Meister Autor; oder, die Geschichten vom versunkenen Garten
Part 11
Was die Sonne aus den gegebenen Verhältnissen im Cyriacihofe machen konnte, das tat sie, wenn sie schien; aber der Mond gewann ihr hier doch den Kranz ab. Bei Mondenlicht hatte jener bauverständige Herr den Hof, in welchem ich ihn neulich traf, sicherlich nie gesehen, er würde sich sonst eher an einer der wundervollen Dachtraufen aufgehängt, als so fröhlich beide Hände zu der projektierten Zerstörung dargeboten haben. Selbst die erquickliche Vorstellung, daß man ja bereits beginne, Nürnberg abzutragen, würde ihn nicht zu seinem Werke ermutigt haben, wenn er nur ein einzig Mal sein Zerstörungsobjekt so betrachtet hätte. --
Ich achtete darauf, denn ich hatte dergleichen schon früher zu schildern gesucht, der Meister Autor aber nicht. Er war mir vorangestürmt und war verschwunden in der dunkeln engen Spitzbogentür, von welcher aus die Treppe zu der Wohnung der Base Schaake aufwärts führte. Ich erwischte ihn auch in dem gewölbten Gange nicht mehr; er hatte bereits die Tür der Base hinter sich zugezogen; ich würde ohne ihn jedenfalls vor dem Eintreten einen Augenblick lang das Ohr an diese Tür gelegt haben, doch nun blieb mir nichts übrig als ihm, so leise als möglich, auf den Fußspitzen zu folgen.
Die Sonne, die rote Sonne war's, deren Licht neulich durch das hohe breite Bogenfenster auf das weiße Haar der Base Schaake strömte; jetzt flutete auch hier das Mondenlicht herein, und die betaueten Blätter der Ulme draußen vor dem Fenster glänzten silbern in dem Schein. Das Fenster stand offen, der Gartenduft drang mit der schönen Helle herein. Das silberne Licht lag auch auf dem Fußende des Bettes des guten Seefahrers Karl Schaake, und die alte Frau mit dem Wunderhaar hatte die blauen Wunderaugen auf die weiße Decke gedrückt, und ihre alten Arme umklammerten fest den stillen Mann unter der weißen Decke; zu Häupten im Schatten saß Gertrude Tofote. Der Bote, der aus dem Cyriacihofe nach dem Hause der schönen Hexe gekommen war, war ein Kind des Hofes, und die Base hatte es geschickt mit einem Zettel, auf welchem ungefüge und unorthographisch die Worten standen:
»Er will dich nochmal sehen. Tu's mir zuliebe -- der liebe Gott wird's dir vergelten, Gertrud!«
Trudchen Tofote hielt den Zettel zerknittert noch immer in der Hand; später hat sie ihn mir gezeigt. --
Ich stand in meiner Rolle als Zuschauer still an der Tür. Die hübsche Waldelfe regte sich nicht von ihrem Stuhle; aber die Greisin erhob nun das Gesicht aus den Kissen und sagte rührend ergeben:
»Ihr kommt zu spät, Vetter.«
Hätte ich dieses Buch, wie man es nennt -- gemacht, so würde ich mich wahrhaftig hüten, hinzuschreiben, was jetzt zu allem übrigen kam. Aber es ist damals so gewesen! -- bei der heißen Geisterhand, die mir heute noch in der Erinnerung wieder an die Kehle greift, es machte sich ganz von selber so! Es war eine Methodisten- oder Baptistengemeinde, die in dem alten Barfüßlerkloster ihren Betsaal gemietet hatte und in diesem Augenblick wegen einer außergewöhnlich heftigen Bedrängnis in der Kirche eine nächtliche Betstunde abhielt und sang. -- Sie sangen in der einstigen Choraley der Mönche, die im Laufe der Jahrhunderte alles gewesen war, Viehstall im Dreißigjährigen Kriege, Speicher im Siebenjährigen, Lazarett in der Franzosenzeit, und jetzo ihrem ersten Zwecke wenigstens annähernd wieder zurückgegeben war. Die Töne klangen in der stillen Nacht, gedämpft, um die Nachbarn nicht zu sehr in der Ruhe zu stören, geisterhaft zu uns her aus der Ferne und dem Grundstock des Gebäudes, und wir horchten alle, und _uns_ störten sie wahrhaftig nicht.
