Meister Autor; oder, die Geschichten vom versunkenen Garten

Part 5

Chapter 53,814 wordsPublic domain

Der Schnellzug hielt im freien Felde, ungefähr eine halbe Stunde von der Station, und während fünf Minuten unterhielten sich die Reisenden in sämtlichen Wagen, in der Erwartung, daß es sogleich weiter gehen werde, ruhig über die möglichen Gründe des plötzlichen Anhaltens. Nach einer weiteren Minute bogen sich die ungeduldigeren Passagiere aus den Fenstern, um sich nach diesen Gründen umzusehen, und einen kürzesten Moment später bot die lange Wagenreihe mit den daraus hervorguckenden Köpfen den Anblick einer Straßenseite, wenn drunten in der Gasse etwas ganz Außergewöhnliches vorgegangen ist oder vorgeht. Wenn nun aber auch kein Kanarienvogel der zärtlichen Pflege seiner altjüngferlichen Herrin entschlüpft war, so war nichtsdestoweniger etwas, wenn auch nicht Außergewöhnliches, so doch gewiß ziemlich Aufregendes passiert, zumal für diejenigen, welche dergleichen noch nicht auf ihren Reisen erlebt hatten.

»Personen- und Güterzug entgleist ... Bahn unfahrbar!... Heizer und Lokomotivführer tot, viele Passagiere verwundet!« ging es plötzlich von Mund zu Munde durch alle Klassen des Zuges, und die bereits am Rande der Böschung in Gruppen stehenden Schaffner ließen sich nunmehr allgemach herbei, die Nachricht zu bestätigen und fingen auf Befehl des Zugführers an, die Wagentüren zu öffnen.

Allgemeines Herausklettern -- Durcheinander von Frage und Antwort -- hie und da Mitleid und Entsetzen in den Mienen; aber meistens doch nur, je nach dem Charakter oder der Eile der persönlichen Reisenot heftiges Gestikulieren, leises Murren und lautes Schimpfen! Wer es schon mitgemacht hat, weiß es, wie die Welt in solcher Lage sich gibt; wer noch nicht im freien Felde vor die Alternative gestellt wurde, in dem Coupé zu übernachten, oder nach eigenem Können und Vermögen seinen Weg über das Hindernis da vorn auf dem Geleise zu suchen, der mag sich selber den Puls fühlen. --

Was mich anbetraf, so hatte ich wenig zu versäumen, und nachdem mir die Gewißheit geworden war, daß für eine längere Zeit an ein Freiwerden der Bahn und ein Weiterfahren des Zuges nicht zu denken sei, ergab ich mich gleichmütig in die Situation, sah mich um und suchte mich in der Gegend zurecht zu finden.

Wir hielten in der Ebene, wie gesagt, eine halbe Lokomotivviertelstunde von der nächsten Station entfernt, hatten also einen ziemlich beträchtlichen Weg, und zwar auf sehr schlechtem und gar noch dazu durch ein heftiges Gewitter am frühen Morgen aufgeweichtem und grundlos gemachtem Pfade zu dem Orte hin. Aber es war ein herrlicher, klarer, sonniger und doch durch eben jenes Morgengewitter erfrischter Sommernachmittag, und es gab schlimmere Klemmen als die meinige im menschlichen Leben: ich wenigstens hatte schlimmere und zwar ziemlich heiter überwunden, wenn auch dann und wann nur aus dem einfachen Grunde, weil ich mußte.

Ich hatte mich bald in der Gegend zurechtgefunden. In der Ferne, gegen Nordost zog sich wieder einmal der Elmwald hin; in der hügeligen Ebene zwischen dem Walde und der Eisenbahn, ungefähr eine Viertelwegstunde von der letztern lag ein Dorf in Gebüsch, Wiesen und Kornfeldern, und der Weg, den wir sämtlich zu treten hatten, wenn wir das Hindernis vor uns umgehen wollten, führte durch dieses Dorf. Zu Haufen und einzeln, teilweise schwer genug mit ihrem Gepäck belastet, schritten die Insassen des Bahnzuges den roten Dächern zu; ich aber, mit ein wenig besserm Humor für das Ertragen der Verdrießlichkeit ausgerüstet, ließ den Schwarm voranziehen. Eine Zigarre anzündend, klomm ich ihm den Hohlweg hinauf langsam bis auf die Höhe nach, erstieg dann die Böschung und saß am Rande eines unübersehbaren Weizenfeldes unter einem schattigen Fliederbusche nieder, und zwar in ziemlich eigentümlicher Stimmung.

