Part 8
Ich sehe es für ein ganz besonderes Glück an, ihn und Welcker an Kozlowskis Empfangstag zu treffen. Die beiden Herren sind immer gleich frisch und voll der Pläne. Eine gemeinsame Arbeit, die Herausgabe des »Staats-Lexikons«, beschäftigt sie bis hinein in die Geselligkeit, und ich kann gar nicht nahe genug bei ihnen sitzen, um ihren oft ungeheuer sarkastischen Reden und Gegenreden zu lauschen. Wenn ich die Regierung wär', wahrlich, diese Köpfe hätte ich mir für den Staat erhalten. Aber wie Schiller sagt:
»Es liebt die Welt das Strahlende zu schwärzen« --
Amalie Kozlowska hat mir den Vorschlag gemacht, bei ihr zu malen; es würde ihr Freude machen, ihre Erfahrung meinen Arbeiten angedeihen zu lassen.
Oh, ich verstehe, sie allein ahnt wohl, was sonst außer Zarembecki niemand geahnt. Nun will sie wohl, so glücklich jetzt, ein wenig von dem Zuviel, das ihr zuteil geworden, an eine weniger Glückliche abgeben.
Ich dankte ihr.
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3. Januar 1835. So wäre es nun entschieden. Im April nehme ich einen einjährigen Aufenthalt in Nancy bei den Eltern de Bers. Es soll mir dort jede Möglichkeit gewährt werden, mich im Französischen zu vervollkommnen. Seine Stiefgeschwister, ein Mädchen von vierzehn und ein Knabe von dreizehn Jahren, sind meiner Erziehung anvertraut.
Mir ist seltsam befreit zumute, da ich nun weiß, der Stein ist ins Rollen gekommen. Ja, ich bin heiter und versuche, den Meinen, deren Herz schon jetzt ob des Abschieds blutet, mit gutem Beispiel voranzugehen. Wir sind eifrig mit meiner Aussteuer beschäftigt, Therese und ich. Die gute Mutter will mir alle Wäsche neu mitgeben, damit mich in der Fremde keine Flickerei belästige und an meiner Aufgabe hindere. Also wird drauflosgeschneidert, -genäht und -gestickt, und ein Ballen schönster Hausmacherleinen muß dran glauben. Großes Kopfzerbrechen verursachen die Kleider. Das gute Blaue, meint Mutter, könne für die Werktage dienen, für den Sonntag riet sie zu einem schwarzen. Dafür reichte mein Stundengeld prächtig aus. Für etwaige Gesellschaften bot mir Therese eines ihrer weißen Mullkleider an, das sie mir mit schwarzen Samtschleifen gar hübsch ausgarnierte. Hut und Mantel lassen vielleicht zu wünschen übrig, aber das macht nichts. Mutter beglückte mich mit ihrem seidenen Schal für die kühlen Sommerabende, und ein Peterle für gewöhnlich machte mir Therese aus einem alten Mantel zurecht. Immer wieder brachten sie etwas aus ihren Schränken herbei, das ich haben sollte, und ich mußte mich ernstlich wehren, daß sie sich nicht völlig beraubten. Wie weh mir innerlich ist, soll den Lieben erspart bleiben. Will's durchbrechen im Herzen, mache ich einen Weg durch unsre lieben Gäßle, schau alles mit ganz neuen Augen an, möchte weinen vor Schmerz, von all dem Gewohnten zu scheiden, wenn nicht ein Gefühl brennender Neugier, die Frage: Zukunft, was wirst du mir bringen? mich auch wieder beglückte.
Besonders schwer wird mir der Abschied von Lenchen werden, denn nächst den Meinen wird sie mich am meisten vermissen.
Hermann hat noch nie so viele Dummheiten gemacht, aber ich weiß, es geschieht, um uns allen über den Gedanken an den Abschied wegzuhelfen. Er hat die Flegeljahre, die nicht immer lieblich waren, glücklich überstanden, und ich bin stolz auf unsern bildhübschen Akademiker, den die jungen Mädchen im Kasino den Lord nennen, weil er wirklich ein ausgezeichnetes Benehmen hat. Ich hab's ihm auch nicht wenig eingeschustert.
