Meine Reise um die Welt. Erste Abteilung
Part 9
»Wirklich, meinen Sie? Da sind Sie doch sehr im Irrtum. Sie dachten wohl, ich würde vom Donner gerührt sein bei Ihrer Nachricht? Fehlgeschossen, mein Bester. Da, lesen Sie die Morgenzeitung. Das schnellste Schiff unserer Flotte ist gestern abend um elf Uhr eingetroffen. Vor fünfzig Tagen hat es London verlassen und bringt alle neuesten Nachrichten. Nirgends läßt sich eine Kriegswolke sehen, und was die Wolle betrifft, so ist sie der flaueste Artikel auf dem ganzen englischen Markt. Nun, was haben Sie dagegen einzuwenden? Warum sitzen Sie in solcher Gemütsruhe da, wenn --«
»Weil ich spätere Kunde habe.«
»Spätere Kunde? Unmöglich! Die unsere ist in fünfzig Tagen brühsiedendheiß aus London gekommen mit dem --«
»Meine Nachricht ist zehn Tage alt.«
»Das klingt ja nach Münchhausen. Wo stammt sie denn her?«
»Aus dem Bauch eines Haifisches.«
»Da hört denn doch alles auf! Soll ich die Polizei rufen -- mein Schießgewehr holen -- die ganze Stadt in Aufruhr bringen? Sie reden im Wahnsinn; alle Irrenhäuser der Welt müssen in Ihrer Person -- --«
»Setzen Sie sich und nehmen Sie Vernunft an. Wozu solche Aufregung? Warten Sie doch erst, ob ich meine Behauptung beweisen kann, ehe Sie mich einen Narren schelten.«
»O, ich bitte tausendmal um Entschuldigung; im Grunde ist es ja gar keines Aufhebens wert, wenn man einen Haifisch nach England schickt, um den Marktbericht zu holen -- -- -- was schreiben Sie denn da?«
»Ich bin gleich fertig; nur ein paar Zeilen; meine Aussage in betreff des Haifisches nebst einigen andern Dingen. So, nun setzen Sie Ihren Namen darunter.«
»Lassen Sie doch sehen -- Sie behaupten -- wahrhaftig, das ist interessant. Wenn Sie mir die Beweise liefern, sollen Sie das Geld haben, meinetwegen die doppelte Summe, und wir teilen den Gewinn. Wo ist denn die Nummer der zehn Tage alten Londoner ›Times‹? Zeigen Sie mir doch das Blatt!«
»Da, sehen Sie her -- auch diese Knöpfe und das Tagebuch haben dem Manne gehört, den der Haifisch verschlungen hat. Wahrscheinlich trug sich das Unglück in der Themse zu, denn die letzte Notiz hier ist aus London, vom selben Datum wie die Nummer der ›Times‹ -- da steht’s: ›Der Krieg ist erklärt! Ich reise noch heute nach Deutschland ab, um mein Leben auf dem Altar des Vaterlandes niederzulegen‹. Das heißt, der brave Mensch wollte in den Kampf ziehen, aber er kam nicht weit; ehe der Tag zu Ende war, verschlang ihn der Haifisch.«
»Schade um ihn. Aber wir wollen den Mann ein andermal beklagen; jetzt haben wir dringendere Geschäfte. Ich will gleich unter der Hand alles in Bewegung setzen und die Wolle kaufen. Das wird die niedergeschlagenen Gemüter unserer Händler einstweilen wieder aufrichten. Freilich nur vorübergehend, aber nichts ist ja von Dauer in dieser Welt. Wenn sie nach sechzig Tagen die Ware abliefern müssen, werden sie nicht wissen, wie ihnen geschieht und meinen, der Blitz hätte sie getroffen. Aber, das läßt sich nicht ändern, und wir haben dann noch immer Zeit, mit ihnen zu trauern. Kommen Sie nur jetzt zu meinem Schneider. Wie war doch schon Ihr Name?«
»Cecil Rhodes.«
»Der ist schwer zu behalten. Aber wenn Sie am Leben bleiben, werden Sie schon noch dafür sorgen, daß alle Welt ihn kennt. Es gibt dreierlei Menschen -- gewöhnliche, außergewöhnliche und verrückte. Ich hoffe nicht fehl zu gehen, wenn ich Sie zu den außergewöhnlichen zähle.«
Das Geschäft gelang und verschaffte dem jungen Fremdling das erste Vermögen, womit er seine Taschen füllte.
Sechzehntes Kapitel.
In jedem Beruf muß einer, dem es glücken soll, gesunden Menschenverstand zeigen; nur bei der Rechtspflege ist es sicherer, ihn zu verbergen.
_Querkopf Wilsons Kalender._
Eigentlich sollten sich die Bewohner Sydneys vor den Haifischen fürchten, aber sie sind weit davon entfernt -- warum, weiß ich nicht. Samstags machen die jungen Leute gewöhnlich eine Segelfahrt, und das Wasser ist oft ganz bedeckt mit kleinen Booten. Nicht selten schlägt eins aus Zufall um, was Anlaß zu den tollsten Possen gibt; häufig bringen die Burschen ihr Boot auch absichtlich zum kentern, so daß die Insassen ins Wasser fallen, trotzdem sie sehen, daß die Haifische in der Nähe nur darauf lauern. Rasch klettert dann alles wieder hinein, manchmal heil und ganz -- aber nicht immer. Während ich in Sydney war, geschah es, daß ein Knabe bei der Mündung des Paramattaflusses aus dem Boot fiel. Auf sein Hilfegeschrei sprang ein Knabe aus einem andern Boot ins Meer, um ihn vor den herbeischwimmenden Haifischen zu retten. Die Untiere machten jedoch mit allen beiden nur kurzen Prozeß.
Die Regierung zahlt, wie gesagt, eine Prämie für den Fang. Um das Geld zu verdienen, befestigen die Fischer ein Stück saftiges Hammelfleisch als Köder an den Angelhaken oder das Schleppnetz. Die Kunde hiervon verbreitet sich wie ein Lauffeuer, und nun kommen die Haifische aus dem ganzen Stillen Ozean herbeigeschwommen, um sich an der leckern Speise gütlich zu tun. Wenn das so fortgeht, wird die Haifischzucht bald eins der erträglichsten Gewerbe in der Kolonie werden.
Im Mai war ich in New York krank gewesen, hatte mich dann zweiundachtzig Tage lang erträglich wohl befunden, und war auf dem Schiff wieder erkrankt. Auch in Sydney bekam ich einen Rückfall, aber erst nachdem ich manchen schönen Ausflug gemacht und alle meine Vorlesungen gehalten hatte. Doch ging mir wegen dieser Krankheit mein Besuch in Queensland verloren, da es unter diesen Umständen nicht für ratsam gehalten wurde, nordwärts zu reisen, wo die Hitze noch größer war.
So wandten wir uns denn nach Südwesten und fuhren mit der Eisenbahn siebzehn Stunden nach Melbourne, Hauptstadt der Kolonie Victoria, das, erst sechzig Jahre alt, bereits eine halbe Million Einwohner zählt. Auf der Karte scheint die Entfernung nur klein, aber das ist in einem so großen Lande wie Australien mehr oder weniger bei allen Entfernungen der Fall. Die ganze Kolonie Victoria sieht auf der Karte nicht viel größer aus, wie eine englische Grafschaft und hat doch denselben Umfang wie England, Schottland und Wales zusammengenommen.
Melbourne abgerechnet, scheint Victoria einer kleinen Zahl von Squattern zu gehören, von denen jeder Schafweiden besitzt, die etwa so groß sind, wie der Staat Rhode Island. Wenigstens muß man das aus dem Gerede der Leute schließen; doch ist die Wollindustrie dort lange nicht so ausgedehnt wie in Neusüdwales. In Victoria fehlt es auch nicht an andern Hilfsquellen, es wird viel Weizen gebaut, und die Weinkultur ist sehr bedeutend.
Wir fuhren nachmittags mit dem Vieruhrzug von Sydney ab und zwar in einem ganz amerikanischen, höchst vernünftig eingerichteten Schlafwagen, der sauber, schön und neu war und in keiner Weise an die Eisenbahnen erinnerte, wie sie meist auf dem europäischen Festland sind. Aber unser Gepäck wurde gewogen und besonders bezahlt, was ebenso europäisch wie lästig ist.
Wir hatten Rundreisebillets nach Melbourne, von da nach Adelaide in Südaustralien und dann wieder zurück bis nach Sydney -- zwölfhundert Meilen mehr als wir wirklich fahren wollten. Da aber die Rundreise nicht teurer war als ein gewöhnliches Billet, so hielten wir es doch für besser, uns die größte Meilenzahl zu kaufen, die man für den Preis haben konnte, obgleich wir sie, aller Wahrscheinlichkeit nach, nicht benützen würden. Der Mensch hat stets ein natürliches Verlangen, von etwas Gutem mehr zu bekommen als er braucht.
Jetzt muß ich aber noch eine Merkwürdigkeit erwähnen, das wunderlichste, seltsamste, unerklärlichste und erstaunlichste Ding in seiner Art, das ganz Australien aufzuweisen hat: An der Grenze zwischen Neusüdwales und Victoria wurden die sämtlichen, zahlreichen Insassen des Zuges, morgens bei Laternenlicht, in einer hoch gelegenen Gegend, wo es bitterkalt war, aus ihren behaglichen Betten geholt, um den Wagen zu wechseln. Und doch geht die ganze Bahn von Sydney nach Melbourne ohne Unterbrechung fort! Der Gedanke kann nur einem vollständig vernagelten Hirn entsprungen sein, und eine vorsintflutliche Gesetzgebung muß die Verordnung erlassen haben.
Bis zur Grenze ist die Eisenbahn nämlich schmalspurig und von da bis Melbourne hat sie eine größere Schienenweite. Das ist so von den beiden Regierungen, welche die Bahn erbaut haben und denen sie gehört, wohlweislich eingerichtet. Ihre gegenseitige Eifersucht scheint der Hauptgrund dieses merkwürdigen Zustands der Dinge zu sein. Man gibt zwar noch andere Gründe dafür an, aber sie kommen nicht in Betracht, da sie das Unerklärliche doch nicht erklären könnten; übrigens habe ich sie auch vergessen.
Alle Passagiere ärgern sich über die verschiedene Schienenweite, und wie lästig ist sie erst für den Frachtverkehr! Nutzlose Kosten, Verzögerungen und Unbequemlichkeit aller Art sind unzertrennlich damit verbunden; kein Mensch hat einen Vorteil davon.
Unser Wagenwechsel fand in Albury statt, und dort sahen wir auch bei Sonnenaufgang die ferne Kette der ›Blauen Berge‹. Sie tragen ihren Namen mit Recht! ›Auf mein Wort,‹ wie der Australier sagt, ein solches Blau sucht seinesgleichen. Es ist bald tief, stark glänzend, wundervoll, erhaben, majestätisch -- eine einzige blaue Masse; bald sanft leuchtend oder durchsichtig, als hätte man im Innern ein Feuer angezündet. Das Blau des Himmels erlosch davor, es nahm eine weißliche, ausgewaschene Farbe an und sah bleich und ungesund aus neben jener wahrhaft köstlichen Bläue.
Ein Bürger von Albury sagte mir, das wären gar keine Berge, sondern Haufen von Kaninchenleibern, die man so lange der Luft und Fäulnis ausgesetzt hätte, daß sie davon ganz blau aussähen. Vielleicht sprach der Mann die Wahrheit; aber ich habe so viele Reiseberichte gelesen, daß ich alle Belehrung, welche mir unerbeten, auf nicht amtlichem Wege zu teil wird, nie ohne Mißtrauen aufnehme. Die Reisenden werden oft in ganz unverantwortlicher Weise durch falsche Angaben irre geführt. Die Kaninchenplage in Australien ist freilich sehr groß gewesen, und wenn es sich nur um _einen_ Berg handelte, so wollte ich es gern glauben. Aber ein ganzer Gebirgszug -- das ist doch wohl übertrieben.
Wir frühstückten auf dem Bahnhof. Alles war billig und gut, außer dem Kaffee. Die Preise bestimmt die Regierung selbst und läßt sie öffentlich anschlagen. Daß wir männliche Bedienung hatten, war etwas Ungewöhnliches in Australien; meistens findet man Kellnerinnen, das heißt junge Damen, die man für Prinzessinnen halten könnte. Wie sie gekleidet gehen? -- So, daß sie in Europa beim Gala-Empfang einer Königin Bewunderung erregen müßten. Selbst Fürstinnen und Herzoginnen ziehen sich nicht so an. Ihre Mittel würden es ihnen zwar erlauben, aber sie brächten es doch nicht zu stande.
Den ganzen Morgen über fuhren wir in der Ebene dahin, durch lichte Wälder von großen Gummibäumen, deren Rinde in langen, gerollten Streifen herunterhing, wie die Haut von Kranken, die sich nach dem Scharlachfieber schälen. Ueberall standen winzige Hütten, teils aus Holz, teils aus graublauem Wellblech; auf den Zäunen und Türschwellen sah man Scharen kleiner stämmiger Buben, in einfacher Kleidung, die ihren Altersgenossen an den Ufern des Mississippi zum verwechseln ähnlich waren. Auch an Dörfern kamen wir vorüber, deren saubere Bahnhofsgebäude von oben bis unten mit Anzeigen beklebt waren. Wir sahen allerlei Vögel, aber weder ein Känguruh, noch einen Emu, weder ein Schnabeltier, noch einen Vorleser, auch keinen Eingeborenen; alles Wild war im Lande wie ausgestorben. Aber nein -- ich habe mich geirrt. Unter Eingeborenen versteht man nur Weiße, die in Australien zur Welt gekommen sind. Ich hätte sagen sollen, daß ich keine Wilden, keine Schwarzen gesehen habe -- und zwar bis auf den heutigen Tag nicht. Die großen Museen sind voll von Wundern aller Art, aber was den Fremden am meisten interessieren würde, sucht er dort vergebens. Auch in Amerika haben wir zahllose Museen, allein man findet nicht eine einzige amerikanische Rothaut darin. Das ist so verkehrt, wie nur irgend möglich, aber merkwürdigerweise habe ich früher noch nie daran gedacht; es fällt mir heute zum erstenmal ein.
Siebzehntes Kapitel.
Der Mensch hat einen Sinn für das was recht ist und einen Sinn für das was unrecht ist. Die Geschichte lehrt uns, daß er den ersteren gebraucht, um dem rechten aus dem Wege zu gehen und den letzteren, um aus dem Unrechten Nutzen zu ziehen.
_Querkopf Wilsons Kalender._
Seit vielen Jahren schwebte über mir ein Geheimnis, das sich nirgends anders enträtseln ließ, als in Melbourne. Die Sache verhielt sich folgendermaßen:
Ich war im Jahre 1873 mit Frau und Kind eben in London angekommen, als ich aus Neapel eine Zuschrift erhielt, unter der ein mir unbekannter Name stand. Es war nicht Bascom und auch nicht Henry, aber der Bequemlichkeit halber will ich den Briefsteller Henry Bascom nennen. Das Schreiben bestand aus etwa sechs Zeilen auf einem weißen Papierstreifen, der am untern Ende abgerissen war. Im Lauf der Jahre erhielt ich noch viele solche Streifen, die alle einander an Form und Größe völlig gleich sahen; auch der Inhalt war meist der nämliche: der Schreiber forderte mich auf, mit den Meinigen an dem und dem Tage nach seinem Landsitz in England zu kommen, um ihm einen achttägigen Besuch zu machen. Der Zeitpunkt für Ankunft und Abreise war genau angegeben. Diese Einladungen erfolgten stets lange im voraus; wenn wir in Europa waren, etwa drei Monate, waren wir in Amerika, schon ein halbes oder ein ganzes Jahr vorher. Auch der Zug, mit dem wir kommen und gehen sollten, war jedesmal in dem Schreiben bestimmt erwähnt.
Jener erste Brief setzte einen Tag in drei Monaten für unsere Ankunft fest; wir sollten am sechsten August mit dem Nachmittagszug 4.10 von London abfahren und im Wagen abgeholt werden. Eine Woche später würde uns der Wagen wieder zu dem und dem Zug auf den Bahnhof bringen. Als Nachschrift standen noch die Worte darunter:
»Sprechen Sie mit Tom Hughes.«
Ich zeigte dem Verfasser von ›Tom Brown in Oxford‹ den sonderbaren Brief, und er sagte:
»Nehmen Sie die Einladung mit Dank an.« Hierauf schilderte er mir Herrn Bascom als einen genialen, hochgebildeten und in jeder Beziehung außergewöhnlichen Mann, einen so edlen und reinen Charakter, wie man ihn nur selten findet. Auch sei es schon der Mühe wert, eine weite Reise zu machen, um Bascom Hall -- eins der stattlichsten herrschaftlichen Schlösser aus der Zeit der Königin Elisabeth -- in Augenschein zu nehmen. Herr Bascom sei eine gesellige Natur und sehe gern interessante und liebenswürdige Menschen bei sich. Man könne daher dort im Hause stets die angenehmsten Bekanntschaften machen.
Wir statteten damals den Besuch ab und noch mehrere andere im Lauf der nächsten Jahre, den letzten 1879. Bald darauf trat Bascom auf seinem eigenen Dampfer eine Reise um die Welt an. Er wollte lange fortbleiben, alles mit Muße betrachten und in den fremden Ländern auch Vögel, Schmetterlinge u. dgl. sammeln.
Am 2. Juli 1881, dem Tage, an welchem Präsident Garfield von dem Mörder Guiteau tödlich verwundet wurde, kam in dem kleinen Badeort am Sund von Long Island, wo wir unsere Sommerfrische hielten, ein Brief mit dem Poststempel Melbourne an. Er war an meine Frau adressiert, da ich aber Bascoms Handschrift erkannte, machte ich ihn auf. Der Brief enthielt wie gewöhnlich nur ein paar Zeilen auf einem Papierstreifen, aber ihr Inhalt war sehr merkwürdig und ganz anders als sonst. -- Vielleicht könne es den Kummer meiner Frau lindern -- so ungefähr lautete das Schreiben -- wenn sie erführe, wie erfolgreich die Vorlesungstour ihres Gatten in Australien von Anfang bis zu Ende gewesen sei. Der Briefsteller könne das nach bestem Wissen bezeugen und die Mitteilung hinzufügen, daß der allzu frühe Tod ihres Gatten von der ganzen Bevölkerung aufs tiefste beklagt werde. Sie würde das jedoch ohne Zweifel bereits aus Zeitungstelegrammen ersehen haben. Alle Beamten und Würdenträger der Kolonie und der städtischen Regierung wären bei dem Begräbnis zugegen gewesen. Schreiber dieser Zeilen hätte zwar leider Melbourne nicht mehr rechtzeitig erreichen können, um die Leiche noch einmal zu sehen, doch hätte er es sich nicht versagen wollen, als Freund der Familie wenigstens unter den Hauptleidtragenden zu sein.
Unterschrieben: ›Henry Bascom‹.
Wenn er doch den Sarg hätte öffnen lassen! Das war mein erster Gedanke. Er würde sich dann überzeugt haben, daß es die Leiche eines Betrügers war, er hätte sie öffentlich versteigern und mir das Geld schicken können und das ganze Trauergefolge, samt der betrübten Regierung, würde sich die Tränen aus den Augen gewischt haben.
Damals ließ ich die Sache auf sich beruhen. Ich hatte schon früher mehrmals die Polizei in Anspruch genommen, um mich gegen meine lebendigen Vorlesungs-Doppelgänger in Amerika zu schützen; doch war man ihrer niemals habhaft geworden. Auch andere meiner Kollegen hatten umsonst versucht, _ihre_ betrügerischen Duplikate zu entlarven. Was sollte es da wohl nützen, einen abgeschiedenen Geist zu beunruhigen? -- So störte ich denn seinen Frieden nicht; aber neugierig war ich doch, Näheres über die Vorlesungstour jenes Menschen und seine letzten Lebensstunden zu erfahren. Ich wollte warten, bis ich Bascom wiedersähe, und mir alles von ihm erzählen lassen; er starb jedoch, ohne daß wir uns zuvor noch einmal im Leben trafen, und dann dachte ich nicht mehr an jenes Ereignis.
Als ich jedoch die Reise nach Australien plante, war meine Neugier wieder erwacht. Sehr natürlich -- denn, wenn die Zuhörer meiner Vorlesungen etwa gesagt hätten, ich sei recht fade und langweilig, im Vergleich zu dem, was ich vor meinem Tode gewesen, so würde die Einnahme darunter gelitten haben.
Wie sehr war ich nun überrascht, als mir die Zeitungsredakteure in Sydney sagten, sie hätten _von jenem Betrüger noch nie etwas gehört_. Ich mochte sie ausfragen so viel ich wollte, sie wußten nichts von ihm und zweifelten an der ganzen Geschichte. Mir war das unverständlich; doch glaubte ich, in Melbourne würde sich die Sache leicht aufklären lassen. Die Regierung und das übrige Trauergefolge mußten sich doch noch an den Leichenzug erinnern. Bei dem Festessen, das mir die Journalisten gaben, stellte sich jedoch heraus, daß auch sie nichts hatten verlauten hören und mir keine Auskunft geben konnten.
So blieb, zu meiner großen Enttäuschung, das Geheimnis nach wie vor in Dunkel gehüllt. Ich hoffte nun nicht mehr, daß ich die Lösung des Rätsels noch auf Erden erfahren würde und suchte mir die Sache aus dem Sinne zu schlagen. Aber endlich, gerade als ich es am wenigsten erwartete -- doch nein, hier ist nicht der richtige Platz, um die übrige Geschichte zu erzählen; ich werde in einem viel späteren Kapitel wieder darauf zurückkommen.
* * * * *
Die Stadt Melbourne hat eine ungeheure Ausdehnung und Bauwerke von hervorragender Pracht und Größe. Ihre Straßenbahnen sind vortrefflich, sie besitzt Museen, höhere und niedere Schulen, öffentliche Gärten, Gas, Elektrizität, Bibliotheken und Theater. Sie ist der Mittelpunkt für den Bergbau, die Wollindustrie, für Kunst und Wissenschaft, man findet dort Gewerkvereine, Schiffe, Eisenbahnen, einen Hafen, gesellige Vereinigungen, Journalistenklubs, Rennvereine und einen Klub der Squatter, dem ein wundervoll eingerichtetes Haus gehört, auch so viele Banken und Kirchen, wie irgend nebeneinander bestehen können. Kurz, Melbourne hat alles, was zur modernen Großstadt gehört; es ist die bedeutendste Stadt auf dem australischen Festland und den Inseln und füllt ihren Posten als solche mit Ehre und Würde aus. Einen besonderen Vorzug besitzt es aber noch, den man nicht mit andern Dingen zusammenwerfen darf. Es ist nämlich das Zentrum für den Kultus des Pferderennens. Sein Rennplatz ist das Mekka von Australien.
Am 5. November, dem alljährlichen Festopfertag, stehen auf einer Strecke, die länger ist, als von New York nach San Francisco, und breiter als von den nördlichen Seen bis zum Golf von Mexiko, sämtliche Geschäfte völlig still; Männer und Frauen jedes Standes und Ranges, deren Mittel es erlauben, lassen daheim alles stehen und liegen, und kommen herbeigeströmt. Schon zwei Wochen vor dem bestimmten Tage beginnen die Scharen sich zu Schiffe und mit der Eisenbahn einzufinden; täglich erscheinen sie in immer dichteren Schwärmen, bis alle Transportmittel die Last kaum mehr zu bewältigen vermögen und die Hotels und Wohnhäuser von oben bis unten vollgestopft sind. Zu Hunderttausenden sieht man sie anmarschieren, wie glaubwürdige Zeugen versichern, um den Riesenplatz und die Tribünen zu füllen. In ganz Australien bekommt man nirgends ein ähnliches Schauspiel zu Gesicht.
Das Preisrennen von Melbourne ist es, zu dem alle diese Menschen zusammenströmen. Die Festkleider sind schon lange vorher bestellt; sie müssen an Pracht und Schönheit alles überstrahlen, was je dagewesen ist; keine Kosten werden gescheut, und man verbirgt sie sorgfältig vor neugierigen Blicken, bis der große Tag erscheint, dem man sie geweiht hat. Ich meine natürlich die Toiletten der Damen; aber das versteht sich ja von selbst.
Die Tribünen bieten denn auch einen wundervollen, blendenden Anblick; man sieht dort die zauberhaftesten Farben, die entzückendste Schönheit. Der Champagner fließt in Strömen, die allgemeine Stimmung ist lebhaft, aufgeregt, glücklich; jeder wettet, und Unsummen werden gewonnen oder verloren. Tag für Tag finden Wettrennen statt, wobei stets die ausgelassenste Lust und Laune herrscht. Nachdem das Programm des Tages erschöpft ist, tanzen die Leute noch die ganze Nacht hindurch, um sich für das Rennen des nächsten Tages zu stärken. Am Schluß der großen Woche sichern sich die Menschenmassen zuguterletzt Unterkunft und Fahrgelegenheit für das nächste Jahr; dann verstreut sich alles, jeder kehrt nach seiner fernen Heimat zurück, zählt seinen Gewinn oder Verlust, bestellt die Kleider zum nächsten Preisrennen, legt sich zu Bett, schläft vierzehn Tage lang und steht endlich mit dem traurigen Gedanken wieder auf, daß man ein ganzes Jahr warten muß, bevor man sich wieder aus vollster Seele seines Lebens freuen kann.
Das Preisrennen von Melbourne ist das Nationalfest Australiens. Seine Wichtigkeit läßt sich gar nicht hoch genug anschlagen. Jeder andere Fest- oder Feiertag irgend welcher Art, den die Kolonien begehen, wird durch seinen Glanz verdunkelt. Zwar feiert man noch allerlei, teils aus Gewohnheit, teils von Amts wegen, aber nicht so gründlich, so allgemein, so aus freien Stücken, wie das große Wettrennen. Es hat seinesgleichen in keinem andern Lande der Welt. Je näher dies höchste Fest des Jahres herankommt, um so glühender wird die Erwartung, die Vorbereitung und die allgemeine Glückseligkeit; man denkt und redet überhaupt nichts anderes mehr.