Meine Tante Anna

Part 6

Chapter 63,687 wordsPublic domain

Wir flogen aus den Betten und warfen uns in die Kleider. Therese besorgte eine kleine Erfrischung, Hermann und ich führten den ersehnten Gast in sein mit Blumen geschmücktes Gemach und verließen ihn mit einem feurigen: »Polen hoch!«

Er heißt Zarembecki, ist Oberleutnant bei den Ulanen, hat blaue, geistvolle Augen und einen braunen Schnurrbart. Schön ist der ruhige Ernst seiner Gesichtszüge. Man hat gleich Vertrauen zu ihm.

Die Eltern, Therese und unsere jungen Leute begrüßten ihn erst beim Frühstück, welches durch die Erzählung Zarembeckis weit in den Morgen dauerte. Ganz hingerissen lauschten wir seinen ergreifenden Schilderungen, als die Türe aufflog und die Hofrätin hereindampfte, einen jungen Mann am Arm.

»Da schaut her,« rief sie, »ich hab' auch ein -- Schreiber heißt er und kann Deutsch, un glei zum Kaffee hat er drei Töpfle Eingemachts vertilgt -- aber 's macht nix -- Pole hoch!«

»Hoch Deutschland!« schrie Schreiber -- »und«, setzte er hinzu, »welch ein Bett -- bis zum Plafond -- ein Gebirge von einem Bett.« -- »He,« fiel ihm die Hofrätin ins Wort, »wo soll ich denn die fünf Matratze von meine Nichtene sonst hintu als ins Fremdenbett.« -- »Nur ein Turner vermag's zu ersteigen«, sagte Schreiber, »ich bin gottlob ein guter Turner.« Er öffnete die Türe, nahm vom Gang aus einen Anlauf und sauste mit einem großen Sprung über den Tisch. -- »So geht's«, sagte er. -- Wir lachten wie toll.

»Ich hab' der Allerlustigscht«, schrie die Hofrätin, »e herzige Kerle -- für den gäb' ich alle meine Nichtene her.«

Schreiber küßte ihr die Hand, worauf die Hofrätin erklärte:

»D' Freiburger sind Stoffel -- da beißt kei Maus der Fade ab. Pole hoch!«

Alsdann nannte uns Schreiber Kochana Siostra (liebe Schwester), und wir mußten ihn und Zarembecki Kochany Braciszek (lieber Bruder) nennen.

Noch im Laufe des Tages machten wir aus, daß ich Zarembecki in der deutschen Sprache Unterricht erteile und er mir in der polnischen.

Es kommt mir ganz merkwürdig vor, dieses plötzliche Aufleben nach einer Zeit, die mir so viel der Schmerzen und der Verluste gebracht -- vor allem Marias Tod. Du himmlische Erscheinung in meinem Leben, du Heilige jetzt, wohl lebe ich weiter mit dir und spreche mit dir und teile dir mit, was mein Inneres bewegt, aber wie ich auch nach dir rufe und mich sehne, deine liebe Stimme ertönt mir niemals wieder auf Erden ... -- Dann kam der Abschied von Professor Schmidt. Sein neuer Aufenthalt ist Köln. Er sprach die Worte zu mir: »Soll ich mit dem Gedanken von Ihnen scheiden, daß ein Freigeist Ihr bester Freund ist?«

»Was wollen Sie von mir?« fragte ich.

»Daß Sie mit ihm brechen«, sprach er hart.

Ich schüttelte den Kopf: »So kann ich nicht sein.«

Er sah mich vorwurfsvoll an: »Also Sie brechen lieber mit mir, der ich das Heil Ihrer Seele will?«

Ich sagte: »Ich breche nicht mit Ihnen, und ich breche nicht mit Professor Monz ...«

O dieser letzte Besuch -- dieses so wenig herzliche Scheiden -- Gott allein weiß, wie nah es mir gegangen ist --

Der Freundeskreis wird immer kleiner. Auch die beiden Malchen haben uns verlassen als glückliche, junge Frauen -- um so fester schloß ich mich an Lenchen an.

Sie hat mir durch ihre Teilnahme, ihr heiteres Gemüt über die schwerste Enttäuschung meines Lebens hinweggeholfen. Es handelte sich um meine Gesundheit. Der Arzt meinte, eine Kur in Baden vermöchte mein Übel zu heben.

O diese blütenschwere Hoffnung, dieser Lichtpunkt, der sich vor mir auftat -- daß mir war, als berührten meine Füße nicht den Boden, wenn ich Badens bezaubernde Umgebung durchschritt. --

Es sollte nicht sein. -- Mein Aufenthalt in Baden brachte mir keine Besserung. Was wir so heiß ersehnt, ich und die Meinen, erfüllte sich nicht.

In jener Zeit tiefster Entmutigung und Herzenseinsamkeit las ich Herders »Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit«. Das Buch hat mich außerordentlich gefesselt und erhoben. Es war ein Studium, ich kam nur schrittweise vorwärts und errang nur durch wieder und wieder Lesen das völlige Verständnis. Ich weiß nun und verstehe, warum Professor Schmidt nicht wollte, daß ich dieses Buch lese. Es ist wohl möglich, daß die Darlegung und Auseinandersetzung des physischen Organismus des Menschen nicht jedem Mädchen fromme, ein Wissen, das aber nicht in Anschlag zu bringen ist gegen das damit verbundene Eindringen in das Schöne, Wahre, Göttliche. Wenn er von der reinen Humanität, von der Unsterblichkeit und der engen Verbindung zwischen hier und jenseits spricht, so weiß ich nicht, was man Besseres soll lesen können. Diese so überzeugende Sprache befestigte und kräftigte mich mächtig. So hoch war die Empfindung, die mir dieses Buch mitteilte, daß sich meinem damals so gebeugten Gemüt mehr als je die Gnade Gottes offenbarte.

Maria hat mir die Werke ihres liebsten Dichters Jean Paul zum Andenken hinterlassen, und da ich jetzt etwas mehr freie Zeit habe als früher, so weiß ich mir nichts Schöneres, als mich in die reiche Welt dieses Dichters zu vertiefen.

Nach Anneles Hochzeit, die unsern Haushalt so ziemlich auf den Kopf stellte, sprach Mutter das erlösende Wort aus, daß wir ferner keine jungen Mädchen, sondern nur noch junge Leute aufnehmen wollten. So waren Therese und ich des ewigen Chaperonierens ledig, das so zeitraubend und wenig erquicklich für uns war. Hermann, unserm flotten Studenten, fällt jetzt die Aufgabe zu, sich unsrer jungen Leute anzunehmen.

Unter Stundengeben, Zeichnen, Übersetzen und Hausarbeit gingen meine Tage ohne innern Herzensanteil dahin -- als Polens Schicksal sich wie ein Feuerbrand über unser kleines Freiburg verbreitete.

* * * * *

4. Juni. Als ich heute in eine Gesellschaft kam, in der Polen aufgeführt waren, wurde mir doch ein wenig verlegen zumute, angesichts der Unmenge von Stammblättchen, Ordensbändern und Rosenknospen, die nur so um die Jünglinge flogen, die dafür ihrer Haarlocken und Westenknöpfe beraubt wurden. Ich konnte nicht umhin, mehreren Polen zu Gemüt zu führen, daß nur ihre Tapferkeit und ihr Unglück sie auf diese Stufe der Verehrung stellten.

Aber leider gibt es Mädchen -- oh, wie habe ich mich schon darüber geärgert -- die den Enthusiasmus, den man für große Taten haben darf und soll, durch Unverstand und abgeschmackte Übertreibung herabziehen, ja, lächerlich machen.

»Fürchten Sie nicht,« sagte mir Zarembecki, »daß wir die allzu große Güte der Deutschen anders als ein unverdientes Glück auffaßten. Wir sind ja keine Sieger, wir sind ein armes, geschlagenes, nur noch als Trümmer weiterlebende Volk, der Willkür des russischen Wüterichs und unsrer eigenen Verzweiflung preisgeben.«

Unerforschlicher Gott, wie soll ich an deiner Barmherzigkeit nicht irr werden! Warum sendest du nicht ein furchtbares Gericht, das Ungerechtigkeit und unverdientes Glück, Tugend und unverschuldete Elend ausgleiche. Darf Rußland sein unheilbringendes Machtgebot hier ungestraft geltend machen? Und warum stehen nicht alle Völker gegen diese Übeltäter auf? O Menschheit, wie bist du so flau. --

Dir, vertrautes Tagebuch, darf ich solches sagen, weil du verschwiegener bist als ich selbst. Ach, kaum bin ich imstande, meine Ansichten für mich zu behalten, denn wie tadelt man es hart, wenn ein Frauenzimmer in solchen Dingen eine Ansicht haben will. Ich will es ja auch gar nicht, meine Unkenntnis in politischen Dingen verbietet mir's von selbst. Aber teilnehmen an der Brüder Wohl und Weh, das lasse ich mir nicht verbieten, mag die Welt sagen, was sie will.

* * * * *

10. Juni. Nun hab' ich auch Monz verloren. Ich habe Mutter nichts gesagt von meinem Erlebnis. Ach, ein vorwurfsvoller Blick hätte mich gewiß getroffen, wenn auch kein Vorwurf in Worten. Und die Ruhe, die jetzt in mir ist, wäre vielleicht in Reue und Schmerz verwandelt worden. Und diese Ruhe, ja, ich möchte sagen Heiterkeit, ist sie nicht ein Beweis, daß, was ich tat, das richtige war?

Die Meinen gingen zu einem Nachmittagskaffee, und ich blieb zu Hause, um mich von einer besonders schlechten Nacht zu erholen. Ich zeichnete, da klopfte es an die Türe, und auf mein Herein trat Monz über die Schwelle.

Er nahm Platz mit einem Gesicht, das einen sehr erregten, beinahe wütenden Eindruck machte.

»Ich halte es in diesem polentollen Nest nicht mehr aus,« sagte er, »oder gehören Sie am Ende auch zu den Narren, die Polen in den Himmel heben und am liebsten gleich gegen Rußland marschierten, um sich für das edle Volk hinzuopfern?« --

Er lachte unbändig. In mir kochte es.

»Wie ist es möglich,« preßte ich hervor, »sollten Sie kein Herz für dieses unglückselige Polen haben?«

»Nein, nein, nein,« unterbrach er mich, »ich will es nicht glauben und nicht dulden, daß auch Sie zu der unvernünftigen Horde gehören, die sich durch ihre Polenschwärmerei für alle Zeiten lächerlich macht.«

»Polens gerechte Sache«, fiel ich ihm ungestüm ins Wort, »ist die Sache aller menschlich empfindenden Herzen.«

Er legte wie beschwichtigend die Hand auf meinen Arm: »Ich bin nicht gekommen, um mit Ihnen über Polen zu streiten, darüber können wir uns später auseinandersetzen. Jetzt drängt die Zeit. Ich reise morgen nach Stuttgart. Mein Wirken hier ist zu Ende. Es gibt kein Auskommen mehr zwischen mir und meinen Kollegen.«

Er schwieg, sah mich an, und ich fühlte, ahnte plötzlich, was jetzt kommen würde.

»Bevor ich gehe,« sagte er in leisem Tone, »möchte ich eine ernste Frage an Sie richten.«

Abermaliges Schweigen.

In diesem kurzen Augenblick übersah, überlegte und überdachte ich alles -- der Eltern Aufatmen -- die schwere Last, von der ich sie zu befreien vermochte -- ich selber aber -- da -- ein rettender Gedanke. Du stellst ihn auf die Probe, und wenn er sie besteht -- dann, ja dann --

»Sie sind erregt«, flüsterte er.

Und ich: »Immer nach solch einer Nacht.«

»Hatten Sie eine schlechte Nacht?« fragte er wie abwesend.

»Es ist mein Los, sehr oft schlechte Nächte zu haben durch -- mein Leiden«, sagte ich.

»Sie haben ein Leiden?« fragte er.

»Wußten Sie das nicht?« gab ich ihm zur Antwort. »Ich leide an Asthma -- nach Ausspruch der Ärzte ein unheilbares Leiden.«

»Wirklich unheilbar?«

Ich zögerte einen Augenblick, dann sagte ich: »Ja.«

»So.« -- Er sah vor sich nieder, eine ganze Weile. Mir klopfte das Herz.

»Das tut mir leid«, sagte er aufblickend. »Ich danke Ihnen.«

Wir verabschiedeten uns mit einem Händedruck.

Ich konnte all die Tage Mutter nicht ansehen, ohne sie im stillen um Verzeihung zu bitten, denn hatte ich sie nicht eines großen Glückes beraubt? Aber konnte, durfte ich anders handeln? Und dann, so wie Monz ist, hätte ich nicht in ewiger Unmündigkeit neben ihm her wandeln und mich in allem seinem Urteil, seinen Ansichten fügen müssen? Kann man das ohne große Liebe?

O Nannele, danke Gott, er hat dich behütet!

* * * * *

15. Juni. Samstag wurde »Oberon« gegeben zu Ehren der Polen. Amalie von Berg hatte mich in ihre Loge eingeladen. Wir Mädchen saßen auf den vorderen Plätzen. Hinter Amalie Kozlowski, hinter mir Zarembecki. Der Eintritt der Polen wurde mit einem stürmischen »Vivat Polonia« begrüßt. Amalie hatte sich erhoben, sie schwenkte das Taschentuch, ihr wunderschönes Gesicht leuchtete vor Begeisterung. Sie zitterte, als sie sich niedersetzte. Kozlowski beugte sich zu ihr. Sein edles Gesicht war leichenblaß. Und ich fühlte -- ja, es war eine Gewißheit in mir, hier flammten zwei Herzen zusammen in unaussprechlicher Liebe. Ach, und schon erkannte ich den Widerstand, der ihrer wartete, den mißbilligenden Blick aus ihres Bruders Augen, der in der Loge nebenan saß und seine, sich ganz ihrer Begeisterung hingebende Schwester etlichemal anrief. Aber sie hörte nichts.

Grotecki hatte sich in Welckers Loge erhoben und hielt eine französische Anrede, worin er Deutschlands Freiheitseifer pries und diesen durch die Schilderung seines unglücklichen Vaterlandes noch höher entflammte. Er teilte mit, daß der polnische Feldherr Kosinski jeden Augenblick eintreffen könne, und er darauf brenne, Freiburg den Edelsten der polnischen Helden vorzustellen.

»Oh«, rief er aus, trat ein wenig zurück und wies auf Frau Welcker, die schlicht und bescheiden in der Ecke ihrer Loge saß, »wie soll ich sie nennen, diese Edelste der Frauen, unsre Vorsehung will ich sie nennen -- unsern Kindern wollen wir ihren Namen verkünden, und unsre Kinder sollen ihn weiter segnen von Geschlecht zu Geschlecht -- Madame Emma Welcker. Verwundete Polen liegen in ihrem Haus, die sie pflegt, wie nur eine Mutter pflegen kann. Unbemittelte polnische Studenten finden Unterstützung bei ihr, hilfreiche Güte. Wer hat an verschiedenen Stationen, wo unsere armen Emigranten haltmachen müssen, gastfreie Häuser ausfindig gemacht, die die Flüchtlinge in Empfang nehmen und wieder weiter befördern? Madame Emma Welcker. Und was tat sie für unsere armen verlassenen Kleinen? Eine Lotterie hat sie ins Leben gerufen zugunsten der verwaisten Polenkinder, eine Aufforderung an alle Stände Badens, teil an dieser Lotterie zu nehmen, zu der sie ein kostbares Korallenhalsband als Preis stiftete. O diese unermüdliche, edelste der Frauen -- leitete sie nicht die Emigration verschiedener Kinder und Frauen aus Polen über Breslau und Dresden zu ihren verbannten Vätern und Gatten nach der Schweiz, nach Frankreich? Übervoll ist mein Herz von Dankbarkeit, Ehrfurcht und Liebe für diese hochherrliche Frau. Sie lebe -- hoch lebe Madame Emma Welcker -- Vivat Germania!«

Unsere Musensöhne schrien:

»Vivat Polonia!« -- und stimmten Bundes- und Freiheitslieder an. Wir Frauen sangen mit, weinten und umarmten einander. Mitten in diesem Tumult ertönte der Ruf: Kosinski. --

Er erschien an der Rampe der Welckerschen Loge. Eine unbeschreibliche Begeisterung ging los. Er verneigte sich und grüßte mit der Hand, mit einer Würde, einem Anstand und auch wieder mit einer solchen Trauer, daß alles in Tränen ausbrach.

