Meister Autor; oder, die Geschichten vom versunkenen Garten
Part 9
Und sie kamen in langgezogenen weich-gewaltig sich rundenden und majestätisch vornüberbrechenden Wogen heran, die großen Wasser. Sie wälzten sich eine nach der andern her gegen das Ufer jener Dasselbigkeit, von der Marina spricht; aber es war eine Täuschung, daß die Wellen den, der sich in sie eintauchte, freudiger und lustiger an diesen langweiligen Strand zurückbringen würden. Die bittern Wasser zogen dem Lebendigen die Füße vom Boden weg, hoben und trugen ihn -- aber sie spielten mit ihm; nicht er mit ihnen! -- nur die Leichen und Trümmer kamen zurück an den Strand.
Es war heiß in den Gassen der Stadt, aber kühl in dem dunkeln mittelalterlichen Hofe, in welchem der Steuermann von der See träumte. Ich saß am Bette des fiebernden Kranken zu Häupten, die Muhme zu Füßen, und sie, die dem braven Schiffsmann so oft, seinen guten, sichern, behaglichen Ankerplatz hinter dem Hafendamm angewiesen hatte, sie hatte die Schürze über den Kopf gezogen und den Mut verloren.
Es hatte sich in der Tat mit dem armen Karl verschlimmert. Die Ärzte sagten das, was sie zu sagen hatten, mit dem bekannten gedämpften Tone. Sie hatten wenig Aussicht, ihren Patienten am Leben zu erhalten, und gestatteten sich bereits vor der Tür die Bemerkung, daß dieser Mann von Rechts wegen eigentlich nicht auf dem Lande und zwar so tief im Binnenlande hätte begraben werden sollen. Es war eine naheliegende Bemerkung. --
Der Verwundete erkannte mich noch; er hatte mir die heiße Hand entgegengestreckt und gerufen:
»Das ist schön! Nun was sagen Sie aber? das Schiff ist klariert bei Zoll- und Hafenbehörde; -- alles fertig -- mit der Ebbe seewärts, und -- hoffe, Maat, daß Sie nicht ausspucken werden, wie ein Chinese, wenn er eine Sternschnuppe sieht.«
Ich sagte natürlich etwas Angemessenes; aber der Kranke, von einer neuen Welle weiter von mir weggezogen, schüttelte heftig den Kopf:
»Da! ich sagte es doch, -- steif aus Norden. Leichte Segel fest! da haben wir's -- große Royalrah zum Teufel. Wie gut, daß _sie_ es so gut am Lande, im Walde hat, -- wenn ich nur des Alten Hunde noch einmal in der Ferne hinter den Büschen anschlagen hören könnte!.. Was?.. und das schon die Berge von Ceylon?... eben klarste Kimmung und bezogene Luft im Augenblicke drauf! Der Teufel werde klug aus dem Wetter, daß man den Wald vor Bäumen nicht sieht, wie der Meister Autor sagt.«
Nun erkannte er mich wieder und rief, das letzte Wort aus seinen Phantasien mithernehmend:
»Es ist doch schön im Walde, in dem alten Hause bei dem Tofote -- man muß die See befahren haben, um das auszufinden. =Ay, Sir=, aber Gertrud -- unser Trudchen, unser Trudchen, kennen Sie unser Trudchen Tofote? Sie haben mir gesagt, der Herr Förster sei gestorben; aber das ist bloß der Nebel auf dem Meer -- die bezogene Luft -- sehen Sie, Kapitän, wie ich es gesagt habe -- gegen Abend schönes Wetter, abnehmender Seegang, leichte ebene Brise und -- da stehen wir dicht unter der Küste von Travancore, es wird sich schon machen, Supercargo, daß wir auch Arabien noch einmal im Mondschein liegen sehen.«
»Nun hören Sie ihn nur! Haben Sie ihn gehört?« flüsterte die Muhme Schaake in einer Pause, während welcher der Kranke unruhig hinschlummerte. Ich aber nahm jetzt die Hand der Greisin und hielt sie stumm fest; der Kranke fing bald wieder an, von neuem zu reden.
