Meine Reise nach Siam 1888-1889. Aufzeichnungen des k. und k. Legationsrathes Dr. J. Camille Samson

Part 6

Chapter 63,277 wordsPublic domain

In aller Frühe fahren wir zu Wagen den bereits wohlbekannten Weg ins Palais, ein mit grossen Mauern und Gräben umgebenes Stadtviertel, in welchem nebst dem königlichen Palaste, den Ministerien und Kasernen noch viele Hunderte von Häusern und Läden stehen. -- Die Theehäuser bleiben links, ebenso verschiedene Spielhäuser, wo Tag und Nacht hazardirt wird, -- rechts passiren wir einige schöne, in umfangreichen Gärten gelegene Bauten, darunter die für uns sagenhafte »Ambassadors Hall«, wo alle unsere Vorgänger, zuletzt Erzherzog Leopold mit den Officieren der »Fasana«, beherbergt wurden. Ausserhalb des Schlosshofes ist das siamesische Nationalmuseum, das viel Interessantes enthält, alte Waffen, schöne Bronzearbeiten, Modelle von landesüblichen Häusern und Booten, Modelle der grossen Galagondeln, auf denen der König die Wats besucht, schwarzes Porzellan, mit rothen und gelben sitzenden Buddhas geziert, zahlreiche Bäume aus dünnem Gold oder Silber, Tributspenden der Laosvölker, die 6-8 Fuss hoch sind, dann Mineralien und einige schlecht ausgestopfte Thiere. -- Hierauf werden die weltberühmten weissen Elephanten vorgeführt, die aber schmutzig drap, also bräunlich, nicht weiss sind, -- der grösste ist 12 Fuss hoch und ein schon recht ehrwürdiger Geselle, da er nach Aussage seines Mahout über 120 Jahre alt sein soll. -- Nett zusammengeknüpfte Grasbündel werden als Futter vorgeworfen und anstandsvoll geöffnet und verzehrt. Von der angeblichen göttlichen Verehrung der weissen Elephanten war nichts zu bemerken. Anstossend an das Museum ist der königliche Hoftempel, wohl der reichste Tempelbezirk der Welt. -- Im Wat-Pra-Kao ist eben buchstäblich Alles vergoldet -- wo man hinsieht erheben sich Pratschedis und Dagoben und Wandelbahnen, die in der Sonne glitzern und blenden, -- der Haupttempel ist von oben bis unten vergoldet, der Fussboden aus goldähnlichem Cuivre poli, auf dem sehr überladenen Hauptaltar, wo zahlreiche Petroleumlampen inmitten dieser Pracht unliebsam auffallen, der smaragdene Buddha, wohl aus Smaragdwurzel oder Jade. -- In vielen Pavillons sind Meisterwerke der aus Wat-Po bekannten Ebenholz-Perlmuttertechnik, überall stehen Bronzeelephanten, Marmorstatuen, -- an alle Pratschedis sind Hunderte von kleinen Glocken gehängt, die im Winde unausgesetzt spielen. -- Ein grosses Steinmodell des Angkor Wat (an der Grenze von Cambodia) erfüllt uns mit Bewunderung. -- Ein Jammer, dass die dreiwöchentliche Elephantenreise dahin für diesmal wenigstens unmöglich ist. Graf und Gräfin Bardi waren voriges Jahr dort; auch Baron Brenner hat die Strapazen nicht gescheut. Wir besichtigen die etwas leere Bibliothek, dann die Prunkgemächer des Palastes. Trotz der präsentirenden Wache (etwa 50 Mann) sieht der grosse Schlosshof recht einsam aus im Vergleiche zur Pracht und zum Prunke des Empfangstages. -- Der riesige Thronsaal mit prächtigen Lustern, reichem vergoldeten Thronsessel und vielen Goldbäumen, der Salon mit den Bronzebüsten aller europäischen Souveräne und den Oelbildern siamesischer Könige, das hübsche Boudoir mit Emaux, Porzellan und Boulearbeiten, sowie der imposante Berathungssaal mit dem Prachtporträt des Oberbonzen von Siam sind im reichen Renaissancestile, der siamesische Thronsaal aber in Roth und Gold halb siamesisch, halb chinesisch.

