Part 14
Wirklich, man sollte mehr Vertrauen haben und sich nicht den Kopf zerbrechen: wie helfe ich diesem, wie helfe ich jenem ab. Man muß auch nicht immer handeln wollen, sondern auch dem Schicksal etwas überlassen. Gerade war ich wieder einmal auf dem Gipfel meiner Verzweiflung, sowohl durch den Professor als durch Fräulein Plump. Denn suche ich nicht das Beste und Feinste, was ich habe, meinen Kindern einzuprägen, der geringsten Roheit den Krieg erklärend, Wahrhaftigkeit als das Endziel aller meiner Bestrebungen hinstellend? Und ihre Augen leuchten, sie verstehen mich, sind voll des guten Willens. Da kommt der Professor, und alle Kinderroheit ist nichts im Vergleich mit der seinen, und was ich ihnen über die Schönheit der Wahrhaftigkeit gesagt, in dem verlogenen, unaufrichtigen Wesen des Fräuleins Plump erkennen sie das Gegenteil.
So dachte ich, als eines Tages an die Türe gepocht wurde, und der Professor über die Schwelle unsres Wohnzimmers trat. Er blieb zu meinem Erstaunen mitten im Zimmer stehen und erging sich in einer Rede in lateinischer Sprache, die ich nicht verstand. Alsdann schloß er: »Sagt Cicero -- was ungefähr soviel heißt als: Was lange währt, wird endlich gut. ~Nota bene~, ich bin an die Knabenschule in Konstanz berufen. Gott sei Dank, das Mädle-Unterrichten hört auf. Das zimperliche Geschlecht ist mir fatal. Trotzdem ist es meine Absicht, als Ehemann meine neue Stellung anzutreten. Merkt der geneigte Leser was?«
Er legte den Finger an die Nase und sah mich mit zusammengekniffenen Augen an.
»Ich habe mir nämlich ein Weib erkoren«, sprach er feierlich.
Ich gratulierte ihm herzlich.
»Ja, wissen Sie«, fiel er mir in die Rede, »wen ich mir erkiese -- zum Weib erkiese? Sie -- einfach Sie.«
»O Gott«, entfuhr es mir.
»Sie sind überrascht, ich merk's, sehr überrascht, aber hoffentlich angenehm überrascht, denn wenn der Mann ein Weib erkiest, so ist das eine Ehre für sie. -- Nun, so reden Sie -- Heiratsanträge sind nicht mein Gusto.«
»Herr Professor,« stotterte ich, »seien Sie mir nicht böse, aber -- ich heirate nicht.«
»Waas«? schrie er. »Wenn Sie aber doch einer will.«
»Auch dann nicht. Ich fühle mich glücklich in meinem Beruf.«
»So -- hm --.« Er besann sich einen Augenblick, und ich wurde mit Vergnügen gewahr, daß ihm die Sache durchaus nicht tiefer ging.
»Dann nehme ich die Schwester«, sagte er; »holen Sie Ihre Schwester.«
»Warum meine Schwester?« fragte ich, mit aller Mühe meine Lachlust unterdrückend, »Fräulein Plump ist doch viel jünger.«
»Ja, aber so zutunlich; ich mag zutunliche Frauenzimmer nicht leiden.«
»Sie will Ihnen eben zeigen, daß sie Ihnen gut ist.«
»So -- hm -- vielleicht verstehen Sie das besser,« meinte er nach einer Pause, »das weibliche Geschlecht ist mir eine ~Terra incognita~. Aber es macht sich besser, wenn ich als Ehemann in Konstanz auftrete; man hat mir das geraten; auch habe ich das Wirtshausessen satt. Glauben Sie, daß die betreffende Person etwas vom Kochen versteht?«
»Wenigstens erzählt sie mir oft, was für gute Speisen sie sich köchelt, und ihr Aussehen straft ihre Worte nicht Lügen.«
»Ja«, nickte er, »sie ist ein korpulentes Frauenzimmer« ...
Kurz und gut, er besann sich ein paar Tage, und jetzt sind sie verlobt. Fräulein Plump ist glückselig, und wir sind noch nie so gut gestanden wie jetzt, indem wir ihr alle möglichen Ratschläge für die künftige Einrichtung geben, und täglich kommt sie und schreibt Theresens Kochrezepte ab. Fast dauert sie mich ein wenig, denn der Professor behandelt sie nicht anders, als er bisher seine Dienstmagd behandelt hat. Aber sie ist fügsam wie ein Hündlein.
»Die Rastatter sind jetzt ganz anders geger mich, seit sie wisse, daß ich Frau Professor werd'«, erzählte sie.
Dortel brachte dieser Tage mit verweinten Augen die Suppe auf den Tisch. Als ich sie fragte: »Wo fehlt's, Dortel?« bekam ich die Antwort: »I bin so neidig auf d' Plumpe -- der Professor hätt' doch auch eins von meine Fräule nemme könne.« --
Wir mußten herzlich lachen und suchten sie zu trösten. Sie bleibt aber dabei, daß er eins von »uns hätt' nemme könne.« --
Du fragst, ob sie mich in J...heim ganz vergessen hätten. Bewahre, immer von Zeit zu Zeit kommen Nachrichten von der Baronin. Eine besonders erfreuliche kam mir von Hannerl, die mir eine sechs Seiten lange Dankepistel schrieb, indem sie behauptet, nur mir und meiner Lehrmethode habe sie es zu verdanken, daß man sie im Institut als Lehrerin zurückbehalten und sie nun ihr Auskommen habe und den Eltern eine Stütze sein könne. Auch ihr Vater, der Lehrer, schrieb mir: »Wie sollen wir Gott genugsam danken und nächstdem Ihnen, der vortrefflichen, Geist und Gemüt gleichwertig ausbildenden Lehrerin unseres Kindes, daß selbiges noch in jungen Jahren so großer Ehren teilhaftig geworden, nebst des Verdienstes, sich hoher Bildung zu erfreuen. Oh, ich kann es oft nicht fassen, so ist meine Wonne groß, da Bildung die Sehnsucht meines Lebens ist gewesen von klein auf, indes die Mittel fehlten.«
Daß es solche Menschen gibt, Caton, das ist nach meiner Ansicht der größte Segen Gottes, denn wie soll die Welt existieren ohne sie -- was würde aus den Großen, den Reichen, den geistigen Arbeitern, ohne diesen mächtigen Wall -- den Braven in der Welt! -- Dem guten Acker sind sie vergleichbar, auf dem uns das köstliche Lebensbrot wächst.
* * * * *
Rastatt, 10. September 1843.
Endlich kann ich Deinen Wunsch erfüllen und Dir einen Modebrief schreiben. Groß waren die Vorbereitungen für den Tag in Baden, der mir ja auch ein Wiedersehen mit Monz und zugleich die Bekanntschaft mit seiner Frau bringen sollte. Da wir nicht als völlige Landpomeränzle in dem eleganten Baden erscheinen wollten, entschlossen wir uns, etwas tiefer in meinen nicht mehr so leeren Beutel zu greifen, und schafften uns neue Kleider an. Zum erstenmal seit dem Tod der Eltern wieder farbige, und zwar wählten wir dunkelblauen Barege, der leicht ist und darum angenehm, weil die Röcke jetzt von größerem Umfang sind. Die Gigot-Ärmel sind zu Grabe getragen. Man hat aber doch noch die Wahl zwischen dem ganz enganliegenden und dem etwas gepufften Ärmel, welch letzteren ich mir erwählte, ebenso die etwas losere, mit einem Gürtel zusammengefaßte Taille. Therese hat sich für Schnepptaille und enge Ärmel entschieden. Eine große Rolle spielt die Mantille. Aus Mutters achteckigem schwarzen Kaschmirschal ließen sich prächtig zwei Mantillen herstellen, eine für Dich und eine für Therese. Für die Deine muß aber noch eine Ausgarnierung erfunden werden. Meine Mantille wurde aus meinem ehemaligen blauen Seidenkleid, das ich aus Nancy mitgebracht, verfertigt. Therese hat sich nicht wenig den Kopf zerbrochen, bis sie die Form herausbekam. Aber es gelang. Die Mantille ist wohl etwas schmal, aber mit langen Enden. Rüschen vom selben Stoff sind der Aufputz.
Uns wunder wie fein wähnend, fuhren wir am letzten Sonntag mit der Frühpost nach Baden. Ach, wie verblaßte die Pracht unserer Gewänder gegen die, welche wir auf der Promenade vorfanden! Schleunigst ließen wir das letzte Fünkchen Eitelkeit von dannen fahren und sperrten Mund und Augen auf beim Anblick all der herrlichen Erscheinungen, die vor uns auf und ab promenierten. Denke Dir ein schwarzes Atlaskleid, unten mit einem wohl eine halbe Elle breiten Besatz von Zobelpelz. Um die Mantille einen ebensolchen, nur etwas schmaler. Reifartig, in schweren Falten steht der Rock von der Person ab; die Wespentaille hat einen viereckigen Ausschnitt, und aus dem hoch mit Federn garnierten Hut wallen langgeschweifte Seitenlocken fast bis auf die Mitte der Taille. Weite, bauschige Röcke, wo man hinsieht, die Hüte nicht mehr das halbe Gesicht zudeckend, sondern der Rand weit offen bis in die Mitte des Kopfes, so die Frisur und den Kopfputz freilassend, der oft aus ganzen Rosengärten besteht. Sehr viel sieht man die sogenannte Ferroniere, ein dünnes Goldkettchen, welches ein kleines Juwel, eine Perle oder dergleichen in der Mitte der Stirne festhält. Ach, Caton, es ist mir nicht möglich, aus dem Chaos von übertriebenen Toiletten noch mehr zu beschreiben. Ich wurde bald des Schauens müde und kann Dir nur sagen, für unsereins ist hier nichts zu suchen, also hat es gar keinen Wert, sich weiter in die mysteriöse Welt der Mode zu versenken. Ich plauderte mit meinem lieben Lenchen, freute mich der trauten Freiburger Sprache, und wir schwelgten in der Vergangenheit bei den lustigen Walzerweisen der Kurkapelle. Wir sind auch durch die Spielsäle gegangen, ach, und mir wurde wund ums Herz beim Anblick dieser eleganten Herren und Damen, so jung noch und oft so alt, die für nichts Sinn hatten, als den Haufen Goldes, das der Croupier einstrich oder einem Gewinner hinzählte. Welch eine Welt! Sie widerte mich bis ins Innerste an, ein seltsames Heimweh ergriff mich nach dem Guten, dem Schlichten und wahrhaft Schönen in der Welt. Ich drängte Therese und Lenchen zu den Spielsälen hinaus und ruhte nicht, bis wir fort vom Konversationshaus auf einem herrlichen Bergwald ankamen, von dem aus man das einzig schöne Tal inmitten seiner Berge liegen sieht. Nie habe ich die Natur so geliebt als jetzt, nachdem ich einen Blick getan in diese trostlose, oberflächliche Welt von Modepuppen und Hasardspielern.
Jetzt führe ich Dich in den Gasthof der drei Könige, wo wir zu einem frühen Nachtmahl geladen sind von Geheimrat Monz und Gemahlin.
Das Rendezvous war längst zwischen uns ausgemacht, aber sie hatten unterwegs ein Malheur mit der Post und kamen darum erst heute statt gestern an.
Monz war immer ein wenig feierlich, jetzt ist er der Geheimrat in seiner unantastbaren Würde. Seine Haare sind etwas grau geworden, aber seine Augen blicken mit der alten Schärfe durch die Brillengläser, und auch sein Lächeln, das nie zum herzlichen Lachen wird, ist sich gleichgeblieben.
Seine Frau, die mit residenzlicher Würde ihren prachtvollen Federnhut trägt, im ganzen aber einen behaglichen, gutlaunigen Eindruck macht, begrüßte mich mit den Worten: »Also so sehen Sie aus -- wirklich ganz anders, als ich gedacht hätte -- Sie glauben nämlich nicht, wie neugierig ich war, die Frau kennenzulernen, die sozusagen meinem Mann den Weg zu seinem ferneren Wirken wies.«
Ein wenig erstaunt, wandte ich Monz den Blick zu.
»Ja, ja,« nickte er, »Sie waren mir eine liebe, äußerst interessante Schülerin; Ihre unbedingte Anerkennung hat mich allerdings auf die große Empfänglichkeit der weiblichen Psyche aufmerksam gemacht. Sie waren damals in Freiburg eine Ausnahme, jetzt sind meine Unterrichtsstunden in der Mädchenschule ein Ereignis für die Jugend. Als Königlicher Geheimrat bin ich mit der Oberaufsicht der höheren Mädchenschulen betraut. Aber noch bin ich nicht zufrieden, möchte ich mehr erreichen.«
Er sprach und sprach, zuweilen ärgerliche Blicke auf einen vorübereilenden Kellner oder fremde Ankömmlinge werfend, die sich unterstanden, in der Nähe unseres Tisches laut zu sprechen.
Mir war recht wunderlich zumute; ich fragte mich: Hat er denn früher schon dieses Gönnerhafte an sich gehabt, das mir jetzt so unangenehm auffällt?
»Jetzt kommt die eigentliche Sache,« sagte er, »die Sache, um die es sich handelt -- nämlich, ich bin mit der Bildung einer neuen höheren Mädchenschule beschäftigt. Eine horrende Arbeit, selbstverständlich. Was aber würden Sie sagen, Fräulein Villinger, wenn ich in dieser Angelegenheit an Sie gedacht hätte?«
»Wieso?« fragte ich. »Ich habe doch meine Töchterschule in Rastatt.«
»Das lassen Sie natürlich sein,« sagte er, »das wollen wir schon machen. Einer kleinen Prüfung müßten Sie sich bei mir freilich noch unterziehen. Dann aber sollen Sie unter meiner Leitung zu einer geradezu exemplarischen Lehrerin heranreifen. Das ist meine Überzeugung. Nun, was sagen wir zu diesem Vorschlag?«
Nur mit Mühe konnte ich annähernd artig antworten: »Ich bin aufrichtig überrascht, Herr Geheimrat, aber meine jetzige Stellung ist mir so lieb, daß ich sie um keinen Preis aufgeben möchte.«
»Ist das Ihr Ernst -- Anna Villinger -- sind Sie denn nicht mehr die Alte?«
»Nein, ich bin viel älter geworden,« gab ich ihm lachend zur Antwort, »älter und selbständiger, Herr Geheimrat.«
»Selbständiger?« fiel er mir in die Rede. »Eine Frau ist von Natur nie selbständig, dazu ist der Mann da, mit seinem Wissen, seiner Erfahrung und seiner geistigen Überlegenheit, die sich eine Frau niemals zu erringen vermag. Liebe Freundin, Sie befinden sich meines Erachtens auf einer abschüssigen Bahn, und ich rate Ihnen, die Hand zu ergreifen, die sich Ihnen wohlwollend entgegenstreckt.«
Gottlob, Lenchen kam, um uns zur Post abzuholen.
Als wir den Gasthof verließen, hing sich mir die Geheimrätin an den Arm.
»Das freut mich jetzt so, Fräulein Villinger,« hub sie an, »daß Sie eine eigene Meinung haben und nicht wie ein Taschenmesser vor meinem Mann zusammenklappen. Die Frauenzimmer verderben ihn mir ganz mit ihrer Bewunderung, und wissen Sie, das verträgt keiner auf die Dauer, drum ist ihm die heutige Niederlage recht gesund. Es ist sonst gut mit ihm auskommen, und ich war recht glücklich, wenn die dummen Frauenzimmer ihn in Ruh ließen. Bleiben Sie wirklich bei Ihrer Meinung?« fragte sie.
»Durchaus.«
Sie schüttelte mir die Hand: »Alle Achtung.«
Monz sagte, indem er mir in den Postwagen half: »Sie besinnen sich noch anders, ich weiß, bitte recht baldigen Bescheid.«
Wir fuhren davon.
»Ach Gott, Nannele, ich war in Todesangst«, sagte Therese.
Ich lachte sie aus: »Glaubst du wirklich, ich habe Lust, meine schöne Selbständigkeit an den Nagel zu hängen und wieder Schülerin zu werden?«
Nein, wirklich, Caton, so war er nicht, so war er früher nicht. Es überkam mich eine plötzliche Angst, so daß ich Therese bat, mir doch ja immer zu sagen, wenn ich unrecht habe, damit ich nicht auch solch ein Narr werde.
Sie lachte und versprach's.
Es ist aber gar nicht zum Lachen, denn da der Lehrer seinen Schülern gegenüber notwendigerweise stets recht haben muß, so liegt die Gefahr nicht weit, sich dieses Immer-recht-haben-Wollen als etwas Selbstverständliches anzugewöhnen. Monz soll mir als abschreckendes Beispiel dienen.
* * * * *
Rastatt, den 7. Juni 1844.
Die Kinder singen im Hofe:
»Und ich wett mit dir um ein halb' Maß Bier, Und die Eisenbahn isch noch nit hier, und du hascht kei Geld, und du kriegscht kei Geld, und du darfscht nit mit nach Friedrichsfeld.«
Aus dem Unterland, wo die Eisenbahn jetzt fährt, kommt das Versle angeflogen.
Jetzt geht sie von Karlsruhe nach Offenburg, und schon im nächsten Jahr soll sie bis Freiburg gehen.
Weißt du noch, Caton, wie wir als Kinder von Menschenflügeln träumten? Sollte das jetzt noch schwerfällige Dampfroß der Anfang sein, aus dem in späteren Zeiten sich allmählich ein leicht flatterndes Flügelpaar entpuppt? Einstweilen wollen wir indes mit dem, was uns jetzt beschert ist, zufrieden sein. O Gott, beglückt bis in die letzte Faser unsres Herzens. Welch ein Umschwung für die Menschen, die nach einem Wiedersehen schmachten -- o Caton, Luftschlösser steigen aus dem Grunde meiner Seele in bisher ungeahnter Pracht auf. Die Möglichkeit eines Wiedersehens rückt näher und näher. Sechzehn Jahre fast liegen seit unserm letzten Beisammensein im Elternhaus. Die Jugend ging, aber die Liebe blieb.
Siehst Du, was alles aus der sparsamen Führung eines Haushaltes entstehen kann an Freude und Glück, wenn der Sparpfennig langt? Heil unsrer Therese, die es versteht, am rechten Fleck hauszuhalten, ohne Engherzigkeit, aber mit dem Überblick einer erfahrenen Hausfrau. So haben wir die Ellenbogen frei, brauchen nicht ängstlich zu rechnen, sondern dürfen uns mit unaussprechlicher Genugtuung sagen: Auch für die Freude ist etwas übrig. Habe ich einen solchen inneren Jubel jemals mit achtzehn Jahren erlebt wie jetzt in meinen dreißiger Jahren?
Nämlich wir wollen im nächsten Frühjahr -- ach, Caton, der heiße Wunsch unsres Herzens --, wir wollen unser Freiburgle wiedersehen -- die Ostergesänge im Münster wieder hören, in das freudige, weltbezwingende Halleluja mit den Sängern auf dem Chor einstimmen -- die geliebten Gassen durchschreiten -- unsre Gäßle, Caton -- und am Grabe der Eltern beten. --
Aber bis dort ist es noch lang, und inzwischen haben wir wieder viel erlebt. Freilich behauptet Therese, ich mache aus jedem Stecknadelknöpfle ein Erlebnis, aber diesmal ist es etwas Wichtiges -- denn gibt es etwas Wichtigeres, als daß meine Schule nicht länger unter dem Joch unwürdiger Lehrer zu seufzen hat, sondern einem schönen, erfreulichen Aufblühen entgegensieht unter dem Einfluß des ernsten, wohlwollenden Mannes, der mir nun zur Seite steht -- eines Mannes, der allein schon durch sein Wesen Respekt einzuflößen vermag.
Auch mit der noch sehr jungen Hilfslehrerin kann ich zufrieden sein, um so mehr, als ich selbst noch bildend und fördernd auf sie einwirken kann, uns also ein freundliches Band verknüpft.
O Caton, und der Professor hat ein überaus herziges, ganz prächtiges Fraule. Sie wohnen in der Herrenstraße, zunächst dem Schloß, und täglich sehe ich sie mit ihren fünf Buben am Lyzeum vorbei in den Schloßgarten ziehen. Von der zierlichsten Gestalt, wie ein junges Mädele, hört man sie lachen und schelten inmitten ihrer die Mutter eng umdrängenden Buben, von denen sie einer schon überragt.
Eines Tages trafen wir uns im Schloßgarten, der Professor war mit dabei und machte mich mit seiner Frau bekannt. Gleich beim ersten Blick nahmen wir uns an und plauderten miteinander, als kennten wir uns schon Jahre. Sie ist eine Schwäbin mit prachtvollen braunen Augen, die so viel Herzensgüte und Heiterkeit ausstrahlen, daß man schon froh wird bloß durch ihren Blick. Kurzum ein Mensch -- und ein lieber, lieber --
O Caton, Du weißt nicht, aber jetzt kann ich Dir's gestehen, so manchesmal, wenn ich vom Schloß in die Gassen hinunterschritt, die breit sind und still wie ausgestorben, suchte mein Blick wohl in jedes dieser niedrigen Häuslein einzudringen mit der sehnsüchtigen Frage: Braucht denn hier niemand Wohlwollen, niemand Liebe und Mitempfinden in Freud und Leid? -- O ihr geschlossenen Häuser und Seelen, klagte es in mir, euer Kinder Wohl vertraut ihr mir an, aber um mein Wohl kümmert sich auch nicht eine Seele.
Und jetzt, siehst Du, Caton, jetzt hat das Fraule allem ein Ende gemacht. Es kommt die Treppe herauf, wie 's jüngste Mädele und will alles wissen und will immer helfen und tut, als ob's gar nicht mehr sein könnt, ohne täglich im Sibyllenbau einzukehren, sein Herz auszuschütten und mich zu dem Aussprechen meiner Gedanken zu bewegen. -- Mein Ölbild von Baron Ö., das über der Komode hängt, sah sie lange an. »Dieser Mann hat Sie geliebt,« sagte sie. Ich fuhr ganz erschrocken auf: »Wie kommen Sie auf diesen Gedanken?« Sie lächelte: »Das ist nicht schwer. Aber wie schön, daß er's nicht merken ließ, und Sie's nicht merkten.«
Gottlob, Gottlob -- ach wie versinkt das alles im Zusammensein mit den prächtigen Buben und ihrem flinken Mütterle, an dem sie mit rührender Liebe hängen.
Vor dem Vater haben sie einen gewaltigen Respekt, vielleicht gerade, weil er sich nicht viel mit ihnen abgibt, sondern die Erziehung der Söhne der Frau überläßt. Er muß Ruhe haben, denn neben seinen vielen Schulstunden arbeitet er an einem naturwissenschaftlichen Werk für die Jugend, und manchmal teilt er mir ein wenig aus seinen Arbeiten mit -- immer ein Fest für mich.
So leb ich ferner nicht mehr einsam in meinem verwunschenen Schloß, dessen Geistern nachspürend, die einst in Fleisch und Blut seine Räume durchwandelt. Ade sage ich ihnen, macht dem warmen Leben Platz, den kräftigen Fußtritten junger Gesellen und dem herzlichen Lachen des liebenswürdigsten Mundes.
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Rastatt, den 21. April 1845.
Es hat Dich wundergenommen, liebe Caton, daß ich Dir von Freiburg keinen Brief schrieb. Du dachtest, von da müsse einer kommen, wie noch nie einer da war. Ich habe es eigentlich auch gedacht, aber es kam anders.
Das Gefühl der Sehnsucht, das Gefühl der unbeschreiblichen Ungeduld, die Heimat wiederzusehen, wurde durch die Erfüllung nicht gesteigert. So schnell, ja, bänglich schnell uns der Zug dahintrug, es ging uns noch immer nicht schnell genug. Aber die Ängstlichkeit der Mitreisenden steckte uns doch auch ein wenig an. Sie fuhren alle, wie wir, zum ersten Male mit der Eisenbahn, und so oft der Zug mit einem plötzlichen Ruck an einer Station hielt, schrien sie laut auf und stießen mit den Köpfen gegeneinander. Zwei alte Damen waren von einem Eisenbahnunglück so überzeugt, daß sie während der ganzen Fahrt mit hochgezogenen Knien auf ihrem Sitz saßen und uns aufforderten, das gleiche zu tun, man habe ihnen gesagt, daß, wenn es ein Unglück gäbe, man wenigstens auf diese Weise seine Beine rette.
Du kannst Dir denken, wie uns war, als wir von Hermann, den wir zum ersten Male in Uniform sahen, von Baurittels und Fromherzens am Bahnhof begrüßt wurden -- ach und die alte Heimatluft wieder atmeten. Wir weinten schrecklich -- das war unsere erste Leistung. Der junge Mann mit den zweisternigen Epauletten, den rabenschwarzen Haaren und dem rabenschwarzen Bärtchen, dessen Augen so braunlachend in die Welt schauen, und dessen Wangen dasselbe leuchtende Rot zeigen wie das der Schwester Caton -- solltest Du glauben, es brauchte eine ganze Weile, bis ich mit unserm Hermännle wieder ins alte Geleise kam?
Vieles war ja, wie wir's uns ausgemalt, Therese und ich. Sie wohnte bei Baurittels, ich bei Fromherzens, aufgehoben wie in Abrahams Schoß. Und als wir drei Geschwister am Grabe der Eltern standen -- laß mich über diese Stunde schweigen. --
Ohne die Meinen suchte ich später zwei wohlbekannte Kreuze auf und wunderte mich, wie verwittert und verblaßt mich die Namen der einst so innig geliebten Freundinnen: Maria von Verleb und Amalie Kozlowska -- anblickten.
Stille Wehmut ergriff mich, aber der Schmerz, der damals mein Jungmädchenherz so gewaltsam an dieser Stelle erschütterte -- damit war's vorbei.
Auch vor Rottecks Grab stand ich, der Zeit seines Wirkens gedenkend, die ich erleben durfte, und die vielleicht das Beste in meinem Inneren wachgerufen. Ach, daß ich diesen feinsinnigen, edlen Volksfreund nicht mehr am Leben fand, um ihm zu sagen, wieviel Gutes er mir und so vielen andern getan -- Schmach meiner Heimat, wenn sie ihm kein Andenken bewahrt. --
Auch polnische Namen fand ich da und dort auf einem Grabstein. Wie diese Zeit wieder vor mir auftauchte -- Grotecki -- Du weißt, wie's einmal um mich stand, Caton! -- Da liest man zuweilen, wie alte Frauen in Tränen zerfließen, wenn sie dem Mann ihrer ersten Liebe wieder begegnen. So etwas kommt gewiß nur in Romanen vor. Wenn Grotecki plötzlich vor mir auftauchte, was wär dann? Ich weiß nichts mehr von jener Leidenschaft, die mich einst durchschauert, ich begreife sie nicht mehr. -- Gott, dieses Erkalten, wie entsetzlich für jene, die ihrer Leidenschaft zum Opfer geworden! -- Arme Prinzessin von Ahlden, winkst du mir auch wieder aus deinem alten Schloß im Norden, wo dir soviel Zeit gegeben war, deiner unseligen Liebe zu gedenken? Hast du sie gesegnet, oder begreifst du sie auch nicht mehr -- arme Prinzessin von Ahlden. --
* * * * *
Ach, die vielen bekannten Namen auf dem Friedhof, wie fehlten sie mir in den Gassen. Fremde Gesichter auf allen unsern Wegen. Therese sagte: »Man fühlt sich ja gar nimmer daheim.«