»In Arabien erzählt man Geschichten; die Bücher von den tausend Nächten sind daher, sagt man. =Damn=, die Korallenbänke und blinden Klippen! die ganze Küste von Aden soll zur Hölle fahren! Nicht wahr, Herr, die Gertrud kommt so her wie aus dem arabischen Märchen und -- Mynheer -- van Kunemund auch; -- wir gingen alle in den schönen Garten -- Schiff glatt vor dem Winde unter beiden Marssegeln, und wäre der Stein der Abnahme nicht gewesen, so hätt' mir kein größerer Spaß widerfahren können. Hab' ich's nicht gesagt, Kapitän? von Aden an Sturm, -- da haben wir's, und das Kajütendeck fängt sofort an zu lecken -- warmes Regenwasser in den Grog -- und da -- Bab el Mandeb -- das Tor des Todes!... ich wollte, wir säßen sicher auf dem Lande und wär's auch bei Dscheddah in der Wüste auf Mutter Evas Grabe!«
»Das muß man nun anhören!« klagte die Muhme Schaake. »Von Mutter Evas Grabe hat er die letzten Tage durch alle Augenblicke angefangen zu sprechen. Er muß wohl einmal dagewesen sein; -- o lieber Herr, manchmal hat er während der letzten Tage fürchterlich auf die Weiber geschimpft, der arme Junge. Ich habe es ihm für meine Part nicht übelgenommen, von mir mochte er sagen, was er wollte; aber er muß uns auch wohl von allen Farben gesehen haben -- schwarz und gelb und braun -- von den melierten und den weißen gar nicht zu reden.«
Der Kranke lachte jetzt in seinem Fieber; es mußte doch wohl etwas von den Worten der Greisin sich in seinem Bewußtsein festgehäkelt haben; er sprach aber weiter nichts, sondern fiel in einen etwas festern Schlummer.
»Es wäre arg gewesen, Frau Schaake, wenn er von Ihnen etwas Böses hätte sagen wollen,« bemerkte ich, jedoch ein wenig zerstreut, denn -- bei Mutter Evas Grabe, ich sah plötzlich die Hexe vor mir -- ja die Hexe im Märchen -- hübsch, jung, wohlhabend und lebensfroh, und ich dachte daran, daß sie mich auf morgen abend zum Tee eingeladen, und daß ich dem Zaubermohr Signor Ceretto Wichselmeyer aus Bremen versprochen habe, zu kommen.
Eine ziemliche Zeit saßen wir einander nun stumm gegenüber, die alte Frau und ich, und horchten den keuchenden Atemzügen des Verwundeten. Dann flüsterte die Greisin:
»Und den Kunemund versteh' ich doch nicht. Jetzt müßte er doch Ihren Brief längst erhalten haben.«
Ich konnte nur die Achseln zucken:
»Man weiß eben nie, was anderen Leuten passierte, während das Schicksal einem selber in das Nackenhaar griff. Wenn der Meister morgen nicht kommt, werde ich zu ihm gehen.«
»Oh, Herr, wenn Sie das tun wollten!« rief die Alte. »Sie verdienten sich einen Gotteslohn an uns. Wenn einer dem armen Karl noch ein gutes Wort sagen könnte, so ist das der Autor Kunemund. Nach uns Weibern hat der Junge von keinem Menschen soviel in seiner Abwesenheit gesprochen, als von dem Kunemund. Sehen Sie, es ist so gut von Ihnen, daß Sie doch ganz von selber darauf gekommen sind, -- von meiner Seite wäre es zu unverschämt gewesen, Sie darum anzugehen.«
Ich wies diese gute Meinung natürlich mit Wort und Gestus weit von mir.
