Part 22
Wie das Quecksilber im Barometer steigt und fällt, so gibt es Leiden, die von einer Stelle im Körper zur andern eilen. Die Gicht, der wandelnde Rotlauf sind solche fahrende Schüler. Als Dritter im Bunde gesellt sich ihnen unser Übel bei mit dem Unterschiede, daß es nicht wie Gicht und Rotlauf sich äußerlich verrät, sondern seine Kreuz- und Querzüge stets auf verborgenen Wegen, im Innern, antritt.
+Dreigeteilt+ muß stets der Angreifer gegen diese Wandergesellen vorrücken.
In unserem Falle greift +der kurze Wickel+ die Plänkler an, d. h. er räumt mit all den Stoffen auf, die noch auf der Wanderung vom Kopf zu den Füßen oder von den Füßen zum Kopf begriffen sind. Öfter angewandt verleidet er ihnen durch Ausleitung alle Wanderlust. Sekundär wirkt er schon auf die leidende Stelle ein, indem Stoffe, die von ihr Reißaus genommen, unterwegs aufgefangen und so an der Rückkehr verhindert werden. Der +Fußdampf+ mit dem abschließenden Unterguß richtet sich gegen den einen Flügel, die leidende Fußstelle. Er löst die kranken Stoffe auf und leitet sie aus.
+Die kalten Waschungen+, statt deren auch der +spanische Mantel+, rücken gegen das Zentrum, gegen den ganzen Körper vor, freilich zu freundschaftlichen Diensten. Sie kräftigen und stärken den Körper, daß er zu schneller Ausheilung mithelfe.
Sämtliche Angriffe wären somit der Reihe nach zu machen: der kurze Wickel, zwei Ganzwaschungen in einer Nacht, nochmals der kurze Wickel, der Fußdampf und zuletzt der spanische Mantel.
Als Hilfstruppen von innen könnte entgegenkommen +Tee+ von +Tausendguldenkraut+, +Salbei+ und +Minze+. Die ersten zwei wirken reinigend, die Minze mit ihrem Bitterstoff unterstützt die Magensäfte.
Noch +zwei Arten von Heilung offener Füße+ will ich hier angeben; die erste kann manchem Bauern und einfachem Manne vielleicht Dienste leisten, der die Vorrichtung zum Baden nicht so leicht hat; die andere dürfte selbst Herrenleuten nicht übel anstehen.
Ein ziemlich wohlgenährtes Bäuerlein blinzelte, ob ernst, ob spöttelnd, ich weiß es nicht, gar klug mit seinen Augen und sagte: „Hochwürden, ich hab’ so einen offenen Fuß. Haben Sie nicht auch ein Wässerlein für mich?“ „O ja, guter Freund!“ sagte ich. „Jetzt machen Sie ’s so, Bauer: Sie gehen heim und breiten auf Ihrer Liegerstatt, auf dem Bett, einen wollenen Teppich oder ein recht grobes Tuch aus! Dann suchen Sie sich unter ihren Säcken einen recht alten, abgenutzten und deshalb nicht steifen aus! Den tauchen Sie herzhaft in kaltes Wasser, winden ihn etwas aus und schlüpfen dann in Adams Kostüm hinein! Oder wenn Ihnen das besser gefällt, können Sie den Sack wie elegante Hosen anziehen; darauf schnell einen Satz ins Bett und ein warmes Zudecken mit der Woll- oder rauhen Decke und dem gansfedrigen Oberbett.“ Die früher blinzelnden Augen wurden wie Pflugrädchen so groß und vor Wasserangst jetzt schon naß; dem Bauer kam’s schaurig vor. „Und dieses,“ so lautete der gestrenge Spruch weiter, „zum ersten Versuch täglich einmal, eine Woche lang; jeder Sackschlupf soll dauern zwei Stunden lang.“ Der Bauer schwitzte bereits beim Weggehen; dennoch tat er, wie ihm geheißen. +Innerhalb fünfzig Tagen hat er fünfundzwanzigmal dies eigentümliche Sackschlupfen und Sackjucken probiert+, und der Fuß war geheilt. Vor Freude hüpfte er auf, mehr noch als über den Fuß darüber, daß er in dem Sacke auch einen so trefflichen Humor bekommen. Ich riet ihm, die Übung noch zuweilen einmal vorzunehmen. Ich brauchte dieses nicht zweimal zu sagen. „Zum Dank und aus Freude,“ rief er mir zu, „will ich die Sackgeschichte ein ganzes Jahr lang treiben.“ Und er hat Wort gehalten.
