Part 9
Daß ich Toilette machen sollte, verursachte mir nicht wenig Kopfzerbrechen. Um alles in der Welt wollte ich mich nicht allzu schön machen -- (oh, ich Dummerle) um nicht gleich beim ersten Erscheinen den Eindruck von Unbescheidenheit zu erwecken. Andrerseits wollte ich der Würde meiner neuen Stellung nicht Abbruch tun, indem ich zu wenig Wert auf mein Äußeres legte, sintemalen das Sprichwort sagt: Kleider machen Leute.
Ich wählte also das neue, schwarze Kleid -- fast mit etwas Gewissensbissen, da es doch Werktag war, und wählte den zweithübschesten Spitzenkragen -- nicht den von Lenchen, der wäre mir viel zu pompös erschienen.
Die Familie befand sich im Salon, als ich mit Aufgebot meiner ganzen Energie versuchte, nicht allzu schüchtern einzutreten.
Aber die Dame des Hauses empfing mich mit so großer Liebenswürdigkeit und sprach so lebhaft auf mich ein, daß ich gar keine Zeit fand, mich zu genieren.
Wie mir die Reise bekommen -- wie ich mich befinde -- ob mir der Kopf nicht weh tue -- ob mich die Glieder nicht schmerzen. -- »Sehen Sie hier Marie, Ihre kleine Schülerin, und dies ist Paul -- keine Grimassen, Paul. Sorge, daß du das Deutsche so gut wie dein Bruder lernst. Unser ältester Sohn Justin hat sehr profitiert bei Ihnen. Monsieur ist sehr zufrieden mit Justin -- das Geschäft beansprucht Sprachkenntnisse. Ein großes Exportgeschäft, wissen Sie, Mademoiselle. Unser ältester Sohn besorgt die englische und deutsche Korrespondenz. Ich wäre glücklich, wenn Paul bei Ihnen so profitierte, daß ich ihn nicht fortschicken müßte. Er ist ein wenig ~enfant gâté~. Was Justin von der deutschen Kost erzählt, würde Paul kaum zusagen. Ich meine, die deutsche Kost im allgemeinen. Es ist ja alles Gewohnheitssache.«
Da saß noch ein junger Mann, der mir vorgestellt wurde.
Cousin Sormont.
Und dann ging die Tür auf, und eine große stattliche Frau trat über die Schwelle, von den Kindern mit Handküssen begrüßt: ~Grand'maman~.
Auch hier wurde meine Begrüßung durch die lebhafte Gegenrede der alten Dame erstickt.
De Ber kam mit seiner jungen Frau. Dann Monsieur.
Man setzte sich zu Tisch. Hier endlich fand ich Zeit, mich ein wenig in dem Kreis umzusehen, in dem ich fortan leben soll. Man ließ mich völlig in Ruhe, sprach unausgesetzt, und ich machte sehr bald die Bemerkung, daß die Ankunft einer neuen Gouvernante kein Ereignis im Hause war. Nur die kleine Marie sah manchmal mit einem etwas bedenklichen Blick nach mir hin. Ein blasses Kind, mit nichtssagenden Augen, das faul ißt und die Hälfte auf dem Teller liegen läßt. Paul verschlingt.
»Esse nicht wie ein ~Ogre~«, mahnte seine Mutter.
Sie sprach fast unausgesetzt. Monsieur nickte zuweilen zerstreut mit dem Kopf. De Ber machte einen abwesenden, übellaunigen Eindruck, seine Frau einen bedrückt schüchternen. ~Grand'maman~ allein mutete behaglich an. Sie hatte einen Zipfel ihrer Serviette in den Ausschnitt ihres Kleides gesteckt und gab sich ganz dem Genuß des Diners hin. Es war aber auch danach! Ich schämte mich fast ein wenig unserer Schweinebraten mit Sauerkraut und Leberknöpfle. Andererseits glaube ich, daß unseren Männern, die soviel größer und starkknochiger sind, die so kleinen, feinen Platten nicht genügt hätten wie den Herren an diesem Tisch, die schmal und mager, kaum von mittlerer Größe sind. Jede Speise wurde lebhaft kritisiert.
