die Schläfe und schloß die Augen, wie um nicht sehen zu müssen, was er so sehr zu sehen wünschte. Was hilft es auch, grübelte er; ich bin ihr gleichgültig, sie hat es selbst gesagt. Und dieser Gedanke überwog alle andern.
»Sie haben sich wohl verfeindet mit Fräulein Mirbeth?« fragte Frau Bender und als Falk bejahte, setzte sie hinzu: »Seien Sie doch stark und lassen Sie sich nicht so sehr niederdrücken.«
»O sie ist falsch,« flüsterte er. Es drängte ihn nach Mitteilung seiner Leiden. Aber plötzlich stand er auf, wie von Ekel erfaßt und verabschiedete sich.
Mely schloß sich von allen ab, auch von Helene. Dies Mädchen war ihr in letzter Zeit verhaßt geworden, obwohl sie sich zwang, freundlich zu sein, wenn sie mit ihr sprach. Ein ganz harmloser Vorfall war die Ursache und der Anfang dieses Hasses gewesen. Eines Abends, als Mely noch im Wohnzimmer war, hörte man draußen an der Treppe ein Geflüster. Frau Bender vermutete, daß die Magd von ihrem Kammerfenster aus sich mit einem Mann unterhielte. Helene entledigte sich blitzschnell der Schuhe, öffnete geräuschlos die Thüre, huschte ebenso lautlos hinaus und horchte draußen. Alle ihre Bewegungen dabei waren schlangenhaft.
Seitdem haßte sie Mely. Sie war ihr genau wie eine junge Katze erschienen. Auch fürchtete sie, die kleine, listige Person möchte das Geheimnis ihrer Liebe ausplaudern, obwohl sie wußte, daß Helene die Gabe des Verschweigens in hohem Grade besaß. Sie fühlte wohl, daß Alle gegen sie waren, wie gegen den bösen Feind, aber sie lächelte dazu. Innerlich verwundet, vereinsamt und die Einsamkeit suchend, schloß sie sich ab von den Leuten, die so viel redeten, als sie reden hörten, ohne das Gewicht der Worte zu bemessen. Ein finsterer Menschenhaß beherrschte sie einige Tage lang durchaus. Nur die kleine Dele kam täglich zu ihr und bei diesem Kind konnte sie sich selbst vergessen. Sie liebte das Mädchen mit jener Leidenschaft, die oft an ihr hervorbrach, wie das Wasser einer unterirdischen Leitung, das einen falschen Ausweg gefunden hat. Und doch witterte sie schon bei dem Kind Eigennutz: weil sie es beschenkte, darum war es lieb und heiter, und nur in der Erwartung der Geschenke schien es zutraulich zu sein. Und als Frau Bender in einer boshaften Aufwallung über Melys Abschluß von ihrer Familie dem Kinde verbot, das junge Mädchen ferner zu besuchen, glaubte Mely, daß sie »eigentlich« froh darüber sei.
– Frau Bender lag krank im Bett. Kummer und Sorgen hatten sie niedergedrückt. Der Termin nahte heran, ohne daß sie wußte, wie sie die Miete bezahlen sollte. Die Magd erzählte es Mely und dann kam auch Helene und weinte. Da ging Mely zum Oberst und schon am Abend brachte sie Frau Bender vierhundert Mark und entfloh ängstlich den stürmischen Danksagungen der gedemütigten Frau.
Falk vernahm das mit den Empfindungen, die Einer im fernen Land den Nachrichten aus der Heimat entgegenbringt. Als er eines Nachts spät heimkam, schlich er wieder in Melys Zimmer. Er sah sie schlafend, beim matten Schein des nächtlichen Lichts. Und er küßte sie mit der ganzen Trauer des Verlustes. Dann ging er wieder. Und so die nächste Nacht und die folgenden Nächte. Am Tag sehnte er die Nacht herbei, den Genuß jener schnellen Minuten. Ihm war, als spüre sie seine Nähe im Traum und lächle ihm zu im Traum und erkläre sich einig mit ihm. Und einmal geschah es, daß sie erwachte. Sie schlug die Augen auf und lächelte sanft. Sie schlang ihren Arm um seinen Hals und zog sein Haupt seufzend herab und drückte es an ihre Brust. Stumm und beglückt ließ er es geschehn. Es war ein Traum für sie und für mich, dachte er beim Hinausgehen. Aber von da an erwachte sie in jeder Nacht und liebkoste ihn schüchtern, wie es ihre Art war. Bei Tag sprachen sie nicht miteinander und gingen gleichgültig eines am andern vorüber.
Eines Sonntags im Februar beschloß die Familie Bender einen Ausflug zu machen. Doktor Brosam hatte sich sehr genähert und dieser Ausflug war sein Plan. Da es aber nur drei Personen waren und Frau Bender den beiden jungen Leuten Gelegenheit geben wollte, allein zu sein, – der Doktor war reich – so suchte sie nach einem vierten Teilnehmer. Rosine Malz hatte ein verschwollenes Gesicht und Falk gab einen Korb. Er stand im Korridor, als er Frau Bender sagen hörte: »Nun bleibt Fräulein Mirbeth unsre letzte Hoffnung.« Der Doktor erwiderte: »Ja, wenn wir sie nur als stumme Person mitnehmen könnten!« Helene lachte hölzern und auch Frau Bender lachte aus Artigkeit mit.
Eine wilde Angst erwachte in Falk, daß Mely zusagen könnte. Er wußte, daß sie schwach genug war, die Beleidigung zu vergessen, die ihr Doktor Brosam zugefügt hatte und von der sie ihm selbst mit Entrüstung erzählt hatte. Schon aus Gefälligkeit gegen Frau Bender würde sie mitgehen. Es gab nichts, womit sie sich nicht das Wohlwollen der Leute erkaufte, die um ihre Liebe zu ihm wußten oder sie nur ahnten. So groß war ihre Furcht. Aber Falk wollte auch allein sein mit ihr. Er hoffte nichts von diesem Alleinsein, aber er wünschte es heiß. In brennender Erregung wanderte er im Korridor umher, durch die Küche auf den Balkon, dann wieder horchend an der Thür, dann wieder durch das Entree gegen die Treppe hinaus. Er war völlig besinnungslos und murmelte beständig abgerissene Sätze vor sich hin. »Ich werde sie verlieren,« sagte er, »und alles ist aus. O jetzt macht man doch keine Ausflüge, im Februar, – lächerlich. Wie hab ich mich gefreut – – – das Wetter wird ja doch schlecht werden – Mely – Mely – bleib!«
»Nun Herr Falk?« hörte er die Stimme Helenes, deren Gesicht in Heiterkeit glänzte.
Falk streckte ihr bittend die Hände entgegen. »Helene, wenn ich Ihnen irgend etwas bin, etwas mehr als ein Hund, dann verhindern Sie, daß Mely mitgeht.«
Helene machte ein mürrisches Gesicht. »Ach gehn Sie doch! Sie sollten vernünftiger sein. Haben Sie denn gar keine Augen im Kopf?«
Falk stierte wie geistesabwesend in das frische Gesicht Helenes. Eine schwere Dumpfheit lag in seiner Brust. Er hatte die Empfindung, als schmiede man im Wohnzimmer ein Komplott gegen seine Liebe und als könne er dies durch seine Anwesenheit verhindern. Darum ging er hinein ohne zu grüßen und lachte dem erstaunten Doktor gerade ins Gesicht. Frau Bender kam freudestrahlend von Mely zurück und verkündete, daß die Vierzahl nun voll sei.
Falk lachte wieder, und die glückliche Frau Bender stimmte unbefangen mit ein. Dann stürzte er hinaus und betrat Melys Zimmer. Sie kämmte vor dem Spiegel das Haar und sah sich scheu nach ihm um. »Mely!« brachte Falk mühsam heraus, »wenn du gehst, ist alles vorbei zwischen uns.«
Sie blickte erschreckt zu Boden und der Kamm fiel auf die Erde. Falk wandte sich zum Gehen, überzeugt, daß sie bleiben werde.
Aber eine halbe Stunde später hörte er die Vier in scherzenden Gesprächen die Treppe hinabsteigen, und als er sich zum Fenster hinausbeugte, saßen sie schon in der Droschke. Mely unterhielt sich mit Doktor Brosam und sie war fröhlich. Die Sonne schien hell, und der Schnee war geschmolzen.
Falk warf sich aufs Bett und schluchzte wie ein Kind.
XIV.
_Aus dem Tagebuch Vidl Falks._
23. Februar.
Nun habe ich auch die Liebe überstanden. Es ist eine entsetzliche, giftige, furchteinflößende Krankheit. Dies Fräulein Mirbeth ist in meinen Weg getreten, hat ihre falschen Augen aufgeschlagen und mit Inbrunst, mit ganzer Seele und ganzem Vermögen bin ich hineingestürzt in diese Augen. Ach, man wird da gedreht und gerädert, und was noch heil davonkommt, trieft von Erfahrungen und Weisheit. Ich bin noch zu voll von diesem Weib, um ein freies, gutes, erlösendes Wort niederschreiben zu können. Die Liebe ist eine Folter, grausam und nachhaltig. »Dies Fräulein Mirbeth« ist ein Wunder an Charakterlosigkeit, Treulosigkeit und jener echt weiblichen Verschlagenheit, die den Mann nie zur Ruhe kommen läßt. – Ich bin erlöst!
Aber wer weiß, vielleicht liebe ich sie noch. Wie schön war es auch in diesen stillen, stürmischen Liebesnächten!
25. Februar.
Es gelingt mir nichts Rechtes mehr. Was ich angreife, bleibt auf halbem Weg liegen. Ich bin wie betäubt; ich bin verdummt. Stets brennt mich etwas im Innern, stets scheucht mich etwas auf. Stets muß ich nachdenken ins Bodenlose hinein. Ich kann nicht schlafen, und ich liege des Nachts stundenlang am Fenster. Dem Wandel der Sterne schau ich zu, und dem Rauschen des Windes lausch ich. Es geht eine leise Frühlingsahnung durch die finstern Straßen. Die Natur, das ganze Universum erscheint mir wie eine Brust voll Leiden und Leidenschaften und voll Sehnsucht und sie will den Tod nicht kennen, der ihr zur Seite steht.
Ich kann nicht schlafen. Es ist vier Uhr nachts. Soeben ist Mely heimgekommen; beim Oberst war Gesellschaft, wie mir Frau Bender sagte. Es friert mich vor der Zukunft. O könnt ich einen hundertjährigen Schlaf thun. Aufwachend erblickt ich die Welt verschönt und die Nationen versöhnt, und ich brauchte nimmer auf den Präparirboden, um übelriechende Leichen zu zergliedern und zu zerlegen. Wie erfinderisch ist die Natur in den Krankheiten, mit denen sie uns heimsucht. Jeder Kuß, den wir erhalten, muß bezahlt werden mit einem Übel an Leib oder Seele, und über unser Glück eilt die Zeit hinweg und hinterläßt uns blasse Bilder, blasse Schemen.
26. Februar.
Ich träume seltsam. Ich träume z. B. vor mir stünde eine große Blume. Und ich bilde mir ein, das müsse eine Lotosblume sein, obwohl ich noch nie eine solche gesehen habe. Dann fließt Blut aus dem Kelch und ich kniee davor und trinke es. Oder ich träumte, Mely sei bei mir und sie ruft mich zu kommen. Aber ich kann mich nicht bewegen, ich bin nicht Herr meines Körpers, wie erstarrt stehe ich da und kann weder vorwärts noch rückwärts.
27. Februar.
Sie geht an mir vorbei, – fremd und ohne Gruß. Wenn sie im Wohnzimmer ist, so thue ich gegen die Damen sehr heiter und sorglos, und bin so galant als möglich. Warum das aber? Würde ich es thun, wenn sie mir gleichgültig wäre? Ich liebe sie noch, das ist alles. Oder nein, ich liebe sie mit verzehnfachter Liebe, mit brennender, schmerzhafter, zitternder Liebe. Aber ich darf nicht nachgeben. Wenn ich mich wieder schwach zeige, ist alles verloren. Es giebt nichts Dümmeres, als einen Mann, der konsequent sein will.
1. März.
Einmal sagte sie zu mir: Wenn wir beide glücklich sein wollen, müssen wir allein sein. Aber wie sollt ich sie gewinnen? Wie kann sie je mein eigen werden? Sie macht Ansprüche an das Leben, und sie will es hübsch bequem haben. Wie könnte sie den Kampf des Mannes gegen das Schicksal mitkämpfen!
Trauer erfüllt mich ganz. Meine Kraft ist aufgelöst und meine Freudigkeit ist dahin. Wenn ich mir ein Bild ihres Wesens zu machen suche, so zerfließt alles vor meinen Augen. Ist sie gut oder böse? weichmütig oder boshaft? störrisch oder hingebend? Ach, am Morgen ist sie willig und des Abends trotzig; am Mittag herausfordernd und spöttisch und des Nachts dem Weinen nahe in grundloser Verstimmung.
Ich sehne mich nach ihr und mir schmeckt weder Arbeit noch Essen.
4. März.
Da liegt sie neben mir und schläft. Die zwei Fauteuils sind zusammengerückt, so daß sie eine Art Divan bilden und darauf schlummert sie. Das Wasser zum Kaffee wird bald zu kochen beginnen. Sie hat meinen Mantel um den Körper und über ihren Füßen liegt das weiße Deckbett. Die Haare hängen aufgelöst bis auf den Boden. Um uns ist die stille, tiefe Nacht. Bisweilen wird die Ruhe von fernem Wagengerassel gestört.
Ich finde, dies ist so sehr charakteristisch. Wenn ich frage: Mely friert dich? Willst du meinen Mantel? so schüttelt sie den Kopf. Aber bald darauf erhebt sie sich und holt sich den Mantel selbst.
5. März: fünf Uhr morgens.
Soeben ist sie schlafen gegangen. Wie wild, wie toll war diese Nacht wieder! In solchen Stunden, wo sie erfüllt ist von einer fast ingrimmigen, verhaltenen Leidenschaft, ist sie nicht mehr sie selbst. Sie hat sich vergessen, sich ihres Selbst beraubt, sie schmilzt hin in weicher Ergebung, in seufzender, matt abwehrender Begierde. So ist sie schön und auch überaus begehrenswert. Ich möchte die Feder, mit der ich schreibe, ganz in den wunder-wundervollen Duft tauchen, womit in solcher Nacht ihr Wesen umschleiert ist. Unvergeßlich ist es und herrlich. Stumm ist die Nacht und die Zeit hat kein Maß mehr den Sinnen. Alle Organe sind ins Krankhafte verfeinert, und wenn sie seufzt, so vermute ich einen tiefen Schmerz in ihr, und höre nicht auf zu fragen. Aber unbewußt frage ich, nur um sie zu liebkosen mit der Stimme, um sie zu trösten, um ihr zu versichern, daß sie beschützt sei. Alles was sie denkt, errate ich, und sie nimmt es mit einem halb verwunderten, halb dankbaren Lächeln auf. Nichts Verborgenes ist mehr in ihrer Seele und ich bin beruhigt.
Ich weiß gewiß, daß ich nicht schlafen werde. Ich werde noch lange dasitzen und über jede ihrer Gebärden, jedes ihrer Worte sinniren. Wie ein schweres Gewicht liegt die Liebe auf meinem Herzen, aber ich trage es willig. Gleich der Blume eines kostbaren Weins, so berauschend ist dies Gefühl. Aber der Vergleich ist von geringer Güte. Schwach sind die Worte und hinfällig jedes Bild. »O du,« flüsterte sie beim Hinausgehen, »du hast mich leergetrunken mit Küssen.«
7. März.
Wer vermöchte das zu glauben: Ein junges Weib besucht allnächtlich den Geliebten, der sie bestürmt, sich ihm hinzugeben, – völlig und unwiderruflich. Er taucht sie unter in eine schwüle Flut von Liebe, – und sie widersteht! Sie ist voll Furcht gegenüber diesem Letzten, und sie trauert, wenn ich sie bestürme. »Schau, warum willst du das? Du willst mich erniedrigen, du willst mich unglücklich machen. Muß es denn sein? Du sagst, das sei der Inhalt des Lebens? Das ist nicht wahr. Denn was wird nachher sein?« – So spricht sie. Und dies ist das Mädchen, das bis zu seinem zwanzigsten Jahre glaubte, vom bloßen Küssen bekäme man ein Kind. Ich kann mir nicht helfen, diese Beweisführung macht mich krank vor Mißtrauen. Es klingt so elegisch, so unjugendlich. – Aber ich prüfte mich genau: Ich selbst fürchte jenen Schritt. Weshalb? Der Himmel mag es wissen.
10. März.
Sie fragte mich, ob sie meine erste Liebe sei. Ich erwiderte ihr, daß ein Mann heutzutage allzuviel Gelegenheit habe, sein Herz zu verschenken, wie man poetisch sagt. Sie verstand mich. Aber ich sagte ihr auch, daß eine Liebe, wie die, welche ich jetzt empfinde, nicht zum zweiten Mal wiederkommen könne im Leben. Man kann nur ein Mal lieben, aber verliebt sein kann man in jedem Frühling aufs neue. Sie sah mich ungläubig und zärtlich an. Sie schmiegte sich an mich und verbarg ihr Gesicht.