Part 12
Mir kommt es oft vor, als habe sie das Zeug in sich zu irgendeiner Ausnahmestellung in der Welt. Sie wird schön, ist musikalisch wie ihr Vater; von ihrer Stimme, die jetzt hell und zart ist, sagt er, daß sie herrlich werden wird. Dazu diese Grazie, dieser Mut, diese Kraft und Entschlossenheit. -- Neulich auf der Landstraße fiel ein großer, schwerfälliger Metzgerhund über die beiden aneinandergeketteten Windhunde her, die Clothilde auf Schritt und Tritt begleiten. Sie kamen zu Fall, der Hund hielt sie mit beiden Tatzen fest. Ich wollte mit meinem Schirm herbeieilen -- zu spät. Schon hatte sich Clothilde über die Tiere gebeugt, und zu meinem großen Erstaunen gab schon im nächsten Augenblick der Unhold die Windspiele frei und torkelte davon.
Ich fragte, was sie ihm denn getan habe.
»Die Kehle zusammengedrückt«, erwiderte sie.
In den Lehrstunden leider nach wie vor der alte Starrkopf.
Man soll's halt nicht zu gut haben in diesem Leben.
* * * * *
J..., den 12. Dez. 1838.
Meine liebe Caton!
So haben wir kein Elternhaus mehr. Therese sagt, daß sich Vater ohne Unterlaß nach Mutter gesehnt und seine letzte Lebenszeit für ihn keine leichte gewesen sei. Wohl ihm, daß er erlöst ist -- für uns -- welch ein Verlust. Du mußt nicht sagen, daß Du von allen Kindern den Eltern am wenigsten habest sein können. Das ist nicht wahr, Caton. Sie labten sich an Deinem Glück und freuten sich alle Tage ihrer Enkel, wenn auch nur aus der Ferne. Nein, lasse Dir Deinen Schmerz nicht durch Gewissensbisse verkümmern. Das ist ja so unwesentlich jetzt, ob Du etwas mehr oder weniger geschrieben hast. Das rechnen Dir unsere lieben, gütigen Eltern im Jenseits ganz gewiß nicht an. Sie wollen nicht, daß wir verzweifeln, sondern in treuem, dankbarem Gedenken an sie unser Tagewerk mutig weiter tun.
Ja, das ist gut sagen; erst jetzt, fast vier Wochen nach unseres guten Vaters Tod, bin ich einigermaßen imstande, meinen Pflichten wieder Aufmerksamkeit zu schenken. Bisher tat ich, was ich mußte, ohne selbst irgendwelchen Anteil daran zu nehmen. Da fiel mir einmal in der Nacht ein, welch schlimme Folgen jener teilnahmlose Zustand damals nach Mutters Tod für meinen Beruf hatte, und daß ich gewiß viel vernachlässigte, was nicht wieder gutzumachen war. Denn hätte ich meinen Zöglingen Liebe statt Gleichgültigkeit geschenkt, wer weiß, ob nicht vieles besser geworden wäre. Die Kinder waren nicht böse, nur sehr verwöhnt.
So habe ich mich denn aufgerafft und bitte Dich, meinen verzweifelten Brief nach Vaters Tod nicht aufzubewahren wie die andern, sondern der Vernichtung preiszugeben.
Ich bin ja auch nun über Theresens Los beruhigter, seit ich weiß, wie liebevoll Freunde und Verwandte sich ihrer angenommen. Unsere Therese hat förmlich das Geriß. Frau von Schönau, Baurittels, Fromherzens, alle boten ihr eine Heimat an. Daß Therese vorzog, beim Onkel in Säckingen ihre Zuflucht zu suchen, ist mir eine ganz besondere Erleichterung. Die Stiftsmüllerin ist leidend und Burgele kaum imstande, mit der Pflege und dem großen Haushalt allein fertig zu werden. Da ist Therese recht am Platz, und ihrer vornehmen Seele wird das Bewußtsein, mehr zu geben als zu empfangen, eine stille Genugtuung sein.
Daß Hermann nun sein Auskommen hat als Referendär in Waldkirch, ist auch ein Lichtstrahl. So wollen wir denn zufrieden sein und dankbar. Das Leben geht weiter, und wir müssen mit ...
