Meister Autor; oder, die Geschichten vom versunkenen Garten
Part 7
»Du, das ist der Herr, von dem ich dir gesagt habe. Das ist der Mann, den wir jetzt so sehr gut gebrauchen können. Siehst du, alte Mutter, ich hab's dir doch gleich durchs Sprachrohr deutlich gemacht, daß du dir deine ungemütliche Jammerei zu drei Vierteln hättest sparen können. He, hab' ich nicht immer Glück gehabt zu Wasser und zu Lande?«
»Das weiß der liebe Gott!« seufzte das weiße Weibchen, beide Hände flach erhebend und wieder senkend.
»Dem ist es auch niemals eingefallen, von einem Salzfisch, einem Seehahn oder einer Seeschwalbe zu verlangen, daß sie ein Nest unter einen Dachrand hängen und ihren Laich an eine Hauswand absetzen. War es etwa seine Schuld, als der Esel aufs Eis und der Steuermann Karl Schaake auf die Eisenbahn ging? Glück muß man haben, Tante Schaake, und daß ich Glück habe, das kannst du hier wieder sehen. Tausend andere hätten hier liegen können, bis sie reif gewesen wären für des Kapitäns Gesangbuch, das Brett und die Kugel am Fuß; ich aber habe mich kaum gemütlich in der Blockade eingerichtet, so signalisiert auch das Fort San Salvador schon: Schiff in Sicht -- =man of war= -- sechsundneunzig Kanonen; die Tür geht auf, und Sennora Fortuna steckt den Kopf herein und fragt vergnügt: Befehlen Sie sonst noch was, Maat?!«
Obgleich ich in diesem Moment durchaus nicht wußte, wie gerade ich dem Seemann so außerordentlich erwünscht kommen und nützlich werden könne, so freute mich doch die Freude des armen Teufels über meinen Besuch sehr, und ich sagte ihm das auch so eindringlich als möglich.
Dann gab ich der Alten die Hand, und wir verstanden uns bald recht gut; sie war sehr freundlich und gut, und je länger man sie offen oder verstohlen ansah, desto weißer wurden ihre Haare und desto blauer und klarer ihre alten Augen.
»Er ist recht schlimm mitgenommen,« sagte sie betrübt. »Die Doktoren und Wundärzte haben die Köpfe geschüttelt, und, Herr, glauben Sie ihm nur nicht, wenn er Sie anlacht: er beißt sich doch die Lippen blutig vor Schmerzen. O daß der liebe Gott uns das auch noch hat schicken müssen!«
Daß die Greisin recht hatte, sah ich wohl. Der Verstümmelte litt die furchtbarsten Qualen; er lag auch im heftigsten Fieber, und es war ein Fieberlachen, mit welchem er rief:
»Schicken müssen? =Damn!= Wenn der betrunkene Kapitän die Rahen nicht in die Piek setzt, sondern absolut mit vollen Segeln in den Hafen laufen muß, -- wer, zum Teufel, will ihn abhalten, seinen Willen zu haben? O, die Base ist ein guter Hafenmeister und weiß in dem entstehenden Lärm ihr Wort zu sprechen.«
»Lieber Herr,« sagte die Base Schaake, mich leicht mit dem Ellbogen berührend. »Sie müssen ihm seine Reden zugute halten; er hat mich von jeher seinen alten Hafenmeister genannt und ist eben sein ganzes Leben durch zu weit weg gewesen. Und dann sind wir auch von Natur ein Paar unbeholfene Leute; und es freut mich so sehr, wenn das Kind meint, an dem Herrn den Richtigen gefunden zu haben.«
Das bärtige breitschultrige Kind auf dem Marterbette verzog wieder mitten in seinen Schmerzen den Mund zu einem behaglichen Lachen:
»Den Richtigen? Höre, Alte, so gut solltest du mich doch kennen, um mir unbesehen zu glauben, daß ich mein Notfeuer nicht anzünden werde, wenn da eine verdammte malayische Seeräuber-Proa um die Insel kreuzt! Natürlich ist das der Richtige!... und Ihr, Herr, stoßt Euch nur ja nicht an ihre dumme Art; denn daß je eine Henne es mit ihrem Küken besser im Sinne gehabt habe, als sie mit mir, das glaube ich erstens nicht, und zweitens weiß ich das Gegenteil ganz genau.«
Was mich anbetraf, so hatte ich mich selten so schnell in einem Haushalt orientiert, wie in diesem hier. --
Sechzehntes Kapitel.
