Meine Reise nach Siam 1888-1889. Aufzeichnungen des k. und k. Legationsrathes Dr. J. Camille Samson

Part 4

Chapter 42,764 wordsPublic domain

Wir haben viele Chinesen am Bord, gegen 200, Coolies, die in ihre Heimat zurückkehren und schon eifrig beschäftigt sind, ihr schwer erworbenes Geld im Hazardspiel wieder zu verlieren. Manche kehren bereits in Singapore um. -- Das ganze Vorderdeck wimmelt und duftet von ihnen, auch hat der Commandant, der eine Idiosynkrasie gegen sie hat, die Zugänge zu seiner Cabine mit Brettern einplanken lassen. -- Um Sonnenuntergang werden die Anker gelichtet.

30. December.

Die »Celestials« am Vorderdeck spielen und essen den ganzen Tag; ein landsmännischer Unternehmer theilt fortwährend riesige Mengen Reis aus, welche ein Chinese nach dem anderen in einer hölzernen Schale abholt. Dabei ist die schon gestern etablirte Bank in vollem Gange, silberne Mexicanos, auch grössere Banknoten fliegen umher, -- der Croupier scheint gute Geschäfte zu machen. -- Letzter Tag an Bord des alten Meeresgottes, den wir sehr lieb gewonnen; besonders der alte Mersa ist ein Prachtmensch, wenn er noch so sehr über die »maledetti Cinesi« schimpft. -- Die lange Ruhe ist nun bald vorbei, -- in Singapore, wo wir einige Zeit bleiben sollen, werden Jagen, Segeln, Besuchemachen uns wohl ganz in Anspruch nehmen. -- Wir fahren die Küste des »goldenen Chersonnes« entlang, leider ohne viel davon zu sehen, -- nur die Gebirgsketten und gegen Abend auch schwache Spuren von Sumatra erinnern daran, dass wir in einer schmalen Meerenge sind.

