Meister Autor; oder, die Geschichten vom versunkenen Garten
Part 3
Seit ich weiß, daß dieser fremde Herr und Unmensch nicht mit Tinte oder Pech oder Kienruß aufgefärbt wurde, bin ich ganz ruhig, flüsterte mir die Alte noch lange vor dem Gute-Nacht-sagen zu; kurz, wir hatten unsern Heidenspaß, den ganzen Abend durch. Ja, ja, Herr; über den Ceretto vergaßen wir und vor allem ich dann und wann meinen kleinen Bruder mehr, als es sich eigentlich schickte; und erst als alles zu Bett war, der Gast und ich auch, und ich vergeblich in den Schlaf hineinzukommen suchte, da kam es im großen und ganzen heiß und kalt über mich, was für ein Tag mir morgen bevorstehe, und wie ich mich zu demselbigen zu verhalten haben werde. Da warf ich mich hin und her und saß aufrecht und hätte mich auch ebensogut auf dem Strohsacke auf den Kopf stellen können; zu einem vernünftigen Gedanken verhalf mir das nicht. Erst als ich endlich doch vor Mattheit eingeschlafen und am Morgen wieder aufgewacht war, kam mir die Eingebung. War es nicht das einzig Richtige, alles dem Kleinen zu überlassen? Wer hatte sich denn eigentlich mit dem andern abzufinden? Er mit uns; oder wir mit ihm? Er mit uns natürlich, denn war der Junge von uns weggelaufen, ohne uns anders als durch seinen letzten Lumpenstreich es anzusagen, so lag es doch nun, obgleich über die alte Geschichte wohl mehr als einmal Gras gewachsen war -- allein bei ihm, bescheiden anzupochen und sich zu entschuldigen und um gut Wetter zu bitten. Damit fuhr ich getröstet in die Stiefel; aber was das Wetter selber anbetraf, so war das heute noch um ein gut Teil grauer als gestern, doch regnen tat es auch an diesem Tage nicht. Wir hatten nur einen Korb voll Nebel mehr im Walde. Daß wir allesamt früh auf den Füßen waren, können Sie sich vorstellen; nur das Mohrenkind, der Wichselmeyer, oder Don Ceretto, schnarchte wie ein Weißer bis gegen Mittag an, was, nämlich das Schnarchen, auch wieder der Alten einigen Grund zum Handzusammenschlagen gab. Wir fanden sie richtig horchend an der Tür, und sie schlug die Augen wie in vollständiger Verzweiflung an unsrem Herrgott in die Höhe und ächzte: Auch das kann er wie ein richtiger Mensch! -- Nun, Trudchen war kaum zu bändigen, und mein lieber Tofote ging herum wie ein Verrückter; ich aber setzte mich auf meine Schnitzbank, als ob ich drauf Wurzeln zu schlagen gedächte und spielte den Bullenkopf gegen mich und die Welt, bis der Kleine gegen ein Uhr avisiert wurde und wirklich da war.
Herr, _ein_ Mensch genügt eigentlich nicht, um _das_ Wiedersehen zu erzählen! Alle, die ihren Anteil daran hatten, müßten von Rechts wegen an dieser Stelle ihren Schnabel auftun; und Herr, daß Sie damals nicht dabei zugegen waren, das ist ein Jammer; denn trotzdem, daß Sie gewiß mehr studiert haben, sowohl im Bergfach wie in den übrigen Fächern, als ich für möglich halte, hätten Sie sich doch manches Komödienbillett -- Affen- und Menschenkomödie! -- erspart, wenn Sie an dem Tage uns schon die Ehre gegeben hätten, uns mit Ihnen bekannt zu machen; denn sehen Sie --«
Sechstes Kapitel.
»Erlauben Sie, lieber Kunemund,« sagte ich, dem Meister Autor die Hand auf das Knie legend und ihn bescheiden zum zweitenmale unterbrechend. »Ein Wort, bester Freund! Ich bin doch manch liebes Mal, nach unserm ersten Massenbesuch, als einzelner Heuschreck bei euch gewesen; aber wer von euch hat mir je von dieser Geschichte und allen ihren wahrscheinlichen Folgen geredet?«
»Wir nicht; -- das ist richtig!« sprach der Meister. »Wer von uns konnte denn aber auch daran denken? _Sie_ ging das doch gar nichts an!«
Ich schlug mich vor die Stirn und kam mir unendlich albern und abgeschmackt vor. Ich sah tief, lächerlich tief in die Widersinnigkeit des Lebens, das man, sozusagen, lebt, hinein und konnte nichts weiter sagen, als:
»Wahrlich!«
»Sehen Sie, seine werten Freunde muß man so wenig als möglich mit seinen eigenen Molesten molestieren,« sagte der Meister und fuhr, von nun an nicht wieder von mir unterbrochen, in seiner Erzählung fort, die wir wieder nur mit einem Gänsefuß am Anfange und einem am Ende geben:
»Die Feierlichkeit war groß. Wir standen im Ernst ein jeglicher in seiner Seele auf den Zehen; das heißt inwendig, denn was das Äußerliche anbetraf, so konnten wir blutwenig tun, und hatten auch sonst grade keine Lust, mehr zu leisten. Nur in der Küche war ein mächtiges Hallo; ganz wie im Evangelium, als der verlorene Sohn heimkam. Vom ersten Tagesgrauen an stand die Alte, ihr Horchen an des Mohren Kammertür abgezogen, in Dampf und Flammen, im Sieden und Protzeln. Aber der Mohr Signor Ceretto saß mit meinem Trudchen an der Tür auf der Bank und rauchte eine ganz gewöhnliche Meerschaumpfeife. Er war lange nicht so ungeduldig auf den Onkel als das Kind.
Wie gesagt, es hatte auf der alten Uhr hinter der Tür so ungefähr eins geschlagen, als er kam, und zwar tüchtig zusammengeschüttelt in einer alten Schöppenstedter Karrete, auf dem Holzwege, den Sie ja auch kennen, Herr Bergsekretär; und wenn sein Bremer Neger uns nur im ersten Moment in Verwunderung gesetzt hatte, so nahmen wir den Kleinen nach dem Anrumpeln der Kalesche nun merkwürdig kühl. Er setzte uns gar nicht in Verwunderung, nämlich was mich und den Tofote anbetrifft. Er war in einen dicken Mantel eingewickelt und hüstelte, und als ich ihm die Hand in das Gefährt reichte, sagte er: Guten Tag, Alter, ich habe es für meine Pflicht gehalten, -- oder dergleichen und ich sagte: Sieh, Kleiner, bist du wieder da? -- und damit hatten wir ihn auf dem festen Boden, und es wäre fast nötig gewesen, daß ich ihn wieder einmal auf den Arm genommen und ins Haus getragen hätte, wie ich das wohl tausendmal getan hatte, als ich noch seine Kindsfrau spielen mußte in unserer Jungenzeit. Herr, wenn von jeher an mir die Augen wenig taugten, so stehe ich dafür auf ziemlich festen Füßen, und meine Schulterbreite ist auch nicht ohne! Bei unsrem Kleinen war das alles umgekehrt. Augen hatte er vom Mutterleibe an wie ein Wildkater; aber von dem übrigen wollen wir heute, da das alles doch schon vom Grabscheit in der gewöhnlichen Weise versorgt worden ist, lieber nicht sprechen. Die Fremde hatte ihm in der Hinsicht wenig gut getan, und er brachte fast noch weniger mit, als er von Hause mitgenommen hatte. Aber das ist einerlei! Wie über seine Jugendzeit und -sünden Gras gewachsen ist, so samt sich das jetzo über dem übrigen an, und ich erzähle nur von wegen uns, die wir noch da sind. Wir hatten ihn vor der Tür -- im Hause -- im weichsten Lehnstuhl am Tische, und der Austausch und Handel mit den gegenseitigen Erlebnissen und Gedanken mochte vor sich gehen. Natürlich kam es denn auch, wie ich es mir am vergangenen Tag vorgestellt hatte: wir fanden uns heute so wenig