Aber auf die Anrede der Base hin ergriff der Meister Autor meine Hand und drückte sie fest zusammen:
»Herr, _das_ war es, was ich heute mittag schon vernommen habe! Das Singen hab' ich am Mittag in der hellen Sonne gehört! Ach Base, Base, ist er gestorben? bin ich zu spät gekommen? Guten Abend, Trudchen! o Base Schaake, was klingt alles um einen herum in der Welt! Karl, Karl, mein lieber Junge, das dachtest du dir auch nicht, als du uns aus dem Walde durchgingest! Jetzt laßt mich ihn aber doch sehen!«
Der Meister hatte sich über den Toten geneigt; ich, der ich immer eine große Vorliebe für das Leben, das heißt für die Lebendigen gehabt habe, faßte mein kleines, närrisches, hübsches Fräulein zu Häupten des Bettes ins Auge.
Sie hatte sich von ihrem Sitze erhoben und war aus dem Schatten der Wand in das bleiche Licht getreten, das durch das Fenster auf den untern Teil des Lagers fiel. Da stand sie ratlos, zitternd, tränenüberströmt; der Tod schien einen überwältigenden Eindruck auf sie gemacht zu haben, und als sie mir das schmerzbewegte Gesichtchen entgegenhob, erschien sie mir reizender denn je. Vom malerischen Standpunkte aus betrachtet, fehlte nur die schöne Witwe, Frau Christine von Wittum an ihrer Seite, um die Gruppe in wahrhaft künstlerischer Weise nach allen Seiten hin abzurunden.
»Trudchen hat ihn gottlob noch am Leben getroffen,« sagte die Base. »Er hat sie so sehr gern gehabt, und so war's sehr gut und freundlich von ihr, daß sie sich gar nicht besann und aufhielt, als ich zu ihr schickte, sondern in ihrem schönen Ballkleide hierherkam. Er war in einer schrecklichen Aufregung vorher und stritt sich heftig mit einem, den er seinen Lotsen nannte; als aber unsere Gertrud so schön und glänzend hereinkam, wurde er mit einem Male still und sah sie an -- sah sie immer an. Dann sagte er wieder was, was sich auch auf sein Seehandwerk bezog, was ich aber nicht verstand, und dann hielt er ihre Hand und sagte: Kein Mensch hier weiß, wie viel größer das Wasser als das Land ist; jetzt sollst du's sehen draußen vor der roten Tonne, jetzt hab' ich dich auf dem Schiff, und in Indien sollst du auf einem Elephanten reiten, Trudchen!«
»Ich habe mich schrecklich gefürchtet,« schluchzte Gertrude Tofote. »O ich wollte, mein Vater lebte noch, und wir lebten alle noch im Walde; aber er -- er ist ja der Erste gewesen, der daraus fortging und auf die wilde See!«
»Dir sind die paar Minuten schon schrecklich gewesen, Trudchen,« sagte die Greisin, »aber mich hat er Tage und Nächte lang fort und fort, immerzu und immerzu rund um die Erde in seiner Hantierung mit sich gezogen und gerissen. Jetzt hat er Ruhe, Vetter Kunemund, und die wilde See tut ihm nichts mehr.«
»Hat er denn das Kind wirklich noch erkannt, oder waren es nur seine gebrochenen Füße und das Fieber, die ihn so reden ließen?« fragte der Meister Autor.
»Ei freilich hat er das Kind noch wieder gekannt; es hat ihm doch wenigstens noch über das Letzte leichter weggeholfen. Nicht wahr, Gertrud, es war gut, daß du kamst?«
Gertrud nickte und wendete sich hastig ab.
»Er sagte: Leb wohl, liebes Trudchen, und dann war es zu Ende, -- ja, zu Ende, zu Ende,« schloß die Base Schaake.
