Part 12
+Am besten wird es mit der Ordnung der Hausapotheke bestellt sein+, wenn die Hausmutter oder ein fleißiger Sohn oder die reinlichste und ordnungsliebendste Tochter die Sorge und Verantwortung übernimmt. Sie wird die pünktlichste, gewissenhafteste Reinlichkeitspflege als Ehrensache betrachten und den Staublumpen stets in einer Ecke bereit liegen haben. Wenn sie ihr Amt gut verwaltet, das ja fürs ganze Haus, für alle Glieder desselben von Segen ist, darf sie mit Freuden an jenes Wort des göttlichen Heilandes denken: „Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“
+Was so eine kleine Hausapotheke+ annähernd enthalten soll, habe ich am Ende dieses zweiten Teiles angegeben.[20] Ich rate ab von allem nicht Notwendigen. Man kann gelegentlich das eine oder andere Mittel beifügen.
Hier soll nur noch ein Wort stehen über die +Bereitung der Tinkturen+, +des Tees+, +der Pulver+.
Tinkturen oder Extrakte.
Die inneren Kräfte, die Heilsäfte können aus einer Pflanze in verschiedener Weise ausgezogen werden. Den +besten, stärksten Auszug+ erhalten wir im eigentlichen, sogenannten +Extrakt+.
Der Extrakt wird +folgendermaßen bereitet+:
Man sucht unter den Kräutern, Beeren usw., aus denen man den Extrakt gewinnen will, die besten aus: die reifsten, die untadelhaften; diese trocknet man auf einem Brett an der frischen Luft, +stets+ (das merke man sich gut,) jedoch im +Schatten+, +niemals an der Sonne+. Beim Trocknen wird sich noch manches zeigen, was als untauglich verworfen werden muß.
Nachdem die Kräuter, Beeren usw. gut getrocknet sind, +zerkleinere+, +zerschneide+ man sie, wenn notwendig, und bringe sie in eine +verschließbare Flasche+ (Weinflasche). Diese nun wird mit echtem Kornbranntwein -- den ich allem andern vorziehe -- oder in dessen Ermangelung mit reinem Spiritus oder Fruchtbranntwein aufgefüllt und luftdicht verschlossen für einige Zeit an einen mäßig warmen Ort gestellt.[21] Ich habe derart gefüllte Flaschen schon ein Jahr lang und noch länger ruhig stehen lassen und dann erst den mit dem ausgezogenen Saft des betreffenden Heilmittels durchtränkten Spiritus als Extrakt abgegossen. Im +Not-+ und +Bedarfsfalle+ kann man denselben schon nach wenigen Tagen des Ansatzes in Gebrauch nehmen.
Die Tinkturen nimmt man tropfenweise; in gewissen Fällen, (es ist dieses jedesmal ausdrücklich angegeben) wird auf den Kaffeelöffel (kleineres Maß) und auf den Eßlöffel (größeres Maß) hingewiesen.
Tee.
Bei trockener Witterung, vielleicht wenn du vom Felde heimkehrst, oder wenn du hinausgehst, den Stand der Saaten zu betrachten, mache einen Abstecher und sammle da diese, dort jene Heilkräuter. Was auf +trockenem+ Grunde wächst, gar an +sonnigen Berghalden+ verdient den Vorzug, und welche Pflanzen du in +der schönsten Blütezeit+ sammelst, diese werden dir die herrlichste und in Leiden die gesegnetste Frucht bringen. Manches der Kräuter und Kräutchen wächst in +deinem Gras-+ oder +Gemüsegarten+, am +Haus+ oder an der +Scheune+. Du brauchst nur dem zehnjährigen Knaben oder deinem kleinen Mädchen es vorzumachen, wie sie es anstellen sollen, und du verlierst beim Sammeln der Kräuter keinen Augenblick und bereitest deinen Kindern eine Freude. Die +Garten-+ und +Feldkräuter+ sollen +jedes Jahr erneuert+ d. h. neugesammelt, die alten weggegeben werden.
