Meister Autor; oder, die Geschichten vom versunkenen Garten

Part 4

Chapter 43,622 wordsPublic domain

»Sie wissen es ja, wie er sich verholländert hat,« sagte der Meister Autor, »nehmen Sie es also nur nicht übel, wenn ich nach meinem eigenleiblichen Bruder so verrückt frage. -- Sagen Sie, junge Frau, wo hat sich denn eigentlich der Dachs verklüftet -- ich meine mein kleiner Bruder -- ich meine, wo wohnt denn der Herr van Kunemund?!«

Diese Frage war an eine durchaus nicht mehr junge Weibsperson, die, einen Henkeltopf tragend, uns entgegenkam, gerichtet, und sofort erfolgte die Antwort der dem Gespräch nach leicht erreglichen Dame:

»Hören Sie, wenn Sie den meinen, den kleinen, gelben Kerl, mit dem vielen Geld -- der lebt gar nicht mehr. Sie alter Narr, wenn aber Sie die Leute vexieren wollen, so gehen Sie da auf den Kirchhof und dann können Sie --«

Was der Meister Kunemund konnte, wollen wir dahin gestellt sein lassen; wir gingen eiligst weiter und trafen ein kleines Mädchen, welches ebenfalls einen Henkeltopf trug, und welches auf unsere Frage, mit dem Finger deutend, sagte:

»Herr je, da guckt's ja über die Hecke!« und dann sofort Reißaus nahm.

Unsere Augen waren sämtlich der andeutenden Richtung des Kinderfingers gefolgt.

»Richtig!« sagte der Meister. »Nun, Gott sei Dank, jetzt haben wir es doch herausgebracht, wo er sich verklüftet hat.«

Was aber da über die Hecke guckte, das war in der Tat nicht gewöhnlich, und konnte wohl einem, der unvermutet auf den Anblick stieß, einen gelinden Schrecken einjagen. Solch eine kohlschwarze Teufelsfratze mit solchem krausen schloßenweißen Wollenhaar sollte noch zum zweitenmal über eine norddeutsche Hainbuchen- und Nußbaumhecke gucken.

»'s ist sein Mohr, erschrick nicht, Karl Schaake!« rief der Meister; und schon war das Trudchen an der Hecke und reichte dem grinsenden Greuel die Hand in die Höhe. Aber je näher wir andern herankamen, desto mehr versank der Schwarze hinter den grünen Blättern -- doch glücklicherweise nur aus Höflichkeit, denn er empfing uns mit einer tiefen Verbeugung an den Rokoko-Sandsteinpfeilern des Gartentores, reichte dem Herrn Kunemund gleichfalls die Hand und sagte:

»Ist es der Herrschaft endlich gefällig gewesen? Wahrhaftig, ich kenne Leute in Bremen, sowie an manchem andern Platze in und um Europa, die eiliger angerannt gekommen wären.«

»Siehst du, Onkel, das habe ich dir auch gesagt!« rief Gertrude Tofote, und damit traten wir über die Schwelle des Gartens und ein in das Erbe, welches Mynheer van Kunemund der Tochter Arend Tofotes gegeben hatte, und wir sahen alle noch einmal zurück über die Schulter, nur die Gertrud nicht; -- Gertrud sagte:

»Oh!« und sah sich nur um.

»Es ist _doch_ wunderlich!« sprach der Meister Autor, kopfschüttelnd nach den dichten dunkeln Baumgipfeln blickend, die in der Ferne die Lage des Kirchhofes andeuteten, auf welchem man seinen kleinen Bruder eingescharrt hatte, ohne daß der Meister dabei zugegen gewesen war.

Was mich persönlich anbetraf, so hatte ich mich seit meinen Kindheitsjahren nicht in einer gleichen märchenhaften, neugierig-bänglichen Stimmung wie die jetzige befunden. Und da sich meine Rolle hier doch nur auf die eines horchenden, zurechtlegenden Beschauers beschränkte, so entging mir wenig dessen, was die Stunde bot; und alles, was ich sah, hörte -- paßte in das Märchen -- vor allem andern auch der junge, verdrossene Seefahrer, Herr Karl Schaake, der Leichtmatrose.

