Meine Wasser-Kur Durch mehr als 40 Jahre erprobt und geschrieben zur Heilung der Krankheiten und Erhaltung der Gesundheit

Part 13

Chapter 133,341 wordsPublic domain

Wer an +Rheumatismus+ leidet und kein Mittel mehr findet, denselben auszutreiben, bestreiche oder schlage die schmerzenden Stellen täglich ein paar Minuten lang mit frischen Brennesseln.

Die Furcht vor der ungewohnten Rute wird bald der Freude über deren vorzügliche Heilwirksamkeit weichen.

=Dornschlehblüte.= (~Prunus spinosa L.~)

Dornschlehblüten sind das schuldloseste +Abführmittel+ und sollten in jeder Hausapotheke in vorderster, leicht zugänglicher Reihe zu finden sein.

Wie oft fühlt man im Magen und im Unterleib, im ganzen Befinden, daß eine schnelle Purgierung gut, ja notwendig wäre; man sucht ein leichtes Mittel und sucht und -- könnte es so leicht bei der Hand haben!

Nimm solche Dornschlehblüten, siede dieselben 1 Minute lang und trinke 3-4 Tage lang solchen Tee, täglich 1 Tasse! Der Tee wirkt leicht ohne alle Unannehmlichkeiten und Beschwerden, dazu dennoch gründlich.

Als +Magenmittel+, als reinigendes und stärkendes, kann ich diesen Tee gleichfalls bestens empfehlen.

=Eibisch.= (~Althaea officinalis L.~)

Eibischtee wird sehr viel gebraucht bei +Erkältungen+. Ich bin für denselben nicht besonders eingenommen, da er meinen Erwartungen zu wenig oder nicht entsprochen hat. Schon beim Sieden erhält man eine schlütterige (zähe) Masse, die nach verhältnismäßig kurzer Zeit schleimig wird und so -- was in der Tat oft vorkommt -- den Appetit nehmen oder verderben muß. Derlei Medizinen empfehle ich nie. Gelinde gesagt ist mir +Eibischkraut+ und +Eibischwurzel etwas verdächtig+. Ich wähle deshalb stets Heilkräuter, welche dieselben Dienste zweifellos sicher tun.

=Eichenrinde.=

Heißt er uns gar die Eichenrinde als Medizin gebrauchen! Ja freilich, sie mag frisch vom Baume weg oder getrocknet sein.

+Junge Eichenrinde+, längere Zeit (eine halbe Stunde) abgebrüht, gibt einen +heilkräftigen Absud+. Man tauche nur ein Handtüchlein in denselben und winde es als Wickel um den Hals. Solche Wickel lösen auf und verdrängen +dicke Hälse+, und wenn ein Kropf noch nicht zu groß und zu fest ist, sind sie selbst die wirksamsten und zugleich schuldlosesten +Kropfmittel+. Mit den Drüsen räumen diese Wickel nicht weniger gründlich auf.

Wer an +Mastdarmvorfall+ leidet, nehme fleißig Sitzbäder mit Absud von Eichenrinden, dazu zuweilen kleine Klistiere mit verdünntem Absud.

Die lästigen und oft gefährlichen +Mastdarmfisteln+ löst der Absud und heilt sie aus.

Auch +harte Geschwülste+, die nicht entzündet sind, können ebenso behandelt und aufgelöst werden.

+Tee+ von Eichenrinde wirkt wie Harz stärkend auf die inneren Gefäße.

=Enzian=, gelber. (~Gentiana lutea L.~)

Der gelbe Enzian wächst besonders auf den Bergen. Durch zuverlässige Leute kann man leicht und billig dieses prächtige Heilkraut sich sammeln lassen. Vor allem rate ich +Extrakte+ von Enzian zu bereiten. Die Enzianwurzeln werden zu diesem Zwecke gut getrocknet, klein geschnitten und so mit Branntwein oder Spiritus in Glasflaschen angesetzt.

Dieser Extrakt ist eines der ersten +Magenmittel+. Man gieße 20-30 Tropfen desselben an 6-8 Eßlöffel Wasser in ein Glas und nehme diese Mischung längere Zeit hindurch täglich. Die gute Verdauung wird ein nicht minder guter Appetit recht bald anzeigen. Spürt man, daß eine Speise schwer im Magen liegt und belästigt, das Magentränklein von einem Kaffeelöffel Extrakt in einem halben Glas warmen Wassers wird die Störung bald beendigen.

Für +Magendrücken+ ist Enzian ebenfalls sehr gut.

Auf größeren Reisen, wenn man tagelang oft schlecht ißt, noch schlechter trinkt und todmüde und halbkrank am Ziele ankommt, leistet ein winziges Fläschchen Enziantinktur, tropfenweise auf Zucker zu Rate gezogen, treffliche, unbezahlbare Dienste.

+Übelkeiten und Anfälle von Ohnmachten+ entfernt ein Kaffeelöffel Tinktur in Wasser genommen; sie erwärmt, weckt auf, bringt Körper und Geist wieder in Frieden.

Enzian, zu +Tee+ verwertet, tut ähnliche Dienste. Man siedet dann entweder die geschnittenen Wurzeln oder selbst das Enzianpulver und trinkt den Absud als Tee.

=Erdbeere.= (~Fragaria vesca L.~)

Welche Freude, wenn Kinder das erste Erdbeersträußchen den Eltern, dem Lehrer, dem Pfarrer bringen! Welcher Genuß, wenn als Nachspeise (mit oder ohne Wein) der erste Teller kühlender Erdbeeren auf den Tisch gebracht wird!

Nicht allein die +Früchte+ dieses kleinen, so überaus fruchtbaren Pflänzchens sind gerne gesehen; auch die +Blätter+ sammelt und trocknet manche, für ihre schwachen Kleinen besorgte, von schwerer Arbeit heimkehrende Mutter, denn Erdbeerblätter, das weiß sie, sind ein gutes, gesundes und so ein +überaus billiges Nährmittel+.

Wie +bereitet sie diesen Tee+? Sie nimmt Erdbeerblätter, soviel sie mit drei bis vier Fingern fassen kann, schüttet ungefähr einen halben Schoppen (ein Viertelliter) siedendes Wasser daran und deckt beides gut zu. Nach 15 Minuten gießt sie den Tee ab und sie hat reinen +Erdbeerblättertee+. Dann mischt sie daran heiße Milch, etwas Zucker und das Tränklein ist fertig.

Würde die Mutter statt des dritten oder vierten Teiles der Erdbeerblätter +Waldmeister+ (~Asperula odorata L.~) nehmen, so gewänne der Tee an Geschmack und Gehalt.

Die +Erdbeeren+ selbst sind als Gesundheitsmittel gar nicht zu unterschätzen. Man gebe dieselben besonders +Rekonvaleszenten+, die große Schwäche und Entkräftung nach schwerer Krankheit spüren; man gebe sie verbunden mit anderen Nahrungsmitteln. Wer im Sommer längere Zeit hindurch, gleichsam zum Kurgebrauch, täglich z. B. einen Schoppen Milch mit einem halben Schoppen Erdbeeren vermischt, (wie man dieses in Süddeutschland vielfach tut) oder täglich zweimal ein Stück guten Roggenbrotes mit je einem Viertelschoppen Erdbeeren genießt, wird bald die überaus wohltuende Wirkung verspüren, die neben der +Kräftigung+ auch in +Blutreinigung+ besteht. Werden die Erdbeeren +eingekocht+ wie Kirschen, Weichseln, Amorellen usw., dann kann obige Kur mit bestem Erfolge selbst im Winter vorgenommen werden.

Bei +innerer Hitze+ leisten Erdbeeren im Sommer selbst Kranken die besten Dienste. Welch’ herrliches Refrigerans, d. i. kühlendes Labsal, kann dem Lechzenden damit gereicht werden!

+Gries- und Steinleidenden+ werden vielfach täglich gleichmäßige Portionen von Erdbeeren empfohlen.

Dasselbe gilt für +Leberleidende+ (täglich in verschiedenen Malen, bis zu zwei Schoppen) und für solche, die mit aus dem krankhaften Blute herrührenden +Ausschlägen+ behaftet sind. (Morgens und nachmittags je einen Schoppen.)