+Jede Hausmutter versteht es+, jedweden +Tee+ zu bereiten. Von den getrockneten Kräutern (über das Trocknen lies das auf der vorhergehenden Seite Gesagte) nimmt sie zu einer Tasse, soviel sie mit +drei Fingern+ fassen kann, gießt in das Pfännchen über die Teeblätter oder Blüten sprudelndes Wasser und läßt es einige Minuten aufkochen, dann schüttet sie den fertigen Tee ab.
In dieser Weise bereiteter Tee hat den feinsten Geschmack mit dem besten, jeder Pflanze eigentümlichen Aroma, aber es ist nicht der kräftigste Tee.
+Bei mir+ werden die Kräuter durch +längere Zeit förmlich abgekocht+, +gründlich ausgesotten+, daß auch nicht ein Teilchen der Heilkraft verloren geht, vielmehr alle im Wasser gefangen wird.
+Die Art des Einnehmens+, ob tassen-, ob löffelweise, ist bei jeder einzelnen Krankheit genau angegeben.
Pulver.
Das Pulver +wird gewonnen+, indem die trockenen Wurzeln, Blätter, Körner oder Beeren der Heilpflanzen zerrieben oder im Mörser zerstoßen werden.
Manchen Kranken ist damit leichter beizukommen als mit Tee. Man streut ihnen das vorgeschriebene Pulver wie Gewürz (Pfeffer, Zimmt usw.) an eine Speise oder mischt es an einen Trank, daß sie desselben gar nicht gewahr werden.
Die +Gefäße+, welche zur Aufbewahrung der verschiedensten Pulver dienen, seien des Staubes wegen recht +sorgfältig verschlossen+.
Öle.
+Die Bereitung der Öle+, soweit dieselben nicht in der Apotheke gekauft werden, ist bei jeder Krankheit, in der ein solches zur Verwendung kommt, jedesmal besonders angegeben.
An der Reinhaltung der Ölfläschchen insbesondere wird man den Sinn für Ordnungsliebe, Reinlichkeit usw. erkennen.
Heilmittel.
In alphabetischer Aufzählung sind die von mir verwendeten Heilmittel[22] folgende:
=Agave.= (~Agave americana =L.=~) =[Aloë.]=
Diese Pflanze hat ihre Heimat fern in Amerika. Von dort wurde sie zu uns herüber gebracht; man sieht sie jetzt nicht selten an den Fenstern der Blumenfreunde zwischen anderen Blumenstöcken hervorragen. Sie fällt auf und ist erkenntlich durch ihre recht dicken, fleischigen, ziemlich langen Blätter, die seegrün sind und viele Stacheln tragen. Blüten bringt sie selten; wenn man aber die Wirkung der fleischigen Blätter kennen würde, dann würde sicher jeder Blumenfreund auch diese ausländische Pflanze in einem Topfe unter seinen Blumen haben.
Die Wirkungen sind folgende:
Wenn man ein solches Blatt nimmt, es in Wasser siedet und trinkt, so reinigt eine solche Tasse Magen wie Gedärme. Auch auf kranke Leber und Gelbsucht wirkt diese Pflanze, wenn sie zu Pulver gemacht, und täglich zweimal eine Messerspitze voll davon eingenommen wird.
Wenn man von derselben so ein Blatt mit einem Kaffeelöffel voll Honig in einem Schoppen Wasser siedet und in kleinen Portionen einnimmt, dann nimmt dieser Absud die innere Hitze aus den Augen, wenn dieselben damit gut ausgewaschen werden. Wermut, mit Aloë gesotten, treibt die wässerigen, schlechten Stoffe, aus denen leicht Wassersucht entstehen kann, aus und macht einen recht guten Magen.
Dieses wenige Angeführte veranlaßt mich, jedem Blumenfreunde den Rat zu geben, diese Pflanze auch in einem Topfe unter seinen Blumenstöcken zu pflegen.
=Alaun.=
Alaun ätzt, er eignet sich demnach für +faule+, +bösartige Schäden+. Ich habe gesehen, wie er selbst den noch +nicht zu weit vorgeschrittenen Krebs+ am Weiterfressen hinderte.
+Schwärende+, +eingewachsene+ Nägel sollen stets mit Alaun behandelt werden.
Die +Anwendung+ ist folgende:
Alaun wird entweder +gepulvert+, d. i. zu feinem Staub zerrieben und direkt auf die Wunde aufgestreut, oder er wird +in Wasser aufgelöst+ und die Auflösung in Form von Waschungen oder eingetauchten kleinen Linnenauflagen benützt.