Da war eben noch der wirreste Lärm, das Rasseln der Räder, das Geschwätz der Mitreisenden, das Ächzen der Maschine, kurz der Dampf, Qualm und die Musik der ganzen kostbaren Erfindung um mich gewesen und jetzt -- die tiefste Stille -- bis auf die Lerchen über mir im Blau und die Grille neben mir im Thymianbusch. Und, weithin zu überblicken, lag die Ebene im Sonnenduft, und im Süden das Gebirge im weißlichen Glanze. In Schlangenlinien zog sich der Bahnkörper durch die Fläche und um die Hügel, hier verschwindend, dort von neuem auftauchend, bis sich die Windungen im Dunste der Ferne verloren. Die Sonne glitzerte auf den Schienen; und dort, zwei- bis dreihundert Schritte von meinem grünen Busche entfernt, zwanzig Fuß tiefer als er, lag wie ein verendendes Ungeheuer der schwarze lange Wagenzug mit dem nur noch leise auskeuchenden Kopfe des Drachens, der Lokomotive. Nur die Beamten -- der Lokomotivführer, Heizer und Schaffner waren noch um die Wagen beschäftigt, und in den ersten Klassen hatten einige verdrießliche Herrschaften von beiden Geschlechtern verzweiflungsmatt ihre Plätze festgehalten.

»Wie schön doch die Welt geblieben ist!« sagte ich erstaunt. »Gütiger Himmel, und das liegt noch immer dicht neben uns, und lächelt uns mitleidig nach, während wir da vorüberrasen, befangen im Wahn in dem wüsten Gelärm durch eigenes Mitlärmen, Mitkeuchen und Mitgreifen das zu gewinnen, woran wir längst vorbeigewirbelt wurden. Welch eine Fratze schneidet uns unser eigenes Leben, wenn wir es einmal in der rechten Beleuchtung anschauen! Meine Herrschaften, da wäre die Gelegenheit, für die, die da lachten, zum Weinen, und für die, die da weinten, zu einem Lachen zu kommen! O verflucht, lieber von Schmidt!«

Ich hätte in dieser märchenhaften Stimmung fast die Zigarre als eine =frivolitas frivolitatum= in den Hohlweg hinunter und der Eisenbahn zugeworfen, tat es aber natürlich doch lieber nicht, sondern blinzelte behaglich mit einem befreienden Atemzug in das Bessere, ohne das Gute zu verwerfen, bis das Märchen noch freundlicher seine Hand mir in die helle sonnenvolle Stunde hinein und entgegen streckte, und mir die Gelegenheit bot, die beste Bekanntschaft, die ich in der Gegend hatte, zu erneuern.

Der goldene Weizen dicht hinter mir sang leise im leichten Winde. Die letzten Passagiere hatten sich längst aus meinem Gesichts- und Gehörkreise verloren, als das Gebell eines Hundes und der Schall von Fußtritten im Korn mich bewog, mich langsam und widerwillig nach der Störung hin umzudrehen. Ein enger Pfad durchschnitt querüber die gelben Wellen der Halme und Ähren und mündete, ungefähr sechs Schritte von meinem Ruheplatze, in den Hohl- und Dorfweg hernieder leitend. Auf diesem kaum fußbreiten Pfade durch das hohe Korn bewegte sich ein breitkrämpiger grüner Filzhut mir entgegen -- kam ein Mann, ein alter weißköpfiger Mann, mit bereiftem Kinn, lang, schlotterig und gebückt, die kurze Pfeife im Munde, und dicht vor den Füßen begleitet oder besser geleitet von einem, dem Anschein nach, nicht mehr jungen Dachshunde, und trat, als ich grade die Hand über die Augen legte, um die malerische Erscheinung genauer zu betrachten, an den Rand des Hohlweges mit der Absicht, in ihn hinunterzusteigen.

So viele Leute ich während der letzten Jahre aus dem Gedächtnis verloren hatte, den Meister Autor Kunemund hatte ich nicht daraus verloren und -- hier war der Meister Autor!

Unverkennbar war er es! ein wenig greisenhafter und körperlich gebrochener, auch wohl noch ein wenig blinder, aber doch der ganze Meister Kunemund!

Mit einem Rufe der freudigsten Überraschung sprang ich in die Höhe und rief den guten Namen, und jetzt legte auch der Alte die Hand über die Augen, und so standen wir und sahen uns an. --

Er erkannte mich natürlicherweise nicht sofort und wollte eben nach einem kurzen höflichen Gruße weiter gehen, der Eisenbahn zu, als ich ihm den Weg vertrat und ihm die Hand bot.

»Wir waren einmal gute Freunde, Herr Kunemund,« sagte ich. »Und ich hoffe, daß wir uns als solche heute wiederfinden.«

Nun nannte ich ihm meinen Namen, und er rückte mir rasch unter die Nase zu genauester Betrachtung, und dann ging ein breites Lächeln des Erkennens ihm über die verwitterten Züge; er schüttelte mir kräftiglich die Hand und rief:

»Herr, sieh, sieh, das freut mich, das freut mich aber wirklich! Sehen Sie, lieber Herr Bergrat, grade an Sie habe ich eben noch gedacht, und wie oft ich die letzten Zeiten hindurch an Sie gedacht habe und Sie gern einmal gesprochen hätte, das kann nur ich alleine wissen. Also aber vor allem andern, Ihnen geht es doch nach Wunsch in der Welt?«

Wem geht es eigentlich nach Wunsch in der Welt? Wem ging es irgend einmal zu irgendeiner Zeit danach? Ich zuckte die Achseln, doch da ich augenblicklich wenigstens mich über einen außergewöhnlich scharf zubeißenden Lebensverdruß nicht zu beklagen hatte, so rief ich: »Man soll um Gottes willen die Götter nicht eitel machen; ich werde mich sehr hüten, sie zu loben; aber sonst, jawohl, geht es mir ganz gut!« und damit gab ich ihm seine Frage zurück. Da zog auch der Alte die Schulter in die Höhe, und ich brauchte die Bestätigung durch sein Wort nicht abzuwarten; ich sah es schon selber, daß es ihm nicht gut ging, und daß der Staub und Dampf der Erde ihn doch noch ein wenig mehr als mich zugedeckt habe und überwölkt halte. Ich sah schon auf den zweiten Blick, daß der Meister Autor der Mann nicht mehr war, den wir einstens, an einem Sommertage im Walde getroffen hatten, das Kind hütend, und mit dem Kinde geheimnisvolle Wunder in der Einsamkeit erlebend -- er war heute vielleicht noch etwas mehr!

»Nun, ich bin auch noch ganz zufrieden, lieber Herr,« sagte der Greis; allein das Wort kam zögernd heraus, und er brach ab und fragte: »Was ist denn dorten passiert auf der Bahn? Ich hörte im Felde von einem, daß ein Unglück geschehen sei, und kam, um nachzusehen. Sind Sie auch mit betroffen, Herr?«

Ich beruhigte ihn und gab ihm Nachricht und Auskunft über den Vorfall, soviel ich davon zu vergeben hatte.