Da standen wir im Grün und in der Sonne und mitten im verwilderten Rokoko. Aus ausgewuchertem dichten Taxus sahen graue Sandsteinfiguren -- pausbackige Kinder, hochbusige Nymphen hervor. Der gelbe feine Sand knirschte unter unsern Füßen, und an einer uralten Sonnenuhr in der Mitte des Rundplatzes machte uns der Mohr Mynheers van Kunemund eine zweite und womöglich noch tiefere Verbeugung:

»Dort ist das Haus,« sagte er, auf ein altersschwarzes moosbedecktes Ziegeldach deutend, welches in einer Entfernung von etwa hundert Schritten über das Gebüsch emporragte.

»Und wo sind die Gerichtsherrn?« fragte Herr Autor Kunemund.

Auf diese Frage hin zog Signor Ceretto grinsend die Schulter in die Höhe:

»Die Sennorita darf sich darauf verlassen, daß sie in ihrem Eigentum ist. Der Herr Kunemund weiß das auch recht wohl; er hat es ja selber auf dem Stadtgericht gehört, daß alles in Ordnung sei. Der selige Herr verstand es bis zum Letzten, Ordnung in allen seinen Angelegenheiten zu machen. Das gnädige Fräulein darf dreist weiter spazieren.«

»Was ist denn aber das?« fragte der Meister Autor vor einer rotweißen Stange stehen bleibend, die mitten im Wege zwischen dem Grün, den Blumen, unter den summenden Bienen, den flatternden Schmetterlingen und den grauen Steinbildern im Boden stand.

»Das Gewächs hat das Stadtbauamt neulich eingepflanzt, Herr Kunemund,« sagte der Mohr. »Es findet alles sein Ende in der Welt. Jede Zeit hat ihr eigenes Pläsier und kümmert sich wenig um das der vorhergegangenen. Uns macht nun das Baumfällen Vergnügen. Den Stadterweiterungsplan haben Sie wohl noch nie zu Gesicht gekriegt, Herr Kunemund?«

»Donner und Hagel, sie werden uns doch wohl hier keine Häuser hinsetzen wollen?!« schrie der Meister Autor, und es wird auch wieder viel Wasser die deutsche Literatur herabrinnen, ehe sie wieder ein Grinsen sieht, wie das, mit welchem Signor Ceretto Wichselmeyer aus dem Schüsselkorb zu Bremen den Aufschrei des Meisters beantwortete.

»Sie wollen mir in meinen Garten Häuser bauen?« rief auch Fräulein Gertrud Tofote, und zum drittenmal verneigte sich der Zaubermohr vor ihr und sagte:

»Nach dem Stadterweiterungsplan geht die Prioritätenstraße grade über das Grundstück. Ich bitte gehorsamst -- sehen Sie dort, an dem Bassin steht der zweite Pfahl. Ei, der selige Herr wußte gar wohl, was er tat, als er den Garten kaufte. Es war ein solides Geschäft, -- nur schade, daß er die Kommission mit den Meßketten nicht selber mehr an der Tür begrüßen durfte.«

Ich hatte die Hand auf einen die Flöte blasenden Satyr gelegt; der Meister Autor sah mit zusammengezogenen Augenbrauen an den alten hohen Linden empor, der Seefahrer war an den Rand des Wasserbeckens getreten und sah finster hinein, und Trudchen -- Trudchen trat zu dem alten unheimlichen Gartenhüter und fragte:

»Aber dürfen sie denn das, wenn ich nicht mag?«

»Sie werden viel Geld bezahlen, gnädiges Fräulein,« antwortete Ceretto. »Für viel Geld bekommt man alles, was man will. Für Geld und für gar nicht viel hat man alle meine Großväter bekommen, und meinen Urgroßvater sogar für eine abgelegte neapolitanische Schiffsleutnantshose. Die Überlieferung davon ist in der Familie geblieben von Abu Telfan im Tumurkielande her bis in den Schüsselkorb zu Bremen. Was mich persönlich angeht, so hatte mich der selige Herr, -- ich meine immer Mynheer van Kunemund, für vierzig Taler jährlich und einen neuen Bedientenrock alle Weihnachten.«

»Damals sagten Sie mir, Ihre Angehörigen stammten aus dem Lande Kongo,« sagte der Meister Autor, um doch wieder etwas zu bemerken.

»Aus Banza Sonjo! Nicht wahr? Ja, das ist auch wenigstens zur Hälfte richtig. Aus dem Nest war meine Urgroßmutter; die wurde aber auf einen andern Handel zugegeben und kam mit meinem Herrn Urgroßvater erst in Puerto Principe auf Cuba in Bekanntschaft. Sie konnten beide nichts dafür, es sprachen damals auch Geschäftsrücksichten mit, aber, wahrhaftig, bloß die des kreolischen Pflanzers. Nun, ich will dem gelben Schurken heut ein gut Jahrhundert später keinen bösen Leumund darum machen, zumal -- heut heute, schönes, junges, gnädiges Fräulein; denn _mir_ gefällt die Welt heute recht sehr, recht sehr! Ich meines Teils habe bis dato noch immer mein Vergnügen drin gefunden.«

Neuntes Kapitel.

Wir standen noch einen Augenblick um die Stange des Stadterweiterungsplanes her, und dann wendeten wir uns alle ab und dem Hause zu. Um zu demselben zu gelangen, mußten wir das gleichfalls mit einem bemoosten Rande von Sandstein eingefaßte Wasserbecken umschreiten.

»Das Ding hat eine merkwürdige Tiefe,« sagte Signor Ceretto. »Mynheer und ich haben es ausgemessen. Der Grund ist weit hinabwärts versumpft und verschlammt; ob man allerlei Andenken aus der alten Zeit finden wird, wenn das Bauamt den Fleck trocken legt, kann ich nicht sagen. Es hat aber vieles und wunderliches Menschenvolk hier im Hause gewohnt.«

Hier im Hause! Wir standen jetzt vor dem Hause, in welchem zuletzt Mynheer van Kunemund gewohnt hatte, und welches jetzt dem Trudchen Tofote als Eigentum zugefallen war.

»Zu seiner Zeit war es, trotzdem daß es nicht sehr groß ist, ein Wunderwerk,« meinte der schwarze Gartenhüter. Und wahrlich, ein Wunderwerk war es auch heute noch, und vielleicht grade heute mehr denn je.

»Oh!« rief Gertrude Tofote, nach der Hand des Meisters Autor greifend, aber sie sofort fallen lassend, um die breiten Steintritte, die sich an der ganzen Vorderseite des Gebäudes herzogen, hinaufzueilen. Und wäre jetzt aus der Glastür in der Mitte der Erbauer im Brokatrock mit der Allongeperücke und dem zierlichen Degen, den dreieckigen Hut unter dem Arme, hervorgetreten, um sich mit der ganzen feierlichen Zierlichkeit des Jahres Siebenzehnhundert über ihre Hand zu neigen und das schöne Kind in _sein_ Besitztum einzuführen, -- niemand von uns andern, die wir noch auf dem heißen gelben Sande vor den breiten Treppenstufen standen, würde einen außergewöhnlichen Schauder darob verspürt haben.

»In der Umgegend von Batavia trifft man auch solche kuriose alte Gartenhäuser,« sagte der Matrose. »Aber sie versinken allmählich im Sumpfe.«

»Ruppig, aber wunderschön!« rief der Meister Autor. »Und _das_ wollen sie auch wegbrechen, ihrer dummen Straße wegen?«

»Das erst recht, Herr Kunemund. Ich meine doch, es hat lange genug gestanden,« sagte Ceretto, »aber die Herrschaften sehen, die junge Herrin wird ungeduldig -- gehen wir hinein; inwendig ist's noch viel absonderlicher, und wir haben gleichfalls das Unsrige geleistet, um die Wirtschaft für das gnädige schöne Fräulein so bunt als möglich herzurichten. O, darauf verstanden wir uns: ich und der selige Herr. Wir haben beide, jeder in seiner Art, die Welt danach abgegraset.«

Wir erstiegen nun auch die breiten Steinstufen zwischen den beiden verwitterten Sphinxen und standen vor der schon erwähnten Glastür und den fast bis auf den Boden herabreichenden Fenstern des Hauses.