Weiter stromaufwärts liegen die weitläufigen Paläste des letzten zweiten Königs, die ganz zerfallen und nur mehr als Stallungen für die schwarzen Kriegselephanten dienen; einer von diesen erreicht die respectable Höhe von 13 Fuss. -- An den seligen zweiten König erinnert auch noch die Flotte, welche, aus einer Anzahl schön weisser Kanonenboote bestehend, im Menam verankert liegt. Seine Majestät Nr. II war oberster Marinechef, dessen sehnlichster Wunsch es war, mit der siamesischen Escadre eine Fahrt nach Singapore zu unternehmen. -- Doch ist dieser Wunsch leider nie in Erfüllung gegangen; so oft er auch auslief, um die Straits-Settlements zu erreichen, immer kehrte er unverrichteter Dinge heim, eine Havarie, Kesselbruch u. s. w. verhinderten stets, an das heissersehnte Ziel zu gelangen! Dies erinnert übrigens an den ägyptischen Admiral, den Mehemed Ali mit Depeschen nach Malta schickte, und der, nachdem er eine Woche im Mittelmeer gekreuzt, mit der Meldung erschien: »Malta Mafisch!« -- Er hatte trotz emsigen Suchens die Insel nicht finden können. -- Scheusslich ist hier das Wasser; Quellen gibt es keine, die Bevölkerung ist auf das schmutzige Menamwasser, das übrigens alle Siamesen trinken, oder auf Regenwasser angewiesen, -- nun hat es drei volle Monate nicht geregnet, und einige Schiffe führen in Fässern Wasser aus Hongkong ein! Wir rühren natürlich nur Sodawasser an, das auch nicht brillant schmeckt. -- Abends im Club neben dem Hôtel, das ganz verödet scheint. Wir sind die einzigen Gäste.

Donnerstag 10. Jänner.