Sind die Wunden von Eiter, Faulfleisch usw. ganz gereinigt, so wirkt Alaun +zusammenziehend+, +trocknend+ und +rasch heilend+.
Für +Zähne+, an denen sich +ungesundes Fleisch mit unterlaufenem Blute+ ansetzt, ist +verdünntes Alaunwasser+ ein erprobtes Mittel.
Als +Mundwasser+ zum Ausspülen des Mundes und der Zähne, sowie als +Gurgelwasser+ dient Alaunwasser längst.
=Aloë.= (~Aloë vulgaris Lam.~)
Aloë (man kauft das Pulver in der Apotheke) ist sowohl innerlich als äußerlich verwendet von guter Wirkung. Siedet man eine bis zwei Messerspitzen +Aloëpulver+ mit einem Kaffeelöffel voll Honig, so reinigt diese Mixtur den +Magen+ gründlich ohne die geringste Belästigung.
Wird Aloë mit anderen Kräutern vermengt und als +Tee bereitet+, so ist obige Wirkung noch nachhaltiger. Die Mischung hat gewöhnlich +folgende Zusammensetzung+: eine Messerspitze Aloë, Holunderblüten für zwei Tassen Tee, ein paar Messerspitzen Foenum grecum, ein Kaffeelöffel Fenchel. Die zwei Tassen Tee sind innerhalb zwei Tagen zu nehmen. Die Wirkung, die nicht in heftigem Abführen, sondern lediglich in reichlichem Stuhlgang besteht, tritt erst nach 12-30 Stunden ein.
Eine Anwendung von Aloë mit Johanniskraut und Schafgarbe wird an anderer Stelle erwähnt werden.
Dieselbe reinigende Kraft, welche Aloë innerlich angewendet zeigt, hat sie auch bei +äußerlichem Gebrauche+. Wer kranke, trübe, rot unterlaufene, +triefende Augen+ hat, aus denen Eiter und anderer Unrat sich ausscheiden, bereitet sich aus Aloë ein vorzügliches +Augenwasser+. Eine kräftige Messerspitze Aloë wird in ein Medizin-Glas geschüttet, mit heißem Wasser übergossen, gerüttelt -- das Augenwasser ist zum sofortigen Gebrauche fertig. Drei- bis viermal täglich wasche man die Augen äußerlich ab und innerlich aus. Das anfängliche Jucken und leichte Brennen darf einen nicht stören.
+Alte Schäden+, +faulendes Fleisch+, +tiefe Narben mit viel Eiter+ werden vorzüglich gereinigt durch solches Wasser, das sie heilt. Es werde zu dem Zwecke ein Lappen in Aloëwasser getaucht und auf die leidende Stelle gelegt.
Sollte an irgend einer Körperstelle die +Neubildung der Haut+ durch Geschwüre oder vielmehr durch die aus derselben ausströmende scharfe Flüssigkeit gehindert werden, so streue man Aloëpulver auf die Geschwürstelle, so dicht, daß der ganze offene Schaden bedeckt ist. Das Ganze werde trocken überbunden. Dieses täglich einmal. Das Pulver bildet, die schlechten Stoffe aufsaugend, eine harte Kruste, unter welcher bald die neue Haut sich zeigt.
+Wunden+, frische wie alte, heilt Aloë sehr schnell zu. Bei alldem kann das reinliche und reinigende Heilmittel, wohin es immer komme (in das Auge oder in die Wunde), niemals schaden.
=Angelika=, wilde oder Wald-=Engelwurz=. (~Angelica silvestris L.~)
Es wächst auf feuchten Wiesen und an nassen Waldstellen eine Pflanze mit einem Stengel, der einen halben bis ganzen Meter hoch ist. Der Stengel ist hohl und die Buben machen gerne Pfeifen daraus. Diese Pflanze führt den Namen Angelika, Wald- oder wilde Angelika; sie heißt +Waldangelika+, weil sie meist im Walde zu finden ist; sie heißt auch wilde Angelika, weil sie wild, ohne menschliches Zutun wächst und sich so von einer anderen Art (~Angelica archangelica L.~, +edle+ Engelwurz) unterscheidet, die einer eigenen Pflege bedarf. Beide sind Heilpflanzen im gleichen Sinne und mit gleicher Wirkung; ich ziehe erstere aber vor, weil man sie ohne Mühe haben kann. Hat jemand ungesunde oder halbgiftige Speisen bekommen, so ist ein Tee, von ihren Wurzeln, Samen und Blättern gesotten, ein vorzügliches Mittel, diese schlechten Stoffe wieder zu entfernen.
