Part 5
Ach Gott, sie waren erwachsen und standen vor mir und wollten's ihrerseits nicht glauben, daß ich das Nannele sei, mit dem sie auf der Gasse gespielt. Da lag auch schon Caton am Hals der Großmutter, die weinte und lachte und behauptete, sie habe nie in ihrem Leben ein Weibsbild so lieb gehabt wie's Cattung. Und wohl oder übel mußten wir ein zweites Nachtmahl genießen, dem aber nur Hermann die nötige Ehre antat -- und wandelten dann des Nachts, von den Kamerädle begleitet, unzähligemal hin und zurück, in Kindheitserinnerungen schwelgend, und fanden erst ein Ende, als der Nachtwächter uns antutete: »Die Uhr hat zwölfi g'schlage« -- und hinzusetzte: »Marsch ins Bett, marsch ins Bett!«
Den anderen Morgen begleiteten uns die Kamerädle noch bis ins Münstertal, zu Bergmeisters, wo wir Mittag machten und zu unsrer großen Freude vor dem Haus ein Rößlein vorfanden, auf dem wir uns abwechselnd von der Mühsal des Wanderns ausruhen sollten. Es hatte aber keinen Frauenzimmersattel, was Caton jedoch nicht genierte, gleich saß sie oben und winkte mir, neben ihr Platz zu nehmen. Aber da ich nun einmal ein Hintenach-Gescheiterle bin, kam mir Lotte zuvor und stieg auf. Der Führer meinte: »Seid alleweg noch nit halb so schwer wie der Müller.«
Immer steiler und wilder wurde nun die Landschaft. Wie gern hätte ich diesen oder jenen Punkt gezeichnet, aber es gab kein Aufhalten, wenn ich die Gefährten nicht verlieren wollte.
Nach einer Stunde traten Caton und Lotte Theresen den Klepper ab, so daß diese die mühsamste Strecke reitend zurücklegen durfte. Nach einer Viertelstunde sah ich sie oben am Berg, am Waldrand, sich höchst schön ausnehmen, unserer wartend.
»Nannele, du dauerst mich,« rief sie mir zu, »mai, es ist auch herrlich, das Reiten.«
Aber ich hatte ja mein Catonele zur Seite, wahrlich, das ging mir über den Gaul. Trotz des mühsamen Steigens, wir konnten nicht fertig werden mit Erzählen, und ich hatte wieder jenes beglückende Gefühl seelischer Erleichterung durch Catons sonnige, das Leben so leicht nehmende Natur.
»Ich bin wieder ein Mädele,« sagte sie, »fast vergeß' ich, daß ich zwei Büble hab'« -- und begann laut zu singen, mußte aber schnell aufhören, denn fast senkrecht ging's nun in die Höhe. Die Mittagssonne brannte heiß. Hermann mit seinem Ränzlein keuchte hinter uns her und führte auch noch Lotte am Arm, die laut stöhnte und nach dem Gaul jammerte. Ich schlug vor, ein Weilchen zu rasten, holte aus meiner Reiseapotheke Hoffmännische Tropfen, die Lotte sofort neu belebten. Schön war's, zurückzublicken auf die Gebirgskette und das wildschöne, mit Strohhütten übersäte Tal. Neu gestärkt von der kurzen Ruh, erklommen wir den Rest des Berges. Therese erwartete uns und wollte mir den Klepper abtreten, aber es waren nur noch fünf Minuten bis zum Bildstöckle, und nicht um vieles hätte ich den Triumph hergegeben, als Heldin des Tages hervorzugehen. Hermann, dem man den Gaul antrug, wies ihn höchst beleidigt mit den Worten zurück: »Ich bin doch ein Mann!« Und so stieg Lotte auf, bekam aber Hermanns Ränzle mit auf den Gaul.