In diesem Augenblick erhob sich der Vorhang, ein Sänger trat vor und brachte einen von Professor Reichlin für die Polen gedichteten Gesang zum Vortrag.

In der nächsten Pause kam Grotecki in unsre Loge. Kozlowski stellte ihn mir vor:

»Graf Grotecki, Hauptmann bei den Ulanen.« (Auf seinen und Kozlowskis Kopf sind dreitausend Dukaten als Preis gesetzt.) Grotecki kann nicht Deutsch; wir sprachen Französisch. Er ist groß, schlank, von unbeschreiblicher Beweglichkeit, aus seinen Augen sprüht ein Feuer, dem der Blick kaum standzuhalten vermag. Er sprach so, als hätten wir uns schon unzählige Male gesprochen. Er sagte ungefähr: »Schon den ganzen Abend erfreute ich mich an der Leuchtkraft Ihres Wesens.«

Ich dachte an Mutters großen Spitzenkragen, an meine roten Haare.

Als lese er mir die Gedanken ab, lächele er mit einem lebhaften: »Nein, nein, nein, so ist's nicht gemeint, Äußerlichkeiten haben keinen Wert für mich. Es ist der Ausdruck. Ihre Seele spricht aus jedem Zug Ihres Gesichtes -- die liebenswürdigste Seele« --

Meine Verlegenheit war grenzenlos. Ich besann mich auf eine abwehrende Antwort und sagte: »Das Theater ist sehr voll heute abend.«

Er lachte laut auf, erklärte jedoch im nächsten Augenblick, er werde sehr gesetzt sein, mein Blick hätte deutlicher gesprochen als meine Worte.

»Seien Sie mir nicht böse,« fuhr er zu sprechen fort, »wenn ich Sie durchaus vollkommen haben möchte, aber dieser Mund, so fein geformt, darf eine Sprache nicht anders als vollendet sprechen. Ihr Französisch ist grammatikalisch durchaus richtig, aber Ihre Aussprache ist die eines Menschen, der nie in Frankreich war.«

Ich vergaß meine Befangenheit: »Wie recht Sie haben -- ich fühle das -- ich habe manchmal schon an Straßburg gedacht.«

Er schüttelte Kopf und Hände: »Bewahre Sie der Himmel -- Paris, Nancy, nichts anderes.«

Ich mußte lachen.

Die Musik unterbrach unsre Unterhaltung, der Vorhang ging in die Höhe, zugleich fiel mir ein, daß Zarembecki hinter mir saß -- dieser Feinste, dieser Beste von allen, ja, das wußte ich, daß er das war -- und ich hatte ihn ganz vergessen.

Es sind kaum vier Wochen, daß ich »Oberon« zum erstenmal sah. Ich rückte damals mein Stundengeld daran, um Therese und mir diesen Genuß zu ermöglichen, und glaubte wahrlich in meinem Leben nichts Schöneres gesehen und gehört zu haben. Damals hatt' ich halt noch keine Polen gesehen. Jetzt -- immer wieder suchten meine Augen wider meinen Willen den bald in dieser, bald in jener Loge auftauchenden Grotecki im schlichten Flausüberrock, dem dunklen Schnurrbart und dem herrisch gebietenden Blick.

Nachher war zum Vorteil der Polen großer Ball im Kaufhaussaal, wozu alle Freigesinnten eingeladen waren. Mutter ging mit mir nach Haus. Vater nahm natürlich mit Therese und Hermann am Feste teil. Therese tanzte nur mit Polen. Hermann hatte die Weisung, sich auf Stammbuchblättchen, die ich ihm gegeben, die Namen wenigstens der interessantesten Polen aufschreiben zu lassen und von jedem einen Knopf zu erbitten.

Heute vor Tisch rückte eine Studentenschar durchs Schwabentor. Professor Reichlin, der Vater besuchte, ging mit uns auf den Altan, worauf die Studenten Professor Reichlin, als dem Dichter des Polenliedes, ein stürmisches Hoch brachten, das wir mit einem »Polen hoch!« erwiderten. Schnell wurden die Hüte aufgesetzt, und wir zogen hinter der jungen Männerwelt drein, die singend durch die Stadt marschierte, den polnischen Helden entgegen. Auf dem Marktplatz erfolgte das Zusammentreffen. Man hatte den Wagen die Pferde ausgespannt, die Studierenden zogen die polnischen Helden unter dem Zujauchzen der Volksmenge einher, vier Fahnen mit den polnischen Farben voraus.

Rotteck sprach, Welcker, zuletzt Grotecki. Die Begeisterung war unbeschreiblich.

Was ist es nur, was aus ihm sprüht? Überdenke ich mir die Worte, die er spricht, so kann ich nicht umhin, mir zu sagen -- durch sie kann unmöglich dieser Taumel der Begeisterung entstehen, besonders wenn er ein paar unvollkommene deutsche Sätze stammelt. Es ist also die Seele, die uns hinreißt, die große Seele eines großen Unglücklichen.

Die Polen wurden von dem Offizierskorps zu einem Mittagsmahl in die »Stadt Wien« eingeladen. Wir baten Mutter, uns auf einen Kaffee auch dahin zu führen. Professor Reichlin bot sich als Begleiter an. Aber oh weh, alle Stuben waren schon mit Studenten angefüllt, die sangen und stritten und uns viel zu bezecht erschienen, als daß uns ihre Gesellschaft hätte zusagen können. So wollten wir wieder schweren Herzens heimzotteln, als Grotecki unserer ansichtig wurde, herbeieilte und uns, mir nichts, dir nichts, in den Speisesaal führte, wo sich sämtliche Offiziere und Polen uns begrüßend erhoben. Man brachte uns einen kleinen runden Tisch. Mutter bestellte Kaffee. Kaum saßen wir, erschien Amalie von Berg mit Kozlowski und nahm mit einem Lächeln bei uns Platz. Sie ist noch schöner geworden durch die grenzenlose Begeisterung, die ihren dunkelblauen Augen entstrahlt, während ihr feiner Mund, oft merkbar zitternd, die Kämpfe ihres Innern verrät. Um den Mann ihrer Liebe kämpft sie, von dem die Ihren nichts wissen wollen. Warum denn nicht, um Himmels willen, warum sollten diese beiden so wahrhaft schönen Menschen nicht zusammenkommen? Es ist ja nicht wie bei Therese -- Oberleutnant K. hatte sich neben sie gesetzt, und ich mußte mir sagen: Diese müssen sich fügen, die Kraft fehlt ihnen, um über das Herkömmliche Herr zu werden. Aber bei jenen andern, bei Amalie von Berg und Kozlowski, ist Kraft und Leidenschaft genug, um der ganzen Welt entgegenzutreten.

Grotecki sprach. Er ließ die Frauen Badens leben, deren warme Teilnahme Balsam sei für die so schmählich besiegten Polen. »~Ce sont nos funérailles et ce sont vos beaux coeurs qui les embellissent~«, sagte er, sich gegen die anwesenden Frauen verneigend. Mit brechender Stimme schilderte er das erbarmungswürdige Geschick seiner Landsleute -- auch sein eigenes -- der Vater nach Sibirien geschleppt, Mutter und Schwestern in ihren Schlössern verbrannt oder herausgeschleppt -- mißhandelt, niedergetreten. -- Der Ton seiner Stimme war so ergreifend, daß selbst die Offiziere in Tränen schwammen, und sie und die Polen umarmten einander unter dem Rufe: »Polen hoch! Deutschland hoch!«

Wie durch einen Schleier sah ich Amalie von Berg aufstehen und das Lied anstimmen:

»Noch ist Polen nicht verloren.« --

Leidenschaftlich brauste der Gesang durch den Speisesaal. Die Studenten aus den Nebenzimmern eilten herbei und sangen mit. Auf der Straße sammelten sich die Leute, alle erregt, unter Tränen singend, immer von neuem:

»Noch ist Polen nicht verloren.« --

Ach, erst im Umgang mit diesen Helden kann man ganz ihre Größe schätzen, ihr Unglück erfassen.

Beim Gehen war plötzlich Grotecki an meiner Seite.

»Merken Sie nicht,« flüsterte er, »oh, Sie merken nichts -- nur für Sie sprach ich -- nur Ihnen habe ich mein jammervolles Geschick mitgeteilt. -- Was liegt mir an all den andern.« --

Ich nahm Mutters Arm, ich hatte ein Gefühl, als trügen mich die Füße nicht mehr. Ich brachte beim Nachtmahl keinen Bissen hinunter und zog mich gleich auf mein Zimmer zurück.

Mutter kam. Ich dachte: wenn sie mich fragt, was mir sei -- was soll -- was kann ich ihr antworten?

Sie fragte nicht. Sie sagte nur: »Närrle, nimm nicht alles gar so ernst.« --

* * * * *

1. Juli. Wie lebhaft, wie hochinteressant geht es nun des Nachmittags zur Kaffeestunde bei uns zu. Ganz wie selbstverständlich, ohne daß wir sie eingeladen hätten, erschien eines Nachmittags Amalie von Berg und mit ihr Kozlowski. »Dürfen wir?« sagte sie zur Mutter und weiter nichts. Und Mutter schloß sie in die Arme. Nun sind sie immer da und können ungeniert miteinander reden in dem lauten Kreis -- laut durch die Gegenwart der Hofrätin mit ihrem Schreiberle, wie sie den jungen Polen nennt, der nun statt meiner unter den Tisch zu schlüpfen und den Knäuel zu suchen hat.

Meine Aufgabe ist -- ach, sie ist entsetzlich schwer -- Zarembecki nicht merken lassen, wie sehr, sehr es mich zu Grotecki zieht. Gleich als er das erstemal in unser Haus kam, sozusagen auf den ersten Blick, entdeckte er meine kleinen Zeichnungen von Mutter und Caton über der Kommode. Er fragte, von wem sie seien.

»Von mir«, sagte ich.

»Sehen Sie denn nicht,« rief er aus, »mit allem Talent, dem größten Fleiß -- nichts vermögen Sie zu erreichen ohne die Kenntnis des menschlichen Körpers.« -- Er deutete mit der Hand bald hierhin, bald dorthin: »So sitzt kein Arm, -- diese Schulter steht falsch, -- sonst vieles sehr, sehr gut. -- Ich habe eine Schwester --«

Er brach plötzlich ab: »Mein Gott, was wird ihr Schicksal sein?« -- Tränen liefen über seine Wangen. Er ging. Unter der Türe traf mich sein Blick. Welch ein Blick!

Es gab mir einen Ruck -- ich konnte nicht anders -- ich wollte ihm nacheilen.

Da legte Zarembecki plötzlich die Hand auf meinen Arm: »Kochana Siostra haben mich vergessen, habe noch nicht gehabt Kaffee.« --

Ich führte ihn zum Tisch und bediente ihn. Ich konnte gar nicht genug tun, so dankbar war ich Zarembecki, daß er mich von einem unbesonnenen Schritt zurückgehalten. Ich nahm mir vor, auf meiner Hut zu sein, -- mit aller Gewalt, aller Kraft.

Ich betete, betete mit aller Inbrunst, als ich im Bett lag. Einmal schluchzte ich so laut, daß Therese erwachte.

»Hast du geweint?« fragte sie.

»Geträumt«, gab ich zur Antwort.

»Ich auch,« sagte sie, »mir träumte von der weißen Pelerine des Fräuleins von Berg. Etwas abgetragene Kleider kann man mit solch hübschen weißen Pelerinen wieder ganz auffrischen. Hast du gesehen, sie trug am Halse statt einer Krause ein weißseidenes Krawättchen, mit einer Agraffe befestigt. Ich werde Fräulein von Berg um das Muster ihrer Pelerinen bitten. -- Du, Nannele, ich schäme mich ein wenig über die laute Art der Hofrätin. Hast du nicht bemerkt, wie Grotecki lächelte? Ich glaube, daß er mokant ist und es sehr spießig bei uns findet.«

Ich wunderte mich über meine eigene Stimme. als ich antwortete: »Ich glaube es auch.«