So saß ich denn am Bette des Verwundeten und sprach ihm zu, wie man mit einem im starken Fieber Liegenden zu sprechen wagt. Ich erzählte ihm, wie ich vorgestern mit seinem alten Freunde, dem Herrn Kunemund, zusammengetroffen sei, und wie alles so wunderlich in der Welt, auch im Schlimmen, sich ineinander schicke. Diesen Gemeinplatz machte ich auch dem »alten Hafenmeister« deutlich, und das weißlockige Zauberweibchen erhub die blauen Augen und schüttelte das Haupt und sagte:
»Der Autor, der Autor, der wird sich auch arg kümmern! Herr, wollen Sie es ihm schreiben in unserem Namen? Bitte, tun Sie es, meinem Kinde zum Gefallen; Sie werden es zu machen wissen, daß er nicht mehr erschrickt, als nötig ist.«
Ich versprach gern, das zu übernehmen, und der Steuermann drückte mir von neuem die Hand und rief:
»Das ist das eine, wozu wir Sie so gut gebrauchen können; aber es ist noch mehr da --«
Er brach ab, und ich erfuhr heute noch nicht, wozu ich ihm noch weiter nützlich sein könne, drang auch nicht in ihn, es mir mitzuteilen, denn die Sonne sank tiefer, und mit dem Abend kam das Fieber heftiger, und der Arzt und der Wundarzt zum neuen Verband. Ich ging als die Doktoren anlangten, und versprach wiederzukommen. Die Greisin begleitete mich vor die Tür und brach da in ein heftiges Weinen aus:
»O Herr, ich bin siebenzig Jahre alt, und ich soll ihm ein Gesicht machen wie ein jung Mädchen, welches am Pfingstsonntage zu Tanze gehen will!« ...
Mit dem Worte in Herz und Hirn nachklingend stand ich wieder in dem Hofe, fand meinen Weg durch die alte Stadt in den schönen Sommerabend hinein und aus dem Tore der Stadt. Da suchte ich den Garten, den Gertrud Tofote geerbt hatte, und fand ihn nicht mehr. -- Der Garten war verschwunden, wie in einem Jahre -- vielleicht weniger als einem Jahre, jener prächtige, alte, düstere Cyriacushof mit seinen jahrhundertelangen Erinnerungszeichen, den ich eben verlassen hatte, verschwunden sein konnte -- verschwunden war. Die damals durch den rotweißen Pfahl angedeutete Straße zog sich, vollständig ausgebaut, mit Kanalisation und Gasleitung über den romantischen Platz hin. Der Teich, in welchen der Stein der Abnahme hineingefallen war, war ausgefüllt, und die Räder des Tages rollten leicht darüber weg. Die hohen, dunkeln Bäume um das Wunderhaus des achtzehnten Säkulums waren niedergehauen, die Blumen und Büsche ausgerissen; und mit den Bäumen, Blumen, Büschen, springenden Wassern, singenden Vögeln und den Schmetterlingen war auch das Wunderhaus verschwunden; -- wunderliche Gebäude freilich waren zu beiden Seiten des macadamisierten Weges dafür in die Höhe gewachsen, und es galt da wirklich, wie es jedermann überall vor Augen hat, mit einer kleinen Abänderung das Wort aus dem Vorspiel zum Faust:
in unsern deutschen _Gassen_ Probiert ein jeder, was er mag.
Welches denn vielleicht der passende Ort zu einer abermaligen mich selbst betreffenden Abschweifung und Anmerkung wäre, oder zur Wiederholung einer schon früher angedeuteten Frage, nämlich: Was gingen grade _mich_ alle diese Leute an? --!
Ich hatte in meinem Leben mancherlei gesehen, erfahren, erlebt, -- hatte das, was man geistige Kämpfe zu nennen pflegt, bestanden, und körperliche gleichfalls. Ich hatte auch vielerlei probiert, hatte nicht einen Felsblock, sondern manch ein rund Dutzend den Berg hinaufgewälzt und dem sofortigen Wiederherunterrollen mit offenem Munde nachgestarrt. Gütiger Himmel, ich schäme mich nicht, es zu sagen, ich hatte manche Träne verschluckt und, ohne mich zu schämen, manchen Schweißtropfen vergossen und manchen Seufzer hervorgestoßen: was gingen mich _diese_ Leute und diese Verhältnisse an?
Ich hatte das Leben und den Tod in meinem Leben einander ablösen gesehen und meine Schlüsse daraus gezogen wie irgendein theoretischer oder praktischer Philosoph: wie kam es, daß ich an diesen Zuständen und Menschen, die mir in den Weg geraten waren, wie Tausende mehr, ein so tiefes, inniges und zugleich so schmerzhaftes Interesse nehmen mußte? Wie geschah es, daß mich das Verschwinden des Gartens Mynheers van Kunemund nicht nur ärgerte, sondern auch so ungemein melancholisch stimmte?
Die Antwort auf alle diese Fragen war leicht zu finden. Die Schicksale dieser guten Menschen und Sachen schlugen sämtlich Töne in meiner Brust an, die lange auf diesen Fingerdruck von außen gewartet hatten. _Mein_ Gefühl und Bangen, _mein_ Unbehagen in der Zeit kam hier zum Anklang, und so ward mir im Tiefsten tragisch das, was jedem andern im Werkeltage, wenn auch vielleicht ein wenig betrüblich, so doch im ganzen recht gleichgültig und nichtsbedeutend erscheinen mußte.
Mit Recht! denn welch ein Glück für die Menschheit ist's, daß sie es gar nicht merkt, wie ihr die Zeit, die Jugend, das Glück, das Märchen, der Zauber, die Schönheit, die Zucht und die Tugend (man gestatte mir die zwei letzten verbrauchten Worte) unter den Händen weggleiten! Keines von alle diesem würde eben noch vorhanden sein, wenn man sein Abblassen, Einschrumpfen, Schwinden und Vergehen augenblicklich merkte und den schlimmen Prozeß diagnostisch, die Hand am Pulse, begleiten könnte. Die Menschheit würde es dann schon längst, längst aufgegeben haben, dem Tage und dem Glücke zu trauen. Sie würde den eben erwähnten Entwickelungs-Fort- und -Abgang merklich beschleunigt haben, -- sie würde einfach ein beschleunigtes Verfahren der langsamen Hinquälerei vorgezogen haben. Die Philosophen nennen das, was das große Tamtam schlägt, das _Ding an sich_ und haben sich unendlich gefreut, als sie das Wort gefunden hatten. Dieses Ding an sich, insofern es durch jedes neugeborene Kind, oder vielmehr durch jegliches Neugeborene sich darstellt, hat noch nie über den Tod nachgedacht. Mit dem ersten Kinde, mit welchem das Wissen des Todes geboren werden wird, ist die Stunde des Weltgerichts vorhanden, und die erste Mücke, die sich mit Vergnügen von der Grasmücke fressen läßt, spricht das Urteil, also -- horchen wir Alten doch noch ein wenig dem sonderbaren, klangvollen Dröhnen in unsern Ohren! --
Ich hatte die neue Straße, über die traumhafte Erinnerung wegschreitend, durchwandert, hatte die verschiedenen Stilarten der frischaufgeschossenen Menschenunterschlupfe ästhetisch-kritisch begutachtet; und, das helle Leben um mich, das Handbuch der Kunstgeschichte im Kopfe, überraschte es mich, als ich mit einem Male vor dem Gitter des Kirchhofes stand, auf welchem man den kleinen, muntern Bruder Autor Kunemunds begraben hatte. Den hatte man noch nicht ausreuten können, den Kirchhof nämlich! Dreißig Jahre und länger verlangt das respektiert zu werden! Es ist recht unangenehm; aber bis dato hat man noch vergeblich sich den Kopf über die Frage zerbrochen, wie der Verdruß abgestellt werden könne; -- die Lebenden haben es so eilig, und die Toten wollen sich Zeit gönnen -- wahrhaftig, es wäre lächerlich, wenn es nicht so sehr, sehr ärgerlich wäre! --
Ich stand vor dem schwarzen, eisernen Gitter, vor welchem auch die neue Prachtstraße hatte Halt machen müssen, und ich blickte hinein und hin auf die Büsche, Bäume und Blumen über den Gewölben und um die Grabhügel. Sie lachten in der Abendsonne, und nicht ohne Grund. Im schönsten Grün lachte der Garten der Toten über die verschwundenen Gärten der Lebendigen; er allein hatte seine Blumen und Vögel und Schmetterlinge behalten, der Ort der Verwesung! und -- ich wendete mich, schritt die neue Straße abermals hinauf, und kaufte im nächsten Buchladen ein Adreßbuch der Stadt, werde es aber den Lesern nicht deutlich zu machen suchen, wie ich gerade jetzt _darauf_ kam.
In diesem Buche des Lebens blätternd und nach allerlei Namen suchend, erreichte ich mein Wirtshaus wieder, bezog am folgenden Morgen eine Privatwohnung und fand mich am Nachmittag zum zweitenmal am Bette des verwundeten Steuermanns Schaake sitzend.
Er befand sich, den Umständen nach, ganz leidlich. Seine Schmerzen wußte er zu verbeißen, und das Fieber trat nicht heftiger auf, als man erwarten konnte. Meinem Besuche hatte er, wie sein alter Hafenkapitän, die schöne, weiße Frau Muhme sagte, mit Sehnsucht und Ungeduld entgegengesehen; und nun waren wir allein, und die Hand auf die Bettdecke des Kranken legend, sagte ich:
»Ich habe mich gestern da und dort ein wenig umgeschaut. Das ist so eine Gärtnerschnurre, die dann und wann gelingt, daß man einen Baum ausreißt, ihn mit dem Gezweig in den Boden gräbt und seinen Spaß und seinen Ruhm davon hat, wenn die Wurzeln wirklich anfangen, Blätter zu treiben. Man nennt das den Gipfel der Kultur, lieber Freund, und ist sehr stolz darauf: was für Früchte unsere Nachkommen aus dem Experiment zwischen die Zähne bekommen werden, können wir freilich heute noch nicht bestimmen, bekümmert uns übrigens auch durchaus nicht. Den Garten, den die kleine Gertrud ererbte, habe ich vergeblich gesucht, aber wo das Fräulein jetzt wohnt, hab' ich in Erfahrung gebracht; und nun, Freund, was ist es mit der Gertrud? was ist aus der Gertrud Tofote, seit jenem Tage, an welchem Sie den Stein der Abnahme aus dem Fenster warfen, geworden?«
Auf diese Frage richtete sich der Steuermann mit einem Ruck auf, der mich bedauern ließ, sie an ihn gestellt zu haben, denn er biß die Zähne vor Schmerz dabei aufeinander und hätte fast den Verband seiner Füße in Unordnung gebracht.
»Unsere Gertrud?... O, ich habe gemeint, der Alte -- ich meine den Meister, -- den Herrn Kunemund, habe Ihnen das schon gesagt!«
Ich schüttelte den Kopf.