Zeitlich geht's wieder in die innere Stadt, wo die ganze Populace aufgeboten scheint; von allen Seiten strömen Processionen mit Hüten aus rothem Glanzpapier und hölzernen Schwertern zu einer Art Festplatz zusammen, wo die sogenannte Theep-Ching-Chah-Ceremonie (Swing Ceremony) stattfindet. An einem gegen 50 Fuss hohen Gerüste schaukeln an langen Stricken Männer und Knaben und suchen hiebei mit dem Munde angebundene Früchte zu erreichen. Es ist dies eine Art Erntefest, hindu-brahmanischen Ursprunges, wobei die Leute früher an eisernen Haken, die sie sich ins Fleisch stiessen, schaukelten. Viele Würdenträger in Galacostümen sehen dem Schauspiele zu, darunter eine Anzahl mit der altsiamesischen dreifachen Krone geschmückt. -- Der eigentliche Zweck des Festes bleibt uns dunkel, trotzdem Phya Smud ihn zu erklären sucht. Herr M. hat trotz seines langjährigen hiesigen Aufenthaltes natürlich davon keine Ahnung. -- Dieser Ehrenmann kennt seine kaufmännischen Pflichten, aber weiter nichts. Von Pfeffer, Reis, Lack, von Teakholz, von den Saphir- und Rubinminen kann er interessant erzählen, vom Lande und seinen Einrichtungen und Gebräuchen weiss er nichts. Nachmittags Besuch des etwas vernachlässigten königlichen Gartens: er ist ganz europäisch gehalten, mit Alleen und Sommerhäuschen, auch einem grossen maurischen Eisenpavillon. Uns zieht besonders die kleine Sammlung Thiere an, darunter einige weisse Affen (Albinos wie die sogenannten weissen Elephanten) und ein prächtiger schwarzer Panther, der dem zu nahe getretenen Biegeleben fast den Arm oder mindestens den Aermel zerreisst. -- Während der Chef mit Poche ins Auswärtige Amt geht, fahren Sapieha und ich in die deutsche Ministerresidentschaft, wo uns Herr Kempermann höchst merkwürdige Facten über hiesige Liebenswürdigkeit Fremden gegenüber mittheilt. Der voriges Jahr hier anwesende japanische Prinz und Frau wohnten in einem Flügel des königlichen Palastes, wurden aber trotz eines Schwarmes siamesischer Diener so schlecht bedient, dass die kaiserliche Hoheit sich das Waschwasser höchsteigenhändig am Brunnen holen musste. Auch bei seiner Ankunft sei die »Ambassador's Hall« unter allerlei Vorwänden verschlossen gewesen, und nur mit Mühe habe er den Campong für sein Bungalow zugetheilt erhalten. Als seine Frau mit einer Freundin von einer Spazierfahrt zurückkehrte, auf welcher sie durch ihren Diener einige Lotosblumen pflücken liess, wurde sie plötzlich von einem Haufen siamesischer Polizisten aus ihrem Wagen und in einen grossen Garten hineingezerrt, wo ein am Boden hockender nackter Siamese sie mit Schimpfworten überhäufte und sie erst nach längerer Zeit nach Hause fahren liess. -- Grund hiefür war das Blumenpflücken, welches der Betreffende, Justizminister und Bruder Prinz Dewangs, einige Tage vorher verboten hatte. Die Protestschreiben Kempermann's ans Auswärtige Amt, worin energisch Genugthuung gefordert wurde, blieben unbeantwortet, und erst als der Gesandte Phya Damrong in Berlin täglich telegraphirte, Fürst Bismarck drohe Bangkok in Flammen zu schiessen, man solle um jeden Preis die Sache ausgleichen, erst dann (nach sechs Monaten) entschuldigte sich der König selbst (bei Gelegenheit der Notificirung der Thronbesteigung Wilhelm II.). -- Die zwei Prinzen aber haben es bis heute nicht gethan! Auch hat Kempermann jeden persönlichen Verkehr mit dem Minister des Aeussern eingestellt. Wäre ihm nicht um seine Carrière leid, er hätte längst seine Flagge einziehen und Siam verlassen müssen.

Vollmond, Fahrt auf dem Flusse, kühle, angenehme Luft, von allen Seiten ertönt aus den beleuchteten schaukelnden Häusern Musik, Singen und Lachen -- es ist prachtvoll!