So schauerlich diese Kur in manchem Ohre geklungen haben mag (in der Tat ist sie es nicht), +so kurz und vornehm lautet die andere+:
Man nehme: ~a~) +in der Woche zweimal ein warmes Bad mit dreimaligem Wechsel+, am besten ein Haberstrohbad; desgleichen ~b~) +zweimal wöchentlich einen Unterwickel+ von 1½ Stunden +oder+ statt dessen den +spanischen Mantel+ in derselben Dauer.
+Zur Warnung+ führe ich folgenden Fall an.
Ein +ziemlich korpulenter+, aber sehr gesunder Herr, der seinesgleichen suchte, bekam einen +offenen+ Fuß, der ihm recht lästig war. Er nahm die Zuflucht zur Wasserkur und gebrauchte dieselbe auch zwölf Tage. Nicht genug konnte er erstaunen, wie leicht und wohl es ihm wurde. „Doch der leidige offene Fuß,“ sagte er, „heilen Sie den mir zu!“ „Wer es tut, kürzt Ihnen das Leben ab; ich tue es nie und nimmermehr,“ entgegnete ich entschieden. Das verdroß den Herrn, und er ging. Es war Herbstzeit; im Frühjahr besuchte er, wie ich hörte, ein Mineralbad und gebrauchte, nach Hause zurückgekehrt, verschiedene Mittel, die Wunde zuzuklabastern. Es gelang, und 6-8 Wochen freute er sich seines zugeheilten Fußes. Da bildete sich auf dem oberen Rücken, mitten auf dem Kreuze, ein gewaltiges Geschwür. Die Ärzte hielten dasselbe für einen Karbunkel und öffneten es durch einen kräftigen Kreuzschnitt. Doch statt des Unrates trafen sie auf eine große harte Platte. In zwölf Tagen hatte Blutvergiftung dem kräftigen Leben ein Ende gemacht. Solche und ähnliche Beispiele könnte man in großer Zahl sammeln und aufzählen.
Ich kam in ein Haus. Der junge Herr hatte eben seinen Fuß bis an das Knie herauf auf Verordnung des Arztes im heißen Wasser stehen. So heiß solle er das Bad nehmen, als er es nur ertragen könne. Die ohnehin großen Schmerzen wurden durch das heiße Wasser noch bedeutend gesteigert. +Der Fuß war vom Knöchel bis an die Waden zur doppelten Stärke angeschwollen+ und +die Geschwulst+ oberhalb des Knöchels +so gefärbt+ und +entzündet, daß ein baldiges Aufbrechen+ der brandigen Stelle nahe bevorstand.
Mir ist unbegreiflich, was bei einer so heftigen Entzündung eines Gliedes, das einen förmlich heiß anweht, noch heißes Wasser, das einen Gesunden halb verbrühen könnte, tun soll, und zwar nicht kurz und einmal, sondern länger und öfter genommen. Der Herr erklärte aufgeregt, er könne es nicht mehr aushalten, man solle ihm das Wasser aus den Augen bringen. Ruhig ließ ich seinen Befehl vollziehen und riet hernach, er möge statt des Brühwassers Krautwasser bringen lassen, einen weichen Fleck eintauchen und unmittelbar auf die am ärgsten entzündete Stelle legen, darüber ein größeres, recht weiches, in kaltes Wasser getauchtes Tuch umwinden, so daß es den ganzen Fuß vom Knöchel bis zu den Waden bedecke (darüber natürlich trockene Auflage), und beide Aufschläge zusammen so oft wiederholen, als der Fuß von neuem zu brennen und wehe zu tun anfange. Der junge Herr tat nach meinem Rate; in zwei Tagen konnte er wieder gehen. Das Geschwür brach auf. Um rascher die Materie aufzulösen und auszuleiten, umwand er die Geschwürstelle mit einem Linnensäcklein, das angefüllt war mit +angeschwellten Heublumen+. In acht bis zehn Tagen war der Fuß geheilt und diente als treuer Untertan mit alter, ja verjüngter Geh- und Tragkraft.
