Meine Tante Anna

Part 10

Chapter 103,813 wordsPublic domain

1. September. Liebe Schwester! Hast Du gewußt, daß Mutter krank war? Daher, o gewiß daher meine große Unruhe all die Zeit. Ich wußte mir gar nicht zu helfen und hatte so große Not, meinen Pflichten nachzukommen mit dieser Angst im Herzen, die ich nicht zu deuten wußte. -- Da kommt heute ein Brief der Mutter. Ach, ich bin so froh. Ich geb ihn nicht aus der Hand, werde ihn Dir abschreiben. Ihre Schrift ist noch sehr wackelig. O du Mutterschrift, du liebe, ich muß sie küssen und weinen. De Ber würde wieder sagen: »Es ist die deutsche Natur, die heult, wenn der Franzose lacht.« Ja, ich bin zu deutsch oder zu bürgerlich oder Gott weiß was. Und wenn sie mich mit Geschenken überschütten, und wenn, und wenn --. Schau, Caton, man muß von seiner Seele geben können, ich glaube, dann hält man alles aus. Und weißt Du, es hat bei uns jeder seine eigene Sprache, so wie er ist, daß man ihn gleich kennt, aber es kommt mir vor, als hätten die Franzosen nur +eine+ Sprache, die so schön und vollendet ist wie ihre Mode, bei der man auch nie weiß, was dahintersteckt.

Lebwohl und gell, gräm' Dich nicht um mich, Du weißt, wie schnell ich unten und wie schnell ich wieder oben bin. Du mußt's machen wie der Beichtvater. Er grämt sich auch nicht und gibt die Absolution. Schnell noch Mutters Brief:

Liebs, herzigs Nannele!

Höchst erfreulich war mir Dein lieber letzter Brief, der mich im Bett traf. Wir hatten alle die Grippe, und müssen wir Gott danken, daß Vater wieder vollkommen gesund ist und sich recht kräftig erholt hat. Bei mir hat sie fast Krach gemacht und gab mir zu verstehen, meine Lebensweise mit aller Vorsicht einzurichten. Therese nimmt sich viel Recht über mich, um mich ganz aus der Küche zu bannen. Doch muß auch ich sorgen, daß dieses gute Kind nicht mehr auf sich nimmt, als ihre Kräfte erlauben. Mit Vater ist nun harter Kampf, indem wir darauf bestehen, er komme um seine Pension ein, um doch noch einige Jährle den wohlverdienten Ruhestand zu genießen. Es soll noch so lang hingezogen werden, bis Hermann sein Examen über- und gut bestanden hat. Es sind dann die Ausgaben nicht mehr so groß, die Kostgänger werden an die Luft gesetzt, und wir nehmen eine kleinere Wohnung. Aber es muß wohl so sein, die Sorgen hören nicht auf, so lange man lebt. Hermanns warmes Blut macht ihm das Sitzen und strenge Studieren nicht leicht, und ich hab ihn viel zu verteidigen, da Vater die Strapazen der Warmblütigkeit nicht kennt, die mir mein ganzes Leben zu schaffen gemacht. Caton hat die richtige Dosis abbekommen, während ich um Dein warmes Geblüt und Herzle eine Hauptsorge in mir trage. So war Deine Nachricht über die Besserung des körperlichen Ungemachs eine nicht zu beschreibende Freude für mich, für die ich Gott alle Tage inständig danke.

Samt den Deinen läßt Dich auch die Hofrätin grüßen, die jetzt leider arg schwerhörig geworden und so verkehrte Antworten gibt, daß mein Nannele vor Lachen gar nicht mehr unter dem Tisch hervorkäme, denn ich selber kann mir oft nicht helfen, so traurig es ist, wenn ich ihr zum Beispiel sage: »Heut haben wir Holz kriegt,« und sie nickt und sagt: »'s best Frühstück.«

In dem Augenblick ist Herbst hier, unsäglich viele Trauben, aber immer schlechte Witterung, keinen Sommer, den Wein zu veredeln. Alle Getreide stehen in leidlichem Wert, nur das Fleisch ist teuer. Sage sechs Kreuzer das Pfund Kalbfleisch!

