Meine Reise nach Siam 1888-1889. Aufzeichnungen des k. und k. Legationsrathes Dr. J. Camille Samson
Part 7
Der Wind hat nachgelassen, die Chinasee zeigt sich gnädig, dafür verdoppeln die Zebus, von denen gestern mehrere ins Wasser stürzten, und die lieben Celestials ihre Düfte. -- Spiro Mersa hatte recht: mit Chinesen zu reisen ist eine Tortur. -- Ganz hinten entdecke ich eine Colonie Klings, britisch-indische Schneider, die vom siamesischen Hofe zurückgeschickt werden. -- Sie sitzen splitternackt am Hinterdeck und sind sehr seekrank! Mein Fieber ist in schönster Blüthe!
Gleich einer Schiffsladung Schwerverwundeter wurden wir heute früh von der »Hekate« ans Land in _Singapore_ gebracht, blass, schlotternd, abgemagert; besonders ich mit meinem Kürbisgesicht sehe reizend aus. -- Auch schlage ich deshalb die Einladung Brand's, mit Biegeleben in Bidadaré zu wohnen, aus, überlasse Sapieha das mir bestimmte Zimmer und eile gleich zu den »Sepoy Lines«, einem grossen, in gepflegtem Garten gelegenen, musterhaft gehaltenen Militärspital. Dr. Simons sticht kunstgerecht meinen oberen Gaumen auf, und sofort bin ich von der fünf Tage langen Qual erlöst. -- Es lebe die Wissenschaft und das gut geführte Federmesser! Mit Poche habe ich mich im grossen Hôtel de l'Europe einquartirt und erhalte hier ein geräumiges, nicht gar zu heisses Zimmer, von wo aus ich die prächtige »Esplanade« und die schöne gothische St. Andrew's Cathedral übersehe. Im »Singapore Club« treffe ich beim Tiffin mit den Collegen wieder zusammen, in den hohen Hallen und Sälen streicht Nachmittags die Seeluft durch, belebend und erfrischend; da vergisst man die 36°, die trotzdem herrschen.
Dienstag 22. Jänner.
In dem Universalladen John Little's wird nun an meine Ausstaffirung geschritten, -- beim englischen Zuschneider wird ein dünner Flanellanzug und blaue Jacke (16 und 12 Dollars) gekauft, während beim Celestial Chong-Fee-Chee-Chong, dem Leibschneider Poche's, einige weisse Leinen- und einige chinesische Rohseidenanzüge bestellt werden. Europäische Kleider sind hier nicht zu gebrauchen. Im Club treffe ich den holländischen Generalconsul George Lavino, Bruder des Telegraphencorrespondenten in Wien, William Lavino, der Sapieha und mich zu einer Tennispartie für Mittwoch ladet. -- Fahrt in den botanischen Garten, der, reizend angelegt und gehalten, wundervolle Collectionen tropischer Pflanzen enthält, riesige Bambusgruppen, Cabbagepalmen, entzückende Orchideen. -- Abends am berühmten Garten Whampoas vorbei, wo noch die ~Victoria Regia~ in den Teichen und Bächen an die frühere Pracht erinnert (der reiche Chinese ist 1887 gestorben, und seine Söhne lassen Alles verkommen), fahren Poche und ich zu Brand's. -- Ein famoses Dîner und grossartige Heimfahrt bei dem Sternenhimmel, wie er eben nur 80 Meilen vom Aequator leuchten kann.
Mittwoch 23. Jänner.
Um den schmutzigen Gharries zu entgehen, habe ich mir für die ganze Zeit einen Lohnwagen gemiethet, und in diesem schweren Landauer rollen wir nordwestlich auf vorzüglicher Landstrasse, zwischen üppigen Kaffeeplantagen, an zahlreichen Malayendörfern vorbei nach _Bukit-Timah_, einem in der Mitte der Insel gelegenen, von einem Park bedeckten Hügel, auf dem ein Staats-Bungalow zu längerem Aufenthalte einladet. Das ganze Eiland liegt zu unseren Füssen, südlich hunderte von kleinen Inseln, nördlich jenseits des Tambrohcanals die Malaccahalbinsel und das selbstständige Sultanat Johore. -- Um uns Palmenwälder, Jungle und noch Stücke Urwald. -- Bukit-Timah wird auch als Sanatorium benützt, in den drei bis vier reinen Zimmern, bei der frischeren Luft und dem herrlichen Rundblicke muss sich's ganz gut wohnen lassen. -- In die Stadt zurückgekehrt, müssen Sapieha und ich zu Lavino, der einen schönen Garten und Bungalow mit prachtvoller Norfolkpinie neben den Botanical-Gardens besitzt. Die ganz aus Holländern zusammengesetzte Lawntennis-Gesellschaft muss leider vor einem Platzregen ins Haus flüchten, wo ein kleiner Orang-Utang aus Borneo die Gäste seines Herrn belustigt.
24. bis 26. Jänner.
Langsam vergehen die Tage ohne besondere Abwechslung, ohne neue Eindrücke. Der vielbesprochene Ausflug nach Johore, wo wir Tiger zu jagen hofften, ist verschoben, da der Sultan verreist ist; auch die Tour nach Sumatra fällt ins Wasser, da weder Brand noch ein Anderer eine ordentliche Dampfyacht besitzt, und das gewöhnliche Passagierschiff nach Deli viel zu viel Zeit braucht. Der Gouverneur der Straits Settlements ist momentan in Malacca, so dass jede grössere Geselligkeit seitens der Engländer sistirt wird. Biegeleben hat mit Sapieha am Siranganflusse den Jungle abgejagt -- leider ganz ohne Erfolg.
Donnerstag Abends war Galadiner bei Brand's, die consularischen Vertreter Deutschlands (C. Frensberg, früher in Haiti), Frankreichs, Belgiens und Italiens, auch ein gewisser Cavaliere A. Luzzatti, Ingegnere Civile, der im Auftrage Chulalonkorn's in Bang-tah-phan Goldminen einrichtet. -- Madame Brand überbot sich an Liebenswürdigkeit. -- Ein hübscher Ausflug war der zu den »Waterworks«, einem kolossalen ausgemauerten Reservoir, welches das Wasser für ganz Singapore liefert. Schon die vier Meilen hin führen durch reichste und üppigste Waldungen, theilweise in tiefem Schatten, ohne dass Ein Haus, Ein Mensch die Stille dieser tropischen Spazierfahrt stört. Um das Bassin ist ein schöner Park angelegt mit herrlichen Blumen, -- eine Colonie Chinesen sorgt als Gärtner für die Erhaltung des Gartens. -- Schön ist auch der Park des im Renaissancestil erbauten Government-House, mit Mangrove-, Banian- und Bambusgruppen und einem kleineren Wasserreservoir. Hooper von Johnston & Co. führt Poche und mich ins Gefängniss, eine wahre Musteranstalt, das Ideal von Reinlichkeit, Nettigkeit und Ordnung. Jeder Sträfling nimmt zweimal täglich ein kaltes Bad, und haben wohl die meisten Insassen früher nie so hygienisch gelebt. Nur ist der Commandant, Major Grey, ein liebenswürdiger alter Graukopf, der nach dem Grafen Hübner fragt, zu weich und nachsichtig, und scheinen die 12 europäischen Aufseher gegenüber 1500 Sträflingen viel zu schwach. Es wurden auch schon einige durch die chinesischen und malayischen Bestien mit ihren Steinhämmern erschlagen! Oben auf den Umfassungsmauern kleben Wächterhäuschen, in welchen Sepoys, indische Soldaten, Tag und Nacht postirt sind, um etwaige Fluchtversuche zu hindern. Ueberhaupt ist Singapore der Versammlungsort der ärgsten Gauner des Ostens, des Abschaumes Oceaniens, wohin die Verbrecher Chinas, der Philippinen, Australiens und der Sundainseln strömen. Fast in jedes Bungalow wird alljährlich eingebrochen, und schlafen alle Europäer mit Revolvern unter dem Kissen. Eine Ausnahme bildet Bidadaré, vielleicht weil dort bei Nacht alle Lichter ausgelöscht werden und die Herren Malayen sich im Finsteren schwer orientiren können.
Auf der Esplanade versammelt sich allabendlich das »High-Life« der Stadt, -- in der Mitte des Platzes wird Lawn-Tennis gespielt, und rund herum, am Hôtel Europe, an der Kathedrale, am siamesischen Elephanten, am alten Hafendamm vorbei, rollen schwere Landauer mit reichen Chinesen, hübsche Victorias und fesche Dogcarts mit schönen, aber bleichen Engländerinnen, manchmal einige Jin-rickshaws, von stämmigen Malayen gezogen und netten, geschmackvoll gekleideten Japanerinnen darinnen. Für einen Weissen im Rickshaw bei Tage zu fahren wäre »shocking«, dies Vehikel können nur Natives benützen. Ich errege auch das Entsetzen aller anständigen Leute, als ich kühn, die Cigarre im Mund, um 5 Uhr im Rickshaw um den Corso rolle und die empörten Gesichter aller Europäer grinsend beobachte... -- Sapieha hat sich endlich entschieden, den Gesandten auf dessen Einladung nach Tokio zu begleiten, -- er schwankte lange hin und her, wollte auf dringendes Zureden des Grafen Zaluski mit mir über Britisch-Indien zurück. -- Schliesslich rieth ich ihm selbst, nach Japan zu gehen, von wo er über Peking, Kiachta und über Sibirien die Landreise antreten wird. Ganz interessant, aber sehr beschwerlich!
Solches Obst wie hier gibt's wohl in der Welt nicht wieder! Grossartigste Ananasse, Mangos, Mangosteens, Durriens, Pomaloes, vierzehn verschiedene Arten Bananen, Cocosnüsse u. s. w. Das Paradies für Dysenterie!
Sonntag 27. Jänner.
Früh um ½6 Uhr rudere ich im Hafen von Dampfer zu Dampfer, ohne das Boot nach _Riouw_ finden zu können; überall glotzen mich unverständige Chinesen und Malayen an, nirgends ein englisch sprechender Mensch. Wüthend und schnaubend lasse ich den Sampan zur Esplanade zurückkehren und finde dort zu meinem unbeschreiblichen Jubel Biegeleben und Sapieha, -- mit diesen vereint erreiche ich endlich das ersehnte Schiff, einen schmutzigen winzigen Dampfer, auf dessen Oberdeck einige 60 Chinesen mit uns zusammengepfercht werden und daselbst ruhig sowohl _alle_ Leibesbedürfnisse erfüllen, als ihre Mahlzeiten kochen, Hühner rupfen, Reis sieden u. s. w. Jeden Moment geht ein Platzregen nieder und durchnässt uns und alle unsere Habseligkeiten; dagegen ist die Fahrt wirklich reizend, an zahllosen Inseln vorbei, die, mit Cocospalmen ganz überwachsen, auf allen Seiten dunkelgrün aus dem Meere auftauchen und wieder verschwinden. Leider ist die Maschine defect, und statt um 3 Uhr laufen wir erst um 6 Uhr den Hafen von Riouw an, einer kleinen friedlichen Stadt, dem Hauptorte der gleichnamigen Insel. Mit Mühe entnehmen wir dem malayischen Kauderwelsch des sogenannten Capitäns, dass er schon um 10 Uhr Abends statt morgen früh zurückkehre; wir sehen daher von den landschaftlichen Schönheiten der niederländischen Insel und ihren Kaffeeplantagen gar nichts. Es ist zu spät, den holländischen Gouverneur aufzusuchen, an den ich durch Lavino Empfehlungsschreiben habe, wir lustwandeln durch die dunkeln Strassen, bewundern die mit echt holländischer Reinlichkeit gehaltenen Bungalows und Clubhäuser und nehmen in einem sogenannten Hôtel ein erträgliches Souper ein, wo es aber wiederum mit der Sprache sehr happert, nachdem Wirth und Wirthstochter blos holländisch sprechen und meine paar Brocken nicht weit reichen. Nach einem förmlichen Kampf mit den Bootsleuten, die uns durchaus übers Ohr hauen möchten, sind wir um 10 Uhr Nachts wieder auf unserem Marterschiffe und suchen alle drei auf zwei Bänken ohne Lehnen so gut als möglich zu schlafen! Ein vergebliches Beginnen. Um 5½ Uhr früh ankern wir vor Singapore, und drei kräftige Rickshawmen rollen uns schläfrig in unsere verschiedenen Herbergen.
Montag 28. Jänner.
Der Lloyddampfer »Maria Theresia« ist natürlich verspätet -- heute hätte er einlaufen sollen, nun dürften die Collegen erst in 4-5 Tagen nach Hongkong flott werden. Mit Sapieha Besichtigung des recht armseligen Museums, wo nur einige Modelle malayischer Piratenschiffe, ein an die 15 Fuss langes ausgestopftes, kürzlich vom Secretär des Clubs im Sirangan-Flusse hinter Bidadaré geschossenes Krokodil und ein paar Riesenheuschrecken auffallen. -- Dann unter den Auspicien des stets gefälligen Hooper Besuch bei einem reichen Chinesen, dem Hon. Sia-Liang-Sia, dessen Heim ganz geschnitzt und vergoldet recht geschmackvoll erscheint; der bezopfte dicke Hausherr, welcher der Stadt einen schönen öffentlichen Brunnen gespendet, überbietet sich in Liebenswürdigkeiten. Abends grosses Diner bei Frensberg, dem deutschen effectiven Consul: rechts von der Hausfrau Sapieha (!), links Biegeleben (!), zwischen zwei Kaufleuten ich (!). Als ich nach verschiedenen »Jeux d'esprit« und geistvollen »Pustenspielen« um 1 Uhr nachts mein lang ersehntes Bett im »Europe« aufsuche, theilt mir der Celestial mit, mein Kutscher streike, und ich bekäme für morgen früh nach Johore keinen Wagen! Hole Alles der Teufel, ich kann die Augen nicht aufhalten und dazu »die« Hitze!
Dienstag 29. Jänner.
Ohne »Chowta Hazru« erhalten zu können, rollen Poche und ich mit knurrendem Magen um 6 Uhr früh in Jinrickshaws zum »deutschen Club«, wo wir beim Khitmatgar unsere Kleider deponiren. Bald erscheinen in einem Landauer Biegeleben und Sapieha, wir steigen zu ihnen ein und fort geht's 3½ Stunden bis zum Tambroh-Canal, welchen wir in einer schmucken Dampfbarcasse des Sultans übersetzen -- am festländischen Ufer Empfang durch den Secretär Sr. Hoheit Abdul Rahman und durch einen in johorischen Diensten stehenden Engländer, Abramson. -- Schön gehaltener Park, riesiges Bungalow, das als Palais ganz europäisch eingerichtet ist. -- In mehreren Hofequipagen Besichtigung der Stadt Johore, des musterhaften Gefängnisses, der im tiefen Jungle gelegenen Waterworks, der chinesischen Spielbank, die dem Sultan viele Tausende einträgt; mein Magen hält's nicht länger aus: Biegeleben lacht, aber wir kehren doch ins Palais zurück, wo endlich um 12 Uhr ein opulentes Tiffin auf dem berühmten johorischen Silberservice meine Hungerqualen stillt. -- Um 4 Uhr sind wir wieder in Singapore in der »Teutonia«, wo gewaschen, rasirt und angezogen wird, und um 5 Uhr erscheinen wir alle in schwarzen Gehröcken, die wie Kaftans um unsere hageren Glieder schlottern, und mit Cylindern (!) vor dem Sultan von Johore, welcher neben dem botanischen Garten einen prachtvollen Park mit Bungalow bewohnt. In einer kolossalen hölzernen Scheune empfängt uns der freundliche alte Herr, ein Araber mit weissem Schnurrbarte, europäisch gekleidet, mit Ausnahme eines kleinen Sarongs und einer schwarzen Mütze mit prachtvoller Diamantagraffe. -- Da Abu-Bakr sein Haus hier ganz umbauen lässt, sind alle seine Schätze in dieser Scheune aufgespeichert, darunter wundervolles Satsuma-Porzellan und zwei feenhafte Lackparavents, die der Sultan in Kobe für 25.000 Dollars angekauft. -- Maharadjah darf man ihn in Johore selbst bei 5 Dollars Strafe nicht nennen, seit die englische Regierung seinen Sultanstitel anerkennt. Er erzählt von zwei schönen Tigern, die seine Leute gefangen und mit denen er nichts anzufangen wisse, -- auf meine Aufforderung verspricht er, die Thiere unserem Kaiser zu schenken und sie mit der »Maria Theresia« auf ihrer Heimreise nach Schönbrunn zu schicken. -- Brand übernimmt es, alle Vorbereitungen hiefür zu treffen. -- Schliesslich sagt er uns allen seine Photographie zu.
Mittwoch 30. Jänner.
Herzlicher Abschied vom Gesandten, der das Ideal der Güte und Anspruchslosigkeit ist, sowie vom wackeren Sapieha; beide haben uns mit dem stets fröhlichen Engler das Geleite aufs Schiff gegeben, wo sich auch der französische Bischof Monseigneur Gasmir eingefunden hat. Neben uns liegt die »Arratoon Apgar«, die mit Graf und Gräfin Karl Dönhof an Bord auch nach Calcutta abgeht. -- Heute früh ist die »Maria Theresia« angelangt; wir laufen noch hin, finden aber alle Officiere und Passagiere ans Land gegangen. Um 4 Uhr dampfen wir (Poche und ich) auf dem guten Schiffe »Palitana« der British India Steamship-Navigation Co. langsam aus dem Hafen. -- Der Fahrpreis I. Classe mit Verpflegung bis Calcutta (14 Tage) beträgt blos 67 Dollars!
Donnerstag 31. Jänner.
Ein 2000 Tonnen grosses, scrupulös rein gehaltenes, mit elektrischem Lichte versehenes Schiff, ein charmanter rothbärtiger Commandant, Captain England, jovial und lustig, freundliche, artige Officiere, endlich statt der eckligen chinesischen Boys Bengalis als Diener und Stewarts, schlanke braune Kerle in weissen Musslinanzügen und riesigen Turbans, die lautlos und flink jedem Wunsche zuvorzukommen trachten -- welcher Gegensatz gegen »Hecuba, Hekate und Co.«! In einen langen Rattansessel hingestreckt, den ich in Singapore für 5 Dollars erworben, fange ich an, die Ruhe, das absolute Nichtsthun, vor Allem die herrliche Kühle der Seeluft (nur 30° auf Deck) in vollen Zügen zu geniessen. Ein Ehepaar aus Singapore auf der Hochzeitsreise, Harvey, er von einer schweren Krankheit soeben auferstanden, sie rothhaarig, aber hübsch -- der katholische Bischof von Rangoon, Monsignore Bigandet, ein liebenswürdiger alter Herr, der seit 51 Jahren den fernen Osten bewohnt und nur zum Vatican-Concil nach Europa zurückgekehrt ist -- ein portugiesischer Eurasier, Dr. de Souza aus Rangoon -- der »Very Reverend the Archdeacon of Singapore«, Meredith, ein etwas bornirter Schotte; drei amerikanische Globetrotters, John Coolidge aus Boston, der über ein Jahr als Japaner in Japan gelebt, Malcolm Thomas aus Boston, und Larz Anderson 2nd aus Washington, ein guter Caricaturist, -- das bildet so ziemlich die Gesellschaft. -- Die Staterooms sind, wie alles Uebrige, tadellos rein -- störend wirkt nur eine Armee winziger grauer Ameisen, die aus der Bordwand kommend Tag und Nacht über meine Schwämme, über das Waschbecken und über mein Bett wandert -- die Viecher beissen zwar nicht stark, man gewöhnt sich an Alles -- aber angenehm ist's nicht. -- Dafür gibt es allerdings wenig Kakerlaken. -- Auch ein Vortheil!
Freitag 1. Februar.
_Malacca_ haben wir leider im Finstern berührt; heute früh legen wir wieder bei dem schönen _Pulo-Penang_, der Betelnussinsel, an, und Poche und ich suchen ein paar Pferde zu mieten, um den »Penang-Hill« zu erklimmen. -- Es ist chinesisches Neujahr, die Strassen gefüllt mit festlich gekleideten Celestials, deren Frauen und Kinder, geschminkt und mit kostbarem Schmucke überladen, in Wagen und Gharries und Tats umherkutschiren. Nach langem Umherirren finden wir endlich ein paar knochiger Rosinantes, und den Victoriapark rechts lassend, geht's steil den Berg hinauf, durch wundervolle Wälder, die -- wie Poche behauptet -- den schönsten Plantagen auf Java gleichkommen. -- Zuerst stolpern wir in einen Prachtpark und von da in ein luftiges, elegantes, aber ganz leeres Bungalow -- ein französisch sprechender Herr belehrt uns, dies sei das Gouvernment House -- wir suchen weiter und gelangen auch, nach vielem Steigen, in eine Art Hôtel, das von dem unvermeidlichen Chinesen als Sanatorium gehalten wird. -- Die grossartige Aussicht, 2000 Fuss tief auf die mit üppigster Vegetation überwachsene Insel, auf das Meer ringsum, besonders aber ein kräftiges Tiffin entschädigen für die Mühen des Aufstieges -- auch wirkt die Temperatur von 25° wie eine Offenbarung! Auf diesen Gäulen ist vom Hinabreiten keine Rede -- in 2½ Stunden soll die »Palitana« abdampfen -- also heisst's trotz Tropen, trotz Mittagssonne im Laufschritt den Berg hinunter und ebenso weiter bis zur Stadt, wo uns schliesslich ein Jinrickshaw zum Hafen führt -- entschieden der heisseste Spaziergang, den ich je gemacht! Das nennt man Schwitzen!
2., 3., 4. Februar.
Prächtige Tage der höchsten Faulenzerei -- bis 9 Uhr liegt Alles in Pujamahs umher, späterhin in Leinenanzügen -- das Essen ist geniessbar, die Globetrotters recht lustig -- besonders angenehm ist der alte Bischof mit seinem langen grauen Barte. -- Stundenlang erzählt er mir von den Schönheiten der buddhistischen Lehre, die er natürlich von Grund aus kennt, sowie von der Eroberung Burmas durch die Engländer -- sein meridionales Französisch klingt merkwürdig an der Küste von Tennasserim. -- »Als nach der Einnahme Rangoons die grosse Glocke der Shvay Dagon-Pagode, die 7½ Fuss im Durchmesser misst, aufs englische Flaggenschiff gebracht werden sollte und beim Transporte in die Mitte des Irawadi fiel, waren alle Bemühungen der Matrosen, mit ihren Maschinen die Glocke zu heben, ganz vergeblich. -- Da bat eine birmanische Deputation den Befehlshaber, ihr die am Grunde des Riesenflusses liegende Glocke zu schenken, was auch lachend und ungläubig gewährt ward. Den Tag darauf befand sich die Glocke wieder an ihrem alten Platze auf der Plattform der goldenen Pagode. -- Was alle britischen Ingenieure nicht zustande gebracht, das vermochten 20.000 Birmanen in wenigen Stunden!« -- Gestern war anglicanischer Gottesdienst in der grossen Cabine, und Meredith hielt eine langweilige Predigt.
Dienstag, 5. Februar.
Seit frühem Morgen fahren wir den Irawadi hinauf, einen der grössten Ströme der Welt -- die Ufer flach, öde. -- Am Landungsplatze Tausende von Zuschauern in den farbenprächtigsten Kleidern, meist rosa und himmelblau -- die Männer sind schlanker, grösser und schöner als die stammverwandten Bewohner Siams. Das Haupthôtel _Rangoons_, das »British-Burmah H.«, ist als Gasthof dem Schiffe »Hekate« ebenbürtig. Hier empfangen uns die vorausgeeilten Amerikaner mit »bad news from Austria«, und die furchtbare Nachricht des Todes unseres Kronprinzen wirkt fast lähmend auf Poche und mich. -- Wir hoffen, die Kabelgramme haben falsch berichtet -- auch weiss unser Honorarconsul Biedermann noch gar nichts. -- Mit schwerem Herzen erfüllen wir unsere Touristenpflichten und bewundern die »Shvay Dagon-Pagode«, entschieden die prachtvollste, kolossalste, grossartigste Pagode Asiens. -- Die Lage sowohl, als die Bronzen, Schnitzereien und vor Allem die 321 Fuss hohe, ganz vergoldete Daghoba sind überwältigend. Mein Plan, einen Dampfer zu überschlagen, mit der neuen Bahn nach Mandelay zu fahren und erst nächste Woche weiter nach Calcutta zu reisen, muss -- wie so manches Andere -- aufgegeben werden. Die Bahn nimmt nur bis Prome Passagiere. Erst in 14 Tagen wird der Verkehr bis Mandelay eröffnet -- bis jetzt gehen nur Militärzüge -- zur Flussfahrt auf dem Irawádi gebricht es an Zeit; also morgen nach Maulmain.
6. Februar.
Mit der »_Ramapura_«, einem schönen Schaufeldampfer, der 15 Knoten macht, und dessen deutscher Commandant Cruzer famose Getränke braut, um 7 Uhr früh nach _Maulmain_, der schönsten Stadt Burmahs, am _Salween_ reizend gelegen. -- Holzsägen, wo abgerichtete Elefanten riesige Baumstämme aus dem Flusse holen, in die Maschinen legen und die gesägten Hölzer in den Höfen regelmässig aufschichten -- ein kleiner Elefant hat's auf mich abgesehen und kann ich mich nur durch die schmählichste Flucht retten, zum Jubel der Schiffsgenossen. -- In der Mitte der Stadt auf hohem Hügel die Hauptpagode mit unvergleichlicher Aussicht auf den Salween und die nahen Berge. -- Abends wandeln wir alle zum geräumigen Club, Gymkhana; da Cruzer uns einzuschreiben vergessen hat, werden wir aber, zu unserer grossen Heiterkeit, von den eurasischen Bediensteten feierlich hinausgeworfen. -- Uebernachten auf der »Ramapura«, denn bis zu einem Hôtel hat es Maulmain noch nicht gebracht.
7. Februar.
Vor Sonnenaufgang in zwei Gharries ein paar Meilen bis zur Fähre des Salween-Flusses, den wir (die drei Amerikaner, Poche und ich) auf einem lebensgefährlichen Floss übersetzen, -- dann in einem landesüblichen »Bullockcart« die gute Fahrstrasse weiter bis zu den »Farm Caves«, ausgedehnte Höhlen in merkwürdigen Bergen, die, mit reichster Vegetation überwachsen, senkrecht aus der Ebene aufsteigen. Zwei dieser Höhlen sind Wallfahrtsorte und mit Buddha-Statuen minderen Kunstwerthes ausgefüllt; die anderen bieten einigen Millionen Fledermäusen Asyl und werden letztere durch unsere bengalischen Kerzen unangenehm aufgescheucht -- doch ist ein längerer Aufenthalt wegen des Gestankes und der Hitze undurchführbar. Die Rückfahrt auf dem originellen federlosen Holzkarren, dessen Zebus fortwährend durchgehen wollen, ist sehr amüsant -- schiesse einige Riesengeier. -- Sonnengluth in Burmah scheint nach der heutigen Probe kolossal! Abends Besuch des Gefängnisses, wo aber egyptische Augenkrankheit grassirt und wir schleunigst davonlaufen. -- Vergebliches Trachten, einen berühmten Holzschnitzer zu finden: der Mann wohnt im Birmanenviertel, unser Kutscher spricht blos bengalisch -- also Verständigung unmöglich. -- Am Flussufer produciren sich uns einige Arbeitselefanten, die zur Tränke geführt werden -- auf Befehl des Kornak knien sie nieder, heben die Rüssel in die Höhe und trompeten ein donnerndes Salaam! Die ihnen zugeworfenen Annastücke heben sie sorgfältig auf und reichen sie dem alten Wärter!
8. Februar.