Durch mein mehr als energisches Auftreten hat Phya Smud den Ausflug nach Ayuthia, der früheren Hauptstadt des Reiches, nach vielem Zögern arrangirt; früh 6 Uhr wurden wir flott -- ein sogenanntes »Houseboat« enthält alles Gepäck, die Vorräthe (für eine Woche genügend), den Weinkeller, Eis, dazu den chinesischen Koch und drei andere Celestials, sowie acht Matrosen, -- die Barkasse führt uns vier, Phya Smud, den Heizer und Steuermann, -- die kleinen Siamesen sehen in ihren weissen Uniformen recht possirlich aus. -- Langsam dampfen wir stromauf, nach etwa einer Stunde verschwinden die letzten Häuser, darunter das grosse französische Missionsgebäude. -- Niedriger Wald, hauptsächlich Jungle, vereinzelt eine Hütte, hie und da ein Rasthaus (Sala), ein offenes, auf vier Holzpfeilern ruhendes Häuschen mit Matten, die als Schlafstellen für Reisende dienen. Ein junges Krokodil taucht dicht neben uns auf, begleitet uns ein Stück, zieht sich aber bei dem beginnenden Schnellfeuer rasch zurück. Mehrere grosse mit Reis beladene Boote kommen entgegen; sie führen die Ernte aus Laos in die Bangkoker Schälfabriken. -- Zahlreiche Adler umkreisen uns, am Ufer hocken schöne weisse Edelreiher, prächtige blaue Eisvögel, Strandläufer, zahlreiche Pfaue, merkwürdige Goldfasane in allen Farben des Regenbogens. Der Chef und ich schiessen von allen mehrere Exemplare, besonders pfeffern wir in einen ganzen Schwarm Wildenten (Teals), von denen 13 fallen, auf meinen ersten Schuss allein vier Stück. Gegen Mittag gerathen wir auf eine Sandbank und kommen nur nach angestrengter Arbeit wieder los. Dabei ist die Hitze hier unter dem einfachen Leinenzelte der Mouche, im vollen Sonnenbrande und in unmittelbarer Nähe der kleinen Dampfmaschine, ganz unerträglich. Sogar Neptun ist schlapp geworden und weigert sich ans Ufer zu gehen, um das geschossene Wild zu holen (seine Begleiterin, die gute Hündin Bompa, ist seit Singapore krank und hat ganz aufgehört zu fressen -- sie ist unter Harrisons Pflege im Hôtel zurückgeblieben). -- Nach neunstündiger Fahrt biegen wir rechts in einen schmalen Canal ein und halten in _Bang-Pa-In_, dem Sommerpalais des Königs. -- Ein grosser Park mit zahlreichen ganz europäischen Baulichkeiten, sowie ein reizender hölzerner Pavillon im reinsten siamesischen Stile. -- Zwei australische Strausse (Casuare) wandern im Garten umher. Ein Renaissancetempel mit dorischen Säulen wird für uns in Ordnung gebracht, in einem geräumigen Saale stehen vier Betten mit Netzen, in einem zweiten servirt der chinesische Koch ein exquisites Mahl, darunter die Wildenten! Wir sind mit dem Kaffee und Crême de Cacao beschäftigt, da tönt eine Glocke aus nächster Nähe -- der »Angelus« im Innern Siams! Wir laufen hinaus und entdecken auf einer benachbarten Insel eine perfecte gothische Kirche, d. h. ein Wat im gothischen Stile. -- Thurm, drei Schiffe, Kreuzfenster mit dem eingebrannten Bilde des Königs und der lateinischen Inschrift »Chulalonkorn, Rex Siamensis«, Hochaltar, auf dem ein goldener Buddha sitzt, -- Seitenaltäre mit kleineren Buddhas, -- Sacristei -- und im Thurme die schöne Glocke, die, nach Sonnenuntergang geläutet, uns im Geiste nach Europa versetzt hatte.

Als ich gegen 3 Uhr Früh vor den Mosquitos ins Freie flüchtete, da leuchtete vor mir das südliche Kreuz in nie geahnter Herrlichkeit. -- Alles liegt noch in tiefem Schlafe.

Nach Besichtigung der Privatgemächer Seiner Majestät, die in ziemlich zweifelhaftem Geschmacke mit Pariser und deutschen Möbeln gefüllt sind, dampfen wir weiter nordwärts, den nun bedeutend engeren Menam hinan. -- Am linken Ufer werden einige alte Tempel besichtigt, darunter einer mit einem riesigen Buddha, vor welchem unser Koch rasch einige Feuerwerke abbrennt und das Orakel um das Befinden seiner Familie befragt. -- Um Mittag Ankunft in _Ayuthia_ -- ein verfallenes Bangkok, die Häuser verschwinden fast unter Bäumen, die Canäle sind ganz überdacht von der üppigen Vegetation, -- an der Landungsbrücke wartet der Gouverneur, ein Schwager Phya Smuds, Phya Chaivechit, ein kleiner, gutmüthiger, runder Kerl, der in seiner Amtswohnung ein opulentes Tiffin servirt, -- das Menü ist rein siamesisch, und sind einige der Speisen, besonders die Süssigkeiten, ganz vortrefflich. -- Auf einer Anzahl kleiner stämmiger Ponnies (das des Chefs ist ganz mit silbernen Zieraten behängt) galoppiren wir mit grosser Escorte zur alten Stadt, wobei verschiedene komische Zwischenfälle laute Heiterkeit erregen, darunter besonders die Reiterkünste Poche's, welcher wiederholt zu Boden fällt. Zuerst wird sein Gaul durch einen grossen Elephanten rebellisch, -- dann will derselbe eine Stute bespringen, und unseres Freundes Bemühungen sind ganz vergeblich! -- Stundenlang dehnen sich die von den üppigsten Pflanzen überwachsenen Ruinen aus -- überall tauchen riesige Buddhastatuen aus Bronze oder Stein aus dem Jungle auf. -- Als vor hundert Jahren die Birmanen die damalige Hauptstadt Siams eroberten, muss die Zerstörung eine recht gründliche gewesen sein. -- Nach Ayuthia zurückgekehrt, besehen wir noch die modernen Königszimmer, lassen uns in der steinernen »Sala« aus silbernem Geschirre Betel und vortrefflichen Thee serviren und dampfen gegen Abend nach Bank-Pa-In.