Ein Herr von Stand erzählt: „Jedes Jahr bekomme ich ein Fußleiden, welches zwei bis drei Wochen dauert; dann bin ich wieder auf ein Jahr gesund. Etwas empfindlich sind meine Füße immer. Ehe dieses Leiden kommt, brennen mich meine Füße, und mitunter spüre ich ein heftiges Stechen. Dann schwellen die Füße bis an die Knie ziemlich stark auf. Wenn das Anschwellen beginnt, läßt der Schmerz etwas nach; ich bin aber doch unfähig zu jeder Arbeit. Kann diesem Übel nicht vorgebeugt werden?“ Die Antwort heißt: „Ja, mit folgenden Anwendungen: 1) In der Woche ein- bis zweimal leinene Strümpfe, in Wasser getaucht, in welchem Haberstroh gesotten wurde, anziehen (angenehm warm); über die nassen Strümpfe ein trockenes Tuch winden und zwei Stunden lang diesen Fußwickel behalten. (Kann am Abend geschehen.) 2) In der Woche einen kurzen Wickel 1½ Stunden lang, in Wasser getaucht. Wer noch fünf bis sechs Wochen ein- bis zweimal wöchentlich die Anwendung vornimmt, beugt gewiß seinem Übel vor.“
Ein Landmann kommt und zeigt seine geschwollenen Füße, die von unten an bis an die Knie gleichmäßig hart anzufühlen und mit schwarzblauen großen Flecken bedeckt waren. Diese geschwollenen Füße schmerzten ihn sehr, so daß er oft ganze Nächte nicht schlafen konnte; zudem wurde er, seitdem die Füße so anschwollen, gemütsleidend schwermütig, so daß er nach seiner Angabe sich schon oft den Tod gewünscht hatte. Appetit schlecht, Aussehen recht krank.
Die Anwendungen waren folgende: 1) Jede Woche einen Fußdampf, in der ersten Woche aber zwei. 2) Zweimal in der Woche ein Hemd anziehen, in Haberstrohwasser getaucht, 1½ Stunden lang. 3) Zweimal wöchentlich von unter den Armen ganz hinunter sich einwickeln, 1½ Stunden lang. 4) In jeder Nacht werde der Fuß bis an die Knie eingewunden mit einem Tuch, in Wasser getaucht, in welchem zwei Löffel voll ~Foenum graecum~ abgesotten wurden. Gerade diese Einwicklung hat besonders zur Linderung der Schmerzen und zur Aufweichung gewirkt. Eingenommen wurde Absud von ~Foenum graecum~, zwei Messerspitzen voll in einem Schoppen Wasser gesotten, -- während des Tages in drei bis vier Portionen.
=Fußleiden=, +anderes+.
Eine Frau hatte Jahre hindurch Fußleiden. Von Zeit zu Zeit brach einer der Füße auf mit Entleerungen von viel Unrat, und nach mehreren Wochen heilte er wieder zu. Wie jeder gesund werden will, so wollte auch diese Frau für ihren Beruf von diesem Leiden befreit werden und wendete folgendes an: 1) Dreimal in der Woche in der Nacht vom Bett aus ganz waschen und gleich wieder ins Bett; 2) in der Woche einmal den spanischen Mantel; 3) die Füße wurden von Morgen bis Mittag oder bis Abend umwunden mit einem Tuch, das in Heublumenwasser getaucht war, aber ziemlich stark ausgewunden, und darüber ein Wollstoff gelegt. Auf die wunde, von Haut entblößte Stelle, die so groß war wie ungefähr drei Finger breit und lang, wurde gesottenes ~Foenum graecum~, auf Flecken aufgestrichen, aufgelegt. Dasselbe zieht das Ungesunde heraus, nimmt die Hitze und den Schmerz und heilt, wenn der Krankheitsstoff ausgeleitet ist. Nach je zwei bis drei Tagen wurden über den kranken Fuß angeschwellte +Heublumen+, die ziemlich gut ausgetrocknet waren, warm, aber nicht heiß, direkt aufgetragen und umwickelt -- zwei Stunden lang. Innerlich: täglich eine Messerspitze voll graues Pulver und täglich eine Tasse Tee, von vier bis fünf grünen Holunderblättern gesotten.