wie vor den langen Jahren zusammen und ineinander. Und als es Dämmerung wurde, hatte er uns herzlich satt, und wenn ich offen sein soll, _wir_ ihn auch. Herr von Schmidt, er ist mein leiblicher Bruder, und ich tat mein menschenmöglichstes, ihn den Nachmittag über mit Rührung und Weichherzigkeit als solchen anzusehen; aber noch vor dem vollen Einbruch der Dämmerung hielt ich ihn kurzweg von neuem für einen Lumpen, und daß er uns wie gewöhnlich für erbärmliche Tröpfe und die nichtsnutzigsten Narren von der Welt hielt, das konnte ich ebensogut sagen als er. Also wir vertrugen uns, der guten Bewirtung, die die Alte hergerichtet hatte, zum Trotz, gar nicht; und sie, die Alte, legte mit ihren Unkosten gar so wenig Ehre bei ihm ein, als wir mit unserer Einfältigkeit. So fuhr er ab, um noch bei Licht auf die Landstraße zu kommen, und wir sahen ihn abfahren. Seinen Mohren nahm er auf dem Kutschbock mit sich; und ein solch Gesicht, wie _der_ Kerl uns zum Abschied zuschnitt, hatte ich in meinem Leben noch nicht gesehen und habe es auch bis jetzt noch nicht wieder zu Augen gekriegt, und kurioserweise tat _sein_ Abschied mehr als einem von uns leid. Das Kind, unsre Gertrud, hatte dem Untier einen Geschmack abgewonnen, wie es kaum geglaubt werden kann, und die Alte war richtig fast eifersüchtig auf das Kind! -- -- -- Daß der Kleine nicht wieder aus unserm Leben verschwand, nachdem wir ihn einmal wieder drin hatten, versteht sich wohl von selber; aber zu Gesichte kriegten wir ihn nicht wieder. Aus den Blättern, in welchen er ein Haus suchte, und auch sonst auf andere Weise erfuhren wir, daß er sich in hiesiger Stadt niedergesetzt habe, aber uns hier im Wald ließ er selbst von diesem Abschluß und Ende seines Vagabundenlebens nichts weiter zu Gehör kommen. Seinen Mohren Signor Ceretto Wichselmeyer schickte er auch nicht wieder heraus, was den andern im Hause am leidesten tat, worüber ich als sein Bruder -- nämlich des Kleinen Bruder, mir aber jedoch mein Gefühl und Gemüte vorbehalte. So sind denn die Jahre hingegangen, eines nach dem andern, und wir haben an nichts gedacht, das kann ich Sie versichern. Und nun war ich neulich schon vor Ihrer Tür, lieber Herr Bergschreiber, als uns das Stadtgericht herzitiert hatte; aber Sie waren damals verreist, und so mußte ich mit meiner großen Neuigkeit und in meiner Bedrängnis wieder abziehen. Der Kleine war tot, und er hatte uns seinen letzten Streich gespielt; -- was meinen Sie, was er getan hatte, um einen letzten Tritt in unsern ruhigen Ameisenhaufen zu vollführen? -- er hatte unser Trudchen, die Gertrude Tofote, zu seiner Generalerbin eingesetzt! -- Er hatte es getan! er hatte das Trudchen zu seiner Erbin gemacht, und da er nie etwas getan hat, ohne dabei etwas im Schilde zu führen, so sind wir nun schon monatelang in aller Unruhe und Todesangst und zerbrechen uns Herz und Kopf und Sinn um die Frage, weshalb er es getan habe? Am Tage nach seinem Begräbnis war der Mohr bei uns. Denken Sie sich, -- er, der Kleine, hatte gewollt, daß niemand von uns anders als durch der Zeiten Lauf von seinem Abscheiden benachrichtigt werden sollte; und bei seinem Grabe und Leichenkondukt hat er auch niemand von uns sehen wollen, und -- jetzt -- lieber Herr, Sie, der Sie mit allen Schreibereien Bescheid wissen, kommen Sie mit mir! Das Trudchen sitzt, seit ich bei Ihnen bin, mutterseelenallein im Gasthof bei den Fuhrleuten, und wartet wahrscheinlich mit Schmerzen auf mich, und jetzt -- wenn Sie nichts Besseres vorhaben, so kommen Sie, uns zum Troste in der Ratlosigkeit, mit und helfen uns, ihre Erbschaft anzutreten! Ich bitte Sie herzlich, so gütig zu sein.«
Siebentes Kapitel.