* * * * *
Ich will diesen Brief nicht abschicken, ohne noch eine liebe kleine Episode mitzuteilen, weil ich weiß, daß ich Dir damit eine Freude mache. Das Erscheinen des kleinen Rudi des Morgens im Hof ist nämlich ein Ereignis fürs ganze Haus. Sofort sind alle Mägde an den Küchenfenstern, sobald Rudis helles Stimmchen ertönt. Niemand kümmert sich um den dicken, kleinen Günther auf dem Arm der Bonne, Rudi ist der erkorene Liebling aller. Die Hunde stürmen ihm entgegen und werfen ihn auch gewöhnlich um.
»Ihr Sakra«, schreit der große Stallknecht und eilt herbei.
»I bitt, nicht schlagen, Sixtl,« fleht ihn Rudi an, »schau, sie können nichts dafür. Und gelt, Sixtl, i bitt, heb mich zur Köchin hinauf, ich muß ihr ein Handerl geben.«
Bis zur letzten Küchemagd, alle kriegen eines, und sie jubeln dem Kleinen zu, den der Sixtl hoch hält, und die Hunde streben an ihm hinauf, die Eltern stehen am Fenster, Clothilde und ich, und es ist ein Rufen, Winken, die Bonne will ihn weiter zerren, er fleht: »I bitt, laß mich allen guten Morgen sagen« und wirft Kußhändchen nach rechts und links. Und plötzlich steht der Baron unten und nimmt ihn auf den Arm und küßt und herzt ihn und fängt an zu schelten:
»So ein dummer Bub das -- immer ›i bitt, i bitt‹ -- den Soldat möcht ich sehen, den der Rudi abgibt. Was wird er zum Pferdl sagen: i bitt, i bitt. Wird's Pferdel gehorchen? 's wird grasen und geht nicht vom Fleck, 's wird denken, du bittst mir lang, ich lach dich aus. -- So einen dummen Buben hab ich.«
Und der Rudi drückt das Köpfchen gegen die Wange des Vaters und lacht und lacht und weiß recht wohl, wie's gemeint ist.
Ich wäre längst zu dem Resultat gekommen, Clothilde habe kein Herz, wenn dieses Kind nicht wäre. Aber mit Rudi kennt sie keinen Stolz, keinen Trotz, nur zärtliche, über alle Begriffe demütige Liebe.
* * * * *
10. Januar 40.
Tage des Schreckens liegen hinter uns. Rudi fing an zu husten: man brachte ihn zu Bett. Er bekam einen Kruppanfall, und der Baron fuhr schleunigst fort, um den Arzt zu holen. Ich nahm den kleinen Günther zu mir aufs Zimmer, um ihn vor Ansteckung zu bewahren. Die Baronin wich nicht von Rudis Bett.
Die Bonne lief schluchzend von einem Kind zum andern.
»Er wird ersticken, er wird ersticken,« jammerte sie, »wenn der Arzt nicht gleich kommt.«
Er kam. Alles war unten mit Rudi beschäftigt, ich allein bei dem Kleinen. Noch eben schien er mir gesund. Da mit einem Male schüttelte sich das Kind wie im Fieberfrost, und ein schrecklicher Husten, rauh, bellend, drang ihm aus der Kehle. Dann ein mühsames Atemholen, das Gesichtchen wurde dunkelrot, die Händchen klammerten sich an mir fest.
Was tun -- o Caton, es war entsetzlich -- ich läutete, es kam niemand, ich wußte nicht, sollte ich das Kind allein lassen. -- Der Glockenzug blieb mir in der Hand, als ich wiederum und allzu heftig daran zog, der Husten setzte von neuem ein, das Gesicht des Kindes färbte sich blau, es rang nach Luft. Auf mein Geschrei kam endlich die Bonne. Geisterbleich starrte sie auf das Kind. Ich stieß sie zur Türe hinaus. »Den Arzt -- den Arzt!« --
Und nun tat ich etwas -- gab mir's der Himmel ein -- oder was war's -- ich goß dem Kind das Öl des Nachtlichtes in den röchelnden Mund. Erst ein Würgen, dann ein Schrei -- und noch einer; nicht diese heiseren Töne mehr, die mich so erschreckt. Als der Arzt eintrat, schrie das Kind aus vollem Halse.
Er betrachtete den Kleinen, dann fragte er: »Was haben Sie getan?«
Ich sagte: »Er war am Ersticken, da goß ich ihm das Öl des Nachtlichtes in den Mund.«
»Das hat ihn gerettet.«
Aber es zeigte sich keine Freude. Der Baron und die Baronin standen, sich bei den Händen haltend, unter der Türe, bleich beide bis in die Lippen.
Draußen hörte ich Clothilde weinen, herzbrechend -- »Rudi, Rudi« --
»Rudi«, tönte es durchs Haus.
Da wußte ich -- er war nicht mehr.
* * * * *
J..., 14. Februar 1840.
Du hast mir wohlgetan, liebe Caton. Du tust immer wohl. Du hast so viel von der seligen Mutter. Ich bin fast ein wenig krank gewesen nach den tiefen Gemütsbewegungen in der letzten Zeit, da hat es mich recht erfrischt, als Deine kleine Predigt kam, mit der Behauptung, daß ich meine Kräfte für eine schöne, erfreuliche Zukunft aufzubewahren habe und sie nicht ganz für Fremde hingeben dürfe. Aber mir sind die Menschen, mit denen ich lebe, liebe Caton, nicht fremd, trotz der großen Verschiedenheit unserer Lebensanschauungen. Darum sind sie doch liebenswert. Auch habe ich viel bei ihnen gelernt. Denn seitdem ich mich frei in der gegebenen Form zu bewegen weiß und den letzten Rest kindischer Ehrfurcht vor diesen Äußerlichkeiten abgestreift habe, bin ich viel freier und sicherer in meinem Auftreten. So wird das Errungene gewiß auch meiner ferneren Laufbahn zugute kommen. Ich fühle immer mehr, wie dankbar wir unseren Eltern zu sein haben für den Geist der Freiheit und Duldung, den sie uns anerzogen. Das ist die Hauptsache, das übrige läßt sich lernen. Die Gegensätze in dieser Welt sind gewiß nicht durch Unduldsamkeit zu unterdrücken. Da fällt mir der kleine Rudi ein. Ich sah einmal, wie er die große, harte Faust des Stallknechtes Sixtus küßte. Der Mann grinste vor Verlegenheit, lachte verschämt und sagte, indem er mir die Faust hinstreckte: »Küßt hat er's -- er hat's küßt.« -- Beim Begräbnis unseres Lieblings mußte sich der starke, gewaltige Sixtus mit seinem Schmerz hinter die Friedhofsmauer flüchten, weil er zu laut war.
Du fragst, ob der Baron und die Baronin mir Dank wüßten, weil ich nach Ausspruch des Arztes dem kleinen Günther das Leben gerettet. Ob sie jetzt ganz anders seien? -- Aber Caton, aus Dankbarkeit seine Natur ändern, das wäre doch ein wenig zu viel verlangt. Es geht alles anscheinend seinen gewöhnlichen Gang weiter, und doch scheint mir in der Tiefe alles anders geworden zu sein. Der Sonnenschein fehlt. Man vermißt ihn auf allen Gesichtern. Wenn ich mich früher bemüht habe, der Tränen um den guten Vater Herr zu werden, jetzt werden verweinte Augen kaum mehr bemerkt, denn wer hat nicht geweint in den langen Nachtstunden?
Auch an meinem Zögling ist Rudis Tod nicht spurlos vorübergegangen. Es hat seitdem keine Szenen mehr in den Lehrstunden gegeben. Sie hört wenigstens zu jetzt, wenn der Gegenstand sie auch nicht interessiert. Neulich feierte sie ihren dreizehnten Geburtstag. Die Geschenke hatten kaum Platz auf dem großen Tisch inmitten ihres Zimmers. Im Hof wurde ihr ein neues Pferd vorgeführt, prächtig aufgezäumt, ein kleiner Korbwagen stand dabei.
Weißt Du noch, Caton, wir pflegten vor Rührung zu weinen, wenn wir eine Merinoschürze und ein schönes Buch bekamen.
Clothilde sah sich ihre Geschenke ruhigen Blickes an und sagte dann mit einem Seufzer:
»Jetzt ist's aus mit dem Elferl.« --
Ich wußte nicht recht, was sie damit meinte, aber dann sah ich mit einem Mal, daß irgend etwas an ihrem Wesen anders war. Ja, sie erinnerte mich plötzlich an ihre Mutter, ich weiß nicht recht inwiefern, aber ich konnte sie mir, was ich früher nicht gekonnt hätte, mit einem Mal als eine Gutsherrin vorstellen -- so wie ihre Mutter eine ist. Sie hat mir nie von ihrem Schmerz um Rudi gesprochen, aber sie schleppt den ganzen Tag das Rudi-Hündchen herum, das auch in der Nacht in ihrem Zimmer schlafen muß.
Wenn ich auch nicht imstande war und bin, aus Clothilden das zu machen, was ich gewünscht hätte, so geht es allmählich mit dem Hannerl so prächtig vorwärts, daß ich eine wirkliche Freude an diesem Kinde haben kann. Hier ist Entwicklungsfähigkeit in hohem Grade, nach einem langsamen, geistigen Erwachen. Clothilde war von Anfang an fertig. --
Ich muß Dir noch sagen, daß ich einen Brief aus Nancy bekommen habe. Marie hat sich verlobt, und Mutter und Tochter beschwören mich auf das liebevollste, im Sommer zur Hochzeit zu kommen. Das hat mich wirklich gerührt. --
Nun liegt der Brief schon acht Tage, und Du wirst mich der Schreibfaulheit zeihen, liebe Caton. Es kam so. Der Baron hat mich inständig gebeten, mich malen zu dürfen. Als er mit dem Bilde des kleinen Rudi fertig war, überkam ihn in seiner Untätigkeit von neuem die Verzweiflung, und die Baronin, die ihren Schmerz wie eine Heldin trägt, brachte ihren Mann auf den Gedanken, mich zu malen.
Nun ist er ganz eifrig dabei. Ich legte sogar für das Bild auf seine Bitte die Trauer ab und trage mein altes Blaues mit einem weißen Kragen.
Die Schülerinnen haben während des Malens ihre französische Konversationsstunde. Dem Baron ist das recht, besonders da ich mich dabei wenig rühre und hauptsächlich lausche.
Therese führt wieder einmal Klage, daß Schwester Caton nicht schreibt. Da muß ich ja ein wenig schelten. Sonst, Du kennst sie ja, klagt sie über nichts, aber ich lese ihr großes Heimweh aus jeder Zeile, aus jedem Wort, das sie schreibt. Eigentlich spricht sie nie von Säckingen, sondern immer nur von Freiburg -- von ihrem lieben, guten, himmlischen Freiburgle. --
Von eben diesem Freiburgle schreibt mir Lenchen, es sei die langweiligste Stadt geworden auf der Welt, und ich würde mich kurios wundern, wenn ich wiederkäme -- 's sei alles wie verschlafe, seit 's Villingers nimmer in Oberlinden wohnten mit ihrer Gastfreundschaft und ihrem Humor und den netten Herrle alleweil. -- Und sie hätten jetzt 's Dortel -- Dortel -- und alle Abend säßen sie beisammen in der Küch und heulten über die vergangenen Zeiten, und's Dortel blieb dabei: »I sterb nit, ehnd i unsri Kinder nit noch emal g'sehe -- und wenn i 's verzwinge müßt von unserm Herrgott.« --
* * * * *
J..., den 12. April 1840.
Caton, Caton, ach mir ist wie im Traum -- vor mir liegt ein Schreiben -- schwarz auf weiß steht in deutlichen Buchstaben, die Stelle der Vorsteherin der Rastatter höheren Töchterschule sei vakant, ob es mir beliebe, sie anzunehmen.
Erst habe ich müssen einen Gang durch den Park machen, so haben meine Hände gezittert und hat mein Herz gejubelt und doch auch wieder geblutet -- ach, daß die Eltern es nicht erlebt -- alle Kinder versorgt, alle eine Heimat. -- So viel des Glücks -- kaum zu fassen ...
In den Sommerferien werde ich erwartet -- die Schule ist im Rastatter Schloß, auch die Wohnung. Und denk dir mein Wirken darf in der Heimat sein. Das ist ja noch das allerschönste. Ich finde mich so gottbegnadet; mein ganzes Leben ging dahin wie unter einem Strahl der Güte Gottes.
Die Antwort nach Rastatt liegt schon da. Ich habe mich zusammennehmen müssen, um rein sachlich zu bleiben, denn meine Feder ist jetzt von einem Hymnus der Freude und Dankbarkeit von unten bis oben angefüllt. -- »Närrle« -- gelt, so würde Mutter sagen. --
Die Nachricht an Therese liegt auch schon da. Sie wird still weinen vor Glück. So ist sie. Und Hermann soll's auch gleich erfahren.
Nur vor einem bangt mir, Caton -- wie werden sie's hier aufnehmen? -- Es wird ihnen und mir nahgehen. Das weiß ich, und davor fürchte ich mich. Wie hat sich der Baron an meinem Bild abgeplagt, bis ihm der Ausdruck gelang, und nun soll ich's ganz sein, alle sagen's, ich auch. Und er hat es mir geschenkt, wobei seine Augen ganz feucht waren. Er dachte wohl an Rudi. Die Baronin sagte, sie wolle nicht zurückstehen, und steckte mir eine wundervolle Brosche an.
Und nun gehe ich mit solchen Gedanken unter ihnen herum.
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10. Mai.
Liebe Schwester, denke Dir, ich habe noch immer nichts gesagt, und es ist doch die höchste Zeit, wenn ich Anfang Juli reisen will. Ach Gott, wär's nur schon heraus!
Therese will nichts davon wissen, daß ich nach Freiburg komme und ihr beim Transport unsres Haushaltes beistehe. Das wolle sie alles allein machen, auch die Einrichtung in Rastatt sei ihre Sache. Ich müsse alles fix und fertig vorfinden, befiehlt sie.
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24. Mai.
Nun ist's heraus. Der Baron war ausgeritten; vor dem fürchte ich mich nämlich am meisten, die Baronin ist sachlicher. Also trat ich mit dem Rastatter Brief bei ihr ein und legte ihn vor sie hin.
Sie las und meinte aufblickend: »Aber Sie nehmen doch nicht an?«
»Ich muß es wohl, Frau Baronin,« gab ich ihr zur Antwort, »eine Schule ist das Ziel meines Lebens.«
»Aber Sie können uns doch nicht verlassen -- könnten Sie das wirklich, Liebe, um einer Schule willen? Was haben Sie von einer Schule?«
»Meine Selbständigkeit, Frau Baronin, und damit die Möglichkeit, meiner Schwester ein Heim zu bieten.«
»Ihrer Schwester?«
»Ja, sie ist durch Vaters Tod heimatlos geworden.«
»Davon sagten Sie uns nichts.«
Ich mußte ein wenig lächeln.
Die Baronin verstand sofort, sie wurde rot, sah einen Augenblick vor sich hin und streckte mir dann in herzlicher Freimütigkeit beide Hände entgegen.
»Was wir an Ihnen verlieren, läßt sich nicht ausdrücken.«
Tränen erstickten meine Stimme, ich ging.
Der Baron tobte, als er's erfuhr. »Das ist doch zu machen, das ist doch zu machen«, meinte er immer wieder.
Jeden Abend setzte ihm seine Frau auseinander, daß es nicht zu machen sei, und am Morgen stellte er seine Behauptung von neuem auf.
Wenn Therese nicht wäre, Gott weiß, ob ich nicht schwach würde. Clothilde ist ganz verstört, sie, die eigentlich nie ein herzliches Wort für mich hatte, zerschlug ihre Reitpeitsche an der Stuhllehne, als sie von meinem Entschluß hörte, und lief dann in den Park, um sich den ganzen Nachmittag nicht mehr sehen zu lassen. Hannerl saß allein in der französischen Stunde und konnte vor Weinen weder lesen noch sprechen.
Der Baron stürzte herein: »Wo ist Clothilde -- sehen Sie, was Sie anstellen, Fräulein Villinger -- was soll denn aus diesen Mädels werden. Ich frage Sie, können Sie das verantworten? Das Kind wird sich im Park totweinen.« --
Er stürmte davon.
* * * * *
Es läßt sich nicht sagen, wie sie mich quälen. Aber gottlob, an der Baronin habe ich einen Halt. Sie hilft mir wahrhaft mit ihrer Ruhe und macht mir das Scheiden insofern leichter, als sie mir sagte, sie wolle Hannerl im Hause behalten und von einer neuen Gouvernante absehen. Übers Jahr soll Clothilde dann in dasselbe Institut kommen, in dem sie ihre Mädchenjahre zugebracht, und Hannerl mit ihr.
Ob ich zufrieden sei, setzte sie hinzu.
Ich konnte ihr gar nicht genug danken, indem ich ihr sagte, daß auch Hannerls Zukunft mir am Herzen liege. Wir redeten wie Freundinnen über beide Kinder und auch der Baron hat seinen Trotz aufgegeben, weil ich versprochen, noch bis Anfang August zu bleiben.
Wir lachen auch wieder, und oh, wie bin ich froh, daß ich den Empfindungen meines sich oft beleidigt fühlenden Stolzes nie Worte verliehen und mir die Anerkennung, die ich zu verdienen glaubte, nicht zu ertrotzen versucht. Jetzt fällt mir alles von selbst in den Schoß und wahrlich, mehr Liebe fast, als ich wünsche.
* * * * *
Rastatt, den 20. Oktober 1840.
Endlich eine freie Stunde! O Caton, ich bin wieder in unserm Ländle, ich atme Heimatluft, die Heimatsprache tönt mir auf Tritt und Schritt ins Ohr. Sie ist nicht schön, ich weiß wohl, lieber Schwager. Aber auf meinen Knien danke ich Gott, daß ich sie wieder hören darf und das heiß ersehnte Ziel erreicht habe. Solche eine Stunde zu erleben, wie die Post vor dem Gasthaus hielt und Therese dastand -- leibhaftig stand sie da, unsre liebe, liebe Schwester. Und's Dortel denke Dir, unsre Dortel aus dem Elternhaus. Ich zitterte, als ich aussteigen wollte. Da nahm sie mich in ihre Arme und stellte mich, als sei ich ein kleines Kind, vorsichtig auf die Erde. Alsdann schritt ich an Theresens Arm durch die breite, sonnenbeschienene Gasse, sah wie durch einen Schleier niedrige Häuslein, zwischen denen große, stattliche Brunnen auftauchten.
»Nannele,« sagte Therese, »gib acht, gleich biegen wir in die Schloßstraße ein.«
Mir klopfte das Herz. Noch ein paar Schritte, und vor mir lag meine künftige Heimat. Prachtvoll, in der Abendsonne, wie in Blut getaucht, stand das Großherzogliche Schloß da. Ein rampenartig ansteigender Zugang führt zum Vorplatz hinan, dessen Balustraden aus Sandstein geformte Statuen schmücken.
Der Bau zeigt den späteren Barockstil. Lieber Schwager, Sie hätten Ihre Freude an dem reichen architektonischen Schmuck dieses doch wieder in einfacher Schönheit prangenden Baues, dessen Kuppel auf seiner höchsten Spitze den blitzeschleudernden Jupiter trägt.
Es würde zu weit führen, wollte ich mich auf eine Beschreibung dieses mächtigen, in Hufeisenform angelegten Schlosses einlassen. Ich ziehe vor, Ihnen gelegentlich davon eine Zeichnung zu verfertigen, so wie ich's eben kann. Freilich, die wundervollen, leider zum Teil schon recht beschädigten Stuckarbeiten an den Wänden und der Decke des Vestibüls entziehen sich einer Wiedergabe. Überhaupt, als ich diese Flucht von Sälen durchwanderte, mit den prachtvollen Familienbildern an den Wänden, und überall, besonders im Ahnensaal des markgräflichen Hauses, mir die Trophäen des Erbauers begegneten, des Türkenbezwingers Ludwig -- ganz betrübt wurde mir zumute, so wenig imstande zu sein, Euch dieses Schlosses Herrlichkeit zu beschreiben. Es brauchte dazu eines eingehenden Studiums, nicht nur des Baues, auch der Geschichte seiner ehemaligen Erbauer, wozu mir wenigstens fürs erste alle Zeit fehlt. Denn Ihr könnt Euch wohl denken, liebe Geschwister, ein ganzer Berg liegen gebliebener Arbeiten wartet der neuen Vorsteherin. Ich bin darum leichter über den Abschied weggekommen. Der Baron und die Baronin waren nicht minder bewegt als ich, als sie mir zum letztenmal die Hand schüttelten. Besonders der Baron brachte nicht ein Wort über die Lippen. Ich auch nicht. Hannerl lief noch ein ganzes Stück laut weinend neben der Post her, und es brauchte eine lange Zeit, ehe ich imstande war, meinen Tränen Einhalt zu tun. Daß Clothilde im letzten Augenblick nicht zu finden war und ich abreisen mußte, ohne ihr Lebewohl gesagt zu haben, hat mich geschmerzt, auch weil ich mir eingestehen mußte: du gehst, ohne daß es dir gelungen ist, dieses Kind, das dir anvertraut war, kennen gelernt zu haben. Ist sie gut, ist sie nicht gut -- du weißt es nicht.
Aber wie gesagt, die Arbeit, die ich hier vorfand, die Pflichten, denen ich mich mit heißem Eifer hingebe, das alles bringt mir jene Zeit mehr und mehr in Vergessenheit, und nur das liebe, herzige Rudi-Stimmle mit seinem »i bitt« tönt mir noch als das lieblichste und vielleicht einzig Unvergeßliche aus jenen Tagen.
Therese hat Dir geschrieben, liebe Caton, daß wir ja nun Lenchen in unser nächsten Nachbarschaft in Baden haben. Mit dem Tod ihrer Mutter bleibt ihr nichts andres übrig, als ihre Zuflucht bei der verheirateten Schwester zu nehmen. Sie hat uns neulich besucht.
»Weisch, Nannele,« sagte sie zu mir, »ich bin halt jetzt's fünft Rad am Wage, aber ich tu nit krächze, ich lach -- und mach d' Kommissionen und klatsch ein bißle. Was soll ich sonst mache; aber jetzt, da du in der Näh bisch, mein' ich alle mal beim Aufwache, ich hab's große Los g'wonne.« --
Wie leid tut mir's, daß sich Lenchens Los nicht anders gestaltet hat. Für mich ist und bleibt sie ein Stückle Heimat, und wir wollen beisammen sein, so oft es geht.
Denke Dir, Monz schickte mir als Einweihungsgeschenk ins neue Heim Goethes Gedichte. Aber o Himmel, auch seine eigenen Gedichte mit dazu. Und was das ärgste ist, wünscht meine Meinung über beide Bücher zu erfahren. Einen einzigen Blick habe ich in das seine getan und schwelge seither, so oft ich einen freien Augenblick habe, in Goethes Gedichten. Gott, es ist eine Beseligung! Im Anfang machte es mir fast Gewissensbisse, stundenlang über einem Buch zu sitzen. Aber wie schnell gewöhnt man sich an die langentbehrte, eigentlich nie besessene Freiheit.
Und weißt Du, Theresens leichten Schritt im Nebenzimmer zu hören, wie sie kommt und geht und sorgt und mir sogar des Morgens das Frühstück aufs Zimmer bringt.
»Bleib nur liegen, Nannele, ich bring dir's Kaffeele ins Bett.« --
So was wieder zu hören und miteinander des Abends nach Herzenslust von unseren Lieben plaudern zu können bei der Näherei, denn ich muß ganz neu ausstaffiert werden, da ich mir seit Jahren nichts angeschafft habe und mein bestes schwarzes Kleid nun schon gehörig spiegelt.
Ich höre meine liebe Caton in höchster Ungeduld ausrufen -- »aber wie und wo wohnt ihr denn, meine Schwestern? Wie geht's mit der Schule, mit deinem Umgang -- gibt es so nette Leute in Rastatt wie hier in Celle?«