Es ist merkwürdig, wie gerade diese Frucht von der Erde den Menschen so reichlich gereicht wird. Daß unser Verständnis und unsere Dankbarkeit der liebevollen Freigebigkeit ihres und unseres Schöpfers jederzeit entsprechen möchte!

=Fenchel.= (~Foeniculum officinale All.~)

Die Fenchelkörner dürfen in keiner Hausapotheke fehlen, da das Leiden, in welchem sie Hilfe schaffen, so gar häufig vorkommt; ich meine die +Kolik+ mit ihrer Begleitschaft, den krampfartigen Zuständen. Schnell siede die Mutter einen Löffel voll Fenchel in einer Tasse Milch 5-10 Minuten lang und gebe den Heiltrank dem Kranken so warm wie möglich (nie zu heiß, daß man im Innern nichts verbrennt.) Die Wirkung ist meist sehr gut und sehr schnell. Die rasch sich verbreitende Wärme stillt die Krämpfe, die Kolik läßt nach und verschwindet. +Äußerlich+ soll, wie solches an anderer Stelle angegeben ist, ein warmer Aufschlag von Wasser und Essig (halb und halb) auf den Unterleib zu liegen kommen.

+Fenchelpulver+, wie Gewürz auf Speisen gestreut, vertreibt die Gase aus dem Magen und den unteren Regionen.

Das Pulver +wird gewonnen+, indem man Fenchelkörner im Ofenrohre röstet (dörrt) und in einer gewöhnlichen Kaffeemühle mahlt.

+Fenchelöl+ kauft man in der Apotheke.

Fenchel, als Augenwasser verwendet, klingt manchem Geheilten, der dies liest, nicht mehr neu. Man koche einen halben Eßlöffel Fenchelpulver ab und wasche mit dem Absud ungefähr dreimal des Tages die Augen aus.

Reinigender und stärkender noch wirken die +Augendämpfe+.

Da ich bei jedem Kopfdampfe behufs Lösung im Innern stets ein, zum Mindesten ½ Löffel Fenchelpulver verwende, so ist eigentlich mit jedem Kopfdampf ein solcher Augendampf verbunden.

Ähnliche Wirkungen wie mit Fenchel erzielt man mit +Anis+ und +Kümmel+. Öfters werden zwei oder gar sämtliche drei Heilkörner miteinander vermischt, zusammen gemahlen und benützt.

=Foenum graecum.=

Von dem Samen (~foenum graecum~) des Bockshornklees (+Trigonella foenum graecum+) wird ein Pulver bereitet, das Vielen derjenigen, die meine Wassermittel gebrauchten, längst kein Fremdling mehr ist. Sie schätzen es und benützen es fleißig. Man habe keine Furcht, es ist ganz unschädlich.

Nach innen wirkt dasselbe, als Tee zubereitet, kühlend bei +hitzigen Fiebern+.

Bei +Halsleiden+ mit starken Hitzen im Halse dient der +Tee+ als gutes +Gurgelwasser+. Ein Kaffeelöffel des Pulvers reicht aus für eine mäßige Tasse Tee, die im Tage, (alle Stunden, auch öfter, ein Eßlöffel voll) getrunken oder zum Gurgeln verwendet wird.

Was +die äußere Anwendung+ betrifft, so ist ~Foenum graecum~ +das beste von allen mir bekannten Mitteln+ zum Auflösen von +Geschwülsten+ und +Geschwüren+. Es wirkt langsam, schmerzlos, aber bis zum letzten Tropfen Eiter ausdauernd und gründlich. Man kocht ähnlich wie beim Leinsamen den bekannten öligen Brei, den man in kleine Linnentüchlein bringt und auflegt.

Bei +offenen Füßen+ ziehen solche Auflagen die sogenannten „+Zuschläge+“, d. i. die Entzündungen um die Ränder der Wunde aus und verhindern die Bildung des +faulen Fleisches+ oder gar einer +Blutvergiftung+. Diese letztere Anwendung empfehle ich der besonderen Aufmerksamkeit aller, denen solche Fußwunden recht viel Leid und Sorge bereiten.

~Foenum graecum~ kauft man sich in der Apotheke.