»Dick mit Regen! wenn es gegen Abend nicht abklart, kriegen wir eine harte Sturmböe dicht vor dem Ankerplatz; -- werden uns dem Hafenmeister mit allen Segeln in Fetzen präsentieren!« rief der Steuermann, und die Alte mit dem Schürzenzipfel wieder vor den strömenden blauen Wunderaugen flüsterte:
»Da spricht er wieder von mir! O Gott, zu solchem Elend so alt werden zu müssen!«
Ich ging bald, und saß den Abend noch eine Stunde im Theater und sah den geharnischten Geist des alten Dänemark über die Bretter schreiten, hörte das: Sein oder Nichtsein -- sah die Komödie in der Komödie, aber sie spielten und sprachen alle mit falschem Pathos und verrenkten Gliedmaßen, und die ganze Geschichte kam mir entsetzlich einfältig vor. Wer hebt die Gärten, die uns versinken, wieder herauf aus der Tiefe? --
Zwanzigstes Kapitel.
Also die Hexe -- die Hexe im Märchen, die junge schöne Witwe eines wahrlich nicht sehr jung gestorbenen Ogers oder kleinstaatlich juristischen Menschenfressers freute sich auf mein Kommen!? Sie, die den Vetter Vollrad herbeschieden hatte, um ihren letzten Fang, das dumme Gänschen Trudchen Tofote und die Erbschaft Mynheers van Kunemund zu heiraten.
Der Mohr hatte es gesagt, und mir träumten in der Nacht, die diesem Teeabende voraufging, fast ebenso sonderbare Dinge wie dem Steuermann Schaake in seinem Wundfieber; ich werde mich aber wohl hüten, das, was ich sah, hörte und sagte, hier der Welt kundzumachen. Als die Hexe noch eine Jungfrau war, kaum aus dem Backfischalter herausgewachsen, war sie mir schon einmal quer über den Weg gelaufen; und gute Gesellen, treue Kameraden, die sie damals bereits besser kannten, als ich heute, hatten mich natürlich weniger vor ihr gewarnt, als ihren Spaß an der Verzückung gehabt, in welche sie mich versetzte.
Und neulich hatte sie ebenso selbstverständlich nicht das mindeste von mir gewußt, hatte sich meinen Namen nennen lassen, und nur durch eine dem ganzen übrigen Universo unverständliche Fächerbewegung merken lassen, daß -- sie mich sehr wohl kenne, daß ich ein guter alter Bekannter von ihr sei.
Die schöne Sonne des neuen Sommertags war wiederum untergegangen, und ich verfügte mich nach der Höhle der Hexe, die natürlich nicht in der Mitte des Zauberwaldes der alten Stadt gelegen war, sondern in ihrem modernsten Quartiere.
Ich hatte aber die alte Stadt zu durchschreiten, und da mich mein Weg an dem Cyriacushofe vorüberführte, so trat ich auch jetzt ein, um wenigstens an der Tür Erkundigung über den Kranken einzuholen. Ich traf den Wundarzt an der Tür, und er strich auf meine Frage glatt vor sich hin durch die Luft, was soviel heißen sollte, als: O, er ist auf gutem Wege, unter den irdischen Behörden kennen wir vom Fach keine, die ihn aufhalten könnte; der Stadtphysikus ist ganz meiner Meinung.
Dabei fühlte der Mann nach seinem Handwerkszeug in der Brusttasche und ging: ich aber hörte von der Tür -- wie gesagt -- aus, wie der Steuermann mit klarer Stimme rief:
»Da haben wir die rote Tonne!« und dann den Lotsengruß:
»Willkommen in See!«
Ich wich zurück, ohne die Base Schaake begrüßt zu haben; ich traute mir nicht recht, ihr in meinem Gesellschaftsanzuge die Hand zu geben. Ich kann nicht sagen, ob ich mich richtig und verständlich ausdrücke; aber die Sorgfalt, die ich auf meine Toilette verwendet hatte, hinderte mich: ich kam mir zu gleicher Zeit abgeschmackt und allzu begräbnismäßig frisiert vor. In ziemlich unbehaglicher Stimmung rief ich eine Droschke an und fuhr weiter, von nun an mich ein wenig mehr mit der Tochter des Försters Arend Tofote als mit der Frau Christine von Wittum beschäftigend -- wenigstens bis zum Anhalten des Wagens und während des ersten Teiles des Abends.
