Meine Reise um die Welt. Erste Abteilung
Part 18
Wir sind mit unserm Schiff sehr zufrieden, es ist hübsch und geräumig, auch alles darin bequem und gut in Ordnung. In einem Hotel kommt es wohl vor, daß man auf eine Ratte tritt, aber an Bord haben wir lange nichts von Ratten gespürt, außer vielleicht auf der ›Flora‹; aber da waren wir mit wichtigeren Dingen beschäftigt. Es ist mir aufgefallen, daß man nur noch auf Schiffen und in Hotels Ratten findet, wo die abscheulichen chinesischen Gongs gebraucht werden. Der Grund kann nur sein, daß die Ratten nicht nach der Uhr zu sehen verstehen, um zu erfahren, in welcher Tageszeit sie leben, und einen Ort fliehen, an dem sie nie wissen, wann das Essen fertig ist.
* * * * *
_2. Dezember. Montag._ Von Napier nach Hastings benutzten wir den Schnellzug, der in Neuseeland zweimal die Woche fährt. In Waitukurau war zwanzig Minuten Aufenthalt und wir nahmen einen Imbiß. Ich saß oben am Tisch, so daß ich die rechte Wand sehen konnte, während meine Frau, meine Tochter und Mr. Carlyle Smythe, mein Geschäftsführer, der Wand den Rücken zukehrten. Auf dieser Wand hingen einige Bilder ziemlich weit von mir, so daß ich sie nicht deutlich erkennen konnte, aber nach der ganzen Gruppierung der Gestalten nahm ich an, daß eins derselben die Ermordung von Napoleons des Dritten Sohn durch die Zulus in Südafrika darstellte. Ich unterbrach das Gespräch, welches sich eben um Poesie, Kohlköpfe und bildende Kunst drehte und wandte mich an meine Frau mit der Frage:
»Weißt du noch, wie die Nachricht in Paris ankam --«
»Daß der Prinz ermordet wäre?«
(Ich hatte genau diese Worte im Sinn gehabt.) »Welcher Prinz denn?«
»Napoleon -- Lulu.«
»Wie kommst du eben jetzt darauf?«
»Ich weiß nicht.«
Höchst sonderbar! -- Wir hatten uns auf keine Weise miteinander verständigt. Die Bilder waren nicht erwähnt worden und meine Frau konnte sie nicht sehen. Vor sieben Monaten waren wir nach einem mehrjährigen Aufenthalt von Paris abgefahren, um diese Reise zu unternehmen und meine Frau hätte an irgend eine Nachricht denken müssen, die in jüngst vergangener Zeit nach Paris gekommen war. Statt dessen dachte sie an ein Erlebnis bei unserm kurzen Besuch in Paris vor sechzehn Jahren.
Es war ein deutliches Beispiel von Gedankentelegraphie, von geistiger Wechselwirkung. Ich hatte die Idee aus meinem Hirn an sie telegraphiert. -- Woher ich das so bestimmt weiß? -- Nun einfach deshalb, weil es ein Irrtum war. Es ergab sich nämlich, daß jenes Bild weder die Ermordung Lulus darstellte, noch überhaupt etwas, das sich irgendwie auf Lulu bezog. Ich mußte ihr den Irrtum telegraphiert haben, denn außer in meinem Kopfe war er nirgends vorhanden.
Zweiunddreißigstes Kapitel.
Der Selbstherrscher von Rußland hat mehr Macht als irgend ein Mensch auf Erden; aber das Niesen kann er doch nicht zurückhalten.
_Querkopf Wilsons Kalender._
_Wanganui 3. Dezember._ Unsere gestrige Fahrt war sehr angenehm und dauerte vier Stunden. Meinetwegen hätte der Zug sie auf acht Stunden ausdehnen können. Wenn man sich behaglich fühlt und kein Grund zur Eile vorhanden ist, liegt mir gar nichts an übergroßer Schnelligkeit. Nun kenne ich aber kein bequemeres Beförderungsmittel als einen Neuseeländer Zug. Nirgends findet man außerhalb Amerikas so vernünftig eingerichtete Eisenbahnwagen. Rechnet man dazu noch den unausgesetzten Anblick des reizendsten Landschaftsbildes und den fast gänzlichen Mangel an Staub, so kann man nur jedem raten, der damit noch nicht zufrieden ist, er soll aussteigen und zu Fuße gehen. -- Würde er dadurch aber anderer Meinung werden? Ganz gewiß. Nach Ablauf einer Stunde träfe man ihn sicherlich bescheiden wartend neben dem Schienenstrang, und er wäre froh mit dem Zug weiter fahren zu dürfen.
In der Stadt und Umgegend sieht man viele Leute zu Pferde und hübsche junge Mädchen in luftigen Sommerkleidern, auch die Heilsarmee und eine Menge Maori; Gesicht und Körper der älteren sind meist sehr geschmackvoll bemalt. Jenseits des Flusses liegt das Rathaus der Maori, ein großes, festes Gebäude, das von einem Ende zum andern mit Matten ausgelegt und mit reichen, kunstvoll verfertigten Holzschnitzereien geschmückt ist. Die Maori sind auch sehr höfliche Leute.
Einer der Volksvertreter gab mir die Versicherung, daß die eingeborene Rasse nicht abnimmt, sondern sich im Gegenteil langsam vermehrt. Dies ist ein neuer Beweis, daß die Maori, als Wilde, auf einer hohen Stufe stehen. Ich weiß mich an keine anderen Eingeborenen irgend welcher Rasse zu erinnern, die so gute Häuser oder so starke, zweckentsprechende Festungswerke errichtet hätten, die den Ackerbau so eifrig betrieben oder bei denen die Kriegswissenschaft und Verteidigungskunst fast bis zu einer Vollkommenheit gediehen wäre, wie man sie sonst nur bei den Weißen findet. Zählt man hierzu noch ihre große Geschicklichkeit in der Anfertigung von Booten und ihre Begabung für die dekorativen Künste, so kann man sie höchstens noch als Halb- oder Dreiviertel-Barbaren betrachten und ihnen eine gewisse Zivilisation nicht absprechen.
Es ist schmeichelhaft für die Maori, daß die britische Regierung, statt sie auszurotten wie die Australneger und die Tasmanier, sich mit ihrer Unterwerfung begnügt hat. Auch nahmen die Engländer ihnen nicht alles gute Land fort, sondern ließen ein großes Stück in ihrem Besitz und schützten sie sogar vor den Landwucherern, wie es die Regierung von Neuseeland noch heutigen Tages tut. Am schmeichelhaftesten für die Maori ist jedoch, daß sie ihre eingeborenen Vertreter sowohl im Ministerium wie im gesetzgebenden Körper haben, und daß auch das weibliche Geschlecht wahlberechtigt ist. Die Regierung ehrt sich selbst durch diese Einrichtungen, denn bisher war es in der Welt nicht Sitte, daß ein Eroberer mit den Besiegten auf so weitherzige Art verfuhr.
Die gebildetsten Weißen, die zuerst unter den Maori lebten, hatten wirkliche Zuneigung für sie und eine hohe Meinung von ihrer Gesittung. Ich will nur den Verfasser des ›Alten Neuseeland‹ anführen, sowie ~Dr.~ Campbell von Auckland. Letzterer hatte mit mehreren Häuptlingen große Freundschaft geschlossen und wußte viel Gutes von ihrer Treue, Hochherzigkeit und Großmut zu berichten. Er erzählte auch, was sie sich für wunderliche Begriffe von der Zivilisation der Weißen machten und wie komisch sie dieselben beurteilten. Einer von ihnen meinte unter anderm, der Missionar greife alles am unrechten Ende an und kehre das Unterste zu oberst. »Hat er doch sogar gesagt, wir sollten aufhören, die bösen Götter anzubeten und um ihren Schutz zu flehen; wir brauchten uns mit Verehrung und Bitten nur noch an den guten Gott zu wenden. Das hat ja weder Sinn noch Verstand! Ein _guter_ Gott wird uns doch keinen Schaden tun!«
Unter den Maori herrschte das ›Tabu‹ in so großartigem Umfang, wie es für Polynesien paßte. Von einigen Verboten hätte man glauben können, sie stammten aus Indien oder Judäa. Weder bei den Maori noch bei den Indern durfte der gemeine Mann an einem Feuer kochen, das von einem Mitglied der höheren Kasten benutzt worden war. Ebensowenig gestattete man dem vornehmen Maori oder dem vornehmen Inder sich des Feuers zu bedienen, an dem der gemeine Mann seine Speise bereitet hatte. Trank ein Maori oder ein Inder niederen Ranges aus dem Gefäß, das einem Höhergestellten gehörte, so war das Gefäß verunreinigt und mußte zerschlagen werden. Auch noch in mancher Beziehung erinnert das Maori-Tabu an den Kastengeist der Inder.
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_8. Dezember._ Hier in Wanganui stehen ein paar sonderbare Kriegerdenkmäler. Das eine ist zum Andenken an die Weißen errichtet, die bei »der Verteidigung von Ordnung und Gesetz gegen Barbarei und Fanatismus« gefallen sind. -- Fanatismus -- das Wort sollte unverweilt entfernt werden, denn es ist sicher nur aus Irrtum und Mangel an Ueberlegung auf das Denkmal gesetzt worden; wenigstens möchte ich das zur Ehre der uns stammverwandten englischen Nation annehmen. Man verpflanze einmal die Inschrift: »welche zur Verteidigung von Gesetz und Ordnung gegen den Fanatismus gefallen sind,« an den Ort, wo Winkelried starb, an die Thermopylen oder auf das Bunker-Hill-Monument -- da wird man einsehen, was das Wort bedeutet und wie verkehrt es in jenem Fall angewendet ist. Patriotismus bleibt Patriotismus. Nichts kann ihn herabwürdigen, mag man ihn auch Fanatismus nennen, so viel man will. Selbst wenn er vom politischen Standpunkt aus tausendmal im Irrtum ist, so ändert das nichts an der Sache. Der Patriot ist und bleibt ehrenhaft, edel und groß, er darf getrost das Haupt erheben! Mit Recht preist man die tapfern Weißen, die im Maorikrieg gefallen sind -- sie verdienen alles Lob. Aber das Wort ›Fanatismus‹ stellt die Sache so dar, als hätten sie ihr Blut in keinem würdigen Kampfe vergossen, in einem Kampfe gegen unedle Feinde, die des Opfers nicht wert waren. Und doch standen sie wackern Männern gegenüber, mit denen zu fechten keine Schande war, Männern, die für ihre Heimstätten und ihr Vaterland als tapfere Feinde stritten und einen ehrenvollen Tod fanden. Es würde dem Ruhm der braven Engländer, die unter dem Denkmal liegen, keinen Abbruch tun, sondern ihn nur erhöhen, wenn die Inschrift besagte, daß sie in Verteidigung des englischen Gesetzes und ihrer englischen Heimat gefallen sind, im Kampf mit Gegnern, die aller Achtung wert waren -- mit den für ihr Vaterland sterbenden Maori.
An dem zweiten Denkmal läßt sich nichts verbessern -- außer mit Dynamit. Es ist ein Irrtum durch und durch und ein Beweis von großer Gedankenlosigkeit. Die Engländer haben es zur Erinnerung an die Maori aufgestellt, die auf Seiten der Weißen _gegen ihre eigenen Landsleute_ kämpften. »Dem Andenken der wackeren Männer gewidmet, die am 14. Mai 1864 gefallen sind etc.,« lautet die Inschrift. Auf der Rückseite stehen die Namen von ungefähr zwanzig Maori.
Es ist kein Phantasiegebilde von mir; das Denkmal steht wirklich da und ich habe es gesehen. Welche Lehre für die kommenden Geschlechter! Es fordert mit dürren Worten zu Verrat, Untreue und Verleugnung des Patriotismus auf: »Verlasse deine Fahne,« ruft es, »erschlage deine Landsleute, verbrenne ihre Häuser, sei eine Schande für dein Volk -- solchen Leuten erweisen wir Ehre!«
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_12. Dezember._ Nach zehnstündiger Eisenbahnfahrt von Wanganui aus, erreichten wir Wellington ... Eine schöne Stadt, in stolzer Lage; reger Handel, viel Leben und Bewegung. Ich habe hier drei Tage teils mit Spazierengehen und angenehmem geselligem Verkehr zugebracht, teils bin ich in dem herrlichen Garten von Hutt umhergeschlendert, der eine Strecke weiter am Ufer liegt. Dergleichen sehen wir gewiß sobald nicht wieder!
Wir packen heute abend unsere Koffer zur Rückreise nach Australien. Der Aufenthalt in Neuseeland ist zu kurz gewesen, doch sind wir froh, daß wir es wenigstens flüchtig sehen durften.
Die tapfern Maori haben es den Weißen ziemlich schwer gemacht, sich im Lande anzusiedeln. Anfangs jedoch empfingen sie die Engländer freundlich und machten gern Geschäfte mit ihnen. Besonders kauften sie Flinten, denn sie führten oft zum Zeitvertreib Krieg unter einander, und die Waffen der Weißen gefielen ihnen weit besser als ihre eigenen. Ich brauche den Ausdruck ›Zeitvertreib‹ mit gutem Bedacht; sie kamen wirklich häufig zusammen, ohne daß irgend ein Streit vorlag und erschlugen einander bloß zum Vergnügen. Der Verfasser des ›Alten Neuseeland‹ erwähnt einen Fall, wo das siegreiche Heer nur seinen Vorteil auszunutzen brauchte, um den Feind zu vernichten und es gleichwohl unterließ. »Denn,« lautete die naive Erklärung, »täten wir das, so gäbe es keinen Kampf mehr.« Ein andermal ließ die eine Armee dem Heer, das ihr feindlich gegenüberstand, sagen, ihr sei das Pulver ausgegangen und sie müsse das Schießen einstellen, falls sie nicht neuen Vorrat erhalte. Man schickte ihr, was sie brauchte, und die Schlacht nahm ihren Fortgang.
Wie gesagt, als die Engländer sich zuerst in Neuseeland niederlassen wollten, ging alles gut. Die Eingeborenen verkauften ihnen Strecken Landes, ohne die Bedingungen des Vertrages zu verstehen, und die Weißen kauften von ihnen und kümmerten sich nicht darum, daß die Maori nicht wußten, was sie taten. Als dann letztere allmählich einsahen, daß ihnen unrecht geschah, begannen die Zwistigkeiten. Kein Maori hätte ein Unrecht, das ihm widerfuhr, ruhig erduldet oder sich mit Klagen begnügt. Das Volk besaß dieselbe Ausdauer wie die Tasmanier und daneben noch allerlei militärische Kenntnisse; es stand gegen seine Bedrücker auf und die tapfern ›Fanatiker‹ entfachten einen Krieg, dessen schließliche Entscheidung erst erfolgte, nachdem mehrere Generationen zu Grabe gegangen waren.
Dreiunddreißigstes Kapitel.
Es gibt mancherlei Schutzwehr gegen die Versuchung, aber die wirksamste ist Feigheit.
_Querkopf Wilsons Kalender._
_Freitag 13. Dezember._ Um drei Uhr nachmittags in der ›Mararoa‹ abgesegelt. Eine Sommersee und ein gutes Schiff -- was kann es Besseres auf Erden geben? --
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_Montag._ Drei Tage im Paradies. Die See war sonnig, glatt und glänzend blau wie das Mittelmeer ... Man liegt den ganzen Tag lang auf Deck im Klappstuhl unter dem Sonnenzelt und liest und raucht im wohligsten Behagen.
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_17. Dezember._ Wir sind in Sydney.
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_19. Dezember. Auf der Eisenbahn._ Ein Mensch von dreißig Jahren stieg mit vier Reisetaschen ein. Der Mund des schmächtigen Kerlchens sah aus wie ein verfallener Kirchhof, so vernachlässigt waren die Zähne; sein Haar bestand aus einer festen Schicht, die mit Pomade zusammengeklebt war. Er rauchte die wunderbarsten Zigaretten, die wohl aus einer Art Dung bestehen mußten, denn sie strömten zusammen mit dem Haar einen ganz ›eingeborenen‹ Geruch aus. Unter seiner tiefausgeschnittenen Weste kam ein großes Stück des verknitterten, zerrissenen und beschmutzten Hemdeinsatzes zum Vorschein, mit Knöpfen von Talmigold, welche schwarze Ringel auf der Leinwand gemacht hatten. Dazu trug er große unechte Manschettenknöpfe, bei denen man das Kupfer durchsah und eine schwere Talmi-Uhrkette, die ihm vermutlich nicht verriet, was die Glocke geschlagen hatte, denn er fragte Smythe, wieviel Uhr es sei. Einstmals mochte sein Rock wohl auch jung und hübsch gewesen sein, jetzt war er aber außerordentlich schmutzig, und die hellen Sonntagnachmittags-Beinkleider, die er anhatte, desgleichen; sein gelber Schnurrbart war an den Enden kühn in die Höhe gewirbelt, seine Schuhe von unechtem Glanzleder sahen fuchsig aus. Er war für mich eine völlig neue Erscheinung -- ein nachgemachter Gigerl; hätten es ihm seine Mittel erlaubt, so wäre er ein echter gewesen. Jedenfalls war er mit sich selbst zufrieden, das konnte man an seinem Gesichtsausdruck sehen, an jeder Bewegung, die er machte, an jeder Stellung, die er einnahm. Er lebte in einem Gigerl-Traumland, wo all sein schmutziges Scheinwesen echt und er selbst keine Lüge war. Wenn man sah, wie er seine kleinen nachgeäfften Künste und Gebärden, seinen falschen Schmuck und jede seiner gezierten Bewegungen mit Wonne genoß, so verlor die Kritik ihren Stachel und der Zorn besänftigte sich. Mir schien es klar, daß er sich einbildete, er wäre der Prinz von Wales und sich ganz so benahm, wie er glaubte, daß sich der Prinz benehmen würde. Dem Dienstmann, der ihm seine vier Reisetaschen nachtrug und ins Netz legte, gab er vier Cents für die Bemühung und entschuldigte sich wegen der geringfügigen Summe, mit einem leisen Anflug der königlichsten Herablassung. Dann rekelte er sich auf dem Vordersitz, legte den Arm unter seinen pomadisierten Kopf, steckte die Füße zum Fenster hinaus und begann die Rolle des Prinzen zu spielen, wie sie ihm vorschwebte. Mit erkünstelter Abgespanntheit sah er den blauen Qualm sich von seiner Zigarette emporkräuseln, sog den Gestank ein und machte ein beglücktes Gesicht; dann streifte er mit einem zierlichen Schwung die Asche fort und ließ dabei ganz unabsichtlich seinen Messingring am Zeigefinger mit der größten Auffälligkeit funkeln. Kurz, er machte alles so täuschend nach, daß man sich wirklich nach Marlborough House versetzt glaubte.
Auf der Fahrt war auch sonst viel zu sehen: Die wunderschöne Gegend im Nationalpark am Hawksbury-Fluß, wo die Waldberge einen stolzen Rahmen um die von See und Strom bewässerte Landschaft bilden und dem Beschauer in immer neuer Gruppierung die entzückendste Szenerie vorführen. Weiterhin grüne Ebenen, spärlich mit Gummiwäldern bedeckt; hie und da eine vereinzelte Hütte, wo die Farmer sich fleißig der Kinderzucht widmeten; dann dürre, trübselige Strecken ohne Leben. Endlich Newcastle mit reger Geschäftstätigkeit, die Hauptstadt des reichen Kohlenbezirks. In der Nähe von Scone viel Landwirtschaft und Weideland, dazwischen häufig ein sehr lästiges Gewächs, eine kleine stachlichte Birnensorte, welche der Farmer täglich zu allen Teufeln wünscht. Sie soll von einer gefühlvollen Dame eingeführt und der Kolonie zum Geschenk gemacht worden sein ... Den ganzen Tag über eine wahre Siedehitze.
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_20. Dezember._ Wieder nach Sydney zurück. Noch eben solche Glut. Ich habe mir in der Zeitung und auf der Landkarte eine Menge absonderlicher Namen von Städten Australiens zusammengesucht, um ein Gedicht daraus zu machen. Hier ist die Liste:
~Tumut~ ~Takee~ ~Murwillumba~ ~Bowral~ ~Ballarat~ ~Mullengudgery~ ~Murrurundi~ ~Wagga-Wagga~ ~Wyalong~ ~Murrumbidgee~ ~Wollongong~ ~Woolloomooloo~ ~Bombola~ ~Coolgardie~ ~Bendigo~ ~Coonamble~ ~Cootamundra~ ~Woolgoolga~ ~Mittagong~ ~Jamberoo~ ~Goomaroo~ ~Wolloway~ ~Wangary~ ~Wanilla~ ~Worrow~ ~Koppio~ ~Yaranyacka~ ~Yankalilla~ ~Waitpinga~ ~Goolwa~ ~Nangkita~ ~Myponga~ ~Penola~ ~Nangwarry~ ~Kongorong~ ~Comaum~ ~Killanoola~ ~Naracorte~ ~Binnum~ ~Wirrega~ ~Kondoparinga~ ~Kuitpo~ ~Tungkillo~ ~Onkaparinga~ ~Talunga~ ~Yatala~ ~Parawirra~ ~Moorooroo~ ~Munno Parah~ ~Kapunda~ ~Keoringa~ ~Koolywurtie~ ~Muloowurtie~ ~Wallaroo~ ~Yackamoorundie~ ~Mundoora~ ~Woolundunga~ ~Coomooroo~ ~Booleroo~ ~Pernatty~ ~Geelong~ ~Paramatta~ ~Toowoomba~ ~Taroom~ ~Goondiwirdi~ ~Narrandera~ ~Jerrilderie~ ~Deniliquin~ ~Oohipara~ ~Whangerou~ ~Kawakama~ ~Whangarei~ ~Kaiwaka~ ~Hauraki~ ~Rangiriri~ ~Tauranga~ ~Teawamut~ ~Taranaki~ ~Tongariro~ ~Kaikoura~ ~Wakatipu.~
Vielleicht tue ich am besten, gleich mit dem Aufbau des Gedichts zu beginnen; das Wetter soll mir dabei behilflich sein:
Gluthitze in Australien.
(In leisem Flüsterton zu lesen, wenn die Lichter gelöscht sind.)
Die ~Bombola~ schmachtet im ~Bowral~ Baum, Wo ~Mullengudgerys~ Feuerbrand Vom Hauch ~Coolgardies~ berührt wie im Traum Gespenstisch noch glüht’, als der Tag verschwand.
Und ~Murriwillumbas~ Klagelied Tönt in den Lauben von ~Woolloomooloo~ ~Wollongong~ sehnt sich im öden Gebiet Nach den wonnigen Gärten von ~Jamberoo~.
Das ~Wallaby~ seufzt nach dem ~Murrumbidgee~, Nach dem samtweichen Rasen von ~Munno Parah~, Wo die heilenden Wasser von ~Muloowurtie~ Vorüberfluten bei ~Yaranyacka~.
Um ~Wolloway~ trauert des ~Koppios~ Herz, Er sehnt sich heimlich nach ~Murrurundi~. Der ~Whangerou Wombat~ in bitterm Schmerz Sieht sich verbannt aus ~Jerrilderie~.
Der ~Teawamut Tumut~ vom ~Wirrega~-Tal, Die ~Nangkita~ Schwalbe, der ~Wallaroo~ Schwan, Sie hoffen auf ~Timarus~ Schatten zumal, Auf ~Mittagongs~ Duft und der Ruhe Nahn.
Der ~Keoringa~ Büffel verschmachtet schier, Der ~Hauraki~ keucht in der Sonnenglut, Der ~Kongorong~ floh ins Schattenrevier, Doch im Todesschlaf der ~Goomaroo~ ruht.
Auf ~Moorooroos~ Flur in dem Höllenbrand Stirbt, ach! der ~Yatala Wangary~ hin; Und den ~Worrow Wanilla~ zum Waldesland Von ~Woolgoolga~ sieht man verzweifelnd fliehn.
~Nangwarry~ irrt einsam, ~Coonamble~ vergeht, ~Tungkillo Kuitpo~ legt Trauerkleid an. Kein rettender Windhauch aus ~Whangarei~ weht, Kein West zieht aus ~Booleroo~ kühlend heran.
~Myponga~, ~Kapunda~, o schlummert nicht mehr! ~Yankalilla~, ~Parawirra~, erwacht! Vernimm’s ~Killanoola~ -- der Tod schleicht umher Auf ~Penolas~ Warnung gib acht!
Schon sind ~Tongariro~ und ~Wakatipu~, ~Cootamundra~, ~Kaikoura~, verbrannt, Von ~Onkaparinga~ bis ~Oamarou~ Steht in Flammen ~Toowoombas~ Land.
~Paramatta~ und ~Binnum~, sie gingen zur Ruh’, ~Mundoora Taroom~ ward ihr Grab. ~Kawakama~, ~Takee~ -- der Rasen deckt zu, Was es Schönstes auf Erden einst gab.
~Narrandera~ trauert; dem liebenden Laut, Gibt ~Camaroo~ Antwort nicht mehr; Wo einst man ~Goolwa~, ~Woolundunga~ erschaut, Ist alles öde und leer.
Die Wörter sind für die Poesie wie geschaffen; bessere habe ich mein Lebtag nicht gehört. Die Liste umfaßt einundachtzig Stück, aber ich habe nicht alle gebraucht und mir nur vierundsechzig herausgegriffen. Mir scheint, das ist ein gehöriges Bündel für jemand, der nicht Dichter von Beruf ist. Vielleicht wäre es einem Hofpoeten besser gelungen, aber ein Hofpoet bezieht auch Gehalt. Wenn ich Verse mache, bekomme ich nichts dafür, im Gegenteil, es kostet mich oft noch Geld. Das beste Wort im ganzen Verzeichnis, das auch am melodischsten girrt und gluckst ist Woolloomooloo. So heißt ein Ort in der Nähe von Sydney, ein Lieblingsziel für Vergnügungsausflüge. Es sind nicht weniger als acht o in dem Namen.
_Schluß der 1. Abteilung._
Fußnoten:
[1] Forbes, Zwei Jahre auf den Fidschi-Inseln.
[2] N.S.W. Blaubuch.
[3] D. M. Luckie.
[4] Ebda.
[5] N.S.W. Blaubuch.
[6] Der berühmte Detektiv in den C. Doyle’schen Erzählungen; siehe die _Sherlock Holmes-Serie_, illustr. Ausgabe in 6 Bänden.
[7] Die Marsupialia sind Sohlengänger und Wirbeltiere, deren Eigentümlichkeit in ihrem Beutel besteht. In einigen Ländern sind sie ausgestorben, in andern kommen sie nur selten vor. Die ersten amerikanischen Beuteltiere waren Stephen Girard, Jakob Astor und das Opossum; auf der südlichen Halbkugel sind die hauptsächlichsten Cecil Rhodes und das Känguruh. Ich selbst bin das neueste Marsupial, auch könnte ich damit prahlen, daß ich den größten Beutel von allen habe -- aber, es ist nichts darin.
Verlag von =Robert Lutz= in =Stuttgart=.
Klassische Dramen
und ihre Stätten.
Von =Robert Kohlrausch=.
Mit Text- und Vollbildern von _Peter Schnorr_.
18 Bogen Großoktav. Brosch. M. 5.--, eleg. in Lwd. geb. M. 6.--.
_Aus dem Vorwort_:
»Weit umher bin ich gewandert, um die Blätter zu sammeln, die nun hier vereinigt sind. Stets hatte ich Begleitung von bester Art. Denn unsere großen Dichter waren an meiner Seite und ihre Gestalten wiesen mir den Weg. Die Erdenheimat dieser Gestalten aufzusuchen und sie zu vergleichen mit ihrer Dichterheimat, das war mein Ziel. Wo der Poet seinem Werk einen realen, fest bezeichneten Ort zum Hintergrunde gegeben hatte, da wallfahrtete ich zu dieser durch eine große Dichtung geheiligten Stätte, um sie auf ihren eigenen Charakter und auf ihre Beziehung zu jener Dichtung zu prüfen. Mit einem reichen Schatz von Anregung und Genuß bin ich heimgekehrt und ich hoffe, daß etwas davon durch dieses Werk auch auf andere übergeht.«
Die Abhandlungen sind mit feinem kritischem Verständnis und großer Wärme geschrieben, und der schöne, formvollendete Stil Kohlrauschs trägt noch besonders dazu bei, die Lektüre des Buches zu einem wirklichen Genuß zu machen. Dazu kommt eine ganze Anzahl von stimmungsvollen Federzeichnungen nach =Originalaufnahmen des Verfassers=, so daß die »Klassischen Dramen und ihre Stätten« ein =Buch von dauerndem Wert= darstellen.
Mark Twains
Ausgew. humoristische Schriften.
Inhalt: