Meine Reise um die Welt. Erste Abteilung
Part 6
Einer meiner neuen Bekannten war mir durch seine ungewöhnliche Größe aufgefallen; ich sah noch bewundernd zu ihm empor, als er neben dem Gouverneur auf der Veranda stand. Da trat der Diener, ein Fidschi-Insulaner heraus, um uns zum Tee zu rufen -- und jener große Mann wurde zum Zwerge. Oder, wenn auch das nicht, so schien doch der Abstand gewaltig. Der farbige Riese war gewiß ein abgesetzter Inselkönig. Ich glaube, bei unserem Gespräch dort auf der Veranda wurde auch erwähnt, daß die eingeborenen Könige und Häuptlinge, sowohl auf den Fidschi- wie auf den Sandwichinseln viel mächtiger von Gestalt sind als der gemeine Mann. Die weißen, faltigen Gewänder, in die der Diener gekleidet war, schienen wie für ihn geschaffen; ein europäischer Anzug hätte ihm seine Würde und Eigentümlichkeit genommen. Das weiß ich ganz gewiß, denn es ist bei jedem Menschen der Fall, der unsere moderne Kleidung trägt.
Man sagt, daß sich die Anhänglichkeit und Verehrung, welche die Eingeborenen der Person ihres Häuptlings zollten, noch unverändert erhalten hat. Das Oberhaupt eines Stammes der Fidschianer in der Hauptstadt ist ein gebildeter junger Herr, der ganz wie ein vornehmer Europäer gekleidet geht; aber seine Tracht vermag ihm nicht die Ehrfurcht des Volks zu rauben. Der Stolz auf des Häuptlings hohen Rang und alte Abkunft besteht fort, trotz seiner verlorenen Herrschermacht und der Hexenkunst seines Schneiders. Er braucht sich weder durch Arbeit zu entwürdigen, noch sein Herz mit niederen Erdensorgen zu belasten; der Stamm schützt ihn vor jedem Mangel und gibt ihm die Mittel, ein Herrenleben zu führen, um sein Ansehen zu bewahren. Ich sah ihn unten in der Stadt einen Augenblick im Vorbeigehen. Vielleicht ist er ein Abkömmling des letzten Königs -- dessen Name so schwer zu behalten ist und dem man mitten in der Stadt ein großes, steinernes Denkmal gesetzt hat. Ja so -- Thakombau heißt er, eben fällt es mir wieder ein. Der Name kommt einem so leicht aus dem Kopf, es ist gut, daß er auf dem Granitblock steht.
Im Jahre 1874 trat dieser König die Fidschi-Inseln an England ab. Man sagt, der englische Bevollmächtigte habe den armen Thakombau trösten wollen, indem er versicherte, die Uebergabe seiner Herrschaft an England sei nur eine Art Wohnungswechsel, wie ihn der Einsiedlerkrebs vornimmt, worauf Thakombau die rührende Antwort gab: »Nur mit dem Unterschied, daß der Einsiedlerkrebs in eine unbewohnte Muschel kriecht, aber mein Gehäuse ist nicht leer.«
Dem Könige scheint damals übrigens, wie ich gelesen habe, nur die Wahl zwischen zwei Uebeln freigestanden zu sein. Er schuldete den Vereinigten Staaten eine große Summe, die er ohne Aufschub bezahlen mußte, sonst drohte man sein Land mit Krieg zu überziehen. Um die Fidschianer vor diesem Schicksal zu bewahren, trat er das Land an Großbritannien ab, und eine Klausel des englischen Vertrags verbürgte die schließliche Tilgung seiner Schuld an Amerika.
Vor Zeiten war das Volk sehr kriegerisch gesinnt und seinem Götzendienst mit großem Eifer ergeben. Die Häuptlinge waren stolze Gebieter und lebten in mancher Hinsicht auf sehr großem Fuße; alle hatten mehrere Weiber, die vornehmsten oft fünfzig Stück. Starb ein Häuptling und sollte begraben werden, so erdrosselte man vier oder fünf seiner Weiber und legte sie zu ihm ins Grab.