Es sahen mir sehr hell erleuchtete Fenster in der Abenddämmerung entgegen, und das erhob auch meine Lebensgeister wieder etwas; da jede veränderte Dekoration und vor allem eine ins Freundliche und Helle veränderte Bühnenbekleidung in Verbindung mit Zeit- und Ortswechsel auf das vergrillteste Gemüt Wunder zu wirken vermag, -- was ich übrigens hier durchaus als keine ganz neue Erfahrung vorführe.
Auf dem Balkon stand eine hellgekleidete Dame, die jedoch zurückwich, als ich aus dem Wagen stieg. Auf der Treppe wurde ich von meinem alten schwarzen Freunde begrüßt.
»Da sind Sie also! Na, dann gehen Sie nur hinein; Sie kommen früh, und das ist recht hübsch von Ihnen. Das Kind finden Sie in einer merkwürdig weichen Stimmung; aber die andere in ihrer richtigen Laune.«
Er war mir voran gewatschelt, hatte mir die Tür geöffnet, und nach einem Augenblick stand ich abermals vor der Tochter des Försters Tofote in einem ziemlich geräumigen, glänzenden, von einer Gaskrone tageshelle erleuchteten Gemache. Ganz reizend sah das junge Mädchen in ihrer bunten, blendenden, aber durch das verschiedenartige Grün vieler kunstvoll zusammengestellter künstlicher Gärtnergewächse gesänftigten Umgebung aus, und einen Moment lang verstand ich einmal wieder den Meister Autor, der sie doch auch wohl in einer solchen Umgebung gesehen hatte, nicht mehr.
»Dieser Herr Vollrad von Wittum wär ein Urnarr, wenn er nicht bleiben würde,« sagte ich in der Tiefe meiner Seele, als das Fräulein mir entgegentrat, mir die Hand bot und sagte:
»Es ist sehr freundlich, daß Sie meine -- unsere Einladung nicht ablehnten.«
»Haben Sie das glauben können, gnädiges Fräulein?«
Es war eine etwas heiße Hand, die sich in die meinige legte, und das Kind sah ein wenig angegriffen aus; auch ein etwas unbehagliches Zucken spielte durch das Lächeln, in welchem Gertrude meinte:
»Man hat jetzt so wenig Zeit. Jedermann ist so sehr beschäftigt -- so sehr in Anspruch genommen. Nur wir -- haben immer Zeit.«
»Wer wir, mein Fräulein?«
»Ich!« sagte das Waldfräulein. »Ich habe Zeit -- o, ich habe viele Zeit!«
»In diesem bunten Dasein?«
»Ja, in diesem bunten Dasein. Wollen wir uns nicht setzen? wir sind noch allein, -- die übrigen Herrschaften, welche die Freundin lud --«
Die Elfe vollendete ihren Satz nicht, und wir setzten uns, und zwar in einen weich ausgepolsterten Winkel eines zierlichen Nebengemaches, das nur durch eine einzige aus einem Lilienkelche züngelnde Flamme erhellt wurde. Da fand ich denn bald im Laufe des Gespräches, daß sie beide lebten wie sie mußten -- der Meister Autor Kunemund sowohl wie Gertrud Tofote, und daß der Garten versunken war, wie die Gärten eben versinken; der Garten Mynheers van Kunemund ganz beiseite gelassen. --
Wir unterhielten uns über dieses und jenes, und da das Trudchen schon seit längerer Zeit daran gewöhnt war, von den Herren unterhalten zu werden, so tat auch ich das Meinige, leider jedoch ohne sie zu dem gewöhnlichen Gesellschaftslächeln bringen zu können. Ich erzählte von meinem Briefe an den Oheim Autor, und wie es uns so sonderbar erscheinen müsse, daß wir bis jetzt noch keine Antwort darauf erhielten. Ich berichtete, daß ich nunmehr morgen selber zu dem Meister fahren werde, um mich persönlich nach den Gründen seines sonderbaren Betragens zu erkundigen, und die Elfe sagte:
»Er hat vielleicht wieder etwas übelgenommen!«
»Den angenehmen Zug kenne ich noch gar nicht an ihm,« erwiderte ich hierauf. »Nimmt der gute Mann wirklich so leicht irgend etwas übel, Fräulein?«
»O -- nein,« stotterte die Waldelfe, »andern Leuten nicht; aber -- aber mir. Er weiß sich so schwer in die selbstverständlichsten Dinge zu finden, und wenn das auch nicht ganz seine Schuld ist, so kann ich doch auch nicht einzig und allein dafür. O Gott, ich wollte gleichfalls, es wäre manches anders in der Welt!«
»Wer wünschte das nicht, mein Fräulein?« rief ich höflich, und dann wurden wir sehr philosophisch und trugen uns einander die tiefsten Wahrheiten, die urälteste Kinderweisheit der Welt in den urältesten Fassungen, Redewendungen und Sprichwörtern vor, bis uns auf einmal aller fester Boden unter den Füßen weg und abhanden gekommen war, und wir die See -- den Himmel und das Wasser um uns hatten, wie der Steuermann Karl Schaake in seinen Fieberphantasien.
»Ja, es war ein guter Junge, und ich hatte ihn sehr gern!« flüsterte Trudchen Tofote. »Er war zu Hause mein bester Spielkamerad, und er tut mir so leid, so sehr leid! Wäre ich auch ein Junge gewesen, so hätte ich mit ihm aufs Schiff gehen können; aber wir machen uns ja nicht selber, und jetzt bin ich in einem eben solchen Wirbel, wie er, wenn er von einem seiner schlimmsten Wirbelwinde und Stürme erzählte, wenn er nachher vom Schiffe einmal wieder zu uns nach Hause in den Wald kam.«
Es kam mir vor, als spüre ich einen Hauch aus dem Walde im Gesicht und auf der Brust. Die Frau Christine würde die Ausdrucksweise ihrer jungen Schutzbefohlenen wahrscheinlich nicht ganz haben gelten lassen; aber ich entnahm daraus einige Erfrischung, indem ich mir jetzt mit einem schwülen Seufzer sagte:
»Ja, was kann denn das Kind eigentlich dafür? Wer will denn grade von diesem kleinen Mädchen verlangen, daß es das Universum über den Haufen werfe, indem es ein Glied in der Kette seiner Entwicklung überspringe?«
Wir sprachen nun davon, wie liebenswürdig und gutmütig die Frau Christine von Wittum sei, und was alles das Trudchen ihr zu verdanken habe; von dem Vetter Vollrad sprachen wir freilich nicht. So tief waren wir in unserm Schlupfwinkelchen nach und nach in unser Gespräch hineingeraten, daß wir gar nicht gemerkt hatten, wie sich die Gemächer jenseits des purpurnen Türvorhanges allmählich mit den übrigen Gästen gefüllt hatten, und daß unter denselben der Vetter wahrscheinlich auch bereits wieder gegenwärtig war.
Wir sollten aber jetzt darauf aufmerksam gemacht werden; denn eben hatte ich gesagt: »Aber mein Fräulein -- mein liebes Kind, weinen Sie doch nicht! ich bitte Sie dringend, weinen Sie doch nicht so sehr!« als der rote Vorhang plötzlich zurückgeschoben wurde, die schöne, schlimme, lustige Hexe -- die gnädige Frau in einer Flut von blendendem Licht, begleitet von dem lustigsten Stimmengewirr, auf der Schwelle erschien und fröhlich rief:
»Ich habe es wahrhaftig lange genug ertragen, aber jetzt ist meine Geduld zu Ende, und ich ertrage es nicht länger. Ich habe euch Zeit gelassen, euch gegeneinander auszusprechen, doch jetzt beanspruche auch ich mein Recht. Ja, mein Herr, wir wollen auch unser Recht haben, -- wir!«
Ich war mit einer Verneigung aufgesprungen, und sie, die Hexe, lachte und sah wundervoll aus in ihrer üppigen, reifen Schönheit. Das bleiche, nachdenkliche Liebchen, das bis jetzt neben mir gesessen hatte, hatte aber das Taschentuch auf das Gesicht gedrückt und war hastig durch eine Seitenpforte entschlüpft. Was blieb mir übrig, als der Frau Christine den Arm zu bieten und mit ihr in den mit fast sämtlichen geladenen Gästen angefüllten Salon zu treten? Es war ein in seiner Raschheit etwas peinlicher Übergang aus der Dämmerung in die glänzendste Helle; aber es war doch ein Vergnügen -- ein gar nicht zu verachtender Genuß.