»Nicht?... O, unserm Trudchen soll es sehr gut gehen.«
»Sie sagen das mit einem eigentümlichen Tone, lieber Freund. Weshalb wissen Sie nicht mehr oder wollen, wie der Meister, nicht mehr von ihr sagen, als was sich in ein kahles, mattes >Soll< legen läßt?«
Da faßte der Verwundete hastig meine Hand, zog mich näher zu sich heran und flüsterte mir zu:
»Sie haben eben davon gesprochen! Ich hatte damals recht; aber es war schon zu spät! Was half es mir, daß ich den Unglücksstein in der Hinterlassenschaft des alten Sünders fand? Herrgott, was ist aller Nebenwind auf See gegen den, welchen der Flutwechsel auf dem Lande bringt! Das hat auch Gertrud erfahren! Aber es mußte so sein, denn wenn wir ihn meilenweit weggetragen und ihn dann in hunderttausend Stücke zerschlagen hätten, so würde es nichts geholfen haben. Das Unglück ist auf dem Platze geblieben, hat das Wasser in dem Weiher vertrieben und die Bäume vergiftet! Es war eben der Stein der Abnahme, und er allein ist schuld daran, daß die arme Gertrud uns, mich und das alte, liebe Leben aufgegeben hat. Ach, Herr von Schmidt, Sie, der Sie viel unter die Leute kommen, werden ihr gewiß begegnen, und wenn Sie ihr begegnet sind, dann wollen wir -- ich und der Meister Autor Sie fragen, wie es unserer Gertrud Tofote geht!«
Ich fragte heute nicht weiter nach der jungen Dame. Fürs erste wußte ich genug und ging wieder ziemlich melancholisch und verstimmt nach Hause, bald nachdem die weiße blauäugige Muhme hereingekommen war, um meinen Platz am Schmerzenslager des Neffen einzunehmen. Doch, -- auf _eine_ Frage geriet ich noch und erhielt auch Antwort darauf.
Der Unglücksstein mußte freilich gewirkt haben, und es war nur ein Glück, daß jetzt die neue Straße auch über ihn hinwegführte, und er also auf Nimmerwiedersehen begraben worden war und keinen weitern Schaden mehr anrichten konnte. Ich bemerkte dergleichen, und der Kranke richtete sich von neuem empor und rief kläglich in seinem Fieber:
»Wissen Sie das gewiß? Ich nicht!... Wer kann sagen, wer ihn aus dem Teiche auffischte? wer weiß, wer ihn voller Vergnügen mit sich nach Hause nahm, als das Wasser des Tümpels abgelassen worden war, und der Schlamm offen zum Durchwühlen dalag? Man soll absonderliche Kuriositäten in dem Schlamme gefunden haben; ach, Herr von Schmidt, und fragen Sie nur den Meister Kunemund danach, der wird's Ihnen schon sagen, daß das Unglück sich nicht so leicht verbraucht in der Welt. Was Schaden bringt und Unheil stiftet, hat meist immer eine gute Gesundheit. O, es wird sicherlich jemand das Ding wiedergefunden haben und dafür büßen müssen!«
»Wir wollen es nicht hoffen,« sagte ich, und dann tat ich meine letzte Frage, als die Muhme Schaake bereits auf meinem Stuhle saß.
»Noch einer! Da war noch ein Erbstück des Mynheer; -- der Mohr, der -- wie hieß er doch? der Signor Ceretto! Lebt er noch, und was ist aus ihm geworden?«
»O der Nigger!« rief der Steuermann, und trotz allem Elend und Jammer ging ein Lächeln über sein Gesicht. »Ei freilich lebt der noch und gottlob dazu gesagt! Sie, unsre Gertrud schleppt ihn mit sich herum; er gehört zu ihrem Haushalt, wenn er das vielleicht auch nur seiner Farbe zu danken hat. Wissen Sie, lieber Herr, wenn Sie dem Fräulein begegnen, dann werden Sie auch wohl den Nigger zu Gesichte kriegen, und, bitte, dann grüßen Sie ihn recht schön von mir!«
Siebenzehntes Kapitel.