»Ihre Hülfe ist da unten nicht vonnöten, Herr Kunemund. Ihr wißt freilich manchen Zauberspruch, Meister; aber ein Eisenbahngeleise macht Ihr doch noch nicht frei durch Euren guten Willen. Also wenn Sie es sonst nicht eilig haben, verehrter Freund, so gönnen Sie mir ein Viertelstündchen Ihre Gesellschaft. Sehen Sie, da habe ich unter dem Busch gesessen in nicht unfröhlichen Gedanken, und jetzt kommen Sie durch das Weizenfeld, der Mann, der mir vor allen Menschen notwendig war, die gute Stunde zu vollenden! Es geschehen doch noch Wunder, und das Wurzelwerk und Kraut hier unterm Busch ist auch nicht ohne Grund zu einem Sitz für uns beide zurechtgemacht. Setzen wir uns, und dann, Meister, Meister, wie geht es im Walde? Was macht das Haus mit den Hirschgeweihen auf den Giebeln? was kocht die Alte? und was macht der Förster und Euer wunderschönes Pflegekind, die Gertrud Tofote, die ein so reiches Mädchen geworden war, als wir uns zuletzt sahen -- wißt Ihr noch? Wahrhaftig, ich verwirre mich fast; nach so vielen guten Bekannten und Freunden habe ich mich bei Euch zu erkundigen!«

»Da wird es freilich besser sein, daß Sie mir einen Platz an Ihrer Seite geben, lieber Herr. Man fragt eben nicht nach vielen Leuten in der Welt, wenn es Freunde sind, ohne daß man eine ausführliche Antwort erwartet. Ich habe wohl Zeit zu allem; aber wissen Sie ganz gewiß, daß Sie dergleichen haben? Ich habe es oft gefunden, daß die Leute sich hierin irren, als worauf sie dann selber sich ärgern und man selber den Verdruß davon hat.«

Zwölftes Kapitel.

Wir saßen beieinander am Rain, im Schatten und doch in der Sonne. Der Thymian roch noch immer sehr gut, die Grille sang, die Lerche sang und das Ährenfeld sang auch, und zu allem andern ließ sich jetzt auch noch eine Wachtel aus dem Weizen vernehmen; aber der alte Zauberer sagte trüblich:

»Also erstens, ich wohne nicht mehr im Walde!«

»Was, Sie wohnen nicht mehr im Walde?«

Er schüttelte den Kopf:

»Nein. Und der Arend auch nicht mehr, und die Alte desgleichen. Ein neuer Förster sitzt an unserer Stelle, und die Forstbehörde hat ihm das Haus restauriert; das heißt, als man auf sein Geschrei anhub, es ihm zu erneuern, ging es natürlich ganz aus den Fugen, und so hat man ihm ein ganz neues hinsetzen müssen. O das ist wunderschön, sie nennen es gotisch und haben lange drauf studiert, bis sie die Form herausgebracht haben, sagt man, aber jetzo haben sie sie heraus, und nun geht sie ihnen leicht genug ab, an jeglicher Stelle, wo man ihnen den Platz dazu anweist. Ja Herr, was Sie damals von und an uns kannten, das ist alles nicht mehr vorhanden. Alles zerstreut -- verkauft -- ins Blaue gejagt! Ich auch; aber ich bin gottlob auch der einzige, der es noch nicht verwunden hat. Danke, Herr, den andern geht es recht wohl.«

»Meister, Meister?!... Meister, was ist das? Seine Freunde soll man nicht durch unnütze Reden quälen. Laßt mich alles hören und so schnell als möglich! Wie geht es dem Förster? Was ist aus Fräulein Gertrud geworden?«

»O, _der_ geht es sehr, sehr gut. Danke schön!« sagte der Alte, den Kopf womöglich noch tiefer auf die Brust herabsinken lassend.

»Gottlob! Und ihr Vater wird bei ihr wohnen, und die Alte gleichfalls -- was jagt Ihr einem für einen unnötigen Schrecken ein! -- Sie alter Sünder werden nur hier Ihren eigenen schnurrigen Willen für sich allein weiter haben wollen, und in melancholischen Augenblicken wie zum Exempel jetzt haben Sie dann freilich alle Zeit, sich über sich selber zu ärgern.«

Der Greis schüttelte wiederum den Kopf, aber diesmal lachte er dazu; wahrlich er lachte, und zwar ganz behaglich, als er mir entgegnete:

»Ganz so, wie Sie es sich vorstellen, ist die Geschichte doch nicht, lieber Herr. Der Arend Tofote hat freilich bei unserem Kinde sein Quartier genommen, aber ausgehalten hat er das nicht lange. Zuletzt wollte er seinen schnurrigen Willen auch allein haben, und so hat er sich denn begraben lassen, und zwar als er auf Besuch bei mir da im Dorfe war. Dort drüben jenseits des Weges auf dem Kirchhof im Felde liegt er; und die Alte ist zu ihrer Vetterschaft hinter dem Walde gezogen; ich hingegen, lieber Herr, wissen Sie, spiele hier den Maulwurf auf der Schaufel; aber Vergnügen macht es mir gerade nicht. Nur wer jemals selber den Maulwurf auf der Schaufel hat spielen müssen, kann darüber nachsagen oder nur ein Wort mitreden.«

»Wahrlich!« rief ich mit heftigstem Nachdruck aus der Mitte meines Schreckens heraus; aber ich sagte weiter nichts, denn ich hatte nun allmählich wohl merken müssen, daß hier mit einiger Vorsicht aufzutreten sei. Ich unterbrach also das Schweigen, in welches der Meister Autor versunken war, nicht; sondern ich ließ ihn seinen eigenen Weg durch seine Erlebnisse gehen, in der festen Gewißheit, daß er mich baldigst auffordern werde, ihm auf demselben zu folgen. Und so geschah es auch. --

Der Himmel war blau über uns, freudig-lockend das ferne Gebirge, grün der nähere Elmwald. Die Schmetterlinge umflatterten uns, die roten und blauen Blumen am Rande des Kornfeldes nickten uns lieblich zu, im Dornbusch und im Fliederbusch war's lebendig und kroch und summte es, und die Lerchen und die Wachtel wollten auch nicht still werden. Die Welt war sehr schön, selbst an dieser eigentlich ziemlich unschönen und ganz und gar nicht romantischen Stelle; aber ein schauerlich Grauen ob der Gewißheit, daß mir von neuem einmal gezeigt werde, daß sie ebenso häßlich als schön sei, durchfröstelte und überkroch mich. Notwendig erschien mir das neue =argumentum ad hominem= grade nicht, und ich würde mit Vergnügen Verzicht darauf geleistet haben.

Nachdem der Alte lange genug geschwiegen hatte, sah er auf und sagte mit einem letzten Blick auf den bewegungslosen Bahnzug:

»Ich hatte mir vorgestellt, daß man da vielleicht eine Handreichung brauchen könne, wenn dem aber nicht so ist, so meine ich, wir gehen weiter, lieber Herr; und, Herr Bergrat, da ich Sie doch einmal wieder zu meinem großen Vergnügen so unvermutet getroffen habe, so habe ich jetzo auch eine Bitte an Sie. Kommen Sie auf ein Viertelstündchen in meine Stube! Sehen Sie es sich einmal an, wo ich untergeschlupft bin! Sie tun ein gutes Werk an einem nichtsnutzigen, überflüssigen Gesellen, der noch nie in der Welt sich zurechtfinden konnte, und der jetzt ganz an den Nagel gehängt ist, wie ein Junggesellen-Bratenrock, in den, statt des jungen Nachwuchses, die Motten kamen. Ja ihr, die ihr euch da umtreibt (er wies auf die glitzernden Eisenschienen, die sich durch die Landschaft zogen), ihr, die ihr alles, was euch passiert, von einem Tage zum andern zu nehmen wißt, ihr könnt euch freilich nicht in unser Gemüte hineinversetzen.«

»Herr Kunemund,« sagte ich, »wann fehlen der Leiter, die in einen Brunnen hinunterreichen soll, _nicht_ einige Sprossen!«

Ich hätte mich eines philosophischen Ausdrucks bedienen können, ich hätte mich höchst schulgerecht ausdrücken können; aber da mich der Meister verstand, so war's nicht vonnöten; und zu allem Übrigen war die Redensart auch ganz und gar sein Eigentum und nicht das meinige. Er klopfte mich freundlich auf die Schulter, und wir standen auf aus dem Gras, Moos und Thymian.