=Hafer= oder =Haber=. (~Avena sativa L.~)

Ein tüchtiges Sieden entzieht den Haferkörnern -- auf gleiche Weise kann +Gerste+ behandelt und gebraucht werden -- die innewohnende Kraft. Solches Getränk, nahrhaft, leicht verdaulich, kühlend bei vorhandenen inneren Hitzen, ist für +Rekonvaleszenten+, die z. B. durch die Blattern, durch den Typhus und andere ähnliche Krankheiten übermäßig entkräftet und geschwächt wurden, ein vorzügliches +Nährmittel+, ein wahres Labsal. Wie oft bedaure ich es, daß man derlei armseligen Kreaturen, die doch vor allem neues, gesundes Blut brauchen, alle möglichen, nur nicht solche Getränke bereitet und bietet!

Die +Bereitung+ ist einfach. Ein Liter Hafer wird 6-8mal mit frischem Wasser gewaschen, dann in zwei Liter Wasser so lange abgekocht, bis dieses zur Hälfte eingesotten ist. In den abgegossenen Absud rührt man 2 Löffel Honig und läßt die Mischung noch einige Minuten kochen.

=Hagebutten.=

Am Hundsrosenstrauch (Heckenrose, ~Rosa canina L.~) pflückt die auf ihre Hausapotheke denkende Mutter nicht allein die schönen Rosen, sondern auch mit Fleiß die sogenannten Hagebutten, und zwar nicht allein zu Saucen, sondern auch zu Heilzwecken. Diejenige Hausmutter wird mit noch größerem Eifer ihren Garten und auch fremdes Eigentum durchmustern, die in der Familie ein Glied hat, das an +Gries+ oder an +Nieren-+ und +Blasenstein+, diesen schrecklichen und schmerzlichen Übeln leidet. Sie weiß, +Hagebuttentee+ lindert und reinigt die Nieren und die Blase.

Ich kenne einen hochbejahrten Greis, welcher in jüngeren Jahren viel an Gries und Stein gelitten hat und sich oftmals nicht zu raten und zu helfen wußte. Man riet ihm diesen Tee, und er gewöhnte sich mit solcher Vorliebe daran, daß abends beim Schlafengehen die seit Jahren übliche Tasse nie fehlen darf; sie ist ihm lieber als ein Glas des besten Weines. „Das sind meine Spirituosen,“ sagt er, „das ist das Öl, welches die bald ausgelaufene Maschine des alten Körpers täglich von neuem zum Gange ölt.“

Die Hagebutten werden ausgekernt, die Hülsen getrocknet und daraus der Tee bereitet.

=Harz- oder Weihrauchkörner.=

Wie die Kerze träufelt, so träufelt es manchmal aus der Rinde der Tanne oder der Fichte. Ein jeder, der zur Sommers- oder zur Herbstzeit in den Wald geht, kann dieses Träufeln gewahren. Wie hängengebliebene Tränen sehen diese Harzperlen aus, weiß wie Wachs, klar wie Honig, frisch wie Quellwasser.

Das Harz ist das Blut der Tanne, der Fichte, und wenn ein solcher lebenskräftiger Baum ins Fleisch hinein verletzt wird, so blutet er oft ganz gewaltig.

Dieses Harz, das so zäh klebt und dem Ansehen nach edle, kernige Stoffe enthält, muß gewiß eine besondere Kraft haben.

5-6 solcher erbsengroßen Harzkügelchen oder Harztränen, längere Zeit hindurch täglich eingenommen und geschluckt, +kräftigen die Brust+ und wirken merkwürdig stärkend auf die +inneren Gefäße+.

Ich kannte einen sehr schwächlichen Priester, der täglich ein größeres Quantum dieser harzigen Flüssigkeit zu sich nahm. „Diesem Kraftsyrup“, meinte er, „verdanke ich die Erstarkung meiner Brust.“

Diese +Harzpillen+ kann derjenige, dem sie der nahe Wald nicht liefert, durch +Weihrauchkörner weißer Sorte+ ersetzen. Weihrauch ist ja auch nur ein feines Harz. 6-8 solcher Körner, auf längere Zeit täglich genommen, bilden eine gute Brustkur.

