Meine Reise nach Siam 1888-1889. Aufzeichnungen des k. und k. Legationsrathes Dr. J. Camille Samson

Part 5

Chapter 53,056 wordsPublic domain

Vom frühen Morgen an werden die Vorbereitungen für das grosse Ereigniss getroffen. -- Die verlötheten Blechkoffer werden mühsam aufgeschnitten, die darin ruhenden Uniformen sorgfältig geputzt und gebürstet, -- Sapieha, der keine mitgebracht, verbreitet die Nachricht, die seinige sei unterwegs in Verlust gerathen. Ein langes Schreiben an den Prinzen Devawongse wird auf Englisch (die hiesige diplomatische Sprache) concipirt und abgeschrieben, auch an der Ansprache des Gesandten noch gebessert und gefeilt. -- Gegen 4 Uhr sind wir fertig und rücken feierlich und schwitzend ab. Im ersten Wagen, an dem die rückwärts hängenden Hoflakaien in rothen Röcken, weissen Handschuhen und barfuss vornehm aussehen, sitzt Baron Rüdiger in Diplomatenuniform, mit Orden bedeckt, -- ihm gegenüber der Oberceremonienmeister und unser Introducteur des Ambassadeurs Phya Smud Buranurahse, Gouverneur von Paknam, beide in Gala, d. h. in goldbrocatenen Gehröcken, blauen Sarongs, den gelben und rosa Bändern des Elephanten- und Kronenordens, den indischen Helm auf dem Kopfe. -- Im zweiten Wagen bin ich, auch in Uniform, die kaiserliche Accreditive haltend, neben mir Sapieha im Frack, gegenüber Herr M. mit gesticktem Hemde, silberner Uhrkette und schwarzem Melonhute! Nach halbstündiger Fahrt durch staubige Strassen passiren wir die die königliche Residenz umgebenden Mauern und steigen vor einem prächtigen, mit dem vergoldeten siamesischen Wappen verzierten Thore aus. Zu beiden Seiten Hunderte von Zuschauern, die nach der hiesigen guten alten Sitte flach am Bauche liegen. -- Einige Schritte und wir sind in einem Riesenhofe, ringsum grosse Gebäude halb in Renaissance, halb im chinesischen Pagodenstile, vorne das imposante Palais mit schöner Einfahrt und zwei prächtigen Bronzeelephanten als Wächter. -- Alles weiss angestrichen und die zahllosen Thürme und Thürmchen vergoldet und geschnitzt, rechts und links salutiren die ganz europäisch ausgerüsteten Truppen, theils »Garde du Corps«, theils Linie, theils Marine-Infanterie, in rothen, weissen, die letzten in blauen Uniformen, -- nur für Schuhwerk muss das siamesische Aerar keine grossen Auslagen haben. -- Die aufgestellten Militärcapellen spielen die österreichische Volkshymne, und zwar sehr gut und correct. Der feierliche Aufmarsch durch eine Allee mit sonderbar zugestutzten Bäumchen zum Hauptportal zu, zwischen die präsentirenden Ehrenwachen hindurch, hinter diesen überall das Volk auf dem Bauche liegend, -- ist überwältigend und die lange Reise wohl werth. In der Eingangshalle, deren Wände mit Waffen geziert sind, empfangen uns Prinz Dewang, wie Devawongse von den Europäern genannt wird, der Kriegsminister und ein Schwarm von Kämmerlingen und Hofbeamten, alle in prachtvollen gold- und silberbrocatenen Röcken, weissen Strümpfen und Schnallenschuhen. An einem langen Tische wird uns deliciöser hellgelber Thee und Cigarren gereicht, wir müssen Namen und Titel in ein schön gebundenes Album eintragen, -- dann geht's einige Stufen links hinauf, wo zu beiden Seiten kleine, schwarze, in rothen Mänteln gekleidete und mit langen Lanzen bewaffnete Buben Wache halten, durch einen prächtigen, ganz mit Officieren und Höflingen gefüllten Saal hindurch in ein geschmackvoll eingerichtetes Boudoir, wo uns der König stehend erwartet. Er ist eine höchst interessant, intelligent und sympathisch aussehende Erscheinung, mittelgross, schlank, mit sehr gewinnenden Zügen. Das kurz geschnittene Haar und der kleine schwarze Schnurrbart sind sehr gepflegt, -- die Zähne im Gegensatze zu _allen_ seinen Unterthanen blendend weiss, dabei in seinem blauseidenen anliegenden Waffenrock, dessen Kragen und Manschetten mit Gold gestickt sind, dem blauseidenen Sarong und ebensolchen Strümpfen, mit dem Bande des St. Stephans-Ordens, fesch und elegant. An der Brust des ungefähr 34jährigen Chulalonkorn haften einige Sterne seiner eigenen Orden, darunter jener der »Neun Edelsteine« mit ganz kolossalen Cabochonrubinen und einem immensen Diamanten. Biegeleben hält seinen englischen Speech und überreicht ihm sein Creditiv, das der König selbst (dies ist der erste Fall) persönlich übernimmt und dann an Dewang weitergibt. -- Mit klangvoller, lauter Stimme antwortet der König auf siamesisch, obwohl er englisch geläufig sprechen soll, und Devawongse verdolmetscht: »Er freue sich dieses neuen Beweises der Freundschaft Seiner Apostolischen Majestät und hoffe, Baron Biegeleben werde die guten Beziehungen noch mehr pflegen und befestigen. Die Anwesenheit des Erzherzogs Leopold, der ihn vor Kurzem auf der ›Fasana‹ besucht, habe ihm sehr geschmeichelt, er sei der erste Habsburger, der zu ihm gekommen. Auch habe er den auf der Reise nach Europa befindlichen Prinzen Sai Sani Dhwongse beauftragt, Seiner Majestät zu seinem Jubiläum nachträglich zu gratuliren und ihm den höchsten an Nichtbuddhisten verleihbaren Orden, den Mahadakrki-Orden, zu überbringen.« -- Nun wurden wir vorgestellt, über unsere Reisen u. s. w. befragt, und nach etwa 20 Minuten hatte die feierliche Audienz ihr Ende. -- Drei tiefe Verbeugungen, der König reicht uns allen die Hand, wieder durch das Spalier von brocatenen Kämmerern, wieder über den Riesenhof, die Wachen präsentiren, die Musik spielt »Gott erhalte«, und wir sitzen wieder im Wagen und wischen den Schweiss von der Stirne. -- Es war grossartig, an bunter Pracht wohl sonst nirgends erreichbar! Aber heiss! --

Wir speisen in einem kleinen für uns reservirten Zimmer, und zwar recht gut, das Menü ist französisch, und der chinesische Koch muss von einem europäischen Meister in seine Künste eingeweiht worden sein. Auch die Weine sind reichlich, Rheinwein, Bordeaux und Sect, dazu eine vorzügliche Crême de Cacao. -- Mit dem langen, durch das ganze Zimmer sich hinziehenden Fächer, Punkah, ist die Hitze erträglich; wehe aber, wenn der vor der Thür sitzende chinesische Punkah-Wallah, der mit einer Schnur den Fächer in Bewegung hält, einschläft! Das wird dann fürchterlich! Der uns zugetheilte Phya Smud ist ein sehr geriebener, gescheidter, wenn auch etwas einfältig aussehender Kerl, der sich vom niedersten Ursprung zu grossem Reichthum und Ansehen emporgearbeitet; der erste Fall einer Adelserhebung, -- er besitzt in Compagnie mit dem Prinzen Dewang bedeutende Reisschälfabriken und exportirt riesige Mengen Teakholz, seine lächerliche Körperfülle ist in ganz Siam berühmt.

Sonntag 6. Jänner.

Vor 5 Uhr Früh fahren wir in unserer kleinen Dampfbarkasse den Menam hinauf; von allen Seiten schiessen lange sogenannte Hausboote hervor, mit einer geräumigen Cabine versehen und mit 8-20 auf venezianische Art stehenden Ruderern bemannt, -- hunderte und aberhunderte solcher Boote sammeln sich vor dem königlichen Landungsplatze, wo die Hofboote warten mit reicher Vergoldung und 40 Ruderern, -- die Nationalflagge, weisser Elephant im rothen Felde, und die königliche Flagge, gelber Elephant in blauem Felde, flattern von allen Masten und Stangen. -- In unserer Barkasse lässt man uns nicht bleiben, führt uns durch verschiedene Paläste hindurch, an Ehrenwachen vorbei zu einem riesigen Pavillon, der mit Honoratioren, Prinz Dewang an der Spitze, gefüllt ist. Monstresänften, ganz vergoldet, mit rothen sammtenen Vorhängen, werden vorbeigetragen, darinnen hocken Prinzlein und Weiblein, -- die Soldaten präsentiren, ein schwindsüchtig aussehender schwedischer Officier ruft unverständliche Commandolaute, die Bande spielt eine Art siamesischer Volkshymne, Kanonen donnern, und pfeilschnell fahren die 40 Ruderer des königlichen Bootes den Strom hinauf, alle anderen nach, -- das Gefolge soll über 10.000 Personen betragen. Durch geschicktes Arrangement hat man uns gehindert, König und Königin zu sehen. -- Dewang und Phya Smud überströmen von Entschuldigungen; den Grund hiezu können wir aber nicht errathen. -- Bei der Rückfahrt ins Hôtel finden wir den Fluss aufs Neue und auf ganz andere Art belebt, -- es wird der Markt abgehalten, Tausende von Kähnen sind theils mit Waaren, Fleisch, Gemüsen, Obst, theils mit feilschenden Hausfrauen gefüllt, -- Alles schwimmt, ein grosser Theil der Häuser ist auf Flössen gebaut, die zu beiden Seiten des Menam verankert liegen; die Seitenstrassen bilden Canäle, die sich nach allen Richtungen verzweigen und von unzähligen Brücken überspannt werden. Ueberall wimmelt es von Booten, von Kähnen, von Barkassen, da fast der ganze Verkehr auf dem Wasser stattfindet. In Seelentränkern huschen gelbgekleidete Bonzen herum, ihre tägliche Nahrung zu erbetteln; zu Hunderten sehen wir diese ehrwürdigen Buddhapriester. -- Im Wasser selbst baden und schwimmen Kinder jeder Grösse und jeden Alters und scheinen sich wenig vor den Krokodilen zu fürchten, deren schwarze, gepanzerte Köpfe hie und da emportauchen. -- Dabei blitzen und glitzern die bunten, mit Majolica verzierten Thürme der zahllosen Tempel, und die üppigen Aeste der dunklen Tropenbäume tauchen tief ins Wasser ein. -- Gegen 600.000 Einwohner soll Bangkok enthalten, nach anderen Quellen sogar eine Million, wovon über 100.000 Einwanderer aus dem Reiche der Mitte, deren gelbe, magere, bezopfte Gestalten überall zwischen den kleineren bräunlichen Siamesen mit ihren kurzgeschnittenen schwarzen Kopfhaaren nicht gerade vortheilhaft auftauchen. Kinder beiderlei Geschlechtes tragen bis zum neunten oder zehnten Jahre als einzige Kleidung eine kleine Metallplatte in Form eines Feigenblattes mit seidener Schnur oder Silberkettchen um die Hüften gehängt, -- bei Reicheren sind die Plättchen aus Silber mit eingehämmerten Goldornamenten. -- Strassen sind hier eine Erfindung der neuesten Zeit, da erst der jetzige König solche nach allen Richtungen angelegt und sogar mit Tramways versehen hat, die aber ausschliesslich vom Volke benützt werden. Wenn irgend möglich, ziehen wir den Wasserweg vor, da wir dadurch dem kolossalen Staube (»dirt in the nose« -- wie Phya Smud täglich erklärt) entgehen. -- Chulalonkorn ist für seine Verhältnisse ein sehr aufgeklärter Monarch, wohl der Tüchtigste seiner Landsleute: er hat zuerst von allen siamesischen Königen sein Land verlassen und Singapore, wo er einen bronzenen Elephanten stiftete, sowie Calcutta und Bombay besucht, wo er europäische Civilisation kennen lernte. -- Sein ganzes Land wurde mit Posten versehen, und er zahlt jährlich über 36.000 Tikals darauf, -- die Telegraphenlinien gehen bis Laos, und momentan ist Sir Andrew Clarke, der frühere Gouverneur der Straits Settlements, mit der Tracirung einer Eisenbahn bis Tseng Mai (500 englische Meilen nach Norden) beauftragt, wobei der vom Könige selbst aufgesetzte Vertrag diesem völlig freie Hand bei der Vertheilung der Arbeiten vorbehält. Das flach auf dem Bauche liegen bei dem Erscheinen der Majestät, das bisher de rigueur war, hat Chulalonkorn aufgehoben, und wird diese früher allgemeine Sitte den Chawfas und Phyas gegenüber nach und nach abgeschafft. Es herrscht allgemeine Wehrpflicht, doch in der Form einer Art Miliz, während die stehende Armee ziemlich schwach ist. -- Die Truppen sind nach englischem Muster uniformirt und disciplinirt und werden von europäischen Officieren unter Leitung des Majors Walker vom Bombay-Contingent befehligt. -- In den nächsten Tagen erwartet man die Ankunft von 280 Walers, Pferden aus New-South Wales, welche für die Gardecavallerie bestimmt sind, da die hiesigen stämmigen und sehr flinken Ponies (meist Falben) zwar sehr resistenzfähig, aber allzu klein sind. -- Eine hässliche Sitte ist das Betelkauen, das von allen Siamesen ohne Ausnahme betrieben wird. -- Etwas geriebene Betelnuss, etwas Kalk, noch einige Ingredienzien sauber in ein Blatt der Arecapalme gewickelt, das wird den ganzen Tag in den Mund gesteckt, -- sogar die Königin kaut, und als kürzlich die längere Zeit in Europa gewesene Frau des Gesandten Prinzen Prisdang zurückkehrte, wurde sie förmlich gezwungen, diese siamesische Unsitte wieder aufzunehmen. (Uebrigens wurde auch Seine Hoheit auf sechs Monate in ein feuchtes, ungesundes Gefängniss gesteckt, weil er in Europa zu viel Geld ausgegeben hätte! Jetzt ist der frühere Botschafter Postmeister von Bangkok!) Ekelhaft ist der dunkelbraune Mund jedes Siamesen, aus dessen Winkeln die scheussliche Sauce herabsickert, und überall auf den Strassen erinnern grosse röthliche Patzen und Flecke an diese übrigens auch bei allen Malayen übliche Gewohnheit. Der uns zugetheilte Phya Smud kaut merkwürdigerweise nicht, dafür raucht er von früh bis nachts starke Cigarren und trinkt fortwährend Thee, den ihm sein Leibsclave stets in einer grossen Kanne nachträgt. -- Auch der König hatte beim Empfang einen reinen Mund. -- Nachmittags fahren wir zum Wat-Sakhet, einem der höchsten Tempel Bangkoks; nicht ausgebaut, macht der in der Form eines babylonischen Thurmes geplante Wat, der schon theilweise zerfällt, einen wüsten Eindruck. -- Herrlich ist dafür der Blick auf die Stadt, -- soweit das Auge reicht Häuser und Tempel, theilweise in dunkles Grün verhüllt, überall die in der Sonne blitzenden Canäle, und mitten hindurch, wie eine silberne Schlange, der Menam. -- Rings um den Wat liegen die ausgedehnten Wohnungen der Priester, die in ihren gelben Mänteln recht würdevoll herumhocken. Anstossend ist der Begräbnissplatz, wo nach den verschiedenen Classen unserer Pompe funèbre die Leichen mit mehr oder weniger Luxus verbrannt werden. -- Das Verbrennen eines Grossen kostet viele Tausende von Tikals, die Cremation des letzten zweiten Königs (diese Institution ist seitdem eingegangen) erforderte vor zwei Jahren sechs Monate Vorbereitung und mehrere Millionen Tikals -- ein Prachtbau aus edlen Hölzern, vergoldet und versilbert, mit den schönsten Schnitzereien und Bronzearbeiten wurde in Gegenwart der ganzen Bevölkerung und des Hofes, sowie des zufällig anwesenden Gesandten Grafen Zaluski angezündet. -- Alle Monate schickt der König Holz, um die Armen zu verbrennen; doch reicht das nicht hin, und in einem reservirten Raume sehen wir die Leiche eines Bettlers von Dutzenden riesiger Geier zerreissen, -- einige Bonzen bilden die Wache, und auf allen Bäumen, sowie auf den Mauern sitzen und warten die scheusslichen Vögel auf frische Nahrung, -- der Anblick, wie zwei solcher Bestien ein Knie des armen Teufels auseinanderrissen und heissgierig verschlangen, wird wohl nicht so bald von uns vergessen werden!

Abends Diner um 8 Uhr bei Consul M., -- wir erscheinen »in dress« und finden die Gesellschaft (den Herrn Consulatsgerenten mit seinem Commis, den Apotheker und Frau u. s. w.) in ihren weissen leinenen Jacken! Es war zu komisch! Dann ein Whist bei mörderischer Hitze! --

Montag 7. Jänner.

Posttag, -- wir sitzen und schmieren, dass das Wasser herunterläuft, Berichte ans Wiener Ministerium des Aeussern, Noten an das hiesige auswärtige Amt, Privatbriefe. -- Mein Zimmer ist die Kanzlei, und das in Bombay leider in ungenügender Masse gekaufte blaue Papier geht aus, -- in ganz Bangkok ist kein ähnliches aufzutreiben! Hol's der Teufel! Um 2 Uhr dampft unsere geliebte »Hecuba« nach Süden und auf ihr die Philadelphier Nead und ein rothhaariger amerikanischer Zeitungsscribbler, Frank G. Carpenter. -- Nachmittags Besichtigung des am Menam gelegenen Wat-Tschong, wohl einer der schönsten Tempel Siams; die Höfe, die Thore, die monumentalen Gänge, besonders der in der Mitte befindliche Hauptthurm (Pratschedi), sowie die letzteren umgebenden Dutzende von kleinen Thürmen, Alles ist in den buntesten Farben und Mustern mit glasirten Ziegeln, Majolicatellern und gebrochenen chinesischen Tassen belegt. Das blitzt und glänzt in der Abendsonne wie ein Märchen. -- Auf halber Höhe des Pratschedi bewundern wir die dunkelrothe Sonnenscheibe, die plötzlich, wie immer in den Tropen, verschwindet und die Stadt ohne Zwielicht im Dunkeln lässt. -- Unten, in einem Tempelvorhof, spielen eine Menge junger Buben Ball, aber mit den Füssen! Unglaublich geschickt wird der Ball mit dem nackten Fusse aufgefangen und an den nächsten Spieler weitergeworfen. Siamesische Gigerln von hohem Range gehen nie allein aus, immer folgt ihnen ein Heer von Begleitern, Dienern, Sclaven. -- Heute abends spielt ein junger Secretär Dewangs im »Oriental« Billard, und die Treppen, Hallen und Veranden des Hôtels sind auch von einem Schwarm seiner Leute überfüllt, die an allen Orten liegend oder sitzend ihren Herrn erwarten. -- Der junge Herr ist übrigens ein Flegel, -- beim Empfang bot er mir seine gehorsamsten Dienste an, jetzt grüsst er nicht einmal, warum?!

Ins Hôtel zurückgekehrt, rauche ich gemächlich auf der Veranda eine Cigarre, als mir der Wirth die Mittheilung macht, die »Schwalbe« vom Norddeutschen Lloyd sei angekommen. -- »Freut mich!« -- »Ja, aber ein Oesterreicher ist darauf gewesen!« -- »Freut mich!« -- »Der österreichische Baron kennt Sie aber, er ist jetzt oben bei der Excellenz!« Da weicht mein Phlegma, ich laufe hinauf und finde bei Biegeleben meinen alten Bekannten Baron Richard Poche, den ich zuletzt bei einem Diner bei Hofrath v. Winterstein in Wien vor seiner Weltreise gesprochen! Ein zufälliges Zusammentreffen in Bangkok kommt kaum alle Tage vor! Poche war über Amerika, Yellow Stone, Yosemite u. s. w. nach Japan, dann über Shangai nach Peking und zur grossen Mauer gereist, hatte hierauf von Canton aus die Philippinen, Singapore und einen Theil Javas besucht; nach Singapore wieder zurückgekehrt, war sein Erstaunen gross, im dortigen Singaporeclub meine Visitkarte an der Tafel zu finden, -- und so schnell als möglich folgte er uns in der »Schwalbe« und bedauerte nur lebhaft, den König nicht mehr erreicht zu haben. So haben wir denn einen neuen, wenn auch leider etwas tauben Gefährten. -- Er ist ein seelensguter Kerl und ganz unempfindlich für die grossen Hitzen.

Dienstag 8. Jänner.

Zu seinem grossen Aerger wird Sapieha von mir zum Besuchmachen gepresst; auf der Barkasse suchen wir die fremden Vertreter heim, die ausnahmslos am Flussufer schöne, grosse Compounds, auch Campongs genannt, besitzen. Es sind dies Reservate, die ihnen vom Könige angewiesen sind, da Europäer sonst in der Stadt keine Häuser bauen dürfen. Das bei Weitem beste Bungalow mit grossem Amtsgebäude hat der englische Chargé d'affaires E. B. Gould (der neue Resident Jones ist aus Philippopel noch nicht eingetroffen) und dessen Viceconsul E. H. French. -- Der Franzose Graf Kergaradec, von seinen Forschungsreisen den Mekong hinauf berühmt, ist mit seiner hübschen Frau leider auf Urlaub und wird nur schwach durch die Herren E. Lorgeon, F. Chalant und Charles Hardouin vertreten. -- Auch der amerikanische Generalconsul Jakob J. Child ist verreist, und sein Neffe, C. J. Child, der hier die Advocatie ausübt, leitet das Amt. Dafür ist der Portugiese, Fregattencapitän Frederico Antonio Pereira, ein charmanter Mensch, der uns als einzige Merkwürdigkeit in seinem netten und kühlen Hause -- Glasfenster zeigt! Wohl ein Unicum in Siam! Auch die Deutschen haben noch einen effectiven Repräsentanten, den liebenswürdigen Ministerresidenten Kempermann, nebst dem Referendar Friedrich Flügge und dem Diätär Premierleutnant E. Meissen, einem Bruder meines alten Arztes in Falkenstein a. Taunus. Alle anderen Mächte haben hier nur Honorarconsuln, so Italien, dessen Ministerresident in Shanghai wohnt, den Kaufmann H. Sigg (bei dem ich accreditirt bin), Holland einen Herrn J. C. T. Reelfs, Schweden den Holzhändler Chr. Brockmann, und wir selbst Herrn M.

Nachmittags fährt Phya Smud den Gesandten und mich zum Wat Po, einem weitläufigen, mit vielen Höfen versehenen Tempel gegenüber dem Wat Tschong. Die prächtigen Thürflügel des Hauptgebäudes, aus Ebenholz, mit der ganzen Buddhalegende aus Perlmutter eingelegt, übertreffen an Schönheit der Zeichnung und Präcision der Ausführung alle ähnlichen europäischen Arbeiten; es sind wahre Meisterwerke. -- Auch der berühmte liegende Buddha, der 160 Fuss lang, schwer vergoldet ist und Unsummen gekostet haben soll, hat die riesigen Fusssohlen mit ähnlicher Arbeit verziert, die auch prächtig, wenn auch nicht so vollendet sind wie die Thüren. -- In einem grossen, mit Felsblöcken umgebenen Teiche, mitten im Tempelgarten, ist ein etwa 15 Fuss langes Krokodil -- ein Wächter holt ein Stück Schweinefleisch als Köder und einen festen Strick, und bald hat der Gesandte das Unthier gefangen und zieht mit unserer Hilfe das Biest halb aus dem Wasser, wobei er fast selbst in den weitgeöffneten Rachen fällt. Ein Krokodil an der Angel zu haben ist jedenfalls originell, ebenso die zolllangen rothen Ameisen, die einen combinirten Angriff auf uns ausführen und uns sofort in die schmählichste Flucht jagen. Die Thiere beissen auch wie verrückt. -- Während dieser lieblichen Episode hat Sapieha mit Poche den katholischen Bischof besucht und kehrt jeder um 30 Tikals ärmer zu uns zurück. Besonders Poche kann diese milde Spende nicht verschmerzen!

Abends fährt Biegeleben zu Prinz Dewang, der seine Empfangsstunde von 9-10 Uhr hat (!); wir drei überfallen ein japanisches Theehaus, wo einige nette herzige Musmehs guten Thee serviren und originelle Lieder mit Guitarrebegleitung singen -- leider verstehen wir kein Wort der lebhaft geführten Conversation; die Mädchen sind propre, geschmackvoll gekleidet, lachen über Alles, auch über uns, und halten uns offenbar zum Besten. -- Worin die Frozzelei eigentlich besteht, ist aber für uns unergründlich!

Mittwoch 9. Jänner.