Über ein Sterbebett läßt sich im Grunde immer wenig sagen; wenngleich manches darüber denken. Der dunkle Pilot hatte eben Abschied genommen; -- Willkommen in See! war das letzte Wort gewesen, das ich meinesteils von dem guten Steuermann Karl Schaake vernommen hatte. Die rote Tonne lag in Wahrheit hinter dem seefahrenden Manne, und klare Kimmung war vor ihm. Was half es am Ufer zu stehen und mit den Sacktüchern nachzuwinken? Ich führte das Fräulein nach Hause; -- vom Uferdamm nach Hause.
Der Meister hatte den trüben Bericht der Greisin angehört und das weiße Tuch wieder über das Gesicht des toten Seemanns fallen lassen; dann hatte er sein »Kind« in die Arme genommen und es herzlich geküßt und manch ein Schmeichelwort zu ihm gesprochen. Die schöne Elfe hatte herzzerbrechend dabei geschluchzt und einmal übers andere dazu gerufen:
»Das ist so fürchterlich, so traurig-schrecklich! o morgen wirst du doch zu mir kommen? nicht wahr, morgen früh kommst du gewiß zu mir?«
Und der Meister hatte eben so oft gesagt:
»Ja freilich! freilich!« und dann hatte er sich zu mir gewendet: »Wollen Sie so gütig sein, das arme Ding nach Hause zu bringen. Es ist eine schlimme, schwere Luft hier, und mit dem Halunken, dem Ceretto, allein möchte ich das Kind doch nicht wegschicken. Es gehört Geschick dazu, mit Menschen in Verwirrung gut umzugehen! Bitte, bringen Sie das Trudchen jetzt nach Hause!«
Ich war natürlich bereit dazu, wenn ich gleich ohne alle Besorgnis die junge Dame dem schwarzen Philosophen anvertraut haben würde. Wir gingen, fast ohne Abschied zu nehmen; unser Trudchen befand sich dazu in der Tat allzusehr in Verwirrung, und vor dem toten Mann fürchtete sie sich heftig. --
Die Straßen waren jetzt ganz leer, und wir hatten auf unserm Wege die alte Stadt so ziemlich für uns allein. Die wenigen Nachtschwärmer, die uns dann und wann begegneten und die Ruhe und den Frieden der Nacht durch ihre Heiterkeit um so bemerklicher machten, hielten sich mit dieser Heiterkeit an den Freund Ceretto, der in bescheidener Entfernung gelassen hinter uns drein wandelte und in der richtigen Weise auf jegliche Ansprache einzugehen wußte. Indem ich nach besten Kräften das Fräulein unterhielt, horchte ich doch stets halben Ohrs auf diesen schwarzen Mohren. --
»O was ist das für eine Nacht! ich werde mich mein ganzes Leben lang nicht wieder zufrieden geben können!« schluchzte die Elfe.
»Es ist freilich ein trauriger Fall; aber wir müssen uns doch zu beruhigen suchen, mein Fräulein,« tröstete ich. »Der arme junge Mann hat recht gelitten -- für seinen Beruf war er untauglich geworden; vielleicht war es doch das Beste --«
»Natürlich war es das!« brummte hinter uns der schwarze Signor. »Es konnte ihm gar nichts Angenehmeres passieren! man kennt die Redensarten; -- nicht wahr?!«
Die letzte Frage war, von einem außergewöhnlich gräßlichen Zahnfleischfletschen begleitet, an zwei junge Männer gerichtet, die uns an einer außergewöhnlich hell vom Monde beschienenen Stelle gestreift hatten, und von denen der eine, stehen bleibend, den andern auf das Trudchen aufmerksam gemacht hatte mit den Worten:
»Ein reizendes Geschöpfchen!«
In einigem Schrecken vor dem Schwarzen zurückprallend, hatten die Herren ihren Weg fortgesetzt und wir den unsrigen gleichfalls.