Weil das Blut aus den verschiedenen Nährstoffen bereitet wird und die Nährstoffe nicht alle gut und gesund sind für die Natur, so leitet dieser Tee die schlechten Stoffe wieder aus dem Blut. Wie oft kommt es vor, daß im Magen eine unbehagliche Kälte herrscht! Eine Tasse Tee von solchen Wurzeln bringt dem Magen wieder mehr Wärme. Am besten ist es, wenn man eine solche Tasse Tee in drei Portionen teilt und die erste am Morgen, die zweite am Mittag, die dritte am Abend nimmt.
Wenn ungesunde Stoffe im Magen und in den Gedärmen sind, oder wenn versteckte Gase Grimmen verursachen, so ist wieder dieser Tee ein Hauptmittel, das Übel zu heben, besonders wenn man zum Tee halb Wein und halb Wasser nimmt.
Starke Verschleimungen in der Lunge und Brust, Magenbrennen, Verschleimungen in der Luftröhre werden gerade durch diesen Tee am leichtesten beseitigt.
Man kann mit Recht die Angelika als ein vorzügliches Hausmittel empfehlen, und die Landleute sollten fleißig auf ihren Wiesen und in ihren Wäldern eine ziemliche Portion für das ganze Jahr sammeln, an der Luft trocknen und an einem trockenen Orte aufbewahren. Diese Wurzeln, Samen und Blätter, gut getrocknet, können auch zu Pulver gemacht werden, und wenn man täglich zwei- oder dreimal eine Messerspitze voll solchen Pulvers einnimmt, so ersetzt dieses den Tee.
Dem Pflanzenunkundigen gebe ich notgedrungen den guten Rat, nicht Angelika zu sammeln, er möchte sonst aus der Wiese Roßkümmel oder aus dem Walde gar Schierling (Giftpflanze) zu seinem Verderben nach Hause tragen. Ich setze diese Worte her, weil beides sich ereignet hat.
=Anis.= (~Pimpinella anisum L.~)
Anis ist wie Fenchel sehr zu empfehlen. Seine Wirkung auf Gase (Winde) übertrifft jene des Fenchel bei weitem. Meistens werden beide Heilmittel miteinander gemengt und verbunden.
Die Öle von Anis und Fenchel kauft man am leichtesten in der Apotheke. Gegen obiges Leiden genügen 4-7 Tropfen auf Zucker täglich ein- bis zweimal zu nehmen.
=Anserine= oder =Gänsefingerkraut=. (~Potentilla anserina L.~)
Das Gänsefingerkraut wächst, wie sein Name besagt, da am besten, wo Gänse sich am liebsten aufhalten. Man trifft es besonders zahlreich in der Nähe der Häuser, ferner auf Triften, an Weg- und Grabenrändern. Viele Leute haben ihm nach seiner Wirkungsweise den Namen +Krampfkraut+ gegeben.
Tee von Anserinenkraut ist ein vortreffliches Mittel bei +Krampfanfällen+, seien dieselben im Magen, im Unterleib oder wo immer. Bei +Starrkrampf+ selbst -- soweit überhaupt eingewirkt werden kann -- tut dieses Kräutchen sehr gute Dienste. Beim Beginne der Anfälle, besser noch bei den sich zeigenden Symptomen (Vorzeichen) der Krämpfe, gebe man dem Kranken täglich dreimal recht warme Milch (so warm sie der Kranke ertragen kann), in welcher solche Heilkräuter (so viel mit drei Fingern zu fassen sind) wie zu Tee abgebrüht wurden.
Doppelte Wirkung erzielt der, welcher solchen Tee einnimmt und zugleich auf die krampfhaften Stellen Überschläge mit dem im Wasser angeschwellten oder abgebrühten Kraute macht.