Nach Tisch sagten die Kinder gute Nacht. Als ich ihnen folgen wollte, hielt mich Madame zurück, man nähme den Kaffee im kleinen Salon bei Großmama, die Bonne sorge für die Kinder.
Der kleine Salon ist zugleich das Schlafzimmer der Großmama. Man saß um einen runden Tisch. Die Herren wurden plötzlich sehr lebhaft. Bei der Schnelligkeit ihres Sprechens und den mir noch neuen Redewendungen verstand ich oft nichts, merkte aber bald -- es war besser, sehr oft nichts zu verstehen. Großmama und Madame amüsierten sich köstlich, und es schien keinen Eindruck zu machen, daß ich nicht auch lachte. Bei dieser Gelegenheit merkte ich, daß ich von nun an niemand mehr bin. Nicht leicht für jemand, der vielleicht im eigenen Nestle eine allzu große Rolle gespielt. Aber die liebe Mutter darf sich darum nicht grämen, denn ihr Nannele hat ja die Gabe, allem eine komische Seite abzugewinnen, so auch diesem Abend mit seinem unerquicklichen Anfang. -- Die Herren rauchten und griffen zur Zeitung. ~Grand'maman~ hatte ihr drittes Täßchen Kaffee geschlürft und begann:
»Wir haben einen großen Bekanntenkreis, Mademoiselle. Da ist vor allem Monsieur Simon, Industrieller. Ein Mann wie in einem Roman. Man kann sich nicht genug vor ihm in acht nehmen. Er hat nie eine Frau kennen gelernt, die sich nicht sofort in ihn verliebt hätte. Seine Laufbahn ist die denkbar interessanteste. Sein Vater war der Sohn eines ~député~. Seine Mutter -- mein Gott, was war sie doch für eine Geborene? Ich habe ihren Neffen gekannt. Er hat zu gleicher Zeit mit mir geheiratet; ein großer ~charmeur~. Seine Frau war die Nichte eines entfernten Verwandten unsres Hauses, dessen Großmutter -- mein Gott, wie war doch ihr Name? Ihren Mann, denken Sie, nannte ganz Nancy den schönen Antoine -- ~O oui~.« --
Da sie einen Augenblick schwieg, fragte ich: »Und Herr Simon, Madame?«
Ich erschrak über den Effekt, den meine Frage hervorbrachte. Die Herren sahen von ihren Zeitungen auf und lachten, die junge Frau de Ber wurde rot, und Madame hustete und machte sich an ihrem Armband zu schaffen, während ~Grand'maman~ mich erstaunt fragte: »Wollte ich denn etwas von Monsieur Simon erzählen?«
»Aber ~Grand'maman~, das hast du ja getan,« gab ihr Madame im liebenswürdigsten Ton zur Antwort, »Mademoiselle meinte nur, sie habe nicht recht verstanden. Mademoiselle ist des Französischen noch nicht mächtig.«
* * * * *
Das war mein erster Abend in der Fremde. Ich kann nur sagen, daß ich ein Bett habe wie eine Prinzessin und mich trotz der ermüdenden Reise heute frisch und wohl fühle.
Der Diener trägt die Briefe des Hauses um acht Uhr auf die Post. Ich hoffe, die Länge des meinen rechtfertigt das teure Porto.
Sie können also, teuerste Eltern, ganz ruhig über mein Los sein. Es fehlt hier sogar nicht an einer Hofrätin, wie Ihr aus der Beschreibung der ~Grand'maman~ erseht.
Und so nehme ich denn Abschied von Ihnen und den geliebten Geschwistern, mit der Bitte, unsrer Caton meinen Brief zu schicken, nachdem ihn auch Lenchen und die anderen Kamerädle gelesen haben.
Ihr dankbarste Nannele.
* * * * *
... bei Nancy, 27. Juni 1835.
Meine liebe Caton!
Deine Zeilen haben mir so wohl getan. Du, die mich so kennt wie niemand, hast wohl bemerkt, was alles in meinem Brief an die Eltern ungeschrieben geblieben ist. Aber leidet Mutter nicht schon genug durch mein Fortgehen, hätte ich ihr durch das Geständnis meines großen Heimwehs das Herz noch schwerer machen sollen? Ich werde also den Eltern alles nur im besten Lichte hinstellen und nur zu Dir von den Schattenseiten meines Exils sprechen. Es wird das für mich eine große Seelenerleichterung sein, in dem Bewußtsein, daß Dein Herz, so weich es ist, doch auch die nötige Kraft und Stärke besitzt, über Ungemach nicht zu verzweifeln. Und noch eins, Caton, mache es Dir zur heiligen Aufgabe jetzt, so oft als möglich an die Eltern zu schreiben. Sie brauchen Trost, da ihnen die Trennung von einem zweiten Kind nicht wenig schwer fällt.
Wir sind seit dem 1. Juni auf dem Lande in der Nähe von Nancy, ungefähr eine Fahrt von drei Stunden bis hin. Es ist ein schönes, großes Landhaus mit hohen Fenstern und großen Räumen. Ich residiere im Reiche der Mansarden, die nicht schräg sind wie bei uns, sondern genau so grad' wie die Zimmer der unteren Stockwerke, nur etwas niedriger. Meine beiden Sorgenkinder, Marie und Paul, haben ihre Zimmer rechts und links von mir. De Ber und seine junge Frau bewohnen die übrigen Mansardenräume.
Also die Sorgenkinder. Ob Marie etwas denkt oder nichts denkt, ob sie eine Vorliebe für etwas hat oder nicht -- es ist kein Klugwerden aus ihr. Ich bin an ihre Schritte geheftet von morgens bis abends. Wenn mich Madame nur einen Augenblick allein sieht, sofort fragt sie vorwurfsvoll: »Wo ist Marie?« Nach ihrer Ansicht kommen kleine Mädchen, wenn sie sich selbst überlassen sind, auf unnütze Gedanken. Ich sprach mich einmal über Maries mir so ganz unbegreifliche Teilnahmlosigkeit aus. Madame lachte.
»Meine Tochter ist genau so, wie ich war. Man wird sie jung verheiraten, und ihre Teilnahmlosigkeit wird sich in das Gegenteil verwandeln.«
Ich fragte: »Glauben Sie, daß alle jungen Frauen glücklich sind?«
Madame zuckte die Achsel: »Man muß sich zu helfen wissen.«
Meine Augen wurden plötzlich sehend, ich weiß nicht, wie's zuging, und so sah ich, wie sie sich zu helfen wissen. Madame macht Ausfahrten mit dem Cousin, von denen sie immer ganz besonders animiert zurückkehrt.
De Bers Gleichgültigkeit gegen seine junge Frau wurde mir durch den Besuch eines jungen Ehepaares aus der Nachbarschaft klar. Madame Lejeune war kaum im Salon erschienen, als de Ber im Handumdrehen zu dem jungen, übersprudelnden Menschen wurde, wie ich ihn in Freiburg gekannt. Und nun weiß ich auch, warum seine junge Frau immer so traurig ist bei seinen tagelangen Ausritten, und warum Monsieur, Madame und ~Grand'maman~ immer ein wenig ärgerlich auf die junge blasse Frau zu sprechen sind, die es offenbar nicht versteht, sich zu helfen. Es scheint das hier eine Schande zu sein, denn ~Grand'maman~ erklärte neulich: »Eine Frau muß eroberungsfähig bleiben bis in ihr höchstes Alter, sonst ist sie ein überflüssiges Wesen, wenn sie nicht mehr begehrt wird.« --
Und ~Grand'maman~ macht sich schön, hat wundervolle, schwarze Haare, und ihre Wangen schwimmen in Milch und Blut.