»Es ist zu drollig,« lachte die Hexe, »da sitzen sie wie ein Liebenspaar, diese zwei Menschen, zwischen denen ein Ozean von Langeweile fließt! Was haben Sie denn eigentlich miteinander gemein, Sie und mein Töchterchen? Etwa die nämliche Anlage zum kläglichen oder verlegenen Anstarren des Lebens? Ja, ja, wir andern harmlosen Wesen treiben uns um, wie wir können, und nehmen jedes Ding und jegliche Bedeutung der Dinge, wie sich das augenblicklich geben will; aber diese beiden behandeln jeden Stuhl, Blumentopf, Glockenzug und Bedienten symbolisch und knüpfen eine Parabel daran, selbst auf die Gefahr hin, sich nachher selber aufzuhängen; -- o, ich kenne das. Nicht wahr, mein melancholischer tiefsinniger Ritter, es war die höchste Zeit, daß wenigstens für diesen Abend eine verständige Frau dem Trübsal ein Ende machte?«
Wenn ich das rechte Wort zur Hand gehabt hätte, würde ich es nur zu gern hingegeben haben, -- aber sie hatte recht, die Hexe -- in diesem Moment gaffte ich in der Tat die Welt in einiger Verlegenheit an, und so verbeugte ich mich wiederum mit einem freundlich zustimmenden Lächeln, bot der Dame den Arm, und wir traten in das Gesellschaftszimmer.
Darin war es recht lebendig, und wenn man eben noch nichts zu sagen gewußt hatte, so konnte man wirklich sich um so mehr darüber verwundern, wieviel doch Tag für Tag auf Erden vorging, worüber sich reden ließ. Selbst diejenigen, welche sich gleichfalls stumm verhielten, hielten den Mund nur in der festen Überzeugung, daß sie sich nur deshalb still langweilten, weil sie eben noch Mehreres und Wichtigeres als die übrigen Herrschaften erlebt und tiefer darüber nachzudenken hätten.
Ach, die Frau Christine von Wittum war eine ausgezeichnete Wirtin, sie wußte es so ziemlich allen ihren Gästen behaglich zu machen, und mir machte sie es sogar gemütlich. Gertrud Tofote blieb verschwunden; aber Herr Vollrad von Wittum war vorhanden, und erwies sich als gar kein übler Mensch, -- wenigstens was die Hauptsachen, das Gemüt und das Herz anbetraf. Seinen Geist nahm die Hexe klugerweise selber durchaus nicht in Schutz.
»Was wollen Sie?« sagte sie. »Kann er denn etwas dafür, daß er noch nicht Geheimer Rat ist und es wahrscheinlich auch nie wird?«
Dagegen ließ sich wiederum nicht das geringste einwenden, doch diesmal mußte ich bereits laut und herzlich lachen; und die Hexe, die schöne, ebenfalls lachende Hexe meinte:
»Sehen Sie, ich habe es gewußt, daß es Ihnen endlich bei mir gefallen würde! =Duc ad me! Duc ad me! Duc ad me!= Sie wissen doch, daß das eine griechische Beschwörung ist, um Narren in einen Kreis zu bannen? Seinerzeit gebrauchte sie der melancholische Jacques gegen die Herren des vertriebenen Herzogs im Ardennenwalde mit Erfolg, heute benutze ich sie. Wissen Sie, Herr von Schmidt, der Zauber ist eben unter uns Frauen leise von Mund zu Munde gegeben worden, und so bis auf den heutigen Tag und diese Minute gekommen: =Duc ad me!=«
Wenn ich das nicht gewußt hatte, so mußte es mir jetzt ganz und gar klar werden. Und sie spann ihre Gespinste schnell, schnellstens weiter -- die golddurchwebten Purpurfäden, die sich um die Seele legen, leise, unmerklich, einer nach dem andern, bis die arme =animula=, die =vagula=, =blandula= kein Glied mehr regen kann, die prächtige Blutsaugerin nach Muße und Appetit das Ding aussaugen mag, um nach Belieben die leere Hülse im Busch und Gewebe hängen zu lassen, daß eine neue Schmetterlingsgeneration in einem neuen Frühlinge sich über sie verwundere und lache.