Es fehlen an der Leiter, die in den Brunnen hinunterreichen soll, immer einige Sprossen, hatte mir einmal bei einer andern Gelegenheit der Meister Autor gesagt; ich hatte es, das Wort, richtig befunden, es, wie man weiß, dann und wann weiter gegeben, und es bewährte sich auch diesesmal. Ich hatte den Alten kurz und bündig, wie es sich ihm gegenüber gehörte, von dem Unglücksfall, der seinen Freund Karl Schaake betroffen hatte, in Kenntnis gesetzt; wir erwarteten im Cyriacihofe seine eilige Ankunft mit jeglichem Eisenbahnzug, er aber blieb aus. Wie sich's später auswies, war mein Schreiben richtig angelangt, hatte den Alten jedoch nicht zu Hause getroffen. Ein anderer Brief war vor dem meinigen gekommen, ein absonderliches Dokument, das _die_ Alte in _ihrem_ Dorfe einem Schulkinde in die Feder diktiert hatte. Darin stand denn zu lesen, daß es ihr, der Alten, gottsjämmerlich jammervoll ergehe, daß sie, die es zu allen Zeiten so gut mit dieser schlechten Welt im Sinne gehabt habe, jetzo von der ganzen Bauerschaft als ein Scheuel und Greuel vor die Feldmark gesetzt werden solle, und zwar mit Zurücklassung all ihrer Habseligkeit von wegen aufgewendeter Gemeindekosten.
»Alle seind mir aufsässig,« schrieb das Schulkind. »Sie verschimpfieren mir, wie man es keinem Hund und keiner Katze bietet. Sie hohnnecken mir bei Tag und Nächten, daß ich mich von Tage tun möchte, jedwedes Mal, daß mir die Sonne aufgeht. Sie zerren mich herum, jung und alt, wie eine tote Katze in der Gosse; sie betitulieren mich, wo ich mir sehen lasse, daß es eine Schande ist, und die, die es am wenigsten leiden sollten, sind die Ärgsten. Der Vorsteher sagt, das sei, weil ich es mit allen verdorben habe, aber, Kunemund, er lügt in seinen Balg hinein, und das will ich ihm dermaleinst vor Gottes Thron in das Gesicht sagen, und Er, Meister Kunemund, soll es mir bezeugen, denn Er kennt mich! Lieber Gott, wenn du mich nur hinnehmen wolltest, das ist mein einzigstes Gebet, wenn sie mir wieder vor die Tür hofiert und in den Kaffeekessel -- haben. Es ist nicht zum Aushalten, Meister Autor, und dazu einen so alt -- so alt werden zu lassen, das ist Unrecht, und das will ich auch dermaleinst vertreten, der liebe Herrgott mag's mir verzeihen. Du lieber Himmel, wenn ich an den Arend jetzt denke und an Sie, Herr Kunemund, und an die Gertrud und die Hunde und das übrige Vieh und das ganze gute alte Leben, so könnte ich mir mein Hemde in meinen Tränen waschen; denn so ist es, und so gut wird es mir niemals wieder. Aus tiefer Not schrei ich zu dir, steht im Gesangbuch, und welche Nummer der Pastor alle Sonntage auch singen lassen mag, was mich anbetrifft, so höre und singe ich nur das eine, wie sich auch der Kantor vor der Orgel die Seele herausdrücken und Hände und Füße abdrücken mag mit Wie viele Freuden dank ich dir, oder Dir Gott, dir will ich fröhlich singen, oder Mein Herz, ermuntre dich zum Preise, oder Wie groß ist des Allmächtigen Güte, ist der ein Mensch, den sie nicht rührt? Nein, liebster Herr Kunemund, ich bin kein Mensch mehr, o, und wenn ich es ihnen nur geben könnte, wie sie es mir gegeben haben und tagtäglich geben, so sollte sich die Landesbrandkasse wirklich darüber verwundern, und damit, Kunemund, wende ich mich in meinen höchsten Nöten an Ihn« -- usw....
Auf diesen Brief hin hatte sich der Meister Autor natürlich sofort auf die Socken gemacht und die Wanderschaft zu der »Alten« angetreten; mein Schreiben aber lag beim Vorsteher, und da es zufällig unter seine sonstigen Papiere und Schreibereien geriet, so wurde es auch, als der Meister Autor mit der Alten zurückgekommen war, keineswegs sofort an ihn ausgeliefert; -- den Brief der Alten an den Meister bewahre ich als ein kostbares Kleinod unter meinen Papieren. »Mit meinen fröhlichen Redensarten, die sich an den Spaß knüpfen, will ich Ihnen lieber nicht aufwarten,« sagte Herr Kunemund, als ich ihm das Dokument glücklich abgeschmeichelt hatte; und nun will ich weiter erzählen. --
»Ich habe schon einmal die Ehre gehabt, Ihnen zu begegnen, mein gnädiges Fräulein,« sprach ich mit einer tiefen Verbeugung zu der glanzvollen Erscheinung, der mich mein Freund, der Hofrat (wie in einer alten, alten Komödie) zuführte und vorstellte.