Von Vater, Schwester und Bruder die herzlichsten Grüße, und nicht mehr für heute als eine Umarmung im Geiste von

Deiner Mutter Villinger.

* * * * *

St..., 6. Dezember 1837,

Liebe Schwester!

Du hast Dich über den Bericht über meinen hiesigen Aufenthalt mehr als nötig beunruhigt. Das tut mir von Herzen leid, um so mehr, als ich wohl in meiner jetzigen Stimmung zu schwarz sehe, indem ich leider noch nicht fähig bin, Menschen und Dinge im Lichte des Humors zu betrachten. O Caton, immer von neuem danke ich dem Himmel, daß ich in Nancy meiner heißen Sehnsucht nach der Heimat nachgegeben und mich durch alles Bitten und Beschwören nicht habe zurückhalten lassen. Es war wie ein Fingerzeig von oben, daß ich mit aller Sicherheit wußte -- heim, nur heim. So habe ich doch in meiner tiefen Trauer den stillen Trost, daß ich Mutter pflegen und erheitern durfte und ganz kurz vor ihrem Ende noch einmal das liebe »Närrle« hörte, weil meine Augen wohl gar so ängstlich auf ihrem teuern Antlitz ruhten.

Daß ich dann noch Vater und Therese bei der Auflösung des großen Haushaltes beistehen konnte und sie nun in der schöneren Hälfte unsrer Wohnung untergebracht weiß, mitsamt der getreuen Dortel, ist mir viel wert.

Ach, ich kann mich auch noch heut nicht in den Gedanken finden, daß unsre Mutter nicht mehr unter uns weilt, und so bin ich auch mit meinem Innern eigentlich gar nicht da, wo ich sein sollte, und darum wohl auch nicht so recht fähig zu wirken.

So viel weiß ich aber doch, daß meines Bleibens in diesem Hause nicht von Dauer ist, ja, ich habe vor, womöglich schon im Frühjahr meine Stelle zu wechseln, und würde dann, Deiner liebevollen Vorwürfe eingedenk, auch meinerseits einige Bedingungen stellen. Ich bin ja nun auch kein Neuling mehr und wundere mich oft selber über mein selbständiges Auftreten, wenn es gilt, auf meinem berechtigten Willen zu beharren. Mit den Kindern wollte ich ja immer und überall fertig werden, aber die Eltern! Man hat ja keine Ahnung, wie es um diese in der Welt steht, wenn man aus einem Haus kommt wie das unsrige. Ob es noch so eine Mutter gibt -- die Hände wollte ich ihr unter die Füße legen. O Gott, ich weiß nicht, was ich ihr alles zuliebe täte, fände ich eine solche Frau. --

Du sagst, liebe Caton, Nancy bleibt mir ja immer offen, sollte ich sonst nichts Passendes finden. Es rührt mich ja auch geradezu, wie anhänglich man meiner dort gedenkt, und wie sehr man meine Rückkehr wünscht. Natürlich waren die Verhältnisse dort angenehmer, als ich sie hier gefunden, das Leben leichter und heiterer. Aber, Caton, so wie ich jetzt bin, wäre es mir ein Ding der Unmöglichkeit, mich in jenes oberflächliche, meinem innersten Sinn so wenig entsprechende Dasein zurückzudenken. Im eigenen Land sein ist eben doch etwas andres. Das Heimatbrot schmeckt besser als die feinsten Delikatessen in der Fremde. Mir wenigstens. So einsam, wie ich mich dort gefühlt, fühl ich mich hier nie, wo ich auf Tritt und Schritt die lieben Heimatlaute höre.

Außerdem weißt Du ja, daß ich mir auf der Welt nichts sehnlicher wünsche als die selbständige Stelle einer Schulvorsteherin. Bin ich aber außer Landes, könnte ich bei den Behörden leicht in Vergessenheit geraten oder selbst den richtigen Augenblick verpassen, mich zu melden.

* * * * *

Ich soll Dir von der Stadt, von den Leuten erzählen, mit denen ich lebe. Nun, St. ist kein zweites Paris wie Nancy, aber eine hübsche deutsche Residenz, von Rebhügeln und waldigen Höhen umrahmt. Mit Ausnahme des alten Stadtteils ist die Stadt regelmäßig gebaut, mit zum Teil sehr schönen, breiten Straßen. Das Schloß mit seiner mittelalterlichen, turmfesten Burg und der Schloßplatz sind großartig, ebenso die Anlagen. Von der sehr schönen, bergigen Umgebung habe ich auch schon einiges gesehen.

Wir wohnen in einer der schönen Straßen, in der Bel-Etage. Elf meist große, luftige Räume stehen der Familie zur Verfügung, aber die Gouvernante muß in einem Loch schlafen, dessen schmales Fenster auf einen dunklen, feuchten Hof geht. Kein Wunder, daß unter solchen Umständen mein Asthma wieder zunimmt, luftbedürftig wie ich bin.

Ich habe natürlich gegen mein Unterkommen aufbegehrt, worauf die Gnädige erstaunt erklärte, von jeher habe die Gouvernante neben den Kindern geschlafen, und dabei müsse es bleiben. Als ich mich nicht zufrieden gab, beruhigte sie mich mit der Versicherung, sie wolle sich die Sache überlegen.

Damals wußte ich noch nicht, was es mit dem Überlegen dieser Frau auf sich hat. Sie überlegt überhaupt nicht, sondern ist ein unerzogenes, grenzenlos egoistisches und in ihrer Art auch wieder liebenswürdiges Kind. Wolltest Du glauben, Caton, die Mädchen nennen ihre Mutter nie anders als »Kleines«, und täglich kann man sie fragen hören: »Was hast du wieder angestellt, Kleines?« Eine allerdings sehr berechtigte Frage, denn es vergeht kein Tag, an dem die Gnädige nicht durch ihre grenzenlose Schlampigkeit den Zorn ihres Mannes erregt. Die Kinder sind dann immer auf ihrer Seite und nennen den Vater einen alten Brummbär.

Ich sehe immer mehr, welch ein Umschwung sich in der Welt vollzog, seitdem man die Eltern duzt. Oder ist es nicht das allein, sind es nicht vielmehr die Eltern, die, ob man ihnen Du oder Sie sagt, in jedem Fall imstande sein müßten, Respekt einzuflößen? Und wenn sie 's nicht können wie diese, urteile, wie es um den Respekt für die Gouvernante steht.

Die Kinder sind begabt, besonders Elli. Sie machen gute Fortschritte im Französischen, zu dem die verschiedenen ein- und ausfliegenden Gouvernanten, meist Französinnen, bisher einigen Grund gelegt. Das Deutsche hat in den Augen der Gnädigen, also auch in denen der Kinder, keinen Wert.

Einmal, als die Mutter die Mädchen wieder von der deutschen Stunde erlösen wollte, sagte ich zu Elli, die vergnügt ihr Buch zuklappte: »Gut, lassen wir die Stunde, aber du wirst trotz allem Französisch niemals in der Welt für einen gebildeten Menschen gelten, wenn du nicht imstande sein wirst, einen fehlerlosen Brief zu schreiben.«

Die Gnädige ist es nämlich nicht. Ist ihr dieser Mangel schon empfindlich gewesen? Es scheint doch, denn die Kinder werden nicht mehr aus der deutschen Stunde geholt.

Noch von einer Szene will ich Dir erzählen. Der Herr kam in großem Zorn ins Speisezimmer gestürzt, man saß schon bei Tisch, und warf seiner Frau eine Schlafhaube ins Gesicht.

»Statt Taschentücher legt man mir dieses Zeug in die Schublade, und ich blamiere mich vor der ganzen Sitzung, als das Gebändel zum Vorschein kommt. Schämst du dich nicht? Ob du dich nicht schämst?« schrie er sie an.

Sie bog sich vor Lachen: »Das ist ja köstlich -- nein, denkt euch, Kinder, er zieht eine Schlafhaube aus der Tasche.« --

Die Kinder wußten sich nicht zu helfen vor Lachen, und schließlich lachte auch der Herr.

»Was soll man da machen?« sagte er zu mir.

Ich hätte ihm wohl sagen können, was da zu machen gewesen wäre, aber wollte er es hören? Ich bin zu der Überzeugung gekommen, daß sich die Männer viel weniger vor einer Kugel als vor einer Szene fürchten.

Jedenfalls ist diese kleine blonde Frau mit dem hübschen, nichtssagenden Gesichtchen die Stärkere. Sie soll Millionen in die Ehe gebracht haben. Wo aber geht das Geld in den Händen dieser Frau hin, die es sich nicht einfallen läßt, ihre Rechnungen zu bezahlen, überhaupt etwas zu bezahlen. Von meinem Gehalt habe ich noch nichts gesehen, dagegen muß ich ihr bei Ausfahrten oder bei Stadtgängen bei jeder Gelegenheit aus meiner kleinen Barschaft aushelfen. Das vergißt sie natürlich. Ich habe mir deshalb eine Liste angelegt mit meinem Soll und Haben, durchaus gesonnen, dieser Millionärin keinen Kreuzer zu schenken.

Man muß, um in das Speisezimmer zu gelangen, durch einen kleinen Salon gehen, in dem die Familienbilder hängen. Meine angeborene Pünktlichkeit erlaubt mir, mich gelegentlich hier aufzuhalten und umzusehen, wie denn Porträts für mich von jeher das größte Interesse hatten.

Es hängt hier das lebensgroße Bildnis der Mutter der Gnädigen. In strotzendem, schwarzem Seidenkleid, eine dicke, goldene Kette um den Hals, macht sie trotz des Aufputzes einen durchaus bürgerlich gediegenen Eindruck. Sie war die Frau eines Mannes, der seine Millionen erst verdiente, und hat ihm sicherlich brav und tüchtig als gewissenhafte Hausfrau zur Seite gestanden. So sieht sie aus. Im übrigen ist das Gesicht ganz leer, hübsche, kleine Züge, gute Farben. Aber kein Lachfältchen weit und breit, nicht die Spur irgendeines tieferen Eindrucks. Weder gut noch bös, möchte man als Motto unter dies Bild schreiben.

Derselbe Maler hat die Tochter als Braut gemalt, an der Seite des Bräutigams; ein großes, schönes Bild. Beide sehr jung, allzu jung, er groß, kräftig, mit klugen, zuversichtlichen, ein wenig trotzigen Augen, ein ganzer Mann, an den sich ein holdseliges Weibchen lehnt mit schmachtendem Blick, ganz die Mutter, fein, nichtssagend, die Wangen rosig; nur ist der Mund nicht weich wie bei jener, sondern schmal, eigensinnig.

Was hat sich dieser Mann, der auf seinem Jugendbild so zukunftssicher in die Welt schaut, mit dieser Millionenheirat angetan! Er tut mir in der Seele leid, denn ich sehe, welche Not er hat, in der grenzenlosen Unordnung seines Hauses nicht unterzugehen. Seine Tüchtigkeit, sein Verstand berechtigen ihn zu einer glänzenden Karriere. Er soll ein schneidiger Jurist sein. Zu Hause ist er verdrossen, von einer nicht zu beschreibenden Ungeduld. Die beiden Mädchen fürchten ihn; der Sohn, ein Tunichtgut, ist auf dem Land bei einem Pfarrer.

Die Gnädige erzählte mir, daß der Vater den armen Gustel oft halb tot geschlagen habe.

»Aber,« setzte sie listig hinzu, »es wird schon gesorgt, daß mein Bub nicht Not leidet, nur darf's mein Mann nicht wissen.« --

Wie soll man sich das Innere eines solchen Wesens vorstellen -- sie liebt ihren Mann und betrügt ihn zugleich. Sie ist von einer fanatischen Eifersucht, lädt nur ältere oder häßliche Frauen ein und duldet keinen hübschen Dienstboten im Haus. Ich kann nicht sagen, wie viele Magdgesichter ich in diesem einen Jahr meines Hierseins schon habe auftauchen und wieder verschwinden sehen.

»Es ist immer mein Mann«, sagte die Gnädige mit einem Achselzucken.

Nun ja, er kommt in die Küche geschossen:

»Liederliches Pack, kein Hemd gebügelt, keine Kragen, keine Manschetten -- wozu seid ihr da -- marsch, hinaus.«

Mit Fragen gibt er sich nicht ab, wohl aus Angst, zu erfahren, daß nicht an den Mädchen, daß an der Frau die Schuld lag, wenn nicht geschah, was geschehen sollte.

Aus Mitleid mit dem armen Mann nehme ich mich des Haushaltes an, bin dadurch aber nicht wenig angestrengt, daher die lange Pause seit meinem letzten Brief. Ich kann auch diesen nur in Absätzen schreiben.

Ich wagte einmal eine kleine Anspielung, ob nicht etwas mehr Ordnung auch mehr Zufriedenheit zur Folge haben würde, und schlug eine Wirtschafterin vor.

»Eine solche Person,« schrie die Gnädige auf, »die mich in der ganzen Stadt verschwätzt.«

Ich fragte: »Glauben Sie, daß das die Dienstmädchen nicht auch tun?«

»Er ist ja gleich wieder zufrieden, wenn ein gutes Essen auf den Tisch kommt«, war ihre Antwort.

Das Essen wird aus dem gegenüberliegenden Hotel geschickt. Es sind oft Gäste da; die Gnädige sitzt dann sehr hübsch gekleidet oben am Tisch; die beiden Mädchen dürfen nie anders als in weißen Kleidern erscheinen. Ein Kellner serviert, es fehlt an nichts, und jeder hat den Eindruck, als sei hier die glücklichste Familie beisammen.

Die Gäste sind meist Beamte und Offiziere mit ihren Frauen. Von den älteren Herren wird entsetzlich umständlich politisiert, wobei mein demokratisches Herz wahre Folterqualen aussteht, besonders wenn es sich um unsere so schwer mißverstandenen Freiheitsmänner Rotteck und Welcker handelt.

Die Offiziere sind fast alle frisch und lebendig, und ich bin immer froh, wenn ihr leichtes Geplauder den Sieg über die Philister davonträgt.

Von den Büchern ist nie die Rede, und daran merke ich so recht, wie groß der Vorzug ist, in einer Universitätsstadt zu leben.

Was ich durch den Umgang mit wirklich bedeutenden Männern und durch die Lektüre wertvoller Werke von zu Hause mitbekommen, das liegt jetzt unbegehrt im tiefsten Innern meines Herzens, und ich habe nur Muße, in den Nachtstunden dieser reichen Zeiten zu gedenken.

Ich muß über mich lächeln, wie ich mich im Anfang bemühte, die jungen, mir anvertrauten Gemüter in die Welt einzuführen, in der wir uns einstens so glücklich gefühlt.

»Fräulein Villinger,« unterbrach mich Elli mit einem überlegenen Lächeln, »wir sind doch keine Kinder mehr.«

Sie ist zehn Jahre alt, die Kleine acht.

So gibt es fortan kein Appellieren an das Gemüt meiner Schülerinnen, wenn ich nicht durch Ellis naseweise Bemerkungen aufs trockene gesetzt werden will.

Die abscheuliche Resignation, die mich zuweilen überkommt, ist noch das Schlimmste von allem. Erzähle mir von Deinen Kindern, Caton, von ihren Fortschritten in der Schule, und sage mir, ob es Dir gelingt, sie in der alten, schlichten und wahrhaften Art unseres Elternhauses zu erziehen. Gott helfe Euch!

Deine Anna.

Halt -- noch eins. Es wird Dich interessieren, Monz ist seit einem Jahr in Rom. Seine Frau ist eine Karlsruherin. Lotte kennt sie gut.

* * * * *

St., den 3. März 38.

Liebe Caton!

Eigentlich sollte ich Dir zürnen, daß Du Vater mit dem Inhalt meines letzten Briefes bekannt gemacht. Nun seid ihr alle so gut und freundlich, d. h. weniger streng verständlich als wohltuend herzlich, indem ihr wünscht und mir ratet, daß ich das Glück des Daheimlebens nicht um so geringen Preis dahingeben soll, ja, mich dessen solang' als möglich nicht begeben solle. Wie schön und angenehm für mich, wenn ich diesem Wunsche nachkommen könnte. Wenn dann aber einmal die Notwendigkeit zu verdienen an mich herantritt, könnte alsdann das verblichene Wissen so bald aufgefrischt werden, und wo fände ich gleich den Jemand, der mir, wie man sagt, etwas Passendes auf dem Präsentierteller brächte?

Zudem, liebe Caton, irrst Du Dich sehr, wenn Du glaubst, daß Vaters Pension von 800 Fl. für eine kleine Familie ein gemächliches Auskommen sei, und daß ja früher die selige Mutter und Du und wir alle im elterlichen Hause nichts von Mangel gespürt. Du hast doch wohl die Plagen und Opfer unserer guten Eltern nicht vergessen, um mit dem mühsam gewonnenen Miet- und Kostgeld dem Haushalt aufzuhelfen? Zudem war damals gegen jetzt noch eine wohlfeile Zeit. Hauszins, Holz- und Mundvorräte haben sich um die Hälfte verteuert. Urteile, ob es bei den obwaltenden Umständen nicht vernünftig von mir ist, durch meine Entfernung dem guten Vater nicht nur ein wenig sparen zu helfen, sondern mir selbst womöglich einen Sparpfennig zu erübrigen für die Tage, da man nicht mehr wirken kann.

Nicht minder sorgenvoll sehe ich Theresens Zukunft entgegen.

Therese hätte das schöne Los zuteil werden können, die Gattin des gediegenen, älteren Mannes zu werden, den wir als lieben Gast so oft in unserm Haus gesehen und geschätzt haben. Was aber soll aus Vater werden, kränklich und hilfsbedürftig, wie er jetzt ist? Unsere Therese hat keinen Augenblick geschwankt, wo ihr Platz ist. Wenn aber einmal ein trauriges Verhängnis sie aus diesem kindlichen Pflichtenkreis herausreißen sollte, dann muß ich imstande sein können, ihr eine Heimat zu bieten, ihr, die mehr als wir alle an unsern Eltern getan.

Gutmütig, aber höchst unvernünftig ist Dein zweiter Vorschlag, ich möchte, wenn nicht zum Vater, so doch zu Dir kommen. Ach, Caton, Du bist und bleibst halt unser unpraktisches Catonele, das man liebt und über das man liebevoll lächelt. Du wirst mich eine Stolze schelten, wenn ich Dir sage, daß ich kein Tantenleben, sondern mein eigenes, selbständiges und arbeitsreiches Leben zu führen im Sinne habe. Und darum vorwärts! --

Es sind mir inzwischen nicht weniger als drei Stellen angeboten worden durch vermittelnde Bekannte in Freiburg. Ich habe mich für Baron Ö... in J...heim entschlossen, des Landlebens wegen. Ein Töchterchen und zwei noch kleine Knaben. Eine Schule gibt es nicht, so ist das Unterrichten ganz mir anheimgegeben, was mir sehr lieb ist. Das Gehalt ist das größte, das ich bisher bekommen; mein Zimmer soll nichts zu wünschen übriglassen. Auf Schattenseiten bin ich gründlich gefaßt; schlimmer als hier kann ich es ja wohl kaum wo anders treffen. Ging doch meine halbe Gesundheit in dieser Unordnung und beständigen Hetzerei zugrunde. Da die Gnädige von meiner Kündigung durchaus nichts wissen wollte, sondern mich einfach auslachte (wart', ich will dir zeigen, daß du mit mir nicht auch machen kannst, was du willst), habe ich eine Stunde ihrer Abwesenheit benutzt, um den Herrn in seinem Zimmer aufzusuchen.

Er nickte: »Begreife, daß man nicht auf einem lecken Schiff bleiben mag«, meinte er, nachdem ich mein Anliegen vorgebracht.

Ich legte ihm sodann meine Liste vor, mit dem Verzeichnis meines Soll und Haben.

Er wurde dunkelrot: »Das hätten Sie mir längst sagen sollen.«

Er tat mir leid, ich sagte schnell: »Wollen Sie, bitte, mit der gnädigen Frau sprechen. Ich habe mich bereits engagiert und muß den ersten April an meinem Bestimmungsort eintreffen. Drei Reisetage sind erforderlich.«

»Natürlich«, sagte er, sich verneigend.

Ich bin nun, nachdem ich mein Gehalt in den Händen habe, in der Lage, meiner Toilette etwas aufhelfen zu können, denn da ich auf mein Gehalt gerechnet, hatte ich nur das Nötigste von zu Hause mitgenommen. O Caton, das allerschwierigste auf der Welt ist doch, Menschen dienen zu müssen, vor denen man keinen Funken Respekt haben kann. Ich weiß ja, ich habe es ja nun erfahren, daß nicht alle Eltern wie die unsrigen sind. Damit muß man rechnen und nicht, wie ich's im Anfang meiner Gouvernantenlaufbahn tat, von allen Menschen verlangen, daß ihr Denken und Handeln so sei, wie wir's von zu Hause gewohnt sind. Ich muß jetzt lachen, daß ich einmal solches wähnte. Es wär' ja auch gar nicht in der Ordnung, da Mannigfaltigkeit in der Welt sein muß. Es gehört halt nur viel Weisheit dazu, um sich das klarzumachen, statt zu verzweifeln.

* * * * *

Nun haben wir schon den 26., und der arme Mann hat noch immer nicht den Mut gefunden, mit seiner Frau über mein Fortgehen zu sprechen. Ich habe ihn heute gemahnt. Er nickte wieder: »Natürlich.« --

Ich glaube aber nicht mehr an dieses »natürlich« und habe nun folgenden Entschluß gefaßt: Ich gehe unwiderruflich den 27., und wenn es heimlich geschehen müßte. Ich werde dann einen Brief hinterlassen, in dem ich dartue, daß meine Kündigung regelrecht erfolgt sei, ich aber aus dem Gebaren der gnädigen Frau schließen müsse, daß ich damit ihre Unzufriedenheit erregt und sie es darum wohl lieber sehe, ich gehe, ohne durch ein Abschiednehmen zu stören. Mag er dann sehen, wie er mit seiner Frau fertig wird, der Held. --

* * * * *

Den 26ten.

Mein Koffer ist gepackt. Ich war an der Post, habe mir einen Platz genommen -- diesmal den etwas teurern vornen beim Postillion, weil ich nichts wünsche als Ruhe und Stille nach dieser letzten Zeit innerer Aufregung und peinlicher Unentschlossenheit.

Der Hausknecht wird morgens halb sieben den Koffer abholen. Ich öffne das Tor. Es ist um diese Zeit noch niemand wach im Haus.

Ich nehme diesen Brief mit, um Dir an der ersten Station das weitere zu berichten. Ich bin sehr in Angst. Dieses heimliche Auf- und Davongehen wird mir nicht leicht. Gestern und heute versuchte ich vergebens, mit dem Herrn zu sprechen. Er weicht mir aus. Die Gnädige hatte wieder nur ein Lachen, als ich ihr mein Gehen plausibel zu machen suchte. Nun, zum Kuckuck, wollen sie nicht hören, so sollen sie's fühlen.

Ich schreibe dies in der Nacht; ich kann nicht schlafen. Eine Kerze brennt. Aus dem Spiegel gegenüber sieht mir ein blasses, verhärmtes Gesicht entgegen. O Mutter -- weißt Du, ich denke gar nichts andres als immer nur: o Mutter, Mutter.

* * * * *

U..., den 28ten, früh morgens.

Gestern fiel ich nur so ins Bett, aber ich schlief die ganze Nacht, und das hat gut getan. Es ist also alles geschehen, wie ich's vorhatte. Der Hausknecht kam, und ich lief hinter ihm her durch die noch stillen Straßen. Es war ein schrecklicher Weg -- Gewissensbisse, ob ich recht tat, die Furcht: Was wird die Zukunft bringen?