+Keine Familienmutter+ soll es unterlassen, einen hinlänglichen Vorrat solchen Krautes zu sammeln und zu trocknen. Sie weiß selbst zu beurteilen, wie schmerzhaft solche häufig vorkommenden Krampfanfälle sind, und wie es noch größeren Schmerz bereitet, Angehörige leiden zu sehen, ohne helfen zu können.
=Arnika= oder =Bergwohlverleih=. (~Arnica montana L.~)
Arnika besitzt in der ganzen Welt den Ruf einer vorzüglichen Heilpflanze. Weshalb gerade viele von denen, die solches wissen könnten und sollten, dieses bestreiten, begreife +ich+ wenigstens nicht.
Die +Arnika-Tinktur+ ist so allgemein bekannt und bei Wunden zu deren Auswaschen, zu Kompressen (Aufschlägen) usw. so allgemein in Übung, daß es mir nicht notwendig erscheint, darüber auch nur ein Wort zu verlieren.
Man kauft diese Tinktur billig; ein jeder kann sie aber auch leicht selbst bereiten. Die Blüten werden Ende Juni und Anfang Juli gesammelt und in Branntwein oder Spiritus angesetzt. Nach ungefähr drei Tagen schon kann die fertige Tinktur in Gebrauch genommen werden.
=Attich= oder =Zwergholunder=. (~Sambucus ebulus L.~)
Am Rande der Wälder, besonders abgetriebener (ausgehauener), sieht man Stauden, einen Meter und darüber hoch, die im Juli weiße große Doldenblüten, im Herbste prächtige, schwere, glänzende Doldentrauben tragen. Das ist Attich oder Zwergholunder.
+Der Tee, aus solchen Wurzeln+ bereitet, treibt mit außerordentlicher Wirkung das Wasser ab in der +Wassersucht+ und reinigt die +Nieren+. Mir sind mehrere Fälle bekannt, in denen solcher Tee die ziemlich vorangeschrittene Wassersucht vollständig heilte und ausheilte.
Auch bei +anderen Zufällen im Unterleib+, die von schlechten Säften herrühren, wirkt er gut; er scheidet die Säfte durch den Urin aus.
+Attichtee+, den man +aus dem Pulver bereitet+, tut dieselben Dienste. Zu einer Tasse, die auf zweimal zu verschiedenen Zeiten des Tages genommen wird, reichen zwei Messerspitzen des Pulvers aus.
Im Spätherbste sammelt man die Wurzeln, trocknet sie gut an der Luft und bewahrt die gedörrten +Wurzeln+ oder das aus den zerstoßenen Wurzeln gewonnene Pulver in der Hausapotheke auf.
=Augentrost.= (~Euphrasia officinalis L.~)
Zum Lohn und aus Dankbarkeit für treue Dienste haben unsere Voreltern diesem kleinen Kräutchen den schönen Namen „Augentrost“ gegeben. Wenn oft kein Mittel mehr helfen wollte, spendete dieses Blümchen den +Augen+ den letzten Trost. Ich habe dasselbe schon recht häufig geraten und mit guten Erfolgen.
Wenn die Öhmd- (Grummet-) Ernte zur Hälfte reif ist, im August etwa, findest du dieses Heilkräutlein fast auf jeder Wiese. Oft wächst es so zahlreich, das eigentliche Futter verdrängend, daß die Bauersleute ihm gram werden.
Sowohl die getrockneten als die zerriebenen Blätter kommen als +Tee+ und als +Pulver+ zur Anwendung. Mit dem Tee wäscht man täglich zwei- bis dreimal die Augen gut aus, oder man taucht in denselben kleine Fleckchen, die man über Nacht aufs Auge legt und mit einer Binde befestigt. Das Auge wird so gereinigt, geklärt, die Sehkraft gestärkt.
Nach meiner Praxis lasse ich +zu gleicher Zeit+ die Patienten +das Pulver nach innen+ anwenden, und zwar täglich eine Messerspitze in einem Löffel Suppe oder Wasser. Damit ist die Heilkraft des Kräutchens nicht erschöpft. Auch +Magentrost+ könnte man es nennen. Wegen seiner angeborenen Bitterkeit gilt sein Tee als +Magenbitter+ zu regerer Verdauung und zur Verbesserung der Magensäfte. Probiere es einmal, lieber Leser; das Kräutchen wird auch bei dir mit seinem Trost nicht kargen!
=Ausscheidungsöl= (im Volksmund „+Malefizöl+“).
Es gibt Fälle, wo in Körpern sich so viele kranke Stoffe angesammelt haben, daß es ungemein schwer ist, dieselben gänzlich aufzulösen und auszuleiten. Die Schwierigkeit besteht nicht in der zweifelhaften Leistungsfähigkeit des Wassers oder der verschiedenen Anwendungen vielmehr in der Frage: Wird ein solcher Patient, werden insbesondere schwächliche Naturen vor den notwendig anzuwendenden Übungen und der Langwierigkeit einer solchen Kur nicht zurückschrecken und so alle Bemühungen vereiteln? Dieser Gedanke hat mich viel beschäftigt und manche Erfahrung hat zu neuem ernstem Nachdenken angespornt.
Da fiel mir ein, daß +ja manches innere Leiden plötzlich verschwand, sobald nach außen hin ein Ausschlag zu Tage trat+.
Könnte man, so frage ich mich, nicht auf künstliche Weise solchen Ausschlag bewirken, mit andern Worten, durch irgendein Mittel den im inneren Körper verborgenen kranken Stoffen zum Durchbruch verhelfen, dieselben herauslocken an die Oberfläche der Haut und so der Wasserkur ihre Arbeit um ein gutes Stück erleichtern?[23]
Nach langem Suchen traf ich auf ein Öl, welches diese Dienste in vortrefflicher Weise leistet, bei manchen Fällen geradezu mit auffallenden Erfolgen. Dasselbe ist, wie gesagt, zur Heilung nicht absolut notwendig, keine ~conditio sine qua non~; das Wasser allein kann wohl die Arbeit tun. Aber es unterstützt und fördert das oft sehr schwere Werk der Auflösung und Ausleitung um ein Bedeutendes. Das Öl wird +nur äußerlich+ angewendet und allein in solchen Fällen, in denen so auf die leichteste Weise eine vorteilhafte Ausleitung des kranken Stoffes erzielt werden kann. Die Wirkung ist +ganz und gar unschädlich+, aber gründlich, tiefgehend bis ins Innerste. Weil es die Rebellen im Körper und im Blut mit scharfer Spürnase wittert und sicher ans Tageslicht bringt, hat ein Herr, bei dem es prächtig und erfolgreich diente, ihm den Namen „Malefizöl“ gegeben, den es bis heute behalten. Ich hatte keinen Grund, den originellen Namen irgendwie anzufechten.
Die +Art der Verwendung+ mögen einige Beispiele veranschaulichen.
Jemand klagt über +Augenleiden+: die Augen sind gerötet, jede Helle tut weh. Sie triefen sehr stark und schmerzen aufs empfindlichste. In diesem Falle reibe ich die Hautfläche hinter den Ohren (an Ohrmuschel und Hinterhaupt) leise, um sie etwas zu erwärmen, und trage dann sachte drei bis vier Tropfen solchen Öles auf die erwärmte Stelle auf. Schon nach einer halben Stunde spürt der Patient die Wirkung, ein leichtes Spannen und Brennen; nach ungefähr 24 Stunden erscheinen unzählige, mit Eiter angefüllte Bläschen, die je nach der Masse des auszuziehenden kranken Stoffes wachsen, später vertrocknen und als verdorrte Krusten abfallen. Sollte der erste Versuch nicht gelingen, d. h. sollte das Öl nach circa 30 Stunden nicht wirken, so bringe man am zweiten Tage nochmals ein paar Tropfen auf die geröteten Stellen. Die Wirkung wird sicherlich nicht ausbleiben und der Giftstoff, der im Auge die Entzündung verursacht hat, in Bälde ausgegangen sein. Bei einer Reihe derartiger Augenleiden ließ bei Anwendung besagten Öles schon nach 1-2 Stunden der Schmerz nach, und binnen kurzer Zeit waren die Augen rein und gesund.