An der Türe erwies sich der wunderliche Führer aber nochmals als ein für seine Aufgabe vollkommen passender Mann.

Mit einem lächelnden Blick auf Gertrude deutete er nochmal zurück auf den Garten, -- die Blumen, den ausgewucherten Taxus, das sonstige Gebüsch und die mannigfachen Bildwerke, die aus dem Grünen hervorsahen: Blumenkörbe tragende Nymphen, Pansflötenbläser und pausbackige Kinderfiguren.

»Sie haben alle gewartet!« sagte er. »Sie haben auf das Fräulein gewartet. Sie haben sich gelangweilt über hundert Jahre.«

»Das glaube ich!« brummte der Leichtmatrose Karl Schaake. »Es war zwar sehr freundlich von ihnen, aber nötig war's nicht. Was haben sie mit dem Trudchen zu schaffen, die lächerlichen alten Galionbilder?... Nichts!«

»So?!« sagte der Meister Autor Kunemund. »Hast du deshalb dem Kerl da einen solchen grimmigen Nasenstüber versetzt, Karl?«

Und er zeigte auf einen mit einem kaum noch erkennbaren Bogen bewaffneten knieenden Amor unter einem Rosengebüsch, gerade der Eingangstür des Hauses und dem im Sonnenlicht glitzernden Wasserbecken gegenüber. Sicherlich wußte Herr Autor durchaus nicht, wie fein er sich durch sein Wort und seine Handbewegung erwies. --

Zehntes Kapitel.

Die Jahre sind hingegangen seit dem Tage. Nicht viele Jahre -- fünf zum höchsten, kurz eine lange, lange Zeit. Ich habe das Meinige erlebt währenddem -- die Welt roch einige Male recht brandig -- Saturn entwickelte mehrmals einen gott- oder göttergesegneten Appetit: die Knochen seiner Kinder knackten und knirschten unter seinen Zähnen; es floß ihm rot an den Kinnladen herab; hier und da lief das Blut in den Straßengräben und Ackerfurchen: im Bunten eine buntfarbige Erinnerung mehr, das ist das einzige, was mir von jenen Stunden blieb, jenem Tage, an welchem Herr Kunemund mich abholte, seine kleine Freundin in ihre Erbschaft zu geleiten.

Es war ein Gebäude, wie es im achtzehnten Jahrhundert die Herren aus der Umgebung Serenissimi in großen und kleinen Residenzen in ihren Gärten versteckten, und wie es in so manchem Schau- und Trauerspiel, in so manchem Roman nicht nur des achtzehnten, sondern auch des neunzehnten Jahrhunderts sich aufbaut als Schauplatz von Liebe und von Kabale. Ein Häuschen, in welchem aber auch von Thümmel seine Wilhelmine hätte schreiben können, und in welchem der Verfasser der Reise in die mittägigen Provinzen von Frankreich sich auch unter dem, was Mynheer van Kunemund hinzugetan, gewiß nicht unbehaglich gefühlt haben würde. Die Stukkaturplafonds und die Schnörkelschnitzeleien an Tür und Pfosten hatten dem Geschmack des alten abenteuernden Heimtückers zugesagt, und er hatte das Seinige getan und alles verblichene Gold neu auffrischen lassen. Auch die Decken- und Wandmalereien hatte er zum größten Teil konserviert, und die bekannten Abgöttereien, Schäfereien, Jägereien und Fischereien ergötzten das Auge fast von jeder Richtung her. Aber Mynheer hatte auch ein Gusto für buntes Fensterglas mit in seinen lichten Schlupfwinkel gebracht und seine Gemächer in das bunteste Licht gekleidet. Und was er von seinen Weltfahrten an Wunderdingen mitgeschleppt hatte, das hatte er auf den Tischen und Schränken und die Wände entlang aufgehäuft und angehängt. Selbst die Fußböden hatte er durch ausländische farbenprächtige Teppiche und die Felle fremder Tiere nach Möglichkeit wunderlich ausgestattet; das Ganze überwältigte, selbst nur als Raritätensammlung betrachtet, beim ersten Durchschreiten der Räume vollständig.