Nach ungefähr einer Stunde waren wir am Ziel, das wir laut jubelnd begrüßten. Ein kleines Wirtshaus nahm uns auf, und wir stillten unseren ungeheuren Hunger an gerösteter Suppe, gesottenen Erdäpfeln und einer herrlichen Kratzede. Weiter zogen wir, mutig wie junge Rößlein. Durch dichtes Buchengehölz führte nun der Weg, an einem lustigen Bach vorbei, der sich über unzählige grünbemooste Felsenstücke ergoß. Gelbgrüne Weidberge taten sich vor uns auf, Ziegen und Schafe kletterten und sprangen umher, ein Hirte pfiff auf einer Pfeife. Dies brachte uns auf die Idee zu singen, da die Musik der Menschen Füße hebet, und wir marschierten so im Takt wohl ein Stündlein einher. Aber in Alpenschwand mußte der Lebensdocht wieder etwas geschürt werden. Ich bat die Vogtfrau zu melken, und nie auf der Welt ist eine Milch gieriger hinuntergeschlürft worden. Ein wenig seufzend machten wir uns auf den Weg. Es galt nun wieder zu steigen, und zwar über den Zeller-Blauen, in dessen Wäldern sich ein unheimliches Dämmern entfaltete, so daß wir uns alle bei den Händen nahmen und einen kräftigen Gesang anstimmten, mit verstellten Baßstimmen, von wegen der im Hinterhalt steckenden Räuber. Himmel, und was sahen wir jetzt auf einem nahen Hügel -- brennende Männer waren's, die sich dehnten und sprühten, aneinander- und wieder zusammenkrochen. Wie lebt' ich jetzt wieder in Zell und seinen Märchen -- verkohlende Erdäpfelstauden waren's, die wir von unserer Kinderstube aus erblickten und für böse, strafwürdige Dämonen hielten.
Wir standen auf dem Gipfel des Blauen, die Luna glänzte in voller Glorie, und die herrlichste Landschaft tat sich vor uns auf, wenn auch die Ferne bereits in düstere Nachtschleier gehüllt war.
Plötzlich erblickten wir Zell, das Ziel unserer Wanderschaft, ganz nah, wie in einem Bergschacht vor uns liegen. Ein Freudenschrei entfuhr uns insgesamt; die Füße wußten nichts mehr von Müdigkeit, wir stürmten ins Städtle, das unser aller Geburtsort war.
Aber merkwürdig, unsere Freude verstummte plötzlich. Das Städtchen war wohl hübscher geworden, aber es gefiel uns nicht mehr wie ehedem. Wo unser Haus gestanden, steht nichts mehr. Nur der Steg, der über den Bach zu Monforts führte, heimelte mich noch an. Aber die lieben Verwandten Monfort hatten sich in ihrer Herzlichkeit nicht verändert. Die Bäsle brachten uns behagliche Hausschuhe für unsere müdgelaufenen Füße, und wenn wir auch kreuzlahm waren, so waren wir auch kreuzfidel. Onkel Förster sagte: »Was, 's Caton soll verheiratet sein? Isch's nit noch grad' so übermütig wie 's jüngst' Mädele?«
Und ich erzählte, wie Therese immer mahne: Caton, so gib doch acht auf deine Kinder -- und wie der kleine Rudolf, der vom Stuhl fiel, erst vorwurfsvoll der Mutter zurief: Mama, so gib doch acht auf mich! -- und dann erst losbrüllte.
Wir hatten gleich am andern Morgen weitermarschieren wollen, allein die Verwandten ließen es nicht zu, wir mußten den Pfarrer und Lehrer und alle möglichen Bekannten besuchen, und nach einem ungemein fröhlichen Mahl fuhr uns Onkel Förster mit seinen zwei schönen Rappen nach Wehr. Wie schön ging's nun durchs anmutige heimatliche Wiesental, und so ohne alle Mühseligkeit, unter heiterem Plaudern. Oh, die Welt kann ein Paradies sein -- aber ein paar Rößle gehören freilich dazu.
Als wir am Wehrer Schloß anfuhren, empfingen uns die Domestiken mit der Nachricht, die Herrschaft sei in Säckingen, komme aber vor Abend zurück. Der Verwalter erschien, dienerte höflich und schloß uns den unteren Saal auf, mit der Frage, ob wir übernachteten. »Natürlich«, sagte Caton, die dem Herrn offenbar ganz besonders gefiel, denn er schob ihr extra einen Fauteuil hin, und wir wurden mit Wein, Konfekt und Tee bewirtet. Wir waren gerade mitten beim Schmausen, als Baron Wolfgang erschien und gleich darauf die ganze Familie mit allen Söhnen und der Stiftsdame, und es war eine große Freude für uns, wie der alte Herr von Schönau, dann seine Frau und so eines nach dem andern hereinstürzte mit dem Ausruf: »Wo ist der Villinger, wo ist er denn?« --
Und so viele unser auch waren, sie konnten sich nicht zufriedengeben, und bei Tisch hieß es einmal um das andere: »Ach, daß Ihr Vater nicht mitgekommen ist!«
Herr von Schönau erzählte, wie behaglich und vertraulich der Verkehr mit unsern Eltern gewesen sei, als diese im nahen Zell lebten. Und Frau von Schönau fügte hinzu:
»Eure Mutter hat damals genau so wie Caton ausgesehen, wie sie als junge Amtsmännin in Zell einzog.«
»Therese und Anna gleichen meinem lieben Villinger«, erklärte der Baron. »Kinderle, auf eurer Eltern Wohl!«
Das ging so fort, wir hatten alle rote Köpfe, aber die Stiftsdame trank tapfer mit, und Hermännle gegenüber gab ich manchmal einen kleinen Fußtritt, daß er des Guten nicht zu viel tue. Die Barönle aber vergaßen sich immer wieder und duzten uns wie früher, als wir noch Versteckens mit ihnen im Schloß spielten.
Kaum waren wir aus dem Speisezimmer in den großen Saal getreten, als auch schon die Stiftsdame am Klavier saß und einen gemütlichen Ländler aufspielte. Und siehe, da schwebte auch schon Therese mit Baron Wolfgang durch den mit Kerzen beleuchteten Saal. Baron Otto, der scharmanteste von allen, hatte Caton geholt, Baron Albert Lotte. Ein wenig verlegen stand Hermann unter der Tür, als die Frau Baronin ihn aufforderte, ein Tänzlein mit ihr zu wagen.
»Er macht seinen Schwestern Ehre«, sagte sie, als er sie mit einem etwas ungeschickten Diener auf ihren Platz zurückbrachte.
Herr von Schönau hatte mich zum Tanze führen wollen, allein ich hatte schon die Gitarre vom Nagel genommen und machte mich als Musikantin wichtig. Einen Anfall meines Übels in der Nacht befürchtend, blieb ich auch standhaft gegen das Andrängen der Söhne, die mich immer wieder zum Tanze verführen wollten. Es gefiel mir an meinem Platze neben der Stiftsdame. Ihre paar Tanzweisen, die sie immer wieder von vorne anfing, konnte ich nach zweimaligem Anhören prächtig mit der Gitarre ergänzen, dabei nickte mir die Stiftsdame, die schon uralt sein muß, denn sie war schon alt, als wir noch Kinder waren, immer wieder freundlich zu. Wir plauderten auch zuweilen, denn die Musik ging von selbst. So fragte ich sie nach dem großen Bild an der Wand gegenüber, das eine herrliche, volle Frau darstellte -- mit roten Haaren. Die Stiftsdame sagte mir, es sei eine Kopie nach Rubens, die sie in ihren jungen Jahren im Stift gemalt. Sie setzte hinzu: »Du mit deinen frischen Farben und roten Haaren wärest recht nach dem Geschmack eines Rubens gewesen.«
Nun freute ich mich über die Maßen, daß ein so großer Künstler rote Haare schön fand und ich mich meines Geschmackes nicht zu schämen brauchte.
Bei näherer Betrachtung fand ich jedoch, daß das Bild nur einzelne wohlgelungene Partien aufwies, von recht mediokeren zuweilen unterbrochen. Ich fragte die Stiftsdame, ob sie bei ihrem so ausgesprochenen Talent nicht Lust gehabt hätte, sich bei einem Meister ausbilden zu lassen.
Sie lächelte und meinte dann: »So etwas ist in unserer Position doch nicht möglich.«
Erst nach ein paar Augenblicken wurde mir klar, was sie damit meinte, und ein tiefes Erstaunen erfaßte mich bei diesem neuen Erkennen. Also nicht nur bei den Bürgerlichen, deren Mittel beschränkt sind, ist das arme Talent gefährdet, auch bei den Adligen hat es keine Heimat, und zwar als eine nicht ebenbürtige Dreingabe. Nun denke ich nicht länger: O ihr glücklichen, durch Sparerei so wenig bedrückten Menschen, denen alles erreichbar ist -- ihr habt auch euer Brett, und ein gehöriges. --
Aber ich merkte bald, unter den Tanzenden nahm der Übermut gar mächtig zu. Ein paar Gläser Punsch waren rasch hinuntergestürzt worden, die Gesichter glühten. Hermann tanzte ganz allein um sich selbst herum, mit den Armen Bewegungen machend, als befinde er sich im Freiburger Schwimmbädle. Therese mit Baron Wolfgang schwebte zwar immer noch schön und ruhig dahin, ohne jedes Echauffement, wie das ihre Art war, aber mein Catonle und Lotte mit ihren Tänzern, da ging's ein wenig allzu toll her für eine junge Frau mit Kindern und eine Witwe.
War ihnen alles in Vergessenheit geraten?
Oh, der schlimme Baron Otto. Einmal beim Tanzen hob er Caton hoch in die Höhe. Baron Albert machte es mit Lotte nach, was nicht so gut gelang. Herr von Schönau und seine Frau lachten Tränen. Die steifen alten Fingerle der Stiftsdame hackten immer rasender auf die Tasten ein. Herr des Himmels, lag da nicht Otto vor Caton auf den Knien und rief im höchsten Pathos: »Caton, ich habe dich immer geliebt, liebe auch mich!«
Und sie -- o sie war zum Fressen -- legte das Händlein auf die Brust und flötete mit nicht zu beschreibender Schalkhaftigkeit:
»Ritter, treue Schwesterliebe Widmet dir dies Herz. Fordere keine andere Liebe, Denn es macht mir Schmerz. --
Außerdem hab' ich zwei herzige Büble« -- setzte sie auflachend hinzu.
»Auch noch zwei«, schrie Baron Otto.
Die Musik verstummte, und unter lautem Gelächter brachte uns die ganze Familie, jedes mit einem Leuchter, in unsre Schlafgemächer. Da hatten wir alle schon öfters genächtigt als Kinder mit unseren Eltern, und so fühlten wir uns gleich heimisch, indem sich jedes das Bett aussuchte, in dem es früher schon geschlafen hatte.
Am andern Morgen holten sie uns wieder ab zum Frühstück, und es entstand ein großes Lamento, als wir erklärten, gleich nachher unsre Wanderschaft fortsetzen zu wollen. Es kam uns freilich hart an, aber Vater hatte uns ans Herz gelegt, die Güte unsrer Gastgeber so wenig als möglich in Anspruch zu nehmen. Baron Otto bat sich aus, wenigstens unser Fuhrmann bis Säckingen sein zu dürfen, was wir mit unverstellter Wonne annahmen. Baronin von Schönau sagte beim Abschied zu Therese: »Frage doch deine Mutter, ob sie dich mir nicht überlassen könnte.«
Aber Therese schüttelte entschieden den Kopf: »Mutter braucht mich zu nötig.«
Die Fahrt war herrlich frisch. Wir hatten alle ein wenig Kopfweh vom Punsch. So waren wir nicht ausgelassen wie am Abend zuvor, aber angenehm heiter und gemütlich. Baron Otto sagte beim Abschied zu Caton: »Sagen Sie nur immer gleich jedem, daß Sie zwei Büble haben.« --
Wir kamen kurz vor Tisch in Säckingen, unserm Hauptziel, an. Ach, in unserer lieben Stiftsmühle, unsrer wohl sechsten Heimat auf dieser Erde, denn wo nicht überall haben wir eine Heimat durch herzensgute Menschen? Vaters Bruder, der Stiftsmüller, ist ebenso dick, als Vater schlank ist, und ebenso laut, als dieser leise ist. Mit dröhnender Stimme jammerte er uns während des ganzen Mittagessens von den alten österreichischen Zeiten vor, daß er halt an die dreißig Johr seinem Kaiser, dem Franzele, angehangen und halt den Franzele nit vergessen kann, aber au nit vergesse mag, wennschon der Herr Bruder, der Herr Kreisrat, ein badischer Beamter worde sei; der Kreisrat sei halt kei ordentlicher Säckinger mehr, sondern früh in die arg Welt naus komme, wo's die Leut' mit der Treu nit so ernst nehme. Aber in Säckingen, da halt' man am Alte bis zum letzte Schnapper und drum am Kaiser, am Franzele -- der Großherzog könnt' jo eneweg der Provisor sein, da hätt' er, der Stiftsmüller, nit's geringste dagegen. Aber -- und er legte den Finger an die Nase -- der Kaiser isch der Öberscht.
Die Stiftsmüllerin, die mir wohl ansah, daß ich eine Einwendung machen wollte, gab mir einen kräftigen Tritt unter dem Tisch und flüsterte mir zu, während ihr Mann lautschnaufend den Braten tranchierte: »Loß en rede, loß en rede.«
Und der Stiftsmüller sprach weiter: »Ich sag jo nit, daß es der Großherzog nit nett macht, sei Regierung ischt nit übel, aber wenn's au der Franzele nit halb so nett g'macht hätt', der Franzele isch halt der Franzele, und zu Säckinge isch +ein+ Denke, und wollt ihrs nit glaube, so goht zu dene alte Huzle, die üwrige Stiftsdame, do könne ihr was erlebe an Hüle und Zähneklappere nach de alte österreichische Zite, und drobe im Wald, die Wälder, die glaube 's noch hüt nit, daß sie nimmer zu Österreich g'höre, und sie glaube 's au in fufzig Johr noch nit.«
Und alle saßen wir still und schwiegen, lächelten nur ein wenig, wenn die alte Geschichte aufs Tapet kam, waren aber im Innern dem herzensguten Onkel nicht böse.
Ach, liebe Eltern, wie sind wir doch so glücklich und auch so dankbar für diese so wundervolle Reise. Güte, Wohlwollen, prachtvolle Ausflüge, deliziöse Gerichte, himmlische Betten -- wo aufhören mit all dem Segen! Und was mir so wichtig ist -- auch stille Stunden, die Möglichkeit, alles Erlebte an die Eltern zu berichten, damit sie sich mit uns freuen, und diese Briefe dann noch schnell in mein Tagebuch abzuschreiben. Oder mit Caton am Rhein entlang zu gehen, in vertrauten Gesprächen, dabei das Auge labend an den grünlich dahinziehenden Wogen. Ich schüttete ihr mein Herz aus, und für alles hatte sie ein lachendes Wort und schob, was mir schwierig dünkte, mit der Hand nur so weg, daß ich schließlich über meine eigenen Nöte lachen mußte.
Und ich will nie vergessen, was sie mir sagte: »Du und Therese, ihr seht manchmal Lotte so verwundert an, wenn sie ausgelassen ist. Soll sie ewig um Xaver trauern? Ich bin der Meinung, daß sie wieder heiraten soll.«
»Nach Xaver!« rief ich aus. »Ist das möglich?«
»Bei Lotte ja,« sagte Caton, »bei dir wär's nicht möglich. Aber Lotte braucht einen Halt, eine Pflicht. Unglücklichsein ist keine Lebensaufgabe. Sie soll nicht denken, wir halten sie zurück, sie soll denken, wir freuen uns, wenn sie einen neuen Wirkungskreis findet.«
Ich war ganz erstaunt. Hatte sie nicht recht?
»Wie kurzsichtig war ich!« rief ich aus.
Und Caton nickte: »Aus lauter Bravheit.«
* * * * *
Große Fahrt in Oberamtmann Eichroths Wagen nach Laufenburg, wo gerade Jahrmarkt war und wir Gelegenheit hatten, das bunteste Treiben von Menschen zu beobachten -- Hauensteiner, Schweizer und sonst noch der ländlichen Trachten mehr. Wir hatten aber nur Zeit zu einem Frühstück. Unser Ziel war Waldshut. Dort winkten uns die Freunde der Eltern, Turbans und Holzmanns, schon aus den Fenstern entgegen. Therese, Lotte und Hermann wohnten bei den letzteren, Caton und ich im gastlichen Turbanshaus. Ach, welche Tage verlebten wir hier an Traulichkeit und wieder unnennbarem Entzücken im Beschauen der paradiesischen Aussicht -- vom Rhein, den Dörfern und Bergen und weiterhin, jenseits des Ufers, der eisigen Jungfrau und des majestätischen Rigi.
Des Abends versammelte sich die Waldshuter Jugend bei Turbans; es wurden Gesellschaftsspiele gemacht, deklamiert, gesungen, und ich hatte nicht selten Gelegenheit, zwei Finger gegen Caton zu erheben, wenn die Hofmacherei ein wenig gar zu lebhaft wurde.
Herrn Turbans Güte und Unternehmungsgeist verdanken wir den schönsten, jedenfalls interessantesten Teil unserer Reise. Den herrlichen Rheinfall bei Schaffhausen durften wir sehen, gleichsam die Krone unserer Erlebnisse.
Auf dem Wege dahin beschauten wir die dortige Schmelze, einen tief in die Erde gegrabenen Feuerofen, aus dem eine gräßliche Brunst in allen möglichen Farben hoch und wild aufloderte. Unwillkürlich mußten wir an Schillers »Fridolin« denken.
Auf dem Fußpfade längs des Rheinufers, der uns zum Wasserfall bringen sollte, bildeten sich Brandungen, die von der Gewalt des Sturzes brausend gegen das Ufer schlugen. Noch ein paar Schritte, und der mächtige Rheinfall stürzte von seiner Höhe herab ins wirbelnd aufzischende Wasser. Wir bestiegen einen Kahn und glitten, gefährlich auf und nieder gewiegt, auf dunkelblauer Wogenflut dem tosenden Sturz immer näher -- zaghaft und still, von heiligem Schauer durchbebt. Am jenseitigen Ufer, am waldigen Felsberg, auf dem das Schloß Laufen steht, landeten wir und fielen uns voll Dankbarkeit, einer so großen Gefahr entronnen zu sein, freudig in die Arme. Nur Hermann lachte und verbat sich jeden Kuß. Wir stiegen auf einem mit Geländer versehenen Fußpfade höher und höher, tief hineinschauend in das schäumende Wogenmeer, dessen urgewaltige Stimme jeden Laut ringsumher verschlang.
»Schöneres werden wir nie wieder sehen«, sagte Therese und weinte ein wenig.
Caton rief aus: »Oh, mein Männle, wärst du doch hier!«
Und Hermann erklärte: »Ich mach' einmal meine Hochzeitsreise hierher.«
Herr Turban nahm einen Wagen, und wir fuhren nach Schaffhausen. Die Stadt überstieg meine Erwartung an Größe und Schönheit. Ist sie auch im Vergleich zu Freiburg etwas düster, so geben ihr doch die hohen, meist mit Erkern versehenen Häuser ein großartiges, altehrwürdiges Ansehen.
So waren wir um vieles Erleben reicher geworden, wofür wir Gott nicht genug danken können. Der liebe gütige Herr Turban kutschierte uns nach einem schmerzlichen Abschied von Waldshut nach St. Blasien, über die hohen, dunkelbewaldeten Berge hinweg, an hoch und niedrig gelegenen Dörfern vorbei, schönen Tälern, Landhäusern und Bauernhütten.
In St. Blasien mieteten wir uns im Gasthaus ein. Herr Turban schied nach dem Mahle dankbeladen von uns, und ein anderer Kollege meines Vaters nahm uns in Empfang. Er führte uns zuerst in den herrlichen Tempel der ehemaligen Benediktiner-Abtei, einen unendlich großartigen Bau, so recht in die dunklen Wälder dieses Gebirges passend. Hierauf gingen wir zu dem äußerst galanten Herrn von Eichtal, dem Besitzer der Fabrik, die sich in dem weitläufigen, ein mächtiges Viereck bildenden Klostergebäude heimisch gemacht. Welches Getreibe in den unzähligen, unabsehbaren Sälen. Wie das durchsichtigste Spinnengewebe, einem Spitzenschleier ähnlich, löste sich die schneeige Baumwolle von der schlichtenden Karte und quoll wie Milchrahm in hohe blecherne Trichter. Gar schön sind die breiten Gänge, die gewundenen Treppen mit den kostbaren Eisengittern und die reiche Stuckatur am Plafond und oberhalb der Türen. Bei der Familie Eichtal beim Tee machten wir die Bekanntschaft der St. Blasier Honoratioren, und es entstand ein Gerisse, bei wem wir das Nachtmahl nehmen sollten. Man zog Hälmle, und ich war sehr froh, daß das Los den lieben Kollegen unseres Vaters traf. Wir waren recht müde und sehnten uns nach Ruhe.
Frühmorgens ging's mit dem Einspänner nach Menzenschwand, wo die eigentliche Fußreise wieder begann. Hermann, als Führer, führte uns, um den Weg abzuschneiden, über bahnlose Pfade, über Abdachungen mit Gestrüpp und gefällten Bäumen, so daß wir, darüber hinkletternd, rutschend und glitschend, fortwährend in Gefahr waren, Hals und Bein zu brechen. Hermann selber standen die Härle nach allen Seiten, die Reisemütze war in einen Abgrund gerutscht, denn der arme Kerl hatte bald Therese, bald Lotte vom Boden aufzulesen oder sie an glitschigen Stellen zu stützen und zu führen, wobei es Vorwürfe, daß er sie solchem Ungemach aussetze, nur so hagelte.
Nach fünfstündiger Strapaze machten wir in der Posthalde halt. Atemlos traten wir ins Wirtszimmer, verstaubt, echauffiert, die Hüte im Nacken, Lotte in Tränen vor Erschöpfung, Hermann ein wenig fluchend -- und blieben bestürzt stehen vor einem gedeckten Tisch mit Flaschen voll gelben Weines.
»Für wen ist der Tisch gedeckt?« fragten wir die Wirtin.
Sie lächelte.
»Um Gottes willen, jetzt Freiburger,« rief Therese, »und wie sehen wir alle aus!«
»Ja, Freiburger«, tönte es aus dem offenen Nebenzimmer, und Vater und Mutter traten herfür und schlossen ihre schmutzigen Kindlein samt und sonders unter deren Jubelgeschrei in die Arme. Und fast gar erstickten wir die teuren Eltern mit der Wucht unseres unsagbaren Dankes.
* * * * *
1832. Armes, unbeschreiblich bedauernswürdiges Polen! Wie anders ist es doch, menschliches Elend -- unverschuldetes oder durch hohe Überzeugung sich zugezogenes -- mitanzuschauen, als die treuste Schilderung solchen Unglücks. O wehmutsvolle schöne Zeit einer allgemeinen Begeisterung für große Taten, einer allgemeinen Vergessenheit des eigenen Selbst, eines allgemeinen Wohlwollens und Wohltuns!
Aber nicht nur mitweinen, auch mittun durften wir. Es mangelte den geflüchteten Polen die weiße Wäsche so gänzlich, daß sich Frau Hofrätin Welcker flugs der Sache annahm und einen Mädchenverein bildete. Innerhalb dreier Tage hatten wir sechs Dutzend Hemden, Unterbeinkleider, Taschentücher und Socken zustande gebracht. Die Ausgaben wurden von dem ebenfalls von Frau Welcker gegründeten Freiburger Polenkomitee bestritten.
Um die Beherbergung der edlen Polenjünglinge setzte es wahre Kämpfe ab. Therese und ich hatten den ganzen Tag zu tuscheln, denn wir führten nichts weniger im Schilde, als einen Polen zu beherbergen. Theresens Zimmer wurde dazu ausersehen, ihr Bett kam zu mir herüber. Der schönste Teppich, das beste Bett und frische Vorhänge -- alles war bereit, den hohen Gast aufzunehmen. Und unser kühner Traum wurde zur Wahrheit.
Um elf Uhr in der Nacht klopfte Hermann an unsere Tür und rief:
»Steht auf, ich habe einen Polen!«