»Der Onkel Kunemund war sehr betrübt. Er hatte unseren Karl recht lieb gehabt, und ich hatte ihn auch sehr gern,« seufzte Fräulein Tofote. »Wir sind so häufig zusammengetroffen und wieder voneinander gegangen; aber nie unter solchen schrecklichen Umständen.«
»Jawohl,« brummte Ceretto hinter uns, »wenn das keine kuriose Geschichte ist, laß ich mich hängen. O Donnerwetter, sie haben alle ihre Ahnungen und geheimen und geheimnisvollen Beziehlichkeiten, weshalb sollte ich da nicht auch die meinigen haben. Herr, es geht wer hinter uns!«
Dieser Ausruf war an mich gerichtet, wir standen still, die Gasse lag klar und leer da -- nichts war zu sehen und zu hören, und das Trudchen klammerte sich fester an meinen Arm.
»Sie haben den Herrn Autor bereits wütend gemacht; ärgern Sie mich nun nicht auch noch, alter Freund,« rief ich; doch der Mohr sagte:
»Ich muß doch meines seligen Herrn Schritt kennen! So ging er auf seinen Geschäftswegen; -- horch, -- hören Sie?«
Wir hörten natürlich nichts, aber Trudchen zitterte heftig; und ich rief ärgerlich:
»Sie sind, -- nun ich werde es Ihnen an einem der nächsten Tage sagen, was Sie sind; jetzt wollen wir uns beeilen, nach Hause zu kommen. Die gnädige Frau wird sicherlich in einiger Unruhe auf das Fräulein warten.«
Wir beeilten uns in der Tat; ich aber sprach dem Kinde an meiner Seite noch einmal guten Mut zu.
»Es war doch gut von Ihnen, Gertrud, daß Sie dem Rufe der alten Frau im Cyriacihofe sofort nachkamen. Den Onkel Kunemund hat es auch recht gefreut, und er wird Ihnen gewiß noch häufig seinen Dank dafür sagen. Ich, der ich die Lage der Dinge so ziemlich genau kannte, ahnete wohl, wohin Sie uns verschwunden waren; aber unsere Freundin, die Frau Christine war sehr besorgt und in rechter Unruhe Ihretwegen.«
»Oh!« flüsterte die Elfe, und so erreichten wir die Tür der Hexe, und nahmen auch wieder einmal Abschied voneinander.
»Da sind wir zu Hause,« sagte ich, »und nun bitte ich Sie herzlich, liebes Fräulein, nehmen Sie sich das Elend der Welt nicht mehr zu Herzen, als nötig ist. Es ist noch nie etwas Außergewöhnliches auf Erden vorgefallen. Sie sind es sich und uns -- allen Ihren Freunden schuldig, daß Sie auf Ihre Gesundheit Rücksicht nehmen. Jedenfalls müssen Sie fest überzeugt sein, daß wir alles tun werden, um Ihnen fernere persönliche Aufregungen zu ersparen.«
»Gute Nacht, mein Herr, ich danke Ihnen,« sagte Gertrud Tofote, und ich wendete mich gegen unsern Begleiter, der sich jetzt dicht an uns hielt:
»Gute Nacht, Ceretto. Wir beide haben noch ein Wort demnächst miteinander zu reden.«
»Ich wünsche Ihnen, recht wohl zu ruhen,« sprach der Alte. Mit welcher Miene er das sagte, konnte ich leider nicht erkennen; denn der Mond hatte seinerseits seinen Weg fortgesetzt, und das Haus der Frau Christine von Wittum lag nunmehr im tiefen Schatten. Die Gesellschaft hatte sich längst getrennt, die Fenster des Salons waren ganz dunkel, und nur hinter den Vorhängen des Winkelchens hervor, aus welchem die Frau Christine mich und die Base Schaake das Trudchen abgerufen hatte, leuchtete noch ein schwacher Schein, das zierliche Flämmchen in dem weißen Lilienkelche.
Dreiundzwanzigstes Kapitel.
Statt jetzt zu Bett zu gehen, ging ich von dem Hause der Witwe aus weiter. Anfangs an zierlichen Gartengittern vorüber, dann durch taufrische, von lebendigen Hecken eingefaßte Pfade und zuletzt im stillen, freien Felde. Es verlockt nichts in gleicher Weise so weiter und weiter als solch ein Feldweg durch das reife Korn und die Garben, dem Sonnenaufgang entgegen. Nur ein erbärmlich kahlgezaustes Bauerngehölz warf einmal einigen Schatten auf mich, doch das war bald durchschritten und das dicht dran gedrückte noch im Schlafe liegende Dorf gleichfalls. Das nächste Dorf fand ich bereits wach, und vor dem Kruge eine Bank und einen Tisch, an welchem letztern ich mit dem zufrieden war, was die Wirtschaft zu bieten hatte. Da sah ich die Sicheln und Erntewagen an mir vorüberziehen und hielt die Hand in den ersten Sonnenstrahl des neuen Tages. Wer im Grunde nur für sich selber zu sorgen hat, kann im Auskosten des Leidens und der Freude der Welt um ihn her, sich Genüsse verschaffen, in welchen der sublimierteste Egoismus, dessen der Mensch fähig ist, sich gipfelt. Das höchste, innigste, innerste, schärfste Leben lebt man in diesen Momenten; -- wer es leugnet, möge es mit einem Gesichte tun, wie ein Frauenzimmer, das nach einem in der Familie eingetretenen Todesfall den Traueranzug vor dem Spiegel anprobiert. --
Durch einen sehr heißen, wolkenlosen Morgen schlich ich müde und abgespannt zur Stadt zurück, schlief totenähnlich bis zum Mittag auf dem Sofa und fragte am Nachmittage bei den Leuten im Cyriacihofe an, ob ich mich ihnen in irgendeiner Art nützlich erzeigen könne. Herr Autor sowohl wie die Frau Schaake erkannten die Höflichkeit über Verdienst an, aber sie verwunderten sich selber darüber, wie glatt in solchen Fällen das alles abgehe. Geistliche wie weltliche Behörden machten den Trauernden die Tage so leicht als möglich. Es waren Namen, Daten und Zahlen in gedruckte Schemata einzutragen gewesen, und der Sarg im Hause ohne jegliche Weitläufigkeit.
Der gute Steuermann, der sich so lange ungestraft auf allen Meeren herumgetrieben hatte, lag bereits tief, tief im Binnenlande in diesem Sarge, und --
»Morgen um zehn Uhr wollen wir ihn hinausbringen,« sagte der Meister Autor.
Den Hafenmeister sah ich nicht. Er hatte alle Hände voll zu tun, berichtete mir der Meister; denn so ziemlich der ganze Hof gehe mit, und jedermann verlange sein Stück Kuchen.
Gertrud Tofote hatte bis jetzt nur viele schöne Blumen und Kränze mit weißen Atlasschleifen geschickt und hatte dabei sagen lassen: sie sei sehr betrübt und sehr unwohl und bitte den Onkel Kunemund nur auf ein einziges Viertelstündchen zu ihr zu kommen.
»Vielleicht so gegen Abend werde ich es möglich machen,« sagte mir der Meister: »jetzo sitze ich hier Wache und -- Herr, ich sage Ihnen, ich habe trotz alledem in meinem Leben Stunden gehabt, wo ich das ganze deutsche Volk zum Tanze hätte aufziehen mögen!«
Er saß mit seiner Pfeife in der kühlen steinernen Halle vor der Tür der Base Schaake; die Tür stand halb offen, und ich sah darin grade auf den sonderbaren Schimmer der Stearinkerzen im hellsten Tageslichte. Der Meister Autor hatte eben wieder seine Pfeife anzuzünden und sagte:
»Ja, ja, sehen Sie diese Zündholzdose. Ich habe sie vom Arend geerbt. Er hat sie auf manchem Anstande gebraucht. So um das Jahr Vierzig, wenn's mir recht ist, fiel die Menschheit auf derartiges Feuerzeug. Vorher hatte man sich arg mit Stahl und Stein zu quälen, doch das beizu; -- Herr, die Lichter da, auf welche Sie eben sahen, hab' ich angezündet und, Herr, ich habe dabei an den letzten Weihnachtsbaum denken müssen -- den letzten im Walde, den die Alte, der Arend und ich unserm armen Trudchen aufputzten. O lieber Herr, wie viele Gärten versinken dem armen Menschen in der Welt.« ...
Das war das Wort! -- Es fallen Schlösser -- Luftschlösser ein; aber das hat nichts zu bedeuten: die Gärten allein, die den Menschen, den armen Menschen versinken, die waren ein jeglicher eine Wirklichkeit von dem verlorenen Paradiese an! Wenn ihr das leugnen wollt, so leugnet es aus der Mitte eines, in dessen Besitze ihr euch noch befindet, aber nimmer vor der Pforte eines solchen, der euch verloren ging; -- im erstern Falle ist wenigstens die Aussicht vorhanden, daß es euch gelingen werde, euch selber zu belügen. --
Der folgende Tag war einer der heißesten im ganzen Jahre. Die Sonne schien die Erde wie mit einer glühenden Zange zu halten, die Hitze und der Staub waren unerträglich; ein Schein, sozusagen animalischer Verdrossenheit legte sich über alle Vegetation; und unsere Aufgabe ließ sich unter keinen Umständen auf eine kühlere Stunde verschieben.
Wir führten den Steuermann Schaake hinaus vor die Stadt und begruben ihn. So ziemlich der ganze Hof fand sich ein zu dem oben bemeldeten Kuchen und einem Glase nicht teuern Moselweins.
Ein gut Teil der Freunde und Bekannten ging auch mit hinaus auf den Kirchhof und, nachdem das feierliche: Von Erde bist du genommen usw. -- gesprochen worden war, soviel als möglich im Schatten sich haltend, wieder nach Hause. Der Meister Autor und ich blieben noch ein Weilchen, der -- Erde und der Sonne zum Trotz.
»Es ist doch kurios,« sagte Herr Kunemund, nachdem wir einige Minuten stumm neben der halbzugeschütteten Grube gestanden hatten, »sonderbar ist's eigentlich, daß man grade bei solchen Gelegenheiten am deutlichsten spürt, daß man vorhanden -- daß man da ist.«
»Freilich,« sagte ich, »aber Meister, dazu gehört eben doch auch, daß man wenigstens ein einziges Mal schon vorher wirklich und im Vollen gefühlt hat, daß man da ist, und das ist keineswegs so häufig der Fall.«
»Darüber hab' ich noch nicht nachgedacht,« sprach der Meister Autor; und dann tauschten wir einige andere Gedanken und Bemerkungen aus, die zwar weder groß noch tiefsinnig waren, dessenungeachtet aber doch gedacht und gemacht werden mußten.
»Am meisten kümmert mich der Hafenmeister,« seufzte der Alte. »Was dieser hier mich angeht, so bin ich zufrieden, weiß mich zu schicken und zu fassen; ich setze mich da nur ein wenig fester auf meiner Schnitzbank. Aber was denken Sie über die Base Schaake?.. Der Junge war ihr Liebling und ihr ganzes Leben; und wenn er auch oft lange Jahre von ihr weg war, und sie es also schon gewohnt sein sollte, so wird sie sich in diese Ruhe doch niemals finden. Sie kann's nicht, sie wird's nie können. Ob sie ihr eigenes Leben einmal, wie Sie sagen, ein einziges Mal im Vollen gefühlt hat, weiß ich nicht, aber daß sie in dem Jungen ihr Dasein spürte, das will ich wohl beschwören. Ich kenne sie danach! Wenn er abwesend war, so war es ihr einziger Trost, daß sie saß und las. Ich sage Ihnen, sie las -- und was las sie? Den Robinson und die Geschichte von dem fliegenden Holländer und vor allem andern die Geschichten von dem türkischen Kaufmann, der zu den Leuten kam, die das Gesicht mitten auf dem Bauche trugen, und der einen Walfisch für eine Insel hielt und mit seinen Kameraden ein Feuer drauf machte, um seine Suppe zu kochen. Was sie sonst von Reisen und Abenteuern auftreiben konnte, las sie und glaubte alles. Ihren Augen sahen Sie es nicht an, wie bunt es oft in ihrem