Aber die Lebendigen waren doch das Merkwürdigste, -- sie stehen mit jedem Worte, mit jedem Gestus fest in meiner Erinnerung -- der Meister Autor, das schöne Waldfräulein und der Leichtmatrose und Pilgerführer Karl Schaake von der Hamburger Barke Kehrwieder.

Ich sehe den Bremer Mohren, Ceretto Wichselmeyer, eine Tür nach der andern vor der neuen Herrschaft öffnen; ich sehe das süße Kind immer größere und glänzendere Augen öffnen, aber ich sehe es auch von Schritt zu Schritt immer mutiger und mutwilliger werden. Ich sehe, wie sich Fräulein Gertrud Tofote lachend auf weiche Polster wirft, um sofort wieder aufzuspringen und über die orientalischen Decken, die Tigerfelle mit leichter Hand zu streichen; ich sehe sie mit bunten Schmuckkästchen in der Hand, mit einem javanischen Federfächel in der Hand, -- ich sehe sie mit einem Korallenschmuck im Haar vor einem der vergoldeten Spiegel. Ja, ich sehe das Lächeln, mit welchem sie sich in den Spiegeln des Hofmarschalls von Kalb oder des Oberschenks von Bock, und zwar auf den Teppichen Mynheer van Kunemunds stehend, beäugelt; und ich sehe auch den Meister Autor Kunemund, der hinter ihr hertritt, sich über ihr Entzücken freut und doch dann wieder auch stehen bleibt und kopfschüttelnd und traurig sie, unbemerkt von ihr, lange und fest ins Auge faßt.

Ich sehe dann den Meister Autor, wie er den Stock seines »kleinen Bruders« in einer Ecke findet und am Nagel den Hut des Seligen. Ich sehe, wie er vor diesen Stücken der Erbschaft lange mit dem schwarzen Zauberhüter der tausend Herrlichkeiten flüstert, um von neuem den Kopf zu schütteln. Ich belausche einen tiefen Seufzer des Alten, während aus dem Nebengemache, hinter dem schweren sammetbefranzten Türvorhang her, ein neuer, heller, lachender Jubelruf des jungen Mädchens erklingt; den jungen Seefahrer erblicke ich in diesem Momente nicht, aber ich finde ihn noch wieder -- im Märchenhause Mynheers van Kunemund und in meiner Erinnerung. --

Wir haben allgemach das ganze Haus durchstöbert und kehren nun zurück durch den Wirrwarr der bunten Räume, um das lustig verzauberte Gartenschlößchen auch von außen zu umschreiten und den Garten einer neuen und eingehenderen Durchforschung zu unterwerfen. Und auf diesem Rückmarsche finde ich meinen jungen Salzwassermann in einem Winkel eines der vordern Gemächer, und zwar in mürrischer Betrachtung der Schlange unter den Blumen.

Er saß auf einem Eckpolstersitz und hatte von einem Hängebrett zur Seite den Gegenstand herabgeholt, der ihn so sehr bedenklich machte, daß er alles andere darüber vergaß.

Als ich an ihn herantrat und ihm die Hand auf die Schulter legte, fuhr er sogar zusammen und wurde sofort sehr rot, was ihm, beiläufig gesagt, gar nicht übel stand.

