Meine Reise nach Siam 1888-1889. Aufzeichnungen des k. und k. Legationsrathes Dr. J. Camille Samson

Part 8

Chapter 81,552 wordsPublic domain

Um 6 Uhr früh verlassen wir das freundliche Maulmain und durcheilen wieder in 9 Stunden die 132 Seemeilen nach Rangoon -- der einäugige Capitän Cruzer, der in beiden Städten ein Etablissement mit Frau und Kindern haben soll (?), braut wieder seine zauberhaften Drinks; das am Zwischendeck angehäufte Volk bietet wahre Musterkarten farbenprächtiger Costüme, besonders einige bildhübsche Birmaninen, die, um die Zeit angenehm und nützlich todtzuschlagen, die üppigen Haare ihrer Freundinnen nach kleinem Wilde durchsuchen. -- Nachmittags in Rangoon Fahrt zu den Cantonment Gardens, zu den Royal Lakes, zu Holzschnitzern und Silberschmieden. Ein Besuch beim Bischof ist leider vergeblich, da der alte Herr gerade beim Speisen war. -- Zum Uebernachten ist das Br. Burmah-Hôtel wirklich zu schlecht und zu schmutzig, wir ziehen daher wieder in die alte Cabine der »Palitana«, worüber sich nicht nur die Bengali boys, sondern auch die Ameisen herzlich freuen!

9. Februar.

Kurz vor Abgang der »Palitana« erscheint ein Bote des Consuls und bringt mir ein Telegramm aus Wien -- meine Grossmutter ist am 5. gestorben!! Auch die Nachricht über unseren armen Kronprinzen scheint sich zu bestätigen! -- Um 7 Uhr früh lichten wir Anker, und nun geht's wieder, zum vierten Male, den jetzt schon wohl bekannten Irawádi hinab. -- Zum Abschied war noch Capitän Cruzer erschienen und verkaufte mir ein hübsches geschnitztes Papiermesser aus Maulmain.

10. u. 11. Februar.

Noch einige ruhige, kühle, herrliche Tage. -- Motley's »History of the Dutch Republic«. -- Poche entpuppt sich als Kinderfreund und tanzt und spielt stundenlang mit einigen anglo-birmanischen Rangen herum. -- Mit Erlaubniss Capitän Englands werden Möven geschossen. -- Schade um die armen Thiere, die wir doch nicht aufheben können. -- Gegen Sonnenuntergang sichten wir die Lichterbrigg, die vor dem Eingang in den Hugli ankert; früher kamen oft Leute aus Calcutta her, um sich durch die Seebrise von den Fiebern zu erholen, und wohnten wochenlang auf der einsamen Brigg. -- Auch wir werfen jetzt Anker. Nachts ist an eine Fahrt den Hugli hinauf nicht zu denken, da der Ganges der gefährlichste aller Ströme ist und sein Bett sich täglich ändert.

Dienstag 12. Februar.

Kaum ist die Sonne am Horizonte sichtbar, so setzen wir uns mit 2 Piloten an Bord in Bewegung. -- Für den Fall, dass das Dampfsteuer versagen sollte, ist der erste Officier mit 20 Laskars am hinteren Steuerrade postirt, um gegebenen Falles sofort einzugreifen. Der Verlust einer Minute ist oft verhängnissvoll gewesen. Erst voriges Jahr brach das Steuer eines Br. India-Dampfers, das Schiff legte sich, durch die Strömung gedrängt, augenblicklich auf die Seite und verschwand im Laufe von 7 Minuten mit Mann und Maus! Nun die »James und Mary«-Sandbänke passirt sind, ist das Aergste vorüber. Mittags Ankunft in _Calcutta_. Great Eastern Hôtel -- schlecht und riechend -- Poche trifft einen Freund aus Wien. Besuch beim Honorarconsul Heilgers, charmantem Mann mit sehr hübscher Frau -- Eden Gardens -- Musik, Corso am Meïdán.

13., 14., 15. Februar.

Botanischer Garten mit grossartigem Banianbaume, der mit seinen Luftwurzeln einen ganzen Wald bildet, und schönen seltenen Pflanzen aller Art, Alleen von Palmen, -- schönes Museum, wissenschaftlich geordnet wie kein anderes in Indien. Dasselbe umfasst alle Zweige der Naturwissenschaften, besonders interessant ist aber die Abtheilung über indische Kunst und Kunstindustrie. Dieses Museum wäre eines eingehenden Studiums werth, wozu aber viel Zeit gehörte. -- Sir Donald Mackenzie Wallace, Privatsecretär Lord Dufferin's. -- Zwei Diners bei Heilgers, Concert, Ball im Government House beim Vicekönig, Lord Lansdowne -- nette A. D. C.'s, besonders Lord William Beresford und Hamilton. -- Bengal-Club, 30 Rupees für 14 Tage. -- Bengal-Diener _Joomun_, alter Moslem, der einst Poche und Kübeck bediente.

16. Februar.

Von Howrah über Saragáth (Ueberfuhr über Ganges, wo ich Hoyos und Széchényi wieder treffe) nach Siligúri, prachtvolle schmalspurige Gebirgsbahn, anfangs durch dichten Junglewald, dann über Felswände in kühnen Serpentinen und Curven empor, an prächtigen üppigen Wäldern und Theeplantagen vorbei (17. Februar) nach _Darjeeling_, 8000 Fuss -- Club, Mr. Paul, C. B. Commissioner -- grossartige Aussicht auf »the Snows«, Kinchinjanga (28.156') und dessen ganze mächtige Gebirgskette aus den Wolken ragend, grosse Kälte, 0°, Unwetter, Schneesturm. -- Warten 17., 18., 19., 20. frierend im Pelz auf besseres Wetter, um die Ranjit-Expedition ins unabhängige Sikhim zu machen durch die zauberhaften waldigen Thäler des Ranjit mit den kühnen Hängebrücken nach Kalimpong. -- Vergeblich.

21. Februar.

Heute Rückkehr nach Calcutta mit zwei Freunden Poche's, Edw. Beit aus Hamburg und Edw. Ladenburg aus Mannheim, sowie Graf und Gräfin Dönhoff-Seydewitz. -- Wieder in milder, warmer Luft!

22. Februar.

Poche reist mit Messageries Maritimes nach Madras und in die Nilghirries. -- Ich mit Joomun heute abends nach Benáres.

23., 24., 25., 26. Februar.

#Benares#, Clarke's Hotel, mit Coolidge, Thomas, Anderson und Meredith von der »Palitana«, sowie den zwei Deutschen. Sonnenaufgang am heiligen Ganges, badende Hindu's längs den ausgedehnten Ufern (Ghats), unerhörter Reichthum an Farben. -- Tempel aller Secten und Städte Indiens, reich verziert und reich vergoldet, heilige Affen, heilige Stiere, heilige Pfauen; Sarnath, ein dem Andenken Buddhas geweihter merkwürdiger Thurm aus dem 10. Jahrhundert -- Nautch Girls -- Hochzeitszug durch die engen Gassen -- prächtige silbergeschirrte Pferde, Kinder mit kostbaren Juwelen bedeckt. -- Nächtliche Gangesfahrt zum Maharajah von Benáres.

27., 28. Februar, 1., 2. März.

#Agra# (Laurie's Hôtel), Citadelle mit der Perlenmoschee; der Taj! Das Grabmal Schach Jehan's an den Ufern des Jumna inmitten eines zauberhaften Gartens, das wunderbarste Bauwerk auf Erden -- übersteigt Alles, was ich je gesehen! Mosaike bei Hathuram. Fahrt nach _Futhpur Sikri_, die Lieblingsresidenz Akbar's, drei Fahrstunden von Agra. Am 2. abends mit Beit und Ladenburg nach _Gwalior_ (3.-4. März), wo wir im neuen Staatsbungalow famos wohnen. -- Unabhängiges Reich, Palast, Sindia, prachtvolle Citadelle mit exquisiten Marmorschnitzereien und farbiger Majolicabekleidung, auf hohem Felsrücken weit das Land überschauend. Besuch beim Residenten Major Barr -- Maharajah Ráná von Dholpur.

5., 6., 7., 8. März.

#Delhi# (Northbrook's Hôtel), die aus rohem Sandstein gebaute Citadelle, »the Ridge«. Das Museum, welches den Namen kaum verdienen würde, wäre nicht dort eine herrliche indo-griechische Figur aus schwarzem Stein, die so schön ist, dass man sie für eine der besten griechischen Sculpturen halten könnte, -- landwirthschaftliche Ausstellung, Nautch Girls, Faustkampf, Nabob von Ludhiana, Maler Ludwig Hans Fischer mein Nachbar bei Tisch -- Kutb Minár!

9. März.

#Amritsar.# Der goldene Tempel ist allein werth, die Reise nach Amritsar zu unternehmen. Der prächtige Tempel ganz aus Marmor und mit Gold verziert, steht mitten in einem Teich, umgeben von einer Terrassenanlage mit mächtigen Bäumen und kleineren Tempelbauten, alles in Farbe und Gold schimmernd. Teppichfabriken und Seidenstickereien, in welchen die schönsten indischen Stickereien gemacht und verkauft werden, Sikhs -- 1 Uhr Weiterfahrt über Labore nach

(10., 11., 12. März) #Peshawar# (Traveller's Bungalow), hochinteressante Trachten, ganz anders wie sonst in Indien, Alles schon afghanischer Typus, Col. Warburton, Mr. Spencer. -- Dienstag auf des letzteren Polopony nach Fort Jamrud am Eingange des Kybarpasses und mit Warburton, Capt. und Mrs. Middleton, Akhsan Khan etc. in den _Khybarpass_ nach Ali Musjid, der Felsenfestung am Ende des Passes an der afghanischen Grenze -- 42 engl. Meilen -- abends per Bahn retour über die Attock-Brücke über den Indus an jener Stelle, wo ihn einst Alexander der Grosse übersetzt haben soll, nach

(14. März) #Lahore# (Charing Cross Hôtel), eine grosse schöne Stadt mit Häusern voll der schönsten holzgeschnitzten Balcone und reicher, zumeist mit farbigen Fayenceplatten belegter Architektur, schöne Sikh-Bauten, Moscheen, Museum, Jehangir's Grab.

17., 18. März.

#Jeypore# (Kaiser-i-Hind-Hôtel), die grösste Stadt der Rajputana und eine der interessantesten Städte von noch unabhängigen Staaten in Indien. Die grossen Bauten, breite Strassen und grosse Plätze verleihen der Stadt ein grossartiges Gepräge, welches durch die Eigenart seiner Bewohner und ihrer Sitten noch mehr an Interesse gewinnt als andere indische Städte, -- mit zwei französischen Jesuiten, Prof. Henri Hyvernat und Dr. Paul Müller Simonis, -- prachtvolles Museum, Palast, Elefantenritt nach Ambir, Major Prideaux, Resident.

19., 20. März.

#Abu Road# im Palankine (Jhampan), 5 Stunden nach _Mount Abu_ (5000') -- entzückende Jaintempel aus dem Felsen gehauen -- prächtiger See.

21. März.

#Ahmedabad#, Moscheen mit köstlichen Schnitzereien.

22., 23., 24. März.

#Bombay# (Apollo-Hôtel), treffe wieder mit Poche zusammen, Stockinger, Janni (Lloydagent) Vuccino -- Coolidge -- Hitze ganz erträglich.

25. März.

»_Berenice_«, Lloyddampfer, Capitän Egger, 5 Uhr nachmittags Abfahrt, langweilige Gesellschaft, recht mittelmässiges langsames Schiff, aber prächtiges kühles Wetter.

1. April.

#Aden#, das ich wie einen alten Freund wieder begrüsse. Cons. Escher, Dr. Schweinfurth.

7. April.

#Suez#, Abschied von Poche, der via Port Said nach Syrien reist.

8.-13. April.

#Cairo# (Shepheard).

14.-17. April.

»_Euterpe_«, Capitän Nikolich von _Alexandria_ nach _Brindisi_. -- Dann Florenz, Abbazia, Wien.

Zurückgelegte Meilen.

Kilometer Englische Geogr. Meilen Meilen

Wien-Triest 597 -- -- Triest-Brindisi-Port-Saïd -- -- 1302 Port-Saïd-Suez -- -- 85 Suez-Aden -- -- 1308 Aden-Bombay -- -- 1645 Bombay-Khandala -- 78 -- Khandala-Karli Caves u. retour -- 10 -- Khandala-Bombay -- 78 -- Bombay-Colombo -- -- 890 Colombo-Kandy u. retour -- 144 -- Colombo-Penang-Singapore -- -- 1648 Singapore-Bangkok -- -- 850 Bangkok-Ayuthia u. retour -- 180 -- Bangkok-Singapore -- -- 850 Singapore-Rhiouw u. retour -- -- 100 Singapore-Johore u. retour -- 26 -- Singapore-Penang -- -- 378 Penang-Rangoon -- -- 770 Rangoon-Maulmain -- -- 132 Maulmain-Farm Caves u. retour. -- 15 -- Maulmain-Rangoon -- -- 132 Rangoon-Calcutta -- -- 778 Calcutta-Darjeeling u. retour -- 728 -- Calcutta-Benares -- 479 -- Benares-Agra -- 384 -- Agra-Gwalior u. retour -- 154 -- Agra-Delhi -- 143 -- Delhi-Amritsar-Peshawar -- 626 -- Peshawar-Khyber-Pass u. retour -- 42 -- Peshawar-Lahore -- 278 -- Lahore-Jeypore -- 539 -- Jeypore-Abú-Road -- 274 -- Mount-Abú -- 32 -- Abú-Road-Ahmedabad -- 115 -- Ahmedabad-Bombay -- 309 -- Bombay-Aden-Suez -- -- 2953 Suez-Cairo -- 153 -- Cairo-Alexandria -- 131 -- Alexandria-Brindisi -- -- 836 Brindisi-Bologna-Florenz 894 -- -- Florenz-Nabresina-St. Peter 558 -- -- St. Peter-Abbazia, Abbazia-Wien 616 -- -- ---- ---- ------ 2665 4918 14.657

Kilometer Englische Geograph. Meilen Seemeilen gleich: gleich: 1440 4122 Seemeilen

Totale: Geogr. Seemeilen 20.219

[ Hinweise zur Transkription

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, einschließlich uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "Cigarettendose" -- "Cigarretenetui", "Port Said" -- "Port Saïd", "Shangai" -- "Shanghai",

mit folgenden Ausnahmen,

Seite 15: "gollopiren" geändert in "gallopiren" (und gallopiren kühn in die Stadt)

Seite 30: "Musikantinen" geändert in "Musikantinnen" (eine der Musikantinnen hat heftiges Fieber)

Seite 54: "," eingefügt (Gemüsepalmen (cabbagepalms), »Fernpalms«)

Seite 68: "Bangkog" geändert in "Bangkok" (zur Creditiveüberreichung in Bangkok mitgeschickt bin)

Seite 105: "Häuser" geändert in "Häusern" (viele Hunderte von Häusern und Läden stehen)]