Das ist der Kreis, in dem ich lebe, und ich muß hinzufügen, daß die Liebenswürdigkeit, mit der ich behandelt werde, nichts zu wünschen übrig läßt. -- Und doch, welche Kluft zwischen ihnen und mir -- daß ich doch auch jung bin und möglicherweise einer Anlehnung, einer Aussprache bedürfte -- wem fiele das ein. Aber ich glaube, sie selber brauchen das nicht. Sie sind immer heiter und zufrieden, wenn sie sich nur amüsieren. Und es scheint, von Gewissensbissen wissen sie gar nichts, sondern gehen ruhig mit ihren schuldbeladenen Herzen in die Kirche. Ob sie beten? Die schöne, alte Franziskanerkirche mit ihren zahlreichen Grabmonumenten und Statuen, dem viel zu buntfarbigen Altar und der viel zu heiteren Kirchenmusik -- ich selber habe es hier noch nie zu einem herzinnigen Gebet gebracht. Die elegante Welt rauscht während des ganzen Gottesdienstes die Bankreihen entlang. Man nickt sich zu, man lacht und flüstert. Ach, Caton, weißt Du noch unser Plätzle im Münster, wie wir da einmal abends vor dem Muttergottesaltar knieten, halb im Dunkeln, während die Abendsonne durch die dunkelrote Rosette glühte und das ganze Schiff des Münsters durchflutete. --
So fromm wie damals war mir hier noch nie zumute. Ja, manchmal erschrecke ich und komme mir selber anders vor in dieser andern Welt.
Von der Kirche ging's dann immer auf die Pepiniere, eine prachtvolle Promenade -- denke Dir's Freiburger Nannele inmitten dieser Großstadtmenschen, von deren Eleganz man daheim sich nichts träumen läßt. Dazu diese herrliche Stadt mit ihren prachtvollen Gebäuden, Schlössern, Standbildern und dem monumentalen Toreingang von der Altstadt in die Neustadt. Tief bewegt hat mich die Grabstätte von Stanislaus Leszczynski, dem Exkönig von Polen, und seiner Gemahlin Marie Leszczynska in der Bon-Secours-Kapelle.
Ich habe sie öfters besucht, der armen Polenjünglinge gedenkend, deren so geliebte Heimat jetzt unter dem russischen Joch seufzt.
Ach, im Halbdunkel dieser kleinen Kapelle kam mir das Erleben jener Zeit wieder so recht zum Bewußtsein. Wie schön war jenes hochgespannte Empfinden, jene tiefe Ergriffenheit für fremdes Leid, das zu lindern uns als die heiligste Aufgabe erschien. Oh, ich gebe diese Erinnerung nicht her, nicht um alles in der Welt!
Was ich damals erlebt, hat mich gereift, ich habe an Einsicht gewonnen, bin der Enge meiner Anschauungen entwachsen und kann unterscheiden. Hätte ich das können, wenn mir das Herz nicht in Schmerz und Demut geblutet hätte? Wäre ich nicht mit dummen, unerfahrenen Kinderaugen in diese neue Welt getreten, unfähig, deren Leere und Oberflächlichkeit zu durchschauen? O Caton, ich habe einmal so groß und heiß empfinden müssen, um für alle Zeiten gefeit zu sein. Wenn ich auch einsehe jetzt, daß Dein Mann recht hatte und diese romantisch veranlagten, so wenig praktischen Polen nicht imstande sind, ihr Land vor dem Untergang zu retten, so wie es Preußen 1813 getan. -- Aber ich schäme mich meiner Vaterstadt nicht und ihrer damaligen etwas weltfremden Teilnahme für Polens erschütterndes Schicksal. Ist es uns doch in der edelsten Gestalt näher getreten, und ich kann jener heimatlosen Helden nur mit der innigsten Teilnahme gedenken. -- Durch Lenchen habe ich erfahren, daß nur noch wenige Polen in Freiburg zurückgeblieben sind. Zwei von ihnen haben eine Anstellung in der Kunzerischen Zichorienfabrik gefunden. Darunter Schreiber. Durch ihn hat Lenchen von dem Schicksal jener erfahren, mit denen wir einst verkehrten. Zarembecki, der edelste von allen, schlägt sich in Paris ärmlich durch mit Unterrichtgeben in der polnischen Sprache. Grotecki ist wegen einer Frau im Duell gefallen. Feldherr Kosinski ist verschollen. Von Kozlowski, Amaliens Gatten, weiß man nur, daß er sich aus Schmerz über den Tod seiner Frau in ein Kapuzinerkloster in Polen zurückgezogen hat.