»Was haben Sie denn da aufgegabelt, das Ihre Aufmerksamkeit so sehr in Anspruch nimmt, lieber Freund?« fragte ich, und der Leichtmatrose erwiderte verlegen und womöglich noch röter werdend:

»O nichts!«

»Dem scheint doch nicht so zu sein. Bitte, lassen Sie doch einmal sehen, was Sie Gefährliches da hinter Ihrem Rücken verbergen.«

Und jetzt sprudelte und stotterte der junge Mensch heraus, was ruhig und lachend zu sagen er sich zu schämen schien:

»Ich weiß nicht, wie das hierher kommt, und ob der, welcher es hierher gebracht hat, gewußt hat, was es bei sich zu Hause bedeutet. Aber auf den Inseln der Banda- und der Harafura-See schafft ein Feind es dem andern verstohlen ins Haus oder aufs Schiff und geht nachher hin und reibt sich die Hände und wartet ruhig den Erfolg ab. Sie sagen und glauben fest daran, daß es Unglück bringe -- daß Haus und Schiff zugrunde gehen müsse, wenn es nicht noch frühzeitig wieder hinausgeworfen werde. Es ist natürlich eine Narrheit; aber kein malayischer Seemann duldet es auf seinem Schiff, und ertappen sie einen, der es böswillig in der Hosentasche trägt, fliegt beides über Bord, der braungelbe Kerl wie das graugrüne Zauberding.«

»Das ist ja recht interessant! Aber was ist es denn? Zeigen Sie doch einmal, lieber Karl!«

Zögernd legte der Leichtmatrose einen dem äußern Anschein nach höchst unverfänglichen Gegenstand in meine Hand, nämlich einen schwärzlichgrünlichen Stein von eirunder Form und der Größe einer Weiberfaust. Bei näherer Betrachtung erwies sich jedoch, daß das Ding bezeichnet war und nicht ohne Kunst und Mühe zugerichtet, daß es also auch wohl für den Verfertiger seine Bedeutung haben mußte. Die eine Hälfte war mit einem Durcheinander wahrscheinlich sehr magischer und niederträchtiger Schriftzüge bedeckt; auf der andern Hälfte wies sich ein Gesicht eingegraben, und seltsamerweise hatte sich der Künstler augenscheinlich bemüht, so gut es ihm eben möglich war, jedwede Fratzenhaftigkeit davon fernzuhalten, und das war ihm auch so ziemlich gelungen. Es gab sicherlich häßlichere molukkische Frauen und Göttinnen, als diejenige gewesen sein mußte, die zu diesem Skulpturwerk Modell gesessen hatte.

Nachdem ich das magische Ei mit gebührender Aufmerksamkeit hin und her gewendet, es unter jeglichem Gesichtspunkt betrachtet und zuletzt sogar berochen hatte, gab ich es zurück und zuckte die Achseln.

»Sie nennen es den Stein der Abnahme und dulden es nicht,« sagte Karl Schaake.

»Der Stein der Abnahme?! Freilich ein sonderbares, bedeutungsvolles Wort!... der Stein der Abnahme!«

Ich nahm das Ding zum zweitenmal und betrachtete es noch einmal von allen Seiten, indem ich wiederholte:

»Der Stein der Abnahme!«

Den Schriftzügen vermochte ich nichts abzugewinnen, wohl aber allmählich dem Weibergesicht. Die Phantasie tut in allen diesen Stücken das Ihrige und tat das auch jetzt. Das kindische, unsichere Bild gewann ein tierisch-stupides Leben, und über alles einen Zug von unerbittlicher Grausamkeit und kahlem, nichtssagendem Hohn, der es mich auf der Stelle zum andernmal zurückgeben ließ:

»Sie dulden es nicht?«

»Unter keinen Umständen! Sie reißen selbst das Haus nieder, in welchem es gefunden wird.«

»Und Sie, lieber Freund, verspüren all Ihrem Europäertum zu Trotz ebenfalls nicht die mindeste Lust, dieses Es, diesen -- Stein der Abnahme, hier -- grade hier, in diesem Hause zu dulden? Es juckt Sie längst in allen Fingern, das Entsetzliche verstohlen in die Tasche zu schieben und es nachher in den Fluß zu werfen, da wo er Ihnen am tiefsten vorkommt? Nicht wahr?«

Der junge Mann nickte mit allem Nachdruck, den Blick nicht von mir abwendend.