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2. März 1835. Große Ereignisse bringen uns über unsre eigene Persönlichkeit weg. Denn ist es nicht ein großes, unbegreifliches Ereignis, wenn ein schönes, uns unerreichbares Glück plötzlich jäh vor unsern Augen zusammenbricht? Unerforschlicher Gott! Auch mit zuckendem Herzen, verständnislos müssen wir das Haupt beugen. Amalie von Berg -- Amalie Kozlowska ist nicht mehr.
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Es hat mich hineingetrieben in ihr schönes, von ihr so geliebtes Heim. Es war still am Haus. Ich ging die Treppe hinauf. Es traf mich ein Lichtschein, dem ich beklommenen Herzens entgegenging. War es nicht unbescheiden, dieses Eindringen, konnte nicht jeden Augenblick jemand kommen und mich aus dem Hause weisen? Aber der Augenblick auf der Schwelle ihres Totenzimmers war mir wie ein Geschenk, das mir eine heilige Erinnerung fürs ganze Leben bleiben soll.
Da lag die Schönheit im Sarge, von einem Schleier umhüllt, der nur die obere Hälfte ihres Gesichtes frei ließ. Wie aus Marmor war diese klare Stirn gemeißelt, das geschlossene Augenpaar, die feinen Linien der Wangen. In ihrem Arm unter dem Schleier lag ein kleines Köpfchen an ihrer Brust, so klein und zart, daß man's kaum entdeckte.
Über dem Sarg an der Wand -- ich mußte mein Herz mit beiden Händen halten -- denn ach, da hing das lebensfrohe, strahlende Bild Amaliens -- ihr Selbstporträt in der Tschapka.
Ein leises Stöhnen brachte mich zu mir selber. Das dunkle Etwas auf dem weißen Totenkleid waren Kozlowskis Hände. Zur andern Seite des Sarges kniete er, ein völlig gebrochener Mann, bleich wie die Tote selber -- die Augen geschlossen.
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Wie wechselt doch Freud und Leid im Leben! Wenn ich Hochzeit machte, könnten mir nicht lieblichere und schönere Geschenke zuteil werden. Ich bin beschämt und beglückt. Diese Liebe, diese Teilnahme hebt uns alle wie mit Samthänden über Schmerz und Trennungsweh weg. Wir bestaunen die köstliche Vervollkommnung meiner Aussteuer, immer wieder freuen und umarmen wir uns. Lenchen hat mir einen Spitzenkragen gestickt, wie ihn eine Königin nicht schöner hat. Ridiküls sind's ein halbes Dutzend. Die Hofrätin schenkte mir eine sechsreihige Granatkette mit silbernem Schlößchen. Von Caton kam ein Marie-Antoinette-Fichu mit echten Spitzen -- kurz, es ist nicht zum Aufzählen. Ich werde den größeren Koffer nehmen müssen.
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Auf dem Wege meiner Abschiede und Dankvisiten traf ich bei der Hofrätin Karoline im Klostergewand -- jetzt Frau Martina. Es sind Jahre, daß wir uns nicht gesprochen. Gesehen habe ich sie wohl zuweilen im Klostergarten, aber wir gingen uns aus dem Weg. Nun kam mir alles Vergangene kindisch vor, und ich ging herzlich auf die ehemalige Mitschülerin zu. Sie erhob sich nicht, sondern gab mir mit einer gewissen Gönnermiene die Hand.
»Du tust mir recht leid, Nannele,« sagte sie, »daß du in die böse Welt hinausgestoßen wirst.«
»Ich gehe von selber,« gab ich zur Antwort, »niemand stößt mich hinaus.«
»Eben die Verhältnisse,« meinte Frau Martina in mitleidigem Ton, »ich werde für dich beten.«
Ich dankte ihr, und dann war's ganz nett. Wir sprachen von den alten Schulzeiten, und Frau Martina gab sogar zu, daß ich sie in allen Fächern überflügelt habe.
Ein paar Damen erschienen, begrüßten sie vor mir und erwiesen ihr als Klosterfrau mehr Aufmerksamkeit als mir. Sie war ganz glücklich, strahlte, drückte mir die Hand, nannte mich ihre beste Freundin und nahm den rührendsten Abschied von mir.
Hierauf erhob sie sich, und da ich auch gehen wollte, ließ ich der Klosterfrau den Vortritt. Erhobenen Hauptes schritt sie an mir vorbei, stolperte über die Stufe und flog mit wehendem Schleier auf den Gang hinaus.
Da haben wir aber so gelacht und waren wieder Kinder und sind so voneinander geschieden.
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Herr von Verleb wird sich verheiraten.
Es heißt, daß es auf eine glückliche Ehe schließen lasse, wenn der Mann nach dem Tode der Gattin sich bald wieder vermähle, weil ihm das Leben ohne sorgende Gefährtin nicht mehr möglich sei.
Du, liebe Caton, hast mir einmal ein beherzigendes Wort gesagt: »Unglücklich sein, ist keine Lebensaufgabe«. Also will ich das Gefühl überwinden, das mich bei dem Gedanken überkommt: Eine andere wird Marias schönes Heim bewohnen.
Ich bin froh und danke Gott, daß ich fort sein werde, wenn Verleb mit seiner Braut Visite macht.
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Nun kurz vor meinem Weggehen wird Therese krank. Entsetzlich überkommt es mich: Wie kann ich denn gehen? Wer soll Mutter beistehen, wenn sie ihrer Stütze beraubt ist? Dieser Kampf ist noch das ärgste: Soll ich, darf ich gehen? Oder müßte ich bleiben? ... Es geht besser. Therese muß nur noch zu Bett bleiben, um ihren Katarrh nicht der rauhen Märzluft auszusetzen. Nun ist es Mutter, die mich von allen Zweifeln, ob ich gehen oder bleiben solle, heilt. »Närrle,« hat sie gesagt, »wann denkst du ans Packen?« --
Wie doch Mutter das Aufrichten versteht! Wir sitzen an Theresens Bett und besprechen ganz heiter alles Nötige für die bevorstehende Reise. Lenchen kommt auch dazu. Wer kommt nicht? Man sollte meinen, es wäre eine Prinzessin krank, die täglich große Cour hält, wo sie alle Stadtbegebenheiten und Staatsangelegenheiten erfährt. Der großherzogliche Leibarzt fühlt ihr täglich den Puls, Hermann hat sie als Vorleser anzustellen geruht, wobei er noch gratis die Stelle eines Hofnarren übernahm. Ich bin als Nachtwächterin nicht eben hervorragend zu loben, da ich Therese stets meine Dienste anbiete, wenn sie schläft, während ich fest schlafe, wenn sie meiner Hilfe bedürfte.
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30. März. Es will mir fast scheinen, als habe Theresens Krankheit eigens kommen müssen, um uns allen den Abschied zu erleichtern. Eine neue Sorge hatte unsere, auf einen Punkt gerichteten Gedanken plötzlich in Anspruch genommen, und nun wir jene los sind, legt sich's wie ein Gefühl der Dankbarkeit auf das kommende Weh.
Ich bin auf unserm lieben heimeligen Friedhof gewesen, wo da und dort auf den Gräbern schon Schneeglöckle und Aurikele sich hervorwagen. Zwei Kränze hatte ich geflochten für zwei teure Gräber -- Maria von Verleb steht auf dem einen Kreuz. Auf dem andern, nahe bei der Kapelle: Amalie Kozlowska.
Aus dem Glanze ihres Daseins, beneidet von so vielen, waren sie abgerufen worden. -- Und ich, die ich voll liebender Bescheidenheit die beiden Gottbegnadeten angestaunt, ich bin noch da, ich stehe an ihrem Grab, genieße das Licht der Sonne, sehe das junge Grün der Bäume sprossen und höre der Vögel Jubeltöne durch den stillen Friedhof schallen. -- Mein Gott, der Du mir das schöne Leben noch ließest, wie danke ich Dir! --
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Dinglingen, den 3. April 1835.
Unschätzbarste Eltern!
's ist eins, meine Gedanken sind doch bei Euch, warum soll ich sie Euch nicht sagen dürfen, da ich sie bekanntlich einmal nicht bei mir behalten kann. Noch dazu, da mir das Herbeischaffen des Schreibgerätes gar keine Umstände macht. Ich schreibe in einem abgelegenen Tanzsaal des Postgebäudes, mit einem Schreibepulver, in das ich die Feder nur ein einziges Mal zu tunken brauche, um einen noch längeren Brief zu schreiben, als dieser ausfallen wird, denn in einer halben Stunde geht die Post weiter. So wisset denn, Gott hat gleich wieder so viel Komisches auf meinen Lebensweg geschüttelt, daß es dem Abschiedsweh zur Unmöglichkeit wurde, mich zu übermannen, und ich wollte nur, Ihr hättet nach einer Stunde unsrer Trennung so herzlich lachen können wie ich über meine possierliche Reisegesellschaft im gelben, alterswackeligen Postwagen.
Die Insassen bestehen aus einer impertinenten Marquisin, die kein Deutsch kann, einem überaffektirten Tanz-, Fecht- und Schulmeister, der fortwährend mit seinen feinen Tanzschuhen, die aber zerrissene Sohlen haben, kokettiert, und einem jungen Blut von einem Bürschlein, das von Freiburg bis Dinglingen von einem Lachkrampf in den andern verfiel. Ich selbst hätte am liebsten mitgehalten, wenn ich mir nicht ganz ernstlich gesagt hätte: Nannele, jetzt ist's aus mit dem »dummen Mädele sein«; du hast jetzt als Muster der Vernünftigkeit, als kommende Erzieherin in die Fremde zu segeln, also muckse nicht. --
Und so machte ich Ihnen, geliebte Eltern, alle Ehre, indem ich die Impertinenzen der Marquisin nicht mit gleichem, sondern mit einer geradezu hoffähigen Artigkeit erwiderte, im Innern mich so auf mein künftiges Mundhalten einübend, das mir bislang meistens nicht gelungen ist.
Den armen Fecht- und Tanzmeister mit seinem vor Höflichkeit grinsenden Gesicht nannte die Marquisin den ~maigre et pauvre homme~, und da er sich den Anschein gab, Französisch zu verstehen, nickte er nach jedem Satz, den die Marquisin sprach, auf das höflichste: »~Oui, madame~«, auch als die Marquisin meinte, er sei gewiß mit seiner roten Krawatte ein durchgegangener Sträfling. Ich nahm ihn lebhaft in Schutz, indem ich die böse Sieben auf seine ehrlichen Augen aufmerksam machte. Sie meinte lächelnd, ob ich etwa verliebt in ihn sei. Meine Antwort wäre vielleicht etwas derb ausgefallen, wenn das junge Kerlchen in seiner Ecke nicht durch einen neuen, ganz besonders lebhaften Lachanfall unsre Aufmerksamkeit auf sich gezogen hätte.
»~Imbécile~,« herrschte ihn die Marquisin an, »haben Sie gehört, ~imbécile~!«
»He nei,« preßte er erstaunt hervor, »Baptist Will heiß i.«
»Was sagt er?« stieß mich die Marquisin an. Aber ich lachte so, daß ich nur stoßweise hervorbrachte, der Bursche habe geglaubt, sie nenne ihn beim Namen.
»Ist auch sein Name -- ~imbécile~« -- »Baptist Will«, beharrte er.
Sie zog einen halben Kipfel aus der Tasche und zeigte ihn dem Bürschlein mit den Worten:
»Den hättest du bekommen, wenn du kein solcher ~Imbécile~ wärst« -- und aß ihn selber auf.
Alsdann lehnte sie sich in ihre Ecke zurück und schloß die Augen.
Ich benützte meine Freiheit, indem ich dem Fecht- und Tanzlehrer das kleine Fläschle Wein anbot, das mir Therese ins Ridikül spediert hatte. Das Bürschle bekam einen ganzen Kipfel.
»Sie hät eso e Bart«, flüsterte er mir zu.
Der ~maigre et pauvre homme~ trank das Fläschle in einem Zug, versteckte es dann aber schnell in seinem Rockärmel, denn die Marquisin schlug die Augen auf.
»Er ist ein Dieb!« rief sie aus. »Ich sah etwas in seinem Ärmel verschwinden.«
»~Oui madame~«, sagte er, ehrerbietig an seinen Hut greifend.
»Und dieser ~Imbécile~, was ißt er da, hat er mir etwas aus meine Ridikül genommen?«
Ich klärte sie über ihren Irrtum auf, indem ich ihr versicherte, daß sie sich in einer absolut ehrlichen Gesellschaft befinde.
»Ah,« fiel sie über mich her, »Sie halten zu diesen Menschen gegen mich!«
Jetzt kochte es in mir.
»Es sind ja meine Landsleute«, gab ich zur Antwort.
»Bah«, machte sie, »ich habe in Freiburg Ihre Landsleute kennen gelernt; es ist ein wildes Land, und seine Bewohner sind Wilde. Nur Baden-Baden ist ein Paradies, und nur die Königin Hortense und die Großherzogin sind ~gens de qualité~ -- warum? Weil sie nicht aus diesem barbarischen Lande stammen, in dem der Adel ein Französisch spricht, das für das Ohr einer Französin ~horrible~ ist. Überhaupt, außer Frankreich, einem Stückchen von Italien und Baden-Baden ist die ganze Welt ~abominable~.«
»Sehen Sie, diese Wilden«, unterbrach sie sich, als wir viehtreibenden Landsleuten begegneten.
»Tragen bei Ihnen, Madame, die Viehtreiber Glacéhandschuhe?« fragte ich und nahm, da sie nicht gleich eine Antwort bereit hatte, ein Buch aus dem Ridikül.
Nun rückte sie hin und her, stellte immerzu Fragen an den armen Fecht- und Tanzlehrer, schrie das junge Kerlchen an, das aber friedlich wie in seinem Bett schlief, und ließ endlich, nur um mich vom Lesen abzubringen, den ganzen Inhalt ihres Ridiküls auf den Boden fallen. Der Fecht- und Tanzmeister war glücklich, ihr alles aufheben zu dürfen. Ich rührte mich nicht.
In Dinglingen machten wir Mittag. Ich bestellte mir Suppe und ein Stückchen Kalbfleisch.
Die Marquisin rümpfte die Nase:
»Echt deutsch, sich schon um Mittag den Magen zu füllen« -- und bestellte sich Eier.
Mir gegenüber am Tisch saß der Tanzlehrer.
»Ach,« flüsterte er mir zu, indem er sich durch die Haare fuhr, »das Geld ist mir ausgegangen.«
»Hat er Ihnen eine Liebeserklärung gemacht?« fragte die Marquisin.
Ich sagte ja und bestellte beim Kellner Suppe und Rindfleisch für den ~pauvre et maigre homme~.
Als uns die Marquisin speisen sah, gelüstete sie alles, und sie tauchte in alle Schüsseln, versuchte, schnitt ein Gesicht und versuchte wieder.
Sie hätte wahrlich eine Ohrfeige verdient, so impertinent ungezogen benahm sie sich.
Nun kam aber der Hauptspaß -- sie mußte über die Hälfte mehr als ich bezahlen.
Der Wirt sagte: »Sie hät jo von allem g'hat, und der Kellner hat springe müsse für zehne.«
Als sie ihm mit einem empörten »Worüm?« die Rechnung hinwies, verneigte er sich und sagte: »Dorüm«.
Fortsetzung in Offenburg, aber auch während der ganzen Fahrt, liebe Eltern, wird Ihr Nannele bei Ihnen sein.
* * * * *
Offenburg.
Die Marquisin befliß sich bei der weiteren Reise einer absoluten Höflichkeit. Sie bot mir sogar von ihren Pfefferminztäfele an. Ich nahm eines und dankte höflich. Diese Höflichkeit steckte die neuen Insassen der Post an, so daß eine Frau, die schnarchte, immer wieder von ihrem Gegenüber geweckt wurde mit dem Bemerken: »Lent doch euer Muusik«. --
Wie unerquicklich wäre diese Reise ausgefallen, hätte ich der Marquisin gegenüber meinem Ärger Luft gemacht und sie mit Sottisen bombardiert, wie sie verdient hätte. Nun hatte ich Genuß an ihrem schönen Französisch, sie tätschelte mir wiederholt die Schulter, und ich wurde ob der Ehre, die mir widerfuhr, von sämtlichen Insassen der Post angestaunt.
Der Fecht- und Tanzmeister hatte seinen Sitz auf dem Deck des Postwagens genommen, nachdem er mir gesagt, die französische Sprache sei ihm auf die Dauer zu anstrengend.
»Ich bin«, setzte er hinzu, »jetzt in einer traurigen Lage, aber sobald ich eine Stelle habe, werde ich in Freiburg bei Ihren Eltern meine Schuld entrichten.«
Wie anständig, nicht? Eigentlich sind alle Menschen besser, als man voraussetzt, vielleicht auch die Marquisin -- wer weiß.
Wir kamen gegen sieben Uhr in Offenburg an. Als wir an der Post ausstiegen, fragte mich die Marquisin, ob ich ein besonderes Zimmer haben wolle.
»O ja«, sagte ich, denn ich war wirklich zu müde, um ihr bis in die Nacht hinein zu huldigen.
Als Abend- und Nachtessen nahm ich Kaffee, und ein bescheidener Knabe von Kellner bediente mich in meinem kleinen Zimmerchen, in dem ich jetzt schreibe.
Da morgen Sonntag ist, fährt die Post erst um neun Uhr, so daß ich genügend Zeit haben werde, einer hl. Messe beizuwohnen, das Städtle anzusehen und noch einen Morgengruß an die lieben Eltern zu schicken. Gute Nacht denn.
* * * * *
Noch eine gute Stunde bis zur Abfahrt der Post. Wie höchst interessant ist doch das Reisen! Möchten Sie doch, meine ungemein lieben Eltern, sich keinen Augenblick um Ihr Nannele sorgen, denn wenn mir auch das Heimweh nicht geschenkt ist, so bin ich von der Vielseitigkeit meiner Erlebnisse doch so in Anspruch genommen, daß ich weit davon entfernt bin, die Flügel hängen zu lassen.
Also ich wandelte höchst einsam durch die sonntagsstille Hauptstraße der Stadt Offenburg, mich bemühend, Sehenswürdigkeiten zu entdecken. Der helle Klang einer Glocke lockte mich in eine schmale Seitengasse, so daß ich plötzlich am Ende derselben vor einem klosterähnlichen Gebäude mit einer Kirche stand. Eine Frau, die mit ihrem Gebetbuch des Wegs kam, sagte mir, das alte ehemalige Franziskanerkloster sei jetzt das Mädcheninstitut der ~congrégation Notre-Dame~. Soeben fange die heilige Messe an.
Ich schritt durch das uralte Eingangsportal in die halbdunkle Kirche und nahm meinen Platz vor dem Altargemälde der Himmelfahrt Marias. Ein paar Stufen führen zum Chor, das hell und licht erglänzte durch die vielen Kerzen am Altar, wo die heilige Messe zelebriert wurde.
In den Bänken knieten die Schülerinnen, rechts und links in den Chorstühlen die Klosterfrauen. Ein rührendes Bild für mich, die ich einst so gern mich der Schar der Gottgeweihten einverleibt hätte! Nun führt mich der Weg hinaus in die Fremde, wo ich es nicht so gut haben werde wie diese von der Welt abgeschlossenen Frauen, die sich, aller Sorgen ledig, der Erziehung ihrer Zöglinge hingeben können.
Denken Sie nicht, liebe Eltern, daß diese Betrachtung etwa aus einem ängstlichen Herzen kommt. Im Gegenteil! Als ich unter dem Gesang der Klosterkinder in den hellen Tag hinausschritt, war ich äußerst begierig auf das neue Stück Welt, das sich vor mir auftun sollte.
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Straßburg.
Groß war die Freude der Marquisin, als wir elsässischen Boden unter den Füßen hatten. Es stieg gleich ein Bauer ein, ein alter Mann, der einen fürchterlichen Knaster rauchte. Das hätte sich einer jenseits der Grenze erlauben sollen!
Sofort redete sie den Elsässer mit einem Schwall von Liebenswürdigkeiten an, dabei mit beiden Händen gestikulierend, vor Glück, endlich einen ~compatriote~ anzutreffen.
Der alte Bauer maß sie mit zusammengekniffenen Augen.
»He,« stieß er mich an, »was babbelet's au, des old Fegnascht -- isch 'm vielleicht 's Raache nit racht?«
Er sah wütend nach der Marquisin hin.
Ich beeilte mich, ihm zu sagen, daß die Dame eine Französin sei und gehofft habe, mit ihm Französisch sprechen zu können.
»I rad kei Französisch, i rad Dütsch«, brummte er neben seiner Pfeife heraus.
»Was sagt er -- was reden Sie mit diesem Mann?« drängte die Marquisin. »Wie können Sie überhaupt Deutsch mit ihm reden? Er wird Sie nicht verstehen.«
»Ich fürchte, er versteht nicht Französisch«, sagte ich, meine Heiterkeit durchaus nicht verbergend.
Nun fuhr sie auf: »Nicht möglich -- unmöglich -- ~monsieur~,« fiel sie über den Mann her, und ihre Empörung ergoß sich wie ein Wasserfall über den Ahnungslosen.
Jetzt erhob auch er sich, nahm die Pfeife aus dem Mund, spuckte und traktierte die Marquisin mit einer Auswahl von Schimpfwörtern, wie ich sie nie in meinem Leben gehört. --
Sie wurde still und fragte nicht einmal: »Was hat er gesagt?«
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Avricourt.
Soeben Abschied genommen von der Marquisin. Sollte man's glauben, sie umarmte mich, weinte und umarmte mich wieder. Sie sagte mir, daß sie mich gleich beim ersten Blick zu den ~gens de qualité~ gezählt habe, trotzdem ich sehr unmodern sei und einen Hut habe wie eine Vogelscheuche. Aber in Nancy würde man mich modernisieren; in Nancy, dem ~petit Paris~, könne man so etwas gar nicht sehen.
»Und noch eins, ~ma chère~,« rief sie mir beim Gehen zu, »nehmen Sie sich vor den Franzosen in acht!«
Sie legte den Finger auf den Mund und schlug lachend die Augen zum Himmel, warf mir eine Kußhand zu, und gleich darauf hörte ich sie mit einem Mann, der sich ihres Gepäcks -- man sage drei Koffer -- bemächtigt hatte, laut schelten und streiten.
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Nancy, 8. April.
Meine geliebten Eltern!
Nun hier, nun angekommen, Gott sei Dank!
De Ber holte mich an der Post ab mit der Chaise. Ich fand ihn sehr verändert, nicht zu seinem Vorteil. Weder von seinem Übermut noch von dem einstigen Respekt für die Lehrerin ist noch etwas vorhanden. Seine familiäre, nachlässige Art widerstrebte mir. Er brachte mich in sein elterliches Haus, verabschiedete sich und überließ mich der Sorge eines hübschen jungen Dienstmädchens, das mich artig, aber mit seltsam lächelndem Blick auf mein Zimmer führte und mein Gepäck heraufkommen ließ.
Ich möchte Toilette machen, sagte sie, um sechs Uhr sei das Diner. Ich will nicht unterschlagen, daß mir das Herz pochte bei dem Gedanken meines ersten Erscheinen in der Familie. Aber der Anblick meines sehr netten, mit dem reizendsten Kattun ausgarnierten Zimmers machte andrerseits den angenehmsten Eindruck auf mein für alles Schöne so empfängliche Herz. Ich mußte sogar lachen: nicht weniger als drei Spiegel, einen ganz großen, in dem man sich vom Kopf bis zu den Füßen sieht, und zwei kleinere. Einige Kupferstiche aus »~Paul et Virginie~« hängen an den Wänden, und auf dem Waschtisch stehen so viele Büchslein und Glasschalen, daß ich Landkonfektle neugierig davorstand, unfähig deren Zweck zu erraten.