Meine Tante Anna

Part 4

Chapter 43,666 wordsPublic domain

Ich bewundere Amalie von Berg. Es ist etwas so prachtvoll Gelassenes an ihr. Andre Mädchen springen sofort auf beim Beginn der Tanzmusik. Sie blieb ruhig sitzen und ließ ihren Tänzer warten. Hochgebildet, eine talentvolle Malerin, spricht sie, sobald sie meiner habhaft wird, sofort von ihrer Kunst, wohl empfindend, wie lebhaft mein Verständnis dafür ist. So ist unsre Unterhaltung immer nur auf diesen einen Punkt gerichtet und sehr ernst. Meine Heiterkeitsmöglichkeit, ich möchte sagen das Beste in mir, wird nicht geweckt, so daß es mir geht wie einem Kind, das traurig ist, weil sein Püpple keine Anerkennung findet. Bei Maria ist das ganz anders. Ich weiß nicht, wie sie's macht, aber sie versteht es, Heiterkeit bis zum Übermut in mir zu erwecken. Jedenfalls sind diese beiden Frauen die Sonntagsfreude meines Herzens, und obwohl sie nicht viel älter sind als ich, macht sie ihre Gewandtheit und Erfahrenheit in weltlichen Dingen meiner Einfältigkeit gewaltig überlegen. Amalie von Bergs Selbständigkeit kommt wohl auch daher, daß sie Waise ist, also früh auf ihr eigenes Urteil angewiesen war. Sie lebt hier bei ihrem Bruder, dem Hofgerichtsadvokaten Berg -- ach, einem Kollegen unseres Xaver. --

Wie schön ist das Los dieser beiden Frauen, die sich so ganz der Kunst, die sie lieben, hingeben dürfen. Ob sie's auch recht beherzigen?

Ich weiß eigentlich nicht, was ich für ein Temperament habe, aber ich glaube ein sanguinisches, ob es auch leicht von außen gestimmt, ja, verstimmt wird. Man darf mich nur wie ein Instrument an einen kalten Ort bringen. Doch bin ich meist froh und betrachte alles von der lachenden Seite und in besonderen Augenblicken sogar von einer geradezu glückseligen. Ich weiß nicht, woher diese Augenblicke kommen, und warum sie kommen. Es ist plötzlich, als erwarte mich bei der nächsten Biegung um die Ecke irgendein großes, unbeschreibliches Glück. Oder wenn ich zur Abendstunde ins Münster trete und so leise als möglich durch die dämmrige Säulenhalle schreite und die Stille so groß ist und nur ein paar alte Mütterle da und dort beten -- da kommt es auch, daß mir das Herz erzittert, als müsse mir plötzlich eine große, mich unbeschreiblich glücklich machende Gewißheit werden. Und doch weiß ich nicht, was es ist, und die dunklen, tief im Schatten liegenden Ecken bleiben dunkel, und das in Licht getauchte Wunderbare tritt nicht hervor. Ob's allen Menschen so ist? Und doch mag ich nicht davon sprechen, aus Angst, es könnte Unsinn sein.

Schon habe ich meine drei liebsten Kamerädle dazu verführt, an schönen Tagen morgens um sechs mit mir in die Berge zu wandern. Am schönsten aber ist's mit Lenchen allein. Es ist ein Genuß, wieviel Sinn sie hat für die Natur. Jedes Landhäuschen, jede Naturgruppe, jedes niedliche Gräschen im Moose begrüßt sie mit ihrem hellen Stimmchen. Sie hat ihre Arbeit im Ridikül, ich mein Skizzenbuch. Es fällt uns aber durchaus nicht ein, den gewöhnlichen nächsten Weg auf den Schloßberg zu gehen, der wäre uns schon zu gemein: sondern viel weiter hinten, gegen den Johannisberg, wo er viel höher und die Aussicht noch weiter und mannigfaltiger ist und man sich mühvoll durchs Gestrüpp hinaufarbeiten muß, erklimmen wir alle Gipfel, atmen alle Wohlgerüche ein und jubeln, was wir können, allein, weil die Freiburger vor den Kopf geschlagen sind und nichts von Morgenspaziergängen wissen wollen, überhaupt nichts von täglichen Spaziergängen, sondern nur von zeitweiligen Ausflügen mit Einkehren. Und darum heißt's bei den Frau Basen: 's Villinger Nannele macht alleweil alles anders als d'andere Leut' -- kei Mensch kann d'Kreisrätin begreife, daß sie im Nannele au so wenig wehre tut. --

Gottlob, unsre Mutter wird oft nicht begriffen, und zwar zu unserm Glück und ihrem Ruhm.

Auch Caton und Petersen habe ich aufgestiftet, ihrer bescheidenen nordischen Natur die Ehre anzutun, sie zu durchwandern. Die neue Ansiedlung unsrer Lieben, das hannoveranische Städtchen Celle, liegt dicht an der Heide. Die liebende, nirgends reizlose Natur schmückt gewiß auch diese, so daß man sich auch fern von allen Bergen höher und freier fühlen kann.

Unendlich interessiert mich die Beschreibung Catons von dem nicht weit von Celle liegenden Schloß Ahlden, und tief ergreift mich das Schicksal der armen Prinzessin von Ahlden, der unglücklichen Sophia Dorothea, der Gemahlin des grausamen, kaltherzigen Kurfürsten von Hannover. Wenn ich auch eine so große Leidenschaft nicht recht begreife; denn wenn die Prinzessin ihren Mann auch nicht liebte, hatte sie nicht Kinder? Trotzdem geht mir ihr Schicksal so nahe, daß ich nicht ohne Tränen an sie denken kann. Ob es wohl in Celle noch Menschen gibt, die von Hörensagen noch manches von der armen Gefangenen zu erzählen wüßten? Oh, ich hätte keine Ruhe, ich müßte es erforschen. Wenn es uns Menschen doch gegeben wäre, uns leicht von einem Ort zum andern zu bewegen.

Weißt du noch, Caton, wie wir noch klein und dumm waren, so hätten wir, du und ich, aber jedes für sich, so gern etwas erfunden, aber wie wir auch sannen und uns anstrengten, es war schon alles da, denn etwas noch nicht Existierendes kam uns nicht in den Sinn. Aber, oh Himmel, in der Nacht, im Traum kam mir's -- das Herrlichste von allem, was bisher der Menschengeist je erfunden hatte -- ich bin zu dir ins Bett geschlüpft und hab' dir's ins Ohr gesagt: Menschenflügel --

»Aber wer soll sie denn machen?« hast du noch halb im Schlaf gesagt. »Ich kann's nicht.«

Ich auch nicht, aber wie dauert mich oft der arme zottlige Körper, wenn er daheim bleiben muß, während der freie Geist auf seinen Riesenschwingen unendliche Fernen kühn durchfliegt, ja, vorwitzig sich gar bis vor die Himmelstore wagt. Aber allzulange würde ich mich dort keineswegs aufhalten, indem mir ja die liebe Erde noch gar so viel des Sehenswerten bietet.

* * * * *

14. 5. Am liebsten gehen wir des Nachmittags auf unser eingebildetes Landgütchen, wie wir den sogenannten Stahl tauften. Eigentlich ist's ein Stall und davor eine große, uralte Laube, in der wir residieren. Wir bringen Löffel, Gläser und Weckle mit, die Bäuerin versorgt uns mit frischgemolkener Milch. Wir Frauenswesen nehmen unsre Handarbeiten vor, und der Vater liest uns herrliche Aufsätze von Rotteck und Welcker aus der »Freisinnigen«. Wir erfahren, wie man in der Residenz in der Kammer den Reden dieser Männer lauscht, und sind stolz auf sie und freuen uns ihrer.

Oft auch stehle ich mich weg und ersteige den hinter dem Stahl liegenden Berg, in dessen Gewirr von Brombeerstauden und Farnkraut ich einen Pfad gefunden, der zur Karthause führt. Die frommen Brüder haben doch recht verstanden, immer das schönste Erdenplätzle für ihre Klöster ausfindig zu machen. Sie waren eben zu jener Zeit offenbar gescheiter als die andern Leut'.

Jetzt ist die Karthaus ein herrschaftlicher Besitz. Hinter dem zur Bergeshöhe führenden Garten hat man einen herrlichen Ausblick ins Tal, über Ebnet weg mit dem Gaylingschen Schlößle, hinüber nach Littenweiler und von da ins blaue Gebirg', das sich prächtig aufbaut hinan zum Himmel. Von dem Höchsten des Landes, dem kaum zu besteigenden Feldberg, sieht man nur mehr die Spitze. Ach, ihm gilt meine Sehnsucht, das heißt, sie gilt dem verklärten Bruder, der als Student mit jungen Freunden sich erkühnte, den unwegbaren Berg zu ersteigen. Ein paar Tage waren sie unterwegs, die Eltern schon in Angst um unsres Xaver Leben, da plötzlich erschien er mit rotverbranntem Gesicht, laut und froh trat er ein, begeistert von seinem Erlebnis, das er uns mit der ganzen Lebendigkeit seines Wesens schilderte. Stunden hatten sie gebraucht, vom frühen Tag bis zum Sonnenuntergang, bis sie durch tiefe Waldungen führende Holzwege Schritt für Schritt vorwärts kamen. Oft hörten diese Wege auf, und sie mußten sich durch dichtes Gestrüpp arbeiten, steilen Abhängen entlang, aus denen wilde Wasser rauschten. Zuweilen standen die hohen schwarzen Tannen so dicht, daß sie wie in Nacht gingen. In den Lichtungen tauchte Wild auf, ganze Familien, und über den Wäldern kreisten Raubvögel. Endlich schien der Weg ebener zu werden. Sie schrien vor Freude laut auf, als sie den Rauch eines Kohlenmeilers gewahrten. Erhitzt und todmüde kamen sie vor einer Holzhütte an. Auf ihr Rufen erschien ein Mann mit geschwärztem Gesicht. Er konnte sich nicht genug wundern, daß Städter, die's doch nicht nötig hatten, auf den »wüschte Berg« klettern mochten. Mordsfrisch sei's gewesen. Die jungen Leute machten sich ein Feuer und holten ihren Proviant hervor. Der Kohlenbrenner brachte ein schwarzes Stück Speck herbei. Mit Wein und Brot waren die Studenten genugsam versorgt. Der Mann, der, wie er sagte, lang keinen so guten Tag gehabt, wies ihnen den Weg zur nächsten Viehhütte. Dort erhielten sie ein Nachtlager im Heu, schliefen prächtig, tranken in der Frühe frische Milch und setzten ihren Weg fort, von einem Kohlenmeiler zum anderen, von Viehhütte zu Viehhütte, überall nach ihrem Ziel, der Spitze des Feldberges, fragend. Die dichten Tannenwälder machten allmählich weiten Flächen Platz, mit hochstengligem Lattich, dessen gelbe und lila Blüten weithin leuchteten. Dann wurde der Boden karg. Herden weideten mit Glocken um den Hals. Die Hirten, ungewaschene, borstige Gesellen, sahen wie die Räuber aus. Auf die Frage nach der Spitze des Berges deuteten sie zum rötlichen Abendhimmel. Erst ging's noch durch eine Mulde -- es kam eine zweite, dritte -- dann aber -- ein Rausch des Entzückens erfaßte die jungen Leute, als sie auf der Spitze des Berges ankamen. Die weißen Zacken, die sich längs des Firmaments hinzogen, hielten sie zuerst für Wolkengebilde. Plötzlich aber erkannten sie an der Unveränderlichkeit und dem harten Glanze dieser Gebilde, daß sie es nicht mit Wolken zu tun hatten, sondern es war die Alpenkette der jenseitigen Schweiz, die sich in wunderbarer Klarheit vor ihnen enthüllte.

Da brachen sie, überwältigt von dem Anblick einer so herrlichen, nie geahnten Natur, in Tränen aus, knieten nieder und huben an zu singen. Hätten wohl auch so bis in die Nacht hinein gesungen, aber es kam ein Hirte, der ihnen sagte: »Mache, daß ihr heimkumme, ihr Herre, wenn d' Alpe am Himmel stohn, isch der Rege nit wit.« --

Damals bat ich den Bruder: »Gelt, Xaver, nimm mich das nächstemal mit?«

Und er versprach's: »Ja, ja, Nannele, das nächstemal nehm' ich dich mit.«

Und jetzt ist mir der Feldberg, dessen Spitze so stolz alle anderen Berge unseres Landes überragt, nicht weniger fern als der teure, noch höher wohnende Bruder.

* * * * *

27. 7. Ich habe gestern meinen Namenstag gefeiert. Mein erstes Beginnen war, in das Münster zu gehen und meinem Schöpfer zu danken für alle Wohltat, die er mir, seit ich lebe, in seiner Gnade zukommen ließ. In einer solch einsamen Stunde, in der der Mensch nur Gott und sich selber angehört, in der man zurückschaut auf das verflossene Jahr und wohl auf seine ganze Lebensbahn -- in einer solchen Stunde feiert das Gemüt seinen stillen Festtag. Wie vieles hat sich zugetragen in den letzten Jahren -- Xaver nicht mehr auf Erden, die geliebte Schwester im fernen Norden -- Vaters Krankheit -- Mutter, die durch Nachtwachen um alle Kraft gekommen war -- ach, nach so einem Puff des Schicksals, wie froh ist man, wenn er überstanden ist, wie dankbar, wenn nicht der Püffe noch mehrere folgen. Leider ist für mich ein kleines Püffle zum Namenstag nicht ausgeblieben -- von Caton keinen Brief! Ich weiß ja, das liebe Schwesterle ist ein wenig saumselig, und doch kränkt's. Außerdem ist mir bang, Caton und Petersen vielleicht durch eine Ungeschicklichkeit verletzt zu haben, indem ich ihnen in meinem letzten Brief den Vorschlag machte, sie möchten mir in diesem Jahr nichts schicken, im nächsten auch nicht, im dritten Jahr aber was Rechtes, z. B. ein Jean Paulsches Werk, wie »Hesperus« oder »Quintus Fixlein«. Oder ein Herdersches: den »Cid« oder Schulzes »Zauberrose« oder Ehrenbergs »Würde der Frauen«.

O wie fürchte ich nun, diese meine Ansprüche könnten zu groß gewesen sein, und meine Unbescheidenheit möchte Verdruß erregt haben.

Die schöne Feier meines Festes half mir über diese Stimmung Herr werden, schon der Anblick des herrlich geschmückten Frühstücktisches, in dessen Mitte eine ungeheure Brezel thronte. Die Kamerädle Lenchen und die Malchens nahmen am Frühstück teil, nachdem de Ber mit der Gitarre erschien und mir zum Geburtstag die Gnadenarie in deutscher Sprache vorsang. Da er aber immer statt Gnade -- Dade aussprach und dabei die Augen zum Himmel hob wie ein Verzweifelter, wollte das böse Mädchenvolk vor Lachen fast gar bersten.

Als besonderes Benefiz durfte ich den Morgen mit Lesen und Stricken zubringen und meine Gratulanten und deren Geschenke in Empfang nehmen. Ach, und es wurde mir mehr zuteil, als ich je zu hoffen gewagt. Herr von Verleb überreichte mir im Namen seiner Frau nicht mehr und nicht weniger als -- Schillers Werke! Ich nahm sie in Tränen ausbrechend in meine Arme und wäre am liebsten damit durch alle Zimmer gelaufen, in die Küche, zur Mutter. Aber es waren der Bändlein so viele, daß etliche davon auf den Boden kollerten, und wir zu tun hatten, bis alle glücklich auf meinem Namenstisch aufgestellt waren. Herr von Verleb lud mich ein, nächsten Sonntag mit ihm ins Suggenbad zu fahren, wo Maria schon drei Wochen zur Kur weilt, und die Aussicht, sie wiederzusehen, war vielleicht noch das Kostbarste meiner Geschenke.

Professor Schmidt beschenkte mich mit Klopstocks »Messiade«, Professor Monz mit Herders »Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit«, und es berührte mich sehr eigen, Monz über Schmidts Geschenk ein wenig wegwerfend lächeln zu sehen, während dieser beim Weggehen mir leise, aber mit eindringlichen Worten riet, das Herdersche Buch nicht zu lesen, es eigne sich nicht für ein junges Mädchen. Er wollte ein Versprechen, allein ich schwankte und erbat mir Zeit zum Überlegen.

Es ist nicht anders zu verstehen, als daß mich Monz weiterbilden, Schmidt aber zurückhalten möchte in jener Unschuld des Nichtswissens, von der er neulich auf der Kanzel sprach, immer wieder darauf zurückkommend: Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, an seiner Seele aber Schaden leidet. Und ist es nicht wie eine Schickung Gottes, daß nicht er, sondern Monz es ist, der meiner so regen Wißbegierde Vorschub leistet? Den Herder habe ich einstweilen ganz zu unterst im Weißzeugschrank vergraben.

Bei Tisch hielt de Ber eine deutsche Rede auf das Namensfest seiner Lehrerin, die alle Ursache hatte, auf ihren Schüler stolz zu sein. Mein bescheidenes Annele hatte mir eine in französischer Sprache verfaßte Gratulation unter den Teller gelegt -- halt so so -- und Lorchen, die bei ihren künftigen Schwiegereltern in der Residenz ist, schickte mir eine Schokoladentorte und ein Brieflein, in dem sie aber das Gratulieren vergaß, vor lauter Glück über ihr eigenes Glück, das in einem Leutnant besteht, der sie nächstens zum Altar führen wird.

Den Nachmittag und Abend bis neun Uhr brachte ich im Kreise der Meinen und der Freunde im neuen Tivoli in Herdern zu, wo zu Ehren sämtlicher Freiburger Annen eine glanzvolle Beleuchtung stattfand.

* * * * *

4. 8. Heute mit Professor von Verleb ins Suggenbad gefahren. Ich fand ihn unterwegs sehr ernst, fast gedrückt, was mich nicht wenig ängstigte, indem ich Marias Befinden damit in Verbindung brachte. Ich erlebte jedoch die angenehmste Enttäuschung. Nie habe ich Maria so rosig und heiter gesehen, ja, ihre Augen hatten geradezu einen überirdischen Glanz. Sie hat sich's gar herzig und behaglich im Suggenbädle eingerichtet und hat nur eine Klage -- daß die Wirtsleute gar zu sehr der Meinung seien, ihr immerfort Gesellschaft leisten zu müssen, kaum habe sie sich's bequem gemacht an ihrem lauschigen Waldplätzle. Einmal, sie sei ganz vertieft in Tiedges »Urania« gewesen, als bei der schönsten Stelle:

Die ganze Menschheit strahlt in einem Meisterwerke Der Lebenskunst, die nach Vollendung strebt --

»Was meinener zure brotene Dube mit Knöpfli, Frau Professor?« mitten in die Poesie hinein die Stimme der Wirtin ertönte.

Wir lachten, lachten den ganzen Tag, daß es eine Lust war.

Maria schrieb mir auch auf das Albumblatt, das ich zu diesem Zwecke mitgenommen hatte, die Stelle aus der »Urania«:

Ein heiliges Gemüt ist Licht im dunklen Hain: Wo Engel sind, ist Gott. --

* * * * *

10. 8. Wir putzen und waschen und klopfen und bügeln. Frische Vorhänge werden aufgemacht, Mutter näht neue Houssen, Therese und ich schneidern herzige Kinderkleidle, und Vater geht besorgt umher, überzeugt, daß Caton nie zur Postzeit fertig sein wird und deshalb möglicherweise überhaupt nicht ankommen könne. Ich sage: »Haben Sie vergessen, Papale, daß Caton das Talent hat, immer eine Hilfe zu finden, wenn sie eine braucht?«

Therese, Hermann und ich hatten ausgemacht, Caton bis Emmendingen mit der Post entgegenzufahren. Vater legte ein Veto ein. Er wünscht, daß wir ihr alle miteinander bis Zähringen entgegengehen. Mutter solle dann Catons Platz in der Post einnehmen, und die Schwester mit uns zu Fuß zurückkehren.

* * * * *

24. 9. Das Projekt unserer Oberländer Fußreise, so lang schon entworfen und nie zur Wirklichkeit geworden, tauchte plötzlich wie aus heiterem Himmel von neuem in unsern sehnsüchtigen Herzen auf, und Caton war's, die mit Bitten nicht nachließ, bis Mutter erklärte: »Ja ja, Papale, lassen wir sie ziehen.«

Und so gingen wir wirklich in Reisekleidern und den Sonntagsschlapphüten, mit einem vollgestopften Ridikül und unserm Beschützer Hermann, der unsere Wäsche im Ränzlein trug, zum Tor hinaus, am 18. September, dem glänzendsten Herbsttag der Welt.

Vater begleitete uns eine Strecke Wegs, uns Lehren, Klugheitsregeln und Empfehlungen mit in die Fremde gebend. Alsdann, kaum hatten wir unsere Wanderschaft angetreten, saß Caton, die sich unter heißen Tränen von ihren Büblein verabschiedet hatte, schon hoch droben auf einem Leiterwagen, so daß Hermann, vom Ränzlein beschwert, neidisch ausrief: »Die klettert ja wie ein Bub!« Ich brachte es nur bis auf die hintere Deichsel des Wagens, war aber auch damit zufrieden und bedauerte Therese und Schwägerin Lotte, die den sonnigen Weg zu Fuß zurücklegen mußten.

Lotte sieht mit ihren vierundzwanzig Jahren wieder so jung und hübsch aus wie zur Zeit, da sie Xavers Braut war. Sie trägt wieder helle Kleider, und ich sah's ihren Augen wohl an, daß sie lieber zu Caton auf den Wagen geklettert wäre, als ernsthaft mit Therese einher zu wandeln.

Um halb zwölf kamen wir in Kirchhofen an, wo wir im Pfarrhause von Herrn Dekan auf das herzlichste empfangen und prächtig bewirtet wurden. Wir dankten und machten uns gestärkt auf den Weg nach unsrer nächsten Station, dem lieben Staufen. Wie zwei Kinder ergaben sich Lotte und Caton der Passion des Kleeblättersuchens, bei jedem Glücksfund laut aufschreiend und das liebliche Tal weithin mit ihrem Gelächter erfüllend.

Hermann machte sich an den Obstbäumen zu schaffen, und ich blieb erst recht zurück, indem ich versuchte, den sich immer mehr nähernden Schloßberg von dieser Seite in meinem Skizzenbuch festzuhalten. Theresens Mahnen wurde jedoch immer dringender, denn schon verkündete ein frischerer Luftzug den nahen Abend, und nur das Städtchen, dem wir zustrebten, lag noch im Glanze der untergehenden Sonne. Oh, wie kam uns da mit dem Anblick der befreundeten Wiesen, Berge und Hügel mit einem Male die erste freudige Erinnerung an unsere Kinderzeit!

Wir stürmten auf den Marktplatz mit dem alten Marktbrunnen und dem stattlichen, mit einem Dachreiter gekrönten Rathaus. Aber weiter, weiter, die Gasse hinunter, an der sich langziehenden Mauer vorbei -- und wir standen vor dem lieben Haus mit dem efeuumsponnenen Turm -- und gegenüber an der Gartenmauer der liebe kleine Brunnen. -- Hermann lief gleich darauf zu, um zu trinken, Caton schwang den Hebel. -- »Wißt ihr noch,« rief sie, »wie oft wir geschmält worden sind, wenn wir's zu arg mit unserer Puppenwäscherei trieben?«

Dann ging's die Turmtreppe hinauf -- oh, ein Gezwitscher, Gelächter, ein Getrippel unbeschreiblich ungeduldiger Füße. Der Herr Oberamtmann erschien mit dem Zereviskäpple:

»Was ist denn los?«

»'s Villingers«, schrien wir aus einem Mund, »'s Villingers!«

»Potztausend,« rief er aus, »Frau, Frau, so komm au, 's Villingers!«

Oh, wie liebreich wurden wir empfangen, und unbeschreiblich war das Erstaunen über das nun erwachsene Volk, das einstmals als unmündiges Kindervölklein von hinnen gezogen war. Während die Schwestern mithalfen, die Betten aufschlagen, ging ich mit Hermann zu unserm ehemaligen Lehrer Kiesel, der ganz außer sich vor Freude war und behauptete, er habe meine Stimme schon im Dunkeln auf der Treppe erkannt. Er wollte gleich wieder fort in die Reben rennen und mir Trauben holen. Als Hermann ihn um ein Nachtlager bat, weinte er fast vor Freude und rief seine Frau, die mit schon mehligen Händen herbeikam, weil sie gleich Kuchen für uns backen wollte. -- »Aber einen recht großen!« schrie Hermann mit nachgemachter Kinderstimme.

»Oh, Hermännle,« rief sie, »du sollsch in zehn Täg nit damit zu End komme!«

Der Herr Lehrer führte mich in sein Arbeitszimmer, wo eine Menge der unvergleichlichsten Kupferstiche fast bis zur Unordnung das kleine Zimmer dekorieren. Wie oft ergötzte ich mich als Kind an ihrer Schönheit, aber wie ganz anders bewunderte ich jetzt diese so fein ausgeführten Kunstwerke. Hermann mahnte und mahnte, ich konnte mich nicht trennen. Und der Lehrer sagte lächelnd: »Ich hab' dich allemal nausschmeiße müsse, ehnder bisch nit gange, und ich hab' damals gedacht, du wirst gewiß noch eine Malerin.«

»Ach, lieber Herr Lehrer,« sagte ich mit einem Seufzer, »nur zu einer Lehrerin langt's.«

Worauf er mich ansah und sagte: »Es ist ein heiliger Beruf, Nannele.«

Als wir auf die Straße traten, standen eine Menge Leute da und erdrückten uns fast vor Freude. Wir waren ganz berauscht von all der Menschengüte, die uns zuteil wurde, als wir am wohlversorgten Oberamtmannstisch saßen. Jetzt handelte es sich noch um Kriechbaums, unsere ehemaligen Schulkamerädle Lenele und Karolinele. Hin und her rieten wir, wie sie überraschen.

Caton schlug vor: »Wir wollen ihnen ein Mondscheinständle bringen.«

»Und tun, als seien wir eine Scheuernpurzlerbande«, rief Lotte.

Oh, die beiden, wie die jüngsten Mädele staffierten sie sich heraus. Ich nahm die Gitarre, Hermann einen Blechkessel mit Kochlöffel. Und wir sangen das alte Lied, das wir früher so oft gesungen:

»Kommt die Nacht mit ihren Schatten, Schleich ich still zur Laube hin, Setz mich traulich in den Mondschein, In die Laube von Jasmin.

Doch allein so da zu sitzen, Wird die Zeit mir gar so lang, Um mein Liebchen herzulocken, Laß ich schallen meinen Sang: La la, La la, La la, La la --«

Also sangen wir unter Kriechbaums Haus, und unsere gravitätische Therese nahm ihr Schaltuch und improvisierte einen wunderschönen Mondscheintanz, der feenhaft wirkte. Oben standen sie am Fenster und lachten und fragten, und 's halb' Städtle lief zusammen. Da ging Hermann mit dem Hut in der Hand herum und sammelte Kreuzer, bekam aber nur einen -- und ging dann ins Haus und wir hinterher. Herr Kriechbaum, der gleich zu merken schien, daß es sich nicht um Scheuernpurzler handelte, öffnete weit die Tür des freundlich beleuchteten Zimmers, und da ich nur große Leute gewahrte, rief ich in ungeduldiger Freude: »Lenele, Karolinele, wo seid ihr denn?«