Meine Reise um die Welt. Erste Abteilung
Part 10
In Amerika haben wir keinen Tag im Jahr, der so wie dieser die Gesamtbevölkerung beseligen kann. Wir feiern den vierten Juli, Weihnachten und das Dankfest. Aber keiner dieser drei Festtage hat einen Vorrang vor dem andern, und keiner ist, wie gesagt imstande, das ganze Volk zu beglücken. Von zehn erwachsenen Amerikanern empfinden mindestens acht ein wahres Entsetzen vor dem vierten Juli mit seinem gefährlichen Höllenspektakel und wünschen sich Glück, daß er vorüber ist -- wenn sie noch am Leben sind. Auch das Nahen des Weihnachtsfestes bringt vielen trefflichen Menschen Qual und Pein. Sie müssen ganze Wagenladungen von Geschenken kaufen und wissen nie, ob sie den Geschmack der Empfänger getroffen haben. Drei Wochen lang arbeiten sie im Schweiße ihres Angesichts und wenn der Weihnachtsmorgen anbricht, fühlen sie sich so enttäuscht und so unzufrieden mit ihren Leistungen, daß sie sich am liebsten hinsetzen möchten, um sich nach Herzenslust auszuweinen und nur in dem Gedanken Trost finden, daß bloß einmal im Jahr Weihnachten ist. Unser Dankfest wird seit einiger Zeit ganz allgemein durch ein Festessen gefeiert. Das Dankgefühl ist bei uns jedoch weit weniger verbreitet. Zu verwundern braucht man sich darüber nicht. Zwei Drittel des Volkes haben jetzt das ganze Jahr hindurch so wenig Glück und ein so schweres Leben, daß ihre Festfreude sich bedeutend abkühlt.
Auch in andern Ländern feiert man hohe Feste, aber wie gesagt, keins an dem das ganze Volk so von Herzen Anteil nimmt. Man wird mir daher wohl zugeben müssen, daß das Preisrennen von Melbourne das Fest aller Feste ist und vermutlich seinen hohen Rang noch lange Zeit behaupten wird.
Für den Reisenden hat in fremden Landen dreierlei das größte Interesse: erstens, die Bevölkerung, zweitens, alles was ihm neu ist und drittens, die geschichtlichen Erinnerungen, welche sich an die Orte knüpfen. In Städten, die auf der Höhe der modernen Zivilisation stehen, wird er selten etwas Neues finden. Kennt man solche Städte in andern Weltteilen, so kennt man tatsächlich auch die großen Städte Australiens. Zwar sind Unterschiede vorhanden, aber es gehört schon ein recht geübtes Auge dazu um sie zu entdecken, und der Fremde hat selten Zeit zu so genauer Beobachtung.
Freilich in den Museen sind endlose Zimmer voll der merkwürdigsten und anziehendsten Gegenstände. Aber das ist doch mehr oder weniger bei allen Museen der Fall; ihre Besichtigung macht uns immer Augenweh und Rückenschmerzen und verzehrt unsere Lebenskraft durch ihr aufreibendes Interesse. Man nimmt sich stets von neuem vor, nie wieder hinzugehen -- und tut es schließlich doch. Die Paläste der Reichen in Melbourne gleichen den Palästen der Reichen in Amerika fast aufs Haar, auch die Lebensweise darin ist die nämliche, aber weiter geht die Aehnlichkeit nicht. Die Gartenanlagen, in denen die amerikanischen Paläste liegen, sind selten groß und oft gar nicht schön; aber in Melbourne haben sie meist den Umfang von fürstlichen Parks und die Kunst des Gärtners schafft daraus mit Hilfe des Klimas etwas ganz Zauberhaftes. Manche Landgüter außerhalb der Stadt sollen sich an Größe und wunderbarem Reiz mit der Besitzung eines englischen Lords messen können. Aber das weiß ich nicht aus eigener Anschauung; ich hatte in der Stadt alle Hände voll zu tun und bin nicht aufs Land hinaus gekommen.
Wie ist aber diese Riesenstadt mit ihren palastähnlichen Häusern und Landsitzen entstanden? Ein englischer Sträfling hat den ersten Stein dazu gelegt und das erste Haus gebaut. Die Geschichte Australiens ist durch und durch romantisch, voll der sonderbarsten, merkwürdigsten Begebenheiten, gegen die alles andere Neue, das man sieht und hört, in den Hintergrund tritt. Sie liest sich gar nicht wie Geschichte, sondern wie eine Sammlung der schönsten Lügen und zwar noch nie dagewesener, keiner abgedroschenen. Allerlei Ueberraschungen, Abenteuer, Ungereimtheiten, Widersprüche und unglaubliche Dinge werden einem aufgetischt; aber sie sind buchstäblich wahr und haben sich wirklich zugetragen.
Auch die Geschichte des Mannes, der den Grundstein von Melbourne gelegt hat, ist ein förmlicher Roman. Sein Name war Buckley, und über kurz oder lang wird man Melbourne in Buckleystadt oder Buckleyburg umtaufen müssen, um die bisherige Ungerechtigkeit wieder gut zu machen. Buckley war ein junger, riesenstarker Engländer, der das Maurerhandwerk betrieb. Später wurde er Soldat und brachte aus den Kriegen mit Holland eine ehrenvolle Wunde heim; die Narbe trug er sein Leben lang. In England wurde er eines Tages angeklagt und überführt, gestohlene Waren verborgen zu haben -- wahrscheinlich im Wert von sechs Schillingen --, und einstweilen ins Gefängnis geworfen. Dabei schiffte man ihn mit einer Ladung anderer Sträflinge nach Australien ein -- auf wie viele Jahre sagt die Geschichte nicht. Dies war der vielversprechende, ereignisreiche Anfang seines jungen Lebens. Es geschah 1803, als er dreiundzwanzig Jahre zählte.
Die Fahrt dauerte fünf und einen halben Monat, dann landete das Schiff nicht weit von der Stelle, wo jetzt Melbourne erbaut ist. Die Gegend war noch mit wildem Urwald bedeckt, in dem nur Eingeborene lebten. Die nächste Niederlassung der Weißen, die kleine Kolonie Sydney, lag viele hundert Meilen entfernt. Man begann sofort eine Sträflingskolonie einzurichten (die bald wieder aufgegeben wurde), und Buckley legte den Grundstein des ersten Hauses.
Der schmachvolle Sklavendienst seines neuen Lebens war Buckley ein Greuel; auch das Klima sagte ihm nicht zu, als im Januar der Hochsommer kam, und er seine harte Arbeit bei einer Temperatur von 110° im Schatten verrichten mußte. So machte er denn einen Fluchtversuch und erlangte glücklich seine Freiheit wieder. Von den Gefährten seiner Flucht wurde einer durch die Wache erschossen, die andern irrten sechs Tage lang mit Buckley im Busch umher, dem Hungertode preisgegeben. Da sie aber sahen, daß ihre Leiden in der Freiheit nicht geringer waren als beim Sträflingsleben, wo sie doch wenigstens Nahrung erhielten, kehrten sie wieder um. Buckley wollte sie nicht begleiten und blieb allein zurück; als Mann von echtem Schrot und Korn dachte er an keinen Rückzug.
Ursprünglich hatte er die Absicht gehabt, mit den Genossen nach Kalifornien zu wandern; sie waren eben ungebildete Leute und wußten wenig von der Erdbeschreibung. Als nun Buckley sich selbst überlassen war, gab er den Plan auf, teils wegen der Entfernung, teils weil ihm nicht ganz klar war, in welcher Richtung er Kalifornien zu suchen hätte. Er beschloß dagegen, nach Sydney zu wandern, ging jedoch fehl und kam immer weiter von seinem Ziel ab. Lange fristete er sein Leben mit Beeren, Muscheln und dergleichen, bis er endlich den Eingeborenen in die Hände fiel. Gerade an jenem Morgen hatte er jedoch, ohne es zu wissen, einen glücklichen Fund getan. Er hatte einen Speer, der in einem Grabhügel steckte, herausgezogen und hielt ihn noch in der Hand, als die Eingeborenen ihn umringten. Sie glaubten, er sei der wieder lebendig gewordene Insasse jenes Grabes und begrüßten ihn als Stammesgenossen und Verwandten. In ihrer Freude über seine Wiederkehr versahen sie ihn alsbald mit Speise und Weibern, auch mit einem Neffen und andern zum Leben notwendigen Erfordernissen und nahmen ihn gastlich in ihrer Mitte auf.
Er lebte unter den Wilden und wurde ein wichtiger, einflußreicher Häuptling des Stammes, lernte dessen Sprache und vergaß mit der Zeit seine eigene. Ohne jemals wieder einen Weißen zu sehen, brachte dieser neue Robinson zweiunddreißig Jahre unter so seltsamen Verhältnissen zu, und kein Mensch ahnte, daß er noch am Leben sei.
So etwas kann auch nur in Australien vorkommen. Die andern Robinsone verschwinden vielleicht auf vier Jahre, tauchen dann wieder auf und kommen in Ziegenfelle gekleidet, großprahlerisch einherstolziert; aber der australische Robinson geht ein ganzes Menschenalter verloren und kehrt bescheiden zurück, ohne irgend etwas anzuhaben, weil er die Aufmerksamkeit nicht auf sich zu lenken wünscht.
Heutzutage würden Telegraphen, Zeitungen und illustrierte Journale sich einer neuentdeckten Persönlichkeit, wie dieser Buckley, annehmen, seinen Namen in alle Welt posaunen, und ihn zum reichen Manne machen. Aber der Buckley aus alter Zeit konnte den Roman seines Lebens zu keinem so glänzenden Abschluß bringen. Er pries sich schon glücklich, als er zum Leibdiener des kommandierenden Obersten der Kolonie ernannt wurde und die nötigen Kleidungsstücke erhielt; eine Zeitlang tat er auch Dienste als Konstabler und Geheimpolizist. Bald legte er jedoch sein Amt nieder, ging nach Van Diemensland (dem jetzigen Tasmanien) und wurde zweiter Verwalter im Auswandererheim. Zuletzt erhielt er den Posten eines Torschließers im Frauenasyl. 1840, als er sechzig Jahre alt war, heiratete er die Witwe eines Handwerkers. Mit siebzig Jahren ließ er sich pensionieren und erhielt ein Ruhegehalt von 60 Pfund Sterling, das er noch sechs Jahre lang genießen durfte. Dann nahm ihn der Tod hinweg, der ihm sein Glück nicht länger gönnen mochte. So endete denn der wunderbare Lebenslauf des Gründers von Melbourne auf sehr hausbackene und alltägliche Weise.
Achtzehntes Kapitel.
Die Engländer kommen schon in der Bibel vor, wo es heißt: ›Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen.‹
_Querkopf Wilsons Kalender._
Wenn wir bedenken, wie ungeheuer groß der Flächeninhalt des britischen Kaiserreichs ist, wie bedeutend seine Einwohnerzahl und sein Handel, so wird es uns schwer zu glauben, daß Australien und Ozeanien wirklich einen so hervorragenden Anteil an Englands Weltstellung haben, wie man versichert. Der Länderbesitz aller andern Mächte -- außer Rußland -- ist im Vergleich zum britischen Reich winzig klein, und es übertrifft selbst Rußland etwa um ein Viertel an Größe, was ich aus sicherer Quelle weiß. Großbritannien und China herrschen ungefähr über die gleiche Bevölkerungszahl; jedes dieser beiden Reiche hat 400000000 Untertanen. Da bleiben alle andern Mächte -- auch Rußland -- weit zurück.
Die vier Millionen Einwohner von Australien scheinen zwar nur ein Tropfen in dem kaiserlich britischen Meer von vierhundert Millionen Köpfen; allein, sie gewinnen sehr an Bedeutung, wenn man ihren Einfluß auf den britischen Welthandel in Betracht zieht. Englands jährliche Einfuhr und Ausfuhr wird auf drei Billionen Dollars geschätzt[2] und davon soll mehr als ein Zehntel auf die Ausfuhr und Einfuhr zwischen Australien und England kommen.[3] Daneben treibt Australien noch Handel mit anderen Staaten, wodurch ein jährlicher Ertrag von hundert Millionen Dollars erzielt wird, während der Umsatz innerhalb der Kolonien sich auf hundert und fünfzig Millionen beläuft.[4]
In runden Zahlen ausgedrückt kaufen und verkaufen also die 4000000 Einwohner jährlich etwa Waren im Wert von 600000000 Dollars, wovon die Hälfte, wie behauptet wird, aus einheimischen Produkten Australiens besteht.
Die Ausfuhr der Produkte Indiens trägt jährlich eine Kleinigkeit über 500000000 Dollars ein,[5] woraus sich Zahlen ergeben, die höchst verwunderlich sind, nämlich:
Indiens Produktion (300000000 Einwohner) $ 500000000.
Australiens Produktion (4000000 Einwohner) $ 300000000.
Demnach produziert der einzelne Inder an Ausfuhrartikeln durchschnittlich für $ 1.75 im Jahr; der einzelne Australier dagegen für $ 75!
Nach zuverlässigen statistischen Tabellen, welche von Sir Richard Temple und andern aufgestellt worden sind, beläuft sich die jährliche Produktion eines Inders für Ausfuhr und Verbrauch im Lande auf $ 7.50 oder $ 37.50 für eine Familie von fünf Personen; während die Durchschnittsproduktion einer ebenso großen Familie in Australien fast $ 1600 beträgt.
Es gibt doch wirklich nichts Ueberraschenderes in der Welt als Zahlen, wenn man erst einmal anfängt sich mit ihnen einzulassen.
Wir fuhren von Melbourne mit der Eisenbahn nach Adelaide, der Hauptstadt der großen Provinz Südaustralien -- eine Reise von siebzehn Stunden. Unterwegs trafen wir mehrere Bekannte aus Sydney, u. a. einen Richter, der auf der Rundreise war und in Broken Hill, wo das berühmte Silberbergwerk ist, eine Gerichtssitzung halten wollte. Der Weg, den er einschlug, um in jene Gegend zu gelangen, schien uns etwas sonderbar gewählt: Broken Hill liegt dicht an der Westgrenze von Neusüdwales und Sydney in dessen äußerstem Osten; die Entfernung zwischen beiden Orten mag in gerader Linie etwa 700 Meilen betragen, während der Richter mehr als 2000 Meilen mit der Eisenbahn fahren mußte, nämlich von Sydney südwestlich bis Melbourne, dann nordwestlich nach Adelaide, von da zurück nordöstlich und wieder über die Grenze von Neusüdwales bis Broken Hill.
Die Sache erklärte sich jedoch auf sehr einfache Weise: Vor Jahren war die Welt plötzlich durch den fabelhaft reichen Silberfund von Broken Hill überrascht worden. Die Aktien hatten anfänglich nur ein paar Schillinge gegolten, allein im Handumdrehen stieg ihr Wert bis zu ganz unglaublichen Summen. Es war einer jener Fälle, wo die Köchin für ihren Monatslohn einen Anteilschein ersteht, und im folgenden Jahre ihrer Herrschaft das Haus abkauft und selbst hineinzieht; wo der Kutscher ein paar Aktien nimmt und nach Monatsfrist eine Bank eröffnet; wo der gemeine Matrose sich mit dem Preis, den ihn ein Zechgelage kosten würde, bei dem Unternehmen beteiligt und im nächsten Monat ein eigenes Handelsgeschäft gründet, mit dem er der Dampfschiffgesellschaft Konkurrenz macht. Kurzum, es entstand ein förmliches Entdeckungsfieber; urplötzlich strömten große Menschenmassen auf ein und derselben Stelle zusammen, und man mußte unverzüglich für ihre Bedürfnisse sorgen. Adelaide war in nächster Nähe und Sydney weit entfernt; da baute Adelaide natürlich eine kurze Eisenbahn über die Grenze, bevor Sydney noch Zeit hatte eine lange Linie zu bauen. Der ganze ungeheure Handelsprofit von Broken Hill wurde unwiderruflich nach Adelaide gelenkt, und für Sydney verlohnte es sich später überhaupt nicht mehr der Mühe, eine Bahn dorthin anzulegen. So steht denn Broken Hill unter der Gerichtsbarkeit von Neusüdwales, das seine Richter 2000 Meilen weit schicken muß -- meist durch andere Provinzen -- während Adelaide ruhig und ohne sich zu beklagen, sämtliche Dividenden einstreicht.
Wir fuhren nachmittags um 4.20 ab und meist durch ebenes Land. Am Morgen kamen wir in den ›Scrub‹, so heißen die mit verkrüppeltem Buschwerk bewachsenen Gegenden, welche in den australischen Romanen eine so große Rolle spielen. Dort lauert der feindliche Eingeborene, schweift ungesehen umher, macht von Zeit zu Zeit plötzliche Ausfälle, beraubt und tötet den allzu sichern Ansiedler und schleicht ins Dickicht zurück, ohne eine Spur zu hinterlassen, welche der weiße Mann zu entdecken vermöchte. Dort verirrt sich auch die Heldin des Romanschreibers; alles Suchen nach ihr ist vergebens, sie wandert hierhin und dorthin, bis sie ermattet und bewußtlos niedersinkt. Die ausgesandten Retter gehen wenige Meter von der Stelle wo sie liegt an ihr vorüber, ohne ihre Nähe zu ahnen, und erst viel später findet irgend jemand zufällig ihr Gebeine und das hinterlassene Tagebuch, das sie noch mit Aufbietung ihrer letzten Kraft geschrieben hat. Eine verlorene Heldin im Scrub aufzuspüren, vermag keiner außer dem eingeborenen Pfadfinder, und der gibt sich nur damit ab, wenn es dem Romanschreiber in seinen Plan paßt.
Der Scrub erstreckt sein grünes Dickicht viele Meilen weit nach allen Richtungen und sieht aus wie ein plattes Dach, in dem weder Riß noch Spalte ist, oder wie eine große Decke ohne Naht. Sich im Scrub zurecht zu finden ist ein Ding der Unmöglichkeit, er ist pfadlos wie eine Wasserwüste. Und doch sagt man, daß der Eingeborene verirrte Wanderer im Scrub, im Busch und in der Wüste aufspüren, ja ihnen selbst über nackte Felsen oder Sandbänke folgen kann, von denen die Fluten jede Spur eines Fußtritts hinweggespült haben.
Sowohl aus australischen Büchern, wie aus den mündlichen Schilderungen, die mir gemacht wurden, habe ich die Ueberzeugung gewonnen, daß der eingeborene Pfadfinder so viel Schlauheit, Scharfblick, Klugheit und Beobachtungsgabe besitzt, wie man es bei keinem Volke der Erde, weder unter Weißen noch Farbigen wiederfindet. In einer von der Regierung der Provinz Victoria veröffentlichten Beschreibung der Negerbevölkerung Australiens, heißt es unter anderm, daß der Eingeborene nicht nur an der Rinde des Baumes die schwache Spur entdeckt, welche das Opossum beim Klettern zurückläßt, sondern auch irgendwie zu erkennen vermag, ob die Spur von gestern oder erst von heute herrührt.
Man sagt, der Ansiedler ~A~ habe einmal mit seinem Nachbar ~B~ eine Wette gemacht, daß ein Eingeborener ~B~’s Kuh wiederfinden würde, wo und wie er sie auch verbergen möchte. ~B~ zeigte dem Eingeborenen die Fußspuren der Kuh und läßt ihn dann einschließen und bewachen. Hierauf führt er das Tier auf eine Straße, von der nach allen Seiten Kreuzwege abzweigen und die mehrmals wieder in der Runde zurückführt. Er wählt die schwierigsten Pfade aus, treibt das Tier öfters durch große Kuhherden, wo seine Spur unter den andern Rindern ganz verloren geht, und bringt die Kuh schließlich wieder nach Hause. Nun entläßt man den Eingeborenen aus seinem Gewahrsam, worauf er sofort im Kreise herumgeht und die Fußspuren aller Kühe solange untersucht, bis er die richtigen gefunden hat; dann folgt er den verschlungenen Wanderungen der Kuh, ohne sich beirren zu lassen und entdeckt sie zuletzt wirklich in dem Stall, wo ~B~ das Tier verborgen hat. Nun sage mir einmal jemand, wodurch sich die Spuren der einen Kuh von denen einer andern unterscheiden? Es muß irgend ein Unterschied vorhanden sein, sonst könnte der Eingeborene sein Kunststück nicht ausführen. Und wie merkwürdig, daß für den Abkömmling einer Rasse, von der viele behaupten, sie stehe auf der niedrigsten geistigen Stufe menschlicher Entwicklung, dieser wesenlose, schattenhafte Unterschied erkennbar ist, welchen weder ich, noch einer meiner Volksgenossen -- selbst nicht der verstorbene Sherlock Holmes[6] -- imstande wäre aufzuspüren.
Neunzehntes Kapitel.
Es ist leichter gar nicht hineinzugehen als wieder herauszukommen.
_Querkopf Wilsons Kalender._
Der Zug kam jetzt auf seiner Fahrt durch ein freundliches Hügelland und schlängelte sich an lachenden, grünen Tälern vorüber. Wir sahen Gummibäume der verschiedensten Art, darunter wahre Riesen. Einige hatten die Form und Rinde von Sykomoren, andere sahen höchst absonderlich aus und erinnerten an die seltsamen Apfelbäume auf japanischen Bildern. Ein ganz prächtiger Baum war mir völlig unbekannt; er trug Tannennadeln in großen Büscheln, die untere Hälfte hatte eine glänzend braune oder dunkle Goldfarbe, der obere Teil ein kräftiges, lebhaftes, beinahe schreiendes Grün -- die Farbenwirkung war zauberhaft. Der Baum muß wohl sehr selten sein; alle Exemplare, welche wir zu sehen bekamen, standen auf einer Strecke, durch die wir in einer halben Stunde fuhren. Noch ein anderer Baum fiel mir auf, eine Art Fichte, wie man uns sagte. Die grüne Masse seines Laubwerks schien aus haarfeinen Fäden gewoben und wölbte sich als Krone über dem geraden, kahlen Stamme, wie eine aufsteigende zarte Rauchwolke. Er wuchs nicht gesellig in Gruppen oder Paaren; jeder einzelne Baum stand abgesondert von seinem Nachbar da. So verteilten sie sich in ihrer einsamen Größe weit über Abhänge und grasbewachsene, schwellende Hügel, wo der herrlichste Sonnenschein sie umflutete. Und so lange man den Baum noch erblicken konnte, sah man auch seinen kohlschwarzen Schatten auf dem glänzend grünen Teppich an seinem Fuß.
Wir fuhren häufig an blühenden Ginsterbüschen vorbei; die Pflanze ist aus England eingeführt. Ein Herr, der vorübergehend in unser Coupé kam, wollte mir den Unterschied zwischen gemeinem Ginster und Stechginster erklären; es wurde ihm jedoch schwer, da er ihn selbst nicht wußte. Zur Entschuldigung seiner Unkenntnis sagte er: vor diese Frage sei er im Verlauf von mehr als fünfzig Jahren, die er bereits in Australien lebe, noch niemals gestellt worden, und so hätte er sich nicht damit abgegeben. Zu entschuldigen brauchte er sich eigentlich kaum, denn nichts ist so allgemein verbreitet wie diese Untugend. Um alles Neue und Fremdartige bekümmern wir uns, aber sich für das Nächstliegende zu interessieren verstößt gegen die menschliche Natur. -- Die verschiedenen Ginsterarten bildeten einen großen Schmuck der Landschaft. Hier und da hob sich plötzlich ihr grelles Gelb mit so leuchtendem Schein von dem düstern Hintergrund ab, daß man den Atem anhalten mußte vor Staunen und Ueberraschung. Dazu kam noch die einheimische Akazie mit ihrer üppigen Fülle goldgelber Blüten. Sie wächst als Busch oder Baum und ist wegen ihres Wohlgeruchs bei den Australiern sehr beliebt, denn den meisten dortigen Blumen fehlt der Duft.
Der Herr, dem ich den Mangel an Belehrung über die Ginsterarten verdankte, erzählte mir, er sei vor fünfzig Jahren mit sechsunddreißig Schillingen in der Tasche aus England in die Provinz Südaustralien eingewandert. Er kam als Abenteurer, ohne Gewerbe, ohne Beruf, ohne Freunde, doch hatte er ein bestimmtes Ziel vor Augen: er wollte im Lande bleiben, bis er sich 200 Pfund Sterling erworben hatte und dann wieder nach der Heimat zurückkehren. In fünf Jahren hoffte er dies Vermögen zu sammeln.
»Das ist jetzt über fünfzig Jahre her,« fügte er hinzu, »und ich bin noch immer da.«
Beim Hinausgehen traf er in der Tür mit einem Freunde zusammen, den er mir vorstellte. Wir plauderten und rauchten eine Weile miteinander, der Freund und ich, und dabei kamen wir auf jene Unterhaltung zu sprechen. Ich sagte, der Gedanke an das halbe Jahrhundert, welches sein Freund in der Verbannung verlebt habe, sei für mich tief ergreifend, und ich wollte, es wäre ihm gelungen, die 200 Pfund zu erwerben.
»O, darum machen Sie sich keine Sorge,« erhielt ich zur Antwort. »Ihm ist es nicht schlecht ergangen, das Glück war ihm hold. Er hat nur aus Bescheidenheit einige Einzelheiten seiner Geschichte verschwiegen. Damals kam er gerade rechtzeitig nach Südaustralien, um bei der Entdeckung der Burra-Burra-Kupferminen mitzuhelfen, die in den ersten drei Jahren 700000 Pfund Sterling eingebracht haben. Bis jetzt beläuft sich ihr Gesamtertrag auf 20000000 Pfund, wovon mein Freund seinen Anteil erhalten hat. Er war noch nicht zwei Jahre im Lande, da hätte er heimkehren und sich ein ganzes Dorf kaufen können, und ich glaube, wenn er wollte, könnte er sich jetzt eine Stadt kaufen. Nein, der Mensch ist nicht zu beklagen; sein Kupfer wurde zu jener Zeit eine wahre Rettung für Südaustralien, denn eben waren die großen Landspekulationen fehlgeschlagen und alle Geschäfte lagen darnieder.«
Habe ich’s nicht gesagt? -- Die romanhaftesten Geschichten sind in diesem Erdteil ganz an der Tagesordnung!