Rührender Abschied von unseren zwei Straussen, vom schönen Gartenpavillon und der gothischen Kirche, -- dann eine heisse, sehr heisse Fahrt nach Bangkok, -- einige geschossene Adler, am Boote aufgehängt, sind bereits nach einer halben Stunde voller Ameisen. Der Sect und das Eis gehen aus, die Zungen hängen aus dem Munde, es ist höchste Zeit, bei Sonnenuntergang wieder im »Oriental« einzutreffen, wo die Militärcapelle Wiener Walzer im Clubcampong aufspielt.

Montag 14. Jänner.

Die »Schwalbe« vom Norddeutschen Lloyd, das einzige gute Schiff, das uns hier mit der Aussenwelt verbindet, ist gestern ausgelaufen, -- wir müssen daher Mittwoch mit einem Schwesterboot der »Hecuba« absegeln: das dürfte hübsch werden! Doch hat längeres Verweilen wenig Zweck: der König und der Hof sind fort, Prinz Dewang könnte, so viel wir davon merken, auch verreist sein, Festlichkeiten werden keine gegeben, Sehenswürdigkeiten haben wir so ziemlich alle genossen; Phya Smud erzählt von Reisfeldern bei Paknam, wo allnächtlich Dutzende von wilden Elephanten zur Tränke kommen sollen, wir glauben ihm nicht -- auch wäre mangels an Shikarries eine Jagd sehr schwer durchzuführen, da hier Niemand jagt, nicht einmal der König. -- Verschiedene Schreiben ans Auswärtige Amt, Spaziergänge durch die Bazars und Besuche füllen den Tag, -- ein langer schmaler Weg, vom Palais (dem Kraton) auslaufend, zu beiden Seiten mit chinesischen Läden, die europäische Exportwaare scheusslicher Qualität zum Verkaufe anbieten, -- zuweilen ein siamesisches Theehaus, wo ohrenzerreissende Musik die Passanten verscheucht. Dazu ein Gewühl von halb- und ganz nackten Leuten, an den Ecken viele Aussätzige mit ganz zerfressenen Gesichtern. -- Angenehmer sind die schwimmenden Verkaufsläden; in einem solchen versehen wir uns mit Photographien, mit Palmenhüten, mit vergoldeten Buddhas, während wir im eigentlichen Palaisviertel theils bei einem englischen Uhrmacher, theils bei einer chinesischen Pfandleihanstalt einige Silberschmucksachen und kleine Modelle von Häusern und Booten erschachern. Mittags werden Sapieha und ich durch einen alten birmanischen Bonzen kunstgerecht tätowirt, -- beide erhalten wir am rechten Arm den Ratschaschi, das räthselhafte Thier der siamesischen Urwälder, dessen Schrei noch kein Mensch überlebt hat, schön blau eingeritzt. -- Als ich später von einem Besuche bei Kempermann nach Hause kehren will, verfehle ich den Weg beim »Celestial Club« (Opiumhöhle) und gerathe in ein Labyrinth von Stegen und Wegen, -- eine Schar von Edelleuten in Hoftracht erwidern meine Anfrage mit Hohngelächter! Die guten Manieren sind doch überall gleich angenehm! Der deutsche Resident erzählte wieder viel Anziehendes: wenn junge Europäer sich hier niederlassen, kaufen sie für die Zeit ihres Aufenthaltes ein 14-17jähriges Siamesenmädel und zahlen den Eltern 200-300 Dollars. (In Britisch-Indien kostet ein Hindumädchen, 14 Jahre, hübsch und mit ärztlichem Atteste, 15 Rupien! Die Erhaltung monatlich 25 Rupien!) -- Während des Zusammenlebens dürfen die Kleinen kein Betel kauen, -- wenn sie momentan unwohl sind, stellen sie umsonst eine Stellvertreterin, die sie aus den schönsten und jüngsten ihrer Freundinnen aussuchen, -- kaum ist die eigentliche Donna wieder hergestellt, so muss die Repräsentantin unbarmherzig verschwinden! -- Abends fahren wir wieder auf dem Flusse, -- das Treiben der Tausende von Gondeln in der milden Luft und dem vollen Mondschein ist herrlich. -- Komisch sind die kleinen nackten Kinder, die vom Kopf bis Fuss mit Safran eingerieben werden, -- es scheint gegen Fliegen und sonstiges Ungeziefer gesund, die kleinen hochgelben Kerle sehen aber gar zu spassig aus. -- Spät geht's noch zu unseren japanischen Freundinnen, wir werden aber durch einen dort eingedrungenen betrunkenen Deutschen bald verscheucht.

Dienstag 15. Jänner.

Eine englische Meile stromabwärts liegt, am Ufer des Menam natürlich, das ausgedehnte weitläufige Haus Phya Smud's mit schönen Gärten und Blumenbeeten; -- in einer langen Halle empfängt uns der Hausherr mit Thee und Kuchen und, was noch angenehmer, er hat eine Anzahl Silbergefässe uns zum Kaufe aufstellen lassen, Theekessel, Betelschalen, Kannen, aus oxydirtem Silber mit eingeschlagenen Goldornamenten. Nach wenigen Minuten ist der Vorrath ausverkauft. Interessant sind Phya Smud's Teakholzlagen, menamaufwärts der Mission gegenüber, wo tausende und aber tausende Pflöcke der Verfrachtung harren. Teak soll das resistenzfähigste Holz sein und im Schiffbau unübertroffen. Erzherzog Leopold nahm auf der »Fasana« viele Bretter zum Bootsbau mit. -- Abends um 8½ Uhr siamesisches Theater! (»Lakon«). Nur wenn der Mond voll ist, können Aufführungen stattfinden, und wir kommen gerade vor Thorschluss dazu, -- ein geräumiges hölzernes Gebäude mit Bänken und Logen und einer ziemlich grossen Bühne mit der englischen Aufschrift »Prince's Theatre«, -- alle Plätze mit Weibern und Kindern besetzt, erstere insgesammt bis zur Taille unbekleidet, um die Beine den Sarong, letztere alle splitternackt. In zwei »Avant-Scènes« scheinen sich reich bekleidete Chinesen gütlich zu thun, in unserer »Hofloge« kommen wir in Fracks mit den steifen Stehkrägen vor Hitze fast um, -- so was habe ich noch nie gefühlt! Die Aufführung ist ein historisches Drama, in welchem eine Menge Hanuhmans, Jacks, Ratschaschis und andere Teufel auftreten. Costüme prachtvoll, Musik merkwürdiger Höllenlärm im Zweivierteltact, -- das Verdrehen aller Finger und aller Zehen ist die auf die Spitze getriebene Schauspielkunst! -- Als uns die Barkasse um Mitternacht heimbringt, fühlt sich die freie Luft eisig an, so schauderhaft war die Temperatur im Lakon.

Mittwoch 16. Jänner.

Ich muss mich gestern erkältet haben, -- mein Gesicht ist ganz angeschwollen, Zahnschmerzen und Fieber, dazu wahnsinniger Husten. -- Doch es heisst Einpacken, Koffer verlöthen (gegen Termiten), aus einem grossen Sack silberner Tikals Trinkgelder an alle Bedienstete vertheilen, p. p. c.-Karten an die Bekannten schicken und noch in aller Eile in die innere Stadt fahren, um einige verschobene Einkäufe zu besorgen; -- als wir schon das Hôtel verlassen wollen, erscheint ein altes Weib mit weiteren Silber- und Goldgefässen, -- auf dem Boden sitzend handeln wir ihr den ganzen Kram ab; erst jetzt fangen die Leute an, Sachen zum Verkaufe zu bringen; Läden gibt es für Curios nicht, und man braucht Zeit, Geduld und Geschick, um wie Baron Joachim Brenner siamesische Kunstproducte sammeln zu können.

Um 4 Uhr sind wir Alle an Bord der »Hekate« und fahren, die österreichisch-ungarische Flagge am Hauptmaste, mit vollem Dampfe, nun zum letzten Male, den Menam hinab, -- noch grüssen die schwimmenden Häuser, der Spectakel, der Lärm der Grossstadt, dann die öde Stille des Jungles, und um 8 Uhr werfen wir südlich von Paknám, aber innerhalb der Barre, Anker, da morgen hier Reis eingenommen werden soll. -- Nun entdecken wir den ganzen Jammer unserer Lage; die »Hekate« ist noch viel schmutziger, viel vernachlässigter als ihre Schwester »Hecuba«. Die einzige Cabine auf Deck erhält der Chef, während man uns dreien ein paar Löcher schauderhaftester Art anweist, Kakerlaken, Ratten, Ameisen sind noch das beste dabei, -- seit Monaten scheinen die Leintücher nicht gewaschen zu sein! Am Vordertheile befinden sich 300 Zebuochsen, die erbärmlich stinken, -- doch suchen es ihnen hierin etwa 200 am Stern zusammengepferchte Chinesen zuvorzuthun! Beim Dîner stellt sich heraus, dass der gesammte Weinvorrath des Schiffes eine halbe, sage eine halbe Flasche Rothwein beträgt! Für vier Menschen, während vier Tagen! Well, à la guerre, comme à la guerre, wir legen tant bien que mal die müden Glieder in lange Sessel auf Deck und trachten die Milliarden Mosquitos abzuwehren, die, über den Aufenthalt des Schiffes entzückt, von allen Seiten herbeifluthen! Felicissima notte!

Donnerstag 17. Jänner.

Während Biegeleben und Sapieha ans Land gehen, um das zur jetzigen Jahreszeit gänzlich verlassene Städtchen zu durchforschen (im Sommer gebrauchen viele Bangkoker hier die Seebäder), rudert unser Capitän zu einem in der Nähe verankerten Engländer, der, soeben aus Hongkong angekommen, ihm seinen ganzen Weinkeller, nämlich 17 Flaschen verschiedensten Rebensaftes, überlässt, -- dadurch sind wir gerettet, -- denn das Wasser, welches der Capitän, ein junger Deutscher, selbst trinkt, ist, wie bekannt, schon drei Monate alt, -- Soda ist keines vorhanden, die Bedienung ist elend, die chinesischen Boys, ordinäre Arbeiterjungen, die niemals Europäer bedient haben, sprechen kein Wort englisch und kümmern sich gar nicht um uns. -- Das Essen bei alledem ungeniessbar! Für 30 Tikals, den Preis der Ueberfahrt, hätte man schon etwas mehr liefern können. -- Mittags kommen die beiden Touristen ganz ermattet und erschöpft zurück; sie sind vier Stunden bei dieser Bratsonne im Jungle umhergelaufen, ohne ein menschliches Wesen anzutreffen. -- Der Reis ist eingeladen, um 3 Uhr geht's über die Barre und in See, -- Mosquitos auf Nimmerwiedersehen!

Freitag 18. Jänner.

Es stürmt, es rollt, es stampft, alle paar Minuten geht ein Platzregen nieder, -- die Zebus stinken, die Chinesen ditto, meine geschwollene Wange thut höllisch weh, -- vor Singapore ist keine Hilfe möglich. Biegeleben liegt regungslos in seiner Deckcabine und klagt, -- Sapieha flucht, nur Poche fügt sich ins Unvermeidliche. -- Nochmals: »Hol' der Teufel die Tropen!«

Alles im Gleichen, Rollen, Regen, Wind, Gestank, Schmerzen.