»Nun, was hindert Sie denn, lieber Karl? Ich meine, wir können es vor dem Meister Autor, dem Bruder Mynheers van Kunemund, wie vor der niedlichen Erbin Mynheers -- und vor letzterer am ersten verantworten. Sehen Sie, das Fenster steht weit genug geöffnet. Werfen Sie, und reinigen Sie das Haus von dem Unheil!«

So vieler Worte hatte es kaum bedurft. Beim ersten bereits war der Seefahrer aufgesprungen, und jetzt flog im weiten Bogen der Stein der Abnahme aus dem Fenster und klatschend mitten in das Bassin vor dem Hause.

»So -- gottlob!« rief tief aufatmend Karl.

»So!« sagte ich lachend und habe späterhin Gelegenheit gefunden, mich dieses Lachens mehrfach zu erinnern. Fürs erste fanden wir uns noch einmal im Garten unter den Bienen, Blumen und Schmetterlingen zusammen und beredeten noch dieses und jenes, woran Gertrud Tofote, versunken in ein unruhiges Träumen, wenig Anteil nahm.

Dann fragte Herr Kunemund:

»Du wirst doch heute mit uns essen, Karl?« und Karl dankte zögernd und sagte:

»Ich habe der Muhme im Cyriacihofe versprochen, heute bei ihr zu bleiben, und sie wird schon längst eine recht schöne Rede über mein Ausbleiben für mich in Bereitschaft haben.«

So nahmen wir Abschied. Wir, der Seefahrer und ich, ließen die Erbin im Besitz der Erbschaft Mynheers van Kunemund, und ein jeder ging seines eigenen Weges: ich den meinigen, wie gesagt, durch verschiedene Jahre. In diesen Jahren hatte ich das Meinige in Wohl und Wehe abzutun und konnte mich nicht immer mit dem, was andere Leute eigentlich allein anging, beschäftigen. Aber dessenungeachtet behielt ich diesen Tag mit allen seinen Figuren und Vorgängen in merkwürdiger Frische in der Erinnerung. Den Meister Autor hatte ich ja sogar, wie man das so nennt, liebgewonnen. Und wenn man sich gewöhnlich wenig mehr bei dem Wort denkt, als daß ein wohltuend warmes Behagen von der oder der Persönlichkeit für uns ausgeht, so trat hier doch noch etwas anderes hinzu: ich hatte nämlich den Meister auch da zu respektieren, wo sich mein ganzes, oft flüchtig genug im Tage lebendes Wesen gegen seine Natur und sein Treiben als gegen etwas ganz Gewöhnliches und Einfältiges, wenngleich ungemein Feststehendes sträubte.

Das Behagen behielt freilich stets die Oberhand. In mancher verdrießlichen Stunde schweifte meine Seele mit Wohlgefühl in des Alten Einsamkeit und sein sagenhaftes Leben hinüber; und in mancher unsichern Stunde habe ich ihn, den Meister Autor Kunemund, in der Einbildung um Rat gefragt, denselben jedesmal erhalten und wirklich dann und wann befolgt und zwar niemals zu meinem Schaden, wenngleich sehr häufig zur unmäßigen Verwunderung anderer Leute.

»_Dem_ Mann geht es immer gut! Dem Mann kann es nie schlecht gehen!« dachte ich, und saß mit ihm in der Phantasie an der Schnitzbank und spielte mit dem tapfern, blanken Messer seines königlichen Ahnherrn. Und mit ihm sah ich seinen Wald im Frühlings-, Sommer-, Herbst- und Wintergewande, in Sonnenlicht und Nebel, und sah die Alte und den Förster Tofote und das Kind, das schöne Kind. Und während ich an meinem eigenen Leben schnitzelte und zwar im Holz, das mir überwiesen worden war, philosophierte ich dann und wann, wie es sich gehörte, über das Material, welches andern in die Hände fiel, so zum Exempel über die Erbschaft Mynheers van Kunemund. Hundert Meilen entfernt vom Elmwalde kümmerte ich mich um jenen wunderlich schönen Garten, die liebliche Erbin darin und dachte an die rotweiße Meßstange, welche jener Stadterweiterungsplan der armen Gertrud Tofote zwischen ihrem Flieder, Jasmin und ihren Rosen eingepflanzt und aufgerichtet hatte. --

Elftes Kapitel.