Von Zeit zu Zeit ging der Schwarze, der vor so manchem Meßraritätenzelt in die Trompete gestoßen oder durch das Sprachrohr gebrüllt hatte, durch den Saal, oder schielte um eine Ecke oder hinter einem Vorhang hervor. Er grinste jedesmal, wenn mein Auge das seine traf, und ich vermied das zuletzt soviel als möglich. Da wendete er denn ein ander Mittel an, und als die gnädige Frau sich wieder einmal in einer andern Ecke des Gemaches sehr liebenswürdig zeigte, brachte er einen Präsentierteller mit irgendeinem angenehmen Getränke und flüsterte mir dabei zu:
»Nun? haben Sie es ihr gesagt?«
»Ich glaube wohl,« murmelte ich, eines der Gläser nehmend, um es ihm »symbolisch« an den schwarzweißen Wollkopf zu werfen.
»Haben Sie es beiden gesagt?«
»Nun, eine von ihnen hat es mehr mir gesagt!« murmelte ich weiter, »und --«
»Sehen Sie wohl! Was habe _ich_ Ihnen gesagt?« flüsterte Signor Ceretto entzückt über seine geistige Begabung und scharfsinnige Lebensauffassung, während ich lächelnd mich immer heftiger über die Impertinenz des schwarzen Gesellen ärgerte, der doch nur ein einfacher, zum Bedienten avancierter Meßfratz war und sich doch herausnahm, mich, seine Herrin, seine beiden schönen weißen Herrinnen -- uns alle zu übersehen.
Da sich Gertrud noch immer nicht wieder blicken ließ, so mischte ich mich nunmehr auch mehr in das Kreisen der Gesellschaft, begrüßte und unterhielt mich aufs freundlichste mit Herrn Vollrad von Wittum, und erlebte noch etwas höchst Sonderbares.
Man unterhielt sich natürlich über mancherlei; außer den Tagesneuigkeiten wurden Politik, Wissenschaft und Kunst herangezogen und manchesmal sogar an den Haaren. Vorzüglich hielt ein ältlicher, behäbiger Herr stets einen Kreis von Zuhörern und Interlokutoren in gespannter Aufmerksamkeit um sich fest, und auch ich trat zu diesem Kreise, nachdem mir eben die Frau Christine zugerufen hatte:
»Ich muß mich doch wohl einmal nach meinem Kinde umschauen. Sie scheinen ihr böse Dinge gesagt und ihr die Stimmung recht gründlich verdorben zu haben, mein Herr.«
Ich hatte die Achseln gezuckt, und sie war entrauscht; aus der Mitte des Ringes aber, der sich um jenen Herrn gebildet hatte, rief Herr Vollrad von Wittum:
»Das ist in der Tat außerordentlich interessant!« --
Was war interessant? Mir alles, was dem Herrn Vollrad außerordentlich und außergewöhnlich erschien, und so sah ich denn ebenfalls, einer wohlbeleibten Dame über die Schulter blickend, meinerseits das an, was eben unter den Damen von Hand zu Hand ging, und unterdrückte mit Mühe einen hellen Ausruf des heftigsten Erstaunens:
»Der Stein der Abnahme!«
Bei allen Göttern und Göttinnen, Geistern und Geistinnen der Unterwelt und des Zwischenreiches, da war es wieder, dieses geheimnisvolle Amulet, das einst der Leichtmatrose Karl Schaake im Hause Mynheers van Kunemund in der Hand gehalten, mir gedeutet und auf meinen Rat und meine Verantwortung aus dem Fenster ins Wasser geworfen hatte! Da war es wieder, und mir war's, als gehe ein unheimlich fahler Schein von ihm aus; und sein jetziger Besitzer nannte es, wie Herr Vollrad von Wittum: ungemein interessant und seinen Fundort fast noch interessanter, und das war er auch, das letztere freilich mehr für den augenblicklichen Inhaber.