Part 11
+Schwächlichen+, +gebrechlichen+, +blutarmen+, namentlich +älteren Leuten+ mache ich diese Eintauchung nicht gerade zur strengen Vorschrift, gebe ihr aber stets den Vorzug.
Die Anwendung des Unterwickels +dauert+ 1, 1½, manchmal 2 Stunden. Das anfängliche Kältegefühl wird bald einer angenehmen Wärme weichen.
+Einfache, arme Land-+ und +Bauersleute+ können diese ganze Geschichte viel einfacher haben. Sie suchen sich einen alten, ziemlich abgenützten, deshalb weniger steifen +Getreidesack+ aus, tauchen denselben ins Wasser, winden ihn ordentlich aus und schlüpfen dann bis unter die Arme in den Sack, gleich als wenn sie die Hosen anziehen würden. In dieser altmodischen Tracht legen sie sich auf die ausgebreitete Wolldecke ins Bett und wickeln sich in diese und das Federbett tüchtig ein. Hunderte haben diese Art von „Sackjucken“ probiert. Schäme dich nicht, der Sack wird auch dir recht wohl bekommen!
Die +Wirkung des Unterwickels+, welcher stets mit anderen Anwendungen verbunden wird, ist verschieden: wärmend, auflösend und ausleitend. Er übt diese Wirkung, wie bereits gesagt wurde, vornehmlich aus auf den Unterleib. Bei +Fußgeschwülsten+, +rheumatischen und gichtischen Zuständen+, +bei Nierenleiden+, +Blähungen+, +Krämpfen+ usw. wird er regelmäßig zur Mithilfe beigezogen werden.
Anstatt des einfachen kalten oder warmen Wassers verwende ich sehr häufig zum Eintauchen +die Absude von Heublumen+, +saurem Heu+, +Haberstroh+, +Fichtenreisern+. Das saure Heu gilt als Ersatzmittel für Heublumen. Beide dienen bei +Harnbeschwerden+ und in untergeordneter Weise bei +Gries-+ und +Steinleiden+.
Absud von Haberstroh hat sich jederzeit bewährt bei der +Gicht+, bei +Gries-+ und +Steinleiden+; Absud von Fichtenreisern bei schwächlichen Naturen zur Ausleitung von Gasen und zur Beseitigung der verschiedensten krampfhaften Zustände im Unterleib.
6. Der kurze Wickel
ist der am meisten genannte und gebrauchte. Er bildet für sich allein eine +abgeschlossene Anwendung+, d. h. er wirkt, ohne daß andere Wasserübungen beizuziehen sind, auf den ganzen Körper. Er steigert die Naturwärme und zieht anderseits zu große Hitze aus, je nachdem seine Anwendung längere oder kürzere Zeit dauert.
„Dieser Wickel ist alles wert,“ hat einmal einer gesagt; „was der Sattelgaul am Fuhrwerke, das leistet er unter den Wickeln.“
Zu seiner Beliebtheit und allgemeinen Verbreitung hat sehr viel der Umstand beigetragen, daß ihn +ein jeder selbst leicht und bequem nehmen und umlegen kann+. Der kurze Wickel beginnt wie der Unterwickel seine Wickelungen unter den Armen und beendet sie oberhalb der Knie. Ein grobes Linnentuch wird 4-6fach in solcher Breite zusammengefaltet, daß es den Körper in besagter Weise umhüllt, sodann naß gemacht, ausgewunden und gut anschließend umgelegt. Eine Wolldecke schließt luftdicht ab, und das Federbett gibt die notwendige Wärme. (S. Abbildung.)
+Schwächliche+ und +ältere Personen+, mit einem Worte die +Blutarmen+, deren Blutwärme nicht viel über dem Gefrierpunkte steht, dürfen, ja sollen auch diesen Wickel +warm+ nehmen.
+Arme und einfache Leute auf dem Lande+ können statt des 4-6fach gefalteten Linnentuches wieder einen abgenützten, weicheren +Getreidesack+ netzen und denselben der +Breite nach+ umlegen.
Die ganze Anwendung dauert je nach Vorschrift 1, 1½, zuweilen 2 Stunden.