Die Angst vor Unverdaulichkeit dieser Harzsteinchen, wie sie eine hochgehende Phantasie befürchten möchte, soll dir nicht bange machen. Die Natur verarbeitet auch solcherlei Ware recht gut.

=Heidelbeere.= (~Vaccinium myrtillus L.~)

Um Jakobi herum gehen die Kinder so gerne in die Wälder. Die Heidelbeeren sind reif, eine Leibspeise für die jungen Springinsfelde. Auch alte Kinder lassen sich diese Beeren recht gut schmecken. In Großstädten auf den Obstmärkten sieht man die schwarzen Bekannten korbweise stehen; manches Studentlein denkt an vergangene schöne Jugendzeit, wo es mit der kleinen Schwester in die „Hoidlen“ -- wie die Schwaben sagen -- ging, und läßt sich von der Obstfrau für ein paar Pfennige die anheimelnden Schwärzlinge in die Tasche schütten.

+Kein Haus sollte sein+, das nicht eine gute Portion Heidelbeeren dörrt und fürs Jahr aufbewahrt. Sie sind zu gar Vielem nütze.

Man bringt Heidelbeeren, soviel man mit 2-3 Handvoll fassen kann, in ein Glas und gießt guten, echten Branntwein darauf. Je längere Zeit (selbst Jahre lang) die angesetzten Beeren stehen, d. h. je besser dieselben ausgezogen werden, um so schärfer wird und wirkt die Medizin solchen Beerengeistes.

Wer an +leichten Diarrhöen+ leidet, nehme von Zeit zu Zeit einige getrocknete rohe Heidelbeeren, verkaue und schlucke sie. Sehr oft genügt dieses leichteste Mittelchen. Ich sah Badegäste in großen Badestädten, die, um unangenehmen Überraschungen auf dem Spaziergange vorzubeugen, von der erfahrenen und umsichtigen Hausfrau derlei „Diarrhöestillpillchen“ mit auf den Weg bekamen.

+Heftiges, andauerndes Abweichen+, mit großen Schmerzen verbunden, bei dem mitunter Blut abgeht, stillt ein Löffel +Heidelbeerbranntwein+, genommen in ⅛ Liter warmen Wassers. Nach 8-10 Stunden kann man die gleiche Medizin nochmals nehmen. Eine dritte Repetition wird kaum mehr notwendig sein. Suche man in der Apotheke ein unschuldigeres und doch wirksameres Mittel!

Bei gefährlichen +Ruhrerkrankungen+ arbeitet derselbe Heidelbeergeist der äußeren Wasseranwendung (warme Aufschläge von Wasser und Essig auf den Unterleib) von innen überaus wirksam entgegen.

Unter den +Tinkturen+ unserer Hausapotheke ist die Heidelbeertinktur die +erste+ und +unentbehrlichste+. Sie dient in all den oben bezeichneten Fällen und ist einer der wärmsten Freunde des Unterleibes. Die Dosis richtet sich nach dem Grade des Übels: die kleinste beträgt 10-12 Tropfen auf Zucker, die stärkere etwa 30 Tropfen, die stärkste und größte einen Kaffeelöffel, in warmem Wasser oder in Wein (6 Löffel voll) genommen.

=Heublumen.=

Zahlreiche mündliche und schriftliche Berichte haben mich belehrt, daß viele Leute nicht wissen, was sie sich unter „Heublumen“ vorzustellen haben. Was man in der Heilkunde unter diesem Namen versteht, ist bereits beim Heublumenfußbad (S. 40) erwähnt worden. An dieser Stelle möchte ich nur noch den Heublumen das Wort reden und im allgemeinen auf deren Verwendung hindeuten. Bei +beginnender Blutvergiftung+, bei +erfrorenen Gliedern+, bei +krampfhaften Unterleibserscheinungen+ u. A. haben mich die „angeschwellten“ (heißüberbrühten) Heublumen nie im Stiche gelassen.

Bei +Rheumatismus+, +Gicht+, bei +skrophulösen Zuständen+ leisten +Wickel+ und +Hemden+, in +warmen Heublumenabsud eingetaucht+, vortreffliche Dienste. Es verstände mich aber jener nicht recht, der bei den genannten Krankheitserscheinungen mit den Heublumen +allein+ auszureichen meinte. Die einzelnen Fälle im dritten Teile tun dies zur Genüge dar.

=Holunder=, +schwarzer+. (~Sambucus nigra L.~)

Dem Hause am nächsten stand in den guten alten Zeiten der +Holunderbusch+; jetzt ist er vielfach verdrängt und ausgerottet. Es sollte kein Wohnhaus geben, wo er nicht gleichsam als Hausgenosse in der Nähe wäre oder wieder in die Nähe gezogen würde; denn am Holunderbaum sind wirksam die Blätter, die Blüten, die Beeren, die Rinde und die Wurzeln.

Zur Frühlingszeit sucht die kräftige Natur manche Stoffe, die sich im Körper den Winter über angesammelt haben, zu entfernen. Wer kennt nicht diese Zustände, die +sogenannten „Frühlingskrankheiten,“+ wie Ausschläge, Abweichen, Kolik und Ähnliches?

Wer durch eine +Frühlingskur+ Säfte und Blut reinigen und verlegene Stoffe in leichter und natürlicher Weise ausscheiden will, der nehme 6-8 +Blätter+ des Holunderbaumes, schneide sie klein, wie man Tabak schneidet, und lasse den Tee etwa zehn Minuten lang sieden. Dann nehme er in der ganzen Kurzeit täglich des Morgens nüchtern eine Tasse solchen Tees, eine Stunde später sein Frühstück.

Dieser +einfachste Blutreinigungs-Tee+ säubert die Maschine des menschlichen Körpers in vortrefflicher Weise und ersetzt armen Leuten die Pillen und Alpenkräuter u. a., die in feinen Schachteln und Schächtelchen heutzutage die Runde machen und oft ganz sonderbare Wirkung tun.

Wie im Frühlinge, so kann diese Kur auch zu jeder anderen Jahreszeit vorgenommen werden. Selbst die +gedörrten Blätter+ liefern guten Tee zur Auflösung und Reinigung.

Wer hat nicht schon von Holunder-+Blüten+ zubereitete Kuchen (die schwäbischen sogenannten „Küchlein“) gegessen? Viele Leute backen dieselben gerade zu der Zeit, in welcher der Baum im weißen Frühlingsschmucke prangt, und sagen, diese Blütenkuchen schützen vor Fieber.

Ich kenne einen Ort, in den der +Schüttelfrost+ sehr häufig Einzug hält. Dort sieht man im Frühling auf jedem Tisch diese Holunderblüten- oder Fieberkuchen. Spitzfindig und kritisch habe ich dies noch nie untersucht; die Leutchen mögen ganz ruhig bei ihrem Glauben bleiben; denn solche Kost ist gut und gesund.

Auch die +Holunderblüte reinigt+, daran zweifelt niemand, und es wäre gut, wenn in jeder Hausapotheke eine Schachtel gedörrter Blüten aufbewahrt würde. Der Winter ist lang und es kann Fälle geben, in denen ein derart lösendes und schweißtreibendes Mittelchen überaus treffliche Dienste leistet. Schaden kann solcher Tee niemals bringen.

Bei Organismen, in welche die +Wassersucht+ Einzug halten, sich ansetzen will, treibt die +Holunderwurzel+, als Tee zubereitet, so kräftig Wasser aus, daß sie kaum von irgend einem andern Medikament übertroffen wird. Dabei ist die Wirkung ganz schuldlos.

Die +Beere+, welche zur Herbstzeit häufig gekocht und als Brei, als Mus gegessen wird, wurde von den Alten hochgeschätzt als Blutreinigungsmittel. Meine selige Mutter hat alle Jahre 14 Tage bis 3 Wochen lang eine solche Holunderkur vorgenommen. Dieses war der Hauptgrund, weshalb unsere Altvordern noch vor 50 bis 60 Jahren mindestens ein paar Holunderbäume vors Haus pflanzten. Wie die hohen Herrschaften heutzutage zu der teuren Traubenkur wandern, oft nach fernen Ländern, so gingen unsere Eltern und Großeltern in die Kur zum Hollunderbaum, der sie in nächster Nähe so billig und oft viel besser bediente. -- Vor mehreren Jahren kam ich in ein österreichisches Alpenland. Da sah ich zu meiner großen Freude auch den Holunderbaum noch in Ehren. „Ja daran,“ sagte mir ein alter Bauer, „lassen wir keine Beere zugrunde gehen.“ Wie einfach, wie rationell (vernünftig!) Die Vögel selbst, ehe sie ihre Herbstwanderung antreten, suchen noch überall den Holunderbaum auf, um ihr Blut zu reinigen und ihre Natur zur weiten Wanderung zu stärken. Wie schade, daß der Mensch alle diese Naturtriebe, „den gesunden Sinn“ vor lauter Kunst und Gekünsteltem nicht mehr fühlt und achtet!

Wird die +Beere+ mit +Zucker+ oder besser +mit Honig eingekocht+, so dient diese Masse zur Winterszeit besonders solchen Leuten vorzüglich, die wenig Bewegung haben, die mehr zu ruhiger, sitzender Lebensweise verurteilt sind. Ein Löffel voll von solchem Eingekochten in ein Glas Wasser gerührt, gibt den +herrlichsten Kühl-+ und +Labetrunk+ ab, +reinigt den Magen+, wirkt auf +Urinausscheidung+ und günstig auf die +Nieren+.

Viele Landleute +dörren+ die Beeren. Verkocht man diese gedörrten Beeren zu Brei oder siedet man sie ab zu Tee oder ißt sie dürr, in allen Formen wirken sie sehr gut bei +heftigem Abweichen+.

Weil man sich an die überaus guten Dienste des Holunderbaumes, dieses treuen und früher so geachteten Hausfreundes, nicht mehr erinnerte, deshalb hat man denselben vielfach verworfen. Daß der alte Freund wieder zu neuem Ansehen kommen möchte!

=Honig.=

Die früheren Generationen behaupteten, junge Leute sollten ja nicht viel Honig essen, er sei für sie viel zu stark; den Alten dagegen „helfe er nochmals auf den Gaul“.

Ich habe den Honig vielfach verwendet und stets gefunden, daß er von vorzüglicher Wirkung ist. Er wirkt lösend, reinigend, stärkend.

Als +Beimischung zu Tee für Katarrhe+ und +Verschleimungen+ benützt man den Honig seit langer Zeit.

Die Landleute verstehen es gut, für +äußere Geschwüre+ die +Honigsalbe+ anzuwenden. Wer nicht die Gewandtheit besitzt, solche Geschwüre mit Wasser zu behandeln, dem rate ich entschieden, vor jeder anderen Schmiererei nach diesem einfachen, unschädlichen und wirksamen Mittel zu greifen. Die +Bereitung+ ist höchst einfach. Man nimmt halb Honig, halb weißes Mehl und rührt die Mischung durch Zugießen von wenig Wasser gut durcheinander. Die rechte Honigsalbe soll ziemlich fest, nicht flüssig sein.

Auch nach innen wirkt der Honig bei verschiedenen kleineren Übeln heilkräftig.

+Kleinere Magengeschwüre+ soll er rasch zusammenziehen, reifen und ausheilen. Ich würde nicht raten, den Honig rein, dagegen es sehr anempfehlen, den Honig mit einem passenden Tee vermengt zu nehmen. Ohne Beimischung wirkt dieser edle Extrakt zu stark; noch bevor er den Hals passiert, hat er diesen schon „rauh“ gemacht.

Wem das +Schlucken+ wegen Katarrh oder eines ähnlichen Uebels schwer geht, lasse einen Kaffeelöffel Honig in ¼ Liter Wasser aufkochen. Jeder Sänger hat so das herrlichste und süßeste +Gurgelwasser+. Selbst wenn ein Tropfen hinunterrinnt, braucht man sich vor dem Magenverderben und Vergiften nicht zu fürchten.

Das reinigende und stärkende +Honig-Augenwasser+ ist bekannt. Siede einen Kaffeelöffel Honig in ¼ Liter Wasser fünf Minuten lang; alsbald kannst du das Augenläppchen eintauchen.