31. December.

Schon um 5 Uhr auf Deck, -- wir steuern durch eine Unzahl kleiner, niedriger Inseln hindurch, mit reichster Vegetation überwachsen, die Aeste der Bäume, die Lianen, fallen fast ins Wasser, -- rechts ist auf einem solchen Eilande ein Bungalow versteckt: ein alter Lloydcapitän hat sich dort zur Ruhe gesetzt, -- links auf einer Anhöhe ein weitläufiges Gebäude mit hoher Flaggenstange, von der die französische Tricolore weht, es ist die Residenz des Messagerieagenten. -- Seegelboote, Frachtdampfer in jeder Grösse und von jeder Nationalität, Sampans mit ihren braunen Ruderern, kommen uns entgegen, rechts erscheinen immer neue Inselchen, links die Wharfs und Quais des neuen Hafens; wir halten vor einem grossartigen »Go-down« der Firma D. Brand & Co., rasselnd fällt der Anker ins Wasser, -- _Singapore_. -- Der Consul und gleichzeitig Lloydagent Brand, der mit seinem Compagnon Robert Engler, einem dicken, fröhlichen jungen Frankfurter sofort an Bord eilt, überbringt mit einem grossen Postpacket recht traurige Nachrichten: Der König von Siam, dem Biegeleben seine Creditive überreichen soll, reist am 4. Januar mit grossem Gefolge nach dem Norden seines Landes und bleibt zwei Monate fort, so dass wir entweder den ganzen Zweck der Mission, zu der ich entsendet, aufgeben oder in Singapore bis zum März warten können! Das ist speciell für mich ein harter Schlag, da der Gesandte bald beschliesst, nach Bangkok um kurzen Aufschub der königlichen Expedition zu telegraphiren, im Verweigerungsfalle aber mit dem »Poseidon« nach Hongkong weiter zu fahren, von dort sofort nach Tokio. -- Ich, der ich nur zur Creditiveüberreichung in Bangkok mitgeschickt bin, wüsste nicht, was in diesem Falle beginnen, doch bitte ich um Mitnahme nach Japan, wenn auch meine Diensteseigenschaft erlischt. -- Hiemit ist Biegeleben ganz einverstanden, und nun heisst es alle Vorkehrungen treffen, denn heute Nachts fahrt ein Dampfer der »Ocean Line« nach Siam, morgen der »Poseidon« nach Hongkong, -- also für beide Eventualitäten muss gesorgt werden. -- Unser ganzes Gepäck wird Harrison überlassen, der dasselbe in die Stadt bringen wird; wir fahren schleunigst die drei Meilen von Tangong Pagar ins Consulat, wo zahlreiche Briefe und Zeitungen, mittelst der englischen Post früher eingelangt, unser harren, darunter ein Cigarretenetui mit Neujahrsgruss von meiner Mutter. Zu Johnston & Co., deren Director, ein junger Engländer Namens Hooper, mir meinen Creditbrief sowohl nach Bangkok an Sigg & Co. als an die Mercantile Bank in Hongkong ausstellt. -- Der Nervus rerum ist sichergestellt. -- Sapieha muss, da in den Ländern Sr. Siamesischen Majestät kein Papiergeld coursirt, sein ganzes Gerstel in Mexicanern mitschleppen, so dass er der silbernen Last fast erliegt. -- Dann zum »Singapore-Club«, einem schönen, grossen, am alten Hafen gelegenen Hause mit hohen kühlen Sälen und Säulengängen. Hier wird ein üppiges Tiffin mit vorzüglichen Banana-Fritters eingenommen, -- dann wieder an die Arbeit, zu John Little am Raffles Square um Cigarren, Conserven, Briefpapier etc. Zurück ins Consulat, wo aus den in einem niedrigen Raume aufgespeicherten Koffern alle Utensilien für »evening dress« ausgepackt werden müssen, denn Brand hat uns zum Essen geladen und wir können in unserer leinenen Montur doch unmöglich erscheinen. -- Da versagt mir fast der Muth: die Hitze ist in dem schwülen »Go-down« so ungeheuer, das Aus- und Einpacken aus den verschiedensten Koffern so entsetzlich heiss, dass Sapieha und ich, in Schweiss schwimmend und ganz übermannt, die Partie aufgeben wollen (der Gesandte war mit Brand und Frau in den botanischen Garten gefahren, er hatte ja einen Kammerdiener, wir leider nicht). -- Da erscheint um 5 Uhr Herr Engler mit einem Telegramm, das ich zitternd aufreisse: »Der König von Siam, Tschulalonkorn, hat seine Abreise aus Bangkok um einen Tag verschoben, wird den Gesandten daher noch empfangen können« -- so depeschirt unser dortiger Consulatsgerent Masius. -- Hurrah, das gibt frische Kräfte, und um 6 Uhr rollen Sapieha und ich in einem geschlossenen Gharry zum Brand'schen Bungalow, dem sogenannten Maharadscha-Bungalow, an der Siranganstrasse hinaus. Das Haus heisst auch »Bidadaré«, Engelhügel; früher, als Brand, der Daniel heisst, noch unvermählt war, die »Löwengrube«. Doch hinausfahren und richtig ankommen ist zweierlei: wir rollen wohl über eine Stunde, es ist ganz finster, der Kutscher versteht nur malayisch und kennt den Weg offenbar nicht -- alle Augenblicke wird angehalten, schliesslich in einem grossen Garten eingekehrt und vor einem schönen am Hügel gelegenen Hause gehalten, kein Mensch zu sehen! Wir treten ein, besichtigen die Zimmer, die alle beleuchtet, aber leer sind. -- Ein chinesischer Boy, der endlich erscheint, spricht kein Wort englisch, -- was thun? Da bemerken wir im Speisesaal sechs Plätze gedeckt (also für uns drei, die Hausleute und Engler), das stimmt; auf einem Kasten ist als Monogramm D. B. gravirt -- das benimmt jeden Zweifel, und sicher am richtigen Orte zu sein, lassen wir vom »Celestial« unsere Reisesäcke in die bereiten Fremdenzimmer tragen; es ist eben eine ganz verfluchte Geschichte, sich absolut gar nicht verständigen zu können -- recht beschämend für unser Menschthum! In den Zimmern befinden sich unter den Divans, deren Decken aufklappen, schmale Treppen, welche in darunter gelegene Badecabinets führen, wo je ein irdener Topf von riesigen Dimensionen, mit Wasser gefüllt, zum Baden einladet. Kaum sind wir im Frack, als Brand's und der Gesandte auftauchen; sie haben sich verspätet, die Herren wechseln rasch Toilette, und um 8 Uhr sitzen wir an einem mit Blumen reizend geschmückten Tische und verzehren ein wahrhaft lucullisches Mahl, -- nur die Temperatur ist trotz ununterbrochener Punkah etwas niederschmetternd. Nach Tisch verlassen wir das gastliche, mit vielem Geschmack eingerichtete Bungalow und fahren in den am anderen Ende der Stadt gelegenen deutschen Club »Teutonia«, wo weit über hundert Reichsdeutsche und Schweizer zur Sylvesterfeier versammelt sind. -- Festtafeln, sehr viel Sect, sehr viele Reden, Biegeleben hält einen famosen Speech (man sieht, dass er Bonner Corpsstudent gewesen), viel Musik und Männergesang: »Deutschland, Deutschland über Alles«, »Aennchen von Tharau« u. s. w. Zum Schlusse epatantes Feuerwerk, von den zu Tausenden um das Clubhaus versammelten Natives mit wahrem Geheul begrüsst. Gegen 1 Uhr Nachts führen uns die freundlichen Brand's zum Hafen und in ein Sampan, und in wenigen Minuten kraxeln wir die Schiffsleiter der »Hecuba« hinauf, eines kleinen, schmalen, ganz mit Cocosnüssen gefüllten Dampfers der »Ocean Line«. -- Der bereits anwesende Musterdiener Harrison empfängt uns mit der frohen Botschaft, die vier Cabinen seien alle von siamesischen Prinzen besetzt, der Capitän sei noch am Land, also keine Abhilfe möglich, -- da ist nichts zu machen als ruhig zuzuwarten, -- ich schreibe noch einige Zeilen nach Wien, welche ein chinesischer Schiffsjunge für einen Dollar Trinkgeld in einen singaporischen Briefkasten zu werfen verspricht, ein schottischer Maschinist versucht, mich zu einem Whisky und Soda zu bewegen, was ich endlich seinem total besoffenen Zustande zu Liebe hinunterwürge, schliesslich hüllen wir, noch immer in »evening dress«, uns in Plaids, strecken uns am Oberdeck auf chinesische Liegesessel und schlummern, bis zum Tode ermattet, um 4 Uhr Früh ein: Das ist mein erstes »Neujahr« in den Tropen! Um 6 Uhr kommt der Commandant, wir lichten Anker und dampfen langsam in den Golf von Siam -- wir schlafen ruhig weiter!

Dienstag 1. Jänner 1889.

Die weiss angestrichene »Hecuba« mit ihrem hellblauen Schornstein (daher die Ocean-Line von Hold & Co. in Liverpool »Blue Funnel Line« genannt wird) ist wohl eines der ungemüthlichsten Fahrzeuge, die je im Meere geschwommen: Cabinen gibt es im Ganzen vier, eine erhält der Gesandte, eine zweite wird Sapieha und mir angewiesen, doch ist sie so schmutzig und ekelhaft und wimmelt dermassen von Ameisen und Schwaben, dass wir sie nur als Repositorium fürs Handgepäck benützen können, -- die dritte hat ein siamesischer Prinz inne, königliche Hoheit Chowfa Krom Khun Narisranuwattiwongsa, der mit einem etwas englisch sprechenden Secretär und zwei anderen Begleitern von einer Tour nach Mandalay, der alten Hauptstadt Burmas, zurückkehrt; er ist ein Bruder des Königs (der deren achtzig haben soll) und schreibt den ganzen Tag an einem Reisebericht. -- Die vierte Cabine bewohnt ein amerikanisches Ehepaar, Mr. und Mrs. Nead aus Philadelphia, die wahren »Globetrotters«, die in drei Jahren bereits zweimal um die Erde gefahren, von Siam noch nach Indien, nach Korea und Australien wollen; dabei sind die guten Leute schon an die Sechzig! Die Badehütte lässt an Einfachheit und Unreinlichkeit nichts zu wünschen übrig; am Oberdeck, wo wir uns alle in leidlich guten Liegesesseln niedergelassen, haben eine Menge scheusslicher kleiner Köter, Eigenthum des sonst gutmüthigen Capitäns, ihren Wohnort aufgeschlagen und zeichnen sich durch einen merkwürdigen Grad von Zudringlichkeit und dadurch aus, dass sie rings um uns kleine Tümpel und Häufchen zurücklassen, die die chinesischen Boys höchst selten wegzukehren belieben. -- Die Kost ist elend, das Getränk noch mehr so, unsere Koffer sind unter einer vollen Schiffsladung von Cocosnüssen ganz unnahbar, dabei schaukelt und stampft das liebe Schiff wie besessen. -- »Was ist uns Hecuba?« frage ich den traurig und blass hingestreckten Chef. »Ein Greuel!« wird prompt geantwortet.

Mittwoch 2. Jänner.

Die _chinesische Südsee_, auf der wir uns seit gestern befinden, ist nichts weniger als angenehm, -- kurze Wellen von Nordost heben und senken die verflixte »Hecuba« ununterbrochen, die Passagiere schimpfen und fluchen, und die Cocosnüsse rollen überall umher. Durch energisches Auftreten wurde veranlasst, dass ein Theil der Ladung gehoben und unsere Koffer auf Deck gebracht wurden: so können wir uns wenigstens umziehen. -- An der Küste der Halbinsel haben wir eine Reihe romantisch aussehender Inselchen passirt, -- noch vor Kurzem von Piraten bewohnt, die erst durch die Engländer gänzlich vertrieben wurden. Jetzt dürften wir vor der Menam-Mündung wohl kein Land mehr erblicken. Die Hitze ist wie immer horrend!

Donnerstag 3. Jänner.

Auf dem Vorderdeck lagert eine Schar siamesischer Bonzen, hagere, knochige Kerle, das Kopfhaar vollständig rasirt, in safrangelben Mänteln drapirt, ganz togaartig, -- sie kommen auch aus Mandalay, wo ihnen das Reisegeld ausgegangen war, und wo ihnen Prinz Naris unter die Arme greifen musste. -- Mit letzterem und seiner Suite suche ich nähere Bekanntschaft anzuknüpfen; leider happert es sehr mit der Sprache, da ihr Englisch recht mangelhaft ausfällt. Doch lerne ich, dass der König alle Winter eine grössere Reise macht, immer mit kolossalem Gefolge, dass er dadurch sein ganzes Reich nach und nach genau kennen lernt, mit den Provinzialbehörden in Fühlung kommt, überall Fahrstrassen baut etc. -- Diesmal geht seine Tour nach Chayok, einem District im Nordwesten Siams, an der burmanischen Grenze, und dürfte er nicht vor 6-7 Wochen in seiner Hauptstadt wieder eintreffen. -- Prinz Naris scheint Höllenangst vor seinem erlauchten Bruder zu haben, schmiert fort an seinem Berichte und ist in grosser Aufregung, noch rechtzeitig anzukommen. Er und seine Leute sind klein, gut genährt, von hellgelber Hautfarbe, geschlitzten Augen, entschieden mongolischem Typus; sie tragen die neue Hoftracht: weisser leinener Waffenrock mit goldenen Knöpfen und ebensolchen Achselschnüren; anstatt der Hosen ein weites buntes Tuch (Sarong), welches um und zwischen die Beine geschlungen bis zu den Knien reicht und an der Seite eingeschlagen wird; dazu weisse Strümpfe und schwarze Schnallenschuhe und ein weisser, mit Goldspitze verzierter indischer Sonnenhelm. -- Bei Tisch servire ich californische Pfirsiche, die in Singapore von mir eingekauft sind, und lache über ihre erstaunten Gesichter; so was haben sie nie gegessen!

Heute fahren wir im Golf von Siam, das chinesische Meer ist hinter uns und die »Hecuba« geberdet sich etwas weniger lebhaft. -- Wunderbar schön sind hier die Nächte, -- wir liegen in unseren Stühlen in den kühlen Pujahmas (Nachtanzüge aus dünner Baumwolle oder chinesischer Rohseide) und bewundern den glorreichen tropischen Sternenhimmel, der viel heller und deutlicher leuchtet als im alten Europa -- dabei ist das Thermometer auf 26° C. gesunken.

(Siam hat sechs Millionen Einwohner, theils Siamesen, theils Laoten, theils Chinesen, zwischen 4. und 21. Grad nördl. Breite und 96-106 Grad östl. von Greenwich. -- Silberwährung: 1 Tikal = 2 shill. 6 pence, 5 Tikals = 3 Mexic.)

Freitag 4. Jänner.

Heute geht unsere Reise zu Ende nach 44tägiger Fahrt seit Triest! Die »Hecuba« dampft schon Montag Abends wieder nach Singapore und berührt unterwegs Bang-tah-phan an der Westküste; auch wollen die Neads mit ihr fahren, um die dortigen Goldminen anzusehen. -- Das Wasser wird bereits trübe; grosse Strecken sind mit Seetang bedeckt, die Maschine arbeitet mit halber Kraft, -- östlich zeigen sich einige ganz kleine Felseninseln, von denen der König eine zum Sommeraufenthalte ausgewählt; bald sollen die Arbeiten zur Errichtung eines Palais dort beginnen. -- Im Norden erscheint schon ganz deutlich die flache Küste von Siam. Der Capitän ist in grosser Aufregung: Wird die »Hecuba«, die 14 Fuss Wasser zieht, im Stande sein, über die Barre zu gleiten? Um 11 Uhr ist hier heute Hochwasser, und es ist bereits Mittag: ängstlich schauen wir alle mit Fernrohren und Feldstechern auf eine hölzerne Hütte, welche auf einem winzigen Eilande als Leuchtthurm dient, -- dort wohnt seit vielen Jahren ein Deutscher, der durch Flaggensignale die anlaufenden Schiffe von der Passirbarkeit der Barre in Kenntniss setzt, die hier höchst merkwürdigen, täglich sprungweise sich ändernden Ebbe- und Fluthverhältnisse studirt hat und ziemlich genaue Tabellen über dieselben alle Monate verkauft, und zwar um den Spottpreis von 1 Dollar. Da flattert von der Hütte eine Fahne mit einer grossen 15 -- Hurrah! ruft der Capitän, Hurrah! rufen alle Passagiere: Volldampf voraus, -- die »Hecuba« schraubt sich ordentlich durch die Wellen; einen Augenblick knarrt es unter uns, die 15 Fuss müssen nicht ganz richtig sein, noch eine Anstrengung, und wir sind drüben! Immer näher rückt das Festland; wir bewundern die dichten Wälder, die fast bis ans Meer herabreichen, um 3 Uhr fahren wir in die Mündung des _Menam_, des »grossen Flusses«, ein und halten bald vor _Pak-nam_, -- rechts eine Menge Hütten und einige veraltete Befestigungen, links eine reizende Pagode oder Wat, wie die Buddhistentempel heissen, ein schlanker, immer spitzer auslaufender Thurm, blendend weiss -- der obere Theil feurig roth, -- dazu der dunkelgrüne Hintergrund der Palmenwaldungen, -- es ist herrlich. Um uns schiessen zahlreiche Boote umher, Sampans jeglicher Form mit halbnackten gelben Ruderern bemannt. In Pak-nam wurde früher der Zoll erhoben; jetzt genügt eine kurze Visitation der Schiffspapiere, und wir dampfen wieder weiter stromaufwärts. -- Eine weisse Dampfbarkasse mit der königlichen Flagge, blau mit einem gelben Elephanten, kommt uns entgegen, und wir glauben zuerst, es ist zum Empfang der Gesandtschaft. -- Doch nein, die Barkasse hat zwar gewendet, holt uns aber nicht ein. -- Der Menam wird immer enger, -- etwa wie die Donau bei Budapest, -- es wird dunkel; der dichte Jungle der Ufer wird unsichtbar; da tauchen zu beiden Seiten Tausende und aber Tausende von Lichtern auf, -- Lärmen, Schreien, Gongs, Singen, Trommeln erfüllen die Luft, -- die Kette fällt in den Fluss, wir sind in _Bangkok_, dem Venedig Ostasiens -- 8 Uhr Abends. Unser Consulatsgerent Herr M., ein Compagnon des leider in Europa abwesenden tüchtigen Honorarconsuls Kurtzhalss, und ein riesig dicker Siamese, der »Introducteur des Ambassadeurs«, kommen an Bord und führen uns in einer Dampfbarkasse ins Oriental-Hôtel, einem erst kürzlich errichteten grossen Gasthof, wo im ersten Stock ein Louis XV.-Salon nebst Schlafzimmer für den Gesandten und zwei Zimmer für uns dii minorum gentium hergerichtet sind. -- Die »Ambassadors Hall«, wo alle fremden Gesandten wohnen, auch Baron Schäffer, Herr v. Hofer und Graf Zaluski, soll wegen weisser Ameisen, Termiten, jetzt unbewohnbar sein, -- wir müssen daher, natürlich auf Kosten des Königs, im Hôtel absteigen, wo mehrere dienstbare Chinesen, die erwähnte Dampfbarkasse und einige Wagen mit rothlivrirten Kutschern zu unserer Verfügung stehen. -- Der Gesandte fährt noch zum Minister des Aeussern, dem Prinzen (Krom Luang) Devawongse, Varoprakar, einem Bruder des Königs, um die morgige Ceremonie zu besprechen, -- ich bewundere die ungezählten Bewohner meines Zimmers, Mosquitos gross wie Elephanten schwirren in der Luft, -- am Boden huschen mehrere herzige Mäuse und eine Monstreratte herum, -- im Bette ruhen ein halbes Dutzend Riesenschwaben, -- an den Wänden laufen fusslange grüne Eidechsen und pfeifen sanft, -- sie heissen Tokh-Keh und fressen die Mosquitos. Letztere bringen sogar den phlegmatischen Harrison aus seiner Ruhe, -- er klopft leise an meine Thüre und frägt: »Beg pardon, Sir, are those fourfooted animals with a long tail hanging on the walls dangerous, Sir?« -- »No«, -- brülle ich zurück, »they are peculiar to, and the pride of this lovely country!« Mitternacht -- 33° Celsius!!

Samstag 5. Jänner.