Würden +gesunde Leute+ alle 8, auch nur alle 14 Tage einen kurzen Wickel nehmen, so könnten sie einer großen Anzahl Krankheiten gründlich vorbeugen. Auch er wirkt günstig und +reinigend auf Niere+ und +Leber+ und auf den +Unterleib+, den er von +versessenen Winden+, +quälenden Gasen+, +verlegenen Stoffen+, +überflüssigem Wasser+ reinigt. Die +Wassersucht+, +Herz-+ und +Magenleiden+, die sehr häufig vom Druck der Gase nach oben herrühren und aufhören, sobald diese entfernt werden, sind den Freunden des kurzen Wickels unbekannte Gäste. Und ich kenne eine Zahl solcher treuen Freunde, welche manche Nacht in seiner Umhüllung schlafen und bis zum Morgen überaus gut und sanft ruhen.
Bei +Verschleimungen+ des +Magens+, bei +Herz-+ und Lungenübeln, bei den verschiedensten +Kopf-+ und +Halsleiden+ findet der kurze Wickel die mannigfaltigste Verwendung. Das Nähere besagt im dritten Teile eine Reihe von Krankheiten.
Wenn ich im +unklaren bin über ein Übel+, wenn ich den Sitz einer Krankheit nicht genau erkenne, so ist stets der kurze Wickel der treueste und beste Ratgeber. Auf nähere Ausführung kann ich mich nicht einlassen.
+Patienten+, deren +Unterleib durch was immer geschwächt+ ist, rate ich unmittelbar vor oder nach dem Wickel den Unterleib mit Schweinefett oder Kampferöl einzureiben.
Bei +Krämpfen+ lasse ich auch manchmal ein in +Essig+ getauchtes einfaches Tuch unter den Wickel auf den bloßen Leib legen. Bei Krämpfen und Kältegefühl ist =warmer= Wickel am Platze.
7. Das nasse Hemd.
Diese Anwendung habe ich gewählt, weil sie auch von den einfachsten Menschen mit geringer Fassungskraft nicht leicht mißverstanden werden kann.
Ein +gewöhnliches Linnenhemd+ wird in Wasser getaucht, ordentlich ausgewunden und wie üblich angezogen. Man legt sich ins Bett, auf eine ausgebreitete Wolldecke, hüllt sich gut ein oder läßt sich gut einhüllen und mit einem Federbett warm zudecken.
Ich kannte einen Herrn, welchem auch dieses Verfahren noch zu umständlich war. Er stellte sich im Hemde in eine Badewanne und ließ über das Hemd und seinen Körper eine Kanne mit Wasser gießen. Darauf ließ er sich in eine Wolldecke hüllen und er konnte von dieser „ersten und besten aller Anwendungen“ nicht genug rühmen, wie sie guten Schlaf bringe, den Humor froh, den Geist geweckt und den Körper frisch mache.
In dem nassen Hemde +bleibt man+ 1, 1½, längstens 2 Stunden. Bezüglich seiner Wirkung habe ich die Erfahrung gemacht, daß es die +Poren öffnet+, und wie ein +gelindes Zugpflaster auszieht+, +daß es beruhigt+, +Kongestionen und krampfhafte Zustände+ hebt, gleichmäßige Naturwärme hervorbringt und das Allgemeinbefinden des Körpers hauptsächlich wegen seiner ausgezeichneten Wirkung auf die Haut zu einem sehr guten macht. Mit sehr gutem Erfolge habe ich es bei +Gemütsleiden+, bei Kindern, beim +Veitstanz+ und ähnlichen Erscheinungen, besonders auch bei +Hautkrankheiten+ angewendet. Sollten in letzteren Fällen starke Ausleitungen erzielt, Ausschläge, wie Scharlach usw. hervorgelockt werden, so ließ ich das Hemd in +Salzwasser+ oder in +mit Essig vermischtes Wasser+ tauchen.
