Meine Tante Anna

Part 13

Chapter 133,680 wordsPublic domain

Das alles höre ich mein Catonele fragen, aber hab' ein wenig Geduld, das Einzelne muß sich erst aus dem Ganzen herausschälen. Zu viel der Eindrücke sind's, mit denen ich zu tun habe, so daß ich nicht weiß, wo anfangen, und doch auch nicht alles auf einmal sagen kann.

Dies Schloß ist wie ein Bienenkorb, in dem eine Unmasse Wesen sich's heimisch machen und kommen und gehen und ihr Tagwerk betreiben.

Da sind die Herren vom Hofgericht mit ihren Familien, die die rechte Seite des Schlosses bewohnen -- das Wasser- und Straßenbau-Amt, der Schloß-Architekt, der Oberförster -- alle mit Familien -- da ist eine Bildergalerie, das Offizierkasino, das Museum, der Theatersaal -- die Militär-Wache. --

Endlich, im nordöstlichen Flügel des Schlosses, dem sogenannten Sibyllenbau, ist meine Schule -- die Höhere Töchterschule, mit einem Seiteneingang durch einen kleinen, viereckigen Hof -- ein Höflein wie ein Traum, besonders wenn der Mond hineinscheint und an den hohen, wettergeprüften, schon ins Hellrot spielenden Mauern bald dunkle Schatten, bald lichte Streifen hinziehen; dazu eine Stille wie im Grab. Das Leben in den Hauptteilen des Schlosses ist durch hohe Mauern von hier abgeschnitten, unser kleines Reich ist ganz für sich, da der äußere, um das Schloß herumführende Balkon teilweise schwer beschädigt, also nicht mehr benutzbar ist.

Ich habe zwei Klassen, je mit zwei Abteilungen, in die sich zweiundfünfzig Schülerinnen verteilen -- die Kinder der Beamten, Offiziere und Honoratioren des Städtchens.

Als ich das erstemal den Katheder betrat, um meine kleine Welt zu begrüßen, hüpfte mir das Herz vor Freuden beim Anblick dieser zaghaft zu mir aufblickenden Augen, dieser schüchternen, mich so durchaus bürgerlich anmutenden Geschöpfchen. Gott sei Dank, keine Ausnahmekinder, sondern schlichte, unverdorbene Kleinstädterle habe ich vor mir.

Freilich, ich sehe wohl, daß es in meiner neuangetretenen Pflanzung gar vieles zu säen, zu begießen und auszujäten gibt, manche Auswüchse zu beschneiden, ineinander verwirrte, schlaffhängende oder widerspenstig ausgespreizte Ranken zu lichten, zu heben und zu stützen. Doch ich hoffe, da der Same gut und Eifer und Einsicht des Gärtners das ihrige tun, daß auch Gott das Gedeihen und seinen Segen dazu geben werde. Habe ich doch mehr und mehr eingesehen, welch eine Pflichtschwere eine Erzieherin sich aufbürdet. Ihr Beruf ist Lehren und Ermahnen -- sollte da nicht auch ihr Leben eine Lehre sein, frei von allen großen und kleinen Fehlern, ja von störenden Gewohnheiten und Manieren?

Es ist ein heiliger Beruf, Nannele, hat Lehrer Kiesel zu mir gesagt, aber o Himmel, seine Manieren -- waren diese nicht eher alles andere als nachahmungswürdig? Und Frau Klementine in der Klosterschule, erinnerst Du Dich, Caton, wie wir heimlich kicherten, wenn sie sich blitzschnell umdrehte, um zu schnupfen, und dann mit Daumen und Zeigefinger die Spuren des Schnupftabaks von ihrem weißen Vortuch wegschnellte? --

Wir Lehrer müssen wissen, daß es nichts Grausameres und Spottlustigeres gibt als Kinderaugen, und uns danach richten. Schon mancher kleine Ellenbogen hat sein behagliches »Über-den-Tisch-Lungern« aufgegeben angesichts meiner Haltung auf dem Katheder, und manche rauhe, ungebührliche Kinderstimme hat sich auf die freundliche Art meiner Rede gestimmt.

Und welch eine Entdeckung machte ich neulich. Ein Fingerchen erhob sich, und die Anzeige wurde gebracht: »Es hat d' Schul' g'schwänzt.«

»Es« war Forstmeisters Linele, ein ganz herziges Kind. Die Kleine gestand unter Tränen, daß sie an der Murg drunten Püpplewäsch g'habt. Ich nahm ihr die Händchen vom Gesicht, sie schluchzte herzbrechend.

»Warum hast du so Angst, Kind?«

»Vorem Sibylleloch.« --

Große Stille. Alle Kinderaugen hingen mit ängstlicher Spannung an meinem Gesicht.

»Was ist das Sibyllenloch?« fragte ich. »Warum hast du so Angst davor?«

»Wir werde neing'sperrt, wann wir bös sind.«

»Nach der Stunde zeigt ihr mir den Ort.«

Von den andern Kindern gefolgt, führte mich die Kleine zu einer Tür im Erdgeschoß, am Ende eines großen Raumes, in dem das Brennholz aufgespeichert lag. Im Schloß der Tür steckte ein Schlüssel. Ich öffnete und sah in einen dunklen, kellerartigen Raum, aus dem moderige Dünste stiegen.

»Welch eine Luft«, entfuhr es mir unwillkürlich.

»Und geistere tut's au«, meinte ein kleines Mädchen.

Ich warf die Tür zu, schloß ab und steckte den Schlüssel in die Tasche.

»Damit ist's aus«, sagte ich, worauf alsobald ein wilder Freudentanz entstand, an dessen glückseliger Verzücktheit ich nur zu gut erkannte, wie groß die Angst und das Grauen gewesen sein mußten, dem diese armen Kleinen durch eine so unmenschliche Strafe bisher ausgesetzt waren.

Welche Macht haben doch die Lehrer, und wie mancher unter ihnen wendet diese nicht zum Heil, sondern zum Unheil der Kinder an. Wie oft fällt mir Hermanns Verzweiflung über den Mathematiklehrer ein. Wenn Mathematik auf dem Stundenplan stand, kam der arme Kerl schon mit einem finsteren Gesicht zum Kaffee, und die Mutter sagte: »Iß ein zweites Brötle, Bubele, zur Stärkung«, während Vater mit gerunzelter Stirn ein sorgenvolles »Hm« hören ließ, im voraus der roten Ohren gedenkend, die unser Jüngster regelmäßig aus der Mathematikstunde mit heimbrachte.

Weißt Du noch, Caton, ohne Dir viel Mühe mit dem Lernen zu machen, warst Du stets der erkorene Liebling Deiner Klassenlehrerin, ich aber hatte an Frau D. eine strenge Widersacherin und sollte einmal den Boden küssen -- auch eine unwürdige Strafe -- weil ich Lenchen in der Geographiestunde mit Einsagen geholfen. Ich weiß nicht, wie's geschah, aber statt des Bodens küßte ich den Rocksaum der Klosterfrau, die darob in die größte Verlegenheit geriet und von Stunde an sich weniger hart gegen mich zeigte.

Ach, sollte es für den Lehrer nicht der schönste, der größte und heiligste Ehrgeiz sein, den Kindern die Schule liebwert zu machen, daß sie mit frohen Gesichtern kommen und mit frohen Gesichtern gehen?

Übrigens, da hab' ich ein dickes Kätterle in der Klasse, dem fiel neulich die Schultasche auf den Boden, und aus ihr kollerte eine solche Menge von Brot, Äpfeln und Nüssen, daß ich erstaunt fragte: »Aber, Kätterle, das kann doch nicht alles für dich sein?«

»Doch,« sagte das Kind, »'s isch alles für mich.«

»Ja, wollen denn deine Eltern, daß du das alles ißt?«

»Ja,« nickte die Kleine, »der Vater sagt: ›Iß recht, Kätterle, ich hab' Hunger leide müsse daheim‹.« --

So kommt wohl der Wechsel ins Leben. Haben die Eltern gehungert, bekommen die Kinder zuviel. Und wenn die Kinder unter dem Zuviel einst zu leiden haben, werden sie nicht ihre Kinder davor zu bewahren suchen? Und ist es nicht am End so mit allem in der Welt, daß sich mählich jeder Druck ins Gegenteil verwandelt?

Aber ich weiß, Du willst keine Reflexionen, sondern vor allem wissen, wie wir leben, ob wir glücklich sind.

Ja, Caton, wir sind's; und ist das Tagewerk getan, kommt's zuweilen sogar zu einem lauten Freudenausbruch meinerseits, daß ich mit ausgebreiteten Armen durch alle unsere Stuben eile, gleichsam fliegend mein Hochgefühl zum Ausdruck zu bringen suchend. Und wenn dann Therese sagt: »Nannele, du bist ein Närrle«, so falle ich ihr weinend und lachend um den Hals, so dankbar, ach so dankbar, daß ich nun eine Heimat habe und ein Herz dazu, das mich begreift und mir erlaubt, zu sein, wie ich bin, sogar ein wenig unvernünftig. Du solltest uns einmal in unserem schönen, großen Wohnzimmer sitzen sehen, inmitten der lieben, wohlerhaltenen Elternmöbel, die so vertraut uns anheimeln und von unsern Lieben reden, die wir nicht mehr haben, und von denen, die noch mit uns dieselbe liebe Gottesluft atmen.

Es ist unsere Freude, daß Dein Ältester das Fach seines Vaters erwählen und Architekt werden will. Und merkwürdig dünkt uns, daß Hermanns Patenkind, Euer Hermännle, sich darauf kapriziert, Offizier zu werden, als sei ihm mit der Patenschaft die Sehnsucht des Onkels zum Militärstand eingeimpft worden.

Unser Jüngster prangt jetzt als feines Auditörle und im Hochbesitz eines Pferdes in der lieben Freiburger Heimatstadt, und nach seinen Briefen zu schließen, möchte er mit keinem König der Welt tauschen.

Unsere Wohnung, Caton, ist einfach fürstlich. Weite Gemächer mit gewölbten Plafonds und so hohen Fenstern, daß wir die ganze Zeit dabei sind, unsern Vorhängen die nötige Länge anzusetzen. Merkwürdigerweise nehmen sich in dieser äußeren Pracht unsere großen, massiven Möbel gar nicht schlecht aus; ja, noch nie hat mir Mutters gelbe Kirschholzkommode mit den schwarzen Säulchen so gut gefallen wie hier, zwischen den beiden Fenstern. Ganz wie daheim hat die große Wiener Rokoko-Uhr ihren Platz auf der Kommode, und zu Theresens Kummer bleibt jene unwiderruflich bei ihrem alten Fehler, stets vorzugehen, wie auch unsre liebe Caton dabei bleibt, Theresens ängstliches Schwesterherz immer von neuem durch allzu lange Schreibpausen zu betrüben.

Gleich dem Wohnzimmer liegen auch das etwas kleinere Eßzimmer sowie unsere sehr geräumigen Schlafzimmer nach Osten, mit dem Blick auf den sich weit ausdehnenden Schloßgarten mit seinen prachtvollen, uralten Kastanienalleen. Die lichtblauen Ausläufer der Badener Berge ziehen sich am Horizont hin und erwecken manchen Seufzer der Sehnsucht nach den höheren und dunkelblaueren Bergen unserer geliebten Heimat. Die Schulräume befinden sich auf einem besonderen Korridor gen Westen. Einige unbewohnte Räume sind auch noch da, liegen unter Schloß und Riegel. Wer weiß, ob man sie nicht eines Tages öffnen wird? -- Denk, ich träum' das zuweilen, o Caton, und wir malen's uns aus, Therese und ich, wie das wäre, wenn Petersens sich entschließen würden, einen Sommer bei uns zuzubringen. Es wäre ein so hohes Glück, daß wir nur leise daran zu rühren wagen.

Von den Nordfenstern meines Eßzimmers sehe ich zu dem stattlichen Bau hinüber, dem ehemaligen Piaristenkloster und jetzigen Lyzeum. Aus rotem Sandstein wie das Schloß, leuchtet es zwischen den beiden mächtigen, uralten Linden hervor, die seine Flanken zieren. Über dem Ganzen liegt ein wunderbarer Hauch alten Klosterfriedens, dem ich mich an stillen Mondscheinabenden nur zu gern hingebe.

Muß mich doch die Schönheit dieses Schlosses und der eigenartige Zauber, der von ihm ausgeht, für gar manches entschädigen, denn ich glaube nicht, daß die in meinem Innern stets so rege Sehnsucht nach Menschen, zu denen ich aufblicken dürfte, hier jemals eine Befriedigung finden wird.

Einstweilen wenigstens sieht es nicht danach aus. Ein Hauskreuz ist mir gleich in Gestalt der Unterlehrerin, die ich vorfand, als Geduldsprobe zur Seite gegeben.

Fräulein Plump benimmt sich gegen mich durchaus artig -- d. h. falschartig, gegen Therese aber führt sie die dreisteste Sprache. Aus Eifersucht, meines Erachtens, denn Therese, die die Kinder manchmal in der freien Viertelstunde beaufsichtigt, erfreut sich der ganzen Zuneigung meiner Zöglinge, die für Fräulein Plump so gut wie nichts übrig haben.

Ich muß auf Theresens Befehl des Morgens zwischen den drei Stunden, die ich zu geben habe, ein Ei nehmen, saß also gerade im Eßzimmer, als die Tür des Wohnzimmers aufflog und Fräulein Plumps Stimme ertönte.

»Ich will Ihne nur sage,« schrie sie Therese an, »das laß ich mir net g'falle -- Sie mache mir die Kinder abspenstig und hetze geger mich -- und jetzt ist auch der Schlüssel von Sibylleloch weg, und wenn ich der nit hab, werd ich gar nimmer Meister -- und so gebe Sie ihn gleich auf der Stell' raus.« --

»Fräulein Plump,« sagte ich, »der Schlüssel bleibt, wo er ist. Sie müssen versuchen, den Kindern durch Ihren Charakter zu imponieren, nicht durch eine so menschenunwürdige Strafe wie bisher.«

»So,« meinte sie verlegen, »wie Sie wünschen, Fräulein Villinger« -- und griff nach der Türklinke.

Eben das ist mir so furchtbar widerwärtig an dem Mädchen -- sobald man ihr dezidiert entgegentritt, ist sie feig, sonst so frech als möglich.

Noch warte ich zu. Fräulein Plump ist ohne Vermögen, also von ihrem kleinen Gehalt abhängig. Sollte sie sich jedoch als wirklich böse entpuppen, werde ich mich durchaus eines solchen Elementes zu entäußern suchen, um so mehr, als ihre Kenntnisse so gering sind, daß sie nicht einmal für die unterste Klasse genügen. Einstweilen soll sie bemerken, daß sie beobachtet wird. Es ist mir schon aufgefallen, daß Fräulein Plump gegen die Herren, die mit meiner Schule zu tun haben, die Untertänigkeit in Person ist. Damit ließe sich vielleicht rechnen, daß sie unter einem männlichen Vorgesetzten etwas besser am Platz wäre.

Ich habe in der kurzen Zeit meines Hierseins doch schon soviel Vertrauen zu erringen vermocht, um einigermaßen selbständig handeln zu dürfen. Herr von Stockhorn würde mir gewiß nie etwas in den Weg legen. Er gehört zum hiesigen Hofgericht und hat eine Art Oberaufsicht über die Töchterschule. Oft bringt er sein Töchterchen selbst in die Klasse und wohnt einer französischen oder deutschen Stunde bei, und wiederholt hat er mir seine Zufriedenheit über die Art meines Lehrens ausgedrückt. Die Kinder lieben ihn unbeschreiblich und jubeln ihm schon von weitem zu. Der liebenswürdige Kinderfreund hat immer die Taschen voll reizender Papierpüppchen, die er unter die Kleinen verteilt, die keinen heißeren Wunsch haben, als ein Stöckhörnle zu besitzen.

Ach, ein so ganz anderer ist unser Professor. Er gibt in der oberen Klasse Rechnen, Naturgeschichte und Zeichnen. Aber er behandelt die Mädchen nicht anders als seine Lyzeumsschüler, teilt Ohrfeigen und Stockschläge aus und fängt seine Stunde gewöhnlich mit einem knurrenden: »d' Konzepte raus« -- an. Oder: »Ufpaßt heut, zum Donnerwetter.« --

Von Manieren hat er keine Ahnung.

»I weiß, i bin saugrob,« sagt er von sich selbst, »aber z'leid bin ich's.«

Er ist nämlich voll Wut über die Behörden von Karlsruhe, die so lange säumen, ihn an das Lyzeum einer größeren Stadt zu berufen. Davon spricht er immerzu und kann sich nicht genug tun an Schelten und Nörgeln.

Trotz allen Ärgers, den mir sein ungattiges Wesen verursacht, muß ich doch auch wieder über ihn lachen, denn er kommt daher, als träte er direkt aus dem schönsten Regenbogen heraus. Alles strahlt in Farbenpracht an diesem untersetzten, dickköpfigen Mann. Der Rock königsblau, die Weste orangegelb, die Halsbinde karminrot und die Hose hellgrau. Auf den schwarzen Löckchen sitzt ein schiefer, breitrandiger Zylinder, unter dem grelle, blaue Augen beleidigt in die Welt schauen. Auch die Kinder lachen heimlich über ihn, während es weder ihnen noch mir einfällt, über Fräulein Plump zu lachen. Sie ist zu böse. Wie sie los werden, ohne ihr zu schaden? Diese Frage steht mit mir auf und geht mit mir zu Bett.

* * * * *

Rastatt, den 7. April 1842.

Liebste Caton!

Dein Hermännle und unser Hermann, sie leben hoch zu ihrem heutigen Namenstag! Eine mächtige Linzertorte ist nach Freiburg zum Auditörle gewandert. Als kleiner Bub hat er einmal ein Stückchen Linzertorte gestohlen und es mir in seiner Aufrichtigkeit gebeichtet. So geht's im Leben, jetzt hat er eine ganze.

Ich bin sehr aufgeräumt, wir hatten eine prächtige Geographiestunde auf der Plattform des Schlosses. Köstlich, das Gewusel von kleinen Mädchen zu Füßen des vom Jupiter beherrschten großen Laternenturmes. Die Rundsicht, die sich da oben bietet, ist prachtvoll, und meine Kinder lernen auf die angenehmste Weise ein gutes Stück unseres Landes kennen, und ihre jungen Augen sind gar eifrig im Auffinden der fernsten Punkte. Rings um das Städtchen werden jetzt Wälle aufgeworfen, von allen Seiten kommen Steinfuhren zum Bau der großen Festung, die Tausende von Arbeitern beschäftigen soll. Einstweilen sieht es recht unordentlich in der nächsten Umgebung Rastatts aus. Nun, wir sehen darüber weg ins sich weitöffnende Murgtal mit den dunklen Schwarzwaldbergen -- Ebersteinburg, der Merkur, die Badener Höhe grüßen herüber. Wir erblicken in der endlosen Rheinebene das Straßburger Münster und gen Süden die Vogesen, gekrönt von der Hochkönigsburg. Nach Norden entdecken wir über das Häusermeer von Karlsruhe hinweg den Dom von Speier, den Durlacher Turmberg und beinahe noch den Melikobus im Odenwald -- so klar war die Luft.

Beschäftigen wir uns mit der Geschichte Rastatts, versäumen wir nicht, das berühmte Friedenszimmer aufzusuchen mit seinen kostbaren Holzvertäfelungen. Hier haben die denkwürdigen Friedensverhandlungen stattgefunden zwischen Prinz Eugen und dem Marschall Villars, die den langen Erbfolgekrieg zum Abschluß bringen sollten. Und einige Jahrzehnte später tagte hier der Reichsfriedenskongreß unter Markgraf Karl Friedrich.

Diese geschichtlichen Ausführungen interessieren vielleicht Deine jetzt gewiß eifrig mit Geschichte beschäftigten Knaben, daher meine Ausführlichkeit.

Und nun zu Deinen Fragen, Caton. -- Nein, es hat sich bis jetzt kein Verkehr für uns gefunden. Die bürgerlichen Mitbewohner des Schlosses leben alle mehr oder weniger ganz abgeschlossen für sich. Des Abends sieht man wohl die Beamten im Zereviskäpple, das Pfeifle im Mund, unter dem Fenster liegen und spazieren schauen; die Frauen scheinen äußerst fleißig und rührig zu sein. Therese trifft sie schon in aller Frühe auf dem Markt. In ihren vier Wänden bewegen sich Mütter und Töchter im Bettkittel, weshalb ein Besuch großes Unbehagen hervorruft. Ich habe eine solche Aufregung einmal verursacht, als ich die Mutter einer meiner Schülerinnen sprechen wollte. Sie erschien im Mantel mit der Behauptung, eben nach Hause gekommen zu sein. Anders scheint sich das Leben auf der rechten Seite des Schlosses abzuspielen, wo die Hofgerichts- und Militärbehörden wohnen. Wenn Musik im Museumsgarten ist, sieht man die jungen Offiziersfrauen in neumodischen Kleidern paradieren, wie sie im nahen Baden die Mode des Tages mit sich bringt. Therese und ich genießen mit Wonne die Militärmusik und promenieren zwischen dieser uns fremden Welt, von der Menge kaum beachtet, aber immer freundlich begrüßt von Herrn von Stockhorn, der nach wie vor meiner Schule das wärmste Interesse zeigt.

Er hat mir sogar im Vertrauen mitgeteilt, daß er im stillen alle Schritte tue wegen der Versetzung des Professors. Bis jetzt freilich noch ohne Erfolg.

Ach, und unsre Plump! Dieser täglich von neuem aufzunehmende Kampf mit meiner Antipathie! -- Weiß ich doch, wie eifrig sie bemüht ist, mir in Rastatt zu schaden, wo sie kann. Aber meine Kinder werden als meine guten Engel für mich eintreten, das weiß ich auch. Die Freude, die mir meine Schule gibt, nimmt überhaupt mit jedem Tag zu. Immer mehr gewinne ich Einfluß auf die mir anvertrauten jungen Gemüter. Ich bin eben eifrig daran, ihnen den Aberglauben auszutreiben, die Markgräfin Sibylla gehe im Schloß um.

Ich habe mich genau über deren Leben erkundigt. Herr von Stockhorn stellte mir Bücher aus der Schloßbibliothek zur Verfügung, aus denen ich ersehen konnte, welch eine vortreffliche Regentin die Markgräfin nach dem frühen Tod ihres Gemahls, des Türken-Louis, war. Wie gütig und großmütig sie sich der Armen annahm, und wieviel sie tat, um die Nachwehen der so lange auf Rastatt lastenden Kriege für ihre Untertanen erträglich zu machen. Und hat sie diesen ein größeres Geschenk machen können als durch die Errichtung von Bildungsstätten für Rastatts Jugend? Eine Fürstin ohne inneren Wert, der das Wissen gleichgültig ist, stiftet keine Schulen.

Dann kommen mir freilich die Kinder mit der Frage: »Wenn sie nichts Böses getan, warum steht in der Vorhalle der Schloßkirche im Boden eingeschrieben: ›Betet für die große Sünderin Sibylla 1733.‹ -- Warum hat sie im Park des Lustschlosses Favorite die Eremitage erbaut und sich gegeißelt und Buße getan?«

Ich konnte den Kindern nichts anderes sagen, als wie ich mir selbst im eigenen Innern das Schicksal dieser hervorragenden Frau deute. War ihr Leben nicht umdüstert durch schwere Kriegszeiten, daß sie Schreckliches an Greueln erleben mußte im eigenen Land und wohl noch Schrecklicheres durch die Habgier, Grausamkeit und Falschheit des Feindes? So kam im Alter die Müdigkeit über sie und die Sehnsucht, einer Welt zu entfliehen, die soviel des Argen in sich barg. Sie ergab sich Gott; wer sich aber Gott ergibt, der wirft alle Hoffart von sich, und sein Denken und Tun ist Demut bis zur Selbstentäußerung. Sie will nichts mehr scheinen, sie fragt nicht nach dem Urteil der Welt. Diese Welt hat Christus geschmäht; sie will um seinetwillen auch geschmäht, verkannt und verhöhnt werden.

So deute ich mir die Empfindungen, welche die Markgräfin Augusta Sibylla am Schluß ihres Lebens leiteten. Soviel man eben deuten kann, denn das Rätselhafte in eines Menschen Brust bleibt uns verborgen und ist doch vielleicht das Ausschlaggebende für sein Handeln.

So ungefähr sprach ich zu den Kindern. Die Gedanken, wie ich sie ihnen ausdrückte, sind mir in der Hofkirche gekommen, die die Markgräfin erbaut und auf das kunstsinnigste ausstattet hat. Gleich beim Eingang rechts in dem kleinen Kapellchen ist ihre letzte Ruhestätte. Und eine schönere, weihevollere hätte sie sich nicht erwählen können. Ein jeder schreitet in der Vorhalle über die Bodenplatte, in die mit Messingbuchstaben jene Worte eingelassen sind: »Betet für die große Sünderin Sibylla Augusta 1733.«

Und indem ich für sie bete, kann ich nicht umhin, mich immer wieder mit ihrer seltsamen Wandlung zu beschädigen. In dem herrlichen Deckenfresko der Kirche ist die Auffindung und Verehrung des Kreuzes Christi durch Kaiserin Helena dargestellt.

Die fromme Kaiserin zog nach Jerusalem, um unter dem Schutte, der seit der Zerstörung der heiligen Stadt die geweihte Stätte bedeckte, das Kreuz des Heilandes aufzusuchen. Man grub drei ganz ähnliche Kreuze aus; welches mochte das richtige sein? Man ließ eine vornehme Frau aus der Stadt, die dem Tode nahe war, die drei Kreuze berühren. Schon hatte die Sterbende zwei Kreuze berührt, ohne Wirkung. Da sie das dritte berührte, stand sie auf und war gesund. Nun konnte für Helena kein Zweifel mehr sein; überglücklich sinkt die Kaiserin vor dem heiligen Kreuz in die Knie.

Diesen Augenblick bringt der Künstler in seinem Werk, und als Kaiserin Helena hat er die Erbauerin der Kirche, Markgräfin Augusta Sibylla, dargestellt, eine schöne, königliche Frau.

Sollte in dieser ihrer Beschäftigung mit heiligen Dingen, an ihrer offenbar genauen Kenntnis des Lebens der Heiligen, deren Abbilder überall an den Wänden und Decken der Kirche angebracht sind, sollte dieser Verkehr mit dem Überirdischen nicht den Grundstein gelegt haben zu dem späteren Leben der Markgräfin, so daß es ihr erging wie Saulus, der immer wieder von Christus gehört und so viel von ihm hörte, bis ihn einstens eine Stimme vom Himmel in Paulus, den eifrigsten aller Christus-Jünger, verwandelte.

Hat nicht auch Sibylla eine solche Stimme vernommen, wie alle jene, die plötzlich der Welt entsagt und ihr Leben Gott und der Einsamkeit geweiht? --

Eine solche Stimme, wie unbeschreiblich zwingend, wie niederschmetternd und von hoher Gewalt muß sie sein, daß sie den, dem sie ertönt, aus dem gewohnten Lebenskreis herausschleudert und eine an Herrschen und Wohlleben gewohnte Fürstin zur armen, büßenden Sünderin macht.

Nun habe ich mich wieder einmal ganz in meine Phantasien verloren, und mein armes Catonele, das all das lesen muß, wird kopfschüttelnd sagen: Was geht mich diese alte, vor mehr als hundert Jahren verstorbene Markgräfin Sibylla an? Nein, das sagst Du nicht, sondern lächelst in Deiner liebevollen Art, wohl wissend, daß Dein Nannele den Dingen eben gar so gern auf den Grund geht.

Noch zum Schluß die Ursache, warum Dortel durchaus des Sonntags dem Militärgottesdienst beiwohnen muß, was uns nämlich nicht so ganz paßt. »He nei,« sagte sie auf meine Frage, ob sie nicht ebensogut zu einer andern Zeit in die Kirche gehen könne, »he Gott bewahr, do hätt' ich jo nit der halb G'nuß, denn nur in der Militärmeß kann i's so recht spüre, wie sich unser Herrgott freut, wann's zur Wandlung trummelt.«

* * * * *

14. Oktober 1842.