Das schwere, mühselige Sichemporheben des Alters bekümmerte mich bei dem greisen Freunde jetzt ebenfalls noch; ich half ihm höflich, und wir gingen dem Dorfe zu, ohne auf dem Wege noch ein Weiteres miteinander zu reden. --

Im Dorfe herrschte noch immer eine gewisse, ganz kuriose großstädtische Bewegung. Wie ein Schwarm Stare in ein Röhricht fällt, so hatte sich das sozusagen allgemein europäische Publikum von dem aufgehaltenen Schnellzuge auf das erstaunte winzige Gemeinwesen niedergeschlagen, und allerlei Volk, das durchaus nicht dahin gehörte, erfüllte die Gasse. Die Dorfleute sahen mit den allergrößesten Augen in das so plötzlich über sie hereingebrochene Wesen und Treiben hinein, und die höflicheren Bauern und Bäuerinnen hatten auch wohl schon einige Stühle und Bänke für die unvermuteten Gäste in den Schatten ihrer Gras- und Baumgärten hinausgeschafft und den Besuch zum Hinsetzen eingeladen. Über die Schenke, den Dorfkrug, hatte sich ein bunter Haufen ohne Unterschied des Standes und der Wagenklasse hingestürzt, um das vorhandene Getränk zu vertilgen und über es und die armselige Kneipe herzhaft und unglimpflich loszuziehen. Es war eine närrische Bewegung, und als wir hineintraten, machte auch der Meister Kunemund große Augen; aber nicht lange.

Der Meister führte mich, nachdem er sich vergewissert hatte, wie die Sachen standen, ohne weiter nach rechts und links zu sehen, die Dorfgasse entlang. Und so kamen wir denn, ohne aufgehalten zu werden, zu seiner Wohnung am entgegengesetzten Ende der Gemeinde, einer ärmlichen Hütte, zu der man über einen Steg, der über ein mit saftigem Grün bewachsenes, fußbreit hinrieselndes Wässerchen führte, gelangte. Eine armselige Hütte, doch von Bäumen und Hecken umgeben, also zu dieser Jahreszeit gar nicht übel in die Welt hineingebaut, ja ganz behaglich und idyllisch in dieselbe hingelegt. --

»Da lebe ich denn wieder und bin zurückgekommen dahin, woher ich kam,« sagte Herr Kunemund. »Da hinter dem Fenster stand meines Vaters Webstuhl; die Bank hier vor dem Fenster hat er noch meiner Mutter aus Feldsteinen aufgeschichtet. Da sind wir beide geboren, ich und mein kleiner Bruder; daß der Tofote, der Arend, drin sterben mußte, ist viel merkwürdiger, als daß ich darin meine letzte Stunde in Geduld abzuwarten habe. Was sagen Sie, Herr? Vorhin hatten Sie große Lust, mich einen armen Tropf und Teufel zu nennen. Haben Sie noch Lust dazu? Nicht wahr, ich habe mein Maß doch noch um vieles besser als viele Leute auf der Erde zugemessen erhalten? Es stirbt nicht jeder in seinem Vaterhause.«

»Was das anbetrifft, so haben Sie es freilich gar nicht so übel getroffen!« erwiderte ich, mit vollstem, innigstem Ernste auf den Ton des Greises eingehend. Er aber nickte wieder, und diesmal nickte er ganz behaglich dazu. Nachher lud er mich durch eine, fast zierlich zu nennende Handbewegung ein, den ausgetretenen Steg mit dem vermorschten Astloch in der Mitten, und die Schwelle seines Hauses zu überschreiten. Er ging mir voran, ihm folgte der alte Dachs, und dem Dachs folgte ich, und jetzt, in diesem Moment, senkten sich mir die Gegensätze des am heutigen Tage Erlebten von neuem scharf in die Seele.

Auf die lange heiße schnelle Fahrt durch das neunzehnte Jahrhundert der unvermutete Stillestand und der jähe Schrecken! Mitten im wirbelndsten Leben die aufdringliche Kunde von den Trümmern und dem Tode da vorn auf der anscheinend so glatten Bahn! Dann die stillen, erstaunten Minuten in der Einsamkeit des Feldes, am duftig-begrünten Hang des Hohlweges -- die weite Aussicht in die lachende, beweglich-unbewegte Ferne! Und nun?