8. Der spanische Mantel.
Diesen Namen habe ich nicht erfunden; ich habe auch keinen genügenden Grund, den unter solcher Benennung bekannten und eingebürgerten Wickel anders zu taufen, selbst auf die Gefahr hin, daß das fremdländische Wort manchem schnüffelnden Leser spanisch vorkommen sollte. Das ist und wäre mir alles eins. Auf die so bezeichnete +Sache+ kommt es allein an.
Der spanische Mantel, auch +großer Wickel+ genannt, ist wie das Vollbad und der kurze Wickel eine ganze, für sich allein genügende +Anwendung+, welche auf den ganzen Organismus einwirkt. Das hindert nicht, daß sie bei größeren und gefährlicheren Krankheiten stets nur im Wechsel mit anderen Wasseranwendungen vorkommt.
+Worin besteht dieser größte Wickel?+
Aus grober Leinwand, dem beim Volke bekannten „Reisten“, wird eine Art Linnenmantel gemacht. Derselbe gleicht einem weiten Hemde mit Ärmeln, welches nach vorne zu ganz offen ist und bis über die Zehen hinunterreicht, oder, wenn man will, einem weiten, langen Linnen-Schlafrock. (S. Abbildung.) Dieser Mantel wird in kaltes oder bei schwächeren, blutarmen, älteren, wasserscheuen Individuen in heißes Wasser getaucht, ausgewunden, wie ein Hemd angezogen und vorne gut übereinander geschlagen. Das Bett werde vorher so zubereitet, daß die Wolldecken zur Aufnahme des Bemantelten bereit liegen. Am besten breitet man eine recht breite, große Wolldecke aus, oder legt zwei kleine Decken der Breite nach über die Matratze oder den Strohsack. Darauf legt sich der Patient und wird durch die Wolldecken luftdicht abgeschlossen und mit einem Plumeau (Federbett) warm zugedeckt. (S. Abbildung.) Man sehe darauf, daß die nasse Einkleidung und die Verpackung in die Wolle möglichst rasch vor sich gehe, daß das der frischen Luft Ausgesetztsein ein Minimum, eine möglichst kleine Zeit ausmacht.
Es kam einst ein Patient zu mir, der an allen möglichen Gebrechen litt. Kongestionen, Blähungen, Hämorrhoiden plagten ihn, und eine Herzverfettung brachte große Beängstigungen. Er gewöhnte sich daran, in der Woche 1-2mal den spanischen Mantel umzulegen, und nach längerem Gebrauche waren all die genannten Übel mit noch anderen wie weggeblasen. Seitdem benützt der Geheilte bis zum heutigen Tag den spanischen Mantel als Universalmittel, und da er nicht viel Zeit zu versäumen hat, zieht er denselben an beim Schlafengehen und legt ihn erst ab beim Aufwachen in der Nacht oder in der Morgenfrühe. Der Herr ließ sich aus starkem Wollstoff einen zweiten spanischen Mantel machen, der ihm statt der Wolldecken trefflich dient und jede Mithilfe bei Anwendung dieses Wickels erspart.
Die +Zeitdauer+ einer Anwendung beträgt 1, 1½, längstens 2 Stunden. Dieselbe +richtet+ und +bemißt+ sich nach der +Kraft+ des Individuums, insbesondere +nach der Korpulenz+. Für einen schwächlichen Bauersmann werden 1, 1½ Stunden genügen; einem Herrn Bräumeister kann man ohne Zögern 2 Stunden verordnen.
Wer wissen will, wie und wie stark der spanische Mantel wirke, der untersuche das +Wasser+, in welchem der Wickel +nach der Anwendung+ stets sorgfältig ausgewaschen werden soll. Er wird finden, daß es ganz trüb ist; ja er wird staunen und es kaum glaublich finden, daß ein spanischer Mantel solchen Unrat auszuziehen imstande ist.
Ich erinnere mich an Fälle, in denen der weiße Linnenwickel ganz gelb wurde, welche Farbe keine Lauge, erst das Bleichen auf dem Grase wieder vertreiben, aussaugen konnte.
In der gelindesten (nicht im mindesten schroffen) Form, aber gründlich öffnet der spanische Mantel die +Hautporen+ am ganzen Körper und zieht allen Unrat, Schleim usw. aus. Ich brauche nicht zu sagen, wie wohltuend er deshalb auf die normale Körpertemperatur, auf das Allgemeinbefinden wirken muß.
Im +besonderen+ wende ich diesen großen Wickel an bei ziemlich +allgemeinen+ (den ganzen Körper mehr oder weniger angreifenden) +Katarrhen+, bei +Schleimfieber+,+ Podagra+, +Gliedersucht+, +Blattern+, +Typhus+, zur +Vorbeugung+ gegen +Schlaganfälle+ usw. Im Krankheitsteile (s. dritter Teil) wird man ihm recht oft begegnen.
Wird der Mantel im +Absude+ von +Heublumen+, +Haberstroh+, +Fichtenreiser+ getaucht, so wirkt er vortrefflich gegen jene Leiden (Gicht-, Stein-, Gries-Leiden usw.), deren Heilung genannten Pflanzen eigentümlich ist.
~G.~ Trinken des Wassers.
In diesem Stücke kann ich mich sehr kurz fassen. Ich +warne vor zwei Extremen+, d. h. vor zwei das richtige Maß überschreitenden Ansichten. Es sind einige Jahrzehnte her, da gab es förmliche Wassertrinkturniere. Wer die meisten „Maßerl zwang,“ der war der größte Held. Ein tägliches Quantum von 4, 6, 8, 10 Maß zählte durchaus nicht zu den Seltenheiten. Noch heutzutage spukt in manchem Kopfe der Gedanke, viel Wassertrinken müsse gesund machen. Besser noch diese Grille als die andere, welche dem glühenden Hirn vorsingt, 3, 4, 5 Maßerl braunes Gerstenwasser sei nicht zuviel Flüssiges für die Menge des täglich eingenommenen +Festen+.
Den +Leuten der zweiten Gattung+ scheint das Gegenteil von dem Gesagten das Richtige sein, sie trinken Wochen, ja Monate lang gar kein Wasser, denn das Wassertrinken ist nicht vom Guten, wie sie meinen.
Wie doch die Menschen zu Zeiten allen gesunden Sinn verlieren, sich förmlich jedes vernünftige Urteil unterbinden, jedem instinktiven Trieb und Gefühl, dem die Tiere blind Folge leisten, um es gemein zu sagen, von vornherein den Hals abschneiden. Ist dieses vernünftig?
Einige Minuten, bevor die Uhr schlägt, kündigt sich’s an. Hat denn der große Werkmeister, unser Schöpfer, etwas Halbes, ein Pfuschwerk gemacht? Oder haben die Menschen in seine wunderbare Ordnung die Unordnung gebracht? So ist es. Der unendlich weise Schöpfergott läßt den +Hunger+ ein Zeichen geben, wann gegessen, den +Durst+ anklopfen, wann getrunken werden soll. Der Menschenkörper, diese lebendige Uhr vom besten Gang und Schlag, liefe und schlüge vortrefflich, wenn nicht der Menschentor Schmutz und Sand und anderen Unrat zwischen die Räder werfen und so den geordneten Lauf stören, vielleicht zerstören würde.
So oft die zahmen und wilden Tiere Hunger verspüren, suchen sie Nahrung; so oft der Durst sich einstellt, eilen sie zum frischen Quell. Nach erfolgter Sättigung hören sie sofort auf, ein Weiteres zu sich zu nehmen.
Gerade so handelt der unverdorbene Mensch bei geregelter Lebensweise, gleichviel, ob er gesund sei oder krank.
Demnach lautet unser +einziger+ und +oberster+, hieher gehöriger +Grundsatz+, ein goldener Grundsatz, den ein jeder befolgen sollte:
+Trinke, so oft es dich dürstet, und trinke nie viel!+
Ich kenne Personen, welche die ganze Woche hindurch vielleicht keinen Tropfen Wasser trinken, andere, die sich beim Frühstück mit dem herkömmlichen Glase für den ganzen Tag begnügen. Sie fühlen niemals Durst und dieses erklärt sich also, daß bei unserer Zubereitung von Speisen in letzteren dem Körper täglich eine Menge Wasser zugeführt wird. Wenn wir von großen Erhitzungen des Sommers oder von den in der Regel eine Krankheit anmeldenden Hitzen im Körper absehen, so ist der eigentliche Durst vielen Menschen ein seltener Gast, und es bleibt mir wenigstens stets ein Rätsel, wie gleichwohl so viele Menschen ohne jedes Bedürfnis im armen Magen förmliche Überschwemmungen anrichten. So etwas kann ja nicht ungerächt bleiben.[15]
Trinke, so oft es dich dürstet, und +trinke nie viel+!
Die Landleute lieben den Platzregen gar nicht; sie behaupten, daß er unfruchtbar sei und mehr zerstöre als nütze. Dagegen versichern sie, daß jene starken Morgennebel, welche den Bauern den Hut netzen, daß er triefet, ihre lieben Freunde seien, weil sie die „beste Fruchtbarkeit“ bringen und befördern.
Der Körper, speziell der Magen, bedarf Flüssiges, um seinen Magensaft zuweilen zu verdünnen, zu mehren und so über all die festen Insassen Meister zu werden. Er meldet sich jedesmal, wenn die Not an ihn herantritt, bald durch leises Anklopfen im geringen Verlangen nach Wasser, bald durch lautes Pochen und Schreien im heftigen Durste. Da soll man stets auf ihn hören, mag nun das Rufen von einem gesunden oder kranken Magen ausgehen, aber ihm nie mehr geben, als ihm selbst gut ist, kleine Mengen in gehörigen Zwischenräumen; in Erkrankungsfällen zumal, wie in der Fieberglut, eher öfter, z. B. alle 5-10 Minuten ein Eßlöffel, als auf einmal ein Glas. Letzteres würde den Durst nicht stillen und zum bestehenden Übel eine neue Beschwerde hinzufügen.
+Ein Beispiel meines Vorgehens+ möge diesen Abschnitt schließen. Es leidet jemand an hartem Stuhlgange, große Hitze quält den Unterleib, heftiger Durst den armen Kranken; er könnte, wie er sagt, 2, 3, 4 Glas Wasser, Glas auf Glas trinken; es ist ihm, als ob es in einen Glühofen geschüttet werde. Ich glaube das; die Wassermasse kommt in den Magen und macht dann, ohne die leidende Stelle irgend zu berühren und günstig zu beeinflussen, eine rasche Wanderung durch den Leib, bis sie vollinhaltlich, ja noch eine ordentliche Menge des unentbehrlichen Magensaftes mit sich schwemmend, ausgeschieden wird. Man gebe dem Kranken statt der vielen Gläser mit Wasser während eines Tages jede halbe Stunde einen Eßlöffel voll. Man wird ganz andere Wirkung verspüren, eine Wirkung, welche das notwendige Ergebnis einer vernünftigen Behandlung sein muß.
Die kleine Menge Wasser wird schnell vom Magensafte erfaßt und leicht mit demselben vermischt. Die eine jede halbe Stunde erfolgende Nachspeisung gibt reichlichere Säfte, die kühlend und in normalem Laufe den Körper, die Eingeweide durchströmen und erweichend und lösend binnen kurzer Zeit allen Stockungen und Verhärtungen ein Ende machen. Unzählige haben in dieser Beziehung meinen Rat befolgt und schnell ward ihnen geholfen. ~Probatum est!~
In der allerneuesten Zeit wurde viel gesprochen und geschrieben von den +Wirkungen des Trinkens von heißem Wasser+ (30 bis 35° ~R.~ wie bei Kaffee und Tee), besonders bei chronischen Krankheiten. Ich selbst habe vor Jahren bei manchem Patienten gute Erfolge erzielt. Ehre, wem Ehre gebührt! Wer dem warmen Wasser vor dem kalten, frischen Elemente den Vorzug gibt, wer wollte ihn tadeln oder gar verurteilen! Das ist Geschmacksache. Ich habe indessen durch Erfahrung gefunden, daß kaltes, lebendiges (nicht getötetes) Wasser dieselben, wenn nicht bessere Dienste tut. Ich für meine Person ziehe es jedem lauwarmen oder heißen Wasser vor. Jeder wähle, wozu ihn das Verlangen treibt!
Zweiter Teil
Apotheke
„~Benedicite universa germinantia in terra Domino!~“
„Jedes Kräutchen der Erde preise den Herrn!“
Allgemeines und Einteilung.
Zu den Dingen, welche ich verabscheue und hasse, zählt als ein gründlich und grundsätzlich gehaßtes das +Geheimmittel-Wesen+, die Krämerei mit Heilmitteln, welche als Geheimnis des Erfinders gelten.
Diesen Vorwurf soll mir niemand machen können. Darum +öffne+ ich in diesem zweiten Teil die Läden meiner Apotheke und lasse einen jeden hineinschauen und hineinschmecken bis ins letzte Teeschächtelchen und ins kleinste Ölfläschchen.[16]
In jeder Apotheke steckt ein teures Geld; +in der meinigen ist nicht viel Rares+. Ich gestehe dieses sehr gerne zu und betrachte diesen leicht möglichen Vorwurf als einen großen Vorzug meiner Apotheke.
+Fast sämtliche meiner Tee+ und +Extrakte+, +Öle+, +Pulver+ rühren von früher geachteten jetzt vielleicht verachteten +spottbilligen Heilkräutern+ her, welche der liebe Herrgott im eigenen Garten, auf freiem Felde, manche ums Haus herum an abgelegenen und unbesuchten Stellen wachsen läßt, Heilkräutern, die meistens keinen Pfennig kosten.
Mein Büchlein ist ja in erster Linie für +arme+ Kranke geschrieben, für welche ich auch, den Himmelslohn im Sinne habend, dieses opfervolle Handwerk treibe oder, wenn man will, andern „ins Handwerk pfusche“. Für sie suchte ich mit Absicht all die gleichfalls armen alten Bekannten auf, vieles andere beiseite lassend. Lange Jahre hindurch habe ich sondiert und geprüft, getrocknet und zerschnitten, gesotten und gekostet. +Kein Kräutchen, kein Pulver, das ich nicht selbst versucht+ und als bewährt befunden habe! Ich wünsche nur das eine, daß die alten Bekannten zu neuen Ehren gelangen, bei +einer+ Klasse von Menschen wenigstens.
Ich habe mich lange besonnen, ehe ich mich entschloß, den für sich allein ausreichenden und genügenden Wassermitteln diese Apotheke, d. i. dieses Verzeichnis der dem Wasser von innen heilsam entgegenwirkenden Hilfsmittel, anzufügen. Es könnte wie eine +Mißtrauens-Kundgebung gegen die Wasserheilkraft+ aussehen.
Doch +es gibt Kranke, welche aus unüberwindlicher Wasserangst+ sich schwer zu einer oft notwendigen längeren Wasserkur entschließen können. Diesen wollte ich es erleichtern, mit anderen Worten: die Wasseranwendungen reduzieren, vereinfachen und die Zeit des Gebrauches abkürzen. Solches aber kann und wird geschehen, wenn ich der äußeren Kur (mit Wasser) durch eine innere Kur (die Heilmittel) in die Hand arbeite.
Wer sämtliche Artikel dieser Apotheke überblickt, sieht sofort, daß sie wie die gesamten Wasseranwendungen selbst +dreifachen Zweck haben+: +ungesunde, kranke Stoffe im Innern aufzulösen+, +auszuleiten+, sodann den Organismus zu +kräftigen+. Insofern glaube ich mit vollem Rechte behaupten zu können, daß beide Verfahren, das innere und das äußere, zusammenstimmen und einheitlich zusammenwirken. +Ich warne vor einer Täuschung.+ Wer glaubt, er müsse die Wasserkur recht strenge und ernst anwenden, irrt.
