Part 11
Im Posthause trank ich Kaffee, setzte mich neben den Postillion, und fort ging's unter lustigem Blasen. Als ich die Stadt hinter mir hatte, hätte ich gern geweint vor Erleichterung, aber ich schämte mich ein wenig vor dem jungen Burschen neben mir und schenkte ihm lieber einen Sechser, damit er sich eine gute Zigarre kaufe. Ich drückte mich in meine Ecke, schlief viel und sah wenig von der Welt. Dachte wohl auch der Zeit, als ich zum erstenmal mit so lebhaftem Interesse in der Postkutsche davonfuhr und mich jedes Menschenkind interessierte. Wie müde hat mich meine kurze Gouvernantenlaufbahn schon gemacht!
Also nun geht's ins Bayerische, gleich an der württembergischen Grenze. Ich werde dann nach meiner Ankunft Vater schreiben und, wie mein neuer Aufenthalt auch ausfallen mag, nur solches berichten, was unsern guten Vater über mein Schicksal beruhigen kann.
Dir, liebe Caton, schreibe ich dann erst, wenn ich das, was mich erwartet, ruhigen Gemüts zu beurteilen vermag.
So leb' denn wohl, meine gute Caton, grüß Deinen lieben Mann und küß mir Deine Büble.
Deine Anna.
* * * * *
J... (Bayern), 29. April 1838.
Meine liebe Schwester!
Eure herzliche Teilnahme an meinem Geschicke hat mich innig gerührt: ich wußte es wohl, daß mir solche, mit dem besten Rat verbunden, von Euch werden würde, weshalb ich mich ja auch so offen gegen Euch abgesprochen. Aber nun, Gott sei Dank, kann ich diesmal bei weitem Angenehmeres berichten als bisher. Ja, wahrhaftig, ich atme, ich lebe auf, denn ich hätte mir eine erfreulichere Herrschaft kaum auszudenken vermocht. Der Baron, schön, heiter, ist geradezu mit Talenten gesegnet. Er hat eine prachtvolle Stimme, und seinem Gesang und seinem Klavierspiel zu lauschen, ist ein großer Genuß. Es ist auch ein Genuß, ihn auf dem Pferde sitzen zu sehen. Der eleganteste Reiter, aber sein Aussehen kümmert ihn nicht im geringsten. Er trägt einen dunkelgrünen Jagdkittel, Kniehosen, graue Strümpfe, auf dem Kopf eine zerknitterte Mütze mit einem verschossenen, grünen Band. Eine Anzahl Jagdhunde begleiten ihn, wo er steht und geht. Er regiert sie mit einem Blick. Im Park macht er sich an den Bäumen zu schaffen, die ihm so lieb sind wie seine Hunde. Zuweilen auch galoppieren zwei, drei Pferde ohne Sattelzeug um ihn herum, und man hört ihn mit ihnen sprechen wie mit einem Menschen.
Im großen Saal, dessen Laden gewöhnlich geschlossen sind, und dessen gelbdamastene Kanapees und Lehnstühle unter weißen Houssen stecken, hängen die von der Hand des Barons gemalten Familienbilder. Ich weiß natürlich nicht, wie ein Künstler von Beruf diese Porträts beurteilen würde; ich für meine Person finde sie erstaunlich und bei weitem hervorragender als die der Amalie von Berg. Wie er den Ausdruck, den Charakter trifft, bewundere ich am meisten. Geradezu ein Meisterstück ist das Bild seiner Tochter, meines Zöglings.
Ach, Caton, dieses Kind; wenn ich aufwache, wenn ich zu Bett gehe, immer liegt es mir wie ein Alp auf der Seele: Werde ich mit diesem unberechenbaren Geschöpf fertig werden oder nicht?
Sie ist jetzt zwölf Jahre alt. Als der Baron sie malte, war sie zehn. Elferl nennt er sie, und mit Recht; schlank wie ein Gertlein, den Kopf voll brauner Locken, große, dunkle, leidenschaftliche Augen, der Mund trotzig. Wie eine kleine Elfe steht sie da, schon halb auf der Flucht ins Waldesdickicht, das den Hintergrund des Gemäldes bildet.
Das Bild der Baronin ist konventionell. Auf dem schweren, weißseidenen Kleid spielen helle und dunkle Lichter. Der Hals des schmalen, fast zu ernsten Gesichtes ist von einer feinen Spitzenkrause umschlossen. In schweren Flechten liegt das dunkle, leicht gekrauste Haar um ihren Kopf. Diese Frisur trägt sie immer. Sonst, wenn ich des Morgens meine Promenade mache, sehe ich die Baronin im kurzen Rock und hohen Reitstiefeln, auf dem Kopf ein Hutexemplar, nicht schöner als das des Gatten, und gleich ihm von einer Anzahl laut bellender Hunde gefolgt, das Haus verlassen. Einmal habe ich um Erlaubnis gebeten, sie begleiten zu dürfen. Etwas abseits, rechts vom Schlosse, liegen die Ökonomiegebäude. Langgestreckte Ställe in einem großen Hof, Wohnungen der Dienstleute, Obstgärten und Wiesen rings umher. Der Verwalter erwartet die Baronin am Parktor. Gleich dahinter ist das Forsthaus. Im ebenerdigen Raum, dessen Wände unzählige Hirschgeweihe zieren, nimmt die Baronin die Berichte ihrer Untergebenen entgegen. Sachlich, kurz, fast streng klingt ihre Rede. Die Leute stehen im tiefen Respekt vor ihr. Gleich unterbricht sie, wenn deren Rede auch nur einen Schein von Unklarheit enthält. Große Rechenbücher liegen auf dem Tisch. Weiber, die Klage zu führen haben, werden vorgelassen. Die Baronin geht in die Häuser der Klagenden. Wehe diesen, wenn die Reinlichkeit zu wünschen übrig läßt, die Kinder schlecht gehalten sind. Ich war schon dabei, wenn neue Leute engagiert worden sind, Männer und Frauen; Fragen und Befehle der Baronin sind haarscharf, jeder weiß sofort, was er zu tun und zu unterlassen, wem er zu gehorchen hat. Der Baron ist bei solchen Anlässen nie gegenwärtig. Er malt, er reitet, befindet sich in seinem Park, in seinem Jagdrevier. Sie tut die Arbeit. Und was so wunderschön ist, keines beugt sich vor dem andern, ganz klar und wahr geben sie sich, verstehen sich und lächeln übereinander.
»Mama,« kann er zu ihr sagen, wenn sie von ihrem Morgengang zurückkommt, »du bist wohl wieder bei jeder Kuh im Stall gewesen, so sehen deine Stiefel aus.«
Und sie nickt und sagt: »Ja, Rudi, bei jeder Kuh.«
Auch ich genieße eine Freiheit, wie ich sie bisher nie gekannt. Komme ich von meinem Morgenspaziergang nach Hause, finde ich Punkt acht Uhr das Frühstück auf meinem Zimmer, das groß ist und luftig, und in dem ausrangierte, aber prachtvolle, uralte Möbel stehen, Lehnstühle, in denen man förmlich ertrinkt, ein Schreibtisch, an den sich drei Menschen nebeneinandersetzen könnten, und der so viele Fächer und Schubladen hat, daß ich sie noch gar nicht gezählt habe. Ich bewohne eine Giebelstube, von der aus ich das ganze Anwesen so ziemlich übersehe: Im Schloßhof den Springbrunnen, die Hundezwinger und dahinter den prächtigen, wohlgepflegten Park. Durch eine Gittertür geht's in den Wald, der mächtig ansteigt; links davon kann ich das Dorf sehen. Mein Weg führt mich oft durchs Dorf, dessen Kirchlein inmitten des Friedhofes ein Turmdach hat wie eine Zwiebel. Das Pfarrhaus daneben, zweistöckig, ragt hoch über die niedrigen Bauernhäuschen. In dem unteren Stockwerk wohnen Schullehrers. Der Pfarrer mit der »Tant'« bewohnt das obere Stockwerk.
Die Lehrersfrau kommt immer schnell aus dem Haus gelaufen, wenn sie mich sieht, an den Füßen Holzschuhe, den Putzlumpen hält sie hinten am Rücken.
»I bitt,« redet sie mich an, »gelt', machens Hannerl recht schön gebüld -- wissens, 's soll halt a so e Gouvernant'n werd'n wie Sie, so will's der Mann; o mei, ihm is halt d' Büldung so gar viel wert. I bin nit gebüld', aber er laßt mich's nie nit merk'n -- i schaff halt, daß sie's gut hab'n, die zwei, nur halt ins Schloß kann i nit z'weg'n der Büldung.«
So ungefähr ist der Dialekt hierzulande, natürlich nur ungefähr.
Das Lehrerstöcherchen nimmt nämlich die französischen Stunden im Schloß mit, ein braves, schwerfälliges Kind, mit weit vom Kopf abstehenden Zöpfen und hochrotem Gesichtchen.
Der Lehrer, ein rührend bescheidenes, spindeldürres Männle, ist zuweilen des Sonntags mit dem Pfarrer und dessen »Tant'« zum Abendessen ins Schloß eingeladen. Stotternd entschuldigt er jedesmal seine Frau, sie könne halt wieder nicht kommen, sie habe 's Zahnweh.
Worauf des Pfarrers »Tant'«, de unbewußt laut zu denken pflegt, jedesmal sagt: »Die Zähn' sein's nit, 's ist der Anstand, den s' nit hat.«
Der Lehrer hört während des ganzen Essens nicht auf, sich für alle möglichen Wohltaten zu bedanken. Zuerst beim Baron, der ihn aber gleich unterbricht: »Schon gut, schon gut, was bilden Sie sich nicht alles wieder ein, ich bin ja ganz unschuldig.«
»Ach nein, nein, Herr Baron, das sein S' nie, nie«, ereifert sich der Lehrer, alsdann richtet er seine Danksagungen an die Baronin.
Zuletzt kommt's an mich, indem er mir mit feuchtschimmernden Augen immer von neuem versichert: »Wissen S', was Sie für mein Hannerl tun, heilig möcht' ich Sie nennen, heilig!«
Inzwischen läßt sich's der Pfarrer prächtig schmecken, und sobald er den Teller füllt, seufzt die Tant': »O mei, schon wieder, und ich muß zuschaun und vertrag nix nit.«
Es wird von der Predigt gesprochen, die man am Morgen gehört, und die die Schloßherrschaft ungemein befriedigt hat. Auch der Lehrer bekommt sein Kompliment für Orgelspiel und Kindergesang während der heiligen Messe. Das Wohl und Weh der Dorfleute wird in Betracht gezogen, wo's dem einen fehlt, was dem andern nützlich wäre, die Gesundheit des kleinsten Kindes ist wichtig. Gleich sagt der Baron: »Ich hol' den Doktor.« Sie sind mir dann so lieb, denn ist es nicht ihr höchstes Bestreben, die Menschen, die von ihnen abhängen, glücklich zu machen?
Freilich, was sonst in der Welt vorgeht, davon ist nicht viel die Rede. Auch mit den Standesgenossen, die im Schloß verkehren, dreht sich die Unterhaltung meist um Alltägliches; zuweilen auch wird die Politik berührt, aber nur vorübergehend. Was ein gutes, herrliches Buch für die Welt bedeutet, davon scheint hier niemand eine Ahnung zu haben. Wenn ich gefragt würde, für was ich mich interessiere, was ich schon erlebt, ich könnte es ihnen gar nicht sagen; denn mein Denken und Erleben und was ich an Begeisterung empfunden, kommt mir fast selbst überschwenglich vor in diesem eng umschlossenen, selbstsicheren Kreis.
Ach, einmal wieder unter meinesgleichen ich selbst sein dürfen -- Caton, Caton, ob ich's erlebe? --
Und doch, wie anders lerne ich die Menschen kennen durch dieses intime Zusammenleben, als wenn ich nur von ihnen hörte. Wirklich, man sollte nicht so leichthin aburteilen, wenn es sich um Menschen andrer Kreise handelt. Wir wissen gar nichts, wenn wir nicht unter ihnen gelebt haben.
* * * * *
Wenn ich nur ein wenig mehr Freude an meinen Zöglingen haben könnte! Clothilde haßt jeden Zwang und will immer fertig sein. Hannerl ist nicht vom Fleck zu bringen, ehe sie nicht eine Sache kapiert hat. So muß ich immer nur vermitteln zwischen diesem so ganz und gar ungleichmäßigen Gespann.
Noch schlimmer ist's, wenn ich Clothilde allein habe. Ihre schönen, leuchtenden Augen werden, sobald die Rechenstunde beginnt, zu dunkel blitzenden Unsternen. Sie hört nicht, begreift nicht, will nicht begreifen.
Um meine Autorität als Lehrerin nicht zu verlieren, halte ich an mich mit aller mir zu Gebote stehenden Macht, mit Sanftmut meine Lektion immer wieder von neuem wiederholend. Umsonst. Meine Versuche, an Clothildens Pflichtgefühl zu appellieren, scheitern ebenfalls. Es ist ein unglückseliger Zufall, daß, wenn Clothildens Mutter in den Lehrstunden erscheint, jene oft gerade ihren starrköpfigen Paroxismus hat. Dann fällt der Hauptfehler auf die Gouvernante, die keine Autorität zu behaupten, keinen Gehorsam einzuprägen weiß. Das Kind wird durch eine sinnliche Entbehrung gestraft, die Gouvernante aber hat die moralische Folter zu bestehen, ihrer Aufgabe nicht zu genügen.
Es war gerade nach einem solchen Vorfall eine Landpartie projektiert, wozu mich die Baronin einladen ließ.
Nach dem, was geschehen, hatte ich nicht die geringste Lust, daran teilzunehmen, und ließ danken. Auch sollte die Baronin wissen, daß ich nicht gleichgültig gegen ihren Tadel bin, daß ich zwar wie ein Stein schweigen könne, aber nicht selber einer sei.
Es klopfte an meine Tür, und der Baron kam mit Clothilde.
»Wissen Sie, Mama muß eben ein wenig zanken,« sagte er, »ich werde ja auch den ganzen Tag gezankt. Das macht doch nichts! Nun, was habe ich dir gesagt, Elferl,« fuhr er in liebevollem Ton seine Tochter an, »wirst du gleich --« --
Sie reichte mir die Hand mit einem: »Bitte, verzeihen.«
Ich wollte nicht empfindlich erscheinen und beeilte mich, dem Drängen des Barons: »Schnell, schnell, machen Sie sich fertig« Folge zu leisten.
Die Fahrt ging durch Wälder und Dörfer. Überall lachte uns der Frühling entgegen, und seine zwingende Macht ließ mich bald alles vergessen, daß ich froh wurde wie ein Kind. Hatte ich doch den kleinen Rudi zur Seite, der sonst mit seinem jüngeren Brüderchen ganz der Fürsorge der Bonne anheimgegeben ist, die schon ein schiefes Gesicht schneidet, wenn ich mir nur ein Händchen von ihm geben lassen will. Er ist zart, und seine großen Augen quellen über in unendlicher Liebe für alles Lebende.
Immer wieder suchte sein Blick die laut kläffend hinter dem Wagen her eilenden Hunde. »I bitt, Papi, nicht so schnell,« bat er, »schau, wie sie laufen -- das ist doch gewiß nicht gesund.« --
Der Baron lachte und fuhr langsamer.
Ein Wagen kam des Weges, hoch beladen mit Säcken. Ein magerer Gaul zog ihn müde einher.
»Zieht das Pferd gern so schwer?« erkundigte sich Rudi. »Man muß es fragen. Halt an, Papi, ich steige schnell aus« --
Da der Baron weiterfuhr, vergoß Rudi bittere Tränen, wurde jedoch durch eine Schar barfüßiger Kinder schnell von seinem Schmerz abgelenkt. Die Kleinen knicksten vor der Herrschaft. Clothilde warf ihnen Backwerk zu. Rudi aber erkundigte sich voll Besorgnis: »Tun ihnen die Steine nicht weh am bloßen Fuß? Wir müssen ihnen Schuhe schenken, Papi.« --
Die Fahrt ging weiter, und ich suchte Rudi mit der Versicherung zu beruhigen, daß Barfußgehen ein Vergnügen für die Kinder sei.
»Wir wollen sie fragen«, sagte er etwas ungläubig.
Das geschah sofort, als wir vor einem Dorfwirtshaus ausstiegen. Kinder umstanden den Wagen, und Rudi ging auf das erste beste kleine Mädchen zu.
»I bitt, gehst du gern barfuß?« fragte er, dabei artig das Hütchen ziehend.
Über und über rot, nickte die Kleine lebhaft mit dem Kopf, auch die andern Kinder nickten lachend.
Da kam er selig auf mich zugelaufen: »Sie gehen gern barfuß.«
Das ganze Haus lief zusammen, um die Herrschaft zu begrüßen, und da war niemand bis zur zahnlückigen Köchin, dem nicht ein liebenswürdiges Wort zuteil geworden wäre.
Der Pfarrer kam, der Lehrer und seine Familie; in kurzer Zeit war die ganze Wirtsstube voll Menschen, die alle zum Kaffee eingeladen wurden.
Ein sonderbarer Umstand drang mir eine schmerzliche Erinnerung an die selige Mutter auf. Der Wirtin, die das blau und rot gewürfelte Tuch über den langen Tisch ausbreitete, strahlte ein so herzliches Wohlwollen aus den braunen Augen, daß ich für einen kurzen Augenblick die Mutter vor mir zu sehen glaubte. Ich konnte mich nicht bemeistern und zog mich deshalb von der fröhlichen Gesellschaft unbemerkt in eine Fensternische zurück, wo ich weinen mußte. Ein lautes Aufschluchzen brachte mich in die Gegenwart zurück. Rudi hielt mich umfaßt. »Sie weint,« schrie er, »sie weint, kommt schnell, schnell und helft, daß sie nicht mehr weint.« --
Der Baron und die Baronin waren sofort an meiner Seite und fragten mich, was mir fehle. Ich gestand ihnen, um nicht mißdeutet zu werden, was mich betrübte; sie nahmen den herzlichsten Anteil, führten mich zum Tisch zurück, und ich gab mir alle Mühe, mein unstatthaftes Benehmen durch besondere Heiterkeit vergessen zu machen.
Die Baronin fragte mich, wie lange es her sei, daß ich Mutter verloren. Ich sagte ihr, daß es zwei und ein halbes Jahr sei, und ich weiß nicht, wie's kam, ich fing an, von Mutter zu reden. Wie lange habe ich das ersehnt, einmal von zu Hause reden zu dürfen, von unserm schönen Leben -- unserer Heimat -- o Caton, gibt es eine schönere -- von der Herzlichkeit zwischen Eltern und Kindern -- wie wir arbeiteten und doch wieder Zeit hatten zu allen möglichen herzerquickenden Zerstreuungen -- von unserm Verkehr mit den Professoren der Universität -- und wie eben immer und überall die Mutter den Mittelpunkt bildete, und nicht nur die Eigenen, auch alle, die ins Haus kamen, an diesem warmen, menschenfreundlichen Herzen eine Heimat fanden.
Da fiel mir ein -- hast du nicht zu viel gesprochen? Der Pfarrer und der Lehrer schauten mich wohl alle gütig und voll Verständnis an, aber die Baronin -- bei ihrem Anblick erfaßte mich plötzlich ein Gefühl der Beschämung.
Daß ich doch immer noch nicht hinlänglich genug Lebensweisheit besitze und gleich bereit bin, mich durch ein freundliches Wort, einen freundlichen Blick zu allzu großem Vertrauen hinreißen zu lassen.
In diesem Augenblick ging die Tür auf, und ein großgewachsener, gebietend blickender Herr trat über die Schwelle. Er wurde vom Baron mit dem Ausruf: »Was, Graf, Sie sind wieder hier?« begrüßt.
Dem Grafen war ein ungemein langer und schmaler Jüngling gefolgt, dem Arme und Beine wie lose am Körper zu hängen schienen, so daß ich Mühe hatte, nicht zu lachen, als Clothilde ausrief: »Da kommt der Hampelmann!«
Es wurde nun ganz anders. Der Graf vertiefte sich, ohne von der übrigen Tischgesellschaft Notiz zu nehmen, mit dem Baron und der Baronin in ein Gespräch über Pferde. Der Pfarrer und der Schullehrer verabschiedeten sich unter linkischen Verbeugungen. Ich selbst kam mir nicht weniger überflüssig vor. Sonderbar -- wehe uns Bürgerlichen, wenn es uns am richtigen Benehmen den Adligen gegenüber gebricht. Aber wissen diese sich uns gegenüber immer richtig zu benehmen?
* * * * *
+Später.+
Du siehst, liebe Caton, es fehlt mir nicht an Zeit zum Schreiben. Ich habe hier nicht, wie in meiner letzten Stelle, mich neben der Erziehung der Kinder um einen unordentlichen Haushalt zu kümmern, und bin nicht, wie in Nancy auf Schritt und Tritt an meinen Zögling gekettet. Clothilde eilt nach ihren Lehrstunden mit ihren vierfüßigen Freunden in den Park oder reitet mit den Eltern aus. Sie setzen dann nacheinander mit ihren herrlichen Pferden über das Parktor weg, das laut kläffende Hundevolk hinterher. Ein ganz herrlicher Anblick.
Ich wollte Dir aber noch von einem merkwürdigen Erlebnis am Schluß jenes Ausfluges erzählen.
Ich hatte die Wirtsstube mit Clothilde verlassen, als uns der junge Graf nachkam.
»Noch so ungnädig?« fragte er.
»Immer und ewig«, gab ihm Clothilde zurück und lief wie der Blitz in den Wald hinein.
Der junge Mann wandte sich mit einem Lächeln an mich: »Lassen wir den Wildfang laufen, wir wollen uns ein wenig unterhalten. Wissen Sie, die Jugend hat eigentlich gar keinen Reiz für mich. Ernste Frauen sind mir lieber. Ich möchte sehr gern lange und ernst mit Ihnen -- zum Beispiel über die Liebe sprechen.«
Ich nahm mich sehr zusammen, um so ernsthaft wie möglich zu antworten: »Sie sind sehr liebenswürdig, Herr Graf, vielleicht ein anderes Mal, jetzt ruft mich die Pflicht« -- ließ ihn stehen und eilte in den Wald hinein, nach meinem Zögling rufend.
Ich fand ihn lange nicht, endlich machte mich ein Kichern aufsehen. Clothilde saß auf einem Baumzweig, sich lachend darauf hin und her schaukelnd.
»Wenn er bricht«, schrie ich auf.
»Dann bin ich um so schneller unten.«
Es tat einen Krach -- mehr fliegend als fallend stand sie im nächsten Augenblick triumphierend vor mir.
Es war gut abgelaufen; ich tat ihr nicht den Gefallen, ihr meine Angst zu zeigen, sondern wendete mich von ihr ab, um weiterzugehen.
Sie hielt mich plötzlich fest: »Fräulein Villinger, würden Sie einen Hampelmann heiraten?«
Ihre Augen glühten, sie sah mich wie gewissenerforschend an.
Ich hielt ruhig stand: »Wie kommst du auf diese Frage?«
»Weil ich ihn heiraten soll«, sprach sie in hartem Ton.
Ich zog ihre Hand in meinen Arm, und wir gingen nebeneinander her im leise rauschenden Wald; die Vögel sangen von allen Zweigen.
»Horch, wie schön,« sagte ich, »mein Gott, Kind, was geht dich denn jetzt schon das Heiraten an -- so genieße es doch, daß du noch ein Kind sein darfst -- oh, wenn ich's nur für eine Stunde wieder sein dürfte, wie wollte ich mich freuen.«
Eine Weile war es still, dann stieß Clothilde in heißem Zorn hervor: »Aber die Gouvernante, die vor Ihnen da war, hat es mir doch gesagt.«
»Was hat sie dir gesagt?« drang ich in sie.
»Daß es die Eltern ausgemacht, ich müsse den Hampelmann heiraten, den ekelhaften.«
»Woher wollte sie das wissen, Kind?«
»Sie hat gelauscht.«
»Großer Gott«, fuhr es mir durch den Kopf.
Ich hatte bisher immer nur das Los der Erzieherinnen bedauert. In diesem Augenblick wurde mir klar: Wem vertrauen die Eltern ihre Kinder oft an?
Clothilde gegenüber nahm ich die Sache leicht. Bei ihr muß jeder Gemütston vermieden werden.
»Hast du nie von Menschen gehört, die sich allerlei einbilden und schließlich meinen, es sei wahr?« fragte ich sie. »Denn niemals glaube ich, daß deine Eltern so etwas untereinander ausgemacht. Da kenne ich sie besser. Oder es könnte auch sein,« setzte ich hinzu, »frage dich einmal, mein Kind, hast du jene Gouvernante vielleicht in der Rechenstunde auch so gequält wie mich?«
Sie gab keine Antwort.
»Nun, dann hat sie sich am Ende ein wenig rächen wollen, weil sie merkte, daß du den Hampelmann nicht magst.«
Ob sie meinen Worten Glauben schenkte, war an nichts zu ersehen, aber ich nahm mir vor, mit den Eltern über diese Angelegenheit zu reden.
Nach dem Abendessen, wenn Clothilde gute Nacht gesagt, halten mich die Eltern zum Plaudern zurück. Besonders der Baron. »Erzählen Sie uns doch etwas, Fräulein Villinger; ich könnt' Ihnen den ganzen Tag zuhören«, behauptet er. Dann kommt regelmäßig das Erziehungsthema aufs Tapet. Hier gehen die Eltern ganz und gar aneinander. Die Baronin meint, durch Autorität, Sanftmut und Konsequenz müsse Clothildens leidenschaftliches Temperament schließlich der besseren Einsicht weichen. Der Baron zuckt die Achseln.
»Das Mädel ist nächstens dreizehn -- hat deine Methode bisher etwas genützt, nachdem sie zehn Gouvernanten gehabt, die alle nach deinem Rezept handelten? Ich bin für die Reitpeitsche. Meine Pferde, meine Hunde, alle haben sie einmal gekostet, aber dies eine Mal half's.«
»Geh, damit ist dir's doch gar nicht Ernst,« sagte die Baronin, »dein Elferl und die Reitpeitsche.«
»Bin ich vielleicht ein schwacher Vater?« brauste er auf.
Wir lachten beide.
»So,« ereiferte sich der Baron, »aber in der Klavierstunde nehme ich mir die Freiheit und werfe ihr die Noten an den Kopf -- o diese Klavierstunden!« Er fuhr sich in die Haare.
»Ihr habt beide keinen Funken Geduld,« sagte die Baronin, »aber immerhin solltest du mit gutem Beispiel vorangehen, Rudi.«
»Fällt mir gar nicht ein,« erklärte er, »Fräulein Villinger hat eine Engelsgeduld, was hilft's. Gar nichts hilft's.«
Ich fand den Augenblick günstig, den Eltern mein Erlebnis mit Clothilde bezüglich des Hampelmanns mitzuteilen.
»Natürlich soll sie ihn heiraten«, sagte der Baron.
»Aber es ist mir sehr fatal, daß sie davon weiß«, sagte die Baronin.
»Werden wir machen«, beruhigte sie der Baron, »soll ihr gründlich ausgetrieben werden, verlaß dich auf mich.«
Andern Tags, bei Tisch, kam die Sache gleich zum Austrag. »Ja, nun geht der Hampelmann nach München zum Militär,« sagte der Baron, »wo er Arme und Beine hübsch eingerenkt bekommt. Paßt auf, was das für ein schmucker Kerl wird -- ob er dann nicht Glück bei der schönen Irmgard hat, famoses Mädel, er liebt sie heiß.«
»Er liebt sie?« erkundigte sich Clothilde. »Ist's wirklich wahr?«
»Heiß, Elferl,« nickte der Baron, »brennend heiß.«
»Herrlich,« rief sie aus, »o Papi, ich möchte am liebsten gleich um den Tisch herum tanzen.«
»Tanz, mein Elferl, ist sehr nett von dir, soviel Anteil an ihm zu nehmen.«
Sie lachte vor sich hin und blieb sitzen.