Was mir unsäglich leid tut -- Frau Welcker, diese so edelmütige Frau, die alles daransetzt, um der Polen Los zu lindern, was hat sie erfahren müssen! Welckers Bruder in Bonn kam dahinter, daß in Dresden einige Gauner sich die Güte der Polenfreunde zunutze machten und diesen Geld abzuschwindeln verstanden. Die Ernüchterung nach dem Überschwange soll groß sein.
* * * * *
20. Juli. Du siehst, Schwesterle, eine lange Pause, aber mein Leben auf dem Lande ist ganz anders angestrengt als in der Stadt. Dort ging Paul ins College, und Marie wurde von ihren Tanten häufig zum Spazierenfahren oder in Kindervisiten abgeholt. Es fiel also manches freie Stündle für mich ab, das ich dazu benütze, Briefe zu schreiben oder mir Nancy anzusehen. Eine Gouvernante ist ja kein junges Mädchen, dem man hier nicht gestattet, ohne Begleitung auch nur über die Straße zu gehen. Nun, ich mache in meiner Circasienne mit dem, wie die Marquisin sagte, abscheulichen Hut einen offenbar so solid unerfreulichen Eindruck, daß ich bis jetzt nicht den Schimmer eines Abenteuers zu berichten hätte. So habe ich von Nancy in kurzer Zeit mehr gesehen, als vielleicht meine Hausdamen von ihrer Heimatstadt überhaupt wissen. Die Altstadt im Norden mit ihren unregelmäßigen Baulichkeiten und engen Gäßle tat mir's besonders an, wegen gewisser Ähnlichkeit mit Freiburg, das ich eben nicht eine Stunde des Tages vergessen kann. Überhaupt Heimweh! Ich mußte manchmal irgend etwas Kleinstädtisches tun, nur um wieder einmal das eigentliche Nannele zu sein -- z. B. ich stahl mich mit meinen zerrissenen Schuhen im Ridikül heimlich zum Haus hinaus und suchte mir einen Schuhmacher. Davon hatt' ich einen ganz besonderen Profit. Der Schuhmacher war nämlich nicht zu Hause, nur die Frau, und die bediente mich. Auch andre Leute zugleich mit mir, und ich machte die Entdeckung, daß sie die Sache genau so gut wie ihr Mann verstand, immer wußte, wo es fehlte, hier trennte, dort einem Lehrjungen den Fehler wies -- kurzum ein ganzer Schuhmacher ist. Dies machte mir Lust, daß ich's mich aus purer Neugier ein paar Groschen kosten ließ, um bald einen Bleistift, bald sonst eine Kleinigkeit zu kaufen, und immer hatte ich Gelegenheit, mich der Tüchtigkeit der Frauen des Bürgerstandes zu freuen.
Ich denke manchmal -- in Stunden des Heimwehs -- daß ich möglicherweise nicht mehr nach Nancy zurückkehre, um früher als vor einem Jahr -- Gott, Caton, ich darf es nicht ausdenken. Was ich gewollt -- eine gute Aussprache -- habe ich ja schon erreicht. Es wird mir täglich gesagt -- wozu also länger bleiben? Ich bin manchmal geradezu krank vor Sehnsucht nach Mutter. Ich glaube, ich müßte in einem Strom von Tränen aufgehen, wenn einer darherkäme und ein wahrhaftiges Deutsch spräche.
Es gibt Stunden, Caton, da zanke ich mich ernstlich, denn ich habe es ja doch sehr gut, besonders da mein Leiden, seit wir auf dem Lande sind, mich kaum mehr in der Nacht belästigt. Also was will ich denn? Was können die Kinder dafür, daß ich mir in meinem Eifer lauter Idealkinder vorgestellt habe, die mich unendlich lieb hätten und die ich zu wahren Vollkommenheiten heranbilde. Ojele, Nannele, ich muß froh sein, wenn wir's nur einigermaßen miteinander aushalten, und ich bin für jedes Lächeln dankbar, das gelegentlich in dem gleichgültigen Gesichtchen der kleinen Marie auftaucht. Sie ist wenigstens gehorsam -- freilich aus keinem anderen Grund, als weil sie zu faul ist, irgend etwas zu wollen. Mit Paul dagegen lebe ich in einem unausgesetzten heißen Kampf um meine Übermacht, in dem ich nur dann siege, wenn ich den querköpfigen Bengel wie einen Erwachsenen behandle, Monsieur zu ihm sage und mich unbeschreiblich wundere, wenn er sich wie ein ungezogenes Kind beträgt. Da bekommt er plötzlich Rückgrat, macht ein ernsthaftes Gesicht und geruht so von oben herab nachzugeben. Aber ich hab das Bürschle trotzdem gern, denn wir können gelegentlich recht herzlich miteinander lachen, und es ist merkwürdig, wie Lachen verbindet. Bei Marie setzt dieses befreiende Mittel nie ein. Aber sie bekommt allmählich etwas Farbe und Appetit, veranlaßt durch unsern einstündigen Spaziergang vor Tisch. Madame ist die Liebenswürdigkeit selbst, seit Marie gut aussieht. Denn -- gut aussehen und sich amüsieren ist die erste Lebensbedingung in diesem Hause. Daß man sich das erstere durch Bewegung in frischer Luft leicht verschaffen kann, wird jedoch nicht eingesehen, sondern man glaubt das Äußerste an Bewegung getan zu haben, wenn man ein wenig im Garten herumtrippelt. Im übrigen wird gefahren.
In letzter Zeit gehe ich mit den Kindern Pilze suchen im nächsten Wäldchen. Solche Wäldchen zerstreuen sich über die ganze Ebene hin. Sonst fruchtbares Land mit Getreide und Weinfeldern. Ferne blaue Hügel begrenzen das Tal. Ach, diese Hügel, Caton! Ich muß mir immer sagen, du hast es ja auch durchmachen müssen und kamst aus unseren Bergen in die Lüneburger Heide. Aber wenn Dir's Herz ein wenig schwer war, dann hattest Du Deinen lieben, klugen, Dich auf den Händen tragenden Mann, für den unser Catonele gern alle Berge der Welt hingeben würde. Wie anders ist das bei mir, die ich im Hause ~pour une personne très sérieuse~ gelte, weil ich darauf bestehe, die Lehrstunden einzuhalten, und Madame ernste Vorstellungen mache, wenn sie mir bei jeder Gelegenheit den Unterricht unterbricht mit dem Vorschlag zu irgendeinem Vergnügen.
Daß mich dieses Streng-vernünftig-und-alt-sein-Müssen nicht leicht ankommt, kannst Du Dir denken, Schwesterle. Ich versichere Dir, nach nichts auf der ganzen weiten Welt sehne ich mich so sehr als nach Mutters tadelndem »Du Närrle«. --
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27. Juli. Solltest Du glauben, liebe Schwester, als ich gestern morgen ins Lesezimmer trat, fand ich da eine ganze Versammlung zu meinem Namenstag vor. Madame, ~Grand'maman~, de Ber und seine Frau, die Kinder, alle brachten Rosen, sagten mir die liebenswürdigsten Dinge und führten mich zu den Geschenken, die für mich ausgebreitet lagen. Ein seidenes Kleid, weißseidene Fil-d'écosse-Handschuhe, weißseidene Strümpfe, die feinsten Schuhe und ein unsagbar entzückendes Ridikül. Ich verlor die ganze Tapferkeit meines Wesens und brach in Tränen aus. Da lachten sie alle; de Ber war plötzlich wieder wie in Freiburg, stellte sich vor mich hin und hielt eine deutsche Rede, die ich zwar nicht recht verstand, aber doch die eine Stelle: »Es ist die deutsch Natur, wo Franzose lacht, heult die Deutsch« -- was mich so ergötzte, daß ich meinen Dank mit dem lachendsten Gesicht abzustatten vermochte.
Auch die Kinder suchten mich zu erfreuen. Marie durch ein Lächeln, Paul versprach: »Heute werfe ich beim Fahren nicht um.«
Er fährt uns nämlich alle Tage mit seinem Pony spazieren, und da er das Tierchen unvernüftig behandelt, wirft er regelmäßig ein- oder zweimal während der Fahrt um. Glücklicherweise ist der kleine zweisitzige Wagen sehr niedrig, so daß das Herauskollern nichts weiter auf sich hat.
Es war mir eine wirkliche Namenstagsfreude, daß das Fahren an diesem Tag in der Tat glatt vonstatten ging, indem Paul meine, wie ich glaubte, in den Wind gesprochenen Mahnungen befolgte und das Tierchen mit Rücksicht behandelte. So tat es seine Pflicht, und ich ließ mir von Paul das Versprechen geben, bei seiner jetzigen Behandlung zu bleiben. Der erste, einzige Fortschritt, den ich bei ihm zu verzeichnen habe.
Die Abende sind so schön jetzt. Nach den heißen Tagen streicht ein frisches Lüftle über die weite, mondbeschienene Ebene. Aber man sitzt drinnen in ~Grand'mamans~ kleinem Salon, bei geschlossenem Fenster, ganz wie in der Stadt, und ~Grand'maman~ erzählt wie dort von irgendeinem wunderschönen Mann und dessen Verwandtschaft bis ins dritte und vierte Glied.
Eines Abends aber nahm Villingers Nannele plötzlich ihre ganze Wohlerzogenheit beim Schopf, verneigte sich und ging. Und als ich merkte, daß der Fall nicht das leiseste Aufsehen erregte, schalt ich mich ein kreuzdummes Ding, und bin nun jeden Abend draußen. Es ist ein Aufatmen, ein Hingeben an die Phantasie, ein Schwimmen in Heimweh, ungeniertem Weinen und auch wieder kräftigem Ausschreiten im abendlichen Wind. Ein Alleinsein endlich, nachdem ich den lieben langen Tag die kleine stumpfe Marie nicht von der Seite lassen durfte.
Lache nicht, ich habe sogar ein Kamerädle gefunden im nächtlich einsamen Garten -- freilich nur ein vierbeiniges -- es ist die schöne weiße Angorakatze, Courtes-bottes genannt. Sobald sie meine Schritte hört, kommt sie aus dem Gärtnerhaus und geht mit mir spazieren. Manchmal laufen wir wie verrückt zwischen den Beeten dahin, wie zwei Kinder, die »Fangis« spielen. Zuweilen unterhalten wir uns miteinander.
»Gelt, du bist auch so ein Einsames wie ich, Courtes-bottes?«
»Miau.«
»Nicht nur der Mensch, auch ein Tierle braucht ein wenig Güte und Liebe und Zärtlichkeit -- gelt, Courtes-bottes?«
»Miau.«
O Caton, wie bin ich so glücklich, daß ich Dir anvertrauen darf: Ich hab Heimweh, Heimweh, Heimweh. --
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4. August. Also, liebe Caton, ich trage das schönste Kleid zum Diner, so oft wir Gesellschaft haben, und all die Menschen, die mich früher nicht bemerkten, machen plötzlich ein Wesens von mir, und ich bekam so viel Schmeichelhaftes zu hören, daß es eine Lüge wäre, wollte ich sagen, ich bliebe unempfindlich. Im Gegenteil, es freute mich, wenn man mir sagte, daß mein Äußeres apart und vornehm sei und mein verpöntes rotes Haar mich wie eine goldene Krone kleide. ~Grand'maman~ klopfte mir auf die Schulter: »~Tiens, tiens~, sie wird uns gefährlich werden.« Worauf de Ber mit einer gewissen Geringschätzung erklärte: »Sie ist zu deutsch, ~Grand'maman~.« -- »Ich danke Ihnen für dieses schöne Kompliment«, sagte ich zu meinem früheren Schüler.
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