Im Jahre 1804 gelang es siebenundzwanzig britischen Sträflingen, von Australien nach den Fidschi-Inseln zu entkommen; sie brachten auch Flinten und Schießbedarf mit. Man stelle sich nun vor, welche Macht diese Waffen ihnen verliehen! Hätten sie verstanden die Gelegenheit zu benutzen, wären sie tatkräftige nüchterne Menschen gewesen, so war ihre Herrschaft gesichert -- sie konnten siebenundzwanzig Könige werden, von denen jeder acht oder neun Inseln unter seinem Szepter hatte. Allein sie verscherzten ihr Glück und vergeudeten ihr Leben in üppiger Schwelgerei. Die meisten starben eines gewaltsamen ehrlosen Todes. Nur einer, ein Irländer Namens Connor, scheint eine Ausnahme gemacht zu haben. Er hatte den Ehrgeiz, fünfzig Kinder groß zu ziehen, brachte es aber nur auf achtundvierzig und konnte sich über diesen Mißerfolg sein Lebenlang nicht zugute geben. Das war eine Habgier seltsamer Art; mancher Vater wäre sich schon mit 40 Kindern reich genug vorgekommen.
Ja, die Fidschianer sind eine schöne Rasse; auch fehlt es ihnen nicht an Klugheit und Wißbegierde. Ihre wilden Vorfahren hatten eine Art Unsterblichkeitslehre -- das heißt, in beschränktem Sinne. Sie glaubten nämlich, daß ihre toten Freunde nur in ein glückliches Jenseits hinübergingen, wenn man imstande war, ihre Körperteile zu sammeln. Das machten sie zur Bedingung. Um dem Missionar zu beweisen, daß seine Lehre viel zu allgemein und unbegrenzt sei, lenkten sie seine Aufmerksamkeit auf gewisse, nicht zu bestreitende Tatsachen: Viele ihrer Freunde, sagten sie, seien zum Beispiel von Haifischen gefressen worden; die Haifische wären dann ihrerseits von andern Leuten getötet und verzehrt worden; später wurden diese zu Kriegsgefangenen gemacht und die Feinde verspeisten sie.
Dadurch seien die ursprünglichen Personen zu Fleisch und Blut der Haifische und diese zu Bestandteilen der Kannibalen geworden. Wie sollte man nun die Glieder jener Personen wieder ausfindig machen und zusammensetzen können? Diese Schwierigkeit verursachte den Fidschianern tausend Zweifel, und sie waren nicht davon abzubringen, daß die Missionare die Sache gar nicht mit dem gehörigen Ernst und der ihr gebührenden Aufmerksamkeit erwogen hätten.
Die Missionare brachten diesen schwer zu befriedigenden Wilden viele schätzenswerte Dinge bei und lernten auch ihre Vorstellungen kennen, von denen eine besonders zart und poetisch war. Die armen, einfachen Naturkinder glaubten nämlich, daß die Blumen, nachdem sie verwelkt sind, vom Winde emporgetragen werden und droben, auf den himmlischen Gefilden, ewiglich in unvergänglicher Schönheit blühen!
Achtes Kapitel.
Er war so bescheiden wie eine Zeitung, wenn sie von ihren eigenen Vorzügen spricht.
_Querkopf Wilsons Kalender._
Ja, das Inselgewirr im Stillen Ozean, wie wir es auf der Karte sehen, ist eine Täuschung. Weite Meereswüsten liegen zwischen den einzelnen Gruppen; auch ist noch vieles über die Inseln, deren Bewohner und Sprachen, bisher unerforscht geblieben. Zum Beweis hierfür erwähne ich nur die Tatsache, daß vor zwanzig Jahren zwei fremde, einsame Wesen auf die Fidschis gebracht wurden, die aus einem unbekannten Lande kamen und eine unbekannte Sprache redeten. Viele hundert Meilen entfernt von jeder bisher entdeckten Insel, hatte ein vorüberfahrendes Schiff sie in einem kleinen Kanoe auf dem Meer treiben sehen und an Bord genommen. Als man sie fand waren sie nichts als Haut und Knochen; niemand konnte verstehen, was die Leute sagten, und sie haben das Land ihrer Herkunft nie genannt, wenigstens keinen Namen, der auf irgend einer Karte steht. Jetzt sind sie dick und wohlgenährt und freuen sich ihres Lebens. Im Logbuch des Schiffes ist die Länge und Breite eingetragen, unter der sie gefunden wurden; Aufschluß über ihre verlorene Heimat wird man vielleicht nie erhalten.[1]
Klingt das nicht höchst seltsam und romantisch? -- Ueberhaupt ist ja diese Inselwelt der richtige Schauplatz für alle phantastischen, geheimnisvollen Traumgebilde -- und noch manches andere: Wer in der großen Welt Schiffbruch gelitten hat beim Kampf ums Dasein, der findet hier in der erhabenen Einsamkeit, in der Schönheit und tiefen Ruhe der Natur, was er für sein wundes Herz bedarf; Menschen, welche die Welt eines Verbrechens wegen ausstößt, Leute, die ein träges, sorgloses Leben führen möchten, und andere, die gern frei umherschweifen, weil sie Abenteuer und Abwechslung lieben, sie alle finden hier was sie brauchen. Auch können Glücksritter, die auf bequeme Weise Geld zu erwerben und Handel zu treiben wünschen, daneben noch manches Eheband knüpfen, das nicht allzu fest hält, auch nicht erst vor Gericht mit vielen Kosten gelöst werden muß. Jeder, der sich in seinem Spaß und Zeitvertreib nicht beschränken lassen will, gelangt hier mühelos zu vollem Lebensgenuß.
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Neu gestärkt und erfrischt segelten wir weiter.
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Die gebildetste Persönlichkeit bei uns an Bord war ein junger Engländer aus Neuseeland. Von Beruf Naturforscher, besaß er tiefe, gründliche Kenntnisse in seinem Fach und betrieb es mit wahrer Leidenschaft. Er hatte auch eine ziemliche Rednergabe, und wenn er vom Tierreich sprach, hörte man ihm mit Vergnügen zu. Was er sagte war sehr belehrend, nur manchmal schwer aufzufassen, weil er allerlei technische Ausdrücke brauchte, die über unser Verständnis gingen. Wenigstens lagen sie ganz außerhalb meines Horizonts, aber, da er uns gern erklärte, was wir nicht begriffen hatten, machte ich mir eine Pflicht daraus, diese Gelegenheit zur Bereicherung meines Wissens nicht unbenützt vorbeigehen zu lassen. Ich war zwar in Naturgeschichte für einen Laien ziemlich bewandert, aber erst durch seinen Unterricht erhielt was ich wußte, eine klare, wissenschaftliche Form und bekam wirklichen Wert.
Hauptsächlich interessierte er sich für die Fauna Ozeaniens, über die er ebenso genaue wie erschöpfende Studien gemacht hatte. Von den dort eingeführten Kaninchen und ihrer wunderbaren Fruchtbarkeit war mir schon viel zu Ohren gekommen; im Gespräch mit ihm erfuhr ich jedoch, daß die Kaninchenplage über alle meine Begriffe ging und im Handel und Verkehr die lästigste Störung verursacht. Er erzählte mir, das erste Kaninchenpaar, welches man nach Ozeanien brachte, habe sich so wunderbar vermehrt, daß die Tiere schon nach einem halben Jahr das ganze Land bedeckten, und man die dichte Masse mit Laufgräben durchziehen mußte, um von Stadt zu Stadt zu kommen.
Der gelehrte Herr sagte mir auch allerlei von Würmern, vom Känguruh und andern ~Coleoptera~ und versicherte, er kenne die Geschichte und Lebensweise aller dieser ~Pachydermata~. Das Känguruh habe Taschen, in die es seine Jungen hineinstecke, wenn es keine Aepfel fände. Der Emu wäre so groß wie ein Strauß und sähe diesem ähnlich, er fräße alles durcheinander, selbst Ziegelsteine. Zwischen einem Dingo und einem Dodo sei nur der Unterschied, daß sie beide nicht bellten, sonst glichen sie einander aufs Haar. Aber ein Dingo wäre gar kein Dingo, sondern einfach ein wilder Hund.
Unter den einheimischen Vögeln, sagte er, sei der schönste der Paradiesvogel, dann käme der Leierschwanz. Aber, der ›Sonnenvogel‹ sei gar kein Vogel, sondern ein Mensch. ›Sonnenvogel‹ ist nur die australische Bezeichnung für einen Herumtreiber, Trinker und Schmarotzer, der zur Zeit der Schafschur unter dem Vorwand Arbeit zu suchen, das Land durchstreift. Er weiß es dabei so einzurichten, daß er immer erst nach Sonnenuntergang bei einer Schafweide anlangt, wenn das Tagewerk zu Ende ist. Was er sucht, ist nur Whisky, Abendbrot, Nachtlager und Frühstück; das läßt er sich geben und dann verschwindet er wieder. Der Naturforscher sprach auch vom Glockenvogel, der den ganzen Tag mit kurzen Unterbrechungen aus der Tiefe des Waldes sein weiches, wundervolles Geläute ertönen läßt. Der ›Sonnenvogel‹ liebt ihn sehr und betrachtet ihn als seinen besten Freund; denn, da er weiß, daß es überall, wo der Glockenvogel sich aufhält, nur Wasser zu trinken gibt, geht er stets nach einer andern Richtung. Der sonderbarste Vogel von allen, sagte der Gelehrte, sei der ›lachende Hans‹ und der größte, die jetzt ausgestorbene Moa. Dieser Riesenvogel war dreizehn Fuß hoch; er konnte über einen gewöhnlichen Menschen hinwegschreiten und ihm dabei den Hut samt dem Kopf abreißen. Flügel hatte er nicht, war aber ein Schnelläufer; die Eingeborenen benützten ihn als Reitpferd, er konnte hintereinander vierhundert Meilen ohne Ermüdung zurücklegen, vierzig Meilen die Stunde. Als die Eisenbahn nach Neuseeland kam, lebte er noch und war als Postbote angestellt. Gleich anfangs führte die Bahnverwaltung einen Fahrplan ein, wie er noch heutigen Tages besteht, nämlich wöchentlich zwei Schnellzüge, mit zwanzig Meilen die Stunde. Um den Postbetrieb zu bekommen, mußte die Eisenbahngesellschaft erst die Moas vertilgen.
Die seltsamen Abweichungen von den bestehenden Gesetzen, welche sich die Natur in Australien erlaubt, ließen sich, meinte der Gelehrte, am besten beim Schnabeltier beobachten, das eine wunderliche Verbindung von Vogel, Fisch, Amphibium, Grabetier, Reptil, Christ und Vierfüßler sei. An Vielseitigkeit des Charakters und der Beschaffenheit stehe das Schnabeltier, auch Ornithorhynchus genannt, weit über allen anderen Geschöpfen der Welt.
»Man kann es zu jeder Tierart zählen und wird nicht irre gehen,« sagte er. »Es ist ein Fisch und verbringt sein halbes Leben im Wasser, die übrige Zeit aber als Landtier auf dem Ufer, und da es nicht weiß, wo es ihm besser gefällt, ist es ein Amphibium. Es hält Winterschlaf sobald in der Welt nicht viel los ist und es Langeweile hat, vergräbt sich auf dem Grunde einer Pfütze im Schlamm und haust dort zur Abwechslung ein paar Wochen. Zu den Enten gehört es auch, denn es hat einen Entenschnabel und Schwimmhäute an den Füßen. Fisch und Vierfüßler zugleich, rudert es mit den Schwimmfüßen im Wasser oder stampft damit auf dem Lande umher; auch für einen Seehund kann es gelten, weil es einen Pelz hat wie er. Das Schnabeltier ist Fleischfresser, Pflanzenfresser, Insektenfresser und Würmerfresser, denn es nährt sich von Fischen, Gras, Schmetterlingen und allerlei Gewürm, das es im Schlamm findet. Offenbar ist es ein Vogel, da es Eier legt und sie ausbrütet, aber auch ein Säugetier, denn es säugt seine Jungen. Daß es eine Art Christ ist, wird niemand bestreiten, da es Sonntagsruhe hält, wenn es sich beobachtet weiß, diese Pflicht jedoch unterläßt, wenn keiner es sehen kann. Es hat Geschmack für alles, nur keinen geläuterten und nimmt alle Sitten und Gewohnheiten an, die es gibt, mit Ausnahme der guten.
»Charles Darwin hat die Theorie über die Entstehung der Arten aufgestellt, nach welcher der Kampf ums Dasein mit dem ›Ueberleben des Passendsten‹ endet. Das Schnabeltier aber hat das unbestrittene Verdienst, dies Experiment selbst ausgeführt und damit zuerst den Beweis geliefert zu haben, daß sich Darwins Theorie auch in der Praxis bewährt. Beiden gebührt daher der gleiche Ruhm.
»Als die Sündflut kam, flüchtete es sich nicht in die Arche Noäh, dort würde man seinen Namen vergebens suchen. Nein -- es besaß Selbstlosigkeit genug, um draußen zu bleiben und an der praktischen Entwicklung der Theorie zu arbeiten, auch war ja kein Geschöpf der Welt für dies Werk so gut ausgerüstet wie das Schnabeltier. Die Arche schwamm dreizehn Monate auf den Wassern, welche die Erde überfluteten, so daß nirgends Land zu erblicken war. Es gab weder Speise noch Trank mehr für ein Säugetier; kein Pflanzenwuchs, kein Nahrungsmittel war übrig geblieben, und das Salzwasser der Meere hatte sich mit den reinen Fluten des Himmels gemischt, so daß kein gewöhnliches lebendes Wesen es hätte trinken können. Aber dieser Zustand der Dinge war dem Ornithorhynchus gerade recht. Das Wasser seiner Flußheimat hatte immer den Salzgeschmack der Meeresfluten gehabt, und die Wogen, welche über die Berggipfel dahinrollten, führten zahllose Stämme von Waldbäumen mit sich. Auf diesen schiffte der Ornithorhynchus friedlich weiter und schwamm von einer Zone zur andern, von einer Halbkugel zur andern, in aller Behaglichkeit und Gemütsruhe. Voll Interesse für den stets wechselnden Schauplatz seiner Fahrt und dankbar für die ihm verliehenen Vorrechte, verfolgte er in stets wachsender Begeisterung die Entwicklung der großen wissenschaftlichen Theorie, für deren Wahrheit er -- wenn ich mich so ausdrücken darf -- bereit war, sein Leben, sein Glück und seine Ehre einzusetzen.
»So lebte das Schnabeltier in ruhigem Wohlbehagen, wie jemand der sein genügendes Auskommen hat. Von allem, was es zu einem glücklichen Dasein bedurfte, mangelte ihm nichts. Wollte es einen Spaziergang machen, so kroch es auf dem Baumstamm entlang; bei Tage träumte es unter dem Blätterdach und schlief nachts in dessen Schutz. So oft das Tier wollte, konnte es ein Schwimmbad nehmen; hatte es Verlangen nach Pflanzenkost, so fraß es Baumblätter, unter der Rinde grub es nach Würmern und Larven oder fing es sich einen Fisch; wollte es Eier haben, so brauchte es sie nur zu legen. Wenn alles Gewürm in einem Baume verzehrt war, so schwamm es nach einem andern hin, und Fische gab es stets in solchem Ueberfluß, daß es nur die Qual der Wahl hatte. Bekam es aber Durst, so schlürfte es mit Wonne die salzige Mischung, an der ein Krokodil umgekommen wäre.
»Als das Schnabeltier endlich nach seiner dreizehnmonatlichen Forschungsreise in allen Zonen auf einem Berggipfel gelandet war, stieg es ans Ufer und dachte stolzen Mutes: ›Mögen die, welche nach mir kommen, Theorien erfinden, und sich in ihrer Phantasie mit dem ›Ueberleben des Passendsten‹ beschäftigen; _aber ich habe die Möglichkeit zuerst durch die Tat bewiesen_.‹
»Dies wunderbare Geschöpf,« fuhr der Gelehrte fort, »stammt gleich dem Känguruh und vielen andern merkwürdigen Tierarten Australiens aus einer Erdperiode, in der vom Menschen noch keine Spur vorhanden war. Damals führte ein viele hundert Meilen breiter und Tausende von Meilen langer Riesendamm von Australien nach Afrika hinüber; die Tierwelt beider Erdteile war die nämliche und gehörte jener geologischen Epoche der Urzeit an, welche die Wissenschaft unter dem Namen ›alte rote totliegende ~Post-Pleosaurius~-Formation‹ kennt. Später versank der Riesendamm im Meere und gewaltige Erderschütterungen hoben das afrikanische Festland um tausend Fuß höher als vormals, während Australien seinen alten Standpunkt behauptete. In dem neuen afrikanischen Klima entwickelte sich notwendigerweise auch die Tierwelt ganz anders und begann die Formen abzustreifen, wodurch neue Familien und Arten entstanden. Die Tiere in Australien dagegen blieben wie sie waren, bis auf den heutigen Tag. Auch der afrikanische Ornithorhynchus hat sich im Lauf einiger Millionen Jahre immer weiter entwickelt und eine Eigenheit nach der andern abgelegt, bis das ganze Geschöpf in seine Teile zerfiel und sich zersplitterte. Wenn man jetzt in Afrika einen Vogel oder Vierfüßler sieht, eine Otter oder einen Seehund, so kann man darauf wetten, daß es irgend ein Ueberbleibsel des wunderbaren Urgeschöpfs ist, von welchem ich rede -- das der Inbegriff aller Arten war und doch keiner einzelnen angehörte -- dem überreich begabten ~E Pluribus Unum~ der Tierwelt.
»Dies ist die Lebensgeschichte des ältesten und ehrwürdigsten Geschöpfs, das heutzutage auf Erden lebt, des ~Ornithorhynchus Platypus Extraordinariensis~, das Gott noch lange erhalten möge!«
Zu so hohem Schwung erhob sich der Naturforscher bisweilen in seiner Schilderung, wenn er von dem Gegenstand mächtig ergriffen war, und zwar nicht nur in Prosa, nein, auch in gebundener Rede. Er hatte viele Verse gemacht und lieh den Passagieren sein Manuskript; ja, er erlaubte ihnen sogar eine Abschrift davon zu machen. Ein Gedicht, welches mir am erhabensten von allen erschien, und in dem auch die wenigsten technischen Ausdrücke vorkommen, will ich hierhersetzen:
Aufforderung.
Aus deinem Schlammbett komm, Du liebes Schnabeltier, Und willig gib und fromm, Jetzt Red’ und Antwort mir.
Noch ist mir unbekannt Dein Stamm und deine Art, Weshalb dein Körperbau So ganz und gar apart.
Du trägst den Biberschwanz, Die Schwimmhaut statt der Klaun, In deiner Schnauze ist Manch scharfer Zahn zu schaun.
Auch dir, mein Känguruh, Mit kurzem Vorderfuß Und spitzem Rattenkopf Entbiet’ ich meinen Gruß!
Wer lehrt’ dich kühnen Sprung? Wer gab den Beutel dir? Geschöpf aus frührer Zeit, Warum weilst du noch hier?
Versteint im Erdenschoß, All’ deine Freunde ruhn. Was willst in fremder Welt Du hier allein noch tun?
Neuntes Kapitel.
Bemitleidet die Lebenden, beneidet die Toten.
_Querkopf Wilsons Kalender._
_15. September_ abends. -- Jetzt sind wir dicht an Australien. Sydney ist nur noch fünfzig Meilen entfernt.
Das hatte ich eben geschrieben, als die Passagiere auf Deck gerufen wurden, wo es etwas Schönes zu sehen gab. Es war sehr dunkel; das Auge konnte kaum fünfzig Meter in der Runde über die Meeresfläche schweifen, weiterhin verdüsterte sich alles und entschwand dem Blick. Wer aber eine Weile geduldig in die Finsternis hineinschaute, wurde reich belohnt. Nicht lange da erschien eine Viertelmeile entfernt ein blendend heller Schein oder Strahl auf dem Wasser, so plötzlich und mit so wundervollem Glanz, daß man unwillkürlich den Atem anhielt. Die Lichtmasse dehnte sich rasch im Zickzack bis zur ungeheuern Länge der fabelhaften Seeschlange aus; man glaubte jeder Bewegung ihres Körpers folgen zu können. Sowohl das Kielwasser hinter dem Schweif, als auch die Wellen, die vor dem Kopf dahinschossen, waren wie in Feuersglut getaucht. Und mit welcher blitzartigen Geschwindigkeit das Ungetüm daherkam! Ehe man sich’s versah, war der fünfzig Fuß lange, feurige Drache vorbeigestürmt und im Nu verschwunden. Aber auf demselben Fleck, von wo er gekommen war, leuchtete es wieder auf; es folgte ein zweiter Strahl, ein dritter, ein vierter, die sich mit rasender Eile in Seeschlangen verwandelten. Einmal sahen wir sechzehn zu gleicher Zeit aufblitzen und auf uns zuschießen. Die sich in zahllosen Windungen schlängelnden Feuerströme boten einen Anblick von zauberhafter Schönheit, ein Schauspiel so voller Glut und Glanz, wie es die meisten jener Zuschauer wohl erst nach ihrem Tode wieder zu sehen bekommen werden.
Und was war es? -- Nichts anderes als zahlreiche Scharen von Delphinen, die sich im phosphoreszierenden Meere tummelten. Sie vereinigten sich gleich darauf zu einem prächtigen, wilden, verworrenen Knäuel unter dem Bug des Schiffes, wo sie wohl eine Stunde lang ihr munteres Spiel trieben. Bald schnellten sie in die Höhe, hüpften und vergnügten sich auf allerlei Weise, bald schossen sie Purzelbäume vor dem Schiffsschnabel und darüber hinweg ohne sich je zu stoßen oder den Vordersteven zu berühren, obgleich sie sich ihm stets auf Zollweite näherten. Es waren Delphine von gewöhnlicher Größe, 8--10 Fuß lang, aber bei jeder Bewegung ihres Körpers schlängelten sich feurige Schneckenwindungen weithin nach rückwärts über das Wasser. Dies glänzende Gewirre bot einen geradezu entzückenden Anblick, auch rührten wir uns nicht von der Stelle, bis das Schauspiel zu Ende war; dergleichen bekommt man im Leben schwerlich ein zweitesmal zu sehen. Die Delphine sind zwar stets voller Lust und Beweglichkeit und haben nichts als Possen im Kopf wie die Spielkätzchen, aber so ausgelassen wie an jenem Abend hatte ich sie noch nie gesehen, sie waren förmlich wie betrunken.
Als wir uns Sydney bis auf dreißig Meilen genähert hatten, kam das große elektrische Licht zum Vorschein, das auf einem der hohen Wälle angebracht ist. Aus dem winzigen Lichtfunken wurde allmählich eine Riesensonne, die das dunkle Firmament wie mit einem fernhin leuchtenden Schwert zerteilte.