Meine Tante Anna

Part 3

Chapter 33,678 wordsPublic domain

Leider habe ich an unsern Hauskindern Lorchen und Annele wenig Freude, trotzdem Lorchen partout Französisch parlieren lernen will. Der Traum ihres Lebens ist ein Offizier, und darum muß sie notwendig eine gebildete Frau werden. Daß man zum Lernen aufpassen muß, ist ihr jedoch nicht klarzumachen. Ich bekomme für die Stunde 12 Kreuzer, auch vom kleinen Mändelin. Von de Ber 24 Kreuzer. Ich kann somit so ziemlich meine Toilette und die kleinen Geschenke für Geschwister und Kamarädle bestreiten. Freilich, wenn Hermann mit seinem bescheidenen Taschengeld nicht auskommt, was meistens geschieht, muß ich ein wenig aushelfen, und dann reicht mein Verdienst nicht aus, besonders wenn es sich wie jetzt um einen Wintermantel handelt. Mein alter grüner Mantel wurde schwarz gefärbt und zu einem Kleid verarbeitet, in dem ich wie eine Äbtissin aussehen soll. An der Messe bekam ich dann einen hübschen bronzefarbenen Circasien, und ich habe in die Ecken des obern und untern Kragens von derselben Farbenplattseide einen Arabeskenschnirkel gestickt. Auch die Hutsorge wäre erledigt; ich sollte einen neuen haben, wollte aber Mutters Beutel nicht zu sehr strapazieren und für diesen Winter noch Verzicht leisten. Nun gab's einen edlen Wettstreit. Mutter wollte mir durchaus ihren schönen neuen Hut aufdringen, aber ich blieb standhaft und hatte gleich darauf Gelegenheit, dem immer gütig gegen mich verfahrenden Geschick dankbar zu sein. Schwägerin Lotte schickte Theresen aus Karlsruhe einen Hut zum Geburtstag. Sehr schön, aber meinem Farbensinn nicht entsprechend, denn dies ist mein eigensinnigster Sinn, der Therese und mir schon manch widerwärtig Stündlein verursachte. So wieder jetzt, als ich das Vermächtnis ihres eigenen, noch schönen Hutes antrat, der dunkelgrün ist, und von dem ich das braune Band weg haben wollte, was Therese gar nicht begriff. Aber ich kann steifbetteln, wie sie sagt, und so gab sie nach, und es ging ein sehr erfreuliches Exemplar aus ihren geschickten Händen hervor.

Wie immer im Herbst habe ich eben wieder mit ganz besonders schlechten Nächten zu tun. Ach, dieses Übel, so gefahrlos es auch sein mag, ist doch so beängstigend, daß ich lieber Schmerzen ertragen wollte als diese furchtbare Beklemmung, diese Hemmung des Atmens. Ich kann darauf zählen, daß, wenn ich den Abend in einem lustlosen heißen Raum zugebracht, ich das immer ganz besonders büßen muß. Darum aber lasse ich meinen Theaterplatz doch nicht im Stich. Zweimal im Monat wird mir dieses große Vergnügen zuteil, als Ausgleich für die Bälle. Ich habe neulich den berühmten Komiker Wurm gesehen und fühlte mich sehr enttäuscht, wahrscheinlich, weil seine Kunst so über alle Begriffe gepriesen wurde. Er spielte im »Juden« den Juden Schewa, eine sich mehr dem Tragischen als Komischen nähernde Rolle. Vielleicht war ich auch schon deshalb enttäuscht, weil ich ihn lieber in einer komischen Rolle gesehen hätte.

Eben gastiert eine bis in die Wolken erhobene Sängerin, genannt Madame Kainz, die deutsche Catalani. Leider nur bei aufgehobenem Abonnement, also muß ich mich mit dem Hörensagen begnügen.

* * * * *

10. 10. Die Eltern sind mit Therese und Lorchen auf dem Kasinoball. Ich durchwache meistens die Ballnacht, schreibe, lese und treibe, was ich mag. Heute ist Annele bei mir geblieben. Wenn ihr auch die französischen Regeln recht schwer in den Kopf gehen, um so klüger, d. h. alles verstehender ist ihr Herz. Oft, wenn ich bei der Zimmerarbeit ein wenig mutlos den Kopf hängen lasse, wer erscheint mit dem Abwischtuch in der Hand unter der Tür und schäffelt mit mir darauf los, daß schon nach einer Stunde die ganze Bergesarbeit überwunden ist?

So blieb sie auch heute abend bei mir, und es war eine meiner vergnügtesten Ballnächte. Haben wir doch wie die Kinder, den Großen gleich, auch getanzt, soupiert, einfältig vornehm geplaudert, wieder getanzt in Gestalt eines überaus zierlichen Menuetts und noch einmal colaziert, eine süße Speise, namens Charlotte, ein Überbleibsel vom gestrigen Mittagsmahl, bei dem wir Hofrat Amann und Professor Bouger zu Gast hatten. Mit dieser Charlotte aßen wir Schmollis miteinander, denn bisher hieß nur ich sie du. Dann sangen wir noch eine Stunde mit Begleitung der Gitarre ein komisches Quodlibet, Annele wurde zu Bett geschickt, und ich warte auf die Meinen, indem ich lese und diese Abhandlung schreibe.

* * * * *

24. 3. Man lacht nicht selten in der Familie über meinen Zeitgeiz, aber was soll aus meinen Lieblingsbeschäftigungen werden, zum Beispiel dem Zeichnen, wenn ich nicht alle Hebel in Bewegung setze, um mir eine Stunde im Tag dafür zu erübrigen. Ich bin darauf angewiesen, mich jetzt allein weiterzubilden. Ach, und ich kann noch so wenig, und es wäre meines Herzens höchste Wonne gewesen, mich weiterbilden zu dürfen, wie Amalie von Berg es darf, diese Glückliche! So ist die kleine Zeichnung von unsrer geliebten Caton im großen Florentiner Schlapphut, der ihr immer so gut stand, eben doch nicht so ausgefallen, wie ich mir vorstelle, daß es sein könnte. Trotzdem sind die Eltern, denen ich das Bildchen zum Namenstag dargebracht (wir feiern beider Namensfest zugleich) -- sehr glücklich darüber, und auch der Rahmen, den ich selbst aus Holz verfertigt und bemalt, erregte großen Beifall.

Oh, geliebteste Caton, wie oft und schmerzlich vermisse ich dich!

Unzulängliche Mitteilung der Briefe -- sagen viele. Oh, mir genügte sie, könnte ich nur Gebrauch machen von dem Gebotenen. Aber wie könnte man bei uns, ohne auffallendes Vorenthalten, einen Brief einschließen, der nicht zuvor bei der Familie, wenn eben nicht die Zensur, doch sehr die Kritik passiert.

Wenn du wüßtest, wie wir oft im Winter in der warmen trauten Stube allesamt meinen, jetzt müßte unser heiteres, singendes Catonle plötzlich bei uns eintreten. Und erst jetzt im Frühling, in der knospenden, herrlichen Natur! Wie würdest du dich freuen über den Verschönerungsgeist, der plötzlich in Freiburg erwacht ist und sich über die ganze Umgebung erstreckt und schöne Spaziergänge dem Genuß bietet. Der neueste führt auf ganz geebneten, nur sachte hinansteigenden Pfaden über den Schloß-, Hirsch- und Johannisberg durchs Immental bei Herdern herunter, wo es im Gasthaus zum Schwanen nun beinahe so lebhaft zugeht wie in Günterstal. Am schönsten aber sind meine einsamen Spaziergänge des Morgens um sechs -- mit Lenchen oder Hermann. Bei einem solchen Spaziergang hat mir das arme Brüderle unter Tränen mitgeteilt, daß er nun endgültig seine Sehnsucht, Offizier zu werden, zu Grabe tragen müsse. Vater habe ihm ein für allemal erklärt, ein Sohn aus seinem Hause dürfe niemals unter die Müßiggänger gehen. Ich tröstete mein liebes Brüderle so gut ich konnte. Ich sagte ihm, daß auch ich auf manches verzichten müsse, und nun erst die Eltern, die um ihrer Kinder willen sich unablässig sorgten und mühten, ohne sich die geringste Annehmlichkeit zu gönnen.

Als Hermann meinte, Xaver habe es doch so flott getrieben, gab ich ihm einen kleinen Puffer mit der Bemerkung:

»Du weißt recht gut, daß unser herrlicher Bruder sich alles selbst verdient hat durch Stundengeben.«

»Hm,« sagte mein Brüderle nach einigem Besinnen, »so werd' ich Auditor und bin doch beim Militär und kann mir sogar vielleicht ein Pferd halten.«

Wie haben's die Männer so gut.

Ich möchte mich noch nicht schlafen legen, ohne das Erlebnis mit Dortel einzubuchen, das mir einen tiefen Eindruck gemacht.

Fünfzehnjährig kam sie zu uns, das Kind armer Eltern in Herdern. Ein wenig scheu, fast unfreundlich, tut sie ihre Arbeit, aber ohne daß ihr je etwas zu viel wäre, und verliert auch nie den Kopf, selbst wenn's kurz vor Tisch heißt: Dortel, es kommen noch Gäste. Dies alles haben wir so selbstverständlich hingenommen und hinter der Äußerungsarmut der Dortel keine weiteren Empfindungen vermutet. Darum war ich sehr erstaunt, Dortel Sonntag abend mit einem geradezu strahlenden Gesicht von Herdern zurückkehren zu sehen, und konnte mich deshalb nicht enthalten, zu fragen: »Dortel, was ist Ihr denn Schönes begegnet?«

»Endlich,« sagte sie, »hab' ich's de Eltern abzahle könne, was i ihne so lang schuldig bliebe bin.«

»Was war Sie ihnen denn schuldig, Dortel?«

»Ha, wie ich uf d' Welt kumme bin -- 's Wochebett von der Muetter und dann d' Koscht und's G'wand bis zu fufzehne.«

* * * * *

30. 5. Der Abend bei Verlebs war noch schöner, als sich's meine kühnsten Phantasien vorgestellt. Ich fand Maria am Klavier. Sie trug ein weißes Mullkleid, über dem Ausschnitt ein mit Spitzen besetztes Fichu. Sie hatte keine Neigelocken wie auf dem Ball, sondern das volle aschblonde Haar fiel ihr leicht gewellt, mit einem weißseidenen Band gehalten, bis über die Schultern. Wunderbar verträumt, fast sehnsüchtig, war der Ausdruck ihrer dunkelblauen Augen, während ihre Hände dem Klavier meist schwermütige oder leidenschaftliche Weisen entlockten.

Ich hatte mich ihr gegenüber in eine Ecke gesetzt und verglich sie im stillen mit der heiligen Cäcilia.

Da sprang sie auf:

»Nannele, komm und mach mich froh! --«

»Wenn ich das könnte! --«

»Ja, ja, das kannst du -- und ich will dir auch eins verraten: nach meiner Ansicht kann man gar nichts Besseres tun in der Welt als Heiterkeit verbreiten --«

»Aber denke dir die großen Taten der Männer --«

»Ja,« sagte sie, »das gehört auch mit in die Welt, aber denen, die uns das Alltagsleben erheitern, bin ich doch am dankbarsten, vor allem Jean Paul. Oh, der Weise, der Gütige, der Warmherzige, wie liebe ich ihn, wie bin ich ihm dankbar! Ist er nicht mein größter Wohltäter, da er mir Lachen schenkt und Weinen in einem Atem, denn er gibt uns sein ganzes Herz, dessen Jubel, dessen Schmerz uns wie eigener Jubel, eigener Schmerz berührt! Um Himmels willen, Nannele, laß dir diesen Herrlichen nicht durch Monz verkleinern. Ich weiß, er stellt Goethe über ihn« -- sie lachte laut. »Irgend jemand über Jean Paul stellen, das kann nur dieser trockene Monz, der keinen Funken Humor hat. Oder«, fragte sie unvermittelt, »hast du ihn am End' gern?«

Sie sah mich so ängstlich an, daß ich lachend den Kopf schüttelte.

»Ich bin ihm dankbar,« sagte ich, »denn er teilt mir gern aus dem reichen Schatz seines Wissens mit. Außerdem ist er ein Dichter. Goethe hat ihm einen ermutigenden Brief geschrieben.«

»Jean Paul hätte ihm einen vernichtenden geschrieben«, fiel mir Maria ins Wort; »aber ich bin froh, Nannele, ach so froh --« sie nahm mich um die Schulter und tanzte mit mir durchs Zimmer -- »ich hatte ja so Angst, deine Verwirrung neulich beim Lindenfest, als Monz und Schmidt eintraten -- ich war voll Angst, Monz habe dir's angetan. Aber warum bist du denn so in Verwirrung geraten, als die beiden eintraten?«

Sie sah mich scharf an.

»Nun, es war wegen Schmidt«, gestand ich und erzählte ihr Karolinens Äußerung, daß meine Augen deutlich verrieten, was ich für Professor Schmidt empfinde.

»Also du empfindest für ihn, Nannele,« rief Maria aus, »eine unglückliche Liebe?«

Ich mußte lächeln.

»Unglücklich, nein, aber seine Begeisterung auf der Kanzel, seine Schlichtheit und seine Demut -- was weiß ich, ich muß ihn lieber haben als Monz, der mir doch so viel gibt. Auf das Liebhaben verzichten, das kann man nicht, aber damit fertig werden, das kann man.«

»Oh, Nannele, glaub' nicht, daß du das kannst!« rief Maria aus.

»Man muß es können,« sagte ich, »wenn man ein Leiden hat. Das ist doch nur selbstverständlich.«

»Ich habe es nicht können«, sprach Maria in leisem Tone und barg das Gesicht in beiden Händen. --

Mir lagen jetzt, wie schon oft bei solchen Anspielungen, dringliche Fragen auf den Lippen -- was ihr fehle, woran sie leide. Aber ich beeilte mich, Maria zu versichern, daß mein Edelmut nicht sonderlich bewundernswert sei, da mich ja keiner wolle. -- »Doch,« sagte sie, gleich wieder heiter, »Monz will dich, er erzieht dich, er erzieht dich jetzt schon zu seiner Gattin. Das macht er so, wenn ihm ein Mädchen gefällt, du kannst es mir glauben.« -- »So lang er mir schöne Bücher leiht, hab' ich nichts dagegen«, meinte ich lachend. -- Und sie drohte mit dem Finger: »Nannele, Nannele, bist du deiner wirklich so sicher?« -- »Ich wär's vielleicht nicht,« gab ich zu, »wenn Monz Schmidt wäre.« -- Herr von Verleb kam, und man ging zu Tisch. Es ist gar schön gedeckt; in einer kristallenen Vase stehen Blumen, eine feine Jungfer serviert. Herr von Verleb zeigte eine rührende Sorgfalt für seine Frau, legte ihr vor, bat sie inständig zu essen, und erst als sie zu seiner Zufriedenheit tat, was er wünschte, wandte er sich an mich, indem er über einen Aufsatz Rottecks in der »Freisinnigen« loszog. Nach seiner Ansicht habe ein Abgeordneter der Ersten Kammer überhaupt keine freisinnige Zeitung herauszugeben. Rottecks beständiger Eifer gegen ein stehendes Heer sei ebenso unstatthaft als sein geradezu rücksichtsloses Eintreten für die Universität, indem er seine Anforderungen für diese von Jahr zu Jahr steigere. -- »Aber«, fiel ich ihm wohl allzu lebhaft ins Wort, »verdankt die Universität nicht hauptsächlich ihre Erhaltung den kräftigen Vorstellungen Rottecks, und haben wir ihm dafür nicht im höchsten Grade dankbar zu sein -- denn was wäre Freiburg ohne seine Universität? Gibt es für die Menschen überhaupt etwas Wichtigeres als Universitäten?« setzte ich fragend hinzu. -- »Ja, wenn man den ewigen Frieden verbrieft hätte«, sagte Herr von Verleb. -- In diesem Augenblick trat die Jungfer ein und berichtete, Herr Professor Monz lasse anfragen, ob er nach dem Nachtessen für ein Stündchen willkommen sei. -- Maria wendete lebhaft den Kopf zurück: »Eine Empfehlung an den Herrn Professor, und ich bedauere sehr, ihn nicht herbitten zu können, ich sei zu leidend heute abend.«

»Nicht böse sein«, wandte sie sich an ihren Mann. »Denke dir, Anna, neulich, als mir seine Gelehrsamkeit derart auf die Nerven ging, daß mir fast übel wurde, bat ich ihn: ›Darf ich ein wenig Musik machen, Herr Professor, zum Kalmieren?‹ Er sagte: ›Sehr angenehm.‹ Und ich setzte mich ans Klavier. Glaubst du, er hätte geschwiegen? Im Gegenteil, er schrie immer lauter, je stärker ich spielte.«

Sie lachte, und so herzlich, daß ihr Mann sie ganz glückselig anschaute.

O wie schön war sie in diesem Augenblick! Und als errate sie meine Gedanken, nickte sie mir mit leuchtenden Augen zu.

»Ja, Annele, das Schöne, das Heitere -- einschenken, Männle -- das Schöne, das Heitere soll leben --«

Sie spielte noch wunderschön und hätte wohl stundenlang so fortgespielt, wenn Herr von Verleb ihr nicht Einhalt geboten hätte.

»Deine Wangen glühn, Kind,« sagte er voll Besorgnis, »und deine Hände sind eiskalt.«

Hermann holte mich ab. Der Himmel war sternenklar, als wir heimgingen.

Oh, holde Sterne! Gießt Klarheit mir in die Seele -- Füllet mit heiterer Ruhe die beklommene Brust, Daß stets ich das Gute nur wünsche und wähle, Daß jeglichen Guten ich liebe mit gleicher inniger Lust.

* * * * *

18. 10. Die Weihe des Erzbischofs ist vorüber; ich bin ganz müde von lauter Schauen und Hören. Gestern nachmittag sah ich den Großherzog, die Markgrafen und den Fürsten von Fürstenberg durch die große Straße fahren. Das Bild war unendlich lebendig, ein Hin- und Herwogen von Tausenden von Menschen zu Fuß, zu Wagen, zu Pferd. Die Landleute in ihren bunten Trachten, die Städter im Wichs, kuriose Erscheinungen von Gott weiß woher. Abends war große Beleuchtung, ein herrliches Schauspiel, wie ich nie etwas dergleichen gesehen. Alle öffentlichen Plätze und Gebäude glänzten in ihrem Brillantfeuer mit den schön gewählten Inschriften. Am besten gefiel mir die Darstellung des Münsters am Herderschen Hause mit seiner sinnreichen Inschrift:

»Konrad, der Ahne, rief des Domes Bau, den herrlichsten, ins Leben.«

Und links: »Ludwig, der Enkel, hat vollendend ihm den schönsten Schmuck gegeben.«

Schön und ideenreich war der über dem Fischbrunnen angebrachte haushohe Tempel, in dem die feuerumfluteten vier Ahnen prangten: Konrad, Berthold, Karl und Ludwig. Prachtvoll war das Rathaus, die alte Universität, das Erzbischöfliche Palais, die Darstellung des schwebenden Genius auf Minister Andlaws Balkon, bei Domherrn Hug ein in lichten Wolken schwebender Genius, in der Hand die Petrusschlüssel und Bischofsmütze. Wie ein Traum erhob sich auf dem Schloßberg ein Opferaltar, der gleichsam hoch über dem Karlsplatz in der Luft zu hängen schien, da der Berg im Dunkel lag. Hermann hatte seine besondere Freude an dem Spruch in der Wolfshöhle: »Wohn' ich gleich in einem Loch, So illuminier' ich doch --«

Am folgenden Morgen fand die Einweihung statt. Sie dauerte von acht bis halb zwölf. Ich war die ganze Zeit über mit Mutter auf dem Münsterplatz bei Herrn von Mohr, während Vater mit Therese und unsern Pflegebefohlenen sich unter der Menschenmenge befand.

Wir frühstückten eben zum zweitenmal, als der feierliche Zug unter dem gewaltigen Geläute der Münsterglocken den Dom verließ, voran mit Kreuz und Fahnen die Schuljugend, deren vielstimmiger Gesang sich in dem feierlichen Glockengeläute verlor. Die ganze Geistlichkeit folgte, die Domherrn in ihrem violetten Ornate, der Erzbischof von Köln, in Gold strotzend, an seiner Seite zwei Weihbischöfe, nicht minder prachtvoll gekleidet. Ihnen folgte die hohe, majestätische, Ehrfurcht gebietende Gestalt des neu erwählten Erzbischofes. Seine Kleidung war anscheinend minder reich als die seiner Vorgänger; wenn diese von lauterem Gold, bestand jene, Mütze, Gewand und Schuhe, von weißem, reich mit Gold und Edelsteinen verziertem Stoffe. In seiner Linken hielt er den goldenen Stab, und mit der Rechten segnete er das in Bewunderung und Rührung hingesunkene Volk.

In geringer Entfernung folgten die Herren des Hofgerichts, die Professoren, der Magistrat. Den Fürstlichen voran ritten zwei rote Husaren, die Wämser reich mit Gold und Pelz verbrämt. Es waren die Heiducken der ihrer Schönheit wegen viel bewunderten Markgrafen. Aber das Volk hielt die reich gekleideten Heiducken für die Markgrafen und jubelte jenen zu.

Wir sahen auch die vier langen Tafeln im Rathaus, wo die Erzbischöfe und Bischöfe, der Landesfürst und die Markgrafen von der Stadt regaliert wurden.

Hermann meinte beim Anblick all der Herrlichkeiten und dem Dutzend von Gläsern an jedes Gastes Platz: »Herrgott, Nannele, ich werd' Erzbischof. --«

Des Abends um acht Uhr war großer Ball im Kasino. Ich setzte mich des Nachmittags an meine Zeichnung, eine Kopie des hl. Johannes, als Mutter eintrat und mich schmälte, daß ich Therese nicht half, die so viel noch an ihrem Ballstaat zu tun habe. Und ob ich mein Versprechen vergessen, diesmal mit auf den Ball zu kommen, und was ich eigentlich vorhabe, anzuziehen.

Ich ließ Mutters Frage unbeantwortet, in der stillen Hoffnung, letzten Augenblicks in Ermangelung eines passenden Kleides zu Hause bleiben zu dürfen. Denn wenn mich meine Freundinnen auch oft bereden, auf das Kasino zu gehen, um mit ihnen in einem so glänzenden Raum zusammen zu sein, so hat das doch eigentlich keinen rechten Sinn, da ich des Unmuts nicht immer Herr werde: Warum muß ich bei den Müttern sitzen, jung wie ich bin, und kann nicht tanzen wie die andern? Daß gerade das lebhafte Bewegen in geschlossenem Raum mein Leiden sofort hervorruft, ist ein eigenes Geschick. Da ich mich darüber nur bei mir selbst beklage, so ahnen die Meinen freilich nicht, wie schwer es mir wird, einen Ball zu besuchen.

Ich hatte Therese frisiert, so wie sie's eigentlich nicht gern mag und es ihr doch so ausgezeichnet steht. In die buschigen Neige-Locken steckte ich zwei herrliche weiße Rosen. Therese kann es in der Kunst des Blumenmachens mit der ersten Modistin aufnehmen. Auch die von ihr verfertigten Ballschuhe sowie die Stickereien an ihrem weißen Kleid sind Meisterwerke ihrer Hand. Ich wollte schon, als Mutter hereintrat, mich empören, daß sie nicht ihr Blauseidenes, das ihr so gut steht, anhatte, sondern das schon etwas verbrauchte Schwarzseidene, als sie mich lachend in ihr Schlafzimmer zog, wo das blaue Seidenkleid ausgebreitet auf dem Bett lag, Mutters schönster Spitzenkragen daneben. Sofort erriet ich, wie es gemeint war, und flog Mutter unter Tränen um den Hals.

»Bisch ein Närrle«, sagte sie.

Und so stieg ich, sehr solide geputzt, mit den Eltern und Therese in eine Chaise, die Hermann hatte holen müssen, denn es regnete in Strömen. Auf dem Bock saß zum Unglück ein kreuzdummer Fuhrmann, der nicht einmal das Münster, geschweige das Museum finden konnte. Und so gelangten wir endlich nach einer halbstündigen Spazierfahrt durch alle möglichen Gassen zum Museum, ich ganz der Komik der Situation hingegeben, Therese voll Angst, keine Tänzer mehr zu bekommen. Alles im Museum war schon versammelt und erwartete den Großherzog und die Markgrafen. Da man nun das Anfahren hörte, glaubte man, es sei der Großherzog, und wir wurden von zwanzig Bedienten mit silbernen Leuchtern, den Vorstehern des Museums und einer Masse von Offizieren auf das ehrenvollste empfangen. Nachdem wir diese angeschmiert hatten, begaben wir uns hinauf in den Tanzsaal und schmierten noch den ganzen Adel an, der im Vorzimmer Spalier stand.

Der Ball war wundervoll. Dieses glänzende Getreibe, diese herrlichen Männer- und Frauengestalten an mir vorüberschweben zu sehen, wurde mir zu einem so großen Genuß, daß ich mich darüber ganz und gar selbst vergaß. Für mich war Therese eine der vornehmsten Tänzerinnen, und ich dachte im stillen: wie seid ihr Menschen doch so dumm, rotes Haar häßlich zu finden. Ich fand es direkt schön, wenn Theresens leuchtendes Haupt unter all den blonden und hell- und dunkelbraunen Haaren auftauchte. Ihr Gesicht ist blaß und schmal, ihre Augen sind dunkel. Aber ach, wie konnten diese sonst so stillen Augen aufleuchten, wenn Oberleutnant A. sie zum Tanze holte. Und er holte sie sehr oft. Ohne Klage, ohne sich je auszusprechen, trägt Therese das schwere Leid des Verzichtens mit sich allein. Denn wenn auch Vater imstande wäre, eine Kaution zu stellen, ich glaube, die Heirat mit einem Offizier würde nie seinen Beifall finden. Aber die Freude, eine der gefeiertsten Tänzerinnen des Museums zu sein, tut ihr doch wohl. Sie lebt im Tanze, sie schwebt, ihre Füße scheinen den Boden nicht zu berühren. Markgraf Max holte sie zweimal, und ich fürchtete für Theresens Lunge, denn statt einmal, wie mit den andern Damen, tanzte er mit ihr jedesmal dreimal herum. Auch der Fürst von Fürstenberg tanzte mit Therese. Es war den Eltern eine große Freude.

Ich war übrigens auf meinem isolierten Plätzchen durchaus nicht verlassen. Nach jeder Tour erschienen meine Kamerädle, um mir mit erhitztem Gesicht von den Annehmlichkeiten des Tanzes zu erzählen. Lenchen natürlich erschien am häufigsten. Malchen Wänker, Malchen Roth, Caton von Mohr, Fromherzle, Baurittele, Marie Ruof -- kurz, sie brachten mich in so gute Stimmung, daß ich mir's gefallen ließ, daß die rosigen schimmernden, schwebenden Gestalten, die dunkle in ihre Mitte nehmend, mit ihr in einer Pause den Saal entlang spazierten.

Ich hatte mein Ballkärtchen und war auf fünf Schwätztouren engagiert, von Monz, Hofrat Amann, Welcker, Professor Zell, Reichlin. Auch Herr von Rotteck erfreute mich mit seinem Besuch, und Verleb, der mir Grüße von Maria brachte, die ihr Vorhaben, zu kommen, ihres weniger guten Befindens wegen hatte aufgeben müssen. Ich wollte, als ich das erfuhr, gleich den Ball verlassen und Maria Gesellschaft leisten, aber Mutter sagte: »Nannele, du bleibst jetzt bei uns.«

Amalie von Berg kam auch zu mir, gleich nach ihrem sehr späten Erscheinen, und fragte nach Maria, die sie zu treffen gehofft.