Kopf herging. Sie reiste mit, die alte Frau, und erlebte auf ihrem Spinnstuhle die menschenmöglichsten Dinge. Ich habe oftmals mein Erstaunen und meine Verwunderung darüber gehabt, was für ein beschlagener Reisender sie war. O sie wußte dem Jungen, jedesmal wenn er heimkam, von ihrem Stuhle her mehr Merkwürdigkeiten zu berichten, als er ihr von seinem Schiffe aus. Er hat es mir selber oft genug halber weinend und halber lachend erzählt. Und das ist nun vorbei, Herr; das ist vorbei, und das ist das Schlimme und Angstvolle, lieber Herr! Was soll die alte Frau anfangen; jetzo, da sie ihrem Jungen nicht mehr nachreisen kann? Versunkener Garten, Herr! Sie, Herr Bergmeister, haben eben auch mit uns andern drei Schaufeln voll Erde drauf geworfen!«
»Zum Teufel, ja!« schrie ich im Innern meiner Seele und zwar mit dem nämlichen objektiven Grimm, mit welchem der Meister Autor vorgestern abend den Signor Ceretto, den bremischen Mohren, anschnauzte. Laut sage ich, indem ich dem Greise zu gleicher Zeit leise und gerührt die Hand auf die Schulter legte:
»Ob wohl die Base ihrem braven wilden Seefahrer nicht doch schon wieder nachreist?! Es wird ihr auch da an Reiseführern nicht ermangeln.«
Der abendländische Lebensbaum, =Thuja occidentalis=, die Stinkzypresse wucherte in großer Menge auf dem Friedhofe und war das einzige Gewächs, das sich in dieser Hitze wohlzufühlen schien. Der Meister hielt einen abgebrochenen Zweig davon in der Hand, lächelte und sagte:
»An das Einfachste denkt man immer zuletzt.«
Nun wäre eigentlich nichts weiter zu sagen gewesen, aber ein guter Rat, oder das, was man gewöhnlich für einen solchen nimmt, geriet mir auf die Zunge, und ich enthielt ihn dem alten Freunde nicht.
»Herr Kunemund, alle Umstände ineinander rechnend, könnten Sie jetzt wohl noch einmal den Versuch machen, es hier bei uns in der Stadt auszuhalten. Die erwünschte Stille würdet Ihr auf dem Cyriacushof im vollen Maße finden -- Ihr und der Hafenmeister gehört im Grunde ganz und gar zueinander, und es würde gewiß kein Tag vorübergehen, an welchem Ihr das nicht von neuem ausspürtet. Überlegt es Euch!«
»Das habe ich wohl schon dann und wann überlegt,« erwiderte der Meister. »Auf den ersten Blick sieht es sich freilich ganz hübsch an, aber bei genauerer Besichtigung tut es sich denn doch nicht. Wie lange steht denn der Hof noch aufrecht, Herr? Sie wissen es ebenso gut als ich, daß die Maurer mit den Brecheisen und die Zimmerleute mit den Äxten im Anmarsch auf ihn sind. Das alte Gemäuer mag freilich lange genug gestanden haben, aber der Base Schaake wegen hätte es doch noch gut ein paar Jährchen länger stehen bleiben können. Herr, je älter man wird, desto brüchiger scheint auch die Welt um einen her zu werden. Wie sich dieses demnächst machen wird, kann ich heute noch nicht sagen: die eine Alte hab' ich ja schon daheim im Hause; wer weiß, ob ich mir nicht auch die andere dazu holen werde. Lieber Herr, Sie sind jedenfalls jetzt schon eingeladen, sich unsern Haushalt dann mal anzusehen.«
An den demnächstigen Abbruch des Cyriacihofes hatte ich nicht gedacht und wußte auf die Erinnerung daran nichts zu entgegnen. Der Meister Autor seufzte noch einmal recht tief; dann warf er den Thujazweig, den er bis jetzt mechanisch zwischen den Fingern gedreht hatte, in das Grab des Seefahrers, nahm meinen Arm, und wir verließen den Kirchhof. --