Geburten.
Ein junges Weib hatte +drei tote Kinder+ geboren; sie wurde darob sehr betrübt und ganz entmutigt, zumal der Arzt erklärte, „sie werde nie ein Kind austragen können.“ Ich tröstete sie und machte ihr Hoffnung, falls sie sich bequemen wolle, Wasseranwendungen vorzunehmen; ihre Natur werde so erstarken, gesunden, und wenn dieses eingetreten, habe sie weiter nichts zu fürchten. Der trostlosen Frau klang dieses wie frohe Botschaft.
Mit den +leichtesten Abhärtungsübungen+ wurde begonnen; nach und nach gewöhnte sie sich an stärkere, abhärtende Wasseranwendungen, bis sie zuletzt bei +Halb- und Ganzbädern+ stehen blieb. Innerhalb drei Jahren gebar sie dem erfreuten Vater drei gesunde, kräftige Kinder.
Eine Frau litt an +Typhus+; sie hatte Kopfschmerzen zur Verzweiflung. Ihre Verwandten brachten sie aus der Stadt aufs Land, damit sie dorten ruhig sterben könne. Die arme Frau sollte zudem Mutter werden. Man fragte mich; ich riet kurze Wickel an, die alsbald angewendet wurden. Das Kopfleiden ließ nach. Um sicher zu gehen, fragten die Angehörigen auch bei dem früher die Kranke behandelnden Arzte an, ob nicht vielleicht ein Wickel gute Dienste leisten würde. Dessen Verdikt lautete, der erste Wickel würde das Kind zu früh zur Welt bringen. Unterdessen waren bei Einlangung der Nachricht fatalerweise schon sechs Wickel genommen. Die Typhuskranke wurde selbst gesund und genas glücklich auch eines gesunden Kindleins.
Gehirnentzündung.
Wo immer eine Entzündung entsteht, dorthin drängt sich auch durch alle Adern das Blut. Es eilt der Wärme zu, und in den von der Entzündung entferntesten Körperteilen nimmt das Blut am meisten ab. Tritt eine Gehirnentzündung ein, so muß zu allererst das Blut in die äußersten Teile geleitet werden, aber auch auf die entzündeten Stellen muß hitzeableitend eingewirkt werden. Die Anwendungen sind folgende: Es sollen die Füße bis an die Knie mit Tüchern, welche in Wasser und Essig getaucht sind, eingewickelt werden. Sind die Füße recht kalt, so ist das Tuch anfangs in heißes Wasser zu tauchen. Sind die Tücher an den Füßen nach ungefähr einer halben bis einer Stunde recht heiß, dann sollen sie in kaltes Wasser getaucht und wieder umgelegt werden. Wie die Füße, so sollen auch die Hände eingewickelt werden, wenigstens bis an die Ellenbogen, und es soll gerade so verfahren werden wie bei den Füßen; dann kann ein Unteraufschläger genommen werden. Nach drei Viertelstunden tauche man das Tuch wieder in kaltes Wasser. Ist die Hitze immer noch stark, kann länger so fortgefahren werden. Um die Hitze recht stark abzuleiten, kann man ein zweifaches grobes Tuch, in Wasser getaucht, auf den Unterleib legen, wodurch das Blut mehr in den Unterleib geleitet wird. Auf den Kopf wende man weiter nichts an, als daß man einen Lappen auf die Stirne bindet und diesen nach je einer halben Stunde in kaltes Wasser frisch eintaucht. Fast noch günstiger wirkt ein Tuch, das um den Hals gewunden wird, oder ein Schal; beides darf jedoch nie länger als drei Viertelstunden an Ort und Stelle bleiben, ohne daß das Eintauchen von neuem besorgt wird. Diese Anwendungen werden, im Wechsel vorgenommen, die Entzündung nicht auf einen hohen Grad kommen lassen, und die ganze Entzündung wird einen ziemlich raschen Verlauf nehmen. Nach innen bleibt immer das Beste frisches Wasser, aber ja nicht viel, höchstens ein bis zwei Löffel voll, lieber öfter. Statt Wasser kann man auch einen Absud von ~Foenum graecum~ nehmen.
Gehirnleiden, schweres.
Ein ungefähr 33 Jahre alter Bräumeister ist seit elf Jahren schwer leidend. Im Mai 1877 stürzte er eines Morgens nach dem Aufstehen vom Bett plötzlich halb bewußtlos hin und blieb zwei Stunden in diesem Zustande liegen. Dies war die Einleitung zu einem schweren, sechs Monate dauernden Typhus. Schon damals stellte sich täglich starker Schwindel mit Erbrechen und Ohnmacht ein. Der Schwindel begann mit Klopfen im Gehirn; dann warf es den Mann zu Boden, oft auf Zimmerlänge hin. Dieser Zustand währte meist fünf bis zehn Minuten und wiederholte sich täglich fünf- bis acht- bis zehnmal. Nach diesen sechs Monaten wurde er wieder arbeitsfähig, aber nur auf zwei Monate. Darnach traten die Anfälle so häufig und stark auf, daß er weitere acht Monate das Bett hüten mußte. Im Verlaufe dieser elf Jahre war er alle Jahre sechs bis sieben, sogar acht Monate bettlägerig. Das Leiden steigerte sich so, daß die Anfälle von Schwindel und Hinfallen auch in der Zwischenzeit alle zwei bis drei Tage wiederkehrten, besonders auch nach geistigen Anstrengungen, nach raschen Bewegungen, bei jeder Drehung des Kopfes. Die Anfälle kündigten sich stets durch Klopfen im Kopfe an, und wenn er sich nun rasch genug anzuklammern vermochte an einen Tisch oder im Freien an einen Baum, so schüttelte und warf es ihn hin und her, bis er zu Boden kam. Das Bewußtsein verging ihm dabei nicht, wohl aber das Sehen. Neun Jahre lang war der Anfall stets von Erbrechen begleitet, welches seit dem letzten Jahre aufhörte. Die ganze Zeit über, seit 10½ Jahren empfand der Unglückliche einen fortwährenden Druck auf der Scheitelhöhe, wie wenn ein Zentnerstein droben liege. Seit fünf Jahren besteht fast anhaltend Ohrensausen und Schwerhörigkeit auf dem rechten Ohr. Der Schlaf stellte sich neun Jahre lang fast nie vor ein bis zwei Uhr nachts ein wegen Gefühl von Schwere und Vollsein im Kopfe. Von Mai 1886 bis Oktober 1887 war der Mann mit ganz geringer Unterbrechung bettlägerig. Von vierzehn Ärzten, die ihn im Laufe dieser langen Krankheit behandelten, und von denen ihn verschiedene für unheilbar erklärten, nahm er eine Masse Medikamente ein. Die meisten sprachen die Ansicht aus, es sei durch eine frühere Kopfverletzung -- es war dem Bräumeister früher ein Faß auf den Kopf gefallen -- die Hirnschale gesprungen, und seitdem drücke ein Knochensplitter auf das Gehirn, und hiedurch sei das Leiden verursacht. Einige Ärzte hielten es für chronische Hirnhautverdickung.
Nach meiner Meinung bestanden außerordentlich starke Kongestionen zum Kopfe und waren folgende Anwendungen angezeigt: Oberguß, Wassergehen, Rückenguß, Schenkel- und Knieguß, Fußdampf, sowie der spanische Mantel. Der Erfolg innerhalb der fünfwöchentlichen Kur vom 28. Juli bis 2. September war ein ganz vorzüglicher. Schon am fünften Tage erklärte sich der Patient frei vom Gehirndruck. Am zweiten Tage erfolgte noch ein Anfall nach einer längeren, geistigen Anstrengung (Briefschreiben), -- es war der letzte. Von Tag zu Tag schritt die Besserung zu seiner größten Freude voran; die nächsten vier Wochen fühlte er sich „wie neu geboren, so frei und so leicht im Kopf“, und auch im Sehvermögen erleichtert. Schlafen konnte er seit diesen fünf Wochen anhaltend die ganze Nacht. Der Mann ist überglücklich und lebt nun neu auf. Zu Hause hat er täglich bloß noch eine der obigen Anwendungen fortzusetzen.
Geisteskrankheit.
Furchtbar muß es sein, wenn diese Geistesnacht über einen hereinbricht, wenn der Mensch nicht mehr Mensch ist, sondern gleichsam zum unvernünftigen Tiere wird. Noch vor 50, 40, 30 Jahren gehörten Geisteskrankheiten zu den Seltenheiten. Heutzutage mehrt sich deren Zahl (darin sind alle eins) in schreckenerregender Weise. Die Irrenhäuser, so zahlreich sie sein mögen, sind überfüllt, reichen nicht mehr aus. Man baut jetzt vielerorts außerhalb der Großstädte fast ganze Irrenstadtviertel. Unheimlich ist’s, diese Totenfelder von Lebenden zu durchwandeln. Also das ist der Mensch, der so groß tun kann! Gott bewahre uns vor solcher Heimsuchung! Derlei Gedanken umflattern bei solch düsteren Gängen die ernstgestimmte Seele. Das sind die +Ganz-Irren+. Wie viele hundert, ja wie viele tausend Menschen aber sind +halbe Geisteskranke+, die entsetzlich viel leiden und selten Hilfe bekommen! In Wahrheit darf ich sagen, daß eine +sehr große Anzahl+ solcher Unglücklichen bei mir Linderung und Heilung suchte, und mit besonderer Liebe und Sorgfalt fühle ich mich jederzeit gerade zu diesen so arg verlassenen und so trostlosen Menschen hingezogen. Sie waren zu wenig krank fürs Irrenhaus, aber unfähig zu jedem Berufsleben. +Unsagbar+, +unbeschreiblich+, +unzählig+ und +mannigfaltig+ sind die +Plagen solcher Geistesgestörten+. Wie zur Sommerszeit in der heißesten Mittagsglut die Stechmücken am ärgsten schwirren, so treiben in dem heißen Gehirn dieser Armen die tollsten Gedanken ihr heillosestes Spiel. Die einen hassen ihren bisherigen, geliebten Beruf, andere wollen nicht mehr beten. Menschenscheu und Menschenhaß hat die einen erfaßt, Haß gegen sich selbst die anderen; sie wollen sich das Leben nehmen usw. Die Köpfe und deren Inhalt sind so verschieden als die armen Individuen selbst.
+Bei allen Kranken+, die mich aufsuchten, habe ich in den fünfunddreißig Jahren stets +Ursachen+ der Krankheit gefunden. Entweder war das Übel angeerbt, also von Kindheit an grundgelegt, im Keime vorhanden; oder es rührte her von +Körpergebrechen+, von Krankheiten,[35] wohl auch +von der Lebensweise+.
+Ein Punkt+ ist wohl zu beachten, weil da +so gerne Täuschungen+ vorkommen. Man bleibe bei der Beurteilung solcher Zustände +recht nüchtern+, lasse sich selbst den Geist nicht einnehmen. +Nicht genug kann ich warnen+ vor jenem voreiligen, so überaus törichten Gebahren, welches alsbald +übernatürliche+, besonders +teuflische Einflüsse+ hellsehen will. In Fällen selbst, in denen jedermann fast hätte glauben müssen, der leibhafte Satan herrsche in dem Kranken, hat der einfache kalte Strahl ihn vertrieben.
Mir kam in +meiner ganzen Praxis nicht ein einziger Fall+ vor, in dem natürliche Mittel, recht angewendet, nicht geholfen hätten. Ich klammere mich fest an den Glauben und an das Übernatürliche wie an ein Rettungsboot und möchte -- Gott bewahre! -- kein Strichlein und kein Pünktlein dieser Glaubens-Überzeugung aufgeben. Nie aber möchte ich den Glaubensfeinden eine Handhabe reichen zum Spotte oder Angriffe auf den Glauben.
Die es angeht, kennen und verstehen mich. +Ein Beispiel+: Ein Bruder bringt seine Schwester, welche behauptet, mitten in ihrer Brust wohne der böse Geist. Sie wisse vom Teufel viel, der Teufel aber wisse von ihr alles, auch die geheimsten Gedanken; er regiere, leite und beherrsche sie. Ein Narr sei ihr Bruder, noch dümmer sei der Pfarrer, der allerdümmste aber sei der Arzt. Warum? „Weil sie immer sagen, ich solle einen anderen Kopf aufsetzen, meine Torheiten ablegen und ihnen folgen. Wenn einmal der Teufel in einem herrscht,“ fügte die Kranke bei, „dann hat der eigene Kopf das Regiment verloren.“ Es ist nicht zu sagen, wie heftig und unbändig wild die Arme gegen die drei genannten Persönlichkeiten wütete.
Hätten dieselben ruhig geschwiegen -- sie wußten ja, wen sie vor sich hatten --, sie hätten die Kranke nicht in so gewaltige Aufregung versetzt, und ich hätte leichter getan.
+Bei derlei Kranken kommt alles, ja alles auf die Behandlung an.+ Ich widersprach ihr mit keinem Worte und sagte bloß: „Ja freilich, in deinem Innern steht es nicht gut.“ Damit war die Kranke zufrieden, und ich hatte sie auf meiner Seite. Sofort faßte sie Vertrauen, wie ihre Antwort bekundete. „Wenn mir einer nicht glauben will,“ so lautete diese, „daß ich den Teufel in mir habe, so wird er ihn auch nicht austreiben können.“
+Dieses Vertrauen+ heißt bei mir jedesmal so viel als: die Kranke ist bereits zur Hälfte geheilt, und deine Arbeit ist mehr als zur Hälfte getan. Die Kranke nahm ein, was ich ihr gab; sie wendete pünktlich das Wasser an, wie ich es bestimmte. In sechs Wochen ward sie vollkommen geheilt. Gewiß +interessiert+ es manchen, +was der Person+ wohl +gefehlt hat+. Die Kranke sah stürmisch drein. Ihre Gesichtszüge waren eingefallen, die Hände kalt, die Füße noch kälter; auf der Brust fühlte sie einen schweren Druck und im Magen Widerwillen gegen jede Speise. Alles Blut war, so schien es, der Brust zugeeilt. Die +erste Aufgabe+ bestand darin, die +Zirkulation des Blutes zu ordnen+, dadurch +gleichmäßige Naturwärme+ und ein geordnetes Arbeiten des ganzen Organismus herzustellen. Zu dem Ende mußte die Kranke +täglich zweimal bis über die Waden ins kalte Wasser stehen+, je zwei Minuten lang, darauf tüchtig gehen, um die Füße so bald als möglich zu erwärmen; dann ebenso +die ganzen Arme täglich zweimal ins Wasser halten+, je zwei Minuten lang, darauf denselben in irgend einer Weise Bewegung verschaffen, um sie ebenfalls möglichst schnell warm zu bekommen. +Zweimal des Tages+ ließ sie sich, zu Bette liegend, +Rücken+, +Brust+ und +Unterleib+ mit +Wasser+ und +Essig+ kräftig waschen. Die verhältnißmäßig schwachen Anwendungen mußten durch +vierzehn Tage+ genau fortgesetzt werden. Die heftigste Aufregung ließ nach, wenn auch der Teufel in dem wirren Kopfe immer noch spukte. Die eingefallenen Züge belebten sich. Nach vierzehn Tagen ließ ich kräftiger einwirken. Die Kranke bekam +Unterwickel+ im Wechsel mit +Halbbädern+ (nur eine halbe Minute lang, und jedesmal folgte die Waschung des Oberkörpers) und +dem spanischen Mantel+; alle drei Anwendungen waren zirka drei Wochen fortzusetzen. Nach der dritten Woche beschlossen die Heilung +wöchentlich eine Ganzwaschung+ und +ein kurzer Wickel+ von einer Stunde. So wurde der vermeinte Teufel ausgetrieben, und die Aufregung wich großer Ruhe und ungestörtem Frieden.