Die großen Augen erhoben sich verwundert fragend, und das Kind aus dem Musterforst, die so sehr stattlich gewordene Elfe lächelte:
»Wirklich? O aber es wäre mir sehr interessant, zu erfahren Wo und Wie. Ich bitte --«
Und sie machte mir Platz neben sich auf dem Divan und lud mich mit der zierlichsten Fächerbewegung ein, mich zu setzen, was ich mit Vergnügen tat, während der Herr Hofrat sich im Kreise der Gesellschaft verlor, und uns, wie es schien auch nicht ungern, uns selber überließ.
»Wir taten einst einen wunderlich verhängnisvollen Gang zusammen, mein Fräulein,« sagte ich. »Ein guter Bekannter von uns beiden hatte mich dazu eingeladen und abgeholt, und so ging ich mit als Chorus tief in das Märchen hinein und sah das zuckerige Haus mitten im Zaubergarten. Ich hatte eigentlich nicht recht daran glauben wollen, aber ich überzeugte mich, daß alles so vorhanden war, wie die Geschichte und die Geschichten es uns berichten. Nichts fehlte! weder die Wände aus Honigkuchen, noch das Dach aus Eierkuchen, noch die Fensterscheiben aus Bonbontafeln. Und nun bin ich wieder über den Platz geschritten und habe leider gefunden, daß der Wind -- der Wind, das himmlische Kind, sein Spiel während der letzten Jahre ein wenig arg getrieben hat; die Heerstraße führt mitten durch den Märchenwald, mein Fräulein, die Dekorationen haben sich merkwürdig verschoben, und wir alle haben mit daran rücken müssen.«
Das schöne Mädchen sah mich betroffen an und drückte den zusammengelegten Fächer an den Mund; dann aber faßte sie sich schnell genug und rief:
»Mein Gott ja, das ist ja aber auch wahr! Sie waren in der Tat dabei zugegen, als mir des Onkels Erbschaft übergeben wurde! Das waren freilich sonderbare Zustände, an die Sie mich da erinnern! Der Onkel Kunemund hatte mich in jenem schrecklichen Gasthause abgesetzt, um Sie zu seinem eigenen Troste herbeizuschaffen; und dann gingen Sie mit uns zu dem verwilderten Garten und dem unheimlichen alten Hause. Ei ja, ja, nicht wahr, das alles hat sich seltsam verändert? Dekorationen und Akteure sind andere geworden, und unter den letztern hab' auch ich mein Kostüm gewechselt; -- finden Sie nicht?«
»Gewiß!« sagte ich, verbindlich mich neigend und überzeugte mich verstohlen von neuem, daß der Meister Autor vollkommen genau gesehen hatte, wenn oder als er das Nämliche gefunden hatte. Dann fuhr ich fort: »Ich war längere Jahre abwesend von dieser Stadt und habe meinerseits gleichfalls die Bilder im Guckkasten in bunter Folge wechseln gesehen. Überall verschiebt die Welt sich, mein teures Fräulein, und sonderbarerweise meistens ohne daß wir es bemerken; das Buch Hiob hat heute in dieser Beziehung in demselben Grade recht wie zur Zeit seiner Abfassung. Wie in den Tagen des Mannes von Uz geht der Herr vorbei, ohne daß wir es gewahr werden; aber manchem alten guten Bekannten bin ich seit meiner Rückkehr doch wieder nahe gekommen. Haben Sie in der letzten Zeit Nachrichten von unserm Freunde, dem Herrn Kunemund erhalten?«
»Nei--n, mein Herr,« sagte das Fräulein, und ich beobachtete dabei leider auch ein etwas mißmutiges Emporziehen der feinen runden Schultern, ließ mich jedoch selbstverständlich nicht dadurch irr machen, sondern fuhr heiter fort: