Part 2
Auf dem Gipfel des Schloßberges machte man halt, um Umschau zu halten. Alle Bäume und Gesträuche, soweit das Auge sehen konnte, prangten in ihrem jungen Grün. Über das sich im Hintergrund erhebende Gebirge breitete sich ein zarter Duft von lichtem Blau, das in das dunklere Blau des Himmels hinüberzufließen schien. Zu unseren Füßen lag unser liebes Freiburg, in dessen sich majestätisch zum Himmel erhebendem Dome eine tiefe Glocke zur Andacht rief, während auf dem Karlsplatze die um diese Zeit exerzierenden Soldaten ihr »Eins, zwei« bis zu uns heraufschallen ließen. Wer zählt all die Dörfle, die wir überall im Sonnenschein aufblitzen sahen? Das Lorettobergle drüben, das Schaumburgische Schlößchen, die Eichhalde, der Hebsack und andere Landhäuser spielten hinter wilden Kastanienbäumen und Pappeln Versteckens miteinander, und dunkle Tannenwälder umsäumten die lichtgrünen Wiesen im Tal. Ich lernte auf dem Weg nach St. Ottilien die Professoren Monz und Schmidt kennen. Der erstere ist Professor der Geschichte an der Universität, Schmidt ist Geistlicher. Vom Sehen kannte ich beide, letzteren besonders durch seine herrlichen Predigten im Seminarium. Mehr als einmal fiel mir beim Zuhören ein: Zum Seraph fehlen ihm nur die Flügel. Nun schritt er ganz schlicht neben mir her, ein wenig schüchtern fast, denn mit dem lebhaft redenden Professor Monz schien er nicht wetteifern zu wollen, und obwohl ich sehr gern den Reden des gelehrten und weitgereisten Mannes lauschte, im geheimen war mir der stille, sinnig blickende Professor Schmidt doch interessanter, wie der tiefe, undurchdringliche Brunnen mehr zum Nachdenken reizt als das klar dahinfließende Wasser. Wir kamen auf Lektüre zu sprechen, und Schmidt erklärte, Erhabeneres als Klopstocks Messiade gäbe es nicht, worauf Monz lächelnd meinte: »Vielleicht für Freiburg, aber die Welt ist groß.«
Schmidt schien mir unmutig zu erröten. Ich stellte mich sofort auf seine Seite, indem ich erklärte:
»Vielleicht hat die große Welt nicht immer den besten Geschmack.«
»Aber sie geht mit Meilenstiefeln im Vergleich zu Freiburg«, sagte Monz.
»Ist das ein Glück?«
»Es fragt sich, was Sie unter Glück verstehen«, sagte Monz. »Für mich ist Glück gleichbedeutend mit Fortschritt, Entwicklung, Macht.«
Ehe ich noch darüber nachdenken konnte, sprach er von Humboldt, Goethe, Platen. -- Alle diese Großen seien noch nicht eingedrungen im Süden Deutschlands. Körners Freiheitslieder, die den Norden aufgerüttelt zum Handeln, in dem zerstückelten Deutschland, sie hätten noch kein Echo gefunden. Und er sprach mit erhobener Stimme:
»Es kann ja nicht immer so bleiben In dieser zerrütteten Welt, Es muß wiederkehren das Große, Ins schmähliche Dunkel gestellt.
Auf! Ehrliche, wehrliche Jugend, Vertraue dem heiligen Stern; Auf! Rüstige Männer voll Glauben, Die Palme, sie winket von fern.«
Ich fragte, von wem das sei.
Er sagte: »Von mir, für Schinznach gedichtet.«
Ich schwieg. Also ein Dichter, wenn auch nicht +mein+ Dichter. --
So kamen wir im Schatten des ganz vom lichten Buchenwald umschlossenen St. Ottilien an. Lautes Leben umgab die alte Wallfahrtskapelle. Die Tische waren gedeckt. Aus dem kleinen Wirtshaus brachten sie Kaffee und Tunkes die Menge. Professor Monz sowie Schmidt setzten sich zu Villingers an den Tisch, auch Hofrat Amann. Lenchen sagte mir leise ins Ohr:
»Du, so gescheit rede kann ich nit« -- und lief davon. Als dann Vater, Monz und Amann ernste Politik trieben, machte auch ich mich aus dem Staube und ging zur Kapelle. Lenchen kam zu mir, und wir schritten die beiden Steinstufen hinab in die nur schwach vom Tageslicht beleuchtete Grotte. Ich hörte Tritte, wußte sofort, daß es Professor Schmidt war, und wurde rot.
»Ich bin gerne hier,« sprach er, »im Reiche dieser Legende,« nahm vom Wasser, das aus dem Felsen fließt, und benetzte sich Augen und Stirne. »Es ist nicht die Tatsache an und für sich, die Legende der jungen Christin Odilie, die, verfolgt von ihrem heidnischen Freier, zu Gott rief vor diesem starren Felsen, dessen hartes Gestein sich alsbald öffnete und hinter der Jungfrau wieder schloß. Seither sind Hunderte von Jahren dahingegangen, wenige Menschen nur wissen noch von dem Wunder, das Gott an der heiligen Odilie getan, und doch pilgern wir nach wie vor zu dem wundertätigen Quell, an dessen für das Auge so heilsame Kraft wir nicht aufhören zu glauben. Denn wenn diese Kraft auch nur illusorisch wäre, sie ist das Symbol von der Lichtquelle, die dem Leben eines heiligen Menschen entquillt, und in der wir unbewußt wandeln und uns besser fühlen. Haben Sie das Gedicht von Professor Monz ›St. Ottilien‹ gelesen?« wandte er sich an mich.
Ich sagte nein.
»O, so lesen Sie es nicht,« sprach er, »der fromme Ort würde Ihnen dadurch entweiht.«
Ich nahm mir fest vor, dieses Gedicht nie zu lesen, allein, o Himmel, auf dem Heimwege fing Professor Monz mit einem Mal an zu deklamieren:
»Ottilie, du wunderliches Mädchen, Wie bist du doch so seltsam hier gefahren, Verborgen hast du dich in jungen Jahren Und ausgesucht die allerwildsten Pfädchen.
Traun! Stünde damals schon das schöne Städtchen, Du hättest dich gesellt den frohen Paaren, Die Myrte prangte dann in deinen Haaren, Und anders drehte sich dein Lebensrädchen.«
Eingedenk der Worte Professor Schmidts nahm ich all meinen Mut zusammen, indem ich ausrief:
»Halten Sie ein, Herr Professor, unsere heilige Ottilie ist uns lieber als die Ihrige.«
Worauf er lachte, während Professor Schmidt, der vor uns herging, sich umwandte und mir zunickte.
* * * * *
30. 5. Ist es vermessen oder anmaßend oder undankbar, daß ich mich trotz allem, was ich an Liebe empfinde und besitze, doch immer noch heimlich nach einer Seele sehne, die ich bewundern, zu der ich aufsehen kann? Monz, den ich nun öfter sehe, ist wohl zu bewundern, denn mit ihm kommen neue Interessen in unser engbegrenztes Leben, was nicht hoch genug zu schätzen ist. Aber ihm fehlen die Grazien. Er ist rücksichtslos und doziert immerfort, als habe außer ihm kein Mensch etwas zu sagen, und besonders kränkt mich seine fast geringschätzige Art Schmidt gegenüber. Und es rührt mich in tiefster Seele, daß dieser die Demütigungen von seiten des Weltmenschen so wenig empfindlich, ja geradezu freundlich hinnimmt. Ach, ich weiß wohl, daß er der Bessere ist. Zugleich aber fürchte ich mich vor ihm, denn würde ich mich diesem seinen Einfluß ganz überlassen, so dürfte ich ja die Bücher nicht lesen, von denen Monz spricht, und die doch einen so heißen Wissensdurst in mir wachrufen.
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3. 2. Wie wunderbar ist dieses schnelle und unverhoffte Sichfinden zweier verwandter Seelen! Es war auf einem ~thé dansant~ bei Herrn von Rotteck, wo ich Maria von Verleb kennen lernte. Sie tanzte nicht, und da ich auch nicht tanze, führte uns Herr von Rotteck zusammen, uns zu einem Schwätzwalzer engagierend, was mir ein reichlicher Ersatz war für alles Tanzen der Welt.
Herr von Rotteck erzählte uns von der neuen Oper »Oberon« von Karl Maria von Weber, und wir bekamen so den ganzen, überaus reizenden Text zu hören. Hierauf sprach er von Jean Paul. Ach, und ich hatte nichts von diesem großen Dichter gelesen, konnte nur mit hungriger Seele den Herrlichen preisen hören.
Als wir allein waren, fragte mich Frau von Verleb, ob ich Jean Pauls Schriften nicht kenne. Ich sagte: »Ach nein, noch nicht.«
Oh, wer beschreibt meine Freude, als mir Frau von Verleb mit einer geradezu unbeschreiblichen Liebenswürdigkeit ihre Bibliothek zur Verfügung stellte. Ich kann es auch wirklich nicht verkennen, daß ihr Blick mit fortgesetztem Wohlbehagen an mir hing.
Sie ist schön. Dunkelblonde Locken, leicht wie Schaum, umgeben ihr bleiches Gesicht, dessen Ausdruck immerzu wechselt zwischen leuchtender Freude und plötzlicher Wehmut. Sollte sie einen Kummer haben? Herr von Verleb sieht seiner jungen Frau jeden Wunsch von den Lippen ab, und die Freunde des Hauses, darunter Professor Monz, wetteifern, ihr eine Freude zu bereiten. Monz soll ihr eifrigster Verehrer gewesen sein. Sie zog ihm Verleb vor, der eine ungemein leichte, heitere und liebenswürdige Gemütsart hat.
Als er mich neulich fragte, wie mir »Hesperus« gefallen, mußte ich bekennen, daß ich erst einen kleinen Teil des herrlichen Buches gelesen habe. --
»Erlauben Sie, das begreife ich nicht«, rief Herr von Verleb aus.
Ich machte es ihm aber begreiflich, indem ich ihm offen sagte, daß es in unserm Haus viel zu viel Arbeit gebe, als daß ich mir gestatten dürfte, unter Tags zu lesen, die Mutter aber so gut sei, mir oft des Nachts im Bett vorzulesen, während ich beim Nachtlicht Handarbeiten mache.
»Mein braves Villingerle«, sagte Frau von Verleb, als wir allein waren, »gib mir die Hand, wir wollen uns du sagen, denn siehst du, meistens sind die tüchtigen Leute langweilig und voll Eigendünkel, aber du bist heiter wie ein Kind, eine Wohltat für mich, die ich mich so nach Heiterkeit sehne.«
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10. 3. Es scheint, ich habe den Namen meiner Freundin Maria Verleb zu oft auf den Lippen getragen, und so habe ich die Erfahrung machen müssen, es ist besser, das Herz behält sein Lieben für sich.
Karoline und ich rieben uns aneinander seit unserer Kindheit in scherzhaften, sehr oft auch heftigen Kampfgesprächen. Mit vielen Talenten und einem zierlichen Figürchen begabt, mußte sie oft Spott wegen ihrer Nase erleiden, dem Entenschnabel, wie ihre Tante Hofrätin sagt.
Wirkliche Neigung habe ich nie für Karoline empfunden, aber durch alle Klassen saßen wir Seite an Seite und gingen dann auch gewohnheitshalber miteinander nach Hause.
So auch heute nach der französischen Konversationsstunde im Kloster. Unglücklicherweise entschlüpfte mir unterwegs der Name Maria von Verleb.
Alsbald warf mir Karoline mit einem wahren Hohn vor, ich habe ein Herz wie ein Theater. Nicht genug an meinen Schwestern und zahllosen Freundinnen, sei ich zu jeder Zeit bereit, mein Herz an eine neue Kreatur zu hängen. Und nicht genug, ich liebe auch Männer, sei nicht modest in deren Gegenwart wie andere junge Mädchen, sondern habe die Kühnheit, mich in Gespräche mit ihnen einzulassen und meine Meinung zu verteidigen -- sogar gegen einen Professor Monz und Schmidt. In den letzteren sei ich überdies verliebt, was meine Augen deutlich verrieten.
Ich erschrak so heftig, daß ich kein Wort hervorbrachte, sondern sie nur ansah. Sie wich von mir zurück, indem sie das Gesicht mit den Händen bedeckte:
»Ich fürchte dich«, schrie sie, »ich fürchte dich, du machst so schreckliche Augen.«
O armselige Herzen voll unbilligen Vorurteils, wie seid ihr hart und ungerecht! Aber so schuldlos ich auch bin, in einer Beziehung war mir diese verwundende Berührung heilsam -- sollte ich wirklich zu viel Entgegenkommen für Professor Schmidt gezeigt haben? Er ging neulich, als es regnete, ohne Schirm an unserm Haus vorbei, und ich lief hinunter und brachte ihm einen. Das also ist bemerkt und übel gedeutet worden.
Ach, der Mensch ist doch so ohnmächtig, denn wenn sich meine Augen freuen, wie soll ich das wissen und bemeistern können?
Und warum nicht viele Menschen liebhaben, warum nicht neue Freundinnen neben den alten gewinnen dürfen? Liebt nicht auch eine Mutter alle ihre Kinder und wenn sie noch so viele hat? Als unser geliebter Xaver starb, war Mutters Schmerz so tief und gewaltig, als habe sie mit diesem einen Kind ihr einziges verloren. Als Hermann, unser Benjamin, in schwerer Krankheit lag, war's da anders? Und hielt sie nicht Caton in der Trennungsstunde so fest in den Armen, als könne sie von diesem Kind nimmer lassen?
Wenn Mutter Theresens Schultern klopft, sagt sie nicht: meine Beste, meine Brävste? Und wenn ich leide in der Nacht und Mutter kommt, bin ich da nicht ihr geliebtestes einziges Kind? Nein, ich verschließe mein Herz nicht, und ich kann es nicht verschließen, weil mich alles Große, Gute, Herrliche, weil jede Vortrefflichkeit mich mit unendlicher Bewunderung erfüllt.
Und was ich mir schon so oft vorgenommen, diesmal halte ich's: Mit der Freundschaft für Karoline ist es zu Ende.
Im Hause ist Freude und Glückseligkeit. Immer von neuem fließen die Tränen -- Freude- und Dankestränen gegen Gott -- Caton, unsere heißgeliebte Caton hat einen Sohn! Schön und bedeutungsvoll ist der Geburtstag des jungen Weltbürgers. Er kam am Tage der unschuldigen Kindlein zur Welt.
* * * * *
4. 4. Wir sind unendlich glücklich in unserer neuen Wohnung in Oberlinden. Es sind eigentlich zwei Wohnungen, eine rechts und eine links. Vater wohnt in der einen mit Hermann und den Studentlein, Mutter, wir Mädchen und zwei junge Pensionärinnen schlafen auf der andern Seite. Lorchen und Annele sind Waisen, reiche Wirtstöchter aus Heitersheim, die bei uns Schliff lernen sollen und Französisch. Wie fühle ich mich mit einem Male so wichtig und innerlich zufrieden in meiner neuen Stellung als Respekt einflößende Lehrerin, denn auch unsern jungen Franzosen unterrichte ich in der deutschen Sprache. Er macht mir mehr Vergnügen als unsere unendlich schwer kapierenden Landpommeränzle. De Ber fragte mich gleich in der ersten Stunde: »Wie heißt ~je vous aime~?« Ich sagte ihm: »Ich verehre Sie.« Nun verehrte er mich alle zehn Minuten, und bei Tisch ging die Verehrung erst recht los. Alles, was ihm schmeckte, verehrte er. Wir kamen aus dem Lachen nicht heraus.
Auch die andern jungen Leute sind nett und bescheiden, ganz anders als welche, die wir schon hatten, die die größten Ansprüche auf Bildung machten oder überbildet waren und abgeschmackt blumig in ihren Reden. Wie unbehaglich fühlten wir uns in solcher Gesellschaft, wie fürchteten wir uns vor ihrer Wortdeuterei und Scharfrichterei. Jetzt fürchte ich mich nicht mehr, ich hatte sogar die Kühnheit, meine ganze Familie an Kühnheit zu überbieten. Die Eltern konnten sich nicht überwinden, den jungen Akademikern zu sagen, daß sie mit sauberen Händen zu Tisch kommen möchten. Da entdeckte ich eines Tages zu meinem Vergnügen an Lorchens Fingern Tintenkleckse. Ich machte mein ernsthaftestes Lehrerinnengesicht und gebot Lorchen, den Tisch zu verlassen und mit sauberen Händen zurückzukommen. Unsaubere Hände bei Tisch seien ein Greuel. Lorchen erhob sich blutübergossen, Vater und Mutter sahen mich erschrocken an, Therese schlug die Augen nieder. In diesem peinlichen Augenblick sprang de Ber plötzlich auf: »Ick auch verehre saubere Hände« -- und lief zur Türe hinaus, die andern Jünglinge hinter ihm drein. Und seitdem haben wir nicht mehr zu klagen.
Den 7. Mai feierten wir Oberlindner das hundertjährige Alter unseres Lindenbaums.
Mutter in ihrer Voraussicht hatte zwei große Kuchen gebacken und eine tüchtige Platte voll Sträuble. Gleich nach Tisch kamen die Freunde, und nicht nur diese, sondern auch alle Bekannte bis ins dritte und vierte Glied; auch Rotteck mit seinem lieblichen Töchterlein. Natürlich war mein ganzes Herz bei Maria von Verleb, aber ich konnte ihr nur zunicken, so viel gab's zu tun, um all die Gäste zu bedienen. Kamarädle Lenchen, Malchen Roth und Malchen Wänker, Baurittele und Fromherzle halfen uns getreulich.
Als auf dem Platz drunten die Schulkinder anmarschierten und eng die Linde umstanden, deren Zweige mit rot und gelben Schleifen geschmückt waren, die lustig im Sonnenschein flatterten, huben die jungen Stimmlein zu singen an.
Alles drängte sich auf den Altan oder an die Fenster, und man fand sich zusammen, wie man zusammen gehörte -- die Hof-, Gerichts- und sonstigen Räte samt hochlöblichen Gemahlinnen, die Studentlein mit den jungen Mädchen, die alten Damen und die Hofrätin mit dem Strickstrumpf.
Unten der Gymnasialdirektor hielt eine Rede über die schöne Sitte, Bäume bei besonderen Anlässen zum bleibenden Gedächtnis einzupflanzen.
Er sagte uns: »Einen hervorragenden Platz nimmt in dieser Hinsicht die Linde ein. So hat die alte Zähringerstadt Freiburg im Breisgau zwei Plätzen die Namen Oberlinden und Unterlinden gegeben. Nach schriftlicher Überlieferung wird die obere Linde schon in einer Urkunde von 1291 erwähnt. Kriegszeiten und Friedenszeiten spielten sich unter diesen ehrwürdigen Bäumen ab, die nach ihrem Ableben immer wieder durch eine Nachfolgerin ersetzt wurden.«
Der Rede folgte ein Lied, an das sich die Austeilung der Brezeln anschloß. Die Kinder lärmten und schrien nach Lust. Zum nahen Schwabentor drängten die Bauersleute herein in ihren farbigen Trachten; darüber der tiefblaue Himmel in seinem strahlenden Sonnenglanz. Es war ein ungemein lebhaftes Bild, dem Maria und ich Arm in Arm vom Fenster aus zuschauten. Ich konnte nicht umhin, zu bemerken, daß Marias sonst so leuchtender Blick einen besonders müden, ja fast leidenden Ausdruck hatte. Es fiel mir schwer auf die Seele, allein ich überwand mich, und indem ich wohl innerlich litt, suchte ich Maria durch allerlei Späßle aufzuheitern, was mir Gott sei Dank gelang. Ich hatte, ganz von dem einen Wunsch beseelt, ihr liebes Gesicht zum Lächeln zu bringen, nicht gehört, daß sich die Türe öffnete, als plötzlich Professor Monz und Professor Schmidt vor uns standen. Ich ärgere mich noch jetzt über meine große Verwirrung in dem Gefühl meines tiefen Errötens. Aber beim Anblick von Professor Schmidt fielen mir unglücklicherweise Karolinens Worte ein, daß meine Augen nur zu deutlich verrieten, was ich empfinde. So fehlte mir im ersten Augenblick alle Haltung, und ich war nahe daran, in Tränen auszubrechen. Marias erstaunter Blick trug noch zu meiner Verwirrung bei, so daß ich ganz unvermittelt, bloß um etwas zu sagen, an Professor Schmidt die Frage richtete, ob er am nächsten Sonntag im Seminarium wieder predige, und fügte hinzu, ich hätte manchmal die Empfindung, als sei mir Gott in einer schlichten Kirche näher als in einer prächtigen.
»Wie stellen Sie sich Gott eigentlich vor?« wandte sich Monz mit einem gewissen Lächeln an mich.
Äußerst befremdet, gab ich ihm etwas empört zur Antwort, daß ich mir darüber noch keine Vorstellung gemacht habe. Ich wollte mehr sagen, fühlte jedoch, daß mich Professor Schmidt ansah, und wünschte darum sehnlichst, diesem Gespräch ein Ende zu machen. Aber schon erklärte Professor Monz, die meisten Menschen dächten sich Gott als einen bürgerlichen Mann, der fortwährend über dem Schuldbuch sitze und subtrahiere und addiere und jeden Heller dreimal umdrehe.
Da mußte ich unglückseliges Nannele wieder einmal zur Unzeit lachen, obwohl ich recht wohl fühlte, daß Professor Schmidts Augen auf mir ruhten. Er sagte mir beim Abschied:
»Ich hätte anderes von Ihnen erwartet!«
Ich verneigte mich zustimmend, wagte jedoch die Frage: »Warum treten Sie bei solchen Gesprächen nicht für mich ein, da es Ihnen doch ein leichtes wäre, Professor Monz zu überzeugen?«
»Von mir weiß er, wie ich denke,« sagte Professor Schmidt, »darum meiden wir dergleichen Gespräche.«
Ach, so unaussprechlich ernst, fast mißbilligend klang sein »Leben Sie wohl«, und doch, wie hat er in seiner letzten Predigt in der Seminarkirche zur Freude ermuntert. Wie ein Johannes, von himmlischer Menschenliebe begeistert, sprach er, und seine Rede ist voll Gefühl, voll Überzeugung, Kraft und Wärme. Er zeigte, in wie schönem Einklang die Freude mit der Tugend stehe. Wie darum Gott die Welt so herrlich geschaffen und in wechselnden Gestalten darin die Freude, damit des Menschen Herz sich daran ergötze. So ungefähr sprach er, nur ganz anders, das heißt schöner, verständiger und deutlicher.
* * * * *
1. 5. Ich war des Morgens in der Küche beschäftigt, das Kraut schön fein zu schneiden, was ich nämlich gar nicht gern tue. Dabei träumte ich von der Möglichkeit, für den Nachmittag ein halbes Stündchen erübrigen zu können, um meine liebe Maria aufzusuchen, und verwünschte im voraus jeden unverhofften, mich aufhaltenden Kaffeebesuch.
Die Küchentüre ging auf, und Karoline stand auf der Schwelle. Wir hatten uns, seit wir hart aneinandergeraten waren, nicht mehr gesprochen. Ich wußte nur, sie war kurz darauf nach Straßburg gereist, um sich dort in der französischen Sprache auszubilden.
»So,« sagte ich, »du bist wieder hier?«
»Ja,« sagte sie, »ich muß dich notwendig sprechen; aber du hast zu tun?«
»Ja,« sagte ich, »ich kann nicht weg.«
Sie nahm ein Messer von der Anrichte und half mir. So schnitten wir eine Weile darauflos. Ich dachte: Was will sie nur? Denn sie sah so feierlich aus, was so spaßig zum Krautschneiden paßte, daß ich Mühe hatte, nicht zu lachen. Da sagte sie:
»Ich bin gekommen, um dich um Verzeihung zu bitten. Professor Schmidt hat mir's zur Buße auferlegt.«
»Wie,« rief ich aus, »du hast bei Professor Schmidt gebeichtet?«
»Ja,« sagte sie, »ich beichte jedesmal bei einem andern, bis mir einer paßt. Professor Schmidt ist aber der ärgste, er hat mich so verdonnert, daß mir's wie einem Häufle Unglück zumute war.«
»Hast du ihm denn alles gesagt?« fragte ich mit einem von Entsetzen erfüllten Herzen.
»Ja, alles, jedes Wörtle, das ich zu dir im Zorn gesagt«, gab sie zur Antwort und sah mich schadenfroh an.
Zorn und Verdruß preßten mir Tränen heraus.
Karoline lachte. »Ich sei nicht wert, dir die Schuhriemen aufzulösen, hat er gesagt. Aber gottlob, ich mach' mir nichts daraus. Du warst immer so eine Gewissenhafte, was hat man denn davon? Die Händ' würdest du über dem Kopf zusammenschlagen, wollt' ich dir von meinen Abenteuern in Straßburg erzählen. Aber ich war immer anständig, ich kann's beschwören. Nur heiraten hab' ich wollen -- denn wenn ich auswärts keinen krieg', daheim krieg' ich erst recht keinen. Sechs Mädle und kein Geld, dazu die Schlamperei, die ganz Freiburg kennt. Und Tante Hofrätin stirbt auch nicht, daß man endlich einmal was erben könnt'.«
Das Kraut war geschnitten. Karoline setzte sich auf die Küchenbank.
»Einen Trost hab' ich,« sagte sie, »du kriegst auch keinen, wenn ich keinen krieg'.«
»Du bist einfach ein böser Mensch«, fuhr ich auf.
»He woher,« meinte sie und schaukelte mit der Bank, »ich sag' halt, was ich denk' -- hast du das erst jetzt bemerkt? Das Edeltun ist mir ein Graus.«
Sie schüttelte sich, und das war so komisch, daß ich lachen mußte.
Und als sei nichts vorgefallen, sprach sie leise, den Finger auf den Mund legend: »Ich will dir was anvertrauen -- sonst hab' ich's noch keinem Menschen gesagt -- ich schlag' dem Schicksal ein Schnippchen -- eine alte Jungfer werd' ich nit -- und wenn's unser Herrgott zehnmal will. Ich geh jetzt noch für ein halb's Jahr nach Straßburg, bild' mich völlig im Französischen aus und genieße noch ein bißle 's Lebe. Entweder ich komm' mit einem Bräutigam, oder ich geh' ins Kloster -- dann hab' ich mein Auskommen und mein Ansehen und spazier' vor euch allen zur Tür herein -- Etsch!«
Damit ging sie.
Ich lachte und weinte auch ein wenig vor Verdruß, als Mutter in die Küche kam. Ich erzählte ihr mein Erlebnis mit Karoline und daß ich so gar nicht begreife, wie man so bös sein könne.
»Närrle,« sagte die Mutter, »hast du das nie bemerkt -- von Kind auf war sie dir neidig. Ein ärgeres Leiden gibt's aber nicht als den Neid -- also bedaure sie.«