Länger als eine gute Stunde hatte Herr Autor Kunemund seinem Herzen Luft gemacht, und ich hatte ihn erzählen lassen, und ihn, wie oben bemerkt, sogar nicht wenig ermuntert, so ausführlich wie möglich zu sein; aber jetzt fuhr mir ein um desto größerer Schrecken durch die Glieder.
»Mein Himmel, die Gertrud in der Stadt Lübeck! den ganzen Morgen da allein? Kunemund, ich bitte Sie, weshalb konnten Sie mir das nicht gleich sagen? Wie könnt Ihr das Kind -- das Fräulein, so allein in dem Fuhrmannsausspann sitzen lassen?«
»Weshalb denn nicht, lieber Herr? Wir haben gute Bekannte und Freunde dorten; gerade unter den Fuhrleuten haben wir die besten Freunde; und dann ist der Jüd Salomon Prasem auch mit uns gekommen, -- das Trudchen war da ganz gut aufgehoben, bis wir es abholen.«
Das mochte nun sein; aber nichtsdestoweniger vervollständigte ich in hastigster Weise meine Toilette, und nach zehn Minuten schon befanden wir uns in den Gassen der Stadt: ich in aller Ungeduld, aber der Meister Autor, ohne es im geringsten eilig zu haben. Im Gegenteil, er hatte Zeit und Muße für jede Merkwürdigkeit, die ihm unterwegs aufstieß, und des Merkwürdigen stieß und fiel ihm alle zehn Schritte weit die Hülle und Fülle auf. Endlich erreichten wir die Stadt Lübeck aber doch.
Das ist in der Tat einer der besuchtesten und nahrhaftesten Ausspanngasthöfe der alten Stadt, und der Verkehr dort an allen Tagen der Woche sehr lebhaft; am Sonnabend jedoch am lebhaftesten. Und es war ein Sonnabend, und das Getöse vor, sowie die Bewegung in dem Hause ließen für den Inhaber des altberühmten Schildes nichts zu wünschen übrig. Ein halb Dutzend und mehr Lastwagen und Bauerwagen hielt vor dem hohen und weiten Torwege, und versperrte weithin die ziemlich breite Straße. Zertretenes Stroh, Fässer, Kisten, Kasten und Körbe, Hunde, Federvieh, Kinder, Gäste aller Art und jedes Geschlechtes füllten den Hof, die mächtige Hausflur, die Gaststuben und die Treppen. Aus der schwarzen, gewaltigen Küche leuchtete es gleich einer keineswegs geringen Feuersbrunst, mit der freilich der begleitende Geruch gottlob gar nicht stimmte. Kellner und Kellnerinnen, Köchinnen, Hausknechte, Stallknechte und vor allem Wirt und Wirtin schlugen nicht bloß in der Seele Rad, sondern machten auf jedermann, der mit offenem Munde und aufgesperrten Augen sich in dem Gewühl hin und her schieben und stoßen ließ, den Eindruck, als ob sie auch in einem fortwährenden, nimmer wieder endenden körperlichen Radschlagen begriffen seien.
In diesen Lärm und Wirrwarr traten auch wir jetzo ein, der Meister Autor und ich, und der Meister bahnte den Weg. Drei oder vier braune ausgetretene Stufen hinauf drängten wir uns aus dem Getümmel des Hausflurs in den Tumult der Gaststube hinein, und richtig fanden wir da die Gertrud Tofote und zwar ganz an demselben Platze, auf welchen sie der Meister Kunemund hingesetzt hatte mit der Ermahnung, sie möge sich die Zeit nicht lang werden lassen, er komme im Augenblick zurück und bringe den Trost im Elend (=NB=. in meiner Person) hoffentlich gleich mit her.
Auf _den_ Trost hin hatte das junge Mädchen dann dagesessen, und -- wie sich sofort auswies -- keinen Augenblick Langeweile gehabt oder sich gar nach uns gesehnt. Als es uns erblickte, sprang es hinter seinem Tische mitten unter den verschiedenartigsten Sonnabendmorgengästen der Stadt Lübeck auf und rief, ohne anfangs die mindeste Notiz von mir zu nehmen:
»O Onkel, es ist gut, daß du kommst! wir haben schon lange auf dich gewartet! Kennst du den hier noch?«
Und sie wies unbefangen auf einen hübschen jungen Menschen, der neben ihr gleichfalls von der rotbraunen Bank aufgestanden war, und viel verlegener als die Gertrud, errötend uns anlächelte und in seiner schmucken Matrosentracht wirklich hübsch -- sehr hübsch -- und um so hübscher je blöder aussah.
»Na,« sagte Herr Kunemund, »es ist wohl nicht an dem? Ja, wahrhaftig, es ist doch an dem -- er ist es! Je, Karl, wie kommst denn du hieher? woher bist du gefallen, Junge? Na, das ist wahrlich ein vergnügt Zusammentreffen, Karl, und dich können wir gleichfalls gerade brauchen. Siehst du, Trude, hab' ich's dir nicht gleich gesagt, daß du hübsche Leute zu deiner Unterhaltung hier finden würdest?«
Sie reichten einander die Hände, über den Köpfen und Schultern des Volkes am Tische weg, und ein teilnehmendes, vergnügtes Grinsen ging über jedes Gesicht an den vier Seiten. Bauern und Fuhrleute, Weiber und Kinder nahmen teil an dem fröhlichen Wiedersehen; aber den größten Teil nahm natürlich der Jüd Salomon Prasem, der da denn auch sagte:
»Mein, bei mir hat sich die Gertrude zu bedanken; -- denn wer war's, der ihr den Karl Schaake herbeilotsete? Ich war es, Herr Kunemund.«
»Sollst deine Ehre behalten, alter Sackträger,« rief der Meister Autor, und das Trudchen -- ja freilich, reden wir doch einmal von der Gertrud Tofote, ehe wir weiter schreiben. --
Es wird viel Wasser die deutsche Literatur hinunterlaufen, bevor ein zweites Nixen- oder Waldelfen-Gesicht wie das wieder aus ihr emportaucht! Das Trudchen hatte sich verändert in den Jahren, die hingegangen waren, seit wir es als Kind zuerst am Bache im Elm trafen. Es war ein großes Mädchen geworden -- eine Jungfrau, wie man in den Büchern, -- ein Fräulein, wie man im Leben des Tages sagt. Und was für eine Jungfrau?! was für ein Fräulein!
Daß ich das Kind von Zeit zu Zeit wachsen gesehen hatte, erhöhte meine jetzige Überraschung nur; denn wer sieht sich je satt an den uralten Taschenspielerkunststücken der alten geschickten Prestidigitatrice, Madame Physis, sonst auch Dame Natur genannt?! -- Trudchen Tofote war eine reizende, völlig ausgewachsene Blondine von achtzehn Jahren geworden, und seltsamerweise schien der junge Leichtmatrose Karl Schaake das gleichfalls herausgefunden zu haben.
»Erlauben Sie gefälligst,« sagte der Meister Autor fein und höflich, »erlauben Sie, daß ich Ihnen diesen jungen Mann hier vorstelle und mit Namen nenne. Es ist nämlich Karl Schaake aus unserm Dorfe vor dem Walde, wissen Sie; sein Vater war Leinweber, sein Großvater war Leinweber, sein Urgroßvater war Leinweber, und von Rechts wegen müßte er, dieser Junge hier, auch Leinweber sein; aber können Sie es ihm verdenken, wenn er der ewigen sitzenden Lebensart halben sich mal in das Gegenteil geschlagen hat? Der Bengel fährt -- tanzt auf dem Seil -- geht querüber auf dem Wasser, kurz, um es kurz zu sagen, ist zu Schiff gegangen und hat alle seine ehrwürdigen Vorfahren mit offenem Maule sitzen lassen. Was sagen Sie dazu?«
Ehe ich etwas dazu sagen konnte, hatte sich der Meister bereits wieder an den Seemann selber gewandt:
»Und nun, du Schlingel, noch einmal: wo kommst du her? wo hast du dich wieder herumgetrieben?«
»O Herr Onkel, das wäre weitläufig zu beschreiben!« meinte der junge Mensch lachend. »Sie haben es ja schon längst verschworen, mir ein Wort zu glauben, und haben, was schlimm genug ist, auch das Trudchen auf den Glauben hin abgerichtet. Was meinen Sie nun, wenn ich hab' helfen, muhammedanische Pilger von Malakka nach Dscheddah expedieren und zwar während der ganzen drei letzten Jahre?«
»Das wird wieder ein schönes Geschäft gewesen sein!«
»Das war es freilich dann und wann. Hamburger Bark Kehrwieder, -- Kapitän Klütgen. Fragen Sie nur nach, die ganze Küste entlang, Onkel; o sie wissen mich zu schätzen, die Kerle, die das Gesicht auf dem Bauche tragen, von Sumatra bis Suez -- besser als Sie, Onkel Kunemund.«
»Na, na, so genau wie ich, werden sie dich doch nicht kennen, Karl,« sagte der Onkel mit dem Zeigefinger in der Luft.
»Aber die Gertrud kennt mich _noch_ besser!« rief Herr Karl Schaake. »Nicht wahr, du?« Und schwerlich konnte jemand eine größere Dringlichkeit in ein solches: Nicht wahr, du? legen. --
Trudchen Tofote lachte vergnügt und verschämt und gab dem Leichtmatrosen einen Schlag auf die Schulter, der seinen ersten Schuß auch nur im Elmwalde getan haben konnte. Auf eine wörtliche Äußerung ließ sie sich jedoch nicht ein, und also nahm der Onkel Kunemund wieder das Wort.
»Also hast du die Stadt Lübeck gerade so angelaufen, wie du der Alten daheim über den Küchenschrank fielest. Und die Stelle, allwo die beste Piepwurst hing, die nahmest du uns auch niemalen mit; aber die Wurst vermißten wir dann und wann. Und also hast du dich gleich auch in gewohnter Weise bei der Trude vor Anker gelegt? Na, das ist schön! Es behagt einem immer, wenn endlich einmal jemand nach Hause kommt, der wirklich etwas zu erzählen hat.«
»Aber gern sich auch allerlei erzählen läßt, was während seiner Abwesenheit auf dem festen Lande vorgefallen ist. Nicht wahr, Trudchen?«
Das Trudchen lächelte wiederum nur vergnügt und verschämt, und es fiel wiederum dem Meister Autor zu, sich zu besinnen, ob während der Abwesenheit seines jungen Freundes wirklich etwas der Erwähnung Wertes passiert sei in dem Walde und vor dem Walde. Ich hielt es für meine Pflicht, ihm dabei zu Hülfe zu kommen.
»Ist das eine Familie, die in die Stadt gekommen ist, sich eine große Erbschaft zu besehen und zu holen?« fragte ich. »O ihr Leute, wenn dieses kein Zeichen ist, daß es euch auch ohne dieselbe wohl geht, so sucht und nennt mir ein besseres!«
Hierauf sah mich der Herr Kunemund groß und sehr erschrocken an, schlug sich vor die Stirn und rief:
»Herr Jesus, ja, das hatte ich ja ganz über dem frohen Wiedersehen vergessen! Alle Wetter und die Formalitäten?! Und die Gerichtsherren? und der Signor Ceretto! Um des Himmels willen, Trudchen, Karl, Herr von Schmidt, -- wir haben keinen Augenblick zu verlieren. Sie haben uns ja auf zwölf Uhr bestellt -- und da -- schlägt es dreiviertel. Donner und Wetter, Trudchen, es war doch eigentlich deine Sache, mich daran zu erinnern!«
Achtes Kapitel.
Wenn meine Leser nun etwa glauben sollten, daß wir auf dieses Zusammenfahren und diese Mahnung hin jetzt wie Besessene von dannen stürmten, der Hinterlassenschaft Mynheers van Kunemund zu, so würden sie sehr irren. Wir nahmen uns doch noch Zeit und hatten derselben auch zur Genüge.
»Davon hat mir Trudchen schon gesagt, Herr Kunemund,« sprach der Matrose und zwar, wie es schien, mit einem etwas befangenen und gedehnten Tone. »Eine Erbschaft haben Sie -- hat sie gemacht! Wirklich?«
»Und was für eine!« rief der Meister. »Ich, Gott sei es gedankt, nicht; aber das Mädchen da! Frage nur den Prasem, was für eine gute Partie es geworden ist, und was für süße Augen er ihr machen würde, wenn Moses und die Propheten und vor allen Dingen seine Perl nichts dagegen einzuwenden hätten.«
»Gerechter -- mein lieber Herr Kunemund!« rief der alte Jude.
»Leugnen Sie es nicht, Salomo,« rief der Meister, »und dir, Karl, wiederhole ich es mit Nachdruck, der Kleine reibt sich sicherlich heute morgen da oben, oder -- da unten die Hände. Eine Goldprinzessin ist das Trudchen und zwar ganz ohne ihr Zutun. Da der Herr Bergassessor von Schmidt meint, es gehöre auch ins Märchen, und kurios ist's auch, obgleich ich bis dato noch nicht herausgebracht habe, was der Herr eigentlich mit der Rede im Sinne hat.«
»Das ist auch gar nicht nötig, alter Hexenmeister!« rief ich lachend; doch über das offene ehrliche Gesicht des jungen Seefahrers war ein sonderbarer Schatten gefallen. Er blickte das schöne Kind, die Gertrud Tofote bedenklich von der Seite an und zerrte unruhig an seinem bunten Halstuche; ich aber las in seiner Seele, und zwar folgendes:
»Also so steht die Geschichte? Und deshalb aus dem Alltagsverdruß und der Leineweberei durchgebrannt und auf See gegangen, um ihr mit dem Sack voll spanischer Dublonen und sämtliche Taschen voll Demanten und Perlen eines Tages vor die Nase in allerhöchster Glückseligkeit treten und sie fragen zu können: Na nu Gertrud? --! Uh! Himmel und Hölle, wenn ich ihr jetzt käme mit dem, was mir die Hadschis eingebracht haben! O verflucht, da wäre es doch am besten, ich hätte das alte Land gar nicht wieder angelaufen.«
Ich beobachtete einen tiefen Griff beider Hände des jugendlichen Abenteurers tief in beide Hosentaschen hinunter, und sagte wie er in der Tiefe meiner Seele:
Ja, ja -- ja! --
Aber jetzt war es wirklich die höchste Zeit zum Aufbruch geworden, und der Meister sprach nur noch:
»Herr Bergsekretär, den Karl Schaake nehmen wir mit; denn so halb und halb gehört er doch, von seinen ersten dummen Streichen an, zur Familie;« -- dann gingen wir, und hatten nun sogar zu laufen, um die verlorene Zeit einzuholen.
Wir liefen, und die ganze Gaststube in der Stadt Lübeck stellte sich auf die Zehen, um uns respektvoll und mit den notwendigen Glossen nachzusehen. Wir liefen, und statt sich mit Händen und Füßen gegen die Begleitung des Trudchens in das unmenschliche Glück hinein zu wehren, lief Karl selbstverständlich mit der Erbin vorauf.
Es schlug gerade feierlich zwölf Uhr auf Sankt Katharinen, als wir uns an der alten Kirche vorüber dem Tor zuwendeten.
»Umstände werden sie uns freilich wohl nicht mehr machen. Wir können uns dreist in den Honigtopf hineinsetzen,« sagte der Meister Autor, und es verhielt sich selbstverständlich so, wie er sagte.
Wir schritten langsamer den jungen Leuten nach durch das Tor, vorüber an einem der Kirchhöfe der Stadt, und dann durch eine enge im Zickzack laufende Gasse, zwischen Planken und lebendigen Gartenzäunen etwa zehn Minuten fort. Dann standen wir, Gartenhecken, Gärten, Gitter, Gartenhäuser rechts und links, und suchten uns zu orientieren. Dann fanden wir uns zurecht und schritten in eine Nebengasse hinein, in welcher wir dann natürlich wieder so ratlos als vorher standen.