Wer meint, er müsse nach innen recht häufig und viel anwenden, irrt ebenfalls. Immer und in allen Fällen gilt der goldene Grundsatz: die gelindeste, ob äußere oder innere Anwendung ist die beste.[17]
+Pflanzen mit zweifelhafter Wirkung+, wie Eibisch, Süßholz usw.; mit den geringsten ungünstigen Wirkungen, z. B. auf den Magen, wie Senesblätter, Hopfen usw.; Giftpflanzen vollends habe ich grundsätzlich übergangen.[18]
+Wie gut Gott ist!+ -- so drängt sich’s mir aus dem Herzen. Nicht bloß was zur Erhaltung des Lebens, zu des Leibes täglichem Brot notwendig ist, läßt er uns wachsen; er, der in unendlicher Weisheit alles nach Maß, Zahl und Gewicht geschaffen, läßt in väterlicher Liebe +zahllos+ auch +diejenigen Kräutchen+ aus der Erde hervorschießen, welche den Menschen in kranken Tagen Trost, seinem in Schmerzen sich windenden Körper +Linderung+ und +Heilung+ verschaffen.
+Wie gut Gott ist! Daß wir Einsicht haben!+ Den Pflänzchen, welche durch die ihnen vom Schöpfer angehängten Riechfläschchen, den würzigen Heilduft, sich selbst uns ankündigen und freundlich und zuvorkommend stellen, wollen wir fleißig nachgehen und beim Pflücken eines jeden mit kindlichem Danke unsern unendlich liebevollen Vater preisen, der im Himmel ist!
+Unsere Hausapotheke+ soll vier +Hauptabteilungen+ oder +Hauptfächer+ und +einige kleinere Nebenfächer+ enthalten.
+In die Hauptfächer+ stellen wir:
in das erste die +Tinkturen+, in das zweite, größte, die +Teesorten+, in das dritte die +Pulver+, in das vierte die +Öle+.
In die +Nebenfächer+ kommt wieder gut geordnet +alles andere+, was nicht unter obige vier Abteilungen fällt. Auch die +Leinwandabfälle+ zum +Überbinden+ und +Überlegen+ (stets rein und frisch), die +Baumwolle+ usw. können eines der Nebenfächer einnehmen.
Die +Tinkturen+ und die +Öle+ müssen in Gläsern aufbewahrt werden, die verschiedenen Tee und Pulver entweder in festen +Papierdüten+ oder besser in +Schachteln+. (Wer neue machen läßt, soll sie länglichrund und gleichmäßig, wenn auch in verschiedenen Größen, machen lassen, daß sie dastehen wie Soldaten in Reih und Glied. Das macht einem jeden Freude und gibt der Hausapotheke ein Ansehen -- und das gehört ihr auch.) Alles an einem +kühlen+, jedoch nicht feuchten (daß sich nicht Schimmel ansetze) +und nicht allzu abgelegenen Orte+ im Hause!
Auf einem jeden Glase oder Fläschchen, auf jeder Schachtel oder Düte soll genau und für jedermann gut leserlich die +Aufschrift+ des +Inhaltes+ stehen. Am besten werden sodann die verschiedenen Heilmittel in jeder Abteilung +alphabetisch+, d. i. nach dem ABC geordnet. Was mit A anfängt (z. B. Alaun), marschiert am Anfang auf, was mit Z beginnt (z. B. Zinnkraut), bildet den Schluß der Reihe.
Vor allem soll in der Hausapotheke +große Ordnung+ sein. Jeder Fremde, welcher dieselbe bisher nie gesehen, muß im Augenblick jedes Fläschchen, jeden Tee usw. finden. Dann muß +große Reinlichkeit+ herrschen. Auf keiner Schachtel darf, ich will nicht sagen liniendicker, es darf +gar kein+ Stäubchen liegen; an keiner Flasche, selbst nicht an einer Ölflasche dürfen Schmutz- oder Ölflecke wie nachlässig gekämmte Haare herunterhängen. Nichts entehrt ein Haus mehr als Unreinlichkeit; merke wohl: nach zwei Dingen hauptsächlich beurteilt man -- und zwar mit vollem Rechte und meistens sehr wahr -- das ganze Haus. Sind diese in Ordnung, so ist, schließt man, alles in Ordnung. Sind sie unordentlich, so heißt’s: in diesem Hause, in dieser Wohnung müssen die Einwohner recht unordentliche Leute sein. Willst du die beiden Dinge wissen? Sie heißen:
Hausapotheke und Abort.