Nun das -- _das_, was immer bei allem Getümmel und Getöse der armen Welt doch zur Seite -- da hinter dem Hügelzug -- hinter dem Walde, hinter der Mauer des kleinen Gartens -- hinter den Fenstern des Hauses, an welchem wir vorüber fliegen -- -- hinter dem Gewühl in der eigenen Brust sich weiter, weiter spinnt, immerfort sich weiter spinnt: das große, offenkundige Geheimnis! Ja das, was Hunderttausende von Meilen ferne von uns liegt, und in welches uns doch ein Schritt hineinführt! das Aller-Welt-Weisheit-Volle -- das, was hinter allen Dingen liegt, die uns im Augenblick größer als es dünken, meine Herrschaften: die Stille des Vegetierens, die Stille des Urgrundes -- der ungekräuselte, dunkele, schrecklich-schöne Spiegel, durch den aller Aufruhr in uns, meine Herren und Damen, und außer uns, meine Herren und Damen, doch nur wie Bild an Bild nichtsbedeutender Zufälligkeit fließt! -- --

Ich nahm den Hut ab auf dieser Schwelle; denn der Meister Autor hatte mich gewarnt: »Stoßen Sie sich nicht an den Kopf!«, und nur selten war die rege, durcheinanderwimmelnde Welt, soweit sie mich anging, so ganz und vollkommen zu Nichts geworden, hinter mir versunken, wie jetzt bei diesem Eintritt in das Haus des Meisters Autor Kunemund.

Dreizehntes Kapitel.

Wir standen beide gebückt unter der niedern Stubendecke.

»Nehmen Sie es nur nicht übel,« sagt mein Führer, »mein Vater und meine Mutter waren alle zwei kleines Volk, und auch mein kleiner Bruder ist da nicht aus der Art geschlagen: ich wollte nur, Sie hätten ihn persönlich kennen gelernt. Was mich anbetrifft, so habe ich freilich in dem alten Nest so eine Art von Kuckuck ausgemacht.«

Selten hatte ein Vergleich äußerlich so wohl und innerlich so schlecht gepaßt. Ich äußerte derartiges, und Herr Kunemund fragte lächelnd:

»Meinen Sie?« und fügte hinzu: »aber sie nannten mich in meiner Kinderzeit im Dorfe stets den Kuckuck, und als ich neulich heimkam, hat's mich fast verwundert, daß sie mich nicht durchgängig noch so riefen. Da sieht man aber, wie man aus der Menschheit herauswächst und alt wird, -- das erstemal als mich ein zahnlos Weibchen ansprach, wie es sich gehörte, ist's mir ordentlich warm über die Leber gelaufen; aber kein halb Dutzend reicht noch zu mir hin und hinunter und spricht mich an: Na, Kuckuck, wie geht es denn?!«

»Wie Sie sagten, hat auch der Herr Förster Tofote hier bei Ihnen gewohnt?!«

»Richtig, und das war im Grunde ebenso wunderbar denn der Arend, sehen Sie, maß auch gut seine sechs Fuß drei Zoll, wenn nicht mehr, und hat sich also gleicherweise hier zwischen den Wänden, unter den Balken und auf der Bank arg zusammenklappen müssen. Er hat mit mehr als einer Brausche an der Glatze und an der Stirn in die Grube fahren müssen, wenn das auch wenig sagen wollte, da er sein Lebtag durch dran gewöhnt war, mit der Stirn anzurennen. Sehen Sie, da das Stück weichen Tannenholzes von der Türverschalung hat er mir auch abgestoßen mit seinem Dickkopf, und ist mir das gleichfalls als ein Andenken an ihn zurückgeblieben. Zuletzt wurd's ihm zu viel, und er hielt sich am liebsten draußen auf der Bank auf, und jetzt liegt er draußen, und mit dem Anrennen, den Beulen und Hautschrunden hat's für ihn keine Not mehr.«

Es gab mancherlei Andenken in der schlechten Hütte, und nicht bloß solche, welche den braven Förster Arend Tofote seinen guten Bekannten in das Gedächtnis zurückriefen.