+Heftiges Zahnweh+ plagt einen anderen Patienten; das Zahnfleisch ist angeschwollen, der Kiefer schmerzt, als ob er zerrissen werde; den ganzen Kopf peinigt die schmerzlichste Aufregung. Wie beim ersten Falle bringe man einige Tropfen unseres Öles hinter die Ohren oder ins Genick. Der Erfolg muß ein günstiger sein.
Eine +Eigentümlichkeit des Öles+ besteht noch darin, daß es bei der ersten und vornehmeren Arbeit des Ausziehens die bestrichene Stelle verwundet, dann aber, sobald es seine Pflicht getan, in zweiter Arbeit dieselbe schnell und gut zuheilt.
Das Öl betrachte ich +nicht im mindesten als ein Geheimmittel+; ich habe dessen Zusammensetzung manchem vertrauten Freunde mitgeteilt. Um indessen Mißbräuchen und wohl auch Mißgriffen verschiedener Art vorzubeugen, sehe ich mich veranlaßt, das Rezept der Öffentlichkeit nicht kundzugeben. (Siehe Anmerkung auf Seite 111.)
=Baldrian=, +gebräuchlicher+. (~Valeriana officinalis L.~)
Daß im Baldrian etwas besonderes stecken muß, darüber belehren uns die Katzen, die er durch seinen Geruch so anzieht, daß sie sich auf seinem Kraute wälzen.
Wir benützen allein die +Wurzel+, die entweder zur +Tee+bereitung zugeschnitten oder zu +Pulver+ zerrieben und stets nur (als Tee und als Pulver) in kleinen Portionen genommen wird.
Baldrianwurzel lindert +Kopfbeschwerden+ und hebt +krampfhafte Zustände+, ähnlich wie die Raute; sie wirkt auf beide Leiden gut ein, weil sie deren hauptsächlichste Ursachen, die +Gase+ nämlich, ausscheidet.
=Bitter- oder Sumpfklee= (~Menyanthes trifoliata L.~)
ist eine Pflanze, welche auf Moorgrund und gewöhnlich in der Nähe von laufendem Wasser steht. Da, wo das Wasser im Fließen keinen Ausweg mehr gefunden hat und eine kleinere oder größere Pfütze bildet, wächst unter sauerem Grase auch diese Sumpfflanze. Sie hat drei Blätter und ist sehr bitter, daher der Name Bitterklee. Dieses Kraut gibt vorzüglichen Tee für den +Magen+; er wirkt gut auf die Verdauung und hilft gut die Magensäfte bereiten.
Bitterklee in Branntwein angesetzt gibt den sogenannten „+bitteren Geist+“, der demselben guten Zwecke dient.
=Bockshornklee= (~Trigonella foenum graecum~)
s. unten Seite 129.
=Brennessel=, +große+. (~Urtica dioica L.~)
Die Brennessel ist die verachtetste unter den Pflanzen. Manche zartbenervte Seele sticht und brennt es schon, wenn sie nur diesen Namen hören. Ob wohl mit Recht? Jüngst hörte ich, daß ein Wanderlehrer, ich glaube in Böhmen, über die Brennesseln und deren Bedeutung eine ganze Broschüre geschrieben habe. Der fängt’s wieder einmal gut an, das lobe ich mir! Die Brennessel hat in der Tat für Kenner den größten Wert.
+Frische Brennesseln+, vom Standorte gerade weggenommen, gedörrt und zu Tee verwendet, lösen die +Verschleimungen in Brust und Lunge+, reinigen den +Magen+ von verlegenen Stoffen, die sie hauptsächlich beim Urinieren entfernen.
Kräftiger als die Blätter wirken die +Brennesselwurzeln+, ob man sie im Sommer grün ausgegraben oder im Winter gedörrt verwendet. Eine beginnende +Wassersucht+ kann durch Tee von Brennesselwurzeln gehoben werden. Derselbe räumt überhaupt mit +faulen Säften im Innern+ gründlich auf.
Wer +unreines Blut+ hat, soll zur Sommerszeit recht oft Brennesseln, +wie Spinat gekocht+, essen. Man liebt besonders in Italien die Kräutersuppen. +Kräuterknödel+ aus Brennesseln sind nicht bloß ein Nähr-, sondern auch ein Gesundheitsmittel.