Meine Tante Anna

Part 7

Chapter 73,672 wordsPublic domain

Aber warum, warum, wenn ich so von ihm denke, kommen meine Gedanken nicht los von ihm? Es gab eine Zeit, da verstand ich die Prinzessin von Ahlden nicht, die Mann und Kinder, Ruh und Ehre hingab für ihre Liebe. In dieser Nacht wurde es mir klar, daß so etwas möglich ist. Ich erkannte das entsetzliche Unglück einer Leidenschaft, und ich sagte mir: Es gibt nur eines: Kampf oder Untergehen. Ich hätte nicht gedacht, daß so etwas mich ankommen könne, -- mich. -- Ich hielt mich für gefeit, -- warum eigentlich? War das nicht Hochmut, und muß ich darum klaftertief in meiner eigenen Achtung sinken? Schande der Geschichte meines Herzens, wenn ich es nicht über mich bringe, jeder ferneren Begegnung mit Grotecki aus dem Wege zu gehen. Was will er von mir? Eine neue Eroberung, weiter nichts. Hermann sagte mir, Grotecki stehe im Rufe eines Don Juan ...

Ich konnte nicht umhin, Caton eine lebhafte Beschreibung zu machen von unserer herrlichen Polenzeit und der tiefen Teilnahme, die Freiburg an Polens schwerem Schicksal nimmt. Ich legte einige Blätter der »Freisinnigen« bei, in der Rotteck, Welcker und Grotecki fulminante Artikel in die Welt sandten über Polens Unglück, seinen Edelmut und seine Freiheitsliebe.

Zu meinem Erstaunen schrieb mir Petersen statt Catons, es sei offenbar sehr notwendig, meine hohen Ideen von den Polen etwas herunterzustimmen, deren Edelmut in Norddeutschland weniger Eindruck mache, da man hier wisse, daß die Polen in Paris mit einem Haufen Franzosen gegen Philipp rebelliert hätten. Das weibliche Politisieren habe übrigens keinen Sinn, da die notwendige geschichtliche Grundlage fehle und nur subjektive Empfindungen aus dem Politisieren der Frauen redeten.

Ich anerkannte und dankte Petersen für seine gute Absicht, mich bessern zu wollen, entschuldigte mich aber nicht, sondern erklärte, ich könne teilnehmendes Aussprechen unserer Gefühle, treffe es den einzelnen oder das Allgemeine, nicht politisieren nennen. Bezüglich der Rebellion gegen Philipp führte ich an, daß das, was zwei oder auch zwanzig Polen verschuldet, nicht dem ganzen Polenvolke könne angerechnet werden. Alsdann packte mich, wie so oft, der Humor zur Unzeit, indem ich von diesem ernsten Thema einen Sprung in den plattesten, weiblich romantischen Stil machte, so auf Petersens Mahnung eingehend, daß wir Frauenzimmer das Barometer der Politik doch lieber unberührt lassen und uns nicht männliche Interessen anzueignen hätten.

Ich schrieb also ungefähr: »Im übrigen freue ich mich über das schöne Wetter, weil man spazierengehen kann und die Natur bewundern, die grünen Bäume, das bunte Obst und die flatternden Vögelein und murmelnden Quellen. Aber auch das Regenwetter hat sein Gutes, weil Äuglein und Füßlein dann ruhig bleiben müssen, damit die Nadel flinker geht, um Kleider, Wäsche und Strümpfe in gehöriger Ordnung zu halten. Sonst weiß ich jetzt nichts mehr, als daß der süperbe Sommer leider auch einmal zur Neige geht, worüber ich sehr traurig bin, denn wie sehr die Partien oft auch fatiguiren, so sind sie doch noch amüsierender als die langen Winterabende beim Unschlittlicht usw. usw.«

Mein sonst so großdenkender, edler Schwager faßte meinen Spott nicht humoristisch auf, so wie es gemeint war. Er glaubte, ich mache mich über ihn lustig, während ich ihm nur zeigen wollte, wie ein Frauenzimmer ohne höhere Interessen sich ausdrücken möchte.

Ach, wäre man nur nachsichtiger, so brauchte man gar nicht so vorsichtig zu sein!

Petersen, mich so falsch beurteilend, wählte ein zu starkes Mittel zu meiner Besserung -- nicht an mich selbst, sondern gleichsam anklagend, wandte er sich an die Eltern, sie möchten die übermütige Amazone an die ihr zuerst zukommende Tugend der Bescheidenheit verweisen.

Ich weinte bitterlich, als Vater diesen Passus vorlas. Aber, o Glück, ich hatte beide Eltern auf meiner Seite, und Mutter erklärte, sie selber wolle die Sache mit Petersen in Ordnung bringen, denn wenn sie mit meiner Bescheidenheit zufrieden sei, so sei sie der Meinung, daß auch er es könne.

Immerhin, es hat mir wehe getan, von einem so schätzenswerten Mann wie Petersen verkannt und gekränkt zu werden. Ich konnte nicht umhin, Welcker, den ich bei Mohrs traf, mein Erstaunen mitzuteilen, wie wenig man in Norddeutschland unsere Anteilnahme an Polens Unglück verstehe.

»Das glaube ich,« sagte Welcker und lächelte sarkastisch.

»Aber«, rief ich aus, »müßten wir Deutsche denn nicht +ein+ Herz und +eine+ Seele sein?« Er nickte: »Was wollen wir denn andres.«

* * * * *

Den 3. Juli hatte trotz allem Abraten und Untersagen von oben ein kleines Freiheitsfest in St. Ottilien stattgefunden. Rotteck, Welcker und auch mein Vater waren nicht dabei. Er meinte, wir sollten auch zu Hause bleiben, aber Mutter hatte Amalie von Berg und noch anderen jungen Mädchen versprochen, sie zu chaperonieren. Ebenso hatte es sich Frau Welcker nicht nehmen lassen, dem Ausflug beizuwohnen. Sie ging voraus zwischen einem Schwarm von Polenjünglingen, die, wo sie auch immer erschien, nicht müde wurden, der gütigen Frau ihr Leid zu klagen. Ich hatte mir fest vorgenommen, Grotecki mit so viel Würde zu begegnen, daß er weder einen Handkuß noch eine Schmeichelei wagen würde. Aber als wir die Herren oben im Walde trafen, küßte er mir die Hand gleich zweimal, und aus meiner Würde wurde eine totale Verlegenheit. Ich nahm Lenchens Arm, an meiner anderen Seite schritt Zarembecki; so fühlte ich mich geborgen -- wußte aber, ach, nur zu genau, daß Grotecki dicht hinter mir dreinging, nachdem er mir einen zornig-wütenden Blick zugeworfen hatte. -- Auf dem ganzen Weg zur Wallfahrtskapelle wurden Freiheitslieder gesungen. Eine unbeschreibliche Erregung erfüllte aller Herzen. Ich mußte weinen, und Lenchen weinte mit mir. Aber dann mußten wir auch wieder lachen. Schreiber schleppte die Hofrätin neben uns her. -- »O du mei' liebes Herrgöttle,« stöhnte sie, »isch des e' Schnauferei -- aber 's macht nix -- dafür keuch' ich gern der Berg 'nauf, daß mer so honett behandelt wird -- in Freiburg kräht kei' Hahn nach de alte Weiber, aber sechs Pole springe, wenn ich mei' Knäuel falle laß' -- Pole hoch! Die Freiburger sind Stoffel. --«

Die Kapelle der hl. Ottilie blieb unbesucht diesmal. Reden wurden gehalten, gesungen und wieder gesungen. Ich sah Amalie von Berg in einem himmelblauen Schaltuch da und dort unter den Männern auftauchen, einer Freiheitsgöttin gleich, leuchtend vor Begeisterung und Schönheit.

Der Redakteur der Freisinnigen Zeitung sprach von dem herrlichen Fest in Hambach, auf der uralten Kestenburg mit der prachtvollen Aussicht auf die Rheinebene -- von Worms bis Straßburg -- zwanzigtausend Menschen, auch Polen und Franzosen, lauschten hier den feurigen Reden Wirths, eines wahrhaft deutsch gesinnten Mannes, der in der deutschen Einheit das höchste Ziel seines Lebens erkannte.

Grotecki sprang auf die Rednerbühne. Mit aller Kraft, mit aller Leidenschaft eiferte er gegen Fürsten und Fürstendiener. Er sprach wie ein Gott. Mit der schwarzrotgoldenen Fahne sollte sich die polnische vereinen, um den russischen Barbaren gemeinsam zu vernichten, Rußland zu Fall zu bringen, seine schrankenlose Willkür, seinen unersättlichen Ehrgeiz zu brechen.

Er sprach und sprach. -- Zu meinem Erstaunen blieb ich ungerührter als alle um mich her, die weinten und sich umarmten und sich wie Trunkene gebärdeten. Waren es jene mich so tief verletzenden Worte, die Monz sprach, und die mir plötzlich in den Sinn kamen -- sein Auflachen, als er sagte: »Gehören Sie am Ende auch zu den Narren, die sich durch ihre Polenschwärmerei für alle Zeiten lächerlich machen?«

Ich sah Lenchen an, die mir am Arm hing.

»Du weinst auch nicht?« fragte ich.

»Ich wein' doch nicht, wenn du nicht weinst«, gab sie zur Antwort.

Ich mußte lachen -- herzlich lachen.

Um uns her küßte sich alles. »Polen hoch! Deutschland hoch!« Der Tumult wurde mir fast zu arg -- da, ein Schatten -- ich schaute auf -- Grotecki stand vor mir.

»Rache ist süß«, sagte er, und eh' ich mich's versah, preßte er mich an sich -- und küßte mich.

Es war so, als drehte sich die Erde mit mir. Ich taumelte, ich hatte keinen Willen mehr. Ich kann es nicht beschreiben, Stimmen tönten an mein Ohr -- ein polnisches Wort, heftig, schneidend -- Zarembecki war's. Er nahm meinen Arm, Grotecki trat uns in den Weg, Worte flogen zwischen den beiden hin und her -- ein Drohen -- Aufflammen.

Ich raffte mich auf, ließ Zarembeckis Arm los und eilte zur Mutter.

Welch ein Heimweg zwischen Mutter und Lenchen -- beide führend, mit zitternden Knien, nach Atem ringend, dem Weinen nahe und doch wieder voll Angst, mich zu verraten.

Und Lenchen, die erzählte:

»Denk' au, Nannele, der Schreiber, der Schlingel, kommt daher und gibt mir einen Kuß --, 's küßt sich ja alles, sagt er und will noch einmal anfange, da hat er aber e' Watsch 'kriegt, daß er au g'schrie hat.«

Sie lachte und schwätzte weiter. Und mir fiel's wie ein Vorwurf auf die Seele: Warum hast du's nicht auch so gemacht, warum hast du still gehalten?

Ach, so meiner selbst sicher war ich abgezogen, innerlich meiner Würde gewiß. Und was geschah? Fand ich Worte der Empörung, zwangen meine Blicke den Unverschämten einzuhalten?

Welch ein Heimweg.

Sie gingen vor uns her wie ein wandelnder Wald -- fünfhundert Menschen. Alle trugen große Eichenäste, die sie im Triumphe schwangen. Auf den Schultern trugen sie Grotecki.

So ging's durch die Stadt. Welcker kam uns im Wagen entgegen. Seine Frau nahm neben ihm Platz. Die Studenten machten Spalier. Einige sprangen hinten auf den Wagen, in den auch Grotecki gestiegen war. Die jungen Männer hielten kreuzweis ihre Zweige über die Freiheitsmänner, von denen jeder eine Rede hielt.

Und wieder wehte das blaue Schleiertuch von Amalie von Berg inmitten der erregten Männerschar, und ihre Augen leuchteten, ihre Lippen sprachen -- eine Priesterin der Begeisterung -- so erschien sie mir.

Therese schlief längst, ich saß noch immer am Fenster und sah auf die stille Linde hinunter, über die der Vollmond sein bleiches Licht goß. Ich konnte nicht denken und hielt nur den Kopf. Erst als die Tränen kamen und ich weinen konnte, wurde mir ein wenig leichter.

Ich traute meinen Ohren nicht, als ich an der Türe ein Klopfen zu hören vermeinte. Es klopfte ein zweites Mal; als ich öffnete, kam Hermann herein, zitternd, mit zerwühlten Haaren. Er könne nicht schlafen, er habe versprochen, nichts zu sagen, aber er halte das Schweigen nicht aus -- Zarembecki duelliere sich in der Frühe mit Grotecki. Sie seien im Tivoli hart aneinandergeraten dadurch, daß Zarembecki Grotecki vorwarf, er schade Polens Sache durch die Unwürdigkeit seines Betragens.

Hermann fügte hinzu: »Denke dir, er hat zwei jungen Mädchen den Kopf verdreht.«

Es war gottlob fast dunkel im Zimmer. --

Wir blieben die ganze Nacht am Fenster sitzen. Ich wickelte Hermann in ein Tuch; er fror vor Aufregung. Ein Schreiben von Zarembecki, das er mir zeigte, war ein Vermächtnis für uns. Hermann sollte seine Pistolen bekommen, eine prachtvolle russische Beute, Therese einen Orden, ich seinen Ring.

Schon um fünf des Morgens machte sich Hermann auf den Weg. Er hatte keine Ruhe. Ich auch nicht. Um sechs sollte das Duell stattfinden. Fiebernd vor Aufregung tat ich alle mögliche Hausarbeit, als Hermann strahlend vor Glück mit der Nachricht zurückkehrte: »Beide unversehrt.« Unter der Bedingung, daß Grotecki sofort abreise, hatten sie Frieden gemacht. Er ist schon unterwegs.

* * * * *

Ich bat die Mutter, mir zu erlauben, ein paar Tage auf unserem Landgütle zubringen zu dürfen.

O liebliche, so still verlebte Tage im heimeligen Waldasyl, abgeschlossen vom Geräusche des Stadtlebens, von all den seelenbeklemmenden Eindrücken, die dort auf mich gewartet hätten. Gibt es etwas, das unser Herz mehr beruhigen kann als so ein Bauernhaus, in dessen Hof die Hühner scharren, zuweilen ein Hahn kräht oder ein friedliche ›Muh‹ aus dem Stallfensterchen ertönt.

Seligkeit ist diese Stille, Balsam einem Gemüt, das nicht zu denken, nicht zu überlegen, nicht einmal zurückzublicken, sondern eben nur das Zunächstliegende ins Auge zu fassen vermag.

In der guten Stube der Bäuerin hatte ich mein Nachtquartier aufgeschlagen, ein wenig hart, zur Toilette mußte ich mir das Wasser aus dem nahen Brunnen holen. Exkursionen in den nahen Wald, -- das eigenhändige Zubereiten meines kleinen Mahles aus Eiern und Milch, in die ich das harte Bauernbrot tunkte. Und endlich die Arbeit, das Aufsuchen von Motiven oder vielmehr das Auswählen, denn dieser kleine Erdenwinkel barg der lieblichen Bilder mehr als genug.

Am vierten Tag meiner Einsamkeit kam Hermann. Ich sah ihm entgegen, wie er den Waldweg einherschritt, ein gar herziger Student jetzt. Das Röckle am Stock, die Mütze im Nacken, seine braunen Augen lachten mir von weitem entgegen.

Gottlob und Dank, ich konnte auch wieder lachen!

Frische Butter hatte die Bäuerin eben im Fäßle. Ich konnte ihn herrlich bewirten.

Daß Amalie von Berg mit Kozlowski als Verlobte bei uns waren, war das erste, was mir Hermann mitteilte.

Dann: »O Nannele, denk' dir, Zarembecki hat mir zum Abschied einen prachtvollen russischen Säbel geschenkt.«

»So ist auch er gegangen?« fragte ich.

»Alle fast«, sagte Hermann. »Es sei gegen ihre Ehre, Freiburgs Gastfreundschaft noch länger in Anspruch zu nehmen. Sie sprachen von Frankreich, wo sie sich eine Existenz zu gründen hoffen. Halb Freiburg gab den scheidenden Helden das Geleite. Männer und Frauen weinten laut. Nur einige besonders unbemittelte Polenjünglinge sind zurückgeblieben. Frau Welcker hat nicht geruht, bis die Stadt versprach, ihnen Brot und Arbeit zu geben.«

Ich fragte, ob Amalie von Berg mit Kozlowski Freiburg verlasse, und freute mich, als mir Hermann mitteilte, daß er als Bibliothekar bei der Universität angestellt werde.

Die Eltern und Geschwister holten mich heim.

»Jetzt bist du wieder mei' alt's Nannele«, sagte Mutter, nahm meinen Arm, und wir schritten hinter den andern drein.

Nun wird sie mich wohl fragen, was mir war, dachte ich voll Angst.

Aber Mutter sagte nur: »Kommsch grad' recht zur große Wäsch'.«

* * * * *

Unendliche Freude gewährte mir ein Brief Petersens. Er tat mir Abbitte. Er sei zu hart und scharf gewesen, ein echter Nordländer, wie wir ihn zu nennen pflegten. Was er tun solle, um auch den letzten Rest meines Grollens gegen ihn zu tilgen.

So und nicht anders konnte er sprechen. Ich wußte es wohl, denn von herrlichen Menschen erwartet man nie zu viel Herrliches.

Tief berührt mich ein Gerede, das über Monz im Umschwang ist. Man wirft ihm vor, der ehemals so laute Freiheitsprediger sei ein Jüstemilieuaner geworden und lasse sich vom König von Württemberg für fürstenknechtige Dienste bezahlen. Ich wollte es nicht glauben und fragte bei ihm brieflich an, was es mit diesem Gerede auf sich habe. Er antwortete mir, daß er allerdings die Stelle eines Bibliothekars in Stuttgart bekleidet. Seine letzte Zeit in Freiburg habe seinen Glauben an wahre Freundschaft und vernünftige Menschen geschwächt. Da er sich gegen die Polen aussprach, seien ihm seine früheren Freunde ausgewichen, als schmälere sein Umgang an ihrer Ehre, sogar ich sei ihm kalt höflich begegnet. Er hoffe, sich in Württemberg ein Heim zu gründen, und schloß mit dem Wunsch, ich möchte ihm meine Freundschaft nicht entziehen.

Mit dem Brief kam der erste Band seiner gesammelten Gedichte. Eines darin ist an mich: »Anna Villinger -- das weibliche Zartgefühl« betitelt.

Ein sehr minderwertiges, kühles Gedicht, während das auf den Tod von Maria von Verleb schön und warm empfunden ist. Er vergleicht sie mit der heiligen Cäcilia. Und wie er sie geliebt, zeigt ein Vers:

»Mein Traum entschwand, gefolgt von stummen Klagen; Schon war dein inn'rer Morgen aufgegangen, Ein andres Bild hielt deines fest gefangen, Da ehrt' ich dich im Freund -- und im Entsagen --«

Und wenn er mein »weibliches Zartgefühl« auch nicht schön besang, so ist es doch wahrlich zu preisen, denn mir ward ahnungsvoll inne, daß eine Vernunftehe von beiden Seiten zu viel der Vernunft für eine Ehe gewesen wäre.

* * * * *

Es wundert mich, ob grausame Tyrannen oder Weltverfinsterer mehr zu verantworten haben?

Es sollen künftig keine öffentlichen Predigten mehr im Seminarium stattfinden, weil die Alumnen als künftige Landpfarrer der aufgeklärten Musterpredigten der Professoren nicht bedürften.

O ihr armen, verkürzten Jünglinge! Wohl mag mancher unter euch Gedankenfülle und Rednertalent besitzen, aber die Kunst, diese Gedanken zu formen, daß sie Eingang finden ins menschliche Herz, die ist euch genommen, da man euch das Vorbild entzogen. Denn wenn irgendwo die Form nötig ist, so ist es in der Rede. Diese Neuerung hat mich auf das bitterste betrübt, denn auch wir sind verkürzt, denen diese Predigten geistvoller Professoren bisher ein wahres Seelenfest waren.

Armes Freiburg, was hast du verschuldet, daß du wie ein zweites Sodom und Gomorra büßen sollst? Ist es ein Verbrechen, daß du eine Anzahl Redlichdenkender, den großen, herrlichen Rotteck, Welcker, Reichlin in dir bergest? Die Volksvertreter, so geehrt und geliebt von uns allen, sind entlassen. Die »Freisinnige Zeitung« ist aufgehoben. Die Aristokraten triumphieren. Die Machthaber verkünden ja nun ihre zehntausend Gebote: Du sollst nicht schreiben, nicht sprechen, nicht singen und so fort. Der Todesengel der Freiheit posaunet es durch die Länder, daß die Volksstimme -- Gottesstimme -- verstumme. Die Stadt verliert das Regiment. Man spricht auch von einem möglichen Verlust des Hofgerichts, der Wegnahme des Bistums. Was soll aus uns werden, beraubt von allem, was uns bisher Anregung und Bereicherung gab. Ja, ich weine auch der Militärmusik nach, deren muntere Klänge mir die Seele erfrischten wie den Körper das kaltklare Wasser.

* * * * *

5. Nov. Die Stille jetzt in Freiburg!

»Mer isch wie e begossener Pudel«, sagte die Hofrätin.

Es will mir jedoch scheinen, daß, wenn sie da ist, Mutter und sie sich trotz aller Zeitereignisse so gut wie gar nicht verändert haben.

Aber es kommt mir vor, als hätten Therese und ich uns verändert. Sie zu ihrem Vorteil, denn sie ist entschieden heiterer, in ihrem Wesen gleichmäßiger seit der Versetzung des zum Hauptmann avancierten K. Dieses sich immer wieder Begegnen reißt die Wunden einer doch hoffnungslosen Liebe stets von neuem auf. So ist es Therese offenbar viel leichter geworden, ferner dem Tanzen zu entsagen, als sie sich's vorgestellt. Davon gesprochen hat sie nicht, eine große Schweigerin, die sie ist, im Gegensatz zu mir, die nur im Aussprechen Labsal findet. Therese sprach sich im Tanzen aus. Ich glaube, im Dahinschweben fühlte sie sich aller Pflichten und Besorgnisse ledig. Sie vergaß sogar eins ihrer Hauptkümmernisse -- wenn Caton lange nicht geschrieben. Denn wenn ich mich auch darob kränken und recht sehr ärgern kann, so verloren und unglücklich sein, wie Therese über das Ausbleiben von Catons Nachrichten ist, das kann ich nicht. Weiß ich doch aus Erfahrung, daß, wenn wir eben auf dem Punkt angekommen sind, Petersens samt und sonders am Rande des Grabes zu vermuten, kommt da nicht plötzlich ein kreuzfideler Brief Catons mit einer köstlichen Beschreibung aller möglichen Feste? So ist eben nun einmal unser Catonele.

Ich habe viele Schüler angenommen für Nachhilfestunden im Deutschen, auch für französische Stunden. Aber ich gebe diese nicht mehr mit dem alten guten Gewissen, seit ich das Französisch der Polen gehört. Wie aber nach Frankreich kommen? Das ist die Frage, die jetzt Tag und Nacht mit mir umgeht. Mein Leben und alles, was ich tu und lasse, kommt mir jetzt so passabel vor -- ich kann es nicht anders ausdrücken. Ich, sonst so vom Zeitgeiz besessen, eile jetzt mit Weile, und wie ein Traum kommt es mir vor, daß ich einst mit edlen, leidenschaftlichen Menschen geglüht und geweint. --

Grotecki, du Rätsel meines Lebens! Von andern kann ich deinen Namen noch nicht aussprechen hören. Aber denken kann ich jetzt an ihn und ihn zu verstehen suchen -- und mich selber auch. Was war das? O Himmel, wenn ich einen Menschen fragen könnte, was das war! Wie es nur möglich ist, wenn man sich anders für ein rechtliches Geschöpf gehalten, plötzlich für einen Augenblick seiner selbst nicht mehr mächtig zu sein. Unwürdig, ja unwürdig war dieser Zustand, einer reinen Seele unwürdig.

Grotecki, du hast mich mit deinem zügellosen Beginnen nicht gewonnen, sondern verloren, du hast mich vor mir selber erniedrigt. Ich schäme mich, so lang ich lebe vor Zarembecki. Ich bete zu Gott, daß er mich ferner bewahre. Es war nichts Gutes. Das habe ich gefühlt in aller Verwirrung.

Arme Prinzessin von Ahlden, kam auch dir eines Tages die Einsicht, erwachtest auch du aus dem Rausche deiner Leidenschaft? Du großer Gott, wenn dir das geschah! Nach deinen Kindern hast du verlangt und durftest sie nicht wieder sehen. Ein Menschenleben lang mußtest du in Einsamkeit büßen für ein Gefühl, das wie eine fremde Gewalt den Menschen überfällt und ihn bezwingt. Habe ich den Arm zurückgestoßen, der mich umfing? --

Arme Prinzessin von Ahlden ... Wär' ich anders gewesen, als du es damals warst! --

* * * * *

Grotecki war ein Mensch, der mit +einem+ Blick alles übersah. Ich lernte durch ihn, was mir fehlt.

Ich habe Mutter gegenüber ein paar Worte fallen lassen von der Notwendigkeit, daß ich mir die richtige Aussprache in Frankreich holen müsse. Sie schlug die Hände zusammen.

»Kind, Nannele, du, in Frankreich allein!«

Ich sagte ihr: »Bedenken Sie +eines+, Mutter, ich darf mit einem guten Französisch ganz andere Ansprüche machen.«

»Willst du wirklich?« fragte sie unter Tränen.

»Muß es nicht sein,« sagte ich, »und ist mein Beruf nicht eine längst ausgemachte Sache?«

»Nannele, wenn du gesund wärst!«

»Ich habe Mut, das ist noch mehr. Und, Mutter, denken Sie, wenn ich's erreichen könnte, daß Sie sich um Theresens und um mein Los nicht mehr zu grämen brauchten.« --

Sie nahm sich zusammen, versuchte zu lächeln und ging.

Aber der Anfang ist gemacht.

Ich schrieb an de Ber in Nancy.

* * * * *

Eine Insel hat sich in Freiburg gebildet, wo alle die, welche einst von Freiheit träumten und um das Los der armen Polen litten, sich wieder finden, einander kennend, vom Vergangenen schweigend, ihre Seelen aber neuen Interessen öffnend.

Es ist im Hause von Amalie von Berg, der Madame Kozlowska. Ich staune die beiden herrlichen Menschen wie höhere Sterbliche an.

Die Frage kommt mir wohl zuweilen: Warum haben die einen alles und die andern nichts? Hätte sie nicht genug an Schönheit und Liebe? Aber auch die Kunst ist ihr Eigentum. Bilder, die ich nicht genug anstaunen kann, zieren die Wände ihres Gemaches, in dem sie, eine vollendete Weltdame, ihre Gäste empfängt und bewirtet. Sehr oft trägt sie das polnische Nationalkostüm und hat sich selbst konterfeit in der pelzverbrämten Tschapka, ein Bild, das alle Herzen in Brand stecken könnte, wenn sie nicht einzig und allein nach der Liebe ihres Kozlowski verlangte. Und er, dieser königliche Mann, hält er in uns nicht das Andenken aufrecht an das ritterliche, dem Schönheitssinn so wohlgefällige Benehmen der edlen Polenjünglinge? Wie hätte doch der Umgang mit diesen eine Bildungsschule werden können für einen großen Teil unserer jungen Männer, die man leider so oft eines ungehobelten Benehmens zeihen muß, wenn auch nicht selten ihr Wissen ein erfreuliches ist. Ich spreche von unserer Jugend, nicht von der älteren Generation mit ihren etwas altväterlichen, so rührend chevaleresken Manieren. Vor allen dem edlen, feingesinnten Rotteck, der mir vorbildlich bleiben wird, so lang ich lebe.